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Eifelmord


von Peter Splitt

krimi_thriller
ISBN13-Nummer:
9783943758283
Ausstattung:
Taschenbuch
Preis:
12.00 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Kontakt zum Autor oder Verlag:
petersplitt@yahoo.de
Leseprobe


Der Mann hasste es, wenn es regnete. Wenn die Tropfen wie ein böser Drache gegen das Fenster zischten. Und er hasste es besonders, wenn der Wind scharf und eisig über den Sportplatz hinter dem weitläufigen Steingebäude pfiff, dort wo er jahrelang Volleyball gespielt hatte. Der Anstaltsbus hielt auf dem Hof, damit die Insassen ein- oder aussteigen konnten. Das war reine Routine, nichts Besonderes, und geschah wenigstens zweimal täglich. Ungeschickt kamen die Neuen aus der Seitentür geklettert, während der Wind mit eisigem Atem ihre dünnen Uniformen umschloss. Er stand am Fenster und konnte sehen, wie sie froren, die Freigänger. Seit der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg die unbefristete Verlängerung der Sicherungsverwahrung für rechtswidrig erklärt hatte, waren sie nach und nach entlassen worden. Jene Häftlinge, die man vor 1998 verurteilt hatte. Nicht die ganz schlimmen Fälle, aber doch zumindest einige Kaliber, die man lieber bis zur Ewigkeit hinter Anstaltsmauern gesehen hätte.  Aber das letzte Wort hatten natürlich die Psychologen. Nun hoffte er, dass das Gerücht stimmte, welches seit einigen Tagen auf seiner Station die Runde machte: Er solle ebenfalls entlassen werden. Es sei denn, bei ihm läge eine schwere psychische Störung vor, was nach Meinung der Gutachter aber nicht der Fall war. Seine Gefährlichkeit sei reduziert worden,  bestätigte ihm ein psychiatrisches Gutachten. Sein Aggressionspotenzial habe sich im Laufe der Jahre abgeschliffen, stand es schwarz auf weiß im Bericht der Psychologen geschrieben. Na, die mussten es ja wissen. Ungeduldig rutschte er auf einem Stuhl im Vorzimmer des Direktors hin und her, während er auf seinen Betreuer wartete. Becker war seinem Ruf, das bestmögliche für seine Schützlinge herauszuholen, gerecht geworden. Er war jeden Cent wert gewesen, den er in ihn investiert hatte. Dafür war seine Eigentumswohnung drauf-gegangen, aber scheiß-egal. Wozu brauchte er noch eine Wohnung in der Eifel? Dorthin würden ihn keine zehn Pferde mehr bekommen.

„Ich bin gleich bei Ihnen!“ Direktor Heidtmann steckte seinen Kopf zur Tür hinein. Am liebsten hätte er als Gruß lediglich seine Augen bewegt. Das hatte er mal in einem Film gesehen und als besonders cool empfunden, merkte jedoch sehr schnell, dass es hier nicht angebracht war und setzte stattdessen ein freundliches Lächeln auf, als er den Direktor begrüßte. „Guten Tag, Herr Direktor.“

„Sie wissen, warum Sie hier sind?“ Heidtmann wollte gerade mit seiner feierlichen Ansprache beginnen, drehte aber plötzlich den Kopf, weil jemand hinter ihm etwas zu ihm sagte. Dann war er auch schon wieder an der Tür. „Einen Moment bitte, ich bin gleich wieder da…“ Die Tür fiel mit einem harten Klicken ins Schloss. Der Mann lehnte sich auf dem harten Stuhl zurück, lächelte und fragte sich, was da draußen wohl los war. Schreie. Schnelle Schritte, die auf dem gefliesten Boden hallten. Weitere Schreie. Dann herrschte Stille. Er lächelte noch immer. Anscheinend hatte gerade jemand einen Ausbruchsversuch unternommen. Manchmal hatte er auch daran gedacht, sich aber letztendlich  doch seinem Schicksal gefügt. Und nun sollte wirklich alles vorbei sein? Nach all den langen Jahren hinter diesen Mauern sollte er wirklich entlassen werden? Er konnte es noch gar nicht glauben. Gerade ging ihm durch den Kopf, was er mit seiner Freiheit anfangen würde, als die Tür aufging und ein junger Mann von einem Herrn in weißem Kittel ins Zimmer gestoßen wurde.

„Ich bring` dir ein wenig Gesellschaft“, verkündete der Pfleger und wies auf einen Stuhl an der Wand, wo der andere wortlos Platz nahm. Es wurde kein Wort gesprochen, bis der Neuankömmling nach einer Weile fragte: „Waren Sie schon mal hier?“

Er gab zu, schon einige Male im Büro des Direktors gewesen zu sein. Meistens war es dabei um eine Zimmerverlegung gegangen, oder, wie in den letzten Monaten, um seine vorzeitige Entlassung. Bisher waren seine Anträge allerdings immer abgelehnt worden.

„Und, weswegen bist du hier?“, fragte er den Neuankömmling.

„Ich habe meine Eltern umgebracht“, sagte der fast teilnahmslos.

„Ich musste es tun, verstehen Sie?“

„Aber sicher verstand er. Wieder so ein armer Spinner, den sie sich hier zurechtbiegen würden.

„Und Sie?“, fragte der andere nach einer kleinen Pause.

„Ich bin hier, weil ich jetzt endlich entlassen werden soll.“

Der andere überlegte kurz und meinte dann: „Weswegen hat man Sie denn hier reingesteckt?“

„Beziehungsprobleme.“

Der Neue verstand nicht gleich.

„Na ja, sie behaupten, ich hätte ein Mädel misshandelt und getötet. Die Anklage lautete auf Sexualmord. Aber das war überhaupt nicht so. Sie war mein Mädel, verstehst du? Und zuerst hat sie freiwillig mitgemacht…“

Er sah sie in Gedanken vor sich, wie sie nackt vor ihm gestanden und sich geschmeichelt gefühlt hatte, weil er Komplimente über ihren Körper machte. Doch dann hatte er ganz langsam ein Nylonseil hervor-gezogen, es blitzschnell um ihre Handgelenke geschlungen und sie am Kopfende des Bettes festgebunden. Ihr Blick hatte ihn irritiert. Er wollte ihr etwas Schönes zeigen, hatte geheimnisvoll getan und sich gleichzeitig auf ihre Füße konzentriert. Die hatte er dann ebenfalls festgebunden. Das mochte sie weniger. Und schon gar nicht, als er vom Bett herunterkletterte, -lüstern auf sie hinab starrte und im Zimmer auf und ab lief, um sie aus verschiedenen Positionen zu betrachten. „Perfekt“, hatte er freudig erregt gerufen und dabei seine Finger auf ihre Genitalien gelegt. Sie hatte versucht, zurückzuweichen, doch es war ihr nicht gelungen.

„Mach’ mich sofort los, du Schwein“, hatte sie gewinselt, und da hatte er auf sie eingeschlagen. Sie hatte geschrien: „Ich will das hier nicht mehr machen“, und er hatte die Angst in ihren Augen gesehen. Furchtbare Angst. Da überkam es ihn und er wollte sie ein zweites Mal schlagen, doch sie hatte den Schlag kommen sehen und ihren Kopf rechtzeitig auf die andere Seite gedreht. Mit voller Wucht hatte er den Holzrahmen getroffen. Wie das schmerzte! Er war wütend geworden. Sehr wütend sogar. Sie hatte alles vermasselt. Einfach so, ohne richtig darüber nachzudenken, hatte er ihr einen simplen Schlag in den Nacken versetzt. Sie sagte kein Wort mehr, sondern wimmerte nur noch vor sich hin. Da bemerkte er plötzlich, wie eine andere Stimme aus ihm sprach und ihn aufforderte weiterzumachen. Wie in Trance schlug er sie erneut, und zu dem Gefühl von uneingeschränkter Macht gesellte sich eine bisher nie gekannte Erregung. Sie weinte, aber das machte ihn noch zusätzlich an. Also griff er zu dem Messer, mit dem er ihr eigentlich nur hatte drohen wollen, und schnitt ihr die Kehle durch. Leider war es viel zu schnell vorbei. Überall Blut. Der Geruch machte ihn fast wahnsinnig. Danach, als es vorbei war, blieb er eine Zeitlang neben ihr liegen und dachte, wie hübsch sie doch aussah, wenn sie schwieg. Später hatte er sich die Hände gewaschen, die Leiche in eine Decke gewickelt, und sie in den Wald gefahren.

Ja, so war es gewesen, damals und genauso hatte er es immer wieder den Psychologen erzählt, die ihn betreuten und ihm nun bescheinigten, dass eine Wiederholungstat ausgeschlossen sei. Und jetzt würde er entlassen werden. Eine Idee, was er mit seiner wieder gewonnenen Freiheit anfangen würde, hatte er bereits.

Am Nachmittag des 05. April 2010 saß Kommissar Laubach in seinem Büro und schnitt sich die Fingernägel. Es war ein gewöhnliches Büro, so wie es sie tausendfach gab. Die Uhr über der Eingangstür stand auf kurz vor halb drei. Er hatte gerade einen Aktenordner zugeklappt, in dem Material über drei ungeklärte Mordfälle abgeheftet war. „Alpträume seiner schlaflosen Nächte“, nannte er das Material, das er genauso wie seine Sekretärin, von seinem Vorgänger übernommen hatte. Mindestens einmal im Jahr sah er sich die Fälle durch, oder wenn neue Informationen aufgetaucht waren, was nur selten genug vorkam.  Es war kurz vor drei, als seine Sekretärin an die Tür klopfte und eintrat. Wie immer trug sie eines ihrer blassen Kostüme und dazu flache Gesundheitsschuhe, deren Farbe bestens zu ihrer Hornbrille passte. Er runzelte die Stirn. „Hatten wir eine Verabredung?“, fragte er. „Kann mich gar nicht daran erinnern.“ „Nein, ich wollte nur etwas berichten.“ Ihre Stimme war fast ein Piepsen. Laubach legte die Nagelschere zwischen seine Kugelschreiber und setzte sich hinter den Schreibtisch.  „Wenn es länger als fünf Minuten dauert, können sie sich setzen.“ Er hatte mal wieder einen seiner launischen Tage. Seine Sekretärin, blieb stehen. Dann schilderte sie, was passiert war. Zwei Jungen aus dem Dorf Kelberg hatten im Wald eine Leiche gefunden.   Zwei Tage zuvor kam Roger Peters in der Eifel an. Es war schon nach Mittag, als er am Bahnhof Lissendorf ausstieg und sich mitten im nirgendwo, auf einem schmalen Bahnsteig wiederfand. Um ihn herum blühte die Vegetation in einer üppigen Landschaft, die ansonsten menschenleer zu sein schien. So stand er da, mit seiner Reisetasche, betrachtete die Umgebung und nahm die Sonne kaum wahr, die ihm auf den Rücken schien. Trotzdem war es noch relativ kühl. Die Frühlingswärme ließ noch auf sich warten. Saftige Wiesen und dichte Wälder breiteten sich um ihn herum aus, eine grüne Ebene, die bis zum Horizont nur durch ein paar kahle Stellen durchbrochen wurde. Er war zum ersten Mal in der Eifel, zum ersten Mal in Lissendorf. Die Gegend kam ihm unverbraucht, fast schon melancholisch vor. Er betrachtete die kräftigen Farben der Natur, atmete die saubere Luft ein und spürte, wie er sich entspannte. Niemand holte ihn ab. Es sollte eine Überraschung für Edith werden. Daher hatte er sich gar nicht erst um eine Transportmöglichkeit von Lissendorf nach Kelberg, seinem eigentlichen Ziel, gekümmert. Ist doch logisch: An Bahnhöfen findet man immer ein Taxi oder wenigstens ein Telefon. Die typische Arroganz eines Städters. Doch am Lissendorfer Bahnhof gab es keinen Taxistand, nicht einmal eine Telefonzelle, die er gut gebrauchen könnte, da er sich hier in einem Funkloch befand. In einiger Entfernung stand eine kleine Hütte aus Holz. Die Bushaltestelle. „Na, wenigstens etwas“, dachte Roger Peters. Es fuhren abernur zwei Busse am Tag. Frühmorgens und am späten Nachmittag. Mittags gab es keine Fahrt nach Kelberg. Also nahm er seine Reisetasche und ging zur Bundesstraße 421. Hier gab es nur zwei Möglichkeiten: rechts oder links. Intuitiv ging er nach rechts, ohne einen plausiblen Grund dafür zu haben. Und er lag richtig: Nach ein paar Minuten kam er an eine Kreuzung mit einem ausgeblichenen Wegweiser aus Holz. Mainz 05, die Macht am Rhein, hatte jemand mit Farbe darauf gepinselt. Er musste grinsen, aber immerhin sagte ihm das Schild, dass er in die richtige Richtung ging. Ein oder zwei Autos waren bisher an ihm vorbeigefahren, doch keines hatte angehalten. Andere Anzeichen von Zivilisation waren ein paar verstreute Bauernhöfe, die ein gutes Stück von der Straße entfernt lagen. Etwas tuckerte hinter ihm her. Das Geräusch kam immer näher. Plötzlich befand sich ein roter Traktor auf seiner Höhe. Ein älterer Bauer winkte mit seiner grünen Kappe und rief: „Hey, willse mitfahn?“ Besser schlecht gefahren, als gut gelaufen, dachte Roger Peters und schwang sich auf die Radabdeckung des Traktors. Dankend nickte er dem Bauern zu, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung hatte, dass ihm ab sofort für eine ganze Stunde der frische Wind ins Gesicht blasen würde. Die B421 schlängelte sich durch Hillesheim und Walsdorf, ehe sie bei Oberehe-Stroheich in die B410 mündete. Was folgte, waren weitere qualvolle fünfzehn Kilometer auf dem Radkasten des Treckers, bis endlich der Turm der Katholischen Pfarrkirche von Kelberg in seinem Blickfeld erschien. Auf einmal gab es Gehsteige, die allemal besser waren als der Straßenrand, dem er vom Bahnhof aus gefolgt war. Nach einer langen Rechtskurve entdeckte er das eigentliche Dorf, das so versteckt lag, dass man fast hinein stolperte. Und so richtig malerisch war es auch nicht. Es gab eine Reihe historischer Gebäude, hier und da mit Fachwerk versehen, die umso älter wurden, je näher sie dem Dorfkern kamen. Roger Peters sah eine Bäckerei, einen Friseur, einen Schlecker-Markt, einen Schnellimbiss, eine Dorfkneipe, eben alles, was man zum Leben benötigte. Trotzdem kam es ihm so vor, als würde er in der Geschichte einen gewaltigen Schritt zurück gehen. Hinter dunklen Fenstern spiegelten sich Vorurteile und blankes Misstrauen. Kurz darauf wurde die Straße breiter, die Läden geräumiger, die Wohnhäuser größer und moderner. Sie passierten eine Schule und den Dorfplatz, über dem sich eine riesige, alte Kastanie wölbte. Sie mochte gut und gerne schon lange Zeit vor dem Dorf hier gestanden haben. Dahinter ging es zum Friedhof. Roger Peters konnte die schiefen und moosbedeckten Grabsteine erkennen und dann sah er den Kirchturm wieder, der ihm bereits früher aufgefallen war. Wie die älteren Wohnhäuser, waren auch die Mauern der Kirche aus Basaltgestein gefertigt, der jahrhundertelang der Witterung trotzte. Der Bauer deutete nach links. Dort wurde gerade an einem Einkaufszentrum gebaut. Lidl und Aldi waren schon da. Gab es doch so etwas wie Zukunft in Kelberg? Jetzt gab ihm der Bauer das Zeichen, er möge abspringen. Weiter ging es nicht. Der Traktor hielt vor einer alten Scheune. „Besten Dank, Meister“, sagte Roger Peters freundlich. Vielleicht können Sie mir noch weiterhelfen. Ich suche das Haus von Edith Bender?“ Wieder nickte der Bauer und deutete weiter die Straße entlang. Roger Peters konnte sehen, dass jenseits der Straße vereinzelt weitere Häuser lagen. Dahinter war Kelberg auch schon wieder zu Ende, beziehungsweise ging in die Gemarkung Köttelbach über. Er folgte der Straße in nördlicher Richtung, bog in einen unbefestigten Weg ein und erreichte nach einer Weile ein breites Tor, das den Eingang zu einer schmalen Auffahrt versperrte. An einem Torpfosten war ein Namensschild befestigt. Flankiert von kleinen Silbertannen führte die Auffahrt erst durch einen gepflegten Garten, dann sanft bergab auf den Hof eines alten Bauernhauses. An der Torbefestigung kratzte Roger Peters den Dreck von seinen Schuhen ab und pochte dann mit dem schweren Klopfer laut gegen die Tür. Nichts tat sich. Er wollte gerade erneut klopfen, als geöffnet wurde. Eine schlanke, blonde Frau, Mitte dreißig, makellos geschminkt schaute ihn an. „Roooger! Welch`eine Überraschung! Was machst du denn hier?“ Roger Peters hatte Edith auf einer Veranstaltung in Wuppertal kennengelernt. Besser gesagt, sie hatte ihn nach seinem Vortrag in Beschlag genommen. Später waren sie in einer gemütlichen Bar gelandet und sich näher gekommen. „Besuch mich doch mal in der Eifel, wenn du nichts Besseres zu tun hast“, hatte sie gesagt und ihm ihre Karte gegeben. Jetzt hatte er nichts Besseres zu tun und so stand er nun vor ihr, hier am Ende der Welt, müde von einer Bahnreise, bei der er fünfmal hatte umsteigen müssen, und dem Geholpere auf dem Radkasten des Treckers. Ihr Gesicht hellte sich auf. „Komm’ doch rein!“ Sie trat einen Schritt zurück, um ihn hereinzulassen. „Mein Gott, du schwitzt ja. Bist du weit gelaufen?“ „Ich komme direkt vom Bahnhof“, sagte Roger Peters. „Vom Bahnhof?“, ihre Stimme zweifelte. „Hier gibt es weit und breit keinen Bahnhof.“ „Ich meine den in Lissendorf.“ „Aber der ist doch meilenweit entfernt. Warum hast du nicht angerufen und gesagt, dass du kommst? Ich hätte dich doch abgeholt.“ Roger Peters antwortete nicht sofort. „Nun, um ehrlich zu sein, ich wollte dich überraschen. Und dann bin ich auch gar nicht die ganze Strecke gelaufen. Ein älterer Bauer hat mich mitgenommen. Auf einem Traktor.“ „War der Traktor rot?“ „Ja, woher weißt du…?“ „Das kann nur der alte Herbert gewesen sein. Steht ein bisschen neben sich, der Gute. Dreht täglich noch seine Runden, obwohl er schon längst nichts mehr mit der Landwirtschaft zu tun hat. Aber nun komm schon mit ins Wohnzimmer. Ich habe gerade den Kamin angemacht. Gegen Abend kann es hier noch ganz schön kühl werden.“ Sie lächelte und er bemerkte wieder, wie attraktiv sie war. Edith führte ihn in ein großes, holzgetäfeltes Zimmer. Es war vollgestopft mit Puppen und Stofftieren. Eine helle Rattancouch stand vor einem Kamin, in dem bereits ein paar Scheite glimmten. Der Teppich davor war undefinierbar, aber trotzdem schön. Er lag auf glänzend gebohnerten Eichendielen. In dem Zimmer roch es angenehm nach Duftkerzen. „Bitte setz` dich doch, Roger. Magst du einen Kaffee?“  Selbstverständlich mochte er. Er dankte ihr und starrte, nachdem sie hinausgegangen war, in die Glut. War das nun richtig, dass ich hergekommen bin?, fragte er sich. Hinter der Verandatür begann sich die Sonne bereits zu senken. Plötzlich schoss etwas Helles auf ihn zu, schlug einen Purzelbaum und landete vor seinen Füßen. „Ja, wer bist du denn?“, fragte Roger Peters das wollige Knäuel, das jetzt vor ihm lag und ihn erwartungsvoll anschaute. Die Mischlingshündin fackelte nicht lang und sprang mit einem Satz auf seinen Schoß. War das Liebe auf den ersten Blick? Die Couch war weich und gemütlich. Roger Peters spürte, wie ihm langsam die Augen zufielen. Fast automatisch streichelte er den Hund. Er war gerade im Begriff einzudösen, als Edith zurückkam und ein Tablett mit dampfendem Kaffee und etwas Gebäck auf den kleinen Couchtisch stellte. „Herzlich Willkommen im wunderschönen Kelberg“, sagte sie. „Freut mich riesig, dass du gekommen bist.“ In den Worten lag eine Bestimmtheit, die er beruhigend fand.  Erst sehr viel später, als feststand, dass er bleiben würde, vertraute sie ihm an, wie nervös sie gewesen war, als er so plötzlich vor ihr stand.  Und so zog Roger Peters in die Eifel und war zwei Tage später einer der ersten, die hörten, was zwei Jungen aus dem Dorf im Mosbrucher Wald entdeckt hatten.

Klappentext

Auf Grund neuer Gesetzesvorgaben wird "Conny", ein ehemaliger Sexualstraftäter, aus der Sicherungsverwahrung entlassen. Kaum ist er wieder auf freiem Fuß, beginnt eine Serie brutalster Morde, die alle die gleiche Handschrift tragen. Die Polizei ist hilflos, da der Täter immer ein Schritt voraus ist und scheinbar über interne Informationen verfügt.