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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Die Spuren der Bestie, Andy Falk
Andy Falk

Die Spuren der Bestie



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Prolog



„...und so wollen wir langsam zum Ende kommen. Mir bleibt nur noch zu sagen, das späte


Mittelalter war eine Zeit voller Unruhen und Tumulte. Eine dunkle Zeit, in der Krieg, Inquisition


und Seuchen die Menschen heimsuchten wie der Teufel. In solch einer Zeit hat sich so Einiges


zugetragen und die Geschichtsschreiber haben die wichtigsten Ereignisse vermerkt. Aber könnte es


auch möglich sein, dass sie das ein oder andere übersehen haben? Könnte es möglich sein, dass in


solch turbulenten Zeiten, die eine oder andere Begebenheit in Vergessenheit geraten ist? Man muss


sich gründliche Gedanken darüber machen. Alle Interessierten sollten noch hier bleiben, es gibt


etwas höchst Interessantes zu sehen. Allen anderen wünsche ich ein schönes Wochenende."


Mit diesen Worten beendete Professor Arlington seinen Vortrag. Es war schon vier Uhr nachmittags


und die strapazierten Studenten wollten nun endlich an etwas anderes denken. An die Partys


am Abend, oder einfach ein wenig ausspannen. Genau so ging es auch Jeff Headley, nur dass er


definitiv hier bleiben musste. Er war nun Mitte zwanzig und nach wie vor langweilte ihn alles, was


nichts mit Freizeit oder Mädchen zu tun hatte. Nach der High School hatte er lange gebraucht, um


sich für ein Studienfach zu entscheiden. Schließlich belegte er das Fach Geschichte an der University


of Chicago. Viele Jahre waren seit dem vergangen und Jeff schob das Studium vor sich her, wie


den lästigen Schnee, der im Winter die Einfahrt verstopft. Vor ein paar Monaten hatte er sich für


den Kurs bei Professor Arlington, der sich mit der Epoche des Mittelalters befasste, eingeschrieben.


Es war mal wieder eine reine Verlegenheitsentscheidung gewesen. Man hatte ihm nahegelegt, doch


endlich einmal voranzukommen und so musste er ein Wahlfach belegen. In diesem Falle war die


Wahl wohl eher Qual, aber er konnte sich auch nicht ewig nur herumdrücken. Wie dem auch sei, er


hatte es mal wieder geschafft, zwei Wochen nicht zu erscheinen. Professor Arlington, der seine


Studenten genau kannte, hatte dies bemerkt und ihm glatt eine Anwesenheitspflicht auferlegt. Nun


musste er immer da sein, auch bei solchen Veranstaltungen, die über den normalen Rahmen


hinausgingen und nur die ärgsten Streber interessierten.


Gelangweilt trommelte Jeff mit seinen Fingern auf dem Schreibpult herum. Heute Abend wollte


er sich endlich mit Amanda treffen. Amanda war eines der süßesten Mädchen auf dem Campus und


heiß begehrt. Tja, und ausgerechnet er hatte es mal wieder geschafft, sich mit dem heißesten Feger


weit und breit zu verabreden. Grinsend träumte er vor sich hin, war mit seinen Gedanken schon


ganz beim abendlichen Programm, als plötzlich jemand auf sein Pult klopfte.


„Aufwachen, junger Mann, wir haben nicht den ganzen Abend Zeit."


Es war Professor Arlington. Jeff erhob sich seufzend von seinem Platz, es hatte keinen Sinn mit


dem alten Kauz herumzudiskutieren. Dieser Arlington hatte die sechzig schon weit überschritten


und war in Jeffs Augen eigentlich reif für den Ruhestand, doch der gute Mann dachte gar nicht


daran. Die Beschäftigung mit historischen Funden, vor allem aus der Antike und dem Mittelalter,


war seine größte Leidenschaft. Er war so ziemlich das Gegenteil von dem jungen Mann, dem er


eine Anwesenheitspflicht verordnet hatte. Jeff liebte das leichte Leben und den Genuss, Arlington


liebte seine Arbeit und alles, was damit zu tun hatte.


„Also los, mein lieber Mr. Headley, lassen Sie sich nicht immer zweimal bitten. Die anderen


warten schon auf Sie."


„Jo, Herr Professor."


Mit einem leicht respektlosen Tonfall sah Jeff auf den Professor herab. Arlington war nicht


besonders groß und fast einen Kopf kleiner als sein disziplinloser Student. Der Alte ließ sich jedoch


nicht provozieren und blieb ruhig.


„Na sehen Sie, geht doch."


Er ging voraus an einen großen Tisch, um den sich die speziell Interessierten, etwa sieben Personen,


versammelt hatten. Jeff stellte sich dazu und hoffte auf eine schnelle Erlösung. Der Professor


wuschelte noch einmal kurz durch sein schütteres, graues Haar und räusperte sich.


„Also gut, liebe Interessentinnen und Interessenten, heute will ich Ihnen etwas ganz Besonderes


zeigen. Einen Fund, den ich aus dem alten Europa mitgebracht habe. Ich war vor wenigen Wochen


mit meinem guten Kollegen und Freund, Professor Schmidt von der Universität Heidelberg, im


Südwesten Deutschlands unterwegs. Wir untersuchten dort eine alte Ruine aus dem Spätmittelalter,


die verlassen in den Wäldern lag. Mein Kollege, der über eine enorme Erfahrung in diesem Bereich


verfügt, war so nett mich dort hinzuführen und an der Begehung des alten Gemäuers teilhaben zu


lassen. Als wir eigentlich schon fertig waren und sich der Tag zum Abend neigte, bemerkten wir an


einer tief gelegenen Außenmauer einen Hohlraum. So müde wir nach der langen Arbeit waren, so


neugierig waren wir darauf, was in der Mauer verborgen war. Mit Hammer und Meißel trennten wir


vorsichtig ein paar Steine aus dem Mauerwerk heraus. Es hatte sich gelohnt, was wir dort fanden,


war ein wahrhafter Schatz."


Arlington bückte sich kurz und fasste in eine große Metallkiste, die neben dem Tisch stand. Er


holte einen Glaskasten und eine Schatulle heraus, die scheinbar ebenfalls aus Metall war. In dem


Glaskasten befand sich eine Ansammlung von vergilbten Blättern, während die Schatulle nicht


einsichtig war.


Der Professor zeigte zuerst auf den Kasten. „Hier drinnen befinden sich die Aufzeichnungen eines


Ritters aus dem frühen fünfzehnten Jahrhundert. Professor Schmidt und ich haben den Inhalt aus


dem Mittelalterdeutsch in unsere Sprache übersetzt. Hier ..." Er holte eine dicke Mappe aus seiner


Ledertasche hervor. „Hier ist der übersetzte Text. Der Verfasser, dieser Ritter, muss ein außergewöhnlicher


Mensch gewesen sein. Er schreibt beispielsweise über eine Form der Reinlichkeit und


Körperpflege, wie sie damals sehr unüblich war. Aber das ist nicht das wahrhaft Besondere an


diesen Aufzeichnungen, die wie ein Tagebuch geführt wurden. Nein, das wirklich Bemerkenswerte


ist die Geschichte, die darin erzählt wird. Sie scheint mir so unglaublich ... und dennoch wirken die


Gedanken so echt, die dieser Mann dort niedergeschrieben hat. Ich will Sie heute daran teilhaben


lassen."


Bevor der Professor weitermachen konnte, unterbrach ihn Jeff vorlaut. „Und was ist in dieser


kleinen Metallbox?"


„Ah ..." Arlington lächelte. „Mr. Headley, endlich zeigen Sie einmal Interesse."


Er hob die Schatulle nach oben, an der Seite war ein elektronisches Zahlenschloss zu erkennen,


mit dem sie gesichert war. Ohne den richtigen Code war sie also nicht zu öffnen.


Der Professor fuhr fort: „In dieser Metallbox befindet sich etwas Uraltes. Etwas, das aus einer


wesentlich älteren Epoche stammt, als unser Ritter. Es kommt aus einer Zeit, die so lange zurückliegt,


dass wir das Alter nicht einwandfrei feststellen konnten."


Einen Moment lang herrschte Stille. Alle, auch Jeff, schauten gespannt auf die Box. Doch Arlington


legte sie wieder zur Seite.


„Dazu kommen wir später. Ich möchte Ihnen nun zuerst einmal vorlesen, was wir aus diesen


Aufzeichnungen übersetzt haben. Hören Sie aufmerksam zu."


Der Professor nahm das erste Blatt aus der Mappe und las:



„Ich weiß nicht, ob meine Niederschriften jemals gefunden werden, noch wer sie finden wird.


Aber ich möchte den Finder an eine wahre Begebenheit erinnern, die ich selbst erlebte. Der, der


diese Zeilen liest, soll erfahren, dass einst eine mordende Bestie durch die deutschen Lande


wanderte und eine Spur des Grauens hinterließ. Die Pfalzen im Südwesten des Landes wurden in


Angst und Schrecken versetzt. Und so kam es, dass ich mit der Verfolgung dieses Scheusals


beauftragt wurde. Ich jagte der Bestie und ihrer Blutspur hinterher. Egal, in welche Richtung sie


ging, ich und meine Männer blieben ihr dicht auf den Fersen. Ich war mir sicher, ich würde sie


aufspüren ..."



Arlington machte eine kurze Pause und sah in die Runde. Alle schauten gespannt zu ihm - sogar


Jeff. Dann fuhr er fort und die Zuhörer ließen sich hineinführen, in eine längst vergangene Zeit ...



Kapitel 1: Dunkle Tage



Ilse war schnell an den Waldrand unweit ihres Dorfes geeilt, um Feuerholz zu holen. In diesen


regnerischen Tagen war es gar nicht so einfach ein Stück brauchbares Holz zu finden, und so suchte


sie hauptsächlich auf dem Waldboden, dicht um die Stämme der großen Bäume herum. Die Kronen


dieser alten Gesellen hielten den Regen mehr oder weniger ab und der Boden war nicht völlig


durchweicht. So konnte man noch den einen oder anderen halbwegs trockenen Ast finden.


Ilse beeilte sich, denn sie wusste, dass es gefährlich war, sich so weit entfernt von ihrem Dorf


aufzuhalten. In den Gegenden nicht unweit von Halmstadt hatte es mehrere Überfälle gegeben und


junge Frauen waren das Hauptziel dieser Taten gewesen. Man munkelte, dass eine blutrünstige


Bestie dafür verantwortlich sei und seine Opfer auf grausamste Weise zugerichtet hatte. Ilse


schüttelte sich kurz. Sie wollte diese Gedanken so schnell wie möglich verdrängen. Flink sammelte


sie ein paar Äste auf und legte sie in ihren breiten Schurz, den sie wie einen Korb zum Tragen


benutzte. Nun sollte es genug sein, sie konnte endlich zurück nach Hause.


Sie wollte sich gerade umdrehen, doch plötzlich stockte ihr der Atem und sie blieb wie angewurzelt


stehen. Irgendetwas war hinter ihr. Sie spürte eine Präsenz, eine Anwesenheit. Kalter Schweiß


lief ihr alsbald den Rücken hinunter. Sie vernahm ein leises Geräusch. Es war wie ein Röcheln.


„HHHRRRRRGGGHHH ... HHHRRRRGGHHHH ..."


Und nun spürte sie auch einen Atem in ihrem Nacken. War das der stinkende Hauch des Todes?


Sie wollte Luft holen, doch es ging nicht. Sie wollte schreien, doch kein Wort kam aus ihrem Mund.


Die nackte Angst schnürte ihr die Kehle zu. Sie war wie versteinert und ihr Herz pochte so laut wie


eine Trommel: Bubumm bubumm bubumm ...


Wir schreiben das Jahr 1411, Oktober:


Albrecht war etwas schwermütig. Es regnete auch an diesem Tag wieder wie in Strömen. Schön


und gut, Regen war für diese späte Jahreszeit nichts Ungewöhnliches, doch nun schüttete es schon


seit fast zwei Wochen. Vor zwölf Tagen war er mit seinen Begleitern aufgebrochen und schon am


ersten Tag fing dieser verfluchte Regen an. Der Waldboden war mittlerweile völlig aufgeweicht und


überall bildeten sich Schlammpfützen.


Da saß er nun, hoch auf seinem Ross und blickte an den ausladenden Kronen der Bäume vorbei in


den trüben Himmel. Er hatte sich seine Kapuze weit ins Gesicht gezogen, denn es war saukalt.


Seine Männer standen ein paar Meter von ihm entfernt und warteten auf seine Anweisungen.


Insgesamt waren sie neun Mann, er und acht Untergebene. Drei dieser Männer, Bartholomeus,


Kilian und Erasmus waren seine direkten Untergebenen, während die anderen fünf, Utz, Rudolf,


Alba, Gilg und Sewolt Gefolgsleute von Ludwig dem Dritten, Kurfürst der Pfalz, waren. Albrecht


war der Sprössling des Landgrafen Herbart und dessen einziger Sohn. Er war nunmehr vierunddreißig,


doch sein Vater erfreute sich mit über sechzig Jahren noch immer bester Gesundheit und war


zäh wie eh und je. Albrecht störte das nicht. Er mochte seinen Vater und es war ihm nicht wichtig


Landgraf zu werden, auch wenn er es eines Tages sein würde, das war klar. Doch lieber sollte sein


Vater noch lange leben.


Der Besitz von Herbart war durchaus beeindruckend. Er verfügte über ein großes Stück Land mit


fünf Dörfern darauf. Des Weiteren besaß er eine kleine Burg, mit etwa zwanzig Bediensteten und


hatte einen Wehrtrupp von ungefähr fünfzig bewaffneten Männern. Herbart war einer der mächtigsten


und reichsten Landgrafen in den Pfalzen, er unterstand jedoch Ludwig, der Kurfürst der


gesamten Pfalz und somit Herbart weisungsbefugt war. Wenn der Kurfürst etwas befahl, hatte der


Landgraf zu gehorchen. Da gab es kein Wenn und Aber. Und wenn der Kurfürst den Sohn des


Landgrafen auf die Suche nach einer wilden Bestie schickte, dann musste dieser ebenfalls gehorchen.


Und so folgte Albrecht dem Ruf des rätselhaften Ludwig.


Dieser undurchsichtige Mann war im selben Alter wie Albrecht und der Sohn von Ruprecht dem


Dritten, der bis zu seinem Tode, vor über einem Jahr, deutscher König gewesen war, doch Ludwig


war ihm nicht auf den Thron gefolgt. Anstatt dessen war nun Sigismund von Luxemburg der König


im Deutschen Reich. Ludwig hatte ihm auf den Thron verholfen und war somit einer seiner engsten


Vertrauten und des Königs Stellvertreter. Der höchste Fürst im ganzen Lande, doch er hätte auch


selbst König sein können. Aus irgendeinem Grunde hatte er diese Gelegenheit ausgelassen.


Albrecht konnte es nicht so recht verstehen, aber es gab ja auch so vieles auf dieser Welt, was er


nicht verstand. Er war ein Grübler, der ständig über alles Mögliche nachsann. Ein Mann der es nicht


nur verstand sein Schwert zu führen, sondern auch seinen Kopf zu benutzen. Und diese Qualitäten


hatten ihm mittlerweile einen ausgezeichneten Ruf verschafft. Er war ein sehr angesehener Ritter


bei den Adelsleuten und wurde auch mal hier und da zu Speis und Trank geladen. Vor allem Leute,


die gerne eine gute Unterhaltung pflegten, suchten stets seine Gesellschaft. Er galt im Allgemeinen


als scharfsinnig und wortgewandt.


Den Großteil seines guten Rufes hatte er sich jedoch erst vor drei Jahren erworben. Damals trieb


ein Massenmörder in einem kleineren Herrschaftsgebiet von Ruprecht sein Unwesen. Die Opfer


waren immer junge Frauen, die bis auf die nackte Haut ausgezogen und danach erdrosselt wurden.


Albrecht befand sich damals mit seinem Vater auf einer längeren Rundreise und kam zufällig in


diesem Gebiet vorbei. Der dort ansässige Vogt war ein unfähiger Trottel und nicht im Geringsten in


der Lage die Sache aufzuklären, also kümmerte er sich darum.


Er begann Nachforschungen anzustellen, begutachtete die Leichen und dachte sich in den Täter


hinein. Nach nur wenigen Wochen gelang es ihm, den Unhold durch eine fein ausgedachte Falle zu


stellen. Seine List und sein Kombinationsvermögen hatten ihm dabei gute Dienste geleistet. Er ließ


eine junge Frau scheinbar alleine durch den Wald laufen und versteckte sich mit einigen Männern


nicht unweit in den Büschen.


Der Lockvogel zeigte Wirkung und so konnten sie den Mörder auf frischer Tat stellen. Der jungen


Frau geschah dabei kein Leid, da Albrecht rechtzeitig eingriff. Bei dem Mörder handelte es sich um


einen unauffälligen Dorfschmied, der selbst eine Familie hatte. Niemand hätte diesem Mann solche


Taten zugetraut. Dank Albrecht konnte er gefangen und seiner gerechten Strafe zugeführt werden.


Ruprecht hatte sich damals persönlich bei ihm bedankt und ihn auf seine Burg eingeladen. Dort war


auch Ludwig zugegen, der sich nun an diese Begebenheit erinnert und deshalb den Ritter für diese


Aufgabe vorgesehen hatte.


„Ich brauche einen Mann mit klarem Kopf und scharfen Verstand, und da seid Ihr mir gleich


eingefallen", hatte Ludwig zu Albrecht gesagt. Aber Albrecht hatte momentan überhaupt keine Lust


auf diese Treibjagd. Natürlich war es eine aufregende Sache, diese angebliche Bestie zu jagen, doch


er war mit seinen Gedanken an einem gänzlich anderen Ort. Seine geliebte Frau Cristina wartete


daheim auf ihn, und auch seine beiden Söhne, der elfjährige Clewin und der vierjährige Sebastian.


Albrecht war schon so oft von zuhause weg gewesen. Erst im Sommer des vergangenen Jahres


hatte er sich nach Tannenberg aufgemacht, um mit ein paar Mitstreitern den deutschen Orden im


Kampf gegen die Polen zu unterstützen. Die Schlacht bei Tannenberg entwickelte sich jedoch zu


einem verheerenden Gemetzel. Albrecht war gerade so mit dem Leben davongekommen und


musste Cristina danach versprechen, nie mehr fortzugehen. Und nun, im Oktober des darauf


folgenden Jahres, hatte er sein Wort schon wieder gebrochen. Zwar unfreiwillig, aber was nutzte


das schon. Er hatte ein Versprechen gegeben, von dem er hätte wissen müssen, dass er es nicht


halten kann.


Auf der einen Seite machte er sich Vorwürfe, auf der anderen Seite war er wütend. Wütend auf


Ludwig, der einfach so über ihn bestimmen konnte. Albrecht widerstrebte jede Art von Unterwürfigkeit


und Fremdbestimmung. Er empfand sich als freier Mensch und wollte als freier Mann


handeln. Doch nun musste er begreifen, dass er gar nicht so frei war, wie er es sich immer vorgemacht


hatte. Ein zwiespältiges Gefühl von Wut und Ohnmacht keimte in ihm auf. Das Gefühl nicht


frei zu sein und das lehnte er auf das Tiefste ab. Niemand hatte ihm etwas zu sagen, niemand über


ihn zu bestimmen. Doch was sollte er tun? Dem Kurfürsten die kalte Schulter zeigen und einfach


den Befehl verweigern? Nein, das konnte er nicht. Vielleicht würde er dann geschmäht werden,


seinen Titel verlieren. Es war nicht einmal wegen ihm selbst, doch er dachte an seine Familie. Da


musste er durch. Er musste diese Sache so schnell wie möglich zu Ende bringen und dann ab nach


Hause. Das war der einzige Weg.


Was hätte er nur dafür gegeben, das Ungeheuer schon gefasst zu haben. Vor ein paar Tagen erst


hatten die Hunde es aufgespürt. Sie waren mit vier der besten Jagdhunde Herbarts aufgebrochen. Da


gab es Bork den Leithund, so wie Haslo, Ferril und Alma. Als die Hunde die Spur der Bestie


aufgenommen hatten, gab Albrecht den Befehl sie von der Leine zu lassen. Sie rannten pfeilschnell


ins Unterholz der Spur hinterher. Nach einer Weile hatten sie die Bestie wohl gestellt, doch dann


geschah, was Albrecht nicht vergessen konnte: Dieses entsetzliche Winseln und Wimmern. Nur


Bork und Haslo kamen unverletzt zurück. Die zwei anderen Hunde, Ferril und Alma, wurden dabei


getötet.


Sie fanden die Tiere aufgefetzt und halb zerrissen neben einer alten Eiche. Wer oder was konnte


nur so etwas angerichtet haben? Es stellte Albrecht vor ein Rätsel. Es gab zwei Augenzeugen, die


das Wesen vor etwa einem Monat am Waldrand gesehen hatten. Sie sagten aus, dass es sich dabei


um eine riesige, behaarte Gestalt gehandelt hätte. Diese Aussagen deuteten auf einen Bären hin. Ein


Bär wäre auch eine logische Erklärung für die zerfetzten Opfer gewesen, doch Albrecht hatte seine


Zweifel. Vor allem, weil beide Zeugen eindeutig erklärt hatten, dass es kein Bär gewesen war,


sondern etwas, das sie noch nie zuvor erblickt hatten. Aber was konnte man schon auf diese


panischen Aussagen geben - eigentlich nichts. Trotzdem war an der Sache etwas faul. Albrecht


hatte schon Bärenopfer gesehen und diese hatten andere Merkmale aufgezeigt. Nach seinen


Beobachtungen vergruben Bären gerne die Überreste ihrer Beute, während die Leichen in diesem


Falle immer offen herumlagen. Vieles störte ihn an dieser Theorie. Insgeheim hielt er es sogar für


möglich, dass es sich bei der ominösen Bestie nicht etwa um ein furchterregendes Monstrum oder


einen Bären, sondern eher um einen Menschen handelte.


Genau wie bei der Geschichte mit dem Dorfschmied. Damals hatten auch alle von Hexen, Teufeln


und Dämonen gesprochen, doch am Ende stellte sich heraus, dass es ein Mensch gewesen war. Und


auch diesmal lag für Albrecht der Verdacht nahe. Aber zwei Dinge störten ihn dabei. Zum einen


war diesmal kein klares Muster zu erkennen. Die Bestie tötete zwar vorzugsweise junge Frauen,


aber auch manchmal alte Weiber und sogar Männer. Drei waren ihr schon zum Opfer gefallen: Ein


alter Bettler und zwei Säufer, die auf dem Heimweg von der Taverne zerfleischt wurden. Und dabei


handelte es sich garantiert um den gleichen Mörder. Die Leichen sahen nahezu identisch aus. Das


war der eine Grund, der ihn stutzig machte, und zum anderen war da noch die Art, wie die Opfer


getötet wurden. Sie waren zerfetzt von Krallen. Und wenn er nur an die Hunde dachte, das konnte


doch kein Mensch gewesen sein. Aber andererseits war das Muster immer zu ähnlich. Würde ein


Tier wirklich so maßstabsgetreu töten? Und dazu kam noch eine weitere, merkwürdige Tatsache:


Allen Opfern wurde die Zunge herausgerissen. Das konnte doch kein Zufall sein. Auf der einen


Seite hatte der Mörder Kraft wie ein wildes Tier, auf der anderen Seite hatte er aber auch einen


genauen Plan, so wie er den Gedanken eines Menschen entspringen würde.


Das alles passte irgendwie nicht richtig zusammen. Albrecht brummte der Schädel. Es half nichts.


Zwei Hunde hatten sie noch. Zwei Hunde, um erneut die Spur aufzunehmen. Diesmal musste es


gelingen. Diesmal mussten sie die Gelegenheit ergreifen. Schluss jetzt mit der Grübelei! Schluss


damit! Es musste weitergehen! Jetzt!


Albrecht atmete noch einmal tief ein. Die Luft war kalt und klar. Die Regentropfen perlten von


seiner Kapuze herab auf seine Nase. Er hatte mal wieder vor sich hingeträumt, während er in den


düster bewölkten Himmel blickte. Aber nun war keine Zeit zum Träumen, die Männer erwarteten


seine Befehle. Da saßen acht durchnässte Gestalten auf ihren Rössern, nur ein paar Meter von ihm


entfernt und blickten ihn auffordernd an. Der eine von ihnen, Utz, kam nun zu ihm herüber.


„Verzeiht, mein Herr, mein Gebieter. Die Männer fragen sich in welche Richtung wir weiter


reiten. Hier gibt es zwei Pfade denen wir folgen können."


Albrecht nickte. „Ja, wir reiten weiter. Hört Männer! Wir nehmen den linken Pfad, er wird uns in


Richtung Waldrand führen. Vielleicht ist dort ein Dorf oder eine andere Unterkunft zu finden. Also


los!"


Die Männer gehorchten und die Gruppe ritt den linken Pfad entlang. Albrecht lief es eiskalt den


Rücken hinunter. So ging es ihm immer, wenn dieser Utz ihn ansprach. Er war ein hässlicher Kerl.


Mit fauligen Zähnen in seinem schiefen Mund und einer breiten Narbe auf seiner Glatze. Die Nase


sah aus wie der gekrümmte Schnabel einer Krähe und er stank fürchterlich. Und dieses Grinsen,


dieses hinterlistige Grinsen, das dieser Mann an sich hatte. Er erinnerte Albrecht irgendwie an ein


Reptil. Seine Bewegungen, seine Gesten, sein Blick und seine zischende Stimme. Wie eine


hinterlistige Schlange, die auf Beute lauert. Und dieser Eindruck war gar nicht so abwegig, denn


dieser Utz war ein übler Mensch. Er stand in den Diensten von Ludwig dem Dritten und war unter


anderem mit seinen Gesellen für die Verwaltung einiger kleinerer Ländereien verantwortlich, die


sich nicht weit von den Besitztümern Herbarts befanden. Genau aus diesem Grunde kannte Albrecht


diesen Utz. Er war schwer berüchtigt und bei den Bauern verhasst. Ursprünglich war er ein Söldner


gewesen, der einem Freund Ludwigs jedoch einmal in einem Kampf das Leben gerettet hatte und so


in die Gnade des Kurfürsten gefallen war. Nun durfte er ihm dienen und die Bauern beaufsichtigen -


und er tat dies mit ausgefallener Inbrunst. Von Körperverletzungen bis Vergewaltigung stand alles


auf seiner Liste und die Bauern hatten sich schon oft über ihn beklagt. Doch immer wieder schaffte


er es, sich herauszureden. Immer unterstützt von seinem getreuen Helfershelfer Rudolf.


Albrecht konnte es wirklich nicht fassen. Da war dieser Ludwig doch so ein frommer Mann. Er


redete unentwegt darüber, wie schädlich das Schisma, die Zweipäpstlichkeit, für das Abendland war


und dass er und König Sigismund dagegen vorgehen würden, und dann verhinderte er nicht solche


Untaten. Alles, was Recht war: Der Kurfürst war bestimmt kein schlechter Christ, doch Menschenkenntnis


hatte er keine. Oder war es ihm vielleicht auch egal? Wer konnte das schon wissen.


Albrecht war es jedenfalls nicht geheuer, dass Ludwig ihm ausgerechnet diesen hässlichen Glatzkopf


mit seinen Spießgesellen zur Begleitung gegeben hatte. Vor allem, weil er auch wusste, dass


Utz ihn hasste. Albrecht war einmal dazugekommen, als Utz in einem kleineren Dorf sich an der


Tochter eines Bauern vergriffen hatte. Er war damals sofort von seinem Pferd gestiegen und hatte


dem Drecksack seine Faust ins Gesicht geschlagen. Utz viel rückwärts zu Boden und blutete aus


Mund und Nase. Rudolf half ihm wieder auf die Beine. Damals wollte er erst sein Schwert ziehen


und auf Albrecht losgehen, doch dann erkannte er, mit wem er es zu tun hatte. Auch wenn er ein


Mann im Dienste des Kurfürsten war, so konnte er es sich trotzdem nicht erlauben, ohne außergewöhnlichen


Grund, auf den Sohn eines der mächtigsten Landgrafen, der dazu noch, ein angesehenen


Ritter war, loszugehen. Er musste seine Klinge stecken lassen.


Allerdings hätte es Albrecht nicht das Geringste ausgemacht. Es wäre ihm eine Ehre gewesen,


diesem hinterhältigen Bastard die Rübe abzuhacken. Doch es geschah nichts weiter. Utz setzte sich


beleidigt auf sein Pferd und preschte mit Rudolf und ein paar anderen Männern im Schlepptau


davon. Der Bauer war Albrecht damals sehr dankbar gewesen, dass er seine Tochter beschützt hatte,


und lud ihn gleich darauf zu einem kleinen Mahl ein. Der beherzte Ritter hatte sich durch solche


Taten auch beim gemeinen Volk einen wohlklingenden Namen gemacht und war vielerorts beliebt.


Aber genauso wie ihn diese Leute mochten, so sehr hasste ihn Utz. Albrecht wusste genau, egal


was kommen würde, dieser Halunke würde keine Möglichkeit auslassen, um ihm ein Messer in den


Rücken zu stoßen, also war er höchst wachsam. Er bevorzugte es hinter Utz zu reiten, um einen


bestmöglichen Überblick zu behalten.


Der Regen ließ auch nach einer weiteren halben Stunde nicht nach, doch so langsam wurde der


Wald lichter. Sie waren nicht mehr weit vom Waldrand entfernt. Albrecht deutete seinen Männern


nun an, dass sie etwas langsamer reiten sollten und so ging es im gemächlichen Galopp weiter. Der


Boden wurde immer matschiger. Je mehr die Dichte der Baumkronen nachließ, desto weicher und


durchnässter wurde der Untergrund. Es dauerte nicht lange, dann hatten sie den Rand des Waldes


erreicht. Dort führte ein schmaler Weg entlang und tatsächlich, dort war zwar kein Dorf, aber die


Männer erkannten ein Wirtshaus in ein paar Hundert Metern Entfernung. Freudig johlten sie auf,


heute Abend würde es ordentlich Speis und Trank geben. Ein schönes Stück Fleisch und einen


großen Becher Wein. Sie ritten nun eilig zu dem Wirtshaus hinüber und sattelten ab. Es war ein


breites Gebäude, mit lehmigen Wänden und einem strohigen Dach. Von drinnen drangen einige


Geräusche nach außen. Hier war noch Betrieblichkeit. Und als sie ihre Nase in die Luft streckten,


rochen sie auch etwas Gutes.


Utz klopfte ungeduldig an die Tür. „He, kommt raus! Hier stehen hohe Herren, die etwas zu essen


und zu trinken wollen!"


Kurz darauf öffnete sich die Tür und ein dicklicher Mann trat ins Freie.


„Guten Abend die Herrschaften. Ihr sollt alles bekommen, was ihr wünscht. Es ist uns eine große


Ehre solch hohe Herren hier zu verköstigen. Wir haben auch ein angenehmes Lager für die Nacht,


wenn ihr es benötigt."


Albrecht, der immer noch auf seinem Pferd saß, nickte. „Sehr gut, Wirt. Meine Männer haben


Hunger und wollen ein anständiges Lager für die Nacht. Wir bleiben hier. Bring unsere Pferde in


den Stall und versorge sie gut. Ich werde dich anständig dafür entlohnen."


„Wie Ihr wünscht, mein edler Herr."


Der Wirt gehorchte und wies einen seiner Stalljungen an, die Pferde zu versorgen. Die Männer


gingen einer nach dem anderen in das Wirtshaus. Nur Albrecht war nicht so schnell bei der Sache.


Er stieg erst einmal langsam von seinem Pferd ab und überreichte die Zügel dem Stalljungen. Es


war ein schönes Pferd. Groß und kräftig, mit braunem Fell und mit einem ritterlichen Stoff bedeckt.


Der Bursche führte es in den Stall und verneigte sich dabei mehrmals vor Albrecht. Man sah sofort,


dass er ein Edelmann war. Seine Kapuze und sein Umhang waren aus feinem Stoff und auf dem


Brustteil seines Wamses, sowie auf seinem Schild, prangte das Wappen seines Vaters. Zwei


gekrönte Löwen, die Rücken an Rücken auf ihren Hinterbeinen standen. Aus der Mitte der beiden


prächtigen Tiere wuchs ein Rebstock empor, der tiefrote Trauben trug. Es war das Symbol für den


Familiennamen „Von dem Weine".


Der Ritter hatte auf dem Handrücken seiner ledernen Handschuhe noch ein weiteres Wappen. Das


Wappen war viergeteilt, hier waren ebenfalls zwei Löwen zu sehen. Einer links oben, einer rechts


unten. Die beiden anderen Teile waren weiß-blau gemustert. Dies war das Wappen der Kurpfalz


und zeichnete ihn als einen Landgrafen, oder einem Landgrafen zugehörig aus, der dem Kurfürsten


verbunden war.


Hinzu kam auch die Gestalt Albrechts: Er war ein stattlicher Mann. Breitschultrig und gut aussehend,


sehr gepflegt und mit einer charismatischen Ausstrahlung versehen. Das Gesicht des Ritters


wirkte sehr gleichmäßig und sein Haar schimmerte Kastanienbraun.


Als der Stalljunge sich bald zum zehnten Mal verneigt hatte, ließ Albrecht ihn wissen, dass es nun


wirklich genug war. Dann drückte er dem Bürschlein ein kleines Geldstück in die Hand und


signalisierte ihm durch eine Geste, dass es für ihn und nicht für den Wirt war. Der Junge verneigte


sich noch einmal eifrig und machte sich dann weiter an die Arbeit. Er strahlte über das ganze


Gesicht, als hätte ihm noch nie jemand etwas Schöneres geschenkt. Albrecht wandte sich nun


zufrieden ab. Er fand Gefallen daran, anderen eine Freude zu machen.


Bedächtig ging er ein paar Schritte hinaus und stand bald wieder im Regen. Irgendwie wollte er


gar nicht so recht in das Wirtshaus hineingehen. Dort war es bestimmt dreckig wie bei den Schweinen.


Zumindest machte es von außen den Eindruck.


Plötzlich war er wieder da. Albrecht spukte aus. Er war wieder da, dieser ekelhafte Geschmack in


seinem Mund. Albrecht war ein außergewöhnlich reinlicher Mensch, der sich von vielen seiner


Zeitgenossen darin unterschied. Er legte sehr viel Wert auf seine Körperpflege und auch auf seine


Mundhygiene. Zuhause gurgelte er jeden Tag, einmal am Morgen und einmal am Abend, mit


frischem Wasser und fuhr sich mit den Fingern über seine Zähne. Er hatte sich zudem aus Holz


kleine Stäbchen zurechtgeschnitzt, mit denen er die Essensreste zwischen den einzelnen Zähnen


hervorholte. So hatte er immer das Gefühl eine gewisse Frische in seinem Mund zu verspüren.


Doch dies wurde zunehmend schwieriger, sobald man sich auf Reisen befand. Er hatte zwar seine


Stäbchen dabei, aber er konnte sie nicht immer so regelmäßig benutzen, wie er es wollte. Und auch


das täglich frische Wasser stand nicht immer zur Verfügung. Und so hatte er auf längeren Reisen


immer das Gefühl einen fauligen, ranzigen Geschmack im Mund zu haben und spuckte ständig aus.


Nun waren sie auch schon mehr als zwölf Tage unterwegs, was die Sache immer unangenehmer für


ihn


machte. Mal davon abgesehen, dass die Möglichkeiten sich am Körper zu waschen ebenfalls


sehr begrenzt waren.


Normalerweise lies Albrecht fast jeden Tag frisches Wasser an seinen Körper, was - wie auch


schon die Sache mit der Zahnpflege - nicht gerade gewöhnlich in diesen Zeiten war, doch nun hatte


er sich schon tagelang nicht mehr waschen können. Er hatte das Gefühl, ihm würden seine Kleider


regelrecht auf dem Leib kleben. Es schüttelte ihn überall, so ekelhaft war es für ihn. Schon als Kind


war er ein ungewöhnlich empfindlicher Mensch gewesen und hatte immer das Weite gesucht, wenn


es irgendwo oder irgendjemand stank. Viele der Männer, die er bei sich hatte, kannten diese


Probleme nicht. Sie stanken ja selbst wie die Schweine und rochen deswegen wohl gar nichts mehr.


In ihren Mündern faulten die Zähne, vor allem bei dem widerlichen Utz. Dessen Zähne waren


teilweise nur noch faulige Stümpfe, die er sich scheinbar einmal spitz gefeilt hatte. Diese Söldner


hatten so einige verrückte Ideen.


Wenn man in den Mund dieses Mannes blickte, hatte man das Gefühl, darin würde einfach alles


zusammenfaulen und verrotten, wie in einer stinkenden Kloake. Angewidert verzog Albrecht das


Gesicht, als er daran dachte.


Schnell stellte er sich unter das kleine Vordach des Stalles, damit er im Trockenen war. Dann griff


er in seine Manteltasche und holte ein feines, hellblaues Tuch und ein kleines Fläschchen hervor.


Das Tuch war ein Geschenk seiner Mutter gewesen. Kurz vor ihrem Tod, der schon vierzehn Jahre


zurücklag, hatte sie es ihm geschenkt. Der Stoff war weich und hochwertig. Albrecht öffnete nun


das kleine Fläschchen und träufelte ein paar Tropfen auf das Tuch. Dann roch er tief hinein - oh ja,


war das ein Duft. Danach tröpfelte er noch etwas aus der Flasche auf seine Hand und verrieb es am


Hals, auf den Haaren und an seinem Körper. Es roch wunderbar. Allerdings musste er sparsam


damit umgehen, das Fläschchen war zwar noch dreiviertel voll, er hatte aber nur noch dieses eine.


Vor Jahren hatte er auf einem Markt einen italienischen Kaufmann aus Florenz getroffen, der ihm


einige dieser Duftflaschen verkauft hatte. Die Essenz, die sich darin befand, roch nach Blütenblättern


und noch anderen Düften, die er nicht genau einordnen konnte. Als er den Kaufmann danach


fragte, hatte dieser von einem geheimen Rezept gesprochen. Albrecht hatte damals alle übriggebliebenen


Flaschen von ihm gekauft, doch es waren nur noch fünf Stück und jetzt hatte er nur noch die


eine. Er würde nach Beendigung dieser Angelegenheit wieder auf den besagten Markt gehen und


nach dem Kaufmann suchen. Er brauchte unbedingt mehr von dieser göttlichen Essenz. Es war so


ein lieblicher Geruch. So frisch, so angenehm. Wie eine frische Prise, die den Gestank dieser Welt


vertrieb. Diesen für ihn unerträglichen Gestank.


Albrecht stellte sich vor, es würde eines Tages eine Welt geben, in der sich die Menschen jeden


Tag waschen und sich mit solch duftenden Flüssigkeiten beträufeln. Eine Welt ohne Gestank und


mit einer Hülle und Fülle an wohlriechenden Essenzen und mit der Möglichkeit jeden Tag an


frisches Wasser zu kommen. Aber war das wirklich möglich? Er konnte es sich irgendwie nicht so


recht vorstellen, doch er wollte diesen schönen Traum nicht aufgeben. Es war ein zu schöner


Gedanke.


„Was machst du denn noch hier draußen? Komm rein und iss was."


Albrecht zuckte zusammen. Da hatte ihn Bartholomeus glatt aus seinem zauberhaften Düftetraum


gerissen. Bartholomeus war Albrechts ältester und bester Freund und stand ihm so nahe wie ein


Bruder. Er war der Sohn eines Landritters, der zu den Gefolgsleuten von Albrechts Vater gehört


hatte. Solche Landrittersleute waren meist nicht sonderlich reich und konnten sich gerade mal ein


größeres Haus mit bestenfalls zwei bis drei Bediensteten leisten. Sie waren oft abhängig von den


größeren Landgrafen und standen in deren Diensten. Als Bartholomeus dreizehn Jahre alt war,


verstarb sein Vater und er wurde zum Waisen, denn seine Mutter war schon bei seiner Geburt im


Kindsbett gestorben. Plötzlich stand der Junge ganz alleine da. Aber da er immer viel Zeit auf der


Burg von Herbart verbracht hatte, der beste Freund seines Sohnes und ihm selbst ebenfalls sympathisch


war, nahm er Bartholomeus bei sich auf. Er ließ sein Elternhaus von einem Gutsverwalter für


ihn aufrechterhalten, bis er es als Erwachsener und ausgebildeter Ritter wieder selbst bewohnen


konnte.


Bartholomeus' Vater war immer ein treuer Gefolgsmann zu Herbart gewesen und dieser vergaß


solche Dinge nicht. Also war es für ihn eine Ehre, dem Jungen zu helfen. Er bekam den gleichen


guten Unterricht wie Albrecht. Sowohl im Lesen und Schreiben als auch in der Schwertkunst.


Natürlich wurde ihm deutlich gesagt, dass er ein Landritter war und Albrecht einmal Landgraf, und


damit sein Herr sein würde, aber davon abgesehen wurde er behandelt wie ein Mitglied der Familie.


So wuchsen die beiden Männer zusammen auf und erlebten von Jugend an alle möglichen Abenteuer


miteinander. Zwischen ihnen war ein Band, das nicht zu durchtrennen war.


Albrecht lächelte Bartholomeus an. „Ist ja schon gut, du alter Quälgeist, ich komme gleich. Geh


du schon mal vor, ich bin gleich da."


Bartholomeus ging wieder hinein und Albrecht trat noch einmal kurz unter dem Vordach hervor


unter den freien Himmel. Es war dunkel geworden und der Mond war hinter den vielen Wolken


schon leicht zu erkennen. Doch es regnete weiter, wie aus einem Guss. Nun war es genug. Langsam


entwickelte sich ein deutliches Hungergefühl in seinem Magen. Er ging auf die sperrige Holztür zu


und öffnete sie. Von drinnen drang ein merkwürdig vermischter Duft nach draußen. Der Duft von


Essen, aber auch von anderen Dingen. Von Unrat, Dreck und Körpergeruch. Was sollte es, er trat


ein.


Der Anblick des Inneren des Wirtshauses überraschte ihn nicht wirklich. Es war so, wie er es


erwartet hatte. Der Boden bestand aus einer Mischung von altem Holz und Stroh. Darunter war eine


dunkle Schicht, vermutlich Erde. Es standen viele Tische und Bänke herum und in den Ecken


flackerten die Kerzen, deren Licht für den großen Raum nicht ausreichte. Es war ziemlich düster da


drinnen und auch fast ein wenig unheimlich. Eine geheimnisvolle Grundstimmung herrschte in


dieser Umgebung. Manche Tische waren mit einigen Leuten besetzt. Dunkle Gestalten, die schräg


zu Albrecht herüberschauten, als er ein paar Schritte an ihnen vorbeiging. Wahrscheinlich trafen


sich hier allerlei Halunken und Saufbolde, die sich tagsüber im Wald oder sonst wo herumtrieben.


Ziemlich hinten, rechts in der Ecke, stand ein besonders großer Tisch, der von seinen Ausmaßen


her fast schon einer Tafel glich. Genau dort hatten sich Albrechts Männer niedergelassen und


bestellten schon freudestrahlend den ersten Trunk. Ganz vorne mit dabei und am lautesten brüllend,


der hässliche Utz.


Dieser widerliche Kerl hatte die Schankmagd, ein zierliches Mädchen mit langen blonden Haaren,


am Arm gepackt und machte seine Bestellung. „Jaaa mein Täubchen. Nun bringst du uns mal ein


paar schöne Krüge voll Wein. Meine Freunde haben einen riesigen Durst und ich auch. Und ich


habe noch etwas ganz anderes, wenn ich mir dich so anschaue ... hähä ... wenn du brav bist zeige


ich dir später noch was Schönes. Ich habe da was für dich. Hähä ..."


Ein Teil der Männer stimmte in sein Lachen ein. Nun trat Albrecht an den Tisch.


„Was machst du denn da wieder für leere Versprechungen, mein teurer Utz. Na los, lass die Magd


los! Wegen dir und deiner Wollust müssen wir noch ewig auf unseren Wein warten. Nimm mal


etwas Rücksicht, du rammeliger Ziegenbock!"


Das hatte gesessen. Nun stimmten alle Männer in das Gelächter ein. Nur, dass sie nun alle über


den blöd dreinschauenden Utz lachten. Das hatte Albrecht mal wieder geschickt angestellt. Er


verpasste diesem Bastard bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen Seitenhieb. Grummelnd ließ


Utz das Mädchen los und verzog seine Fratze zu einer finsteren Mine. Wut und Zorn standen ihm


ins Gesicht geschrieben, doch er musste sich zurückhalten. Albrecht stand in einem weitaus höheren


Rang, als dieser verrohte Söldner und er musste ihm gehorchen. Damit hatte sich die Sache erledigt.


Nach kürzester Zeit kam die Schankmagd zurück und stellte zwei große, mit Wein gefüllte Krüge


auf den Tisch. Gierig schenkten sich die Männer ihre Becher voll, während die Magd Albrecht


persönlich einschenkte - und das schien nicht nur an seinem Rang zu liegen. Das Mädchen lächelte


ihn an, als sie seinen Becher füllte. Sie war ihm wohl dankbar, dass er sie aus der Umklammerung


von Utz befreit hatte und davon einmal abgesehen, war Albrecht ein sehr ansehnlicher Mann, der


bei den Frauen stets beliebt war.


Albrecht lächelte zurück. „Vielen Dank, mein Kind." Dann gab er ihr mit einer Handbewegung zu


verstehen, dass sie sich nun entfernen konnte.


Die Kleine war noch relativ jung und er wollte sich nicht unbedingt an ihr vergreifen. Außerdem


wartete seine geliebte Cristina zu Hause auf ihn. Nun ja, Albrecht versuchte, so treu wie möglich zu


sein. Auch er konnte den zahlreichen weiblichen Verlockungen, die ihm auf seinen Reisen begegneten,


nicht immer widerstehen. Es war eben nicht leicht, aber er gab sein Bestes.


Nun trank er erst einmal einen kräftigen Schluck Wein. Dieser war gut gekühlt und hatte einen


vollmundigen Geschmack. So mochte er das. Manche der Männer schütteten den Tropfen geradezu


in sich hinein und hatten schon ihren dritten Becher gefüllt. Alba und Gilg fingen schon kurz darauf


an zu lallen. Und auch der schaurige Utz und sein getreuer Spießgeselle Rudolf tranken in zügigem


Tempo.


Albrecht wusste, dass er die Situation kontrollieren musste. Es durfte keinesfalls ausarten. Doch


die Männer hatten nun schon seit Tagen keinen ordentlichen Schluck mehr getrunken und sollten


sich auch mal ein wenig austoben, also hielt er sie erst einmal an der langen Leine.


Nach einer Weile rief er den Wirt zu sich und bestellte noch einen Ochsenbraten mit Rüben für


sich und seine Mannen. Auch ein vernünftiges Essen musste mal wieder auf den Tisch.


Der Wirt gehorchte und ging zum Eingang der Küche, der ungefähr vier Meter von Albrechts


Tisch entfernt war. Dort stand eine alte, hässliche Frau. Albrecht war sich nicht sicher, wer


hässlicher war, Utz oder die Alte.


Der Ritter grinste kurz in sich hinein. „Das wäre doch die rechte Braut für den dummen Glatzkopf",


dachte er sich. Allerdings war sie wohl nicht mehr zu werben. Auch wenn der ebenfalls


betagte Wirt bei Weitem jünger aussah, war sie scheinbar seine Frau. Albrecht schauderte es kurz.


Er stellte sich vor, er müsste zu der Schrumpel unter die Decke kriechen. Oh Gott nein, was für ein


Gedanke. Nicht einmal zehn Fässer Wein hätten da geholfen. Er schüttelte sich kurz, doch sein


Blick konnte irgendwie nicht von der Alten weichen. So sehr Albrecht einen ausgeprägten Sinn für


das Schöne hatte, die hässlichen Dinge zogen immer wieder seine Blicke auf sich. Alles was mit


Gestank, Unrat, Dreck und Abscheulichkeiten zu tun hatte, war Albrecht ein Gräuel, aber genau aus


diesem Grunde, erregte es auch immer wieder seine Aufmerksamkeit.


Als er nun genauer da hinüberschaute, entdeckte er den nächsten Ekel. Die Frau trug ein braunes


Leinengewand, das ihre Unterarme und auch einen Teil der Beine freiliegen ließ. Irgendetwas


stimmte mit der Haut dort nicht. Als er nun noch genauer hinsah, entdeckte er so etwas wie Schorf,


der sich an den Ellenbogen gebildet hatte. Aber da war noch etwas anderes. Die gesamten Unterarme,


wie auch der untere Teil der Beine, waren übersät mit Geschwüren. Übel aussehende Geschwüre.


Rot umrandet und innen gelblich-weiß gefärbt, wie riesige Eiterherde. Albrecht wurde fast


schlecht bei diesem Anblick - es sah so ekelhaft aus. „Hoffentlich ist es keine ansteckende Krankheit",


dachte er sich. Die Pest war es auf keinen Fall. Das sah ganz anders aus. Er hatte ihn schon


gesehen, den Schwarzen Tod, auf einer seiner Reisen, aber das hier war etwas ganz anderes. So


ähnlich wie die Krätze oder die Pocken. Egal was es war, Albrecht wollte jedenfalls nicht in die


Nähe dieser Geschwüre kommen. Eigentlich wollte er gar nicht mehr hinschauen, doch als die Alte


in die Kochstube schlich und die Tür einen Spalt offen ließ, konnte er genau hineinsehen. Dort


standen mehrere große Töpfe herum und ein Feuer brannte. Die Alte stand vor einem der Töpfe und


gestikulierte wild mit ihren Armen. Sie schien ziemlich wütend zu sein und schrie lauthals herum.


Ziel ihres Zorns war die junge Schankmagd, die scheinbar irgendetwas falsch gemacht hatte. Das


Mädchen sah ziemlich eingeschüchtert und ängstlich aus. Vor allem, als die Alte sie am Arm packte


und aus der Kochstube stieß. Die junge Frau wischte sich eine Träne aus ihrem linken Auge und


ging dem Wirt beim Ausschank zur Hand.


Plötzlich überkam Albrecht ein ungutes Gefühl. Wer kochte hier eigentlich das Essen? Abermals


starrte er durch die halb offene Tür. Während dessen waren seine Männer ordentlich am Trinken


und bemerkten gar nicht seine geistige Abwesenheit. Außer Bartholomeus, der immer wieder zu


ihm schaute. Doch Albrecht nahm ihn nicht wahr. Er musste unbedingt wissen, wer hier das Mahl


zubereitete.


Kurze Zeit später beantwortete sich seine Frage. Die Alte kam wieder in das Sichtfeld der halb


geöffneten Tür, sie warf irgendetwas in einen der Töpfe. Danach rührte sie das Ganze mit einem


großen Holzlöffel herum. „Widerlich", dachte sich Albrecht, doch das Schlimmste sollte noch


kommen. Mit einem Male fing die Alte an zu husten. Sie hustete so laut, dass er sie bis nach


draußen an den Tisch hören konnte. Und dann, dann geschah es. Die Alte rotzte mitten in den Topf


hinein. Albrecht fing an zu würgen. Das war ja schlimmer als in einem Alptraum. Ein tiefes Gefühl


von Ekel und Abscheu stieg in ihm hoch. Im nächsten Moment fing es an, ihn überall zu jucken. Er


hatte plötzlich das Gefühl, er wäre selbst von Geschwüren übersät. Bartholomeus bemerkte sein


Unbehagen.


„Was ist denn mit dir los? Alles in Ordnung?"


Albrecht schüttelte wild den Kopf. „Nein, nichts ist in Ordnung. Hier ist es so ekelhaft, ich könnte


kotzen!"


Bartholomeus dachte sich nicht viel dabei. Albrecht war als überempfindlich bekannt und gegen


jedes Düftchen allergisch. Doch es wurde noch schlimmer. Die Magd brachte nun das Essen an den


Tisch und die Männer machten sich wie wild darüber her. Albrecht war nun wirklich kurz davor,


sich zu übergeben. Wie sie ihn gierig in sich hineinstopften, diesen verseuchten Fraß. Und auch


Bartholomeus biss ein ordentliches Stück von der Bratenkeule ab. Albrecht spukte unter den Tisch.


Er stellte sich vor, wie der ganze Braten von der Rotze dieser alten, stinkenden, dreckigen und mit


Geschwüren übersäten Hexe bedeckt war.


Das war zu viel. Er leerte seinen Becher mit einem Zug und schenkte sofort nach. Anders war das


nicht mehr zu ertragen.


„Iss doch was." Bartholomeus hielt ihm ein Stück Braten hin.


Albrecht wich zurück. „Auf keinen Fall, lieber verrecke ich!"


„Was hast du denn auf einmal?" Bartholomeus war verwundert.


„Vergiss es! Ich sage es dir besser nicht. Genieß deinen Braten, aber ich werde mir ein Stück Brot


aus unserem Proviant nehmen."


Bartholomeus zuckte mit den Schultern. Ihm schmeckte der Braten sichtlich und Albrecht wollte


ihm nicht den Appetit verderben. Er leerte schnell noch einen Becher Wein und schenkte sich


wieder nach. Langsam konnte er sich beruhigen. Das übertriebene Gefühl des Ekels wich diesem


anderem, angenehmen Gefühl. Diesem Gefühl, dass einem alles egal ist und dass man über alles


lachen kann. Albrecht leerte schnell noch einen Becher. Nun war es gut. Der Wein war gut, alles


war gut. Ein leichtes Grinsen bildete sich auf seinen Lippen. Er sah zu seinen Männern. Sie lachten,


aßen und tranken. Und er lachte mit. Ja vielleicht würde er später sogar noch ein Stück von dem


Braten essen. Aber nur vielleicht. Jetzt musste er sich zuerst noch einmal nachschenken, der Becher


war schon wieder leer.


Schweißgebadet schreckte Albrecht nach oben. Er hatte geträumt, schlecht geträumt. In seinen


nebulösen Vorstellungen hatte er die alte Frau gesehen, mit ihren zerschundenen Armen und


Beinen. Sie stand da und grinste ihn an. Faule Zähne ragten aus ihrem Mund. Dann verschwand sie


im Nebel. Albrecht wusste nicht, wohin sie verschwunden war, er war plötzlich ganz allein. Doch


mit einem Male verspürte er ein Jucken, ein furchtbares Jucken. Er musste sich überall kratzen. Und


dann sah er es. Es war überall. An seinen Händen, an seinen Armen, an den Füßen, an den Beinen,


auf dem Rücken, am Bauch. Oh Gott, er tastete sein Gesicht ab und auch da fühlte er es. Es war


überall. Überall waren sie, diese widerlichen Geschwüre. Er war von Kopf bis Fuß voll davon. Und


dann vernahm er ein Lachen. Es war das Lachen der alten Frau, das durch den Nebel drang.


Er fing an zu schreien: „Oh Gott nein! Nein! Nimm sie weg von mir! Du Hexe!" Doch das Lachen


wurde immer lauter und er schrie nur noch. Er schrie und schrie und schrie, bis er schließlich


aufwachte.


Puh, es war nur ein Traum gewesen, nur ein böser Traum. Albrecht griff nach seinem Trinkbeutel,


seine Kehle brannte. Er hatte zu viel Wein getrunken. Es war dieses typische trockene Gefühl im


Hals, wenn er zu viel davon gesoffen hatte. Sie waren alle betrunken gewesen. Der hässliche Utz


und seine Freunde, Kilian, Erasmus, Bartholomeus und auch er. Wobei Bartholomeus wohl noch


am nüchternsten geblieben war.


Aber er selbst hatte es am Ende wieder übertrieben. Wieder den vergorenen Saft in sich hineingeschüttet


wie in ein Fass. Ab und zu tat er das. Es half ihm den Gestank und den Dreck zu vergessen,


der jeden Tag um ihn herum war. Und so war es auch diesmal gewesen. Er hatte seinen Ekel


vergessen und, oh Gott, plötzlich bildete sich wieder dieser ekelhafte Geschmack in seinem Mund.


Diese ranzige Fäule. Er musste ausspucken. Nun, als er wieder nüchtern war, wurde ihm bewusst,


was er getan hatte.


Es war nicht zu glauben, doch nach dem er unzählige Becher Wein geleert hatte, hatte er tatsächlich


von dem Braten gegessen. Von dem Braten, den die Alte zubereitet hatte. Seine Abscheu stieg


ins Unermessliche. Da hatte er sich was geleistet. Jetzt musste er sich tagelang den Mund ausspülen,


um diesen Geschmack wieder loszuwerden. Erschöpft ließ er sich zurück auf sein strohgefülltes


Kissen fallen. Der Wirt hatte ihm sein bestes Bett gegeben und er war hundemüde. Er schloss seine


Augen, der nächste Tag würde wieder hart werden.


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