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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Die Seele des Bösen, Dania Dicken
Dania Dicken

Die Seele des Bösen


Blackout

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Sonntag, 26. August


 


Sie sah noch immer sein Gesicht über sich, sein selbstsicheres Grinsen und das Glitzern in seinen Augen, während er die Messerklinge über ihre Haut gleiten ließ. Ihre Panik wuchs. Nur noch durch die Nase atmen zu können, machte es nicht besser. Das Klebeband auf ihren Lippen löste sich nicht, egal was sie versuchte. 


Er würde es tun. Sie wusste es. Er würde sie vergewaltigen, wenn kein Wunder geschah. Flehend schloss sie die Augen und wünschte sich in diesem Moment, sie wäre doch gläubig gewesen, denn so hätte sie beten können. Aber mit Religionen war sie fertig. Sie war auf sich gestellt. 


Zitternd riss Libby die Augen auf und brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass sie sicher in ihrem Zimmer war, in Sicherheit. Sie lag in ihrem eigenen Bett, konnte im Dämmerlicht der Lämpchen ihres Laptops das Poster über sich ausmachen, das die Golden Gate Bridge zeigte. 


Allmählich beruhigte ihr Atem sich wieder. Sie hatte nur geträumt. Es war nicht das erste Mal, dass sie Alpträume wegen Brian Leigh hatte und eigentlich ging es immer um denselben Moment, um dieselbe Furcht. Es änderte auch nichts, zu wissen, dass Brian tot war. Dass er es nicht getan hatte. Die Furcht saß einfach zu tief. 


Und Sadie … 


Beim Gedanken an ihre Adoptivmutter kamen dem Mädchen die Tränen. Sie drehte sich zu ihrem Nachttisch und schaute auf den Radiowecker. Halb vier. 


Großartig. Sie war also auf sich gestellt. Sadie oder Matt zu wecken, kam nicht in Frage. Matt schon gar nicht, ihm wollte sie das nicht anvertrauen. Das wäre ihr irgendwie unangenehm gewesen. 


Dann hatte sie eine Idee und begann zu rechnen. In London war man acht Stunden weiter, dort war es also schon kurz vor Mittag. 


Sie würde es versuchen. An Schlaf war ja doch kein Denken mehr. 


Libby schlug die Decke zurück und stieg vorsichtig aus dem Bett.  Leise pirschte sie über den Flur, ging die Treppe hinab und griff an der Garderobe nach ihrer Sweatjacke, bevor sie sich im Wohnzimmer das Telefon holte und die Terrassentür öffnete. 


Es war eine warme Sommernacht, die Tiefsttemperaturen in Los Angeles bewegten sich zu dieser Jahreszeit immer noch um zwanzig Grad. Trotzdem zog Libby ihre Jacke über, bevor sie sich auf die Hollywoodschaukel setzte und den Zikaden und dem Rauschen des Verkehrs lauschte. Als plötzlich ein maunzender Schatten zu ihr kam, erschrak sie nicht, sondern lächelte. 


„Figaro“, sagte sie und klopfte neben sich, um den Kater anzulocken. Mit einem Satz hüpfte er neben sie und rollte sich zufrieden zusammen, als Libby ihn zu kraulen begann. 


Dann wählte sie die Nummer der Familie Thornton in London. Vielleicht hatte sie Glück. 


Sie hörte nur zwei Mal das Freizeichen, bis sich eine Frauenstimme meldete. „Andrea Thornton.“ 


„Hi, hier ist Libby Whitman. Ist Julie zu Hause?“ 


„Libby! Schön, von dir zu hören. Ist es bei euch nicht mitten in der Nacht?“ 


„Ja, ist es. Ich … ähm … kann ich mit Julie reden?“ 


„Es tut mir leid, Libby, sie ist mit einer Freundin in der Stadt“, sagte Andrea bedauernd. „Sie hat ihr Handy dabei.“ 


„Nein, ich … ich will sie nicht stören. Das würde länger dauern.“ 


„Soll ich ihr etwas ausrichten? Soll sie zurückrufen?“ 


„Nein … ich werde ihr einfach schreiben. Schon okay.“ 


„Alles in Ordnung?“


Libby wunderte sich nicht über die Frage. Andrea hatte dieselbe feine Profilerspürnase wie ihre Adoptivmutter. 


„Ja, geht schon. Ich hätte nur gern mit jemandem geredet und hier schlafen ja alle“, erklärte Libby. 


„Möchtest du mit mir reden?“


„Danke, aber …“ Plötzlich fehlten Libby die Worte. Sie wollte nicht unhöflich sein. 


„Schon okay. Ich werde Julie sagen, dass du angerufen hast.“


„Danke, Andrea. Wiederhören.“ 


Andrea verabschiedete sich ebenfalls und Libby legte auf. Seufzend streichelte sie Figaro. 


Verdammt. Mit Julie hätte sie jetzt wunderbar über alles reden können. Das hatte sie schon am Wochenende nach ihrer Entführung getan. Sie hatte in London angerufen und Julie erzählt, was passiert war. Das hatte sie gebraucht, es hatte ihr gut getan. In ihrer neuen Schule wollte sie das nicht ausbreiten. Dort hatte sie am ersten Tag gefehlt, was seltsam genug war, aber sie hatte es nicht begründet. So war Julie ihre einzige Verbündete und seit ihrer Entführung im Winter wusste Libby, dass sie der Engländerin vertrauen konnte. Julie war klug und verständnisvoll und lag mit ihr voll auf einer Wellenlänge. 


Es hätte jetzt gut getan, ihr von dem Alptraum zu berichten. Libby hatte ihr schon erzählt, dass Brian sie fast vergewaltigt hätte. Julie hätte jetzt die richtigen Worte gewählt … 


Seufzend stand sie auf und ging wieder ins Haus. Figaro folgte ihr hinein und die ganze Treppe hinauf bis nach oben in ihr Zimmer. Leise schloss Libby die Tür und setzte sich an ihren Laptop. Das Licht des Bildschirms erhellte das Zimmer. Figaro machte es sich mitten in ihrem Bett gemütlich, aber das störte Libby nicht. Vielleicht war er noch da, wenn sie fertig war und sich auch wieder hinlegte. Das hätte ihr gefallen. Ihre persönliche Schmusekatze. 


Sie verzichtete darauf, Musik anzumachen, während sie ihr Mailprogramm öffnete und die letzte Mail von Julie heraussuchte, um darauf zu antworten. So erfüllte nur das leise Klappern der Tastatur die Luft in dem ansonsten stillen Raum. 


 


Hey Julie, 



bestimmt wunderst du dich über meinen Anruf. Ich hatte vorhin einen Alptraum und ich wollte bloß mit jemandem reden, aber hier schlafen ja alle. Es ist halb vier nachts. Ich glaube aber, es tut auch gut, dir einfach nur zu schreiben.


Ich träume manchmal von Brian. Ich weiß, das ist kein Wunder. Vorhin habe ich ihn neben mir gesehen, eigentlich eher über mir, und er hat mich mit dem Messer bedroht. Das ist ja passiert … beschissenes Gefühl, das kann ich dir sagen. Aber du verstehst das ja. 


Ich bin so froh, dass er tot ist. Nach allem, was er und Tyler getan haben, ist es jetzt wenigstens vorbei. Es hätte noch so viel schlimmer ausgehen können. Matt hätte sterben können, eigentlich wollten sie ihn ja umbringen. Es geht ihm inzwischen besser, aber er hat manchmal Probleme beim Sehen. Ich hoffe, das geht wieder weg. 


Irgendwie will ich den beiden das auch gar nicht sagen. Bei Matt wäre es mir peinlich und bei Sadie erscheint es mir unangebracht. Ist wahrscheinlich albern, aber ich bin froh, dass du mir zuhörst und das verstehst. Das ist echt toll von dir. 



Liebe Grüße


Libby


 


Für den Moment wollte sie es dabei belassen. Es wäre einfacher gewesen, am Telefon darüber zu sprechen, aber sie wollte am Nachmittag einen Ausflug mit Sadie und Matt unternehmen und bis sie zurück waren, lag Julie wahrscheinlich schon im Bett. Verdammte Zeitverschiebung. Unter der Woche schafften sie es wegen der Schule nie, zu telefonieren und manchmal klappte es auch am Wochenende nicht. Mails waren da deutlich einfacher. 


Julie würde bestimmt antworten, wenn sie die Mail sah. Das reichte Libby in diesem Augenblick. 


Wenige Augenblicke später schaltete sie ihren Laptop wieder aus und legte sich zu Figaro ins Bett. Dafür musste sie ihn erst schnappen und dann wieder neben sich ablegen, aber das ließ der geduldige Kater sich alles gefallen und blieb schnurrend vor Libby liegen. 


Das Schnurren beruhigte sie. Libby streichelte Figaro noch ein wenig, bis die Müdigkeit sie wieder überfiel und schloss dann die Augen. 


Am Morgen erwachte sie spät. Matt, Sadie und die Kleine waren schon auf den Beinen und bereiteten unten das Frühstück vor, als Libby verschlafen dazu stieß. Gähnend setzte sie sich an den Frühstückstisch. 


„Alles okay?“, fragte Sadie, der Libbys geistesabwesender Gesichtsausdruck sofort auffiel. 


„Ja, alles gut“, sagte Libby und lächelte, um ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen. 


„Du siehst müde aus“, stellte Matt fest. „Soll ich uns Rührei machen?“ 


„Au ja“, sagte Libby begeistert, also verschwand er wieder in der Küche und begann, Eier und Speck zu braten. Als beides laut brutzelte, setzte Sadie sich ebenfalls an den Tisch. Auf ihrem Schoß saß Hayley und versuchte, aller Dinge vor ihr auf dem Tisch habhaft zu werden. 


„Ich habe dich heute Nacht gehört“, sagte Sadie. „Du kannst mit mir reden, wenn du möchtest.“ 


Libby errötete und senkte den Blick. „Es ist nichts. Nur düstere Träume.“ 


„Verstehe. Überleg es dir. Wenn du ein offenes Ohr brauchst – ich bin da.“ 


„Danke“, sagte Libby und lächelte. Im Moment hatte sie jedoch kein Redebedürfnis mehr. 


Sadie beließ es dabei. Sie konnte sich vorstellen, was Libby beschäftigte und ahnte auch, warum das Mädchen es ihr nicht sagen wollte, aber das fand sie unnötig. 


Bis zum Mittag vertrieben sie sich die Zeit im Garten. Libby spielte mit Hayley und half ihr bei ihren beherzten Laufversuchen, Matt reinigte den Grill und Sadie war mit dem Blumenbeet beschäftigt. Diese Ruhe tat ihnen allen sehr gut. 


Nach Hayleys Mittagsschlaf machten sie sich auf den Weg zum Aquarium of the Pacific in Long Beach. Sadie und Matt waren immer rege bemüht, etwas Schönes mit den Kindern am Wochenende zu unternehmen, was beiden Spaß machte. Libby freute sich immer sehr darüber und war den beiden dankbar, dass sie sie so einbezogen und zwischen ihr und Hayley keinen Unterschied machten. 


Abends legten sie noch einen Zwischenstopp bei Pizza Hut ein und fuhren dann nach Hause. Hayley war bereits todmüde und im Handumdrehen eingeschlafen. Libby beschloss, auf ihr Zimmer zu gehen und nahm auf einem Umweg durch die Küche nur noch etwas zu trinken mit. Dann fiel ihr auf, dass beim Telefon auf der Kommode ein Lämpchen für einen verpassten Anruf blinkte. Im Vorbeigehen schaute sie die Anrufliste durch und erkannte die Vorwahl von England. Also hatte Julie es tatsächlich versucht. 


Gespannt lief Libby nach oben und setzte sich an ihren Laptop. Tatsächlich hatte sie schon vor Stunden eine Mail von Julie bekommen, die sie gleich öffnete. 


 


Hey Libby, 



Mum sagte mir, dass du angerufen hast. Vorhin habe ich versucht, dich zu erreichen, aber ihr seid nicht zu Hause. Schade, dass ich heute Mittag weg war, als du es versucht hast. Tut mir leid. Ich hätte gern mit dir geredet, aber dann schreibe ich dir eben. Morgen habe ich eine Klausur in Mathe und du weißt ja, wie sehr ich Mathe liebe … deshalb muss ich noch ein bisschen lernen und rechtzeitig ins Bett. 


Jedenfalls verstehe ich gut, wie es dir geht. Ich hatte das ja auch ein bisschen nach der Sache mit den Russen im Winter. Aber das war anders, glaube ich. Ich kann mir ja vorstellen, wie Brian war und ich glaube, das ist um einiges schlimmer, oder? Bei den Russen war klar, denen geht es nur um Sex und Geld, aber Brian war ja ein echter sadistischer Killer. Ich bin so froh, dass dir nicht mehr passiert ist. 


Aber wenn ich mal ganz blöd fragen darf – warum erscheint es dir unangebracht, Sadie davon zu erzählen? Du weißt, du kannst mir alles sagen, was passiert ist. Bisher hast du das gar nicht, oder? 


Und warum wollten die eigentlich Matt umbringen? Warum haben sie ihn überhaupt mitgenommen? Du sagtest, dass Tyler Evans ihn so gehasst hat, aber wieso? 


Du weißt, du musst mir das nicht sagen, aber dann verstehe ich es besser und kann dir vielleicht helfen. Eigentlich war das alles krasser, als du mir erzählt hast, oder? 


Das Angebot steht. Du kannst auch anrufen, wenn du früher Schule aus hast, vielleicht kriegen wir das unter der Woche mal hin. Oder du versuchst es auf meinem Handy. Wie du magst. 



Fühl dich gedrückt. 


Julie


 


Gerührt las Libby die Mail noch einmal. Julie war ein Engel. Ihr Herz blutete, wenn sie sich bewusst machte, wie weit Julie eigentlich entfernt lebte. Da hatte sie endlich jemanden gefunden, mit dem sie sich blind verstand und dann wohnte Julie am anderen Ende der Welt … 


Aber es stimmte, sie hatte Julie nicht alles erzählt. Sie hatte ihr kurz erklärt, wer Tyler Evans war und dass Tyler und Brian sie entführt und Matt verletzt hatten. Sie hatte auch erzählt, dass Brian geplant hatte, sie zu vergewaltigen und mehrmals kurz davor gestanden hatte. Sie hatte Julie einen groben Abriss dessen geliefert, wie er schließlich versucht hatte, Matt und Sadie zu töten, um dann mit ihr zu fliehen und sie hatte auch berichtet, wie Sadie und Phil ihn gemeinsam zur Strecke gebracht hatten. 


Doch natürlich hatte Julie keine Ahnung, warum Tyler Evans eine Rechnung mit Matt zu begleichen gehabt hatte und sie hatte auch unerwähnt gelassen, was Brian Sadie angetan hatte. 


Bis jetzt. 


Sie überlegte kurz, aber dann beschloss sie, ehrlich zu Julie zu sein. Das war bei der Engländerin auch gut aufgehoben, wie sie wusste. Es würde gut tun, es ihr zu erzählen. 


Libby klickte auf Antworten und begann zu tippen. 


 


Hey Julie, 



jetzt liegst du schon im Bett. Schade, dass wir uns verpasst haben. Ich drücke dir die Daumen für den Mathetest. Das wird schon! 


Es ist so toll, dass ich mit dir über alles reden kann. Mit dir ist das sowieso anders, du bist ja keine Erwachsene. Aber ich will Sadie und Matt nicht damit in den Ohren liegen, die haben genug eigene Probleme. Du hast nämlich Recht, ich habe nicht alles erzählt. Das war in dem Moment nicht wichtig, aber ich weiß ja, du behältst es für dich. 


Ich käme mir albern dabei vor, Sadie zu erzählen, dass ich Alpträume davon habe, wie Brian mir weh tun wollte. Das wäre ihr gegenüber total unangemessen. Ich habe dir doch erzählt, dass Matt Tyler umgebracht hat, um ihn davon abzuhalten, Sadie zu vergewaltigen. Das habe ich nur gehört, ich war nebenan mit Brian. Als es drüben laut wurde, ist Brian rüber gerannt und wollte Tyler helfen, wie du dir denken kannst … und er ist zwei Stunden lang nicht zurückgekommen. 


In diesen zwei Stunden hatte ich Todesangst, dass etwas Schlimmes passiert ist. Ich habe nur gehört, wie Brian rumgebrüllt hat und habe da schon geahnt, dass Matt Tyler umgebracht hat. Aber dann wollte Brian auf Matt losgehen und sich rächen. Er war völlig außer sich. Matt ist zusammengebrochen, er war ja verletzt, und dann war Brian allein mit Sadie. 


Das war die Hölle. Ich habe sie zwei Stunden lang weinen hören. Ich wusste, was Brian mit ihr macht, und dann kamen die beiden irgendwann zu mir und ich habe es ihr einfach angesehen … 


 


Libby musste für einen kurzen Moment aufhören zu schreiben, weil ihr die Tränen kamen. Sie schaffte es nicht, sie zurückzuhalten und gab den Kampf dagegen schließlich auf. Einen Augenblick lang saß sie einfach nur da, bis die Tränen nachließen, wischte sie an ihrem T-Shirt ab und fuhr dann fort, die Mail zu schreiben. 


 


Sie wollte es Matt überhaupt nicht sagen. Ich glaube, inzwischen weiß er es, aber ich kann doch jetzt nicht hingehen und sagen: Ich habe so schlimme Alpträume, weil Brian mich fast vergewaltigt hätte … Mit ihr hat er es gemacht, verstehst du? 


Das fühlt sich immer noch so beschissen an. Ich sitze gerade hier und weine und höre das immer noch. Es war furchtbar. Umso krasser war es, als sie später reingekommen ist und ihm gegenüberstand, um meinetwegen mit ihm zu verhandeln. Sie ist der tapferste Mensch, der mir je begegnet ist! 


Das mit Matt ist eigentlich eine längere Geschichte. Tyler Evans war ja Sadies Fall, das war kurz bevor ich zu den beiden kam. Ein paar Monate vorher wäre Matt fast gestorben, ich glaube, das weißt du gar nicht. Ihn hat eine Frau gestalkt und sie wollte sie beide umbringen – erst Sadie und hinterher Matt, als es ausweglos für sie war. Ich weiß nicht ganz genau, was damals passiert ist, aber sie hat ihm unter anderem den Fuß gebrochen, bloß damit er nicht weglaufen kann. Kannst du dir das vorstellen? Die Frau war vollkommen übergeschnappt. 


Als ich zu Sadie und Matt kam, ging es ihm überhaupt nicht gut. An einem Tag hat er versucht, sich umzubringen. Das war wegen dieser Frau. Er hat sie so gehasst, weil sie ihm so weh getan und Sadie fast getötet hat und ich weiß, dass er sie dafür umgebracht hat. Da muss er völlig neben der Spur gewesen sein. Darunter hat er furchtbar gelitten und es immer bereut. Ihm sind einfach alle Sicherungen durchgebrannt. Ich glaube, wäre Sadie damals nicht schwanger geworden … ich weiß nicht, wie er damit klar gekommen wäre. 


Jedenfalls hat Tyler Evans das rausgekriegt. Er wollte damals Sadie erpressen, damit sie aufhört, gegen ihn zu ermitteln und hat gedroht, Matt wegen Mordes anzuzeigen. Sie hat sich auch vorübergehend aus den Ermittlungen zurückgezogen, um Matt zu schützen. Ich meine, hier in den USA geht es ja in solchen Fällen um die Todesstrafe … 


Geholfen hat es Evans aber auch nicht. Sie haben damals noch versucht, Matt Probleme zu machen, aber zum Glück hat das nicht geklappt, weil es nie Beweise gegen ihn gab. 


Ich hoffe, du denkst jetzt nicht schlecht über ihn. Ich habe das nie getan. Er ist ein guter Mensch. Ich war ja nicht dabei, als er Sadie vor Tyler beschützt hat, aber sie sagte, er konnte kaum stehen. Er wollte einfach nur verhindern, dass Tyler ihr weh tut. 


Und natürlich wollte Tyler sich an ihm rächen. Ich glaube, er war sauer, weil Matt davongekommen ist und er selbst ja als Mörder im Gefängnis war. Ich glaube, die beiden wollten, dass Matt zusieht, wenn Tyler Sadie vergewaltigt, und ihn dann töten. Sie wollten ja auch Hayley einfach nur töten, um die beiden fertig zu machen. 


Es war die Hölle, Julie. Es war einfach furchtbar. Ja, das war anders als mit den Russen, denn hier wussten wir nie, was als Nächstes passiert und was sie sich noch einfallen lassen, um uns zu quälen. Wir könnten jetzt alle tot sein. 


Ich bin so froh, dass Brian Sadie für tot gehalten hat. Das hat uns gerettet. 


So, jetzt weißt du, was passiert ist. Und bitte … das mit Matt darf niemand wissen. Er ist doch mein Dad. 



Ich drücke dich.


Libby


 


Ihre Hände waren eiskalt. Sie las die Mail noch einmal durch, bevor sie sie schließlich mit pochendem Herzen abschickte. Jetzt war es zu spät. 


Hoffentlich dachte Julie jetzt nicht schlecht von Matt. Zwar glaubte Libby es nicht, denn wenn sie sich recht erinnerte, hatte Julies Mutter auch mal jemanden erschossen. Aber es war ein Wagnis. 


Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie zitterte. Diese Mail zu schreiben, hatte ihr einiges abverlangt. Dadurch hatte sich die Erinnerung noch realer angefühlt. 


Sie fand es wirklich lächerlich, dass sie Alpträume hatte, obwohl Brian Sadie vergewaltigt und Tyler Matt so verletzt hatte. Libby selbst hatte noch das größte Glück gehabt, dessen war sie sich bewusst. 


Sie hatte aus dem Verhalten der beiden geschlossen, dass Matt inzwischen wusste, was Brian mit Sadie gemacht hatte. Sadie hatte sich erst sehr zurückgezogen und Matt war spürbar besorgt gewesen, aber inzwischen hatte die Situation sich entspannt. 


 


Sie surfte noch ein wenig im Netz und ging schließlich schlafen. Hoffentlich riss sie wenigstens in dieser Nacht nichts aus dem Schlaf. 




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