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> Krimi Thriller > Die Flucht des Physikers
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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Die Flucht des Physikers, Horst Stütze
Horst Stütze

Die Flucht des Physikers


Ein Segelabenteuer

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Alles begann an einem Sonntag im Süden, an einem Domingo, wie es dort heißt. Die Sonne gleißte und sorgte für die typisch südliche Stimmung. Ich suchte ein Lokal, um zu essen, ein Bier zu trinken und um der Mittagsglut zu entkommen. Der reine Zufall führte mich auf die Calle Alemania und in die Bar und Restorante Alemania. Dort musste das Essen ja wohl gut und solide sein, sagte ich mir, ein bisschen wie zu Hause, hoffte ich.
Das Menu del Dia, das Tagesmenü, stand in vier großen Pfannen direkt an der Bar, wo ich auch noch einen Platz fand. Ich bestellte dasselbe wie mein Nachbar, weil das Gericht vielversprechend aussah und es meinem Nachbar offensichtlich so gut schmeckte, dass er auch nicht ein einziges Mal zu mir aufsah. In der entsprechenden Pfanne waren Kartoffeln in einer Art Bratensoße und mit herrlichen Fleischstückchen gemischt. Die überdimensionale Tür der Bar war wie immer im Süden offen und ein starker Wind blies in das Lokal. Als es mir das zweite Mal die Serviette wegblies, entfuhr es mir:
„Verdammter Wind.“
„Das ist kein verdammter Wind“, meldete sich überraschend mein Nachbar im besten Deutsch zu Wort. „Das ist der Passat, der hat mich hierhin geblasen. Die Tür in diesem Lokal liegt nämlich nach Norden, und aus nördlichen Richtungen kommt nun einmal meist der Passat auf der Nordhalbkugel der Erde. Irgendwo links vom Eingang der Bar liegt das Azorenhoch und schaufelt die Luft rechtsherum in die Tür hinein, irgendwo rechts vom Eingang liegt das Saharatief und schaufelt die Luft linksherum hinein. Beide Partner arbeiten doch prächtig zusammen und sorgen doch für herrlich frische Luft. Sie müssen ihre Serviette bei diesem frischen Wind nur et-was reffen.“
Mit diesen Worten lernte ich Henning kennen. Bei ihm wurde eine Serviette eben nicht zusammengefaltet, sondern sie wurde gerefft. Ich nahm also die Serviette und knüllte sie so zusammen, dass der Windzug ihr nichts mehr anhaben konnte.
„Recht so?“, fragte ich.
„In Ordnung“, antwortete er, „genauso sehen meine Segel nach dem Reffen auch immer aus.“
Jedenfalls konnte der Passat meine Serviette nach diesem Verkleinern der Angriffsfläche nicht mehr vom Tresen blasen. Meine Stimmung hatte sich nach diesen paar launigen Worten in der vertrauten Muttersprache gleich beträchtlich verbessert, und ich beobachtete verstohlen meinen Nachbarn, der das mit ein paar Worten bewirkt hatte. Der aber aß ungerührt weiter und interessierte sich scheinbar nicht mehr weiter für mich. Nur die Tür des Lokals behielt er immer im Auge. Alle Augenblicke sah er zur Tür, als ob er jemand er-wartete. Es fiel regelrecht auf. Dieses Verhalten änderte sich während des gesamten Essens und auch während des an-schließenden Kaffees nicht. Schließlich siegte in mir die Neugier und ich fragte:
„Erwarten Sie jemand? Sie blicken so auffällig oft zur Eingangstür.“
Er ging auf die neugierige Frage nicht direkt ein.
„Wissen Sie auch, dass Sie hier neben mir sehr gefährlich sitzen?“, fragte er nur zurück und zeigte dabei auf eine große, schlecht verheilte Narbe an seinem Oberarm, „die stammt von meinem Todfeind, und der kann hier jeder Zeit auftauchen. Sie sollten sich besser wegsetzen.“
Ich dachte natürlich gar nicht daran, denn seine Antwort hatte mich erst recht neugierig gemacht. Außerdem waren das heute seit vierzehn Tagen die ersten deutschen Sätze, die ich mit jemandem wechseln konnte.
„Ich würde Sie gern zu einem Getränk einladen“, bot ich ihm an.
„Gar keine so schlechte Idee. Danke, ich nehme ein Bier“, antwortete er nach einer Zeit, in der er mich ruhig, offen und prüfend ansah.
Aus einem Bier wurden im Verlaufe des Nachmittags mehrere, und wir unterhielten uns prächtig über den Süden, über die Frauen hier, über die Schwierigkeiten des Atlantiksegelns auf seinem
kleinen, alten und anfälligen Segelschiff, über seine Arbeit als Physiker und meine Arbeit als Versicherungsdetektiv und Versicherungsagent.
„Ich wäre selber auch gern Physiker geworden“, sagte ich, „weil mich die vielen Geheimnisse der Natur sehr interessieren und ich die Natur gern besser verstehen würde.
Aber leider hat es nicht gereicht. Schon in der Mechanik hatte ich das Gefühl, nichts richtig zu verstehen und alles nur auswendig zu lernen.“
„Ist doch ganz normal, das geht doch allen am Anfang so, bis auf die geistigen Überflieger, die alles auf geheimnisvolle Weise von Anfang an verstehen. Was für ein Geheimnis meinen Sie denn zum Beispiel?“
„Da weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll.“
Aber dann sah ich, wie draußen auf der Straße ein schwerer Lieferwagen und ein leichter Pkw in entgegen gesetzter Richtung an einander vorbei fuhren.
„Wieso zum Beispiel kann ein kleiner, leichter, langsamer Körper beim Zusammenstoß mit einem schweren, schnellen, also viel wuchtigeren Körper genauso viel Kraft aufbringen wie der viel wuchtigere Körper? So ist es ja in der Natur nach dem Gesetz Kraft gleich Gegenkraft. Warum erzeugt der wuchtigere Körper nicht auch mehr Kraft als der schwache Körper?“
„Das ist kein so großes Geheimnis“, begann Henning.
„Jede Kraft ist eine Wechselwirkung zwischen zwei Körpern, und deshalb kann der wuchtige Lieferwagen beim Zusammenstoß nur so viel Kraft auf den anderen Körper ausüben, wie der leichte, zurückweichende Pkw es zulässt. Ich persönlich habe dabei ein anschauliches Bild vor Augen: Da beide zusammenstoßenden, ungleichen Autos aus elastischen Atomen bestehen, so stelle ich mir diese Autos als zwei zusammenstoßende, verschieden schwere und verschieden harte Federn vor, die beim Zusammenpressen gar nicht anders können, als zwei gleich große und entgegen gesetzte Kräfte zu erzeugen, egal ob sie nach dem Zusammenstoß wieder elastisch auseinander fliegen oder ob sie sich beim Stoß unelastisch verhaken und danach schwingen. Man kann eben eine Feder nicht mit einer einzigen Kraft und einseitig zusammenpressen.“
„Diese Erklärung ist herrlich einfach“, freute ich mich, „die ist etwas für mich. Materie ist elastisch wie eine Feder, und zusammengepresste Federn produzieren immer nur zwei gleich große Kräfte in entgegen gesetzte Richtungen, egal auf welche Weise und von wem sie zusammengepresst werden.“
„Aber Vorsicht bei meinen Erklärungen“, fügte Henning noch hinzu, „bleiben Sie kritisch. Ich vereinfache oft zu sehr und mache dabei auch so manche Fehler. Ich war und bin bei allem, was ich bisher angepackt habe, eigentlich immer nur drittklassig gewesen, also auch nur ein drittklassiger Physiker, der sich schon viel Unsinn ausgedacht hat. Drittklassigkeit und gelegentliche Fehler sind leider mein Markenzeichen.“
„Drittklassigkeit bei insgesamt neun Fußballspielklassen zum Beispiel, ist doch gar nicht so schlecht“, tröstete ich ihn. „Da kann man beim Fußball noch Geld mit verdienen. Und auch drittklassige Fußballspieler können gelegentlich erstklassige Leistungen vollbringen und zum Beispiel das Tor des Monats erzielen. Überall am unteren Rand vom hohen Niveau, sozusagen, ich wollt, ich könnt das von mir sagen.“
Henning musste lachen.
„Wenn Sie das so sagen. Am unteren Rand vom hohen Niveau. Das werde ich mir merken. Klingt viel besser als drittklassig. Sie sollten zur Heilsarmee gehen, so gut wie Sie trösten können.“
Nach einer langen Pause, in der jeder seinen Gedanken nachhing, fasste ich endlich den Mut und fragte Henning nach seinem Todfeind, vor dem er mich am Anfang unseres Kennenlernens gewarnt hatte.
„Wie kommt ein so harmloser Physiker und Segler an einen Todfeind? Ich würde das gerne verstehen.“
Henning begann darauf bereitwillig zu erzählen, aber nicht chronologisch, sondern so, wie es ihm gerade einfiel und wozu er gerade Lust hatte. Er hatte so seine ganz spezielle Art des Erzählens.
So begann er seine Geschichte nicht etwa mit seinem Todfeind, sondern er begann mit einer wunderschönen, ruhigen Nacht auf See, die ihn für den ganz akuten Stress seines dritten Fluchterlebnisses mit seinem Todfeind etwas entschädigte. Dabei kam er auch unwillkürlich auf sein Schiff und seine früheren Segelerlebnisse zu sprechen. …


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