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> Krimi Thriller > Die Katze und das Projekt Omega
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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Die Katze und das Projekt Omega, Dan Gerrit
Dan Gerrit

Die Katze und das Projekt Omega


ein packender Mysterythriller

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Nur undeutlich zeichnete sich die Silhouette des Mannes vor dem Hintergrund der kalten Winternacht ab. Er stand am Rande eines weitläufigen, von hohen Laternen ausgeleuchteten Parkplatzes. Durch das unirdische, orangefarbene Licht der Natriumdampflampe erschien die verwaiste Asphaltfläche wie ein Ort aus einer anderen Welt. Es hob die Umrisse der achtlos auf den Asphalt geworfenen Flugblätter, Taschentücher und Fast Food Kartons überdeutlich hervor, die Farben jedoch gingen in diesem Licht verloren. Was übrig blieb, floss ineinander zu einem undefinierbaren Ton irgendwo zwischen Braun und Gelb. In diesem fremdartigen Zwielicht konnte sich die Welt in all ihrer sonst erschreckenden Klarheit verstecken. Hinter den Sträuchern begann das Niemandsland, gesichtslose Industrieanlagen, deren graue Fassaden in der Nacht nur gewinnen konnten.


Doch das störte Anthony nicht, weder der Verlust der Farben noch die Klarheit machten irgendeinen Unterschied, als er seine zitternde Hand mit der Zigarette an die Lippen führte und den Rauch gierig bis in die Lungen hinunter sog. Wärme breitete sich in Wellen durch seinen Körper aus. Dabei schloss er seine brennenden Augen und genoss die Dunkelheit hinter den Lidern. Er hielt den Atem für ein paar Sekunden an, ehe er verächtlich eine weiße Rauchwolke aus seinen Nasenlöchern blies. Mit gerunzelter Stirn folgte er ihrer Bahn, bis sie sich in Nichts aufgelöst hatte und sein Atem schon die nächste Wolke formte. Während die Zigarette Stück um Stück kleiner wurde, nahm er den Parkplatz vor sich in Augenschein. Tagsüber war der Baumarkt mit dem angegliederten Fastfoodrestaurant ein beliebter Treffpunkt für alle möglichen Leute. Die Heimwerker kamen in Scharen hierher, weil sie die Grundsubstanzen für ihre Hobbys brauchten, Familien besuchten mit ihren Kindern das Restaurant, obwohl es hier die zuckerhaltigen Getränke und fettigen Burger gab. Bei genauerem Hinsehen bemerkte er zwischen den obligatorischen Pappkartons, alten Kaugummis, Zigarettenstummeln und Rechnungsbelegen sogar ein paar gebrauchte Kondome. Anthony schüttelte den Kopf und schnaubte angewidert in die Nacht. Was für Leute ließen gebrauchte Kondome auf einem Parkplatz zurück? Wer auch immer so etwas tat, war schon lange verschwunden. Nicht ein einziges Auto stand auf den vielen dafür vorgesehenen, mit weißen Linien umrandeten Plätzen. Einzig ein Einkaufswagen prangte völlig verlassen mitten auf der Asphaltfläche. Eines der übergroßen Modelle aus dem Baumarkt. Mit zusammengekniffenen Augen fixierte er das Gestell. Der Münzapparat am Griff schien noch intakt zu sein, unaufgebrochen. War da vielleicht noch eine Münze drin? Nachdenklich sog er den Rauch seine Bronchien hinunter, ließ die aufkeimende Idee aber wieder fallen. So tief war er nun wirklich noch nicht gesunken.


Das aufdringliche Gefühl eines Déjà-vus hatte schon den ganzen Tag in seinem Kopf herumgespukt, aber hier und jetzt wurde es besonders stark. „Seltsam“, sagte er zu sich selbst, „das alles kenne ich doch.“ Manchmal hatte er das Gefühl, in einer Endlosschleife festzustecken. Fröstelnd schnippte er den beinahe aufgerauchten Zigarettenstummel weg und zog den schwarzen Mantel enger um seinen hageren Körper. Wieder ein bisschen Gewicht verloren, stellte er fest. Lautlos schlugen die Reste seiner Zigarette auf dem Asphalt auf, Funken stoben in alle Richtungen wie aufgescheuchte Feuermotten. Anthony nickte dem Parkplatz ein letztes Mal zu und ging weiter. Weg von der Natriumdampflampe und ihrem unheimlichen Licht.


Sein Weg verlief durch das Industriegebiet, ein in der Nacht praktisch totes Viertel der Stadt. Die Straßen waren für Zulieferer gedacht und führten nirgendwo sonst hin. Niemand fuhr dort hinunter, wenn er keinen guten Grund hatte und so blieb ihm viel Zeit, um über sich und die Einsamkeit nachzudenken. Eigentlich mochte er die Nacht nicht besonders. Dem Tag zog er sie aber trotzdem allemal vor. Einst hatte er das Sonnenlicht gemocht, doch das war schon unendlich lange her. Wenn er jetzt an diese Zeit dachte, erkannte er sich selbst kaum wieder. Seine Finger begannen noch ein bisschen heftiger zu zittern. Ungeschickt zog er das Päckchen Zigaretten aus seiner Manteltasche. Einer der weißen Stängel glitt ihm einfach so durch die Finger. „Verdammt“, fluchte Anthony. Natürlich war der Glimmstängel in eine Pfütze gefallen. Zu rauchen war der nicht mehr. Bei der zweiten Zigarette klappte es schließlich, und er schob sich den Filter zwischen die Lippen. Dabei starrte er auf seine Hände und wartete, bis das Zittern etwas nachließ. Die breite, leere Straße machte ihn nervös. Ja, das musste es sein.


Er ging noch eine Weile die große Industriestraße entlang, ehe er an der ersten kleinen Seitenstraße abbog. Alte Wohnhäuser ragten links und rechts von ihm auf. Wahrscheinlich die Überbleibsel einer Arbeitersiedlung aus besseren Tagen, als in dieser Gegend Tausende von Menschen in Lohn und Brot gestanden hatten. Die rauchgeschwärzten Wände warfen das Klappern seiner Schuhe unnatürlich laut zurück. Irgendwie erinnerte ihn das Geräusch an einen alten Krimi. Einer von denen, die noch in Schwarz-weiß produziert worden waren. Da war auch ein Mann durch eine Gasse gegangen und seine Schritte hatten fast gleich geklungen. Mit dem einen Unterschied, dass sich in dem Film noch jemand in der Dunkelheit verbarg. Ein Mörder, dessen Schritte vom Echo des Verfolgten übertönt worden waren.


Beim Gedanken an diesen Film fühlte er sich plötzlich beobachtet. Natürlich war das absurd, und er musste selbst ein wenig schräg grinsen bei dem Gedanken. Hier war er: alleine, unrasiert und leicht angetrunken. Wer um alles in der Welt sollte ihn schon verfolgen wollen? Anthony sah sich um. Da war niemand. Er hob den Kopf, aber über ihm schimmerte nur ein schmaler Spalt Nachthimmel zwischen den Dächern der Häuser. „Krieg dich wieder ein. Du bist allein“, schalt er sich selbst. Dennoch blieb er nach ein paar Metern stehen und lauschte. Das letzte Echo seiner Schritte prallte von den Wänden ab und verpuffte in der Nacht. Mit angehaltenem Atem hielt er inne und lauschte. Stille. Nur das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Beruhigt atmete er auf. Die Nacht war kalt und still, so wie man es erwartete. Ohne es selbst gemerkt zu haben, hatte er begonnen, schneller zu atmen. Flach. Es fiel ihm erst auf, als ihm die Puste auszugehen begann. Durch den offenen Mund saugte er mehrmals Luft tief in seine Lungen hinunter. Fast augenblicklich folgte ein Hustenanfall. Manchmal bereitete ihm das Atmen Schwierigkeiten, vor allem, seit er begonnen hatte, so viel zu rauchen. Zu viel, wie sein Arzt mit sorgenvollem Gesicht gemeint hatte.


Die keuchenden Hustenstöße putzten seine Bronchien durch. Oder zumindest stellte er sich vor, dass sie das taten. Der verdammte Film geisterte immer noch in seinen Kopf herum, obwohl schon der Grundgedanke dahinter lächerlich war. Geldtasche hatte er keine dabei. Seine abgewetzte Kleidung war weniger wert als das, was die Heilsarmee gratis ausgab. Es gab absolut keinen Grund für irgendwen, ihn zu überfallen. Nichtsdestotrotz lauschte er noch einmal in die Nacht hinaus. Nichts als Stille.


Er wollte schon weitergehen, als ein Schatten über die Hauswand rechts vor ihm huschte. Aus einem Reflex heraus wirbelte er herum und schluckte trocken. Die Gasse hinter ihm war leer, bis auf eine schneeweiße Katze. Das Tier hockte aufrecht auf dem Kopfsteinpflaster und beobachtete ihn. Anthony kniff die eisblauen Augen etwas zusammen. Ein schönes Tier mit makellosem Fell, soweit er das von dort aus sehen konnte. Mit beiden Händen fuhr er sich durch die Haare, eine Wolke aus Nikotingeruch von seinen gelben Fingerspitzen zog an seiner Nase vorbei. Die Augen der Katze fixierten ihn. Dabei leuchteten sie im fahlen Sternenlicht bernsteinfarben auf. Unsicher räusperte er sich. Langsam wurde es unheimlich, das Tier starrte ihn unverwandt an.


Anthony fuhr sich mit der linken Hand unter der Wollmütze durch die verfilzten Haare und versuchte zu lächeln, wusste aber nicht mehr so ganz, welche Muskeln er dafür brauchte. Eine streunende Katze macht dir Angst, dachte er. Es wurde wohl wirklich ernst. Das Tier auf dem Weg hinter ihm schien nicht die geringste Absicht zu haben, sich von der Stelle zu rühren. Ganz im Gegenteil. Es legte den Kopf schief, in einer Geste, die bei einem Menschen wohl als so etwas wie mildes Interesse interpretiert worden wäre. Anthony drehte sich langsam um. Das seltsame Gefühl verschwand aber nicht. Zwei heiße Punkte brannten sich in seinen Rücken, genau dort, wo er sich den stechenden Blick der Katze vorstellte. Etwas beunruhigt sah er über seine Schulter zurück. Regungslos wie eine Statue saß sie immer noch genau an derselben Stelle. Er rümpfte die Nase. War das ein normales Verhalten für eine Katze gegenüber einem Fremden?


In seinem Kopf stiegen absurde Bilder auf. Er sah das Tier vor sich sitzen wie eine Porzellankatze auf dem Kamin, mit gespitzten Ohren. Der Katzenmund öffnete sich als ob sie sagen wollte: „Komm, mein Freund, nimm mich mit, ich gehöre zu dir.“ Er schüttelte den Kopf, versuchte den klebrigen Gedanken loszuwerden. Ein dumpfer Schmerz kroch von seinen Schläfen aus seinen ganzen Schädel entlang. Anthony sah grimmig zu dem Tier. Auf keinen Fall kam es mit ihm mit. Und überhaupt. Irgendetwas stimmte nicht und es lag nicht nur daran, dass er übernächtigt war und etwas zu viel getrunken hatte. Gab es in der Gegend vielleicht tollwütige Tiere? Er glaubte sich an einen Zeitungsbericht über tollwütige Tiere zu erinnern, die, im Stadtgebiet streunend, Fußgänger angriffen. Jeder wusste, was passieren konnte, wenn ein tollwütiges Tier einen biss. Das war nicht schön. Wild entschlossen, diesem unergründlichen Blick standzuhalten, starrte er zurück. Aber es ging nicht. Da war etwas in den Augen, das ihm nicht gefiel. Eine Art Funkeln und keineswegs der Respekt, den ein kleines Tier einem größeren eigentlich hätte entgegenbringen sollen. Ganz langsam, wie auf Eiern, ging Anthony rückwärts. Die Katze ließ er dabei keine Sekunde aus den Augen. Als er etwa fünfzig Schritte Abstand von dem Tier gewonnen hatte, wandte er sich um und rannte, wie er in seinem ganzen Leben noch nie gerannt war. Verschwommen nahm er wahr, wie Häuserblocks an ihm vorbeizogen. Geparkte Autos am Straßenrand tauchten auf und verschwanden wieder hinter ihm. Doch das alles nahm er nur am Rande wahr. Das Einzige, worauf er sich konzentrierte, war sein Atem, der stoß-weise, rasselnd aus seinen Lungen getrieben wurde. Im Stillen verwünschte er den Augenblick, als er im Schulhof die erste Zigarette bekommen hatte, denn schon nach einer für ihn lächerlich kurzen Zeit, begann sein Bauch zu stechen. Seine Puste hielt ohnehin nicht allzu lange. Wenn er gekonnt hätte, wäre er den ganzen Weg nach Hause gerannt. Aber das Seitenstechen wurde unerträglich und schließlich blieb er keuchend stehen. Mit heraus-hängender Zunge lehnte er seinen Oberkörper nach vorne und umfasste seine Knie. „Ich bin vor einer Katze davongelaufen“, war der dominante Gedanke in seinem Kopf.


Das Gefühl, seine Lungen würden gleich seinen Hals heraufkommen, zusammen mit dem unerträglich schnell schlagenden Herzen, ging irgendwann vorbei und er konnte sich aufrichten und orientieren. Tatsächlich war er nicht weit gekommen. Das wunderte ihn auch nicht wirklich. Aber zumindest raus aus dem Industriegebiet. Sicherheitshalber blickte er über die Schulter, die in Mondlicht getauchte Straße war leer. Vor ihm erstreckte sich die endlos monotone Landschaft von Reihenhäusern. Die weniger guten Viertel der Stadt waren voll davon. Durch die Gardinen einzelner Fenster schimmerte zaghaftes Licht, aber die meisten blieben dunkel. Brennende Mülltonnen waren der letzte Hinweis, den er noch gebraucht hatte. Jetzt wusste er ganz genau, wo er sich befand. Die Außenbezirke des heruntergekommensten Wohnviertels. Dort, wo jene lebten, die nichts besaßen als die Kleidung am Leib. Penner, die an jeder Straßenecke standen und sich zu wärmen versuchten. Wahrscheinlich hielten sie Anthony für einen der Ihren. Das war auch gar nicht so abwegig, musste er selbst zugeben. In seinen abgetragenen Jeans und dem alten, verfilzten Mantel sah er tatsächlich wie jemand aus, der, wenn schon nicht direkt auf der Straße, dann doch in einer abbruchreifen Ruine als Hausbesetzer lebte. Mit dem Ärmel seines Mantels wischte er sich über die Stirn. Trotz der Kälte war er ziemlich ins Schwitzen geraten. Warum die Katze ihn so in Panik versetzt hatte, vermochte er nicht zu sagen. Jetzt, wo sich das Tier außer Sichtweite befand, wunderte er sich selbst über seine Reaktion. Seine Hände zitterten wieder. Vielleicht hing ja alles irgendwie zusammen. In letzter Zeit konnte ihn einfach alles furchtbar aufregen. Die kleinste Unebenheit auf der Straße des Lebens brachte ihn zum Zittern. Nicht so wie früher. Da war er immer ruhig geblieben. Das Zittern freilich war auch ein Zeichen, dass er zu viel getrunken und zu wenig geschlafen hatte.


Die bärtigen Gestalten nahmen von dem Neuankömmling keine Notiz. Sie standen um die brennenden Mülltonnen herum und erzählten sich Geschichten. Den meisten fehlte schon eine beträchtliche Anzahl von Zähnen und sie waren alt. Es musste auch jüngere Obdachlose geben, aber irgendwie sah man diese nirgendwo. Vielleicht waren sie ja eher in der Nähe des Stadtparks zu finden. Oder das Leben hier draußen ließ Menschen einfach schnell altern. Anthony steckte seine Hände in die tiefen Taschen des Mantels und zog sich den Kragen soweit ins Gesicht wie nur möglich. Ohne links und rechts zu schauen, den Blick möglichst auf den Boden vor sich fixiert, schritt er voran und an den verwahrlosten Gestalten vorbei. Er schämte sich ein wenig, hier zu sein.


Seine Wohnung war noch ein schönes Stück entfernt, und irgendwie hatte Anthony an diesem Abend die Schnauze gehörig voll von der Stadt, der Nacht und allem anderen. Er wollte nur nach Hause. In sein Apartment. Im dritten Stock eines heruntergekommenen Hauses in einem der mieseren Viertel der Stadt. Den Rest des Weges verbrachte er eingehüllt in einer dunklen Wolke brütender Gedanken, die nur von gelegentlichen Blicken über seine Schulter durchbrochen wurden. Irgendwann hatte er die letzten Meter hinter sich gebracht und der Backsteinbau des Mietshauses ragte vor ihm in den Nachthimmel. Für einen ordentlichen Verputz hatte es wohl einfach nie gereicht.


Als er die mit Unrat übersäte Treppe hinauf stieg, kam der alte Hass wieder zurück. Auf alles, was man ihm genommen hatte. Und auf jene, die er dafür verantwortlich machte. Diese ganze Nacht war nur deren Schuld. Sein Leben war schließlich nicht immer so gewesen. Heruntergekommen und im Dreck. Eigentlich war das Leben mal ganz schön gewesen. Auch für ihn.


Mit einem Nicken zwängte er sich am Namenlosen vorbei. Ein Obdachloser, der in diesem Haus quasi auf der Stiege wohnte und von dem lebte, was man ihm im Vorbeigehen gab. Ungelenkig stieg Anthony über Jimmy hinweg, den Köter und Begleiter des Namenlosen. Der Hund stellte eine wahnwitzige Mischung der verschiedensten Hunderassen dar, mit dem Selbstvertrauen eines reinrassigen Champions. Das Tier öffnete nicht mal die Augen, als der Störenfried beinahe über es stolperte und sich nur im letzten Moment noch am Geländer abfing. „Warum können die nicht einen Stock höher übernachten“, brummte Anthony gereizt und, wie er hoffte, laut genug, dass der Namenlose es hörte.


Seine Türe war die Vorletzte am Gang. Ein braunes Stück Holz, von dem der Lack schon lange abgeblättert war. Ein richtiges Türschild gab es nicht, nur ein Quadrat aus Pappkarton, auf das er seinen Namen gepinselt hatte: A. Wasner. Ein Provisorium hätte es sein sollen. Sowohl das Schild als auch die Wohnung an sich. Nur für die Übergangszeit, um sich wieder zu fangen. Irgendwann zwischen dem Einzug vor fünf Jahren und jetzt hatte er sich damit abgefunden, hängen geblieben zu sein. Er, der als Schriftsteller einmal so große Hoffnungen gehabt hatte. Mit einem Seufzen sperrte er sich selber auf. Es gab niemanden, der drinnen wartete.


Als er diese Mietwohnung bezogen hatte, war sein Glaube an eine Zukunft noch ungebrochen gewesen. Voll Enthusiasmus hatte er versucht, seinen Alkoholismus zu besiegen und wieder zu schreiben, wie in seiner Jugend. Aber in fünf Jahren konnte das Leben einem verdammt viele Knüppel zwischen die Beine werfen. Seine Zeit war vorbei, daran gab es nichts zu rütteln. Aufgegeben hatte er aber noch nicht. Zumindest nicht offiziell. Schließlich wollte er niemandem den Triumph gönnen.


Der Übelkeit erregende Geruch nach alten Socken, verdorbenem Fleisch und überreifem Obst schlug ihm ins Gesicht. Wenigstens fühlte sich die Phase des Ekels jeden Tag ein klein wenig kürzer an. Er gewöhnte sich einfach daran. Abgesehen davon: nach den ersten paar Schlucken Wodka würde er sowieso nichts mehr riechen. Das funktionierte eigentlich immer.


Mit dem Fuß stieß er die Türe hinter sich zu und tastete im Dunkeln nach dem Lichtschalter an der Wand. Der stark beschädigte, an den Kanten abgebrochene Plastikknopf knackte bedrohlich, aber schließlich verbreitete eine einzige, nackte, frei an der Decke baumelnde Glühbirne spärliches Licht im engen Flur. Mehr als ein Schulterzucken entlockte ihm das aber nicht, vierzig Watt waren mehr als genug für sein kleines Königreich. In der Küche, die gleichzeitig als Wohn- und Schlafzimmer diente, stand ein Leuchter vom Sperrmüll, den er gleich anschaltete. Der war billiger als die Flurlampe. So hatte er sich das Leben sicher nicht vorgestellt.


Er wischte die Erinnerungen beiseite und überprüfte die Post. Wie immer hatte der Post-bote den ganzen Stapel einfach unter seiner Türe durchgeschoben. Mit viel Schwung, dem Verteilungsradius auf dem Boden nach zu schließen. Ein Werbeflyer für eine neue Pizzakette hatte es sogar bis auf die angrenzende Toilette geschafft. Fluchend klaubte er die einzelnen Blätter vom Fußboden auf und nahm die Ausbeute in Augenschein. Haupt-sächlich buntes Zeugs, wie er verächtlich schnaubend feststellte. Werbung für die Dinge, die er nicht brauchte und sich auch nicht leisten konnte. Missmutig ging er jedes einzelne Blatt durch. Ein paar Gewinnspiele, eine neu eröffnete Bar stellte sich vor und ein dünner Katalog eines Dessous-Versandhauses. Wie die wohl an seine Adresse gekommen waren? Nicht einmal ein Blatt mit Angeboten vom Lebensmitteldiscounter. Sonderangebote konnte er immer gut brauchen.


Ganz zuletzt fand er den weißen Umschlag. Der Rest der Post landete in einem achtlos hingeworfenen Stapel auf dem Tisch, den Brief jedoch betrachtete er genauer. Namen und Adresse des Absenders waren nicht etwa mit der Hand auf den Umschlag geschrieben. Nein. Dieser Brief war bedruckt. Professionell. Und natürlich wusste Anthony genau, woher er kam und in wessen Auftrag. Das bisschen Papier und Farbe mochte in seiner Hand nur ein paar Gramm wiegen, bedeutete aber in Wirklichkeit das Ende seines Lebens. Bald würde er wissen, wie es sich für den Lemming anfühlte, wenn er auf das Wasser am Fuße der Klippe traf. Wie das wohl war? Vielleicht genauso? Aber noch konnte er den Brief nicht lesen. Das brauchte Vorbereitung. Dafür fehlte ihm das gewisse Etwas. Und die Nerven. Zumindest, solange er nüchtern war.


Mit zitternden Fingern legte er den Brief oben auf den Stapel mit Post. Die ganze Aufregung über das nicht ganz so unerwartete Schreiben hatte ihn ganz vergessen lassen, dass er immer noch seinen Wollmantel trug. Müde und abgeschlagen schälte er sich aus dem abgewetzten Stoff und hängte das Stück an den alten Kleiderhaken an der Innenseite der Türe. Das schon viel zu lange nicht mehr geschnittene, nussbraune Haar fiel ihm dabei über die Stirn in die Augen. Irgendwann musste er wieder zum Friseur. Nachdenklich betrachtete er sich in dem fast schon blinden Wandspiegel im Gang. Er mochte sich nicht mehr. Weder innerlich noch äußerlich. Trotzdem verwunderte es ihn immer noch, einen relativ jungen Mann vor sich zu sehen. Gut, die Bartstoppeln waren schon deutlich älter als drei Tage und die Frisur hatte längst jede Form verloren. Dennoch. Bis auf die Falten um seine Augenwinkel herum war seine Haut straff und die Augen bei Weitem nicht so abgestumpft wie bei jenen Männern um die brennenden Mülltonnen.


Der makellose, weiße Briefumschlag drängte sich in den Vordergrund seines Bewusstseins. Das blütenreine Papier schien ihn förmlich auszulachen und alles andere damit zu relativieren. Wen kümmerte es schon, wie er sich hielt an dem dunklen Ort, zu dem sein Leben geworden war? Am Küchentisch sitzend nahm er schließlich den Umschlag erneut in die Hand und drehte ihn mehrmals hin und her. Eine halb volle Flasche Wodka blinzelte ihn dabei verführerisch an. Die, dachte Anthony, würde bitter notwendig sein.


Schmunzelnd nahm er ein halbwegs sauberes Glas, schenkte es voll und stieß mit sich selber an. In Gedanken versuchte er zu formulieren, was wohl in dem Schreiben stand. Natürlich wollten sie etwas von ihm, das war immer so.


Der erste Schluck brannte in seiner Kehle. Der Zweite schon weniger und nach dem Dritten war fast gar nichts mehr zu spüren. Das war seiner Meinung nach das Einzige, was in seinem ganzen Leben überhaupt noch funktionierte. Alkohol und dessen Wirkung auf ihn. Schluck für Schluck senkte sich das angenehme Gefühl der Schwere in seine Glieder und die Gedanken begannen langsamer zu kreisen. Das machte sie um vieles erträglicher.


Anthony sah sich in seiner kleinen Wohnung um, während er das Glas immer wieder an seine Lippen führte. Es war nicht schwer, seinen gesamten Besitz zu überblicken und vom Wert her einzuschätzen.


Da war ein altes Bett, für das er beim Schrotthändler wahrscheinlich noch zahlen musste, damit er es ihm abnahm. Etwa eine Million Wanzen im Bett, drei oder vier Flaschen Alkohol, allesamt billiger Fusel und die Kleidung. Aber nur völlig abgetragene Sachen. Sein letzter Einkauf lag schon ein Weilchen zurück. Der einzig wahre “Besitz“ war der kleine Fernseher in der Ecke. Das und die Notizblöcke mit den Ideen die er ohnehin nie mehr umsetzen würde. Die Wohnung selbst gehörte ihm nicht, sondern irgendeinem Immobilienhai, der in Downtown ein schickes Büro besaß und seine kleineren Geschäfte von Schlägertypen in Anzügen erledigen ließ. Üblicherweise wurde die Miete bar in braunen Umschlägen übergeben. Wahrscheinlich aus steuerlichen Gründen. Dabei bot die Wohnung nur das absolute Minimum. Eine Wohnküche, ein Bad und eine Abstellkammer. Mehr gab es nicht.


Er trank noch etwas mehr, prostete den Möbeln zu, um die Einsamkeit nicht spüren zu müssen. Gegen drei Uhr morgens schlief er ein, verfiel in die Gnade bringende Dunkelheit des Tiefschlafes. Der Brief blieb ungeöffnet vor ihm liegen.


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