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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Doppelte Gefahr, Hans Lebek
Hans Lebek

Doppelte Gefahr


Mini-Buch 10,5 x 14,5

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Es war wieder einer der nervigen Arbeitstage für Max Finder gewesen.


Er war inzwischen 29 Jahre alt und kannte dieses Phänomen nur zu gut.


Sein Leben schwankte stets irgendwie zwischen erträglich und unerträglich.


Über den Spruch: »Jung, dynamisch, erfolglos« konnte er


schon lange nicht mehr lachen, denn er traf allzu oft auf ihn zu.


Er war für seine Firma, eine kleine Spedition, unterwegs. Sie gehörte


seinem Freund Gerd. Er selbst besaß nur einen kleinen Anteil. Das Unternehmen


hielt sich nur mit Mühe und Not am Leben. Gerade heute


hatte er wieder eine Abfuhr bei einem Kunden in Ludwigslust einstecken


müssen. Zwar hatte ihn der Chef des Unternehmens, welches er


vor wenigen Stunden besucht hatte, ein aalglatter und gewienerter Typ


in dunkelgrauem Anzug, freundlich lächelnd verabschiedet und ihm


versichert, ihn bei der anstehenden Auftragsvergabe auf alle Fälle zu


berücksichtigen, aber er war erfahren genug, um zu wissen, dass er nie


auch nur einen Auftrag erhalten würde.


Dies ging ihm durch den Kopf, als er mit seinem altersschwachen,


dunkelgrauen Passat kurz nach Mitternacht auf der B5 Richtung Berlin


fuhr. Es war Vorsicht angesagt, denn die kalte Novembernacht war nebelverhangen.


Der Asphalt schimmerte matt im Scheinwerferlicht. Die


Straße war um diese nachtschlafende Zeit wie ausgestorben. Schon seit


Perleberg war er keinem anderen Verkehrsteilnehmer mehr begegnet.


Die Situation war gespenstisch. Sein Fahrzeug fuhr wie gedämpft durch


die diffusen Nebelschwaden, und seine Laune wurde von Kilometer zu


Kilometer schlechter. Bald mussten die langen Strecken durch den Wald


kurz vor Gumtow auftauchen, vermutete er. Jetzt hieß es besonders


aufpassen, denn gerade dort konnte es höllisch glatt werden, da am Beginn


derartiger Waldschneisen große Temperaturunterschiede auf dem


Boden herrschen konnten.


Gewohnheitsmäßig warf er einen kurzen Blick in den Rückspiegel und


zuckte merklich zusammen, als er hinter sich ein hell aufgeblendetes


Lichterpaar unverhältnismäßig schnell aufholen sah.


»Ist der verrückt, bei solch einem Sauwetter so zu rasen«, schimpfte er


laut vor sich hin.


Sicherheitshalber nahm er den Fuß vom Gas und zog noch etwas mehr


an den rechten Rand der baumbesäumten Landstraße, um den sich


schnell nähernden Wagen überholen zu lassen. Er war ein erfahrener,


sicherer Fahrer und wusste, dass es in solchen Situationen besser war,


besonders defensiv zu fahren und kein unnötiges Risiko einzugehen.


Immerhin fuhr er selbst trotz schlechter Sicht fast 80 Kilometer pro


Stunde.


Mit einem tiefen Aufbrummen rauschte eine dunkle, schwere Limousine


an ihm vorbei und schleuderte eine feine Wasserfontäne gegen seine


Frontscheibe. Wütend schaltete er den Scheibenwischer ein.


»Ihr Rindviecher! «, brüllte er hinter dem Wagen her, »ich seh´ doch


ohnehin kaum was, und jetzt auch das noch! «


Er wusste zwar, dass derartige Ausbrüche ungehört verhallen würden,


aber sie beruhigten ihn gewaltig. Mühsam putzten die Scheibenwischer


den Schmierfilm von der Frontscheibe seines Wagens, bis er endlich


wieder etwas besser sehen konnte.


Was er nun allerdings wahrnahm, machte ihn stutzig. Der schwere


Wagen vor ihm war bereits mehrere Hundert Meter entfernt und hatte


offensichtlich zusätzlich ein Nebelschlusslicht angeschaltet, sonst hätte


er ihn bereits nicht mehr sehen können. Und gerade dieses zeigte ihm


deutlich, dass der Wagen ins Schleudern gekommen sein musste, denn


das Licht bewegte sich hektisch von links nach rechts und wieder zurück,


um anschließend noch einmal deutlich nach rechts abzudriften


und kurz darauf abrupt zu verschwinden.


Verwundert rieb er sich die Augen, bremste vorsichtig ab und versuchte


das Nebelschlusslicht wieder zu erspähen. Sein Wagen wurde immer


langsamer. Als er ungefähr an der Stelle ankam, wo er vermutete, dass


die Lichter verschwunden waren, fuhr er fast im Schritttempo. Es war


die Stelle, wo die Straße eine leichte, lang gezogene Linkskurve machte


und zu beiden Seiten ein dichter, grauer Nadelwald begann.


Der Boden war hier, genau wie er vermutet hatte, gefährlich glatt. So


intensiv er auch den Straßenrand musterte, er konnte durch die wallenden


Nebelschwaden kaum etwas erkennen. Er war schon mehrere Meter


im Waldbereich, als er für einen Moment ein hellrotes Aufblitzen zwischen


den Bäumen wahrnahm. Aber so konzentriert er auch ausschaute,


es war nichts mehr zu erkennen. Als er noch am Überlegen war, ob er


einfach weiterfahren oder mit seinem Handy sicherheitshalber der Polizei


von seinen Beobachtungen berichten sollte, bemerkte er einen kleinen,


schmalen Waldweg. Ohne weiter nachzudenken, fuhr er einige Meter


hinein und stellte den Motor ab. Mit der einen Hand griff er nach


seinem dunkelblauen, gefütterten Anorak, der auf dem Beifahrersitz


lag, mit der anderen öffnete er das Handschuhfach und nahm eine längere


Stabtaschenlampe heraus. Er war in diesem Augenblick froh, dass


er stets ausreichend Werkzeug und andere Hilfsmittel im Fahrzeug hatte,


die er immer wieder mal benötigte, wenn eines seiner Fahrzeuge liegen


geblieben war.


Behände öffnete er die Wagentür und fuhr fröstelnd zusammen, als


ihn eine nasskalte Windböe erfasste. Seine dunkelblonden, halblangen


Haare wirbelten durcheinander, die schmucklose Krawatte wehte vor


seinen Augen, so dass er verärgert brummend die Jacke anzog und die


störende Krawatte hineinstopfte. Hastig warf er die Tür zu und stapfte


frierend zur B5 zurück. Während er langsam Richtung Perleberg ging,


beobachtete er aufmerksam den Straßenrand. Bereits nach wenigen


Schritten sah er deutlich die Radspuren eines schweren Personenwagens


an der Böschung, die in den Wald führten. Es stand für ihn fest,


dass genau an dieser Stelle das Fahrzeug von der Straße abgekommen


sein musste. Neugierig richtete er den Strahl seiner Taschenlampe in


den Wald, in der Hoffnung, den Wagen zu erspähen. Aber durch den


wabernden Nebel war nichts zu sehen. Kopfschüttelnd stellte er fest,


dass der Fahrer des Wagens unglaubliches Glück gehabt haben musste,


dass er durch derart dicht stehende Bäume durchfahren konnte, ohne


daran zu zerschellen. Langsam, um nicht auszurutschen oder zu stolpern,


folgte er den markanten Radspuren in den Wald hinein. Nach einigen


Metern stockte ihm der Atem. Direkt vor seinen Füßen, tief im


weichen Waldboden eingesunken, befand sich das Heck des schweren


Fahrzeuges. Wie er mit Kennerblick schnell feststellte, handelte es sich


um einen ziemlich neuen, schwarzen Mercedes der S]Klasse.


»Hallo, ist da jemand?«, rief er, so laut er konnte, in Richtung Fahrzeug


und erstarrte vor Schreck.


Der Wagen stand leicht schräg nach oben zeigend an einer mächtigen


Fichte. Die Motorhaube war aufgewölbt, und feiner Dampf vermischte


sich mit den Nebelschwaden, gespenstig beleuchtet von dem einzigen


noch funktionierenden Scheinwerfer. Der Wind säuselte etwas - ansonsten


war Totenstille. Hastig drehte er sich um. Er hatte plötzlich das


Gefühl gehabt, jemand stünde hinter ihm. Das Licht seiner Taschenlampe


erlaubte ihm nicht, irgendetwas zu erkennen, denn die Nebelschwaden


warfen eine undurchsichtige, weißgraue Wand zurück. Mit seiner


dunklen, etwas hart klingenden Stimme fragte er laut in die Nacht hinein:


»Ist da jemand? Kann ich helfen?«


Aber niemand antwortete. Es blieb unnatürlich still. Ganz allmählich


beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Angst hatte er nicht, dafür fühlte er


sich zu stark und gewandt. Immerhin hatte er einige Jahre Kick]Boxen


und andere Nahkampfsportarten hinter sich und war dabei immer einer


der Besseren gewesen. Aber wohl fühlte er sich in diesem Augenblick


nicht. Langsam, sich nach allen Seiten umsehend, wandte er sich wieder


dem zerstörten Wagen zu und bewegte sich Richtung Fahrertür weiter.


Die Taschenlampe hatte er inzwischen wieder eingeschaltet. Die Tür


stand halb offen. Erstaunt nahm er wahr, dass die Scheiben ganz waren.


Normalerweise hätten sie bei solch einem heftigen Aufprall zerbersten


müssen. Überhaupt kam ihm die Tür extrem massiv vor. »Es muss sich


um eine gepanzerte Limousine handeln«, schoss es ihm durch den


Kopf, »ob es ein Diplomatenfahrzeug ist?« Diesen Gedanken verwarf er


aber sofort wieder, denn er hatte am Heck weder ein CD] noch ein CCSchild


entdecken können. Vielleicht war es eine Politikerfahrt gewesen.


Ein solches Gefährt war keine Stangenware. Nur wenige kamen an derartige


Sonderanfertigungen heran. Und nun lag solch ein Wagen zerschmettert


vor ihm.


Vorsichtig näherte er sich der halb geöffneten Fahrertür. Er ahnte bereits,


was er nun zu sehen bekommen würde. Kaum berührte der Lichtstrahl


seiner Lampe den vorderen Teil des Innenraumes, als er sich


auch schon bestätigt sah. Der Airbag hing wie ein schlapper, hellgrauer


Sack über dem verbogenen Lenkrad. Sogar ein kleiner Seitenairbag war


durch den Aufprall ausgelöst worden. Der Bildschirm eines integrierten


Satelliten]Navigationssystems war neben dem Lenkrad zu sehen.


Schräg zur Seite gelehnt, hing ein bullig wirkender, dunkelhaariger


Mann in feinem, schwarzem Smoking in seinem Sicherheitsgurt. Seine


starren Augen wirkten entsetzt. Der Kopf des Mannes war so stark verdreht,


dass Max schlussfolgerte, er müsse sich das Genick gebrochen


haben. Obwohl er auf ein derartiges Bild vorbereitet gewesen war,


durchlief ihn jetzt ein eisiger Schauder. Langsam ließ er den Lichtstrahl


weiter durch den Innenraum gleiten. Zuerst glaubte er, dass der Wagen


nur mit dem Fahrer besetzt gewesen war, da niemand sonst zu sehen


war. Aber als er die beiden weit offen stehenden rechten Seitentüren


des Fahrzeuges erblickte, war er sich nicht mehr so sicher. Ohne sich


weiter um den Toten zu kümmern, ging er behutsam um den Wagen


herum, bis er an den geöffneten Türen stand. Der hintere, rechte Kotflügel


schien ebenfalls kräftig mit einem Baum kollidiert zu sein, aber


von weiteren Fahrgästen war keine Spur zu sehen. Nur zwei kräftige


Schrammen an der Innenseite der hinteren Tür erregten seine zusätzliche


Aufmerksamkeit. Es sah aus, als hätte irgendjemand mit einem


scharfkantigen, massiven Gegenstand dicke Kerben in den Rahmen der


Tür geschlagen. Auch die Verkleidung der Tür war erheblich in Mitleidenschaft


gezogen worden. Ein Baum oder etwas Ähnliches konnte es


nicht gewesen sein. Im Innenraum befand sich ebenfalls nichts, was


diese Schrammen erzeugt haben könnte. Es war rätselhaft. Sogar der


Sitzbezug - immerhin bestand er aus sehr teurem Leder - war nahe


dem Ausstieg eingerissen. Es sah aus, als hätte jemand einen scharfkantigen,


schweren Gegenstand mit Gewalt aus dem Fond des Wagens gerissen.


Oder ein solcher Gegenstand war bei dem verheerenden Aufprall


aus dem Wagen geschleudert worden.


Nach einem kurzen, flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr begann


Max gründlich die nähere Umgebung des Aufprallorts abzusuchen.


Schon nach wenigen Metern fiel sein Lichtstrahl auf eine verkrümmt


liegende Gestalt. Die ohnehin dunkle Kleidung des Liegenden wirkte


durch die Feuchtigkeit in der Luft und auf dem Boden noch dunkler.


Ohne weiter nachzudenken, beugte er sich über die verkrümmte Person


und beleuchtete ihr Gesicht. Erschrocken fuhr er zurück. Das Gesicht


des Mannes wies kaum noch menschliche Züge auf. Lediglich ein Ohrring


ließ das Ohr vermuten. Der Mann musste bei dem Unfall mit hoher


Geschwindigkeit aus dem Wagen katapultiert worden sein und war mit


voller Wucht, das Gesicht voran, gegen einen Baum geprallt. Auch hier


kam jede Hilfe zu spät. Der Lichtstrahl glitt weiter über den massigen


Oberkörper, der ebenfalls mit einem eleganten Smoking bekleidet war,


aus dem das Griffstück einer kleinen Faustfeuerwaffe lugte. Der Mann


lag in einer Blutlache.


Max fühlte sich hundeelend. Was war das für eine kleine Gruppe gewesen?


Bewaffnet und gesichert wie Geheimagenten, gekleidet wie


Ballbesucher oder ... ? Er überlegte nochmals, ob er nicht umgehend die


Polizei verständigen sollte. Aber was für ein Gegenstand war da ebenfalls


aus dem Unglücksfahrzeug geschleudert worden?


Erst einmal weitersuchen, entschied er für sich, die Polizei konnte er ja


immer noch benachrichtigen, und Hilfe war ohnehin nicht mehr möglich.


Gründlich erforschte er in den folgenden Minuten die unmittelbare


Umgebung um den Mercedes, aber nichts war zu finden. Der Nebel ließ


allmählich etwas nach, und es begann zu regnen. Max war bereits stark


durchnässt, aber er bemerkte es nicht, so gespannt war er, ob er noch


etwas finden würde. Kopfschüttelnd musste er sich eingestehen, dass er


sich wohl getäuscht hatte. Es war doch kein schwerer Gegenstand aus


dem Fahrzeug herausgeschleudert worden. Also würde er den Rückweg


zu seinem Fahrzeug antreten und von dort aus die Polizei verständigen.


Nur kurz erwog er noch, ob er die Taschen der Toten durchsuchen


sollte. Er verwarf diesen Gedanken aber und machte sich achselzuckend


auf den Rückweg, wieder den Radspuren folgend, die jetzt


wegen des immer stärker werdenden Regens schon bedeutend undeutlicher


zu erkennen waren.


Er war kurz vor der B5, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel.


Er hatte vermutlich an der falschen Stelle gesucht. Der Gegenstand war


bereits vor dem Aufprall, nämlich in der schärferen Linkskurve im


Wald, herausgeschleudert worden, und zwar in dem Augenblick, als


das Heck mit dem rechten, hinteren Kotflügel gegen einen Baum geprallt


war. Also musste er nur noch einen beschädigten Baum suchen,


und dort musste dann auch der gesuchte Gegenstand liegen.


Bereits der dritte Baum auf der rechten Seite nach der Linkskurve wies


schwere Aufprallspuren auf. Jetzt kam nur noch das Gebiet um diesen


Baum in Frage. Das Jagdfieber hatte Max gepackt. Ort und Zeit waren


vergessen. Auch seine völlig durchweichten Lederschuhe interessierten


ihn nicht. Gründlich inspizierte er Meter um Meter. Das erste, was er


entdeckte, ließ ihn ungläubig erzittern. Vor ihm auf dem nassen Waldboden


lag eine Hand. Eine helle, leicht schrumpelige Hand, die von einem


nicht allzu scharfkantigen Gegenstand förmlich vom Arm abgerissen


wurde. Ein würgendes Gefühl machte sich in seiner Magengegend


breit. Sollte hier etwa noch ein Mensch, vielleicht sogar ein noch lebender,


zu finden sein?


Langsam ließ er den Lichtstrahl durch das vor ihm liegende Waldstück


gleiten. Ganz deutlich sah er einen Menschen, eingeklemmt zwischen


zwei stämmigen Fichten, auf dem Boden liegen. Nichts regte sich.


Kein Stöhnen. Kein Keuchen. Es war unheimlich. Allen Mut zusammennehmend,


näherte er sich dem Liegenden, - einem schmächtig


wirkenden Mann, der mit dem Gesicht auf dem Boden lag - und hockte


sich neben ihm nieder. Leicht hielt er seinen Finger an die Stelle am


Hals des Verunglückten, wo er die Halsschlagader vermutete, um zu


fühlen, ob noch Leben in ihm war. Aber nichts war zu spüren. Auch


hier schien der Tod schon sein Werk getan zu haben. Behutsam griff er


in das schüttere, weiße Haar des Toten und hob den Kopf an, leuchtete


mit der Taschenlampe in sein Gesicht und betrachtete es aufmerksam.


Der Mann hatte stark durchgeistigte Züge. »Er sieht aus wie ein Wissenschaftler


«, dachte Max traurig. Der Mann war mit Sicherheit bereits


älter als sechzig Jahre, hatte einen buschigen, weißen Schnauzbart und


ebensolche Augenbrauen. Das Gesicht war sehr blass und markant faltig.


Ein einprägsames Gesicht, fand Max und ließ den Kopf wieder auf


den Boden gleiten.


Nachdenklich untersuchte er den Liegenden weiter. Mit Entsetzen


stellte er fest, dass dem schmächtigen Körper beide Hände fehlten. Es


war unglaublich. Der Mann war offensichtlich verblutet, nachdem ihm


beide Hände abgerissen worden waren. Eine Hand hatte er bereits gefunden,


wo aber war die zweite?


Kopfschüttelnd suchte er weiter. Dann sah er sie. Nur wenige Meter


lag auch die zweite Hand im Unterholz und unmittelbar dahinter ein


silbrig glänzender Koffer. Während er sich dem Koffer näherte, verspürte


er eine beißende Übelkeit. Der gesuchte Koffer hatte eine Abmessung


von ungefähr 60 x 40 x 50 Zentimeter. Verwundert stellte er


fest, dass direkt neben dem Griff eine Handschelle angebracht worden


war. Die Handschelle war geschlossen. Nun verstand er, was mit dem


Toten geschehen war. Er war aus dem Auto herausgeschleudert worden


und zwischen den Bäumen hängen geblieben. Die Koffer aber waren


weitergeflogen und hatten die Hände mit brutaler Härte abgerissen. Die


Koffer? Es durchzuckte ihn wie elektrisiert. Zwei abgerissene Hände


bedeuteten auch zwei Koffer. Wo war der andere?


Auch ihn fand er nach kurzem Suchen in der Nähe des Toten. Dieser


Koffer war ungefähr so groß wie der erste. Und er war ausgesprochen


schwer. Er schätzte ihn auf 40 Kilogramm. Kein Wunder also, dass derart


schlimme Folgen bei dem Herausfliegen aus dem schleudernden


Wagen aufgetreten waren. Der alte Mann hatte keine Chance gehabt.


Aber was befand sich in diesen offensichtlich sehr bedeutenden Behältnissen?


Durch den immer stärker werden Regen glänzten sie im Licht der Taschenlampe.


Vergeblich suchte er etwas, das wie ein Schloss aussah um


die Koffer zu öffnen. Er wollte unbedingt einen Blick hineinwerfen. Lediglich


mehrere massive runde Scheiben mit kleinen Zahlen und Buchstaben


beschrieben, befanden sich unterhalb des Griffes auf der langen


Seite. Sie erinnerte Max an flach gepresste Zahlenräder eines Tresors.


Dass es sich hierbei um Spezialanfertigungen handelte, war ihm längst


klar geworden. So etwas gab es nicht im Supermarkt zu kaufen. Ein


Spalt zwischen Deckel und Unterteil war kaum zu erkennen, so perfekt


waren die Koffer verarbeitet.


Versonnen hockte Max vor den Koffern und bemerkte kaum den prasselnden


Regen. In kleinen Bächen rieselte das kalte Nass in seinen Nacken.


Plötzlich fuhr er erschrocken hoch. Deutlich sah er, wie ein weißlicher


Lichtstrahl von der B5 her durch das Geäst strich und die unwirkliche


Szene beleuchtete. Blinzelnd blickte er auf. Aber nur kurz


währte diese Erscheinung, dann war sie vorüber. Nach langer Zeit war


ein Fahrzeug an der Unfallstelle vorbeigekommen. Dieses kurze Ereignis


erinnerte ihn, dass er nun endlich irgendetwas unternehmen musste.


Aber was befand sich in den Koffern? Wer waren die mysteriösen Toten?


Politiker? Mafia? Handelte es sich um einen Werttransport? Sollte


er noch einmal den Wagen und vielleicht auch die Toten genauer untersuchen?


Bei diesem Gedanken zuckte er angeekelt zusammen und


schüttelte unbewusst heftig den Kopf. Je mehr er nachdachte, desto sicherer


war er, dass sich etwas ausgesprochen Wertvolles in den Metallkoffern


befinden musste, denn sonst wären die Handschellen und das


gepanzerte Fahrzeug unnötig gewesen.


Sollten mit diesem grausigen Fund seine finanziellen Nöte vorbei


sein? Wer wusste denn, dass er hier war? Wer sollte es je erfahren? Er


hatte doch nichts angefasst und niemand hatte ihn gesehen. Den Leichen


konnte ohnehin keiner mehr helfen, also konnten sie getrost noch


einige Zeit liegen bleiben, bis sie irgendjemand anderes fand. Außerdem


stand zu erwarten, dass der Wagen aufgrund seiner eingebauten


Satelliten]Navigation ohnehin von den entsprechend interessierten


Kreisen geortet und bald gefunden werden würde. Sein im Waldweg


geparkter Wagen konnte zwar von dem Fahrer des soeben vorbeigefahrenen


Fahrzeuges bemerkt worden sein, doch hielt er das für unwahrscheinlich.


Niemand würde wissen, wer die beiden Koffer hatte - und


er könnte sich vielleicht ein für alle Male sämtliche Sorgen vom Hals


schaffen.


Als er gerade die Koffer anheben wollte, vernahm er ganz deutlich ein


Stöhnen in seinem Rücken. Erschrocken drehte er sich um. Der Totgeglaubte


zwischen den Bäumen bewegte sich kaum spürbar. Ohne zu


überlegen ließ Max die Koffer liegen, eilte zu dem alten Mann und


leuchtete ihm ins Gesicht. Gequält blickten ihn zwei wässrige, graue


Augen an. Aus dem Mund des Mannes floss ein dünnes Rinnsal Blut.


Scheinbar wollte ihm der Sterbende irgendetwas mitteilen. Hastig beugte


sich Max zu ihm hinunter und hielt sein Ohr dicht an die Lippen des


Mannes.


»Danger«, glaubte er deutlich zu verstehen. Er ging noch dichter an


den Mund des Sterbenden heran und lauschte angespannt. Aber der


grauhaarige Alte schien nichts mehr sagen zu wollen oder zu können.


»Danger«, kam es plötzlich doch wieder brüchig und undeutlich über


die Lippen des Mannes, »be careful. Donʹt use them without special


knowl...


Mehr war nicht mehr zu verstehen....


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