Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Krimi Thriller > Drachentod
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Drachentod, Rainer Küster & Rüdiger Schneider
Rainer Küster & Rüdiger Schneider

Drachentod


Kriminalroman aus dem Ruhrgebiet

Bewertung:
(298)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
2361
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
in jeder Buchhandlung und beim Verlag
Drucken Empfehlen

Der Mann im grünweißen Wohnmobil sah auf die Uhr. Es war Sonntagabend, kurz vor neun. Die paar Minuten bis zum Treffen würde er auch noch rumkriegen. Dann gab es ein wenig Glückseligkeit, bis am Montag das Elend der Welt wieder über einem zusammenschlug.


Aus der Ferne hörte er Gegröle, das näher kam, dann aber verstummte. Es wurde still, seltsam still. Er glaubte, auch den Motor eines Wagens gehört zu haben. Sicher war er sich nicht.


Er nahm noch einen Schluck Bier, erhob sich von der Sitzbank, schob die Seitentür auf, sah nach draußen in die Dunkelheit. Von dem Wagen, den er gehört hatte, sah er nichts. Er verließ das Wohnmobil, ging drum herum, blieb vor ihm stehen, sah auf den Kemnader See. Es war kühl, etwas zu kühl für einen Spätsommertag im August. Der Himmel war von Wolken bedeckt. Ein leichter Wind ging. Er hörte die Wellen plätschern. Ein paar hundert Meter weiter, an einem Steg, erkannte er schemenhaft ein paar Jollen, die dort schaukelten.


Das grünweiße Wohnmobil stand allein auf dem Platz am See. Als er am frühen Abend gekommen war, hatten noch ein paar andere Wagen dort geparkt, Spaziergänger waren auf dem Weg am Ufer entlang gelaufen. Jetzt war er allein. Das seltsame Gegröle, das er vernommen hatte, war verstummt, und für einen Moment dachte er, einer Täuschung erlegen zu sein. So als habe ihm das Geschrei vom Nachmittag in den Ohren nachgeklungen. Da war er im Bochumer Stadion gewesen, hatte das Spiel der Wolfsburger, seiner Wolfsburger, gegen den VfL Bochum gesehen.


Dass ein paar Bochumer Fans enttäuscht waren über das Unentschieden, hatte er auf dem Rückweg vom Stadion mitbekommen. Eine der Ampeln auf der Castroper Straße zeigte Rot. Er stand mit seinem Wohnmobil davor. Auf beiden Seiten des Wagens war das Wolfsburger Emblem aufgemalt. Eine Gruppe grölender Jugendlicher zog vorbei. Sie schwenkten Bierdosen und blauweiße Schals. Einer stellte sich direkt vor das Auto, schnitt eine Grimasse, zeigte mit dem Daumen nach unten und schrie: „Zweite Liga!“ Dann ließ er unter dem Gejohle der anderen die Bierdose an der Windschutzscheibe auslaufen. Es hatte keinen Sinn auszusteigen. Er hätte die ganze Meute am Hals gehabt.


Es war ein brenzliger Moment gewesen. Aber er hatte sich nicht provozieren lassen, nicht den Versuch gemacht anzufahren, als die Ampel auf Grün sprang. Der Bochumer Fan dagegen machte keine Anstalten zur Seite zu gehen. Erst als das Bier ausgelaufen war und hinter dem Wohnmobil ein wildes Gehupe begann, trollte er sich, zeigte zum Abschied den Stinkefinger und schrie: „Wir sehen uns noch!“


Gott sei Dank war der Behälter der Waschanlage gefüllt gewesen. Ein paar Bewegungen der Wischblätter, das Bier war runter von der Scheibe, konnte keine Streifen mehr bilden. Die Wagenfront hatte er später mit Wasser vom Kemnader See gereinigt.


Jetzt knackte er sich eine neue Dose Paderborner. Das war billig und schmeckte auch nicht schlechter als die Edelmarken. Das konnte er sich gerade noch leisten. Ansonsten musste er sich alles vom Munde absparen. Die Fahrten zu den Auswärtsspielen waren teuer. Das Wohnmobil fraß Sprit. Es war ein Mercedes-Hanomag, Baujahr 1971. Er nannte das Wohnmobil ‚Elefant’, weil es so viel fraß. Aber es gab Zeiten, da hatte man kein Zimmer. Und diese Zeiten mochten wiederkommen. Er lebte in einer unsicheren Welt.


Er fror. Bei diesem Wetter musste man oft pinkeln. Vor allem, wenn man Bier getrunken hatte. Er machte ein paar Schritte nach vorn, von dem Wohnmobil weg, stellte sich an einen Baum. Der Stamm war auf Brusthöhe mit einem weißen Kreuz markiert. Ein Wanderzeichen vielleicht. Vielleicht auch sollte der Baum gefällt werden. Er wirkte ziemlich morsch. Die Rinde war abgeblättert, der Fuß an einer Stelle gespalten. Er versuchte, das weiße Kreuz zu treffen. So hatte man bei einer ernsten Beschäftigung wenigstens etwas Spaß.


Die Wolkendecke riss an einer Stelle auf. Für einen Moment war die Sichel des abnehmenden Mondes zu sehen. Er hörte nicht die leisen Schritte hinter sich. Plötzlich hatte er um den Hals einen Schal, der sich unbarmherzig zuzog.


 


                                                                           2.


Hauptkommissar Klaus Brenner saß in seinem Dienstzimmer, hatte die Ellenbogen auf die Schreibtischplatte gestützt, die Hände unter dem unrasierten Kinn zusammengefaltet und blickte missmutig durch das Fenster nach draußen. Dort ragte vor dem Präsidium der Turm des Bochumer Bergbaumuseums nach oben. Grünlich hoben sich die blank geputzten Förderscheiben vom Grau des Himmels ab, standen still inmitten einer seltsamen Monotonie.


Der Sommer des Jahres 2008 hielt nicht, was man sich von ihm versprochen hatte. Es war ein Montag in der zweiten Augusthälfte. Das Wetter war schlecht, der VfL in seinem ersten Heimspiel nach der Sommerpause über ein Unentschieden gegen Wolfsburg nicht hinausgekommen. Der Kopf schmerzte nach einer durchzechten Nacht. Marie hatte ihn am Abend als einen heruntergekommenen Gesellen bezeichnet. Da hatte er sich mit ein paar Fläschchen Wein getröstet. Gleich würde sein Kollege Rogalla kommen, ein eingefleischter Schalke-Fan, genüsslich Reval rauchen und den üblichen Schmäh zum Montagmorgen loslassen. Die Schalker hatten auch ein Heimspiel gehabt, das aber mit 3:0 gewonnen.


Brenner zog an seiner Zigarette, stellte fest, dass die mal wieder ausgegangen war. Kein Wunder. Zigaretten aus der Apotheke waren es. Haselnuss- und Papayablätter mit einer Beimischung von Eukalyptus. Der Kommissar versuchte sich das Rauchen abzugewöhnen. Er hatte die Dinger am Samstag auch während des Spiels geraucht und seltsame Blicke von den Nachbarn geerntet. Der Rauch roch nach Hasch. Ein junger Schnösel in der Reihe vor ihm hatte sich umgedreht, demonstrativ geschnuppert und gemeint: „Na, Opa, auf die alten Tage noch auf dem Trip?“ – „Ruf doch die Polizei!“ hatte Brenner höflich entgegnet.


Er zerdrückte das halbgerauchte Kräuterding im Aschenbecher. Auf den Parkplatz zwischen Museum und Präsidium schob sich jetzt ein dunkelblauer Corsa mit Bochumer Kennzeichen


„Wechsel den Verein! Komm zu Schalke!“ klang es ihm ein paar Minuten später zur Begrüßung entgegen. „Wer gegen Wolfsburg nur unentschieden spielt...”


Rogalla grinste, holte ein Päckchen Reval aus der Hosentasche, hielt es Brenner vor die Nase. „Rauch was Anständiges!” „Mach lieber Kaffee!”


Rogalla zündete sich eine Reval an, zog genüsslich den Rauch ein, spitzte die Lippen, ließ einen Kringel an die Decke schweben. Er warf einen forschenden Blick auf den Kollegen. „Siehst mitgenommen aus”, meinte er. „Marie?” Brenner winkte ab. „Weiber!” grinste er, fingerte sich eine Kräuterette aus der Packung, schob den Stengel wieder zurück. Dann fuhr er sich mit der rechten Hand über den Kopf, als müsse er sich die Gedanken zurecht streichen, und fragte: „Ist es wirklich so schlimm?” „Was?” fragte Rogalla. „Heruntergekommener Geselle hat sie mich genannt.” „Frauen übertreiben manchmal. Was hast du denn gemacht?” „Nichts.” „Na, siehst du.”


Das Telefon klingelte. Brenner nahm den Hörer ab. „KK elf, Brenner.” Während er der Stimme am anderen Ende der Leitung zuhörte, wurden seine Augen schmal, die Stirn zog sich zusammen. „Wir sind gleich da”, sagte er schließlich. Er legte den Hörer auf. „Ausgerechnet!” „Was ausgerechnet?“ fragte Rogalla ohne sonderliche Neugierde.


„Ein Toter am Kemnader See, oben am Segelhafen. Man hat ihn auf einem Parkplatz gefunden, in einem Wohnmobil. Kennzeichen WOB, Wolfsburg!” „Herzinfarkt“, meinte Rogalla. “Der hat sich über das Unentschieden gefreut. Welchen Weg nehmen wir? Durch Bochum oder A 43?“ „Die 43“, antwortete Benner. „Ausfahrt Heven. Kannst im Auto frühstücken, ich fahre.“


Sie hatten das Signallicht aufgepflanzt, obwohl die Autobahn frei war. Brenner schien es besonders eilig zu haben, als ginge es nicht darum, einen Toten zu besichtigen, sondern in letzter Sekunde ein Leben zu retten.


„Werden wir für Geschwindigkeit bezahlt?“ fragte Rogalla ungehalten. Die Stulle, die er ausgepackt hatte, schien ihm nicht mehr richtig zu schmecken. Er hatte sie wieder eingewickelt, nach hinten auf den Rücksitz gelegt und blickte mit zusammengekniffenen Augen durch die Windschutzscheibe. Die Leitplanken zogen wie ein dünner Strich vorbei.


„Ich habe eine Frau und einen Neffen, der mich noch braucht, mein Lieber“, unternahm er einen letzten Versuch, Brenners rechten Fuß zu beeinflussen.


Aber der hielt das Pedal durchgedrückt, sagte: „Weißt du, seltsam, da ist vorne an dem Wohnmobil eine Fahne, grünweiß. Und der Tote hat ein T-Shirt an. Grün-Weiß. VfL Wolfsburg. So viel hat mir der Kollege am Telefon schon verraten.“ „Bringt trotzdem nichts, deine Raserei. Der läuft nicht mehr weg.


Sie hatten die Ausfahrt Nummer zwanzig erreicht. Witten- Heven. Brenner nahm die Kurve mit quietschenden Reifen. Dann waren es nur noch ein paar hundert Meter, und schon sahen sie den schmalen Ausläufer des Kemnader Sees, wo sich der kleine Segelhafen befand. Brenner steuerte zielsicher den Parkplatz an. An diesem Montagmorgen gab es nur wenige Autos dort. Das grünweiße Wohnmobil fiel sofort auf. Es war am äußersten rechten, dem See zugewandten Rand abgestellt. Dicht daneben stand eine Buche, deren Stamm morsch aussah. Ein wenig weiter begann das Gelände des Segelhafens, wo mit Planen bedeckte Jollen an den Stegen lagen und sachte im Wasser schaukelten.


Brenner fuhr nicht bis an das Wohnmobil heran. Er hielt etwa zwanzig Meter davor, sah, dass die Spurensicherung noch nicht gekommen war und sie es zunächst nur mit den Kollegen von der Schutzpolizei und dem Notarzt zu tun hatten. Die Eile, den Tatort zu erreichen, war eine Marotte des Kommissars. Er liebte es, einen ersten Blick darauf zu werfen, wenn die Leute von der Spur einen noch nicht ablenkten.


Rogalla war so etwas egal. „Die sind dazu ausgebildet und wissen, was sie tun. Die legen uns den Bericht auf den Tisch. So genau können wir selbst gar nicht gucken.“ „Wer hat ihn gefunden?“ wollte Brenner zunächst wissen. „Die Arbeiter hier“, sagte der Kollege von der Schutzpolizei und zeigte auf vier Männer in dunkelgrünem Overall, die mit Seilen und einer Kettensäge etwas abseits standen und warteten.


„Die sollten den Baum fällen. Das Auto musste weg. Einer hat sich das Wohnmobil genauer angesehen und gemerkt, dass die Tür hinten nicht ganz zu war. Da hat er sie aufgemacht und reingeguckt. Aber sehen Sie selbst!".


„Kannst du dir schenken“, kommentierte Rogalla das vorsichtige Vorgehen. „Da haben schon hundert Leute angepackt. Die Arbeiter, der Dok und unsere lieben Kollegen.“


Innen, auf dem Boden zwischen einem Klapptisch und einer Bank, lag der Tote. Er lag da mit dem Gesicht nach oben, hatte die Beine etwas angewinkelt. Neben ihm, in Brusthöhe, war eine dunkle, schon eingetrocknete Lache von Blut. Seltsam aufgedunsen, wie mit Gewalt in die Breite gezogen, wirkte das Gesicht. Man hatte dem Toten einen Schal in Mund und Rachen gestopft. Der Schal war blauweiß und hatte das aufgestickte Emblem ‚VfL Bochum 1848‘.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2021 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs