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Eene Meene Miste, wie viele rappeln in der Kiste?


von Ines Eichelbaum

krimi_thriller
ISBN13-Nummer:
9783865488909
Ausstattung:
Paperback 174 Seiten
Preis:
10,90 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Frankfurter Literaturverlag
Kontakt zum Autor oder Verlag:
syngrafeas@web.de
Leseprobe

Kapitel III - Li-La Butzelmann -

Ein grauenhafter Schrei erfüllte den umgebauten Pferdestall der Pension, in dem die dreizehn altgedienten Freizeitkegler längst nach einem anstrengenden und einigermaßen ereignisreichen Tag schliefen. Doch nicht einmal die Hälfte bekam etwas mit. Wer schlief schon mit seinem Hörgerät? Ilse Grimm hingegen hörte noch ausgezeichnet und saß mit einem Ruck kerzengerade auf ihrem Bett. Ihr Mann Paul hingegen gehörte der Hörgerätfraktion an und schnarchte unbeirrt weiter. Vielleicht hatte sie sich das alles nur eingebildet oder geträumt? Vielleicht war es nur ein Kauz gewesen? Schließlich befand man sich hier auf dem Land und nicht in der Stadt. Da kam solches Getier bestimmt haufenweise vor. Ilse lauschte angestrengt in die Nacht. Es war stockfinster, nur der Mond warf sein schaurig bleiches Licht in den Hof der Pension und spiegelte sich in den Zimmerfenstern wider. Ilses Herz raste von dem Schreck jedoch so stark, dass an ein Hinlegen und Weiterschlafen im Moment jedenfalls nicht zu denken war. Also schwang sie ihre Beine aus dem Bett und tastete mit ihren Füßen nach den warmen Hausschuhen. Sie gab sich keine besondere Mühe, leise zu sein, denn ihr Ehemann Paul Grimm hatte einen Schlaf wie ein Toter. „Der macht sogar dem vertrockneten Ritter ein paar Häuser weiter Konkurrenz" dachte sie mit einem üblichen Blick auf ihn. Wenn sie schon einmal wach war, dann konnte sie auch gleich zur Toilette gehen. Durch den Spalt zwischen Fußboden und Zimmertür fiel das Licht von der Notbeleuchtung im Flur. Es war totenstill. Ganz sicher hatte sie nur ein Tier gehört. Die Klobrille war eiskalt und Ilse beeilte sich, mit ihrem Geschäft fertig zu werden und wieder unter die warme Bettdecke zu schlüpfen. Sie war gerade aus ihren fellgefütterten Schuhen gekrochen, als jemand wie vom Teufel besessen an ihre Zimmertür trommelte. Ein erschreckter Schrei entfuhr ihr, aber Paul schnarchte immer noch gnadenlos weiter. „Wer ist da?" rief sie vom Bett aus.

„Mach auf, Ilse! Mit Lothar stimmt was nicht! Oh mein Gott, mach doch endlich diese verdammte Tür auf!" Der Tonfall von Brigitte Czerni versetzte Ilse in Panik. Im Laufschritt rannte sie zur Tür und öffnete. Vor ihr stand ihre Freundin und war völlig aufgelöst. Sie wimmerte, jappste, fuchtelte mit den Armen in der Luft und verdrehte bedrohlich die Augen. Ilse Grimm liebte Horrorfilme und im ersten Moment dachte sie, sie befände sich mitten in einer dieser Schlachterszenen. Resolut griff sie nach Brigittes Armen und zwang sie zum Stillhalten.

„Was ist passiert?"

„Lothar, Lothar......Lothar..."

So wurde das nichts. Da alles Einreden auch nichts half, holte Ilse schwungvoll aus und verabreichte ihrer Freundin eine krachende Ohrfeige. Alle fünf Finger erschienen im Bruchteil einer Sekunde als roter Abdruck im Gesicht der Geschlagenen und Ilses Hand kribbelte schmerzhaft. Aber es half. Plötzlich fing Brigitte an zu weinen. Dem Schluchzen war zu entnehmen, dass Lothar nicht in Ordnung war. „Was ist mit Lothar?"

„Lothar ist lila!" Ilse Grimm hielt das für einen Scherz. Vielleicht wollte Lothar seine Frau nur erschrecken und hatte sich angemalt. Andererseits verfügte Lothar nicht wirklich über Humor. Ilse warf sich ihren dicken, frottierten Bademantel über, ließ Paul ungestört weiterschlafen und folgte Brigitte Czerni in deren Zimmer am anderen Ende des Ganges. Dolores Berger stand in einem Nichts aus sandfarbener Seide im Türrahmen ihres Zimmers und beobachtete das Treiben interessiert. Im Zimmer der Czernis war es taghell. Brigitte hatte sämtliche Lampen angeschaltet, noch bevor sie das Zimmer panikartig auf der wirren Suche nach Hilfe verlassen hatte. Lothar Czerni selbst lag in seinem Bett und war tatsächlich lila. Eigentlich war er eher pink, aber über derartige Sachen jetzt nachzudenken war absolut unwichtig. Ilse trat an sein Bett. Lothar lag auf dem Rücken, trug seine Atemmaske zur Behandlung seiner Schlafabnö und sah aus, als würde er friedlich schlafen. Er fühlte sich warm an, aber Ilse konnte keinen Puls fühlen. Nicht nur sein Gesicht war pinkfarben. Auch Hals und Hände waren verfärbt. Sicher betraf das den ganzen Körper, aber Ilse Grimm wollte nicht nachsehen.

„Wir brauchen einen Arzt!" sagte sie so resolut und beherrscht wie möglich, doch sie wusste, dass das eigentlich nicht mehr nötig war. Lothar Czerni war tot. Innerhalb weniger Minuten war dann doch die gesamte Pension wach und lief Gefahr, im Chaos der verwirrten Rentner unterzugehen. Ilse Grimm hatte die Organisation übernommen, den Notarzt gerufen, vorsichtshalber gleich noch die Polizei alarmiert und alle Gruppenmitglieder im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss versammelt. Die Pensionsbesitzer waren mit einer Kanne Kräutertee und unzähligen Tassen angerückt und hielten nun mit ihren Gästen gespannt Wache. Der Notarzt war, erstaunlich für diese ländliche Gegend, innerhalb von nur zehn Minuten vor Ort gewesen. Aber das lag wohl eher daran, dass er im Nachbarort wohnte und dort auch gerade einen anderen Notfall verarztet hatte. Er bestätigte den Tod. Die Polizei traf nach weiteren zehn Minuten ein. Allerdings war es nur eine normale Funkstreife und die konnten mit einem Toten, dessen Todesursache definitiv nicht natürlich war, so gar nichts anfangen. Der Notarzt stellte den Totenschein aus, kreuzte „unnatürliche Todesursache" darauf an, gab der Witwe Beruhigungs- und Schlafmittel und verschwand in der eisigen, dunklen, brandenburgischen Nacht. Die zwei Polizisten hielten vor dem Zimmer der Czernis Wache, bis die zuständige Kriminalpolizei eintraf. Der Morgen begann bereits zu dämmern, als Lothar in einem hässlichen Zinksarg in die Gerichtsmedizin nach Potsdam gefahren wurde. Das Pensionszimmer der Czernis wurde versiegelt und der Kegelgruppe nach Feststellung der Personalien und einer ersten, kurzen Befragung strengstens untersagt, den Ort Kampehl zu verlassen. Die Zimmer mussten jetzt allerdings anders aufgeteilt werden. Ilse Grimm sorgte dafür, dass die frisch verwitwete Brigitte zu ihr ins Zimmer zog. Sie konnte und sollte jetzt auf keinen Fall alleine sein. Dafür wurde Paul Grimm ausquartiert und musste nun mit einem Feldbett aus dem zweiten Weltkrieg, welches der Pensionsbesitzer in der hintersten Ecke der Scheune entdeckt hatte, im recht engen Einzelzimmer von Kurt Solkowski vorübergehend Unterschlupf suchen.

 

.... Mara verbrachte die Nacht in Pias Gästezimmer, bekleidet mit dicken Socken, einem Sweatshirt und einer Jogginghose über dem Nachthemd. Sie hatte die ganze Nacht das Gefühl zu erfrieren. Am Morgen hatte eine fast zwanzig Zentimeter dicke Schneeschicht Berlin in friedliche Stille getaucht. Der Schnee schluckte den ansonsten herrschenden Großstadtlärm und sorgte für ein mittelmäßiges Verkehrschaos. Der eisige Wind hatte nachgelassen und ab und zu blinzelte die Sonne hinter den dicken Wolken hervor. Pia kam verschlafen aus ihrem Bett gekrochen und machte als erstes Teewasser heiß. Sie hatte ihren Eltern versprochen, mit Mara zum Mittagessen vorbeizukommen.

„Was macht deine Mutter heute eigentlich zu Essen?"

„Gar nichts." murmelte Pia mit der Zahlbürste im Mund.

„Ach, und was essen wir?"

„Wir gehen essen. Die sind gar nicht zu Hause."

„Wo stecken die denn? Müssen wir etwa zu deinem Onkel Waldemar?" Mara kannte nicht nur Pias Eltern sondern auch Onkel Waldemar. Sowohl Pias Vater als auch Waldemar waren jeder für sich ziemlich anstrengend. Aber auf einem Haufen waren sie kaum zu ertragen. Pias Vater war wohl schon von Geburt an recht umständlich gewesen. Bei Waldemar lag die Sache anders. Er hatte Zeit seines Lebens bei Mutti gewohnt und nie eine Frau gefunden. Pia fragte sich so manches Mal, ob Onkel Waldemar eine die Zeit verpasste männliche alte Jungfer war oder ein verkappter, ungeouteter Schwuler oder einfach nur geschlechtslos. Auf jeden Fall hatte er ein ausgeprägtes Prostataleiden und das bestätigte ihre Vermutungen nach einschlägiger Inaktivität nur.

„Keine Sorge! Waldemar ist bei seiner Cousine in Bielefeld. Meine Eltern sind auf einer Kegelfahrt in Kampehl, hier gleich um die Ecke und da machen wir heute mittag einen kleinen Ausflug hin."

„Das ist ja noch viel schlimmer als ich dachte. Die Kombination Paul Grimm und Onkel Waldemar ist schon schwer verdaulich. Wie soll ich denn die ganzen anderen umständlichen Rentner auch noch ertragen."

„Keine Ahnung! Zur Not gehen wir einfach wieder." Pia grinste und schlürfte geräuschvoll an ihrem heißen Tee. Mara wäre am liebsten mit fliegenden Fahnen zum Flughafen geflüchtet. Erst musste sie sich mit stressigen, engstirnigen Rentnern herumschlagen und am Abend dann mit Andreas 2 in einen Sexclub für Recherchearbeiten. Sollte sie mal Kinder haben, dann hätte sie inzwischen wohl eine Menge zu verschweigen. Die Fahrt nach Kampehl zu Pias Eltern verlief ziemlich unterhaltsam. Die Straßen der Stadt und die Autobahn waren geräumt und die brandenburgische Landschaft sah aus wie im Märchen. Pia hatte eine Kassette mit ihrer beider Lieblingsband in den dafür vorgesehenen Schlitz des Autoradios geschoben und vom ersten Ton an sangen beide inbrünstig in der völlig falschen Tonlage und nicht wirklich textsicher mit. Nur einmal wurde Mara an den bevorstehenden Abend erinnert, und zwar als der Sänger etwas von „freelove" und ähnlichem ins Mirko röhrte. Sie würde sich den einen oder anderen hochprozentigen Drink vor diesem Event genehmigen müssen, einfach um locker genug zu sein. Die Fahrt zu Pias Eltern dauerte eine gute Stunde. Ein Verfahren war völlig unmöglich, denn Pias Vater hatte beinahe zentimetergenau den Weg beschrieben. Kampehl war erreicht, die Pension in Sichtweite und ein Parken auf dem Hof der Unterkunft unmöglich, weil ein Polizeiauto die Einfahrt zugeparkt hatte. „Blöder Bulle!" pöbelte Pia hinter dem Steuer und stellte ihren Wagen wiederum so ab, dass nun das Fahrzeug der Freunde und Helfer blockiert war. Es war elf Uhr vormittags und noch reichlich Zeit bis zum Mittagessen. Da aber auf dem Land üblicherweise spätestens um 12 Uhr gegessen wurde, galt es vermutlich, nur eine Stunde zu überbrücken. Mara wusste um die einzige Sehenswürdigkeit des Dorfes und wollte unbedingt die Mumie des sagenumwobenen Ritters Kahlbutz besichtigen. Kampehl verströmte sogar an diesem kalten Wintertag eine angenehme Atmosphäre. Im Sommer musste es hier richtig gemütlich sein. Um herauszubekommen, wo ihre Eltern im Augenblick steckten, versuchte es Pia mit einem Anruf auf dem Handy ihres Vaters, aber das war wie fast immer ausgeschaltet. Versuch Nummer zwei, eine Nachfrage an der Pensionsrezeption, scheiterte ebenfalls. Sowohl das alte, bäuerliche Wohnhaus als auch der zur Beherbergung der Pensionsgäste hergerichtete Pferdestall waren verschlossen. Es war weit und breit kein Mensch zu sehen, nicht einmal die stattlichen Burschen in Uniform, deren Vehikel im Weg stand. Mara beschlich langsam ein ungutes Gefühl. Die ganze Szenerie hier mit diesem so auffällig abgestellten Polizeifahrzeug, das schläfrige, wie ausgestorben wirkende Dorf und niemand schien erreichbar, das alles ließ nichts Gutes vermuten.

„Na super! Genau so habe ich mir das hier vorgestellt." Pia stemmte die Arme in die Hüften und blickte einmal im Kreis.

„Die können doch überall und nirgends sein."

„Nebenan ist doch ein Gasthof. Wir sind hier auf dem Dorf. Die wissen bestimmt, wo alle hin sind." Mara dachte praktisch, denn was bei ihren laienhaften Ermittlungen in Griechenland funktioniert hatte, war hier zumindest auch einen Versuch wert. Der benachbarte Gasthof mit dem schönen Namen „Zur Linde" war ebenfalls wie ausgestorben. Einzig das Blechschild am Eingang mit der Werbung für frischen Kaffee und selbstgemachten Kuchen nach Hausfrauenart schwang mäßig lebendig in einem kalten Luftzug. Ein struppiger Hund mit viel zu kurzen Beinen und einem viel zu langen Rücken hockte vor seiner Hundehütte und beäugte die neuen Gäste misstrauisch. Die Eingangstür zum Gasthof war unverschlossen und im Inneren roch es nach frischen Kaffee und Zimt. Es war ordentlich geheizt und die Auslage mit dem Kuchen war tatsächlich verführerisch. Pia überlegte im Stillen, wie viele von diesen Stückchen wohl in ihrem Magen Platz finden würden.

„In einer Stunde gibt's richtiges Essen. Du wirst dir doch jetzt nicht den Magen mit solchem Süßkram vollschlagen?" Mara mochte im Gegensatz zu ihrer Freundin Süßkram wie Kuchen nicht sonderlich.

„Schon gut, du alte Meckertriene! Schon gut!" Pia liebte Süßkram! Aus einer Art Hinterzimmer drang ein undefinierbares Geräusch zur Kuchentheke und Mara nahm das zum Anlass, lautstark zu rufen. Unmittelbar darauf tauchte eine großgewachsene Frau Ende fünfzig auf. Sie hatte dunkle, kurze, dauergewellte Haare, trug eine weiße Kittelschürze und mit ihrem rechtes Auge zwinkerte sie unaufhörlich. Es war etwas irritierend, denn dieser Tick war ziemlich zweideutig zu verstehen. Als junge Frau hatte sie bestimmt das eine oder andere Missverständnis deswegen aus der Welt schaffen müssen. Dummerweise war dieses Gezwinker so ansteckend wie Gähnen und Mara bemühte sich verzweifelt, nicht auch damit anzufangen. „Inzucht!" murmelte sie mit zusammengepressten Zähnen und Pia unterdrückte einen Lachanfall. Laut sagte sie: „Guten Tag! Wir suchen eigentlich die Gäste der benachbarten Pension. Es ist eine ganze Reisegruppe. Wissen sie zufälligerweise, wo sie hingegangen sind." Misstrauisch blickte die Zwinkerfrau von einer zur anderen. Es dauerte eine ganze Weile bis sie antwortete. Mara wollte gerade gereizt nachfragen, ob sie sie überhaupt verstanden hatte, als die heißere Antwort kam.

„Die sind nirgendwo hingegangen. Die wurden alle heute morgen abgeholt." Pia hatte sofort ihren Vater in Verdacht und Mara zügelte mit eisernem Willen ihre Ungeduld.

„Wohin wurden sie denn gebracht?"

„Polizei."

Na super! Wenn das so weiterging, würden sie hier anwachsen und alle drei zusammen im Gleichschritt zwinkern.

„Was ist denn passiert?" Pia geriet allmählich in Panik.

„Hat ´nen Toten gegeben heute Nacht. Der Kahlbutz war´s!"

„Der mumifizierte Ritter? Ist der nicht schon seit dreihundert Jahren tot?" Mara begann sich zu fragen, was Inzucht wirklich so alles anrichtete. Sie musste das Pferd andersherum aufzäumen.

„Wo ist denn die Polizeiwache?"

„Nebenan."

„Hier im Ort?" Gleich würde Mara anfangen, hysterisch zu schreien.

„Nee." Und nach einer Pause und mit einem behäbigen Kopfnicken nach rechts: „Im Nachbarort."

Ohne einen Abschiedsgruß stürmten die Freundinnen nach draußen.

„Wetten, die hat im Hinterzimmer bestimmt eine Axt und zerlegt damit Leute, die unangenehme Fragen stellen." Pia grinste schief. „Meinst du, die haben hier alle einen unter der Mütze? Wollen wir deine Eltern und den Rest der Truppe suchen gehen?"

„Auf jeden Fall! Mein Vater im Zusammenhang mit der Polizei, das kann nur Ärger bedeuten!" Beide stiegen wieder in ihren Wagen und fuhren in Richtung des Kopfnickens der zwinkernden Angestellten in den Nachbarort. Die Straße führte sie nach Neustadt/Dosse. Unmittelbar neben dem Bahnhof befand sich das Polizeirevier. Davor standen ein kleiner Bus und zwei Polizeifahrzeuge.

„Männer in Uniformen! Das kann ja spannend werden!" Pia war in ihrem Element.

„Wir suchen hier nur nach deinen Eltern und ihrem offensichtlichen Ärger und nicht nach einem potentiellen Liebhaber!"

Lange suchen mussten sie nicht, zumindest nicht nach dem Keglerverein. Wie Hühner auf einer Stange saßen sie im Gang an der Wand links und rechts aufgereiht. Keiner sprach ein Wort. Keiner blickte auf. Alle schienen versammelt, nur Pias Eltern waren nicht zu sehen. Pia selbst kannte die Kegelfreunde ihrer Eltern nur oberflächlich und viele hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Von manchen hatte sie vermutet, dass diese längst tot waren. Mitten im Pulk der alten Leute entdeckte sie aber ein bekanntes Gesicht. Walter Thaler saß aufrecht und mit starrem Blick auf einem der Klappstühle, die an der Wand befestigt waren. Pia erinnerte sich gut an den ehemaligen Chef ihres Vaters und ging auf ihn zu. Sie stellte sich kurz vor, denn offensichtlich konnte er sich nicht an die Tochter seines alten Mitarbeiters erinnern. „Sie haben sich aber ordentlich rausgemacht, junge Frau. Ihre Eltern werden gerade in die Mangel genommen." „Was, um Himmels Willen, ist denn überhaupt passiert?" „Vergangene Nacht ist Lothar Czerni gestorben und so wie es aussieht stimmt da wohl etwas nicht. Mehr wissen wir im Moment nicht. Zuerst wurde Brigitte befragt und jetzt ihre Eltern. Danach sind wir noch alle dran." Mit einer ausschweifenden Handbewegung zeigte er auf den Rest der Truppe. „Der war ganz rosa. Wie ein Marzipanschweinchen zu Silvester hat er ausgesehen!" Eine fistelige Frauenstimme erfüllte plötzlich den ansonsten stillen Gang. „Halt die Klappe Hulda!" schnauzte ein dicker, alter und äußerst unattraktiver Mann quer über den Gang. Pia konnte sich nicht erinnern, wer das war, aber als sie sah, wie er die Hand einer verschlagen grinsenden Asiatin hielt, erinnerte sie sich an ihn. Sie hatte ihn immer nur Nutten-Heinz genannt. Pia konnte sich nicht erinnern, ihn jemals ohne exotische Begleitung gesehen zu haben. Ihr wurde bei dem Gedanken an seine vermutlich stark ausgeprägten sexuellen Vorlieben ganz schlecht. Angewidert verzog sie das Gesicht, doch der Fettsack grinste nur anzüglich. Mara beobachtete das Ganze aus einer kleinen Entfernung und machte sich so ihr eigenes Bild von diesem wenig geselligen Beisammensein. Beiden blieb nichts anderes übrig, als sich auch einen Stuhl von der Wand zu klappen und zu warten. Es dauerte geschlagene anderthalb Stunden, bis die Tür eines Büros aufging und Paul und Ilse Grimm entlassen wurden. Der Mann, der sie hinausbegleitete war offensichtlich der zuständige Beamte, denn er gab noch strikte Anweisung an die Grimms, solange nicht mit ihren Kegelkumpanen zu reden, bis alle befragt waren. Dann verlangte er recht barsch nach Walter und Ida Thaler. Als beide im Büro verschwunden waren, flog die Tür lautstark ins Schloss. Pia griff sich ihre Eltern und bugsierte sie mit Maras Hilfe unverzüglich ins Freie.

„Ich werde eine Dienstaufsichtsbeschwerde einreichen und eine Petition beim Bürgermeister dieser Gegend und eine weitere beim Landtag im Potsdam. Was für ein ungehobelter Polizist! Er hat mich dauernd unterbrochen. Wie soll man denn da eine umfassende Zeugenaussage machen können?" Pias Vater war puterrot vor Aufregung.

„Paul, nun beruhige dich doch. Er hat so viele Leute zu befragen, da muss er das doch straff organisieren. Letztendlich konntest du doch zum Tathergang gar nichts sagen. Du hast doch tief und fest geschlafen." Milde sprach Ilse auf ihren Mann ein. „Papa, lass gut sein!" Pia hatte weit weniger Geduld mit ihrem Vater. Mara begrüßte die beiden mit einem Händedruck und hielt sich ansonsten wohlweislich im Hintergrund. Pias Vater war nicht zu stoppen, wenn man ihn erst einmal so richtig in Fahrt kommen ließ. Dennoch einigten sich alle vier recht schnell, hier unverzüglich das Weite zu suchen und auf einen starken Kaffee in Kampehl bei der zwinkernden Lindenwirtin. Die gesamten fünf Minuten Fahrt zurück brubbelte Paul Grimm unaufhörlich von seinem Beschwerdevorhaben und formulierte schon mal ins Unreine den Text an den Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg hinsichtlich seiner unfähigen Mitarbeiter. In Kampehl zurück gingen sie sofort in die „Linde". Pia hatte Mara im Stillen bereits tausendfach verflucht, denn sie starb vor Hunger und so ein Stückchen Kuchen vor fast zwei Stunden hätte nicht nur die Qual mit dem leeren Magen erträglicher gemacht. Neben dem hausgemachten Kuchen hatte die Linden-Zwinker-Frau aber auch hervorragenden und ebenfalls selbstgemachten Eintopf. Die Kegelfreunde hatte am Tag ihrer Anreise schon davon probiert und Ilse Grimm empfahl den beiden jungen Frauen, ebenfalls davon zu nehmen. Ganz besonders zu empfehlen seien die geräucherten Wiener Würstchen. Das Essen wurde unverzüglich serviert und nun konnten die schrecklichen Ereignisse der vergangenen Nacht besprochen werden. Ilse Grimm erzählte kurz und bündig und auf die wesentlichen Sachen beschränkt, was vorgefallen war. Sie erzählte von dem Schrei, der sie geweckt hatte, von der völlig aufgelösten Brigitte, vom lilafarbenen Lothar, von der Befragung durch die Polizei in der Nacht und am heutigen späten Vormittag. Paul Grimm fand sein Essen so lecker, dass er seinen Einsatz verpasste und von Ehefrau und Tochter einfach aber erfolgreich übergangen wurde, als er das Wort wieder an sich reißen wollte.

„Wieso war er eigentlich lila verfärbt?" Pia verzog angewidert das Gesicht.

„Eigentlich war er eher rosa oder besser gesagt pink. Ich habe nicht die geringste Ahnung, woher diese Verfärbung kam. Vielleicht war es ja eine Art Gift, aber wir haben doch alle das selbe gegessen, zumindest zum Abendbrot. Und getrunken haben wir den selben Wein. Aber keiner von uns hat auch nur ansatzweise irgend welche gesundheitlichen Beschwerden." Pias Mutter war ratlos.

„Ich erinnere an einen Fall in Griechenland. Der Tote war auch ganz rosa gewesen und soweit ich noch weiß, hatte man damals bei ihm eine Vergiftung durch Kohlenmonoxyd festgestellt. Überall war diese seltsame Verfärbung der Leiche wochenlanges Gesprächsthema. Manche hatten natürlich etwas von Fluch gefaselt. Typisch Griechen!" Maras Ermittlerinstinkt erwachte langsam und sie dachte an den vergangenen Sommer in Griechenland zurück. Mit Pia war sie mehr oder weniger zufällig über einen fünfzig Jahre alten Mord und die Blutrache, die sich über ein halbes Jahrhundert erstreckte, gestolpert. Beide hatten ordentlich Staub aufgewirbelt und trotz allem viel Spaß erlebt.

„Aber Kohlenmonoxyd ist ein Gas. Warum ist dann nicht auch Brigitte tot. Beide haben doch im selben Zimmer und dazu noch im selben Bett geschlafen." Pia war der Fährte gefolgt.

„Pia, wie meinst du das? Willst du Brigitte hier etwas unterstellen?"

„Nein, Mama, aber komisch ist das schon. Die liegen zusammen im selben Bett, im selben Raum und atmen die selbe Luft. Wieso ist einer tot und einer quicklebendig?"

„Ich habe nicht die geringste Ahnung." Ilse Grimm war am Ende ihrer Kräfte.

„Ist ihnen denn irgend etwas merkwürdig vorgekommen oder etwas aufgefallen, als sie mit Frau Czerni ins Zimmer zurückkamen?" In Maras Kopf tobte ein wahrer Sturm verschiedenster Szenarien. „Überhaupt nicht. Alles schien normal, bis auf den armen Lothar. Er sah aus, als ob er ganz friedlich schliefe. Aber ich sage euch, Kinder, der war wirklich richtig pink."

„Ilse, haben wir eigentlich Din-A-4 Papier dabei." Pias Vater meldete sich mal wieder zu Wort.

„Nein, Paul. Falls du dich erinnerst, wir sind hier im Urlaub. Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben Din-A-4 Papier mit in den Urlaub genommen. Ich habe einen kleinen Notizblock dabei, wenn du dir also etwas notieren willst..."

„Papperlapapp!" Unwirsch fuchtelte Paul Grimm mit beiden Händen in der Luft herum und erinnerte in diesem Augenblick stark an Luis de Funés.

„Ich kann doch keine Beschwerde auf die Zettelchen deines blöden Notizblockes schreiben." „In der Pension haben sie bestimmt entsprechendes Papier für dich." Pias Vater war wirklich nur mit dem Gemüt eines Schaukelpferdes zu ertragen. Zum Glück war ihm vor fast vierzig Jahren Ilse mit einem eben solchen über den Weg gelaufen. Vor dem Gasthof wurde es plötzlich tumultartig und ziemlich laut. Die Polizei hatte die Befragungen der anderen Gruppenmitglieder offensichtlich abgeschlossen und die ganze Bande mit dem kleinen Bus zurück nach Kampehl gebracht. Sie hatten es also tatsächlich fertiggebracht, neun Personen innerhalb einer Stunde zu befragen. Pia war völlig klar, warum der Polizeibeamte ihre Eltern förmlich aus dem Büro geschmissen hatte. Sie beobachtete ihren Vater verstohlen von der Seite und grinste zu Mara. Die hatte den selben Gedanken und ging vorsichtshalber zur Toilette. Zum einen mussten die alten Leutchen bestimmt auch ganz dringend, und es war definitiv besser, die Erste zu sein, zum anderen begann Paul Grimm gerade wieder mit einer neuerlichen Darlegung seiner Beschwerdeproblematik. Pia folgte ihrer Freundin auf dem Fuße. Freundinnen gingen doch sowieso am liebsten immer zusammen aufs Klo. Beim abschließenden Händewaschen und dem unverzichtbaren Kontrollblick in den Spiegel beschlossen sie, die Rentner sich selbst zu überlassen und als nächstes den mumifizierten Ritter zu besichtigen.

„Mara, was, glaubst du, ist da passiert?"

„Mit dem vertrockneten Typen in der Kapelle? Keine Ahnung, alle Untersuchungen haben keinen Aufschluss darüber gebracht, warum Kahlbutz nicht verwest. Ist vielleicht doch der Fluch."

„Den meine ich nicht. Ich meine den rosafarbenen Lothar. Eigentlich könnten wir ihn ja Pink Panther nennen."

„Sei nicht so schrecklich pietätlos. Zu dumm, dass wir den Tatort nicht gesehen haben. Wenn wir der Beobachtungsgabe deiner Mutter einfach mal glauben und alles völlig unverdächtig war, dann gibt es nur eine logische und eine unlogische Möglichkeit. Entweder Brigitte war´s. Das wäre logisch. Oder der Fluch. Das wäre unlogisch."

„Was denn für ein Fluch, zum Teufel?" „Mensch Pia, der des Ritters Kahlbutz natürlich!"

„Hör doch mal auf mit dem Mist! Ich meine es ernst."

„Ich auch. Ehrlich, Pia, ich habe nicht die geringste Ahnung, aber das mit der veränderten Körperfarbe hat bestimmt mit Kohlenmonoxyd zu tun. Da verwette ich meinen knochigen Hintern drauf."

„Vorsicht, Schnecke, den könntest du eventuell noch gebrauchen!" Unbemerkt schlichen sie aus dem Gasthof und gingen die wenigen Schritte zu der alten kleinen Wehrkirche. Außer den beiden Frauen war weit und breit kein Mensch unterwegs. Nicht einmal ein Auto fuhr durch den Ort. Eine wahrhaft gespenstige Stille lag über dem Dorf. Ab und zu wieherte ein Pferd aus großer Entfernung und hin und wieder bellte ein Hund. Auf einem Schild neben der Eingangstür waren die Öffnungszeiten vermerkt und obwohl laut Angaben, noch Besichtigungen möglich waren, war die Gruft des alten Edelmannes bereits verschlossen. Im Grunde war es verständlich. Es war Februar, es war eiskalt und es begann bereits dunkel zu werden. Mit Touristen konnte man wohl jetzt wirklich nicht mehr rechnen. Pia und Mara beschlossen daher, am nächsten Tag nochmals den Ort Kampehl, den toten Ritter und natürlich die verstörten Rentner zu besuchen. Für den Abend stand jedoch ein absolutes Kontrastprogramm in Berlin auf dem Plan. Mara hatte schließlich noch einen eigenen Auftrag zu erledigen. Aber musste diese Arbeit gerade im Dark Side Club beginnen? Sie verabschiedeten sich von Pias Mutter und verabredeten ein erneutes Treffen am nächsten Morgen. Eine konkrete Uhrzeit wollte Pia nicht nennen, denn es war gar nicht abzusehen, wie lang die kommende Nacht werden würde.

 

... Auf dem Weg zurück nach Berlin brach die Dunkelheit binnen Minuten über die beiden Frauen in ihrem Auto herein. Sie hatten knappe vier Stunden um zurückzufahren, noch ein kleines Erholungsschläfchen zu machen, dann das Stylingprogramm zu starten, Andreas 2 und Thomas zu treffen und anschließend in die schwarze Unterwelt der Hauptstadt abzutauchen....

Klappentext

Eene Meene Miste, wie viele rappeln in der Kiste? Ein Krimi par excellence. Dreizehn kleine Rentner machen sich als Kegelgruppe auf zu ihrer alljährlichen Verveinsfahrt. Sie wollen in den Ort Kampehl, wo sich die Gruft des berühmt-berüchtigten Ritter Kahlbutz befindet, eine steinalte, mumufizierte Leiche. Es wird eine Fahrt ins Blaue - im wahrsten Sinne des Wortes. Oder war es ein Plan? Gar ein Rachefeldzug? Innerhalb kürzester Zeit gibt es vier weitere Tote. Warum? Ist es der Fluch des sagenumwobenen, alten Ritters oder gibt es doch einen leibhaftigen Mörder? Und was ist das Motiv? Die Person, die es ganz sicher weiß, fühlt sich scheinbar sicher, denn für sie steht fest, dass ihr Plan augeht und die Tatorte perfekt gewählt sind.

Rezension

!!!ACHTUNG!!!

 

Das Buch ist inzwischen AUSVERKAUFT! Aber auf ebay gibt es einige, wenige Restexemplare!!! Mit Signatur bzw. persönlicher Widmung!!!

 

Also ran an den Bücherspeck...ihr, meine lieben Leseratten