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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Die Künstler, Michael Schäfer
Michael Schäfer

Die Künstler


Thriller um Liebe, Schuld und befremdliche Morde

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Selbst für englische Verhältnisse war es brütend heiß. Träge floss das von langen Algenfäden durchwobene Wasser des Kennet-Kanals durch das Vale of Pewsey in Richtung Bristol. Wie müde Schlangen bewegten sich die grünen Schleier unter der mit gleißenden Lichtreflexionen bedeckten Oberfläche. Die bewaldeten Hänge hinter dem Dorf Allington standen im mattem matten Grün der dreiwöchigen, regenlosen Zeit. In den Gärten längs der Hauptstraße blühten Rosen, zahllose freundliche Blumen und Ligusterhecken, welche die Grundstücke zu den jeweiligen Nachbarn abtrennten. Wie ein unsichtbarer Nebel lag an manchen Stellen der einschläfernde Duft von Lavendel. Dutzende von Grillen, vor der sengenden Sonne tief im Gras versteckt, trugen hell zirpend akustische Duelle aus, während ein milchiger Dunst über den Getreidefeldern erhitzt flirrte. Nur wenige vom Meer kommende leichte Brisen brachten etwas Milderung über die pittoreske Landschaft, in die sich der Hochsommer einbrannte.

Das heisere, schleifende Zirpen der Grillen drang auch bis an das Ohr eines Mannes, der schon seit Stunden auf dem Speicher einer Scheune wartete. Eine schier unerträgliche Hitze stand unter dem von der Sonne durchglühten Dach, dessen Balken durch die hohen Temperaturen und der die Trockenheit leise knackten. Der Mann wischte sich zum wiederholten Male seine Stirn und seine Augen mit einem bereits triefnassen Taschentuch ab.

Staubteilchen trieben langsam durch die stickige Luft und leuchteten hell auf, wenn sie in die Lichtstrahlen der Sonne gerieten, die durch einige beschädigte Ziegel auf den Dachboden gelangten.

Ein quälender Durst peinigte den Mann, dessen Wasserflasche an seinem Gürtel schon seit Stunden bis auf den letzten Tropfen geleert war. Seine Zunge klebte ihm am Gaumen, und das Atmen fiel ihm zunehmend schwerer.

Über ihm lief eine kleine Spinne, auf der Suche nach einem Standort für ihr Netz, einen der großen Balken entlang.

Wie schon so oft in den vergangenen Stunden schaute der Mann vorsichtig aus einer ausgesägten, etwa kopfgroßen Öffnung in der Holzwand auf den Eingang des gegenüberliegenden Hauses.

Am Ende des Balkens angelangt, tastete die Spinne nach einem imaginären Gegenstand, auf dem sie ihren Weg fortsetzen wollte. Doch sie war am Ende einer Sackgasse angelangt.

Es tat sich noch immer nichts. Weder vor dem Haus, noch darin. Jedenfalls konnte er nichts erkennen. Er zog seinen Kopf wieder zurück und verfluchte diese mörderische Hitze, seinen Durst und diesen Auftrag. Seine Augen brannten.

Die Spinne drehte sich scheinbar unentschlossen einigemal einige Male um ihre eigene Achse, dann befestigte sie einen Faden an dem groben Holz des Balkens und ließ sich daran langsam und bedächtig, mit weit von sich gespreizten Beinen, herab.

Wieder schaute er auf das Foto zu seinen Füßen, auf dem ein Mann in weißem Jackett, einer Zigarre in der einen und einem Champagnerglas in der anderen Hand, abgebildet war und sich allem Anschein nach köstlich amüsierte. Sein nur stellenweise behaarter Kopf glänzte im Blitzlicht. Dennoch schien er nicht einmal ansatzweise so sehr zu schwitzen, wie es der Mann auf dem Dachboden tat. Und dieser prägte sich nochmals das Gesicht des Feiernden ein. Er durfte sich keine Verzögerung leisten. Ihm standen dabei höchstens die sieben Sekunden zur Verfügung, die er bei zwei vorherigen Observierungen gestoppt hatte.

Geräuschvoll atmete er aus. Wenn er aber nur jetzt endlich kommen würde. Lange würde er es in diesem Glutofen nicht mehr aushalten.

Ein Schweißtropfen fiel auf das Foto. Die befeuchtete Stelle der Oberfläche quoll augenblicklich auf.

Langsam um sich selbst kreisend, senkte sich die Spinne weiter an ihrem Faden ab, bis sie plötzlich wieder festen Boden unter ihren acht Füßen spürte. Sie kappte den Faden und begann ihre neue Umgebung zu erkunden. Holz war es nun nicht mehr, auf dem sie sich jetzt bewegte. Es war ein zylinderförmiger, metallischer Gegenstand, an dessen Enden jeweils etwas Gläsernes eingesetzt war. Dies erregte die Neugierde der Spinne. Sie sprang vom gummierten Endrand des Zylinders auf die spiegelnde Glasfläche. Dies würde bestimmt auch Beuteinsekten anlocken, sagte ihr der Instinkt.

In diesem Moment schaute der Mann zur Kontrolle der Visiereinrichtung durch das Zielfernrohr und wunderte sich über die plötzliche Eintrübung, die sich außerdem zu bewegen schien. Auf seinen schmerzenden Knien rutschte er etwas nach vorne, um sich die Eingangslinse des Zielfernrohrs zu betrachten.

Als er die Ursache der Eintrübung erkannte, entspannte sich die Miene des Mannes. Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Dann führte er vorsichtig die Hand in die Nähe der Spinne, die nach kurzem Zögern auf die Fingerkuppe überstieg. Mit einer langsamen Bewegung legte er die Spinne auf dem mit einer Staubschicht bedeckten Holzboden ab.

Nun doch erschrocken, verschwand sie die Spinne im erstbesten Spalt, der sich auf ihrem Fluchtweg auftat.

Der Mann schaute ihr nach, bis sie verschwunden war. Dann wischte er sich mit seinem Unterarm über die Stirn und kontrollierte bestimmt zum zwanzigsten Mal an diesem Nachmittag die Einstellung des Zielfernrohrs, das auf dem eigens für ihn angefertigten Präzisionsgewehr befestigt war. Auf einem Dreibein schwenkbar montiert, zeigte der Schalldämpfer am Ende des Gewehrlaufs genau in Richtung Eingangsbereich des gegenüberliegenden Hauses. Die langsam hinter der Scheune sinkende Sonne tarnte durch den Schatten des überhängenden Giebels die Öffnung in der Giebelwand nahezu perfekt.

Vorsichtig setzte der Mann sich auf den Boden, streckte seine müden Beine aus und schloß schloss für einen Moment seine brennenden Augen. Wie schön wäre es, etwas schlafen zu können. Einen Moment lang kämpfte sein Pflichtbewußtsein Pflichtbewusstsein gegen das übermächtige Verlangen nach etwas Entspannung. Letzteres gewann. Er würde es schon hören, wenn sie den Wagen vorfahren.

Die nächsten Stunden verbrachte er in einer Art Dämmerzustand, in dem er jedem auffälligen Geräusch zu lauschen versuchte. Dabei musste er sämtliche Selbstdisziplin aufwenden, um nicht einfach einzuschlafen.

Die Sonne näherte sich immer mehr dem Horizont, und die Schatten der Häuser, Bäume und der sanften Hügel des Vales wurden immer länger. Nur sehr langsam kühlte die Luft ab.

Stunden waren vergangen, als unverhofft frische Luft durch die Öffnung in der Wand strömte und die Lebensgeister des Mannes aus ihrem Halbschlaf weckte. Er atmete tief ein. Die milde Brise roch nach Meer.

Als er sich aufrichten wollte, stieß er sich auf halbem Wege an dem niedrigen Giebel schmerzhaft den Kopf. Leise stöhnend sank er wieder auf die Knie. Während er seine Stirn betastete, stellte er fast erschrocken fest, dass es inzwischen dunkel geworden war. Er blickte auf die Leuchtziffern seiner Armbanduhr: 22 Uhr 10. Sollte er die Abfahrt verpaßt verpasst haben?

Auf dem Bauch liegend, robbte er durch den Staub zu der Öffnung und spähte vorsichtig auf die Straße. Kein Mensch und kein Auto waren zu sehen. Allington wirkte wie eine Geisterstadt. Vermutlich hielt sich fast die gesamte Einwohnerschaft in ihrem Sommerurlaub an der Südküste auf. Nur das Haus gegenüber schien auffällig belebt, denn dort brannten in fast allen Zimmern die Lichter.

Erleichtert atmete der Mann aus. Sie waren also noch da. Allerdings waren die Lichtverhältnisse für seine Zwecke mittlerweile ungenügend. Er griff nach seinem Rucksack, der unter dem Dreibein stand, und zog einige in weichem Stoff eingeschlagene Gegenstände hervor. Einer davon war eine kleine Taschenlampe mit einem Clip, die er an dem Dreibein befestigte. Den Dimmschalter der Lampe stellte er auf der kleinsten Stufe ein. Dann nahm er das Zielfernrohr vom Gewehr ab, packte es ein und verstaute es in seinem Rucksack. Anschließend wickelte er die Infrarot-Zieleinrichtung aus ihrer Stoffbahn, montierte sie auf dem Gewehr und kontrollierte ihre Funktion.

Behutsam lud er ein Hohlmantengeschoß Hohlmantelgeschoss aus dem Magazin in den Lauf und aktivierte die Zieleinrichtung. Konzentriert spähte er zu dem Haus und dessen Fenstern hinüber. Schatten und Bewegungen waren hinter den erleuchteten Gardinen auszumachen.

Nach einer weiteren halben Stunde gingen in einigen Zimmern des oberen Stockwerkes die Lichter aus. Schließlich rollte eine dunkle Mercedes-Limousine mit eingeschaltetem Standlicht aus einer Seitengasse vor das Haus. Es war nur das Knirschen einiger Kiesel zu hören, als der gepanzerte Wagen zum Stillstand kam.

Nun musste alles sehr schnell gehen. Er nahm die Taschenlampe ab und warf sie in den Rucksack, den er aufsetzte. Dann rutschte er auf seinen Knien zu dem aufmontierten Gewehr.

Dann wurde die Haustür geöffnet. Zwei der vier Bodyguards und ein Mitarbeiter der Zielperson traten auf den kurzen, mit einigen Stufen versehenen Plattenweg. Gelbliches Licht drang aus der Türöffnung zwischen den Männern hindurch. Sie sahen sich aufmerksam um.

Das Herz des Mannes begann vor Aufregung heftig zu hämmern.

Maximal sieben Sekunden!

Einer der Bodyguards gab ein Zeichen in das Innere des Hauses.

Der Mann entsicherte und legte gleichzeitig den Schalter der Zieleinrichtung um. Ein unsichtbarer Strahl infraroten Lichts wurde in die Nacht geschickt, den der Mann in seinem Zielfernrohr deutlich als hellen Punkt ausmachen konnte.

Dann trat die Zielperson vor das Haus. Auch ohne weißes Jackett, Zigarre und Champagnerglas erkannte der Mann sie sofort.

Zwei Sekunden waren bereits verstrichen.

ADer Mann auf dem Dachboden spannte der Mann seinen Körper an, kniff sein linkes Auge zu und lenkte seine ganze Konzentration allein auf das, was ihm der rötlich leuchtende Ausschnitt des Visiers an Informationen lieferte.

Dies kostete ihn eine weitere Sekunde.

Die Zielperson begann nun im Kreise ihrer Bodyguards ohne Eile den Plattenweg entlang zu schlendern.

Noch drei Sekunden und vier Meter bis zum gepanzerten Wagen.

Behutsam und jede Hektik vermeidend, schwenkte der Mann das Gewehr in Position. Im Fadenkreuz des Visiers zeichnete sich deutlich ein hell leuchtender Punkt auf dem mit schütterem Haar bedeckten Kopf ab.

Noch zwei Sekunden und zweieinhalb Meter.

Der rechte Zeigefinger des Mannes zog den Abzug bis zum Druckpunkt durch. Er preßte presste seine Schulter gegen den Gewehrkolben.

Noch eine Sekunde und eineinhalb Meter.

Als die Zielperson vor dem geöffneten Wagenschlag für einen Augenblick verharrte, um sich eine Zigarre anzuzünden, dachte der Mann an dem Gewehr noch, dass Rauchen wirklich die Gesundheit gefährdet, und drückte ab.

Ohne einen Laut kippte die Zielperson einfach nach hinten weg, auf den nun mit Blut und Gehirnmasse bespritzten Plattenweg. Die Bodyguards, schlagartig mit der schlimmsten für sie vorstellbaren Situation konfrontiert, schrieen sich ihre einstudierten Anweisungen zu. Einer von ihnen schützte den Mitarbeiter der Zielperson, während die anderen, geduckt neben dem Gehweg kniend, mit gezogenen Waffen ein mögliches Ziel in der Dunkelheit suchten.

Eine Person brachte geistesgegenwärtig große Taschenlampen aus dem Haus, mit denen die Männer aufgeregt begannen sich Übersicht zu verschaffen. Ein Lichtstrahl traf den ausblutenden Körper der Zielperson. Daraufhin hörte der Mann auf dem ScheunenbodenSpeicher der Scheune deutlich, wie sich einer der weniger abgebrühten Bodyguards geräuschvoll übergab.

Plötzlich war eine der Lampen auf den Giebel der alten Scheune gerichtet. Der Mann prallte zurück und fiel schmerzhaft auf den aufgesetzten Rucksack. Der Lichtstrahl blieb einen Moment auf die Öffnung in der Giebelwand gerichtet und zauberte gespenstig wandernde Schatten in das Gebälk. Mit heftig pochendem Herzen wartete der Manner, bis sich die Lampe ein anderes Ziel gesucht hatte.

Aber die Bodyguards waren mißtrauisch misstrauisch geworden. Ihre Erfahrung sagte ihnen, dass der Schuß Schuss mit größter Wahrscheinlichkeit von dort oben gekommen sein musste.

Und als ob er ihre Gedanken hätte erraten können, sah der Mann zu, dass er schleunigst verschwand. Er riß riss den Bolzen am oberen Ende des Dreibeins heraus, nahm das Gewehr ab, hängte es um, klappte den Dreibein zusammen und steckte diesen hinter seinen Gürtel.

Unten auf der Straße liefen die Bodyguards bereits zu der windschiefen Tür der Scheune, die der Mann ein Stockwerk weiter oben am Morgen bewußt bewusst aufgeschlossen hatte. Man konnte durch diese zwar vorne herein, aber hinten nicht heraus, da der Mann die Hintertür mit einem schweren Holzbalken blockiert hatte. Das sollte die Verfolger lange genug beschäftigen.

Mit schnellen Schritten eilte der Mann der großen Giebeltür am entgegengesetzten Ende des Dachbodens zu. Am äußeren Ende des Giebelbalkens war eine Umlenkrolle befestigt, an der ein Seil sanft im aufgekommenen Wind pendelte. Das Seil führte nach unten und endete an einem groben Baumwollsack, der mit Sand gefüllt war. Und dieser Sack wog exakt das gleicheGleiche, wie der Mann auf die Waage brachte.

Er nahm das Seil der Umlenkrolle fest in beide Hände und stieß sich ab. Mit leisem Quietschen der Rolle sank er durch das Mehrgewicht seiner Ausrüstung rasch in die Tiefe. Auf halbem Weg begegnete er seinem aufsteigenden Gegengewicht.

Kurz bevor er auf dem staubigen Hofboden aufkam, sprang der Mann ab und hechtete zur Seite. Mit einem dumpfen Schlag prallte der schwere Sandsack keinen Meter von ihm entfernt zu Boden.

Hastig Der Mann riß riss er die Fondtür seines dort parkenden Rover auf, warf seine Ausrüstung auf die Sitzbank und setzte sich hinter das Steuer. Eine Staubschleppe hinter sich herziehend, schoß schoss der Wagen aus dem verlassenen Bauernhof.

Ein Scheinwerferstrahl aus der Scheune traf den aufgewirbelten Staub, konnte den fliehenden Wagen aber nicht mehr erfassen, da dieser gerade um eine Ecke gebogen war.

AllerdingsEigentlich hatte der Mann damit gerechnet, dass alle Bodyguards, wütend nach Vergeltung für ihr Versagen fordernd, die Scheune stürmen würden. Doch er hatte sich getäuscht. Denn Aals er mit seinem Wagen auf die Hauptstraße schleuderte, konnte er im Rückspiegel zwei Personen auf der Straße ausmachen, die aufgrund seiner auffälliger auffälligen Fahrweise sofort die richtigen Schlüsse zogen.

Nur Sekunden später liefen die anderen Bodyguards aus der Scheune, sprangen in den noch immer wartenden Mercedes und nahmen die Verfolgung auf.

Mit waghalsiger Geschwindigkeit donnerte der Rover die schmale Landstraße nach Bishop Cannings entlang. Plötzlich flammten hinter ihm die heftig schwankenden Scheinwerfer eines schnell näher kommenden Fahrzeugs auf.

Mit einsetzender Nervosität musste der Mann in seinem Rückspiegel das rasche Herannahen seiner Verfolger beobachten. DamitEr hatte musste sich eingestehen, dass erer damit nur bis zu einem gewissen Grad gerechnet hatte.

Der Mercedes war zwar durch seine Panzerung ein Schwergewicht, aber nicht gerade untermotorisiert. Auch gab es auf der Straße nach Bishops Canning nur wenige scharfe Kurven, die den großen Wagen hätten ausbremsen können.

Der Mann trat noch etwas beherzter auf das Gaspedal, was der Rover bereits in der folgenden leichten Kurve mit gequältem Reifenquietschen und einem ausbrechenden Heck quittierte. Fast quer stehend, unter heftigem Gegenlenken, brachte ersein Fahrer ihn auf der anschließenden Geraden wieder unter Kontrolle. Sein Herz raste. Dieser Nervenkitzel machte ihn jedesmal jedes Mal fast wahnsinnig.

Auch der Mercedes schlingerte gewaltig durch die Kurve. Seine auf Fernlicht geschalteten Scheinwerfer tasteten wild durch die Nacht.

Er war nur noch etwa 50 50 Meter vom Heck des Rover entfernt, als Mündungsfeuer aufblitzte. Wie Silberregen zerstob das Glas des rechten Außenspiegels, dann folgte ein weiteres Aufblitzen. Doch das Projektildie Kugel verfehlte seinihr Ziel und flog in die Nacht.

Entschlossen griff der Mann in den Beifahrer-Fußraum und zog die Plane über einen einem Gegenstand weg, der auf den ersten Blick wie eine Videokamera mit einem Helm wirkte. Nur mit den Knien lenkend, setzte er sich das Nachtsichtgerät auf den Kopf und zog die Riemen fest. Dann schaltete er das Fahrlicht aus und griff wieder ins Lenkrad, um den Wagen um die nächste Biegung zu zwingen. Mit einem weiteren Griff unter das Armaturenbrett setzte er die Bremsleuchten außer Funktion. Sein Blick durch das Nachtsichtgerät zeigte die Landschaft und Straße vor ihm, wie von einem unnatürlich hell strahlenden Vollmond in grünliches Licht getaucht.

Der Mann beschleunigte stärker und begann, so weit es die Reichweite des Nachtsichtgerätes zuließ, den Straßenrand nach einer Einmündung abzusuchen, die zum einen mit hoher Geschwindigkeit passierbar und zum anderen asphaltiert war - – eine Staubfahne würde sein Abbiegen verraten. Er ärgerte sich dabei über sich selbst, sich nicht schon während der Vorbereitung auf den Auftrag danach umgesehen zu haben. Er hatte sehr nachlässig recherchiert. Nun musste er auf einen glücklichen Zufall hoffen.

Wieder hatte er etwas Vorsprung gewonnen, als er in die nächste Kurve einfuhr. Und hinter dieser Kurve mündete ein asphaltierter Seitenweg in einem sanften Bogen auf die Hauptstraße.

Blitzschnell schaute der Mann in den Rückspiegel. Den Mercedes konnte er in diesem Moment nicht ausmachen, da er gerade die Kurve durchfuhr. Folglich konnten sie ihn ebenfalls nicht sehen.

Er biß biss die Zähne zusammen und riß riss den Wagen hart nach rechts. Heftig übersteuernd, schoß schoss der Rover, einige Büsche streifend, in den Seitenweg, polterte über den mit Schlaglöchern übersäten Asphalt und befand sich dann plötzlich auf einem Feldweg. Der Fahrzeugboden glitt hörbar über die Grasnarbe, dann kam eine Bodenwelle. Der Wagen hob mit aufheulendem Motor kurz ab, schlug mit einem dumpfen Geräusch wieder auf und stellte sich danach schleudernd auf einer Wiese quer. Ein paar Meter schlitterte er noch über das Gras, dann kam er zum Stillstand.

Einige Sekunden verstrichen.

Der Motor brummelte noch leise im Leerlauf, als der Mann das Nachtsichtgerät abnahm und vorsichtig nach hinten spähte. Es war nichts zu erkennen. Aber im Laub der Bäume, welche weiter oben die Landstraße beidseitig säumten, konnte er wandernde Lichtreflexeionen ausmachen, die sich schnell von ihm entfernten.

Erleichtert atmete der Mann aus. Diesmal war es wirklich äußerst knapp gewesen.

Langsam fuhr er den Rover hinter eine kleine Baumgruppe und schaltete mit noch zitternden Fingern den Motor ab. Er öffnete das Handschuhfach und öffnete eine frische Flasche Wasser, die er in fast einem Zug leerte. Für einige Sekunden blieb er noch sitzen, dann stieg er aus, atmete einmal tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Die frische und kühle Nachtluft tat gut.

Es war nur noch vereinzelt das Gezirpe der Grillen zu hören. Ein paar Glühwürmchen mit ihrem kalten Licht taumelten durch das Geäst der sich schwach gegen den Himmel abzeichnenden Bäume. Am westlichen Horizont war schwaches Flackern zu erkennen. Ein Gewitter nahte.

Der Mann griff sich den Rucksack aus dem Fond, entnahm die Clip-Taschenlampe und hängte sie sich um den Hals. Dann nahm er einen Schraubenzieher und tauschte die gefälschten Nummernschilders des Rover gegen die Originale aus. Die Fälschungen verschwanden unter dem Dachhimmel im Innenraum. Anschließend schraubte er die Innenverkleidungen der hinteren Türen ab, zerlegte das Gewehr und verstaute dieses, zusammen mit dem Infrarot-Zielgerät, hinter den Verkleidungen. Seine verschwitzte Kleidung tauschte er gegen eine leichte Stoffhose und ein Baumwollhemd. Die gebrauchte Wäsche verschwand, wie auch die Schuhe, im aufklappbaren Reifen des Ersatzrades. Während er sich eine Krawatte umband, schlüpfte er in ein paar schwarze Slipper.

Schließlich zog er noch die Wählt Labour!- und Stoppt Tierversuche!-Aufkleber von der Heckklappe und das schwarze Isolierband von den Reflektoren der Rücklichter. Auf die blanken Stellen warf er noch etwas von der staubigen Erde zu seinen Füßen, welche die Grasnarbe der Wiese in unregelmäßigen Abständen durchbrach.

Leises Knacken und Knistern drang aus dem Motorraum des Rover, in dem der Achtzylinder langsam abkühlte. Ein leichter Geruch von heißem Metall lag in der Luft.

Dieses Spiel hatte der Mann auch diesmal wieder gewonnen. Doch jetzt war es vorbei.

Er schlenderte auf der Wiese unter dem noch sichtbaren Sternenhimmel in Richtung des aufkommenden Gewitters. Er wartete auf die tiefe Befriedigung, die ihn nun eigentlich durchdringen sollte. Aber sie fehlte.

Es hatte doch alles wunderbar geklappt. Der Auftrag war erfüllt, niemand hatte ihn dabei erwischt oder erkannt, und auch das Zeitlimit hatte er eingehalten. Mr. Smith würde hoch zufrieden mit ihm sein. Somit war doch eigentlich alles in bester Ordnung.

Doch seine Euphorie der vergangenen Minuten war rückstandslos verraucht, einfach so. Zurückgeblieben war nur noch eine unangenehm kalte Leere, die sich in ihm ausbreitete.

Das Wetterleuchten kam immer näher. Merkwürdige Gedanken durchzuckten sein Hirn, so wie die Blitze die Wolkenbänke. Er hatte Gewitter schon immer gemocht. Man wurde von dieser unkontrollierbaren Naturgewalt auf die Bedeutung eines Sandkornes reduziert.

Er ging einige Schritte weiter und konnte in der Ferne die Lichter von Defizes ausmachen, auf dessen Dächer wohl bereits die ersten Regentropfen trommelten. Wie viel Menschen sich nun, geschützt vor den Unbilden des Wetters, geborgen fühlend in ihren Betten räkelten, Pärchen sich aneinander schmiegten oder sich vielleicht sogar in diesem Moment liebten.

Der Mann runzelte die Stirn.

Hör auf!, dachte er irritiert. Trotz der frischen Luft bekam er plötzlich das beklemmende Gefühl, kaum noch Atmen zu können. Sein Hals kam ihm wie zugeschnürt vor.

Was ist mit mir??

Mit verständnislosem Gesichtsausdruck lockerte er den Krawattenknoten. Sein Herz krampfte sich zusammen. Er begann zu laufen. Ein aufkommendes, panisches Gefühl der PanikAngstgefühl zog Fäden durch seinen ganzen Körper.

Er lief weiter, sein Atem kam gepreßt gepresst und stoßweise. Er wollte laut schreien, doch er wußte wusste nicht was. Die ganze Anspannung der letzten Wochen löste sich in einem gequälten Stöhnen. Der Mann blieb stehen, keuchend, nach Luft schnappend, und fühlte sich unendlich leer.

Was ist denn los mit mir??, dachte er atemlos.

Wieder kroch dieses lähmende Gefühl in ihm hoch, das ihn in den letzten Monaten schon so oft heimgesucht hatte und sich einfach nicht vertreiben ließ. Diese Leere, diese Gleichgültigkeit, diese klamme Einsamkeit und Sehnsucht nach Wärme. Er fühlte sich wie eine dünne, menschliche Hülle, ohne Inhalt, ohne Leben –- einfach nur Leere, tiefe, schwarze Leere.

In seinem Kopf wirbelten die Emotionen wild durcheinander. Alles raste; das Herz, der Atem, die Gedanken. So hatte er sich selbst noch nie erlebt. Es machte ihm große Angst. Mit beiden Händen hielt er sich seinen Kopf, als ob er ihm jeden Moment platzen wollte.

>>»Du darfst die Kontrolle nicht verlieren!<<«, sagte er laut und deutlich zu sich selbst. Das half. Er richtete sich auf, zwang sich zu ruhigen Atemzügen und ging dann bedächtig, aber entschlossenen Schrittes, zu seinem Wagen zurück.


>»>So ist es gut<<«, sprach er dabei im Flüsterton. >>»Es ist alles in Ordnung.<<« Seine verkrampften Arme vollführten hilflose Gesten. >>»Denk doch zum Beispiel an das Bild, das du noch beenden musst.<<« Er klatschte in die Hände. >>»Ja, das Bild! Der Kunde will es bald abholen.<<«

Ja, genau das Bild, dachte er. Das muss ich noch beenden. Danach werde ich noch viele malen. Ich habe immer etwas zu tun und kann mich dadurch ablenken.

Eine entschlossene Miene legte sich auf sein Gesicht.

Ich muss endlich lernen, meine Gedanken zu beherrschen.

Er holte tief Atem und nickte in sich hinein.

Es ist alles wieder in Ordnung, kein Problem.

Dunkles Grollen und gleißendes Licht weckten ihn aus seinem Selbstgespräch. Er blickte mit einem Gesichtsausdruck zum Himmel auf, als ob er nicht wüsste, wie er hierher gekommen war.

Die sich inzwischen über ihm auftürmenden Gewitterwolken erhellten mit ihren bläulich- weißen Blitzen für Sekundenbruchteile die Landschaft, die dadurch merkwürdig irreal erschien. Der Sternenhimmel war längst hinter den bedrohlichen Wolkenbänken verschwunden. Erste Regentropfen fielen auf den staubtrockenen Boden. Das beruhigende Zirpen der Grillen war verstummt, das Funkfeuer der Glühwürmchen erloschen.

Hastig lief der Mann die letzten Schritte zum Wagen, stieg ein und startete den Motor. Nur mit Standlicht rollte er im Schritttempo den Feldweg zurück, bis er wieder auf die Landstraße stieß. Dort fuhr er auf, schaltete das Abblendlicht zu und das Radio ein.

Es ist alles wieder in Ordnung, sagte er sich, als er auf die Landstraße A 342 in Richtung Chippenham abbog. Es gibt keine Probleme.

Der einsetzende Gewitterregen begann heftig auf den Wagen niederzuprasseln, während eines der Wischerblätter mit nervtötender Gleichmäßigkeit über die Scheibe schrubbte und halbkreisförmige Schlieren hinterließ. Nur noch ein paar Meilen, dann würde er wieder zu Hause sein.

Bei seiner zweiten Identität.

Und bei dieser gab es ja immer genug zu tun.

Müde blickte er aus der Seitenscheibe.

Beispielsweise musste sie sich einen neuen Außenspiegel besorgen.
© 2007 by Michael Schäfer – alle Rechte beim Autor


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