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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Dunkle Zeiten, Joachim Hausen
Joachim Hausen

Dunkle Zeiten



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Montag, 18. März 2019. Libyen. Hafenstadt Misrata. Sonnenschein. 20 Grad. 65 Prozent Luftfeuchtigkeit.


Am Rande der 270.000 Einwohner zählenden Stadt breitet sich in Sichtweite der Küste ein Flüchtlingslager aus. Die rund 1.000 Flüchtlinge, darunter etliche Kinder zwischen sechs und 16 Jahren, stammen mehrheitlich aus Nigeria, der Elfenbeinküste, Guinea, Gambia, Mali und dem Senegal.


Das Lager ist überfüllt, karg, dreckig. Miserable sanitäre Verhältnisse. Hygiene – ein Fremdwort. Nur 13 Zapfstellen für Wasser. Menschenverachtende Zustände. Die Krankenstation und die Ausgabestelle für Arzneimittel bieten einen traurigen Anblick.


Ein Arzt aus Indien und zehn Helfer aus Frankreich, Italien und Deutschland führen einen verzweifelten Kampf gegen das Elend.


Im Anbau der schäbigen Krankenbaracke sitzt am späten Vormittag der Arzt mit einem jungen Pärchen aus München. Sie trinken Tee. Vor einer Wand brummen sieben Kühlschränke, Spenden aus Deutschland. Auf Holzregalen an den Seitenwänden liegt eine bescheidene Anzahl Packungen mit verschiedenen Medikamenten und Einmalspritzen.


»Die Vorräte gehen zur Neige«, sagt der Deutsche.


Der hellhäutige Inder, ein schlanker Mann Ende 20, nickt. »Heute sollen ja Lebensmittel, Wasser und Medikamente eintreffen.« Er lächelt. »Unsere Regierung hat sich herabgelassen, Nahrungs- und Arzneimittel zu spendieren. Bin mal gespannt, was da ankommt.«


»Wir auch«, sagen die Münchner einstimmig.


 


Begleitet von einem Jeep mit vier Milizsoldaten rumpeln um die Mittagszeit acht Lastwagen heran. An der Fahrerkabine des ersten Lkw flattert die Fahne des Flüchtlingshilfswerks der UN.


Der Arzt und die Deutschen schleppen jeweils zwei Plastiksäcke mit Medikamenten in den Anbau. Sie verstauen einen Teil der Packungen in den Kühlschränken.


Die Helfer und rund 40 junge Männer aus den Reihen der Flüchtlinge stapeln die Kartons mit den Nahrungsmitteln und die in Plastikfolien gehüllten Literflaschen mit Wasser in einem Flachbau aus Beton.


Zum Schluss türmen sie links und rechts der Eingangstür aus Wellblech 50 Packungen mit je 24 Halbliterflaschen neben- und aufeinander.


Der Arzt tritt hinzu. Er reißt die Folie eines der Pakete auf und nimmt eine der Flaschen. Er mustert das Etikett. »Na also«, sagt er, »unsere Regierung spendiert Fruchtsäfte ohne Zuckerzusatz. Sie sind sehr vitaminreich und besitzen wichtige Spurenelemente und Mineralstoffe.«


Er schraubt den hellgrauen Verschluss ab und trinkt zwei Schlucke. »Mango, Rahmapfel und Kakifrucht, zwar warm, aber köstlich.«


Der Arzt verteilt Flaschen an die Helfer. Die Deutsche sagt: »Ihre Regierung hätte ruhig mehr liefern können. Da bekommt jeder Flüchtling nur eine Flasche.«


Der Inder nickt. »Ja, bedauerlich. Ich werde morgen unsere Botschaft anrufen und die Schlafmützen auffordern, darauf zu drängen, demnächst die fünffache Menge liefern zu lassen.«


Die Helfer und die 40 Flüchtlinge verteilen Lebensmittel, Wasser und fast alle Fruchtsäfte.


 


Elf Tage später. An diesem warmen Samstagvormittag stehen zahlreiche Flüchtlinge, darunter einige Jugendliche, vor der Krankenbaracke. Die meisten klagen über rasche Ermüdung, Brust- und Gliederschmerzen, Atemnot und Abgeschlagenheit.


Der Arzt diagnostiziert grippale Infekte. Die Münchner und ein weiterer Helfer verteilen entsprechende Medikamente.


Nachmittags und tags darauf häufen sich die Erkrankungen. Montags gibt es nur 18 neue Fälle. Der Arzt zählt insgesamt 249 Kranke.


Ab Mittwoch verschlimmert sich der Zustand der Erkrankten dramatisch. Die Medikamente wirken nicht.


»Es gibt seit Montagabend keine neuen Fälle«, stellt der Arzt am Abend fest. »Die merkwürdige Krankheit ist offenbar nicht ansteckend – den Göttern meiner Heimat sei Dank.«


Fünf Tage später sterben 21 der erkrankten Flüchtlinge. Der Arzt äußert sich ratlos.


Ab Dienstag, dem neunten April, steigt die Anzahl der Todesfälle rasch an.


Am 16. April zählen die Helfer zehn Verstorbene, die letzten, wie sich im Laufe der Woche herausstellt.


Insgesamt raffte die Krankheit 179 Flüchtlinge dahin, das heißt, rund 72 Prozent der Erkrankten, eine katastrophale Sterberate.


Die libyschen Behörden kümmern sich nicht darum. Schön, ein paar Schwarzafrikaner, die niemand ins Land gerufen hat, starben an einer ominösen Krankheit. Hätten sie zu Hause bleiben sollen. Kein Einheimischer mit ähnlichen Symptomen suchte einen Arzt auf.


In den anderen Flüchtlingslagern bricht die Krankheit nicht aus.


Fall für die Beamten abgeschlossen.


 


 


2


 


Oktober 2019. Sizilien. Flüchtlingslager Cara di Mineo inmitten von Orangenhainen bei Catania.


Knapp 2.600 Flüchtlinge aus Nigeria, Ghana, Guinea, Gambia, Mali, dem Tschad, Senegal und Eritrea hausen in den Gebäuden, in denen ehemals Soldaten der US-Streitkräfte wohnten. Stacheldraht umgibt das Gelände. Ein gepanzertes Fahrzeug steht an der einzigen Zufahrtsstraße.


Vor ein paar Jahren lebten hier rund 1.500 Flüchtlinge mehr. Die Zeitung Stuttgarter Nachrichten fasste damals die Verhältnisse in ein paar bezeichnenden Sätzen zusammen: Überbelegt. Hygienische Zustände? Katastrophal. Das Essen? Ein Albtraum. Medizinische Versorgung? Praktisch nicht vorhanden. Prostitution und Drogenhandel florierten. Die Bauern der Umgebung heuerten zu Hungerlöhnen Flüchtlinge an. Die Mafia Capitale machte jahrelang Millionengeschäfte mit den Hilfsgeldern für Flüchtlinge.


Inzwischen herrschen im Lager einigermaßen menschenwürdige Zustände. Ein Arzt, mehrerer Krankenschwestern und Pfleger kümmern sich um die medizinische Versorgung. Jeden Donnerstag halten zusätzlich drei Ärzte und ein Zahnarzt Sprechstunden ab. Im ehemaligen Lazarett der amerikanischen Soldaten stehen 69 Krankenbetten.


Mittwoch, 23. Oktober. Leichter Regen. 20 Grad.


Im Verlauf des Tages suchen 89 Flüchtlinge den Arzt auf. Sie klagen über Abgeschlagenheit, Brustschmerzen, Atemnot und Herzrasen. Mehrere Patienten besitzen eine geschwollene Milz und Leber und Ansammlung von Flüssigkeiten in den Beinen. Der Arzt diagnostiziert eine fieberhafte Infektionskrankheit. Die Krankenschwestern verteilen Medikamente.


Tags darauf treffen um acht Uhr, wie üblich an diesem Wochentag, die anderen drei Ärzte ein. Keine halbe Stunde später bilden sich Menschenschlangen vorm Behandlungsbau. Weitere 162 Flüchtlinge leiden an der Infektionskrankheit.


Am Abend müssen 47 der gestern Erkrankten stationär aufgenommen werden. Zwei der drei Ärzte bleiben hier. Im Verlauf der Nacht kommen 52 Patienten hinzu. In Fluren und Lagerräumen stellen Pfleger Notbetten auf. Die restlichen Kranken schicken die Ärzte mit Medikamenten in die Unterkünfte zurück. »Legen Sie sich ins Bett, trinken Sie viel Wasser und schonen Sie sich. Die Krankheit ist nicht ansteckend«, sagen sie.


Anderntags melden sich morgens 66 Neukranke.


Bis zum Abend des Samstags müssen alle Erkrankten das Bett hüten. Die Pfleger zählen 314 Fälle.


»Nicht beunruhigend«, meint ein Arzt, »angesichts der fast 2.600 Menschen, die hier dicht gedrängt leben. Es gibt erfreulicherweise keine Neuerkrankungen mehr, warum auch immer.« Er und sein Kollege fahren nach Hause.


Montags treffen zwei andere Ärzte ein. Der Zustand der Hälfte der Erkrankten hat sich deutlich verschlimmert. Die verabreichten Medikamente helfen nicht.


Freitags entlässt der Arzt 26 Patienten aus dem Krankenhaus. »Sie sind zwar noch etwas schlapp«, sagt er zu einem Kollegen, »aber geheilt.«


In der Nacht zum Sonntag erliegen 75 Flüchtlinge der offenbar nicht behandelbaren Krankheit.


Am Nachmittag und Abend des Donnerstags sterben die letzten 42 Kranken.


Freitags sitzen die Ärzte am Spätnachmittag zusammen. »Zum Glück ist diese Mini-Epidemie vorbei«, stellt der Arzt fest, der ständig hier arbeitet. »Von den 314 Erkrankten überlebten nur 26. Schauerliche Bilanz. Die Todesrate liegt bei knapp 92 Prozent.«


Kopfschütteln. Ratlose Mienen.


 


 


3


 


16. April 2021. Ein Freitag. Indien. Mumbai. Sonnig. 30 Grad.


Rund zwei Kilometer vom Hafen der 13,8 Millionen Einwohner zählenden Metropole erhebt sich das dreistöckige Gebäude der IFJC, der India Fruit Juice Company.


Im schlichten Sitzungszimmer in der obersten Etage sitzt um zehn Uhr der 51-jährige Firmeninhaber am runden Holztisch zwei Männern gegenüber. Ihre sandfarbenen Sakkos hängen an den Stuhllehnen. Die Sitzungsteilnehmer tragen weiße Hemden ohne Krawatten. Die Klimaanlage ächzt.


Die Männer nippen an Gläsern mit rötlichem Fruchtsaft. Der hochgewachsene Firmenchef mit glatten schwarzen Haaren räuspert sich. »Meine Herren, es gibt erfreuliche Nachrichten. Gestern erhielt ich für unsere Produkte die Importgenehmigung der EU-Staaten und der Schweiz. Die Genehmigungen Australiens, Kanadas und der USA liegen seit Anfang der Woche vor. Sie wissen, dass die Zertifikate einiger wissenschaftlicher Institute unseren Fruchtsäften eine hervorragende Qualität bescheinigen.«


»Kein Wunder«, bemerkt der 43-jährige Vertriebsleiter, »die Säfte werden ohne Zuckerzusatz aus biologisch erzeugten Früchten hergestellt.«


Der Firmeninhaber nickt, trinkt einen Schluck und fährt fort: »Die Verträge mit den jeweiligen Importeuren habe ich bereits vor zwei Wochen abgeschlossen. Jetzt liegen ihnen auch die Genehmigungen vor.«


Er fixiert seinen 40-jährigen Produktionsleiter, einen mittelgroßen Mann mit flinken Augen. »Wann wird unser zweiter Betrieb die Produktion aufnehmen, Mister Kaur?«


Der Mann strahlt. »Wir liegen hervorragend in der Zeit, Mister Katwa, die Testläufe habe ich gestern abgeschlossen. Es müssen noch zwei kleinere Missstände beseitigt werden. Am nächsten Mittwoch kann die Produktion anlaufen – falls genügend Obst und Flaschen angeliefert werden.«


Mister Katwa grunzt. »Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Am Montag treffen die Obstlieferungen und dienstags die Flaschen ein. Morgen transportiert ein Containerschiff 100.000 Flaschen nach Sydney und am Sonntag die gleiche Anzahl nach Montreal. Die USA werden ab 30. April und Europa ab 23. Mai beliefert. Sie wissen, dass die Obstmengen begrenzt sind. Aus diesem Grund verkaufe ich nichts im Inland. Die Importeure der erwähnten Länder liefern die Fruchtsäfte nur an Hochschulen, Universitäten und größere Betriebe, die über eigene Verkaufsstellen oder Kantinen verfügen.«


Der korpulente Vertriebsleiter wiegt den Kopf hin und her. »Können Sie nicht weitere Obstlieferanten auftreiben?«


Seufzen. »Ich stehe in Verhandlung mit Erzeugern in Kenia und Pakistan. In drei Wochen werde ich erfahren, welche Mengen sie bei Bedarf liefern können.«


Die Männer besprechen sich noch eine halbe Stunde.


 


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