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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Eine Liebe im Internet, Joachim Hausen
Joachim Hausen

Eine Liebe im Internet



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Sonntag, 3. März 2019.


Wie täglich saß ich, der 64-jährige Manuel Hasler, ab 9:45 Uhr am runden Esstisch vor meinem Laptop. Ich überarbeitete das Manuskript meines neuesten Thrillers.


Meine gegenübersitzende 61-jährige Ehefrau frühstückte. Ich schielte zur Zeitanzeige am Display: 11:55 Uhr. Nie stand Heike vor 11:30 Uhr auf, es sei denn, sie musste Arzttermine wahrnehmen. Nie lag sie vor ein, zwei Uhr im Bett – ich meistens um 23 Uhr.


Wann pflegte das Ehepaar Hasler seine Liebe? Verrate ich nicht.


Kinder hatten wir keine. Leider konnte Heike keine bekommen. Sehr traurig.


Sie trank einen Schluck Kaffee, wie immer pechschwarz und ohne Zucker. Sie schaute mich mit ihren grünbraunen Augen an. Das glatte dunkelbraune Haar trug sie als Bobfrisur. Die grauen Strähnen färbte sie regelmäßig. Sie lächelte. »Seit sechs Tagen habe ich einen neuen Facebook-Freund, einen sehr netten Mann. Er ist ein Jahr älter als ich.« Sie tippte auf ihrem Smartphone herum, mein Geschenk für sie zum 35. Hochzeitstag.


»Aha«, kommentierte ich. »Wohnt er im Saarland?«


»Nein, in Toulouse.«


»Aha, also ein Franzose, schreibst du ...?«


»Nein, ein Deutscher aus Hamburg. Er ist Diplom-Ingenieur und arbeitet seit 28 Jahren bei Airbus.«


»Aha. Ist er verheiratet?«


»Nicht mehr. Seine Frau, eine Französin, starb vor drei Jahren an Brustkrebs.«


»Die arme Frau, der arme Mann. Hat er Kinder?«


»Nein.«


»Sucht er eine neue Frau?«


Sie prustete. »Weiß ich doch nicht.«


»Sieht er gut aus?«


»Er ist schlank mit athletischer Figur. Bauch hat er keinen. Seine Kopfform ähnelt deiner. Er hat dichtes graues Haar wie du. Er trägt eine grüne Hornbrille. Er ist sieben Zentimeter kleiner als du.«


Ich trug eine rote Hornbrille. Ich messe 1,83 Meter, Heike 22 Zentimeter weniger.


»Schreibt der Kerl nur auf Deutsch?«, wollte ich wissen.


»Gestern bat ich ihn, kürzere Texte auf Französisch zu schreiben. Ich lasse sie von einem Translater übersetzen. Will mein Französisch aufbessern.«


»Sehr löblich.«


Sie lächelte. »Komm mal her. Ich zeige dir ein paar Fotos von ihm und seinem Haus. Es steht im Westen der Stadt, etwa 12 Kilometer vom Airbuswerk entfernt.«


Ich trat neben sie. Ich musterte die Fotos. »Der Kerl sieht nicht übel aus. Tolles Haus auf einem großen Grundstück mit gepflegtem Garten. Der Kerl muss ja mächtig Kohle haben.«


Meine Frau schnaufte. »Sag doch nicht ständig Kerl, er heißt Hendrik Jansen.«


Ich winkte ab und setzte mich wieder an den Laptop. Ich sah sie an. »Hast du mit ... Hendrik schon per Video gesprochen?«


»Nein. Noch nicht. Er will heute um 15 Uhr über die Videofunktion im Messenger anrufen. Dann kannst du ihn ja auch sehen und hören.«


Ich brummte und arbeitete weiter am Manuskript.


 


Kurz vor drei saß Heike mit ihrem Tablet, ein Geschenk von mir zu Weihnachten vor fünf Jahren, auf dem Sofa. Sie trug eine beige Jogginghose und ihre schönste Bluse. Top geschminkt. Sie war schlank, sehr schlank. Gestern wog sie 54 Kilo, wie sie mir stolz gesagt hatte. Dünne Arme. Busen passte locker in Körbchengröße B. Schmale Hüften. Flacher Hintern.


Ich sagte: »Bin mal gespannt, ob er sich im Video zeigt.«


Sie sah mich an, als sei ich ein Alien aus dem Orionnebel. »Warum sollte er es nicht tun?«


Ich schnaufte. »Wenn er ein sogenannter Love Scammer ist, wird er sich nicht zeigen.«


Sie runzelte die Stirn. »Nie davon gehört. Was sind das für Männer?«


»Ich las vor drei Wochen ein eBook mit der Geschichte einer 70-Jährigen, die auf einen dieser Kerle hereinfiel. Sie geben sich älteren Frauen unter anderem als alleinstehende Offiziere, Ärzte, Architekten oder Ingenieure aus, schreiben rührende Geschichten über betrügerische oder verstorbene Ehefrauen, gaukeln Wohlstand und unsterbliche Liebe vor. Nach drei, vier Wochen geraten sie angeblich in unverschuldete finanzielle Not und bitten die Frauen um Geld, aber ohne eine Summe zu nennen. Zahlt eine der Verliebten, verlangen sie immer wieder Geld, bis die Betroffene nicht mehr zahlen will oder kann. Es gibt Frauen, die sogar einen Kredit aufgenommen haben. In Facebook schrieb eine Frau, dass ihre Oma einem derartigen Betrüger 30.000 Euro zahlte. Die Fälle sind häufiger, als man annimmt. Diese Scheißkerle gehören teilweise Banden aus Ghana und Nigeria an. Eine im letzten Jahr verhaftete Gruppe in Deutschland erzielte mit falschen Profilen auf Facebook eine Beute von über einer Million Euro. Die Polizei geht aber von einer vergleichsweisen hohen Dunkelziffer aus, da viele Opfer den Betrug aus Scham nicht anzeigen.«


Heike prustete. »Unglaublich! Entsetzlich! Ich ...«


Das iPad bimmelte. Ich setzte mich neben sie. Sie schien aufgeregt. Sie drückte auf Annehmen. Der Kopf des Kerls erschien. Er strahlte. Tadellose Zähne. »Guten Tag, Heike, wie geht es dir?« Angenehme Stimme. »Du siehst toll aus, besser als auf den Fotos auf deiner FB-Seite und denen, die du mir geschickt hast.«


Ich verdrehte die Augen.


Jetzt strahlte sie. »Danke für die Komplimente. Ich gebe sie gerne zurück.« Sie deutete auf mich. »Das ist mein Mann Manuel. Du hast ihn ja schon auf Fotos gesehen.«


Ich winkte. »Guten Tag, Hendrik. Darf ich dich mit Vornamen anreden?«


»Klar, Manuel, was macht die Schreiberei? Heike hat vorgestern mächtig Werbung für deine beiden Bücher gemacht. Heute Morgen habe ich mir den Thriller als eBook gekauft. Werde am Abend mit dem Lesen anfangen, bin echt gespannt.«


»Vielen Dank. Bisher wurde er erst 18-mal verkauft. Mein erstes Buch, ein Science-Fiction-Roman, fand bis gestern 47 Käufer. Noch bin ich ein unbekannter und erfolgloser Autor.«


»Seit wann schreibst du?«


»Ich begann vor drei Jahren. Ich bin seit Juli letzten Jahres in Rente, nach genau 45 Arbeitsjahren. Die Schreiberei füllt mich aus, macht mich zufrieden und glücklich.«


»Das freut mich für dich. Ich werde ab Februar nächsten Jahres meinen Ruhestand genießen. Ich freue mich riesig darauf.« Er lächelte. »Ich weiß von Heike, dass du am 25. Januar Geburtstag hast. Ich habe am 28. Geburtstag. Wir sind also Wassermänner.«


»Genau, das beste Sternzeichen.«


Er lachte. »Finde ich auch. Heike ist da anderer Meinung.«


»Ich weiß. Sie ist Skorpion, das schlimmste Sternzeichen – meiner Meinung nach.«


»Kann ich nicht beurteilen. So schlimm kann es aber nicht sein, schließlich seid ihr 38 Jahre verheiratet, eine Seltenheit heutzutage.«


Ich nickte. »Sehe ich ebenso.« Ich sah auf die Armbanduhr. »Verabschiede mich jetzt, Hendrik. Muss etwas essen und anschließend werde ich eine halbe Stunde durchs Wohnviertel latschen, mach ich dreimal täglich.«


»Sehr löblich. Guten Appetit und später viel Spaß beim Marschieren.«


»Danke, wünsche dir noch einen schönen Sonntag.«


»Danke, wünsche ich dir auch.«


In der Küche brühte ich mir grünen Bio-Tee. Ich aß eine Scheibe Ur-Brot mit Butter und Bio-Honig.


Ich räumte das Geschirr in die Spülmaschine. In der Diele steckte ich ein Taschenbuch des Thrillers in eine grüne Stofftasche. Aus dem Wohnzimmer drang Lachen. Ich zog die mittelbraune Lederjacke an. Im Gäste-WC sprühte ich den Herrenduft Invictus von Paco Rabanne – das Geburtstagsgeschenk der Ehefrau – auf die Halsseiten. Ich verließ das Haus. Heiter bis wolkig. Kühl.


 



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