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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Der Wespenesser, KLAUS SEBASTIAN
KLAUS SEBASTIAN

Der Wespenesser



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Die Zeit zerrann, und es geschah nichts. Wie lange er schon in dieser verdrehten Position in seinem Bett lag, konnte Anurak nicht genau einschätzen. Die Schmerzen in seinem gefesselten Arm waren noch erträglich, aber er lechzte nach einem Schluck Wasser. Und gleichzeitig spürte er den Druck in seiner Blase. Wenn man ihn nicht bald aus seiner misslichen Lage befreite, dann müsste er wohl zum Bettnässer werden.


Kurz darauf geschah doch etwas. Der Strom fiel nämlich schlagartig aus, und die Klimaanlage stellte ihren Betrieb mit einem metallischen Röcheln ein. Das kam in der Provinz Trat hin und wieder vor. Doch warum musste das ausgerechnet heute geschehen, dachte Anurak. Er bildete sich ein, dass es augenblicklich heißer und stickiger in dem Schlafzimmer wurde. Und zum hundertsten Mal verfluchte er Sisang, dieses herzlose Miststück. Apathisch starrte er auf die Air Condition, deren Lamellen automatisch in die Ruheposition zurückschwenkten. Oft dauerte so ein Stromausfall, ein fai dapp, nur wenige Minuten. Es gab also noch Hoffnung.


Er fragte sich ohnehin, warum Chaichet sich nicht längst auf die Suche gemacht hatte.


Die Klimaanlage klapperte ein wenig. Anurak blickte noch einmal nach oben, in der vagen Hoffnung, dass das Gerät seinen Betrieb wieder aufnahm. Doch das Geräusch ging nicht direkt von der Air Condition aus. An der oberen Kante des hellgrauen Kunststoffgehäuses nahm Anurak vielmehr eine sanfte, fast unscheinbare Bewegung wahr, die seinen Puls abrupt in die Höhe schießen ließ. Dort kam der kleine Kopf einer dünnen, gelbschwarz gestreiften Schlange zum Vorschein. Das Reptil mäanderte seelenruhig die Wand hoch, änderte dann abrupt seine Bewegungsrichtung und glitt lautlos auf das Bettgestell zu. Mit Schlangen kannte sich der Sergeant nicht besonders gut aus. Diese mochte vielleicht einen Meter lang sein, und es handelte sich nicht um eine Kobra. Auf Koh Chang gab es nämlich giftige Kobras, die bis zu fünf Meter lang wurden. Doch auch dieses Biest konnte giftig und tödlich sein. War das eine Schmuckbaumnatter?


Der Schweiß lief dem gefesselten Anurak mittlerweile über die Stirn und in die Augen. Mit der freien Hand ergriff er das Bettlaken und wischte sein Gesicht trocken. Danach blieb ihm nichts anderes übrig, als sich totzustellen.


Jai jenn, jai jenn.


Schlangen reagierten auf Geräusche und Bewegungen, das wusste er. Er würde also nicht um Hilfe rufen und sich absolut still verhalten. Das gelbschwarze Reptil schlängelte sich mittlerweile an einem Bein des kleinen Tischs hoch, der neben dem Bett stand. Anurak sprach noch ein stilles Gebet und zog sich dann im Zeitlupentempo die Bettdecke über den Kopf.


 


 


Der Gefangenentransporter und ein Motorrad standen vor Anuraks Doppelhaushälfte. Wenn er nicht zu Fuß unterwegs war, musste sich der Kollege wohl noch im Haus aufhalten. Chaichet klopfte an die Haustür und machte sich lautstark bemerkbar.


„Anurak?“


Ein älterer Thai trat aus der Tür des Nachbarhauses und starrte ihn mit einem dümmlichen Gesichtsausdruck an.


„Weißt du, ob der Sergeant noch im Haus ist?“ fragte Chaichet.


Der Mann zupfte an seinem linken Ohrläppchen. Es sah aus, als wollte er das Ohr in die Länge ziehen. Da fiel dem Inspektor ein, dass Anurak mal einen schwerhörigen Nachbarn erwähnt hatte. Von dem Mann war offensichtlich keine wirkliche Hilfe zu erwarten.


Als Chaichet versuchsweise an dem Türknopf rüttelte, stellte er zu seiner Verblüffung fest, dass die Haustür unverschlossen war. Er scheuchte den grauhaarigen Nachbarn mit einer unwirschen Handbewegung in seine Wohnung zurück, zog seine Dienstwaffe und betrat das Haus des Kollegen. Mit der Waffe im Anschlag durchquerte Chaichet das Wohnzimmer. Als er in die kleine Küche kam, nahm er beiläufig die leeren Flaschen auf der Ablage neben dem Spülbecken wahr - das sah nach einer feuchtfröhlichen Party aus. Schließlich lief er auf die Schlafzimmertür zu. Hatte der Sergeant etwa zu heftig gefeiert und lag nun in Folge von Alkoholkonsum bis unter die Kopfhaut verkatert in seinem Bett?


Chaichet drehte den Türknopf behutsam nach links und spähte in den Raum. Drinnen war es noch ziemlich dunkel. Die Vorhänge dämpften das Tageslicht. Doch er erkannte, dass jemand in dem Bett lag. Im nächsten Moment flog die Bettdecke beiseite, und Anuraks Kopf kam zum Vorschein.


„Vorsicht Schlange!“ brüllte er in Chaichets Richtung. „Sie muss unter dem Bett sein!“


Der Inspektor ging langsam in die Hocke und entdeckte das Reptil, das mit ruckartigen Bewegungen voranschnellte. Und zwar genau in seine Richtung. Dann knallte es plötzlich neben seinem Ohr, als wäre ein chinesischer Feuerwerkskörper explodiert, das Reptil flatterte wie eine Luftschlange in die Höhe und prallte gegen den Lattenrost. Danach sank es schlaff zu Boden und rollte sich wie ein Wurm unter dem Bettgestell zusammen.


Chaichet steckte die Waffe zurück in das Halfter und riss die Vorhänge auf. Unbarmherzig erhellte das einfallende Sonnenlicht die tragisch-komische Notlage, die Anurak beinahe das Leben gekostet hätte.


„War das Biest giftig?“ fragte der Sergeant.


„Auf jeden Fall“, antwortete Chaichet, dem beim wunderlichen Anblick des gefesselten Kollegen spontan nur zwei Erklärungen einfielen.


„Was ist denn passiert?“ fragte er. „Sexspielchen oder Überfall?“


Anuraks Miene verfinsterte sich. „Ja, mach dich ruhig noch lustig über mich. Schau lieber, ob du den Schlüssel für die Handschellen findest und mach mich endlich los!“


Chaichet entdeckte den winzigen Schlüssel relativ schnell neben dem Waschbecken in der Küche. Sobald Anurak befreit war, massierte er sein schmerzendes Handgelenk, taumelte wie ein Betrunkener ins Bad, pinkelte ausgiebig und lief dann in die Küche zum Kühlschrank, dem er eine große Wasserflasche entnahm. Nachdem er das kalte Wasser in sich hineingeschüttet hatte, nahm er neben Chaichet Platz, der es sich am Küchentisch bequem gemacht hatte.


„Beinahe wäre mir mein Trommelfell geplatzt“, maulte Anurak. Er rieb sich immer noch sein wundes Handgelenk. „Musstest du die Schlange denn unbedingt erschießen?“


Auch in Chaichets Ohren rasselte es noch bedrohlich. Der nervtötende Ton erinnerte ihn an die Armee aus Zikaden, die sich in der Nähe seines Hauses auf Koh Kut niedergelassen hatten.


„Du meinst, ich hätte ihr erst noch ihre Rechte vorlesen sollen?“ erwiderte der Inspektor grimmig. Auf seinem Gesicht lag eine Mischung aus Spott und Verwunderung. „Die kam im Zeitraffer auf mich zu. Was sollte ich da machen? Außerdem müsste ich wohl derjenige sein, der hier die Fragen stellt. Richtig?“


„Ja, natürlich“, antwortete Anurak kleinlaut. „Und - ich möchte mich bedanken, dass du mich aus dieser....äh...“.


„Schon gut“, unterbrach ihn Chaichet. Auf Dankeshymnen konnte er in diesem Moment verzichten. „Also - jetzt bist du mir aber eine Erklärung schuldig, oder?“


Anurak rückte seinen Stuhl an den Tisch heran, stützte die Ellbogen auf und legte den Kopf in beide Hände. Dann schilderte er dem Kollegen den Ablauf der vergangenen 24 Stunden. Er ließ die erotischen Details weg und konzentrierte sich ganz auf die Boshaftigkeit seiner ehemaligen Geliebten. Während er seine qualvollen Erinnerungen in Worte fasste, starrte er die Tischkante an. Nur hin und wieder warf er Chaichet einen kurzen Blick zu, in dem so etwas wie Hoffnung auf Mitgefühl oder Verständnis lag. Die ganze Angelegenheit war dem Sergeant sichtbar peinlich.


„Und, was willst du nun unternehmen?“ fragte Chaichet, als Anurak seine Leidensgeschichte zu Ende erzählt hatte.


„Wieso?“ Der Sergeant sah ihn mit müden Augen an. „Nichts werde ich unternehmen. Die Dame ist für mich gestorben. Soll sie doch mit ihren Junggesellen glücklich werden. Das Thema ist für mich abgeschlossen. Wenn ich ehrlich bin und die Angelegenheit nüchtern betrachte: Sehr große Erfolgsaussichten hatte diese Fernbeziehung doch von Anfang an nicht. Diese Erkenntnis oder Erleuchtung kam mir in den vergangenen Stunden. Zeit zum Nachdenken hatte ich ja mehr als genug.“


„Nimm es nicht so schwer“, sagte Chaichet. „Du kennst doch das Sprichwort: Wenn Buddha eine Tür schließt, dann öffnet er eine andere.“


„Danke für die tröstenden Worte. Ich muss so schnell wie möglich versuchen, diesen Mist zu vergessen. Also, wo waren wir stehengeblieben? Richtig! Ich hatte Zeit zum Nachdenken - und nebenbei habe ich auch über unseren Fall nachgedacht.“


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