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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Der Schrank im Flur, Mario Lenz
Mario Lenz

Der Schrank im Flur



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Um trotz seiner merkwürdigen Erlebnisse wieder so etwas wie Alltag zu fühlen, setzte Alex sich an seinen Computer und stöberte nach Stellenangeboten in seiner Branche. Es musste ja schließlich irgendwie weitergehen. Und wer weiß – vielleicht würde seine Psyche sich erholen, wenn er erst einmal wieder eine tägliche Aufgabe hatte. Das Angebot an offenen Stellen war nicht gerade ermutigend, egal welche Seite er aufrief. Alles wurde gesucht, nur keine Garten- und Landschaftsbauer. Doch dann fiel ihm eine Stellenanzeige der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg ins Auge, dort wurden für den Park Sanssouci Landschaftsgärtner gesucht, trotz des weiten Fahrweges wäre das eine attraktive Arbeitsstelle für ihn. Sein Herz blühte auf, sofort machte er sich daran, eine Bewerbung zu schreiben. Er kopierte die Postadresse der Stiftung in sein Worddokument, las sich noch einmal die Stellenanzeige durch, um ein möglichst persönliches Anschreiben zu entwerfen, da entdeckte er den Haken. Um die Quoten einzuhalten, stellte die Stiftung derzeit nur Mitarbeiter für den Bereich Garten- und Landschaftspflege ein, die entweder weiblich oder behindert waren. Das erste war er eindeutig nicht, das zweite konnte er sich inzwischen aufgrund seiner psychischen Situation vorstellen, aber einen Nachweis darüber hatte er ja nicht. Enttäuscht schloss er den Browsertab. Doch noch wollte er nicht aufgeben. Er durchforstete weiter die Angebote, irgendwann stieß er auf eine Anzeige des Grünflächenamtes Pankow. Hier stimmte alles. Der Arbeitsweg war kurz, die geforderten Qualifikationen hatte er, das Gehalt wurde durch den Bundesangestelltentarifvertrag geregelt und war in jedem Fall attraktiver als die Angebote der kleinen Krauter. In seinem Worddokument löschte er die Adresse der Stiftung und ersetzte sie durch die des Grünflächenamtes. Er klickte wieder auf seinen Browser und las sich die Stellenanzeige noch einmal durch. Sie begann mit den Fragesätzen ›Haben Sie den grünen Daumen?‹ und ›Lieben Sie die öffentlichen Grünflächen in unserem Bezirk?‹, die wie Subheadlines gestaltet waren. Er beschloss, seine Bewerbung abseits aller Regeln ganz individuell gestalten. Er würde sie nach der Anrede mit Sätzen beginnen, die die Fragen in der Anzeige direkt beantworteten. Er würde schreiben ›Ja, ich habe den grünen Daumen!‹ und ›Ja, ich liebe die öffentlichen Grünflächen in unserem Bezirk!‹. Wer sollte da noch widerstehen können? Er schnipste freudig mit den Fingern und wechselte vom Browser ins Worddokument. Ein Riesenschreck beförderte ihn vom Stuhl, die Maus flog in hohem Bogen, so weit, wie es ihr Kabel zuließ. Sein Monitor zeigte statt seines Dokuments einen schwarzen Hintergrund, ähnlich einer Höhle, und eine tote Fratze, die das Entsetzen eines unerwarteten, qualvollen Todes zeigte. Alex zitterte, trotzdem nahm er seinen Mut zusammen und schaute wieder auf den Bildschirm. Er suchte das kleine weiße x auf rotem Grund zum Schließen der Fenster. Keines da, das Höllengesicht starrte ihn weiter an. Panisch lehnte Alex sich in seinem Stuhl zurück und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Langsam gewöhnte er sich an das Bild auf seinem Monitor. Die Fratze starrte an ihm vorbei in den hinteren Teil seines kleinen Wohnzimmers. Alex schaute es an, inzwischen mit weniger Emotionen, und überlegte, was das alles bedeuten könne. Plötzlich drehte sich das tote Gesicht in seine Richtung, der Mund öffnete sich zu einer schwarzen Höhle. Die Lautsprecher des Computers gaben synchron zu den verwesten Lippen ein Stöhnen preis, ein heiseres ›Hilfe‹. Beim Buchstaben ›L‹ kroch ein schwarzer, lederner Lappen aus dem Mund der fürchterlichen Visage, ein Lappen, der eine Zunge sein sollte. In diesem Augenblick begann Alex´ Telefon zu klingeln, das schöne Gesicht Janines erschien auf dem Display. Alex hatte nicht die Kraft, ranzugehen. Er ließ es klingeln und überlegte wieder, ob er verrückt wurde oder nicht. Er wusste nicht, welche Option schlimmer war. Mit zitternden Händen las Alex die WhatsApp-Nachricht von Janine, die kurz nach dem Anrufversuch eingegangen war. ›Alles in Ordnung?‹ stand dort geschrieben. Ja, natürlich war alles in Ordnung. Außer vielleicht, dass er entweder verrückt wurde oder eine übernatürliche Welt sich gerade ihn ausgesucht hatte, um ihm die eine oder andere Erscheinung zukommen zu lassen. Alles okay, ja. Such´s dir aus Prinzessin, willst du mit einem Verrückten liiert sein oder mit einem, der gerade eine kleine Reise durch die Welt der paranormalen Phänomene machte? Deswegen konnte ich eben nicht ans Telefon gehen, meine Schönheit. Ich wusste doch nicht, welche Variante dir lieber ist. Wenn wolltest du den anrufen? Den Alex, der nicht ganz richtig im Kopf ist? Du kannst ihn auch Gummizellen-Alex nennen. Oder den Alex, der dich in die schöne weite Welt der Anomalien entführen kann, mit dem du erleben kannst, wie deine normale Welt plötzlich in schwarz-weiß dargestellt wird. Und er kann´s noch besser: Begebe dich mit ihm vor seinem Einbauschrank in eine kleine Trance, wie lange sie dauert, hängt von den äußeren oder vielleicht auch den inneren Umständen ab. Als Steigerung davon darfst du ein wenig auf seinen Monitor starren und dich von einem Leichengesicht erschrecken lassen. Ach so – da hätten wir ja noch den Hund, der nur durch den Spion zu sehen ist. In der Sekunde, die man braucht, um eine Tür zu öffnen, verschwindet er ins Nichts. Ja, welchen Alex wolltest du gerade erreichen? Das musst du sagen, sodass der richtige ans Telefon geht! Das Handy vibrierte erneut. ›Habe ich dich verärgert?‹, stand nun da, wenige Sekunden später tauchte ›Fühlst du dich unter Druck gesetzt?‹ auf, und Alex wusste nicht, was er antworten sollte. Ich glaube, ich liebe dich. Doch könnten wir mit einer Liaison vielleicht noch ein Jahr warten, bis ich endlich geistig wieder gesund bin oder ich den Geschöpfen der Zwischenwelt zu langweilig geworden bin? ›Ich antworte nachher, bin gerade im Stress‹, schrieb Alex. Oooh, wie glaubwürdig. Natürlich – er, Mr. Arbeitslos vom Prenzlberg hat gerade Stress. Bei was denn? Bei ›Richterin Barbara Salesch‹ oder bei ›Sturm der Liebe‹? Er schätzte, er war gerade dabei, seine Beziehung, die noch nicht einmal richtig begonnen hatte, zu zerstören. Super, Alex. Er belobigte sich selbst. Er starrte seinen Monitor an, der starrte schwarz zurück. Die Leichenfratze war verschwunden, nicht ganz freiwillig, aber nachhaltig. Alex hatte, da kein Schließbutton vorhanden war, versucht mit dem allen Windowsnutzern bekannten Affengriff den Taskmanager zu öffnen, um den Task zu schließen, es war ihm nicht gelungen. Die Fratze verschwand nicht, sie stöhnte sogar noch einmal um Hilfe. Die leeren Augenhöhlen schienen sich in diesem Moment mit Emotionen zu füllen, jedoch nicht mit positiven. Alex drückte den On/Off-Knopf seines Rechners, der in eingeschaltetem Zustand das sofortige Herunterfahren bedeutete. Auch hiervon zeigte sich der PC samt Fratze unbeeindruckt. Alex zog den Netzstecker, das Bild hielt sich trotzdem noch wenige Sekunden. Er befürchtete schon das Schlimmste, doch dann ploppte das Bild zusammen. Erleichterung machte sich bei ihm breit, seine nächste Maßnahme wäre das Zerstören des Bildschirms gewesen. Nun saß er an seinem Schreibtisch und dachte nach. So richtig glaubte er nicht, dass er verrückt war. Menschen, die unter Wahnvorstellungen litten, glaubten fest an sie. Er jedoch zweifelte sie an. Das alles passierte wirklich, oder? Wie viele Horror- oder Psychofilme hatte er geschaut, in denen irgendwelche Häuser oder Wohnungen gespenstertechnisch verseucht waren und den jeweiligen Bewohner in den Wahnsinn trieben? Einer der letzten Filme, den er gemeinsam mit Mandy geschaut hatte, war ›Echoes‹ mit Kevin Bacon gewesen, dort war in einem Umbauhaus ein Mädchen vergewaltigt und getötet, anschließend zur Vertuschung im Keller eingemauert worden. Dieses Mädchen hatte dann mit allerhand Erscheinungen den neuen Mieter des Hauses, gespielt von Kevin Bacon, auf sich aufmerksam gemacht, die Leiche war schlussendlich entdeckt und ›befreit‹ worden. Lag hier so etwas vor? Wollte hier jemand Hilfe von ihm? Vielleicht brauchte er sich gar nicht fürchten? So richtig wollte Alex sich da aber nicht festlegen. Und noch ein Problem hatte er. Wie nun weiter mit Janine? Er liebte sie und wollte sein Leben mit ihr teilen. Aber wie anstellen? Sollte er ein Doppelleben führen? Auf der einen Seite Liebhaber, Freund und neuer Partner – auf der anderen Geisterjäger und Forscher für paranormale Aktivitäten? Einige wenige Sekunden gestattete er sich die egoistische Einstellung, Janine einfach dazu zu holen und sie in den Einfluss dieser Wohnung zu bringen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, sprach der Volksmund. Aber von diesem Vorhaben nahm er schnell wieder Abstand. Plötzlich hörte er ein Geräusch an der Tür. Misstrauisch ging Alex zur Tür. Waren die Nachbarn schon aufmerksam geworden auf seine Macke und wollten ein wenig an der Tür lauschen? Alex schaute ruckartig durch den Spion, aber er sah keinen neugierigen Nachbarn, der ihn ausspionieren wollte. Nur einen Hund – einen Schäferhund. Seinen Schäferhund. Grau, gerader Rücken, militärische Ästhetik. Der erwartungsvoll und stechend an der Tür hochsah und ihm durch den Spion eine Assoziation schickte. Bloß an wen oder was dieser Hund ihn erinnerte, konnte Alex nicht sagen. Dieses Mal öffnete er die Tür ohne Verteidigungswaffe und nur mit halber Kraft. Er wusste sowieso, dass der Hund weg war, wenn er die Tür geöffnet hatte. Er sollte Recht behalten. »Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll.« »Wie soll aus unserer Beziehung was werden, wenn du mir nicht vertraust!« »Aber es ist schon ein gewaltiges Problem, was mich belastet.« »Deine Probleme sind meine Probleme!« »Ich liebe dich!« »Ich liebe dich auch! Und nun fang an. So schlimm kann es gar nicht sein, dass ich dich nicht mehr lieben würde. Selbst wenn du jemanden ermordet hättest!« »Okay. Dann beginne ich mal. Es fing damit an, dass ich meinen Schrank einräumen wollte. Als ich damit fertig war, war ich …« So einfach war das in seiner Phantasie. So verständnisvoll reagierte sie in seinen Gedanken. So stellte er sich das vor, während er mit dem Telefon in der Hand saß und er Janine bestimmt schon das zwölfte Mal angewählt und bevor der Verbindungsaufbau vollständig war, weggedrückt hatte. Er musste an einen Witz denken, den er einmal gehört hatte: Schatz ich habe ein Problem. Sag wir. Wir sind ein Paar, deine Probleme sind unsere Probleme. Okay Schatz, wir haben die Sekretärin geschwängert. Doch dies war die Realität. Wie würde das in der wirklichen Welt sein? Vermutlich würde der Tag, an dem sie von seinem Problem erfuhr, ihr letzter gemeinsamer Tag sein. Und trotzdem, sagen musste er es. Fast geistesabwesend hatte er auf den grünen Hörer unter Janines Kontakteintrag gedrückt, so richtig bemerkte er es erst, als er das Freizeichen hörte und in den Fingern spürte. Zwanzig Minuten später war sie bei ihm. Nun kam er nicht mehr darum herum, ihr alles zu erzählen. Und doch erwischte er seinen Geist bei dem Versuch, ihr irgendeine andere Geschichte aufzutischen. Ihr irgendeinen Mist zu erzählen, der begründete, dass sie sich nicht mehr sehen konnten, obwohl er sie doch so sehr liebte. Und was waren das für schwache Geschichten, die sich sein Hirn da ausdachte, um die wahre Geschichte nicht erzählen zu müssen: Er ist bei einem Geheimdienst in konspirativer Mission und dürfe derzeit keine Beziehung führen. Er wohnt nur noch kurz hier, weil er eine Arbeitsstelle in Bayern angenommen hatte. Er ist todkrank und werde in den nächsten Wochen sterben. Er saß auf der Couch an seinem kleinen Wohnzimmertisch und wand sich. Ihm war schlecht und seine Hände zitterten. Die Wahrheit zu erzählen, war und blieb eine der schrecklichsten Tätigkeiten des Menschen, sie musste nur ausreichend unerträglich sein. Für andere Menschen hätte sein Verhalten ausgereicht, sofort die Wohnung zu verlassen. Nicht jedoch für Janine. Sie schaute ihn beruhigend an, ihre Hände streichelten die seinen. Ihre Augen sprachen ihm Mut zu. Also begann er. »Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder leide ich an Einbildungen, die man besser auch als Wahnvorstellungen bezeichnen kann, oder paranormale Aktivitäten finden um mich herum statt.« Nachdem der Anfang gemacht war, sprudelten die Worte nur so heraus. Immer schneller erzählte er, aus Angst, er könnte etwas vergessen. Als alles erzählt war, klopfte sein Herz gewaltig. Wie würde sie reagieren? Sie saß ganz ruhig da und sah in prüfend an. Dann sprach sie. Alex hatte mit allem gerechnet, nicht aber mit einer solchen Reaktion. »Als erstes möchte ich dir sagen, dass es mir schrecklich leidtut, dass du so leiden musst. Wenn du dich jetzt so sehen könntest, wie blass du bist. Merkst du eigentlich, dass dir der Schweiß in Strömen rinnt?« Das hatte Alex nicht bemerkt und schüttelte schwach mit dem Kopf. Dann wurde sie pragmatisch, ganz die Medizinstudentin, die Studium, Geldverdienen und Privatleben unter einen Hut bekommen musste. »Ich glaube nicht an solche Phänomene. Aber ich glaube auch nicht, dass du verrückt bist. Sind diese Erlebnisse auf diese Wohnung beschränkt oder hast du auch woanders schon Erscheinungen gehabt?« Alex fasste Mut. Er war nicht mehr allein mit seinem Problem. Grenzenlose Erleichterung machte sich in ihm breit. Er würde a) Janine nicht verlieren und b) sie würde ihm helfen. Er beschloss, sich ganz in ihre Arme zu begeben. Er würde ihr vertrauen und sich helfen lassen. »Fast alle in der Wohnung, einmal vor dem Haus.« »Okay. Wir müssten dir vermutlich einen neuen Lebensmittelpunkt verschaffen. Aber wie anstellen? Bei uns ist leider kein Platz mehr.« Janine wohnte in einer Studenten-WG, die mit sechs Personen auf vier Zimmern schon jetzt überbelegt war. »Dafür müssen wir eine Lösung finden. Ich nehme nicht an, dass du dir einfach eine zweite Wohnung leisten kannst?« Diese Aussage hatte den Klang einer Frage, also schüttelte Alex wieder schwach mit dem Kopf. »Aber wir müssen auch ausschließen, dass du dir diese Dinge einbildest, und dafür habe ich eine gute Idee.« Bewusst hatte sie dieses Thema erst als zweites angesprochen, das wusste er genau. Und er war dankbar dafür. Sie führte ein Telefonat, bei dem sie offen ihrem Tele-Gegenüber die Sachlage erklärte und um Hilfe ersuchte. Nach dem Telefonat weinte er vor Erleichterung. Sie führte ihn zu seinem Bett, besser gesagt zu seiner Matratze, und legte ihn hin. Dann kuschelte sie sich an ihn und hielt ihn ganz fest. So schliefen sie ein, obwohl Janine nach Alex´ Schilderungen nicht vorgehabt hatte, in dieser Wohnung zu schlafen. Kurz war sie einmal wach in der Nacht, Alex´ Streicheln hatte sie aufgeweckt, obwohl es ganz zärtlich war. Alex selbst hatte davon nichts mitbekommen, er schlief auf der anderen Seite der Matratze, die Hände zwischen die Oberschenkel eingeklemmt, so wie er fast immer schlief. Alex saß im Wartezimmer, Janine sah ihm an, dass sein Herz klopfte. Sah, wie er versuchte, sich in die verschiedenen Magazine wie ›DER SPIEGEL‹ und ›Focus‹ zu vertiefen und dann doch ziellos in ihnen umherblätterte. Ein wenig fragte sie sich schon, auf was sie sich da eingelassen hatte. Da war sie nach den ganzen beiläufigen Beziehungen der letzten Jahre endlich mal wieder richtig verliebt – und dann das. Doch dann dachte sie wieder an die letzte Nacht. Wie er sich auf seine Art für ihre Hilfe bedankt hatte. Wie er sie nachts aus Erleichterung so lange gestreichelt hatte, normalerweise war das bei Männern nur die Vorstufe zum Sex. Jedenfalls bei denen, die sie bisher so gehabt hatte. Nun saßen sie bei Dr. Dehn und Janine hoffte inständig, dass er Alex helfen konnte. Dr. Dehn war ein Doktor der Psychologie und einer der beliebtesten Dozenten an ihrer Uni. Das Besondere an Dr. Dehn war, dass er mit der Hypnose nach Milton Erickson arbeitete und damit große Erfolge sowohl in der Diagnose als auch in der Heilbehandlung vorweisen konnte. Normalerweise behandelte Dr. Dehn keine Kassenpatienten, nur Privatpatienten oder Barzahler durften sich in seinen Sessel setzen. Allerdings hatte Janine zu ihm ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut, er fühlte sich als ihr Mentor und Förderer und wollte zu gegebener Zeit auch ihr Doktorvater sein. Nach ihrem Anruf bei ihm, direkt nach dem Gespräch mit Alex, war er sofort Feuer und Flamme gewesen. Menschen mit Wahnvorstellungen gehörten normalerweise nicht zu seinem täglichen Repertoire an Patienten. Auch wenn er dafür keinen Cent bekam, er hatte Janine sofort Hilfe zugesagt. Als sie sich im Behandlungszimmer befanden, das eher aussah wie ein Raum, in dem ein Heilpraktiker Entspannungsmethoden lehrte, fühlte sich Alex sofort wohl. Der Doktor strahlte eine Wärme aus, die Alex sofort die Angst nahm. Seine Stimme war tief und beruhigend. »Bevor wir loslegen, ein paar Worte«, begann er. »Ich betrachte alles immer von der wissenschaftlichen Seite aus. Das heißt, ich glaube nicht an übersinnliche Erscheinungen, daher gehe ich davon aus, dass es sich tatsächlich um eine paranoide Psychose handelt. Das hört sich für Betroffene immer fremd an wie eine Sache aus einem Film, ist aber nichts weiter als eine Stoffwechselstörung im Gehirn. Früher war eine solche Diagnose ein Freifahrtsschein in die Irrenanstalt, heute ist das keine vernichtende Diagnose mehr. In den allermeisten Fällen kann man Psychosen sehr gut medikamentös behandeln. Das nur vorab.« Es folgte eine Warnung: »Ich habe mich etwas informiert. Viele Kollegen raten davon ab, Psychosen mithilfe von Hypnose zu behandeln. Es besteht die Gefahr, dass der Arzt plötzlich ein Teil der Bedrohungslage für den Patienten darstellt und in Gefahr gerät oder der Patient aufgrund der hohen seelischen Belastung einen Herz- oder Schlaganfall erleidet. Im Grunde sollten solche Behandlungen immer stationär stattfinden. Auch gehen viele Kollegen davon aus, dass eine Hypnose bei Persönlichkeitsstörungen völlig wirkungslos ist. Wir Drei sollten also genau wissen, ob wir uns auf die Sache einlassen. Ich für meinen Teil bin mir absolut sicher. Zum einen sehe ich die Gefahr nicht, da der Patient erkennt, dass es sich um eine Störung handelt und die beseitigt wissen will. Zum anderen denke ich, dass die Hypnose vielleicht bei der Behandlung nicht wirksam ist, sehr wohl aber bei der Diagnose. Seid Ihr dabei?« Die beiden anderen nickten. Dann fragte er Alex, ob er sich im Sitzen oder im Liegen befragen lassen wolle, worauf sich Alex auf die Liege legte. An Janine gewandt sprach Dr. Dehn: »So, meine Liebe, du musst jetzt diesen Raum verlassen. Die Privatsphäre des Patienten muss gewährleistet sein.« Janine war bisschen eingeschnappt. Sie wollte die Heldin sein, die ihrem Schatz die Bürde einer Wahrnehmungsstörung nahm. Da hatte der Arzt Erbarmen und fragte Alex, ob sie dabei bleiben durfte. Der bejahte. »Sehen wir es als eine Art Hospitation«, lächelte der bärtige Psychologe. Anschließend versetzte der Arzt Alex in eine oberflächliche Hypnose, nach einer Minute der Stille entspann sich zwischen Arzt und Patient ein Zwiegespräch, bei dem Alex meist sehr knappe Antworten gab. Für dieses Gespräch war der Doktor zum Du übergegangen. »Wie heißt du?« »Alex Liebich.« »Wie alt bist du?« »Sechsundzwanzig Jahre.« »Wie fühlst du dich?« »Nicht gut. Ängstlich.« »Und in diesem Augenblick?« »Gut. Entspannt.« Die Anamnese begann. »Welche Drogen nimmst du regelmäßig und wie oft nimmst du sie?« »Keine Drogen.« »Trinkst du regelmäßig Alkohol?« Zögernd: »Ja.« »Wie oft trinkst du?« »Selten. Manchmal. Ab und zu eben.« »Was bedeutet ab und zu?« »Manchmal am Wochenende, aber oft auch nicht.« »Kein übermäßiger Konsum?« »Kein übermäßiger Konsum.« »Gibt es in deiner Familie Fälle von genetischer Disposition in Bezug auf psychologische Probleme? Psychosen, Depressionen, dergleichen?« »Nein. Nicht, dass ich wüsste.« »Hast du eine Hirnverletzung erlitten?« »Nein.« »Befindest du dich in einer besonders belastenden Lebenssituation? Bist du derzeit Dingen nicht gewachsen? Das können sein: eine Prüfungssituation, soziale Differenzen mit oder in deinem Umfeld, Änderungen im Lebensumfeld und so weiter.« Alex erzählte in knappen Worten vom Verlust seines Arbeitsplatzes, der plötzlichen Trennung von Mandy und dem übereilten Umzug in die neue Wohnung. Der Arzt machte ein ahnungsvolles Gesicht. Anschließend ließ er sich die angsteinflößenden Geschehnisse schildern, dann ließ er Alex aus der Trance erwachen. Nach der Sitzung saßen die Drei am Schreibtisch wieder zusammen. Der Doktor hatte seine Hände wie ein Dreieck über der Nasenwurzel vereinigt, Alex und Janine sahen ihn erwartungsvoll an. Dann endlich sprach er. »Ich denke, oder hoffe es zumindest, in einem werden wir uns einig sein. Die Vorkommnisse in der Wohnung und vor dem Haus sind Einbildungen. Oder?« Janine nickte deutlich, Alex etwas zaghafter. »Nun gut«, führte Dehn weiter aus, »wir haben es hier mit einer Psychose zu tun, die in einer Paranoia mündet. Vermutlich ausgelöst durch die besonderen seelischen Belastungen, denen Herr Liebich in letzter Zeit ausgesetzt war. Alles in allem nicht besonders bedrohlich, da sich die Wahnvorstellungen nicht gegen andere Menschen richten. Wenn das anders wäre, würde ich jetzt meinen Telefonhörer nehmen und Sie zur stationären Behandlung abholen lassen, so denke ich, dass mit einer temporären leichten Medikation der Sache Genüge getan ist. Wenn der seelische Belastungszustand vorbei ist, wird auch diese Sache vorbei sein.« Dr. Dehn stand auf und begab sich an seinen Medikamentenschrank, holte dort eine weiße Packung mit einem lilafarbenen Streifen heraus. »Jeden Tag eine«, wies er Alex an, »das sollte in Ihrem Falle genügen. Sollten dann immer noch Einbildungen auftauchen, kommen Sie wieder, dann sehen wir weiter.« Lachend schloss er ab: »Wenn noch einmal Bilder auftauchen, haben Sie keine Angst! Denken Sie nur den einen Satz: Es sind Hirngespinster!« Alex bekam keine Gelegenheit, diesen Satz zu denken. Für ihn und Janine begann eine schöne Zeit. Nun lernten sie sich richtig kennen. Alles lief nahezu perfekt. Die ersten Tage war Alex noch vorsichtig und lebte mit der Angst vor kommenden Erscheinungen. Es tauchten aber keine auf. Auch sein Einbauschrank hatte seine Anziehungskraft und seinen Schrecken verloren. Täglich nahm er seine Medikamente, die seine Dopamin-Ausschüttung steuerten. Am Tag nach der Behandlung bei Dr. Dehn hatte er vorsichtig, Janines Hand auf der Schulter, seinen Computer wieder eingeschaltet. Keine Höhle, keine Fratze, keine Angst. Er schrieb eine tolle Bewerbung, Janine war ganz begeistert. Vielleicht steckte doch mehr in ihm, als er selbst dachte. Alex wurde klar, wie sehr ihn die Trennung von Mandy, der Verlust seines Arbeitsplatzes und der Umzug in diese unvertraute Umgebung getroffen hatten. Klar hatte er gewusst, dass das alles kein Zuckerschlecken war, aber wie stark seine Psyche betroffen war, wusste er erst jetzt. So stark, dass seine Sorgen in einer Psychose gipfelten und sein Gehirn ihm Schreckensszenen vorspielte. Zum Glück hatte er sich Janine anvertraut, zum Glück schleppte sie ihn zu Dr. Dehn, der seine Probleme mit fünf Blistern Tabletten aus der Welt schaffte. Er liebte Janine. Er liebte sie abgöttisch, jetzt schon, und jeden Tag wurde es mehr. Die Scheu voreinander wich einer Vertrautheit, die trotzdem viel Platz für Überraschungen ließ. Ganze Nächte quatschen sie, natürlich erst, nachdem sie es ordentlich miteinander getrieben hatten. Und sie trieben es oft. An manchen Tagen durfte sich Janine über zehn Orgasmen freuen. Sie spazierten in Wetterkleidung durch den Herbst, das Gefühl in der Seele, dass niemand ihnen und ihrer Liebe etwas antun könne. Bis zum Beginn von Janines Wintersemester verbrachten sie wirklich jede Sekunde des Tages miteinander. Wenn sie in der Bar arbeiten war, ging Alex einfach mit. Den Chef störte es nicht, er freute sich sogar, da er ihm einfach kleinere Verrichtungen auftragen konnte. Mitte Oktober, Janines Semesterferien waren gerade vorbei, schlug das Wetter um. Der Altweibersommer mit seiner wärmenden Herbstsonne, den bunten Baumkronen und den Flanierenden in den Straßencafés wich kalten Nächten und regnerischen Tagen. Der Wind peitschte den Regen in die Baumkronen, das schwere Laub wurde von den Bäumen gedrückt. Es lag nun nass auf den Straßen und Gehwegen und verwandelte sie in rutschige Pisten. Die Straßenreinigung hatte gut zu tun. Janines und Alex´ Liebe tat das keinen Abbruch, nur dass sie sich aufgrund des Endes der Semesterferien nicht mehr ganztägig sehen konnten, war ein Wehmutstropfen. Sie sahen sich sogar relativ wenig, da Janine trotz des Studiums weiter in der Bar arbeiten musste, um Geld zum Leben zu verdienen. Trotzdem waren sie sehr glücklich miteinander. Vier Eines Tages klingelte sein Handy, eine unbekannte Nummer mit Berliner Vorwahl erschien auf dem Display. Alex wunderte sich. Viele hatten seine Nummer nach dem Wechsel nicht, und erst recht niemand, der von einem Festnetztelefon aus anrief. Mit einem leicht flauen Gefühl drückte er den grünen Hörer, worauf sich eine sehr freundliche weibliche Stimme meldete. »Guten Tag, mein Name ist Gudrun Klaus, ich bin vom Grünflächenamt Pankow. Wir haben Ihre Bewerbung erhalten und sind sehr angetan.« Ein freudiges Gefühl drückte sich in Alex´ Brustkorb hoch. »Das freut mich wirklich sehr«, entgegnete er, »diese Stelle würde ich wirklich sehr gern antreten!« »Das freut uns, wir möchten Sie auch gern kennenlernen. Allerdings muss dafür auch meine Kollegin vom Betriebsrat wieder vor Ort sein, die jeder Einstellung zustimmen muss. Diese ist noch vierzehn Tage auf Kur. Wir können aber gern jetzt schon einen Termin machen.« Und so hatte er einen Termin zu einem Vorstellungsgespräch. Ganz vorsichtig, durch die Blume, hatte Frau Klaus darauf hingewiesen, dass nach es nach Bewerbung und Telefonat für sie eigentlich schon feststand, er war ihr Favorit. Es war gemütlich. Die Heizungen bullerten, um den Zug, der durch die alten Holzkastenfenster kam, einzudämmen. Alex wollte gar nicht wissen, wie hoch seine Betriebskostenabrechnung ausfallen würde. Zumal er in diesem Jahr nur an kalten Monaten in der Wohnung gelebt hatte. Janine hatte sich mal wieder mit ihren Mädels verabredet. Seitdem Alex und sie ein Paar waren, hatte sie sie nicht mehr gesehen. Heute wollten sie erst ins Kino, dann beim Griechen essen, um dann noch satt und zufrieden in eine Cocktailbar zu gehen. Alex tat sich ein wenig schwer damit, dass Janine heute weg ging. Er liebte sie so sehr, wollte jede freie Minute mit ihr verbringen, außerdem war er ein wenig eifersüchtig. Bestimmt wurde sie häufig angebaggert, so süß, wie sie aussah. Aber im Grunde wusste er, dass sie ihn so liebte, dass mehr als ein oberflächlicher Flirt nicht drin war. Weil er gerade an sie dachte und sie so sehr vermisste, schrieb er ihr eine Nachricht, um ihr viel Spaß zu wünschen. Wenige Sekunden, nachdem er die Nachricht abgeschickt hatte, vibrierte es wenige Zentimeter entfernt von ihm. Sie hatte ihr Telefon vergessen. Nicht gut, weil sie heute ausnahmsweise mal wieder in der WG übernachten wollte, denn so ein Mädelsabend konnte gut und gerne auch ein Mädelsmorgen werden. Sein Einzimmerappartement war nicht dafür geeignet, dass einer noch schlafen wollte und der andere nicht. Kurz überlegte er, ob er ihr das Telefon noch hinterherbringen sollte. Er entschied sich dagegen, schließlich wusste er nicht, wo die Mädels sich im Moment aufhielten. Waren sie noch am Treffpunkt, waren sie schon im Kino? Er wusste es nicht. Er glaubte zwar, dass Janine ihm gesagt hatte, wann die Vorstellung begann, aber wie das eben so ist … Der Umstand, dass Janine ihr Telefon hat liegenlassen, tat Alex´ Wohlbefinden keinen Abbruch. Er wusste nicht, wann er das letzte Mal so glücklich gewesen war. Die letzten Monate mit Mandy waren nicht leicht gewesen, die Trennung und der Umzug erst recht nicht. Von den Erscheinungen ganz zu schweigen! Janine war ein Segen für ihn, er war ihr unendlich dankbar. Wer weiß, wo es hingeführt hätte, hätte sie diesen Psychologen nicht gekannt, der ihn von seinem Leid befreit hatte. Im Rückblick kam ihm das Erlebte total unwirklich vor. Hatte er wirklich vor seinem Schrank stehend ein Schläfchen gehalten? War er wirklich plötzlich der Hauptprotagonist in einer schwarzweißen Parallelrealität seines Daseins gewesen? Er konnte es kaum noch glauben. Die Erinnerungen daran verblassten, jedoch konnte er sich immer noch gut daran erinnern, wie seine Gefühlslage ausgesehen hatte, als er zum Beispiel das Leichengesicht auf seinem Bildschirm sah. Konnte rückwirkend immer noch die Panik verspüren, die seinen Brustkorb fesselte, als er sich entscheiden musste, ob er entweder bescheuert geworden oder in einem Horrorfilm gefangen war. Trotzdem: Auch das würde mit der Zeit vergehen. Ein Relikt der Vergangenheit im Museum seiner Seele. Und niemand würde es je erfahren. Das hatte er sich geschworen und Janine ihm versprochen. Er wollte nicht, dass die Menschen seines Umfeldes wussten, dass er einmal in Spinnereien gefangen war. Glück. Das war es, was er verspürte. Nun, wo er den ersten Abend von Janine getrennt war (das war zuvor nie vorgekommen, da er, wenn sie arbeiten war, sie auf ihre Arbeit begleitete) vermisste er sie. Und auch das machte ihn glücklich. Er wusste, dass sie eine tolle Beziehung führten, sonst würde er sie nicht so vermissen. Für diesen Abend hatte er sich etwas vorgenommen, was er das letzte Mal gemacht hatte, als er noch bei Mandy gewohnt hatte. Er würde es sich mit einem guten Buch in er Wanne gemütlich machen. Janine hatte ihm extra den neuen Fitzek besorgt. Als er in der etwas zu kleinen Wanne saß, der Schaum knisterte um ihn herum gemütlich, ließ er erst einmal das Buch Buch sein. Er lehnte sich an die schräge Seite der Wanne, schloss die Augen und ließ seine Gedanken auf Wanderschaft gehen. Plötzlich musste er an seine Eltern denken. Immer waren sie für ihn da gewesen. Vermutlich hätte er auch bis an ihr Lebensende nicht ausziehen müssen. Doch Mandy hatte nicht viel von ihnen gehalten. Obwohl seine Eltern ihr nie etwas getan hatten. So war sein Kontakt zu ihnen auf die obligatorischen Besuche zu Feier– und Geburtstagen zusammengeschrumpft. Das tat ihm weh, es war aber nun mal so. Vermutlich wussten sie noch nicht einmal, dass Mandy und er nicht mehr zusammen waren. Janine hingegen wollte seine Eltern so schnell wie möglich kennen lernen. Bisher jedoch hatte Alex das immer in die Zukunft geschoben, zu schlecht war sein Gewissen ihnen gegenüber. Dass er damit die Zeit noch verlängerte, in der seine Eltern ihn nicht zu Gesicht bekamen, war ihm klar, doch war der Mensch so gestrickt, dass er das größere Problem oft in den Kauf nahm, um das kleinere Problem herumzukommen. Lange würde er nicht mehr zögern, nahm er sich vor. So wie es für einen großen Teil der Raucher klar war, dass sie irgendwann mal aufhören würden, wenn der richtige Tag erst einmal gekommen war. Nun wollte er erst einmal seine warme Wanne und sein Buch genießen. Diesmal führte Fitzeks Thriller ihn auf ein Kreuzfahrtschiff. Ein Kreuzfahrtschiff, von dem immer wieder Menschen verschwanden. Die Wärme tat gut, draußen zeigte der November seine unwirtliche Seite, da war das Gegenprogramm dazu hier drinnen eine Wohltat. Das Buch tat ebenfalls gut, die ersten einhundert Seiten schaffte er, dann stellte er mit Blick auf sein Telefon fest, dass er schon anderthalb Stunden in der Wann saß. Er legte das Buch auf den Toilettendeckel und rutschte nun mit seinem ganzen Körper in die Wanne, sodass nur noch sein Gesicht aus der Wasseroberfläche herausragte. Er schloss die Augen und genoss die fast lautlose Stille im Wasser. Dumpfe Geräusche drangen noch an sein Ohr, die Wärme des Wassers lullte ihn ein. Immer öfter fingen seine Lider zu flattern an, ein Zeichen totaler Entspannung, es fehlte nicht viel und er wäre eingeschlafen. Plötzlich vernahm er ein dumpfes Stöhnen, die Augen sprangen erschreckt auf. Hatte er sich das eingebildet? Hatte er eines der dumpfen Geräusche falsch gedeutet? Da – schon wieder. Diesmal viel deutlicher. Ein dumpf blubbernder Schrei, immer wiederkehrend und immer nur aus einem Wort bestehend: ›Hilfe‹. Panisch tauchte Alex aus dem Wasser auf und sein Auge erblickte etwas, das sein Gehirn nicht verarbeiten wollte. Er saß in einer Wanne voll Blut. Alex kauerte in seinem kleinen Wohnzimmer, nackt, die Knie angezogen und die Arme darum gelegt. Um ihn herum bildete sich eine Pfütze, eine rote Pfütze. Sein ganzer Körper zitterte, sein Herz raste. Sein Atem kam stoßweise, er stand kurz vorm Hyperventilieren. Inmitten seiner Pfütze lag Janines Handy, vergeblich hatte er versucht, Dr. Dehns Nummer herauszusuchen. Vermutlich war er unter seinem Vornamen eingespeichert, er war mit seinen Studenten auf Du. An den Vornamen konnte Alex sich nicht erinnern. »Nur Hirngespinste«, versuchte sich Alex zu beruhigen, wie es der Doktor empfohlen hatte. Ein endloser Monolog, der nicht zu helfen vermochte. Das Wasser um ihn herum blieb rot, das in der Wanne würde es auch sein, wenn er nachschauen ging. Sein Gehirn schrie laut und panisch nach Janine, plötzlich klopfte es an der Wand. Hatte doch nicht nur sein Hirn geschrien. Die Panik war wie ein Klammerstapler, sie setzte die Klammer an, und wenn sich die Last erst einmal darin befand, konnte sie sich nicht mehr befreien. Sämtliche Selbstberuhigungsversuche schlugen fehl. Er flüchtete vor seiner Pfütze aus Blut in den Flur, wo sich plötzlich die Tür seines Einbauschrankes bedrohlich und mit angsteinflößender Geräuschkulisse öffnete. Alex floh aus der Wohnung. Nicht einmal die Tür schloss er. Er rannte direkt, nackt wie er war, auf die Straße. Der kalte Novemberwind senkte die Temperaturen des auf seiner Haut befindlichen Wassers (oder Blutes?) und kühlte so den nackten Körper stark aus. Alex spürte es nicht, er schrie nach Hilfe. Doch wurden seine Hilfeschreie nicht beantwortet. Die Welt drehte sich um ihn, er wusste nicht, ob er sich drehte oder die Perspektive um ihn herum. Beim Drehen verlor die Welt plötzlich wieder ihre Farbe, mit jeder Runde ein bisschen. Mit einem Schlag hörte das Drehen auf und Alex stand wieder in der schwarzweißen Welt. Leichter Schwindel ließ ihn wanken. Er war wieder ganz allein. Oder doch nicht? Plötzlich sah er eine Gestalt. Rückwärts kam sie auf ihn zu – nackt, leichenhaft und grau. Schlurfend zogen sich ihre Füße über den Boden. Die Erscheinung sah furchterregend aus, zugleich wirkte sie nicht, als ginge eine Gefahr von ihr aus. Trotzdem floh Alex an die Häuserwand und beobachtete den langsam nahenden Nackten. Er schlurfte weiterhin gebeugt rückwärts, ihn selbst schien er nicht wahrzunehmen. Es wirkte, als würde man die Aufnahme eines Irren, der den Gehweg entlangschlich, rückwärts abspielen. Die Haut des Rückwärtsläufers sah aus, als hätte sie unter einer schweren Krankheit zu leiden. Durch die orangefarbene Straßenbeleuchtung wirkte sie etwas grün. Stellenweise hingen alte Hautschwaden herunter, als würden sich die Zellen dieser Kreatur zu schnell teilen. Alex drückte seinen nackten Hintern an den rauhen Putz des Altbaus. Als diese Erscheinung auf seiner Höhe war, drehte sie ihm den Kopf zu und bedachte ihn mit einem traurigen Blick aus seinen toten Augen. Eine Träne lief an der faltigen, toten Haut herab. Er schlurfte unablässig rückwärts. Alex´ Blick wurde auf einmal von etwas anderem angezogen. Am Rückwärtsläufer baumelte ein riesiger Penis, dieser schwenkte bei jedem Schritt hin und her, ein großer Tropfen hing an dessen Spitze und weigerte sich, abzufallen. Eine neue Welle der Panik ergriff Alex, er rannte fort von diesem Wesen durch die schwarzweiße Welt. Er rannte und rannte und sah keine Menschenseele, weder vorwärts- noch rückwärtslaufende. Als er nicht mehr konnte, sackte er nach vorne, um wieder Luft zu bekommen. Er kam wieder hoch, die Welt war wieder in Farbe, er stand vor der Bar, in der Janine ihr Geld verdiente. Und er stand nackt dort und hatte sich dafür auch noch genau einen Platz unter einer Straßenlaterne ausgesucht. Die Tische draußen waren zwar leer, aber aus den Fenstern schauten Menschen mit verdutzten Gesichtern. Im Prenzlberg wunderte man sich nicht über viel, über manches jedoch schon. Auch wenn die Toleranzgrenze hier relativ hoch lag, stellte Alex in seiner Aufmachung jedoch schon eine Sehenswürdigkeit dar. Janines Chef, der gerade in der Nähe der Tür gestanden hatte, kam herausgeflitzt. »Was ist denn mit dir los?«, fragte er entgeistert. Alex konnte nur stammeln. Die Bar hatte einen zweiten Zugang, er führte durch den Hausflur des Altbaus. Dorthin schob der Chef Alex. Das Küchenpersonal schaute entgeistert, der Chef schob ihn in ein kleines Büro. »Was ist denn mit dir los?«, wiederholte der Chef. Alex konnte nur mit den Schultern zucken. Sollte er sich diesem Menschen, mit dem er bisher kaum Kontakt hatte, einfach anvertrauen? Vermutlich blieb ihm gar nichts weiter übrig. Immerhin hatte er nackt vor dessen Bar gestanden. Erst stammelte Alex nur unverständliches Zeug, mit dem der Barbesitzer nichts anfangen konnte. Dieser hüllte ihn in eine Decke, bereitete ihm einen Tee zu und beruhigte ihn, so gut er konnte. Nach einigen Minuten war Alex in der Lage, zu sprechen. Er erzählte, was zu erzählen war. Kilian, der Barbesitzer, reagierte erstaunlich gelassen. Er nahm den Umstand, es mit jemandem mit einer psychischen Störung zu tun zu haben, einfach als gegeben hin und überlegte, was zu tun sei. Nachdem er erfuhr, dass Janine nicht erreichbar war und Alex die Nummer des Psychologen nicht wusste, schlug Kilian vor, einen Krankenwagen zu rufen. Alex kaute auf dieser Idee herum? Was würde man mit ihm tun, wenn er sich darauf einließ? Würde man ihn in eine geschlossene Abteilung bringen? Immerhin war er auf der Flucht vor einem penisschwenkenden Rückwärtsläufer durch den Prenzlberg gerannt. Splitterfasernackt. In einer schwarzweißen Parallelwelt. Vermutlich würde man ihm ordentlich Medikamente verpassen, ihn sabbernd in eine Gummizelle stecken und ihm Gruppentherapien verordnen, die mit den Worten ›Hallo, ich bin Alex und ich bin hier, weil…‹ beginnen. Nein. Auf gar keinen Fall! Er musste nur durchstehen, bis Janine nach Hause kam. Erstens war er mit ihrem Erscheinen nicht mehr allein und zweitens – sie konnte Dr. Dehn kontaktieren und ihm stärkere Tabletten verschaffen. Anscheinend genügte seine Medikation nicht. »Ich würde lieber nicht«, erklärte er Kilian kleinlaut seine Gefühlslage. »Was willst du denn tun? Hier sitzen, bis Janine wieder zuhause ist? Zumal sie vermutlich bis morgen Nachmittag schläft! Und das auch noch ganz woanders.« Alex stammelte vor sich hin. Kilian ließ nicht locker. »Oder noch besser: willst du nackt nach Hause laufen? Drei Kilometer baumeln lassen? Wenn du nicht weggefangen wirst, wirst du vermutlich verprügelt!« Alex starrte zu Boden. Sein Gehirn war leer. Was sollte er auch darauf antworten? Er wusste ja, dass Kilian Recht hatte. Aber wenn er doch auf keinen Fall in die Klapper wollte?! Was war nur aus ihm geworden? Bis vor einigen Monaten war, von den Problemen mit Mandy abgesehen, alles in Ordnung. Er war ein gesunder junger Mann mit einer durchschnittlich gesunden Psyche. Und nun das. Sein Blick ging wieder nach oben. Kilian starrte ihn wortlos an. Wie lange hatte er jetzt gesessen und vor sich hin gegrübelt? Es musste schon eine Weile gewesen sein, Kilian wies Anzeichen von Ungeduld auf, sein rechter Fuß tippte ständig auf den Boden, der Mund immer in verkniffener Bewegung. Er musste sich um seinen Laden kümmern. Das half Alex letztendlich weiter. Kilian wollte ihn heraushaben. So oder so. Alex konnte spüren, wie bei seinem Gegenüber die Ungeduld die Vernunft verdrängte. Als Kilian das nächste Mal den Mund aufmachte, wusste Alex, dass er sich dem eigentlich Notwendigen nicht stellen musste. »Pass auf Alex«, sprach Kilian ruhig, »ich finde es zwar falsch, aber ich werde dir jetzt ein paar Koch-Klamotten geben, die wir immer hier liegen haben. In stressigen Situationen, wenn die Köche nicht auf Toilette können, entlassen sie mal ein paar Tropfen in die Hose. Das ist dein Glück. Eine dicke Jacke bekommst du von mir, schließlich fahr ich nachher mit dem Auto. Du ziehst alles an und gehst nach Hause.« Über diese Worte war Alex einerseits glücklich, andererseits machten sie ihm schmerzlich bewusst, dass er hier nackt etwas abseits in einer Restaurantküche saß. Nach nicht einmal fünf Minuten entließ ihn der Barbesitzer durch den Hinterausgang. In sein Gesicht war das pure Wissen gemeißelt, dass es falsch war, was er da tat. Nachdenklich und kopfschüttelnd sah er Alex nach, wie er in den schwarzweiß karierten Kochhosen davonstakte. Alex hockte in seinem langen Flur an der Wand, dort hatte er in verschieden Positionen die Nacht und den neuen Tag verbracht, seit er nach Hause gekommen war. Irgendwann hörte Alex den Schlüssel in der Wohnungseingangstür drehen. Erleichterung sprengte den Ring um seine Brust, er war nicht mehr allein. Den Heimweg hatte er gut bewältigt, außer dass die Kochklamotten der Kälte nicht gewachsen waren. Auch übersah er an einem Übergang eine Straßenbahn, die ihn mit lautem, wütendem Klingeln von den Schienen trieb. Eine alte Tatra-Bahn, groß, gelb und laut – und trotzdem hatte er sie nicht gesehen oder gehört. Das passte zu seiner geistigen Situation. Zuhause hockte er sich in den Flur, um den Schrank im Auge zu behalten. Diesen Platz behielt er bei, bis Janine kam. Ohne Schlaf, ohne Essen. Nur mit seinen Gedanken. Davon kaum einer ein schöner. Endlich betrat Janine die Wohnung. Alex versuchte sich hochzustemmen, jedoch weigerten sich sein ausgehungerter Körper und die durch die einseitige Haltung eingeschlafenen Gliedmaßen die Befehle des Gehirns. Sein verstörter und übermüdeter Geist tat sein Übriges. Janine fand ihn kauernd und verstört auf dem Flurboden hockend, das Gesicht kreidebleich, die Haare wie wirre Strippen ins Gesicht hängend. Nach einem Moment des Schrecks stürzte sie zu ihm und schloss ihn in die Arme. Sie saßen einem schweigenden Dr. Dehn gegenüber. Dieser verdaute gerade die Geschichte, die Alex ihm erzählt hatte. Seine Kaumuskeln arbeiteten angestrengt, ein Zeichen nachdenklicher Anspannung. »War deine seelische Belastung höher als sonst?«, fragte er endlich, ihn ganz selbstverständlich dutzend. Alex schüttelte mit dem Kopf. Wieder gemeinsames Schweigen. Dann traute sich Janine zu fragen: »Können wir seine Dosis erhöhen?« Alex schaute Janine von der Seite an. Wie sehr er sie liebte! Sie waren erst kurze Zeit zusammen, trotzdem blieb sie bei allen Scherereien, die sie mit ihm hatte, bei ihm. Hätten die meisten Frauen sich nicht getrennt, nachdem feststand, dass er verrückt war? Vermutlich. Aber nicht seine Janine. »Hm«, mehr als dieses harte Geräusch ließ der Doktor heraus. Er ließ sie zappeln, als würde er darauf warten, dass beide von allein die richtigen Schlüsse ziehen würden. Nachdem nichts passierte, fing er vorsichtig zu sprechen an. »Wisst ihr, ich kann es nicht verantworten, Alex einfach nur die Dosis zu erhöhen. Er gehört in Behandlung, und zwar in professionelle. Dorthin, wo man sich mit Psychosen auskennt.« Der letzte Satz ließ nicht offen, was er damit sagen wollte. Alex sprang auf und stützte sich auf des Doktors Tisch. »In die Klapper? Meinen Sie das?« »Ja, das meine ich. Obwohl ich es lieber als Spezialklinik bezeichne. Dort sind Ärzte, die dir …« Alex unterbrach den Redeschwall mit einem Aufschrei. »Ich gehe nicht in die Klapse. Niemals!« Damit drehte er sich um und rannte, ohne auf Dehn oder Janine zu achten, aus der Praxis. Sein Telefon, das er immer in der Hosentasche trug und irgendwo hinlegte, wenn er sich hinsetzte, blieb herrenlos auf Dehns Schreibtisch liegen. Janine machte sich Sorgen. Sie war nun schon eine halbe Stunde in Alex´ Wohnung. (Oder war es schon ihre gemeinsame?) Einmal hatte sie seine Nummer gewählt, Sekunden später hatte es in ihrer Handtasche geklingelt. Ach ja – er hatte sein Handy ja liegen lassen. Zum Glück hatte sie daran gedacht, als sie versuchte, ihm hinterher zu kommen. Was ihr natürlich nicht gelang. Als sie die Praxis verließ, war von ihm nichts mehr zu sehen. Kurz gestattete sie sich den Gedanken, worauf sie sich mit Alex eingelassen hatte. Aber nur kurz. Sie liebte ihn und wollte ihm helfen. Wo blieb er bloß? Er würde doch keinen Blödsinn machen? Bevor sie ihm nachgelaufen war, hatte sie Dr. Dehn eindringlich gebeten, keine Meldung zu machen. Sie hatte ihm versprechen müssen, dass sie dafür sorgen würde, dass er sich in Behandlung begab. Und das würde sie tun. Was auch immer es bedeutete. Die Unruhe trieb sie durch die Wohnung. Sie tigerte hin und her. Nicht, dass sie viel Platz zum Tigern hatte, aber still sitzen konnte sie nicht. Plötzlich stellten sich, ohne dass es einen augenscheinlichen Grund dafür gab, ihre Körperhaare auf. Sie fühlte sich beobachtet. Es war, als würde sich etwas in ihre Haut bohren. Janines Blick wurde vom Einbauschrank angezogen. Er zog an ihr, wie die Erdpole an der Kompassnadel. Trotz ihrer Angst schlich sie langsam auf ihn zu. Ihre Füße hoben fast gar nicht von den Dielen ab. Nach einer gefühlten Ewigkeit stand sie direkt vor dem Schrank, wie in Trance hob sie ihre Hand, um an dem altmodischen Schlüssel zu drehen. Quietschend öffnete sich einer der Türflügel. Schlechte Luft strömte heraus – geschwängert mit Gerüchen, die ihr allesamt bekannt vorkamen, sie aber nicht wusste, was es für welche waren. Jeder einzelne dieser Duftnoten berührte irgendwelche Synapsen in ihrem Gehirn. Dies löste Empfindungen aus, allerdings kaum positive. Sie würde Alex dazu anhalten, etwas gegen den Gestank zu unternehmen. Plötzlich würgte sie. Länger hielt sie es nicht mehr aus, fast panisch knallte sie die Tür zu und verschloss sie. Dann tigerte sie weiter. Alex rannte. Schon lange hatte er sich nicht mehr sportlich betätigt, doch heute, nach der Flucht aus Doktor Dehns Praxis, überkam es ihn einfach. Er rannte schneller, als er konnte, länger, als er eigentlich durchhielt und ausdauernder, als gut für ihn war. Irgendwann sackte sein Oberkörper nach vorne, seine Hände stützen sich auf die Knie. Die kalte Luft brannte in seinen Lungen, ein starkes Seitenstechen setzte ein. Es brauchte lange, bis er wieder normal atmete. Er musste sich auf eine nahe Parkbank sitzen. Irgendwann setzte der erste zarte Schneefall des Jahres ein. Alex fror. Trotzdem mochte er nicht nach Hause. Er wusste zwar nicht, was ihn dort erwartete, ganz sicher jedoch nichts Gutes. So weit so vorhersehbar. Warum sollte man ihm jetzt auch positiv entgegentreten? Wie ein Wahnsinniger war er aus der Praxis desjenigen geflüchtet, der ihm helfen wollte. Sein Verhalten kam einem Anfall gleich. Und für die Kürze ihrer Beziehung hatte Janine einige Verhaltensauffälligkeiten seinerseits miterleben müssen und das heute war bestimmt der Gipfel. Würde sie überhaupt bei ihm bleiben? Er hoffte es, befürchtete aber das Schlimmste. Der stärker werdende Schneefall fiel Alex in den Kragen. Schal und Mütze hatte er nicht dabei. Als er das Haus verlassen hatte, sah es nicht nach Schneefall aus. Nun wurde es langsam unangenehm. Es hielt ihn nicht mehr auf der Bank. Er konnte es nicht länger aufschieben, er musste nach Hause. Ein wenig hoffte er, Janine möge, vielleicht aufgeschreckt durch sein Verhalten, nicht zuhause sein. Er überlegte kurz, mit der Straßenbahn zu fahren, dies war angenehmer bei diesem Wetter. Er entschied sich anders. Lieber zu Fuß. Zeit schinden. Irgendwann jedoch stand Alex vor seiner Haustür. Inzwischen peitschte der Schnee durch den orangefarbenen Schein der Straßenlaternen. Bewusst langsam schloss Alex die Tür auf und schritt mit zittrigem Gefühl zur Wohnungseingangstür. Leise, als wollte er das Unvermeidliche noch hinausschieben, steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn vorsichtig. Langsam öffnete er die Tür. Als würde er damit verhindern, dass Janine ihn kommen hörte. In dieser kleinen Wohnung! Endlich hörte Janine den Schlüssel in der Tür. Sie war gleich doppelt erleichtert. Zum einen, weil er nun endlich zu Hause war, zum anderen, weil sie sich zunehmend unwohl gefühlt hatte in der Wohnung. Ohne zu wissen, warum das so war. Sie hörte genau, wie er versuchte, besonders vorsichtig zu sein. Was würde nun passieren? Wie würde er reagieren, wenn sie versuchte, ihn zu einer stationären Behandlung zu bewegen? Würde er ausrasten? Würde er wieder flüchten? Mit pessimistischen Gedanken ging sie, ihn in Empfang zu nehmen. Erst einmal würde sie die Situation mit einer Umarmung entspannen. Alex hörte das leise Tapsen, das ihm anzeigte, dass Janine auf ihn gewartet hatte. Er freute sich, verspürte aber zugleich Angst. Was, wenn sie ihn zu einem Aufenthalt in der Klapper überreden wollte? Auf keinen Fall würde er in die Verrücktenanstalt gehen. Lieber nahm er sich das Leben! Janine kam auf ihn zu, vorsichtig und mit geöffneten Armen. »Hey Schatz«, wisperte sie, »da bist du ja endlich!« Alex´ Blick wurde verschleiert. Zu viel Flüssigkeit in seinen Augen. Er fiel in ihre Arme und drückte sie fest an sich. Sie würde nichts von ihm fordern, sie würde ihm nur helfen. Sie verstand, dass er nicht in eine Anstalt gehen würde. Leichter Zug und das Knacken der Holztreppe im Treppenhaus zeigten an, dass die Wohnungseingangstür noch nicht geschlossen war. Janine machte einen Fehler. Später würde sie oft darüber nachdenken, dass es besser gewesen wäre, noch etwas zu warten. Ihn sich beruhigen zu lassen, vielleicht auch erst eine Nacht darüber schlafen lassen. Doch wie so oft im Leben war die Zunge das Körperteil, mit dem man am besten Porzellan zerschlagen konnte. In dem Moment, wo sich ihr Mund öffnete, um den Satz zu sagen, wusste sie, dass es nicht klug war, ihn zu sagen. Doch es war zu spät. Er war schon zwischen ihren Lippen herausgeschlüpft. »Es geht nicht anders, du musst dich in Behandlung begeben! Wie lange willst du warten? Du bist splitterfasernackt durch die Gegend gerannt, du siehst Erscheinungen – du brauchst Hilfe!« Allein sein Gesichtsausdruck zeigte ihr, was er dachte. Sämtliche Farben wichen einer unschönen Blässe. Die Augen füllten sich mit Tränenflüssigkeit. Er zitterte. Plötzlich beschimpfte er sie in seiner Verzweiflung, drehte sich abrupt um und flüchtete durch die noch geöffnete Wohnungseingangstür. Durch den Überraschungseffekt und seine besseren körperlichen Voraussetzungen hatte er sofort einen Vorsprung. Sie hörte die Hauseingangstür schließen, erst jetzt setzte sich in Bewegung, Gott sei Dank dachte sie daran, den Türschlüssel mitzunehmen. Der Satz hallte in Alex Kopf nach. Immer wieder hörte er diesen Satz, die letzten drei Wörter hallten in seinem Schädel wider. »Du brauchst Hilfe! Du brauchst Hilfe! » Immer und immer wieder. Ihren Gesichtsausdruck hatte er durch seinen Tränenschleier nicht erkennen können. Wollte er auch nicht. Er wollte nur noch weg. Im hintersten Winkel seines Gehirns wusste er zwar, dass sie Recht hatte. Dieser Winkel wusste, wie sehr er Hilfe brauchte. Doch für ein Selbsteingeständnis ging es ihm noch nicht schlecht genug. Und diese Frau, die er liebte und der er vertraute, wollte ihn zu diesem Eingeständnis zwingen. Auf der Treppe zur Gesundheit war genau dieses Geständnis meist die höchste Stufe, egal ob es sich um Sucht, schlechte Angewohnheiten, körperliche oder psychische Probleme handelte. Aus Verzweiflung war Alex ungerecht geworden. »Du bist hierfür verantwortlich!«, hatte er Janine angeschrien. Speichel sprühte. »Du steckst mit Ihnen unter einer Decke!« Janine kam mit beschwichtigend ausgebreiteten Händen auf ihn zu. Alex schubste sie weg, sodass sie auf den Dielenboden fiel. Einige Sekunden stand Alex starr, dann drehte er sich abrupt herum und rannte aus der Wohnung und aus dem Haus. Er rannte und rannte. Bis er nicht mehr konnte. Er schloss die Augen und schnappte nach Luft. Tief sog er sie ein und sie war … sie war … jedenfalls nicht kalt. Müsste sie nicht kalt sein? Schließlich hatte der frische Dezember eine dünne, aber bleibende Schneedecke auf das Pflaster gezaubert. Weiterer Schnee kam in kleinen Portionen aus den Wolken. Mit einer Vorahnung öffnete Alex die Augen und die Welt war – na klar – grau. Eine Gruppe Rückwärtsläufer kam mit langsamen mechanischen Bewegungen auf ihn zu, er sah das Muskelspiel der nackten Pobacken. Als sie bei ihm angelangt waren, teilte sich die Gruppe um ihn herum und zog an ihm vorbei, ohne großartig von ihm Notiz zu nehmen. Lediglich die Augen blickten ihn tot und traurig an. Ihre großen Penisse hingen grau herunter, einige hatten ihn auch in der Hand, als störte sie das Baumeln. Dann waren sie vorbei, hinter ihm fügte die Gruppe sich wieder zusammen und entfernte sich mit ihrer merkwürdigen Bewegungsart. Diese Welt, seine zweite Welt, hatte ihre eigenen Gesetze und Bedingungen. In seiner ersten Welt war Winter, in seiner zweiten, seiner schwarzweißen Welt, herrschten angenehme klimatische Bedingungen, außerdem war sie niederschlagsfrei. Keine weiteren Menschen, jedenfalls keine normalen, waren zu sehen. Nur seine neuen Freunde, die stoisch rückwärtslaufenden Grauen, die ihn immer wieder besuchten, ihn traurig anzublicken. Plötzlich hörte er die Stimme, die Stimme, die hier in dieser Welt eigentlich nicht klingen konnte. Und doch – er hörte sie deutlich. Mit einem Anflug von Panik rief sie ihn: »Aaaleeex!« Er hob den Kopf und lauschte. Wieder sein Name, wieder Janines Stimme! Diesmal noch gefolgt von einem »Oh mein Gott! Was ist das denn?« Was hatte das zu bedeuten? Er lief der Stimme entgegen und sah die Rückwärtsläufer, seine Grauen. Sie hatten wieder eine leicht rautenförmige Formation eingenommen, dann sah er auch warum. Er sah Janine als bunten Fleck in dieser Welt, die Rückwärtsläufer zogen auf beiden Seiten an ihr vorbei und vereinigten sich hinter ihr wieder zu einem geschlossenen Block. Alex sah, wie sie sich entsetzt umsah und den davonziehenden Grauen hinterher blickte. Langsam ging auf er auf sie zu und näherte sich ihr von hinten. Warum war sie in dieser Welt? Wie konnte das sein? Kurz bevor er bei ihr ankam, drehte sie sich um und erschrak sich, weil er plötzlich vor ihr stand. Sie war atemlos. »Oje Alex, wo sind wir hier?« Er war erstaunlich schnell. Sie wollte ihn nicht ziehen lassen. Wer weiß, was er anstellen würde! Der Schnee fiel nass in ihren Nacken, die Kälte piekte ihr in die Haut. Sie hatte sich nichts weiter angezogen und war noch für drinnen gekleidet. Von weitem sah sie Alex´ Rücken. Obwohl er ihr sportlich überlegen war, holte sie auf. Sie sah, wie er stehen blieb und sich umblickte, als würde um ihn herum etwas Interessantes stattfinden. Plötzlich spürte sie Wärme an ihrem Körper, es war wie beim Schwimmen im See, wenn man von einer kalten in eine warme Region überwechselte. Sie blickte sich um und sah, dass die Welt nicht in Farbe war, sie drehte sich langsam um sie herum. Alle Töne waren plötzlich verschwunden, nur gedämpft, wie aus der Ferne, erklang Hundegebell. Aggressives Hundegebell. Verwirrt hielt sie nach Alex Ausschau und erschrak plötzlich, weil ein Rudel rückwärtslaufender Halbtoter langsam auf sie zukam. »Oh mein Gott! Was ist das denn?«, schrie sie, zum Umkehren blieb ihr keine Zeit. Der Mob gleichzeitig furchterregend und friedlich aussehender Figuren teilte sich um sie herum und zog, ohne sie zu behelligen, an ihr vorbei. Als sie vorbei war, schloss sich der Haufen wieder zusammen und zog seines Weges. Janine schaute ihnen nach. Wo war sie denn hier gelandet? Hatte Alex nicht in seinen Erzählungen von so einer Welt gesprochen? Waren es doch keine Hirngespinste? Sie drehte sich um und wollte nach ihm Ausschau halten, als er plötzlich schon vor ihr stand. »Oh Scheiße, Alex, wo sind wir hier gelandet?«, entfuhr es ihr. Er zuckte nur mit den Schultern und sie war erstaunt darüber, wie ruhig er der Tatsache entgegensah, sich anscheinend in einer Parallelwelt zu befinden, in der so etwas ähnliches wie Menschen rückwärts liefen und in der alles grau zu sein schien, selbst ihre Bewohner. Sie beide waren die einzigen Farbflecke, die sie ausmachen konnte. »Sind wir in der Welt, von der du uns erzählt hast?«, flüsterte sie tonlos. Er nickte nur. »Oh Alex, wenn ich das gewusst hätte!« Sie nahm ihn in die Arme. »Ich glaube dir jetzt.« Eine surreale Situation. Sie standen inmitten einer farblosen Welt, der Trupp der Grauen war gerade erst durch, umarmten sich wie zwei frisch Verliebte, die sich zu lange nicht gesehen hatten. So standen sie eine ganze Weile innig ineinander geschlungen, die Köpfe an die jeweilige andere Schulter gepresst. Plötzlich wurde es kalt, beide froren. Als beide fast gleichzeitig wieder ihre Köpfe hoben, stellten sie fest, dass die Welt wieder farbig geworden war. Um sie herum fand das normale Stadtleben statt. Sie standen auf einer wenig befahrenen Straße, die Arme umeinander geschlungen, die wenigen Autos, die vorbeikamen, mussten an dem Hindernis vorbei fahren. Die meisten Fahrer zeigten durch ein Kopfschütteln, was sie davon hielten. Alex und Janine waren wieder in der normalen, ihnen bekannten Welt. Plötzlich begann Alex, stark zu zittern. Er zitterte wie im Fieberwahn. Janine zog ihn nach Hause. Alex war mit sich selbst uneins. Sollte er nun erleichtert sein, dass er nicht verrückt war? Oder war eine ordentliche Macke die bessere Alternative? Seltsamerweise empfand er das Wissen, gelegentlich mit Phänomenen konfrontiert zu sein, nicht als besonders beunruhigend. Er fühlte sich ruhiger als zuvor, als noch eine Psychose im Raum stand. Vor allem war er nicht mehr allein in dieser merkwürdigen Welt, der er ab und zu einen Besuch abstattete. Eine nachdenkliche Janine hielt ihn im Arm, viel war von ihr nicht zu hören. Sie hatte ein dickes Ding zu verarbeiten. »Vielleicht hat das alles mit diesem schrecklichen Schrank zu tun!« Janine hatte sich plötzlich aufgerichtet und diesen Satz in die Welt gestoßen. Alex erschien das logisch, daher saßen beide am nächsten Tag im Büro ihrer Hausverwaltung, um sich die Genehmigung dafür zu holen, den Schrank mittels Rigips schließen zu dürfen. Sie schilderten der zuständigen Bearbeiterin ihr Anliegen, ohne jedoch auf die Gründe einzugehen. Diese machte plötzlich einen verkniffenen Gesichtsausdruck und wurde sichtlich nervös. Statt einer vernünftigen Antwort kam nur Gestammel. »Hier stimmt doch was nicht!«, wunderte sich Janine, »was ist denn mit dieser Wohnung los? War mit dem Vormieter etwas?« Die Bearbeiterin antwortete aggressiv: »Ich darf keine Auskünfte über ehemalige Mieter geben, zumal wenn sie tot …« Sie brach ab. Zu spät hatte sie bemerkt, dass schon zu viel gesagt wurde. Janine jedoch ließ jetzt nicht mehr locker. Mit der Wohnung stimmte etwas nicht, soviel war klar. Die Bearbeiterin mochte nichts mehr sagen und zeigte sich verstockt. »Verlassen Sie jetzt bitte mein Büro! Ich werde Ihnen keine Auskünfte mehr erteilen. Ich darf es nicht und ich möchte es auch nicht!« Doch Janine war nun auf Krawall gebürstet. Sie hatte die Führung übernommen, während Alex relativ passiv daneben stand, wie ein Fußballer, an dem das Spiel wegen seiner Formkrise vorüberzog. »Wir gehen nicht. Punkt.«, teilte sie emotionslos mit, als hätte sie gerade die Tageshöchsttemperatur mitgeteilt. »Dann hole ich die Polizei!« Die Sachbearbeiterin zitterte vor Hilflosigkeit und vor Wut. »Bitte!« Janine sagte nur dieses eine Wort, beugte sich über den Schreibtisch und reichte der aufgebrachten Frau den Telefonhörer. Deren Doppelkinn begann zu zittern. Plötzlich schrie sie unartikuliert und fegte fast alles, was ich auf ihrem Schreibtisch befand, herunter. Von dem Geschrei aufgeschreckt, eilten Kolleginnen aus anderen Büros zur Hilfe. Sie sahen zwischen der schwitzenden, wütenden Frau und den beiden Besuchern hin und her, als handele es sich um ein besonders langsames Tennismatch. Zehn Minuten später saßen sie bei der Büroleiterin und beobachteten sie, wie sie nachdenklich in ihrem Kaffee rührte. Dies tat sie lang und ausgiebig, ihr Blick wurde dabei immer abwesender. Irgendwann unterbrach Janine mit einem lauten Räuspern die Stille, um auf sie und den Grund ihres Kommens aufmerksam zu machen. Die Frau, die einen netten Eindruck machte, atmete tief durch, um dann zu beginnen. »Zuerst muss ich erwähnen, dass ich das, was ich weiß, nur aus Hörensagen der anderen Mieter in Erfahrung gebracht habe. Es sind keine gesicherten Erkenntnisse. Ich weiß nicht, was davon stimmt und ich glaube nicht an irgendwelchen Hokuspokus. Zuerst zu dem, was sicher ist. Der Mann, der zuvor in Ihrer Wohnung wohnte, hat sich eines Tages ziemlich spektakulär umgebracht. Er ist auf das Dach des Hauses geklettert, völlig nackt, und hat dort wild herumgeschrien. Laut der Nachbarn schrie er immer wieder: »Warum befreit ihr sie nicht? Sie wollen doch nur befreit werden!« Dabei fuchtelte er wild mit einer alten Uniformjacke irgendwelcher DDR-Organisationen herum. Als dann Feuerwehr und Polizeikräfte vor Ort waren, gebärdete er sich immer schlimmer. »Helft ihnen, helft ihnen«, so soll er die ganze Zeit gebrüllt haben. Die Feuerwehr breitete unten mehrere Sprungtücher aus, so hätte eigentlich gar nichts mehr passieren können. Einige Polizisten befanden sich schon auf der Schornsteinfegerleiter und waren kurz davor, ihn zu retten, da stürzte er sich herab. Nicht nach vorn, wo alles mit Sprungtüchern abgedeckt war, sondern nach hinten in den Innenhof. Er ist genau auf der alten Stange zum Teppich ausklopfen aufgekommen. Es hat ihn buchstäblich in zwei Teile zerrissen.« Janine kommentierte dies mit einem lauten Oh mein Gott, dann wartete sie gespannt, was noch kommen sollte. Doch auf das, was sie dann hörte, hätte sie lieber verzichtet. »Als man anschließend seine Wohnung durchsuchte, fand man seine tote Frau, die Kehle aufgeschnitten. Im begehbaren Schrank im Flur.« Diesem Satz folgte erst einmal Stille. Die Drei schauten sich betreten an. Wieder übernahm Janine die Initiative. »Auf keinen Fall können wir dort länger wohnen bleiben, sie müssen uns unbedingt eine neue Wohnung zur Verfügung stellen!« »Das wird nicht so einfach gehen«, wandte die Frau ein. Hier haben wir leider nicht das Sagen, wir sind nur die Verwaltung, die Wohnung gehört ja jemand anderem. Ich kann sie leider nicht vorzeitig aus dem Mietvertrag entlassen.« »Aber Sie können doch nicht verlangen, dass wir in einer solchen Wohnung wohnen«, erwiderte Janine. »In unserem Schrank befand sich eine ermordete Frau.« »Leider können wir hier keine vorzeitige Kündigung akzeptieren, ein Todesfall ist doch kein Grund für eine vorzeitige Kündigung. Stellen Sie sich mal vor, sämtliche Wohnungen, in denen jemand gestorben ist, werden nicht mehr vermietet. Dann hätten wir wohl bald ziemlich viele Obdachlose.« Bedauernd hob sie die Arme. Janine war den Tränen nah. Das Bedauern der Büroleiterin sah nicht gespielt aus. Wie zum Beweis sagte sie: »Passen Sie auf, ich kann Sie zwar nicht vorzeitig aus dem Mietvertrag herauslassen, aber vielleicht hilft Ihnen das weiter: wenn es nur der Schrank ist – den lösche ich einfach aus dem Inventarverzeichnis Ihrer Wohnung. Dann können Sie ihn einfach schließen und es wird kein Hahn danach krähen.« Die Frau machte einen Eindruck, als hätte sie soeben alle Konflikte dieser Erde gelöst und den 1. Weltfrieden geschaffen. Ein Billig-Baumarkt am Rande des Prenzlauer Bergs. Keine optischen Highlights, keine Beratung, kein Service. Dafür günstige Preise. Janine und Alex suchten zusammen, was sie zum Schließen des Flurschrankes benötigten. Sie hatten sich extra einen Leihtransporter gemietet. Vermutlich hätte sich in der Hauptstadt niemand gewundert, wären sie mit zwei Rigipsplatten, etwas Ständerwerk, einem Sack Spachtelmasse und einer Schachtel Schrauben in die öffentlichen Verkehrsmittel gestiegen, trotzdem stellte der Transporter des bekanntesten Verleihers Berlins die bessere Alternative dar. Als sie in das Büro der Immobilienverwaltung gekommen waren, hatten sie nichts weiter als die Schließung des Schrankes zum Ziel. Nun, nachdem sie die ganze Geschichte kannten, fühlten sie sich wie jemand, der sich einen Schutzhelm aufsetzen darf, um gegen einen Panzer zu kämpfen. Schweigend legten sie ihre Ausbeute auf den Plattenwagen. An der Kasse wurden sie von der Kassiererin veralbert, ob sie mit der Menge einen Umbau eines Mehrfamilienhauses planen. Sie konnten darüber nicht lachen. Zuhause angekommen, postierte sich Janine an das dem Schrank entgegengesetzte Ende des Flures. Sie sollte so dem Einflussbereich des merkwürdigen Wohnaccesoires fern bleiben. Alex demontierte als erstes die Türen. Dies tat er so vorsichtig, dass im Umfeld nichts beschädigt wurde. Je kleiner die Beschädigungen bei der Demontage, desto kleiner der Aufwand bei den der Plattenmontage folgenden Schönheitsreparaturen. Er schraubte die Türbeschläge ordentlich ab und stellte die Türen zur Seite. Anschließend entfernte er die Einlegeböden, um Baufreiheit zu erlangen. »Dieser Geruch!«, echauffierte sich Alex, als er im Inneren des Schrankes weilte. »Echt übel.« Nun kam auch Janine, um eine Nase voll zu nehmen. »Du hast Recht«, stimmte sie mit angewidertem Gesichtsausdruck zu, »echt übel, und dann noch der Geruch des Schrankes!« Nach einer Sekunde des Nichtbegreifens verstand Alex den Witz, der auf seine Kosten ging. Er lachte, griff nach ihr und wollte sie in den Schrank hereinziehen. Plötzlich zog es wie in einer Bahnhofshalle und die Gerüche verstärkten sich. Beide starrten gebannt in den Schrank. Als sie aus ihrer Trance erwachten, war vor den Fenstern schon das Tageslicht verschwunden. Polizei? Alex konnte über diese Idee Janines nur lachen. »Und was willst du denen erzählen? Dass in unserem Schrank der Geist einer Ermordeten für sich und ihre Leidensgenossen um Hilfe schrie?« Als sie aus ihrer Trance erwacht waren, waren die Gerüche verflogen, der Zug hatte aufgehört. Alles sah aus wie vorher, jedenfalls solange das Licht nicht eingeschaltet war. Bei Helligkeit sahen sie das Dilemma. Jemand (oder etwas?) hatte während der Abwesenheit der Hauptprotagonisten anscheinend die Spachtelmasse angerührt und diese mit Hilfe der Glättkelle in Buchstabenform an die Wand gebracht. ›Helft uns‹, stand dort blass auf weiß auf der Raufasertapete geschrieben. »Du weißt selbst, wie sich das anhört!«, führte Alex weiter aus. »Sie werden uns für verrückt halten und uns in die Geschlossene verbringen. Dein Freund Dr. Dehn wird dann vermutlich denken, dass eine neue medizinische Sensation stattgefunden hat, eine virulente Psychose, übertragbar durch das Energiefeld der Hirnströme.« Janine zog ein Gesicht. Ja, sie wusste, wie sich das anhörte. Immer, wenn Alex etwas aufbrausend war, wollte sie ihn am liebsten daran erinnern, dass er es war, der zuerst in dieser vertrackten Situation gesteckt hatte und sie dann hineingerissen hatte. Allerdings tat ihr dieser Gedanke anschließend immer leid. Doch was tun? Sollte sie sich vielleicht ihren Freunden anvertrauen? Oder Dr. Dehn? Nein, das würde sie nicht tun. Ihr Freundeskreis würde sie auslachen, Dehn würde ihre Eignung als Medizinerin infrage stellen. Sie hörte Alex etwas sagen, verstand leider nur die letzten Worte: »… ist es dann erledigt.« »Hmm?« »Ich habe gesagt, ich werde den Scheißschrank jetzt endgültig schließen, vielleicht ist es ja dann erledigt.« Janine hatte sich wieder in einigem Abstand zum Schrank postiert. Sie hatten abgesprochen, dass sie dieses Mal auf keinen Fall näher kommen würde. Alex setzte im Inneren des Schrankes das Ständerwerk so, dass später die Rigipsplatte und die Wand eine Ebene bilden würden. Der Bohrer fraß sich in den alten Zehdenicker Backstein wie ein warmes Messer in die Butter. Es dauerte nur wenige Minuten, bis das Gerüst aus Ständerwerk stand. Das Zuschneiden der Rigipsplatten und das Anbringen derselben dauerten ebenfalls nicht lang. Schon sah der Schrank verschlossen aus, Alex musste nur noch sämtliche Fugen und Ritzen verspachteln, schleifen, nachspachteln und anschließend noch einmal schleifen. Das erste Mal spachteln und schleifen hatte er bis zum Abend geschafft, sodass er am nächsten Tag nur noch einmal nachspachteln und fertig schleifen musste. Nachdem er Feierabend gemacht hatte, kredenzte Janine ihm ein Bier und sich selbst einen Hugo. So feierten sie, dass der Schrank verschlossen war. Sie gingen fest davon aus, dass damit ihre Probleme gelöst waren. Wie sehr sie sich irren sollten … Fünf Sehr früh war dieses Jahr der Winter über die Hauptstadt hereingebrochen. Eine geschlossene Schneedecke bedeckte den Straßendreck. Die Hunde der Stadt verewigten sich mit gelben Spuren in blütenweißem Schnee. Die Kinder hatten ihre Eltern so lange getrietzt, bis diese sich bereit erklärten, die Schlitten aus den Kellern oder von den Dachböden zu holen. Der Verkehr in der Hauptstadt kam fast zum Erliegen, so wie es in Gegenden üblich ist, in denen selten Schnee fällt. Wie immer verkündete die Stadtreinigung, mit allen verfügbaren Kräften vor Ort zu sein, wie immer bekam man selten ein Streu- oder Räumfahrzeug zu sehen. Die verbliebenen Vögel krakeelten und stritten sich um die wenigen Mengen Futter, die noch zu finden waren. In den Hausfluren war nun wieder das altbekannte Abklopfen des Schnees von den Stiefeln zu hören. Schneeschieber wurden über die Gehwege gekratzt, das Geräusch des morgendlichen Scheibenkratzens war überall zu hören. Trotz dieser Laute schien die Stadt stiller zu sein als sonst. Janine und Alex hatten verschlafen. Bei Alex war es weniger schlimm, er ging keinem geregelten Tagewerk nach. Janine jedoch würde ihre erste Vorlesung verpassen. Es war am Vorabend nicht bei einem Bier und einem Hugo geblieben, so sehr waren die beiden über die Lösung ihres Problems erleichtert, so sehr sahen sie Grund zum Feiern. Trotz ihrer Verspätung gedachte Janine nicht, jetzt in Hektik zu verfallen. Die erste Vorlesung sollte sie zwar interessieren, tat es aber nicht. Jeder Medizinstudent musste im Laufe seines Studiums auch die rechtlichen Seiten seines Ressorts kennenlernen, heute war eine solche Vorlesung anberaumt. Die meisten Studenten verstanden nur Bahnhof und hassten dieses Thema. So würde sie bestimmt nicht die einzige sein, die heute fehlte. Alex war auf der Matratze liegen geblieben und hatte sich noch einmal eingekuschelt, sie selbst musste jedoch dringend ins Bad, die Getränke von gestern Abend wollten wieder heraus. Im Flur roch es noch nach trocknender Spachtelmasse. Sie ging ins Bad und erledigte ihr Geschäft bei offener Tür. Plötzlich kam ihr etwas merkwürdig vor. Aber was? Dann fiel es ihr ein. Es waren die Schranktüren, die Alex gestern demontiert hatte. Er hatte sie, weil er nicht wusste, wo er sonst damit hin sollte, erst einmal an die Wände des Flurs gestellt. Sie jedoch hatte sie eben nicht gesehen. Sie machte fertig, wischte sich hektisch ab und unterließ in ihrer Spannung das Händewaschen. Schnell trat sie in den Flur und schaltete das Licht an. Sämtliche Gesichtszüge entglitten ihr, das Entsetzen ließ sie einen Schritt rückwärts gehen. Die Schranktüren konnten nicht mehr an den Wänden stehen, denn sie waren ordnungsgemäß an den Schrank montiert, als wären sie nie woanders gewesen. Vor dem Schrank lag ein Haufen Schutt – ein Gewüst aus zerbrochenen Rigipsplatten, zerbröseltem Spachtel, verdreckten Schrauben und verbogenem Ständerwerk. Alles in allem kein schöner Anblick, eher einer, der die Knie weich machte. Ihr Ruf nach Alex war so leise, dass er es nicht hörte, er war wieder ein wenig eingeschlummert. »Was denkst du, wie viel haben wir jetzt?« Walter konnte nur mit den Schultern zucken, Friedrichs Frage machte wenig Sinn. Sie waren fertig, wenn sie durch waren. Nicht vorher, nicht später. Und wenn es noch einmal zehn Monate dauerte. Auch hatten sie oft genug über den Karten gebrütet und erhitzt debattiert, sodass Friedrich genauso viel wusste wie er selbst. »Wir sind einfach zu wenig!«, warf Egon ein. »Mit mehr Leuten hätten wir das innerhalb von einem Jahr geschafft. Ich alleine kenn schon zehn Andere, die mitkommen würden. Zwölf Hansels sind einfach zu wenig!« »Dann sag doch gleich allen Bescheid, posaune es raus! Nein, noch besser: Häng doch ein Aufruf ans schwarze Brett beim Konsum!« Siegfried hatte einen hochroten Kopf. Sie hatten das doch lang und breit durchdiskutiert. Umso mehr Leute mitmachten, desto mehr potentielle Verräter gab es. Auf 80 Bürger kam einer, sagte man. Eine Zahl, die er sich selbst zwar nicht vorstellen konnte, die aber trotzdem Angst machte. Um sich zu beruhigen, sog er die feuchte Luft tief in die Lungen, hielt sie dort und ließ sie nur langsam entweichen. Dann fuhr er etwas ruhiger fort: »Ich weiß, dass wir schneller sein könnten, wenn mehr Leute mitmachen würden. Aber willst du wirklich das Risiko eingehen? Bis zu acht Jahre können sie dir dafür aufbrummen! Ganz zu schweigen, von dem Leben, was du danach führen wirst.« Egon nickte. »Ich weiß ja, aber es ist doch Scheiße. Wir werden ja nie fertig so!« »Wenn wir nur quatschen statt zu arbeiten, stimmt das«, ließ sich Erich vernehmen. Dies fand allgemeine Zustimmung, so machten alle weiter. ›Helft uns‹. Zwei Worte auf der Wand, mit Spachtelmasse aufgetragen. Spachtelmasse, die einen rötlichen Schein zeigte, als hätte der Schreiber sie mit Blut statt Wasser angerührt. Nachdem Janine Alex endlich wachbekommen hatte, um ihm das Malheur mit dem wieder offenen Schrank zu zeigen, hatte sie es entdeckt. Im fahlen Flurlicht sah es bedrohlich aus. Nun standen beide da, betrachteten abwechselnd den Schrank und die Botschaft auf der Wand. Außer Schulterzucken und Kopfschütteln hatten sie allerdings nichts Brauchbares zu bieten, was die Situation entschärfen konnte. Oder doch? Janine hatte eine Idee, die sie vorsichtig vorbrachte. »Du hast doch bestimmt auch schon ›Paranormal Activity‹ gesehen, oder?« Alex nickte. »Was ist, wenn es sich bei diesem ganzen Mist um genau so einen Scheiß handelt?!« Janines Sprache war derber als üblich. Die Situation begann sie zu verändern. »Könnte es nicht sein, dass sich hier in unserem Flurschrank irgendwelche Geister oder sonst was tummeln?« Alex´ Blick muss skeptisch gewesen sein. Jedenfalls ging Janine sofort in einen offensiven Verteidigungsmodus. »Oder hast du vielleicht eine bessere Erklärung hierfür? Vielleicht hat sich Oma Trude 1987 beim Kohlenholen im Keller verlaufen und findet nicht mehr zurück?!« Darauf wusste Alex mangels besserer Argumente und Gegenhypothesen nichts zu erwidern. Janine fühlte sich besser. Endlich hatte sie einen Ansatz. Endlich nicht mehr hilflos herumsitzen und dem merkwürdigen Treiben tatenlos zusehen. Sie hatte die Führung übernommen, wie schon so oft in ihrer noch jungen Liaison. Sie saßen und recherchierten. Dr. Google musste helfen. Sie gab ins Suchfeld ein: ›paranormale aktivitäten messen‹. Ganz oben in den Suchergebnissen erschien ein Bericht des ›Focus‹, in dem geschrieben stand, dass fast drei Viertel der Deutschen schon einmal parapsychologische Erlebnisse hatten. Das Spüren verstorbener Angehöriger, das Fühlen des Unglücks geliebter Menschen, Spuk- und Poltergeistphänomene, all das wurde kurz beschrieben. Interessant, aber nicht hilfreich. Oder doch? Immerhin machte es etwas Mut, dass so viele Menschen Dinge erlebt hatten, über die andere nur lachen würden. Ansonsten viele Blogs, die sich mit dem Für und Wider bestimmter technischer Geräte befasste – spezielle Temperaturmesser, Messgeräte, die elektromagnetische Frequenzen messen, Geigerzähler, Oszilloskopen und Unmengen Spezialkameras. Nichts Brauchbares unter den Suchergebnissen. Beide starrten eine Weile auf den Bildschirm, plötzlich legte Alex seine Hände auf die Tastatur. Janine war gespannt, was er tippen würde. Mit seinem unbeholfenen Zweifingersystem tippte er ein G, ein E, ein I … nach dem T wusste Janine, was gleich im Suchfeld stehen würde. Sie runzelte die Stirn. Doch nachdem er die zwei Wörter ›Geisterjäger Berlin‹ bestätigt hatte, zeigte sich ganz oben in den Suchergebnissen etwas Vielversprechendes, eine Gruppe namens ›Ghosthunters Berlin‹. Sie klickten den Link an und die Seite öffnete sich. Unter der Headline ›Ihr Geist geht Ihnen auf den Geist?‹ stand, dass die Gruppe sich seit zwanzig Jahren mit dem Aufspüren paranormaler Aktivitäten befasste. Aufmerksam studierten sie die Webseite. Zogen sie wirklich in Erwägung, ein paar esoterische Spinner zu Rate zu ziehen? Trotz der ausweglosen Situation hatte Alex Bedenken, so etwas zu tun. Aber eine andersgeartete Lösung hatte er auch nicht parat. »Wie viel mag das kosten?«, warf er ein. Janine zuckte mit den Schultern, woher sollte sie das auch wissen? Man rief ja nicht alle Tage jemanden, der einem einen Spuk aus der Wohnung vertreiben soll. Weitere passende Einträge konnten sie auch nicht finden. Also öffneten sie bei den ›Ghosthunters Berlin‹ den Reiter ›Kontakt‹, auf dem geschrieben stand, dass sie wegen hoher Nachfrage mit einiger Wartezeit zu rechnen hatten. Sie schrieben den Betreiber an und rechneten mit einiger Wartezeit. Alex versuchte leise zu sein. Schließlich waren die Mülltonnen im Innenhof nur für Hausmüll gedacht und nicht für Baumischabfälle. Aber sollte er nun wegen des kleinen Haufens Überbleibsel seines erfolglosen Versuches, den ruhestörenden Schrank zu verschließen, zum Entsorger fahren? Er zerkleinerte die Reste der Rigipsplatten und bog das Ständerwerk in handlichere Stücke. Ihr Hausgeist schien sich über die Entsorgung keine Gedanken zu machen, er hatte einfach alles aus der Wand herausgerissen und einfach so liegen lassen. Alex war fast fertig, da wurde die Tür zum Hof mit einem Ruck aufgerissen und eine Erscheinung trat auf die Bühne, die er als Bewohner ihres Hauses aus dem vierten Stock identifizierte. Ein alter, weißhaariger Mann, der immer etwas gebeugt durch die Gegend schlurfte und niemals grüßte. Kiesewetter, Erich oder Egon. Sein weißes Haar hing ungekämmt im kalten Dezemberwind. Die Augen des Mannes waren weit herausgetreten, als könne er selbst nicht glauben, was nun passierte. Die Haut des Merkwürdigen war teigig und grau, ein wenig erinnerte er Alex an die Grauen aus seiner Parallelwelt. Dass man überhaupt so viel von der Haut sah, lag daran, dass er lediglich ein dreckiges, weißes Unterhemd trug. Darunter lugte ein beachtliches Altmännerding hervor, das der Kälte trotzte. Die Tür hinter ihm fiel wieder zu. Vor dieser Tür stand der halbnackte Mann wie Märtyrer, schräg vor dem Körper einen gewaltigen Vorschlaghammer in beiden Händen. Er starrte auf den Hof, als checkte er die Lage. Dann setzte er sich wie ein Wikinger in Bewegung, die Stellung des Vorschlaghammers kaum ändernd. Er bewegte sich zielstrebig auf eine Betonfläche zu, ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten. Dort angekommen, drosch er wie wild mit seinem Riesenhammer auf den dicken Beton ein. Seine Altmännerarme winkten bei jedem Schlag. Alex starrte ungläubig. Er stand, wie zur Salzsäule erstarrt. Das erste große Betonstück platzte ab. Alex wusste aus Erfahrung, wie schwer es war, eine solch dicke Platte nur mit einem Hammer auseinanderzuschlagen, vermutlich hielt sich der Zementanteil in Grenzen. Der Irre schlug weiter und fing nun auch noch an zu schreien. »Ich werde sie befreien!«, war zwischen den einzelnen Schlägen zu hören. Nun öffnete sich nach und nach einige Fenster. Menschen schauten heraus und schüttelten die Köpfe. Einer schrie: »Was ist denn mit dir los, du Idiot?!« Der Verrückte lachte irre und schlug weiter auf den Beton ein. Gerade löste sich ein zweites Stück, was Alex als Wunder einordnete, wenn man die Dicke der Platte und das Alter des Abrissspezialisten beachtete. Nun war ein Schrei aus einem anderen Fenster zu hören. Eine alte Frau, grauhaarig und mit einer Dauerwelle, die schon bessere Zeiten gesehen hatte, tat mit unterstem Berliner Jargon kund, dass sie nun die Polizei rufen werde. Der Irre antwortete: »Ich werde sie befreien!« Dabei riss er die Arme mit dem Hammer hoch, als hatte er gerade eine wertvolle Sporttrophäe gewonnen, sein Ding wackelte zustimmend. Vermutlich hatte schon viel früher jemand die Polizei gerufen, es näherten sich Polizeisirenen. Alex stand weiter wie erstarrt. Trotz seiner eingeschränkten Reaktionsfähigkeit stellte er etwas fest. Aus allen den Innenhof umrundenden Häusern schauten Leute, nur aus einem nicht – dem, wo sowohl er als auch der Irre mit dem Hammer wohnten. Janine saugte den Flur. Der Staub der Abrissarbeiten ihres Hausgeistes hatte sich in allen Fugen der Dielen festgesetzt. Der Sauger, ein älteres Modell, dröhnte und überlagerte jedes andere Geräusch. Bei ihrer Tätigkeit hing sie ihren Gedanken nach. Wie von allein ging ihr Blick zu dem Schriftzug an der Wand. ›Helft uns!‹. Heute Morgen war er noch rötlich, als wäre die Spachtelmasse mit Blut angerührt worden und nicht mit Wasser. Jetzt war er wieder blass. Dafür war inzwischen ein Wort dazugekommen. ›Bitte!‹ war nun der Aufforderung hinzugefügt. Diesmal nicht mit Spachtelmasse. Es sah aus, als hätte ein Kind im Modder gebuddelt und anschließend mit den Händen an der Wand herumgeschmiert. Seufzend und sich fragend, wo sie hier hereingeraten war, stellte sie den Sauger aus. Genau in diesem Moment hörte sie einen lauten, frenetischen Schrei aus dem Hausflur. »Ich habe sie befreit«, dröhnte es durch die Türfugen. Alex wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Sollte er versuchen, den Mann zu beruhigen? Dagegen sprach, dass der Hammer eindeutig schwer und der Mann eindeutig bekloppt aussahen. Plötzlich war seinerseits gar keine Reaktion mehr nötig. Der Mann hob den Kopf wie um zu lauschen. Die Sirenen kamen näher. Er setzte sich behände in Bewegung in Richtung Tür. Diese war ins Schloss gefallen. Einen Schlüssel hatte der Durchgedrehte anscheinend nicht dabei. Wo auch? Er schwang den Hammer durch die Luft und die Oberseite der Tür zerflog in ihre Einzelteile. Der Hammer wurde noch einmal geschwungen, die Unterseite gesellte sich zu den schon liegenden Teilen. Dann stapfte der alternde Hüne durch die Reste aus Holz und Glas, ohne auf seine nackten Fußsohlen Rücksicht zu nehmen. Vorher drehte er sich noch einmal um, um einen Siegesheulen zu entlassen. »Ich habe sie befreit!« Trotz ihrer Angst rannte Janine zur Tür und starrte durch den Spion, um den Schreihals zu sehen. Das erste, was ihr auffiel, war ein Pimmel, der an ihrer Tür vorüberschwenkte. Das dazugehörige Herrchen, das einen riesigen Hammer in der Hand trug, war nicht minder merkwürdig. Es stapfte an der Tür vorbei, um anschließend die Treppe zu erklimmen. Janine konnte das Muskelspiel seiner Arschbacken sehen. Noch einmal teilte er den Hausbewohnern mit, dass er ›sie‹ befreit hatte. Der Alte war schon einige Sekunden verschwunden, da kam eine Armada Einsatzpolizisten auf den Hof getrampelt wie der sprichwörtliche Elefant in den Porzellanladen. Mit nach vorn gestreckten Waffen, die sie hin und herschwenkten, eroberten sie den Hof. Alex ging hinter der Mülltonne in Deckung. Er wollte nicht das Opfer eines übereifrigen Polizisten werden. Nach und nach begriffen die Polizisten, dass der Gesuchte hier nicht mehr zu finden war. Hämische Kommentare aus den offenen Fenstern ergossen sich über die Staatsmacht. »Hätteta viellei n bisschen früher kommen müssen!« »Hat de jrüne Minna jestreikt, oder wat?« »Kiek an, kommta ooch schon?« Die letzte Bemerkung löste besonders viel Gelächter auf den Rängen aus. Alex kam vorsichtig hoch und rief: »Hey, der Irre ist wieder reingerannt, ich glaube, der ist nach oben.« Wie zur Bestätigung hörten sie oben helle Schläge, dann flog die Dachluke in hohem Bogen, genau in die Polizistenmenge. Ein Polizist schrie auf und ging zu Boden. Der Einsatzleiter schrie etwas in sein Funkgerät oder in ein Telefon, genau konnte Alex das nicht sehen. Einige Polizisten zerrten den Verletzten aus der Gefahrenzone. Die Ordnung war komplett verloren gegangen. Ein Beamter ging weiter in das Hofinnere und brachte sein Megaphon in Stellung. »Hey du, nicht springen. Wir werden für alles eine Lösung finden«. Der Beamte war nicht sonderlich kreativ, vermutlich war derjenige, der für solche Dinge ausgebildet war, gerade erst angefordert worden. »Ich habe sie befreit«, bekam der Beamte von oben zur Antwort. Trotz des Windes und der Entfernung war der Irre einwandfrei zu hören. »Komm runter, wir können über alles reden!«, rief der Megaphonmann. »Wünsch dir das lieber nicht!«, antwortete ein Scherzkeks aus einer der Fenster, worauf die anderen Witzbolde zu lachen begannen. Der Irre vom Dach informierte inzwischen alle Anwesenden, dass er ›sie‹ alle befreit hatte. »Wen denn?«, wollte der Megaphonmann wissen. »Na dort«, blökte der Irre auf dem Dach und zeigte auf die angebrochene Betonfläche, fast wäre er beim Vorbeugen gestürzt. »Dort, alle befreit.« Megaphonmann: »Wen den?« Irrer vom Dach: »Na dort. Alle!« Einer der Zuschauer an den Polizisten gewandt: »Siehst du doch!« Alle lachten. Es hätte ein Kabarett sein können, wenn nicht irgendwo im Hauseingang ein schwer verletzter Polizist gelegen hätte. »Schnauze halten!«, platzte dem Beamten der Kragen. Er meinte natürlich die Zuschauer. »Provozier ihn nicht!«, witzelte der Wortführer der Schaulustigen. »Er hat einen schweren Hammer und du weißt ja: Masse, Gewichtskraft und Fallbeschleunigung!« Wieder johlten alle. »Jaaaa – ich habe sie alle befreit!« Mit diesen Worten breitete der Mann auf dem Dach die Arme aus, es war ein Wunder, dass der Alte den schweren Hammer einhändig halten konnte. Dann beugte er sich nach vorn. Lachend. Janine hörte Getrampel auf dem Hof. Sie hatten kein Fenster nach hinten, daher ging sie in den Hausflur, um zu sehen, was los war. Sie sah den Auflauf der Polizisten, und dass aus den umliegenden Häusern alle nach oben schauten. Plötzlich flog ein großflächiger Gegenstand in die Polizistenmenge, ein Beamter ging zu Boden. Was gesprochen wurde, konnte sie durch das geschlossene Fenster kaum verstehen, aber sie hörte, dass gelacht wurde. Sie wunderte sich, das Lachen passte doch gar nicht zur Situation! Janine schmiegte ihr Gesicht an die Scheibe, um mehr zu sehen. Sie bemerkte Alex, der bei den Mülltonnen stand und wie alle anderen nach oben starrte. Plötzlich sauste etwas am Fenster vorbei und sie hörte draußen ein Klatschen. Es hatte sich angehört, als hätte jemand eine übergroße Melone aus dem Fenster geschmissen. Und so ähnlich sah es auch aus. Aus dem Keller hörte sie Hundegebell. Janine begab sich in eine Ohnmacht. Es war wohl doch etwas viel gewesen in den letzten Tagen. Die Menge hielt endlich mal die Luft an. Alex sah alles wie in Zeitlupe. Der Mann fiel sanft nach vorn, dann wurde er, trotz Alex´ Zeitlupenblick, schnell von dem Gewicht des Hammers noch vorn und nach unten gezogen. Dann ein dumpfes Krachen, gleich darauf ein Klatschen. Der Hammer war eine Sekunde früher angekommen. Die Tasche stand parat. Noch einmal versuchte Janine, Alex zu überzeugen. »Geh doch auch erst einmal woanders hin. Vielleicht einfach zu deinen Eltern. Du kannst dir doch einen anderen Grund einfallen lassen.« Seit dem Sprung des Irren war Janine im Laufe des Tages immer ruhiger und blasser geworden. Und stiller. Am frühen Nachmittag hatte sie dann gar nicht mehr gesprochen. Bis zu dem einen Satz: »Ich muss hier weg. Ich halte es hier nicht mehr aus. Das ganze Haus ist verrückt. Ich gehe erstmal zurück in die WG.« Doch Alex wollte nicht weg. Aus verschiedenen Gründen. Zum einen hatte er eigentlich keine Angst um sich. Er glaubte nicht, dass ihm etwas geschehen würde. Er ging davon aus, dass jemand oder etwas um Hilfe rief, so wie es auch an der Wand geschrieben war. Zum anderen war er der Meinung, dass es viel zu weit fortgeschritten war, um einfach den Ort zu wechseln und zu glauben, dass es dann vorbei war. Dies teilte er Janine auch so mit. Diese war ungehalten. »Du brauchst keine Angst haben? Ach so! Und die zwei Männer, die vom Dach gesprungen sind, einer davon vor deinen Augen, mussten die auch keine Angst haben?« Alex wusste nicht, was er erwidern sollte. Janine hatte aus ihrer Perspektive ja recht. Aber er hatte es einfach im Gefühl, dass er nicht in Gefahr war. Als Janine es nicht mit Überzeugung schaffte, versuchte sie es zuerst mit Wut, dann mit Tränen. Beides zog nicht. Alex hatte sich entschieden. Traurig verließ Janine die Wohnung. Zum Abschied drückte sie ihn ganz fest und nahm ihm das Versprechen ab, sich gleich zu melden, sollte etwas sein. Dann war sie verschwunden und Alex war allein. Zum ersten Mal seit einiger Zeit. Der Abend war noch nicht hereingebrochen, aber es würde nicht mehr lange dauern. Alex ging in der kleinen Wohnung auf und ab. Auf das dürftige Fernsehprogramm konnte er sich nicht konzentrieren. Stattdessen ging er nun von einem Ende der Wohnung zum anderen. Auch am Schrank verweilte er eine Weile, um zu sehen, was passierte. Doch außer einem sehr starken Geruch war hier nichts festzustellen. Ein sehr erdiger Geruch, der in Alex allerdings keine negativen Gefühle weckte. Sonst gab es keine sonderbaren Vorkommnisse. Oder doch? Hörte er nicht immer wieder aggressives Hundegebell? Es hörte sich weit weg an und doch, als käme es aus seiner Wohnung. Doch egal wo er hinging, überall schien es gleich weit entfernt zu sein. Zur Sicherheit schaute er durch den Spion, ob der graue Schäferhund davorsaß. Saß er aber nicht. Vermutlich kamen die Phänomene nicht, wenn man auf sie wartete. Die Aufregungen des Tages – der Sprung des Irren, die anschließenden Aufräumarbeiten, die Befragungen durch die Polizei, die aufgeregten Gespräche in der Straße – hatten ihn vergessen lassen zu essen. Doch nun plagte ihn doch der Hunger. Er beschloss, sich heute mal eine Currywurst und eine Currybulette zu gönnen. In seinen Augen gab es nicht mehr viele Imbisse, wo die Currywurst noch wie Currywurst schmeckte, doch gleich um die Ecke gab es ein solches Exemplar. Er zog sich an und verließ die Wohnung. Inzwischen fegte ein eisiger Wind durch die Häuserreihen. Der trieb Alex die Tränen in die Augen. Er klammerte seinen Jackenkragen vor dem Hals zu und senkte seinen Kopf, sodass seine Augen nicht mehr so dem Eiswind ausgesetzt waren. So stakte er den Weg entlang. Irgendwann merkte er, dass der Wind aufgehört hatte. Die Luft fühlte sich sogar warm an. Alex hob den Kopf. Die Welt war wieder schwarzweiß und still geworden. Hier war es warm und trocken. Kein Luftzug wehte. Alex sah sich um. Es gab nichts zu sehen. Nur Häuser und Straßen. Ihm fiel noch etwas auf. Die Straße, auf der er sich befand, war normalerweise geteert. Doch diese hier war mit Großsteinpflaster verlegt. Auf dem Gehweg lagen Charlottenburger Platten statt der derzeit aktuellen Hundeknochen. Wie eine Straße aus vergangenen Zeiten. Er lief die Hauptstraße entlang, vorbei an Häusern, deren Verputz überwiegend grau war. Er passierte Läden, an denen Werbungen prangten, die ihm unbekannt waren. ›Obst und Gemüse‹, ›Konsum‹, ›Lichthaus Müller‹ oder ›Clubgaststätte‹ waren zu sehen. War er auf Zeitreise? Plötzlich kamen sie wieder, seine Grauen. Mit ihren mechanischen Schritten liefen sie rückwärts auf ihn zu. Die Arme an den Seiten schlenkerten nur leicht. Die Köpfe stark nach vorne geneigt, sodass sie von hinten aussahen, als hätten sie keine. Nun waren sie bei ihm. Wieder einmal teilte sich die Menge um ihn, obwohl sie ihn theoretisch gar nicht sehen konnten, die Gruppe lief auf beiden Seiten um ihn herum. Alex drehte sich um und sah ihnen hinterher. Nun hoben sie die Köpfe, alle gemeinsam, wie eine Gruppe Soldaten nach einem Befehl bei einer Ehrenformation, nur langsamer. Tote Augen schauten ihn traurig an, viele Augen. Apathisch schlichen sie weiter rückwärts, den Blick auf ihn gerichtet. Alex entschloss sich, dieses eine Mal hinterher zu gehen. Wo würde diese merkwürdige Prozession enden? Er lief los und holte schnell auf. Nun sahen die Augen der Grauen nicht mehr so tot aus, es schien, als brannten plötzlich darin kleine Feuer, Feuer der Emotionen. Ihr Schritt wurde etwas schneller, aber nicht so, als würden sie sich von ihm entfernen wollen. Nach wenigen Sekunden lief er direkt hinter ihnen, oder vor ihnen, es war schwer zu sagen, da sie rückwärts liefen. Er bemerkte einen unterschwellig unangenehmen Geruch. Ein wenig nach gehaltvoller Erde, ein wenig nach Verwesung. Die Truppe nahm nun Tempo auf, sodass Alex sich anstrengen musste, Schritt zu halten. Ohne sich umzudrehen oder zu schauen, bogen sie rückwärts in seine Straße ein. Wo wollten sie mit ihm hin? Zu ihm nach Hause? Doch an seinem Haus minderte sich das Tempo der lustigen Truppe nicht. Sie schritt geradewegs vorbei. Alex fragte sich, was das sollte. Am Ende der Straße kam doch nur noch der Mauerpark. »Wohin wollt ihr mit mir?« Er konnte kaum glauben, dass er diese Wesen das gefragt hatte. Eine Szene wie aus einem Psychofilm. Eine Antwort bekam er sowieso nicht, nur trauriges Schweigen. Und ein kurzes Auflodern der Emotion in ihren Augen. Die Straße war zu Ende, die Grauen verlangsamten ihr Tempo nicht. Die illustre Gruppe betrat den Mauerpark. Diese Stelle, früher Exerzierplatz, dann Sportstätte, erlangte traurige Berühmtheit, weil sich hier ein besonders bekannter Abschnitt der Berliner Mauer nebst Todesstreifen befunden hatte. Nach dem Fall der Mauer legte man hier zum Gedenken und für die Erholung der Stadtbewohner den Mauerpark an, der von nun an die Stadtteile Prenzlauer Berg und Wedding voneinander trennte. Bei angenehmem Wetter befand sich gefühlt die ganze Stadt diesen Park und betrieb Naherholung. Hier konnte man grillen, faul herumliegen, man konnte Musik machen oder anderen beim Musikmachen zuhören, hier wurde gegrillt, dort wurde getanzt. Menschen aller Hautfarben, Religionen, Regionen und Geschlechter ließen den Park in buntem Treiben erblühen. Jetzt lag der Park still da. Überall lagen Reste des Herbstlaubes, die Bäume waren kahl. Man musste aufpassen, nicht bei jedem vierten Schritt in einen Hundehaufen zu treten. Müll lag herum. An vielen Stellen vergammelten vergessene Grillutensilien. Die graue Meute stapfte mittendurch. Alex fragte sich, wo das hinführen sollte. Er wurde langsamer. Die Grauen auch. Alex blieb stehen. Die Grauen taten es nach. Alex ging langsam schleichend wieder ein Stück nach vorn. Die Grauen ebenso. Alex drehte sich um, er wollte wieder in seine Straße gehen. Er ging ein paar Schritte und drehte den Kopf, um zu sehen, was die Grauen taten. Diese standen an der gleichen Stelle, die Köpfe wieder weit abgesenkt. Alex drehte um und ging wieder langsam auf sie zu. Die Köpfe der Grauen hoben sich wieder in träger Schlagartigkeit und an Alex´ Schritt angepasst fingen sie erneut an, rückwärts los zu laufen. So durchquerten sie den ganzen Mauerpark, Alex konnte schlecht schätzen, wie lange oder wie weit sie gelaufen waren. Entfernungen und Zeiten waren in seiner sonderbaren Welt anders. Kurz kam ihm der Gedanke, dass in dieser Welt auch Zeitalter nicht stimmten. Als er losgegangen war, sahen die Straßen, Häuser und Geschäfte aus wie zu früheren Zeiten, Alex schätzte DDR Achtzigerjahre. Der Mauerpark aber existierte erst seit 1990, die Mauer und Wachtürme waren erst seitdem komplett verschwunden, bis auf die, die man zum Gedenken hatte stehen lassen. Die ersten Häuser Gesundbrunnens begannen. Hier sah es nun fast so aus, wie es heute aussah, nur eben in Schwarzweiß. Die Grauen trabten in gleichmäßiger Geschwindigkeit rückwärts. Alle mit völlig identischem Bewegungsablauf. Wie eine Horde verrücktgewordener Exerziersoldaten. An den Anblick hatte Alex sich schon gewöhnt, er schockte ihn nicht mehr. Vielmehr wunderte er sich über den Zeitensprung, den er gemacht hatte. Inzwischen befanden sie sich im Weddinger Gesundbrunnen. Die Grauen stiefelten (ein falsches Wort für Barfüßige, aber es passte irgendwie) rückwärts und bogen plötzlich in eine kleine Straße ab. Vor einem Grundstück zwischen zwei Häusern blieben sie stehen und starrten ihn an. Alex zeigte auf dieses Grundstück, war da bei den Grauen ein schwaches Nicken zu vernehmen? Alex glaubte, es gesehen zu haben. Das Grundstück lag zwischen zwei Altbau-Mietshäusern. Auf der Immobilie selbst stand kein Haus mehr, nur die Grundmauern eines alten Baus zerklüfteten das Gelände. Dazwischen steckten wilde Birken ihre kümmerlichen Kronen in die Winterluft, überall lag Schutt. Ein paar illegal entsorgte Elektrogeräte verschönerten diesen trostlosen Anblick. Das ganze Ensemble war durch einen Bauzaun umfriedet, der hier und da schon Rost ansetzte. In regelmäßigen Abständen warnten Schilder vor dem illegalen Betreten und informierten darüber, dass Eltern für ihre ungezogenen Gören zu büßen hatten, sollten diese den Frevel besitzen, diese Anordnung zu missachten. Alex schaute zwischen diesem trostlosen Anblick und den Grauen hin und her. Die Grauen regten sich nicht und verzogen keine Miene. Sie waren keine Hilfe. Alex überlegte. Was konnte es mit diesem Grundstück auf sich haben? Ein wenig resonierte er mit der Brache, sie kam ihm schwach bekannt vor. So langsam dämmerte ihm eine Erinnerung. Er hatte diese Gegend schon einmal gesehen, natürlich in Farbe. Es war eine Sondersendung der Berliner Abendschau gewesen, für die man das normale Programm unterbrochen hatte. Die Bilder zeigten einen riesigen Trümmerberg, wie in einem Erdbebengebiet, flankiert von den beiden unversehrten Nachbargebäuden. Armadas von Krankenwagen, Feuerwehren, Polizeiwagen und Fahrzeugen des Technischen Hilfswerks warfen im schwachen Licht des Abends ihr grelles blaues Licht in die Umgebung. Die rechte Seite des Gebäudes stand noch in Teilen, eine Toilette ragte einsam und bizarr in die Luft. Suchhunde des Deutschen Roten Kreuzes rannten über den gewaltigen Trümmerberg und schnüffelten nach Verschütteten. Immer, wenn sie anschlugen, hielten die Kameras drauf, dass dem interessierten Zuschauer wirklich jeder Verletzte oder Tote gezeigt werden konnte. Am Ende stand fest, dass jeder Bewohner des Hauses zur Zeit des Unglücks zu Hause gewesen war, alle bis auf einen tot. Darunter eine Familie, die vor dem Bombenkrieg in ihrer Heimat nach Berlin geflüchtet war. Eigentlich erschien es unwahrscheinlich, dass bei einem Einsturz eines Mehrfamilienhauses fast jeder getötet wurde, hier aber war es so. Merkwürdigerweise befand sich jeder Bewohner zum Zeitpunkt des Einsturzes im Haus. Das i-Tüpfelchen setzte dann der einzige Überlebende, der sich nach seiner körperlichen Genesung das Leben nahm. In einer großen Boulevardzeitung, die lang und breit über diesen außergewöhnlichen Tod berichtete, stand geschrieben, dass er sich über die Brüstung eines Balkons seiner Rehaklinik gestürzt hatte. Zuvor hatte er immer wieder ›Ich habe ihnen nicht helfen können‹ gebrüllt. Über die Ursache war in der Folge viel spekuliert worden. Ein Mieter, der seine Gastherme manipuliert hat, Baumängel, Erdarbeiten. Doch ziemlich schnell stand fest, dass sich der sandige Berliner Boden unter dem Haus wegbewegt hatte, weil ein weitgehend unbeachteter Tunnel in unmittelbarer Nähe des Hauses eingestürzt war. Dadurch hatte das Gewicht des Hauses auf der Hinterseite ein Fundament wegdrücken können, eine folgenschwere Verkettung mehrerer kleiner Unglücke. Der Tunnel sollte in den fünfziger Jahren eine neue U-Bahnlinie aufnehmen. Diese Ost-West-Tangente war nach der zementierten Teilung der Stadt überflüssig geworden und man hatte alles stehen und liegen lassen. Weitere Arbeiten hatten nicht stattgefunden. Warum dieser Tunnel jedoch nicht weiter gewartet oder gesichert wurde und so das Unglück ermöglichte, sollten die Untersuchungen hervorbringen. Anscheinend hatten die Behörden hier aber nicht viel Glück bei den Ermittlungen. Oder aber keinen Willen, in jedem Fall aber keinen Erfolg. Doch was hatte das alles mit seiner Sache zu tun? Wollten die Opfer des Unglücks sich rächen? Wollten sie etwas mitteilen? Und warum traf es gerade ihn? Sein Haus stand doch gar nicht in unmittelbarer Nähe? Lieber hätten sich die Geister, oder worum es sich auch immer handelte, die direkten Nachbarn ansprechen sollen. Hätten alle was von gehabt. Alex wollte fragen. Er drehte sich zu den Grauen um, hob die Arme und öffnete den Mund. Doch es blieb beim ›Warum …?‹, sie waren schon wieder verschwunden. Es war wieder kalt, Alex befand sich wieder in der normalen Welt, Berlin, Winter, 2018. Sein Verhalten – das merkwürdige Armeheben und das Ansprechen eines imaginären Gegenübers – zog ein paar irritierte Blicke auf sich. Wieder zuhause recherchierte er im Netz. Die Google-Suche ergab etliche Treffer. Er öffnete jedes einzelne Ergebnis in einem neuen Tab. Bald konnte der Bildschirm die vielen Tabs nicht mehr aufnehmen und zeigte sie nur noch stilisiert an. Sämtliche Seiten erzählten nur das, was er schon wusste oder was er nicht als so interessant empfand, dass die halbe Geisterwelt der Hauptstadt sich deswegen zu ihm begeben würde, um sein Leben auf den Kopf zu stellen. Beim vorletzten Tab, er wollte gerade aufgeben, zeigte sich endlich doch etwas Interessantes. Es befand sich in einem Blog von Freunden von Verschwörungsgeschichten. Der betreffende Beitrag wurde von einem geschrieben, der behauptete, bei der Berliner Polizei zu sein. Er gab vor, in die Ermittlungen zum Fall involviert gewesen zu sein. Schrieb etwas von unterdrückten Nachforschungen und einem grauenhaften Verdacht. Nämlich, dass all die Jahre Gelder zur Sicherung und Instandhaltung des Tunnels geflossen waren, es aber einfach zweckentfremdet oder veruntreut wurde. Über Jahrzehnte hatten es sich prominente Nutznießer in die eigenen Taschen gesteckt oder andere Löcher damit gestopft. Leichter war nun wirklich nicht an Geld zu kommen. Ein Tunnel, von dem so gut wie niemand etwas wusste – wer sollte da schon bemerken, ob Gelder ordnungsgemäß verwendet wurden? Baustadträte, Staatssekretäre, Bezirksbürgermeister, die Liste der Nutznießer war lang, so der vermeintliche Polizist. Nach dem Einsturz des Hauses war der Gutachter schnell zum Ergebnis gekommen, dass der Einsturz des Tunnels zum Zusammenbruch des Hauses geführt hatte. Sofort hatten die Ungereimtheiten begonnen. Plötzlich wurde gemutmaßt, dass der Gutachter, bisher als unbestrittener Experte gehandelt, gar nicht tauglich war, ein solches Gutachten zu stellen. Auffälligkeiten in seiner Vita wurden gefunden, seine Promotion wurde angezweifelt. Es dauerte nicht lange, dann zog der Mann sein Gutachten zurück mit der Begründung, es nach neuesten Sachkenntnissen nicht aufrechterhalten zu können. Trotzdem hatte die Polizei den Tunnel in ihre Recherchen einbezogen. Aber die Untersuchungen waren gekennzeichnet durch Merkwürdigkeiten. Den Tunnel betreffende Dokumente waren nicht zu finden, die Senatsverwaltung lehnte eine Nachfrage mit dem Hinweis ab, dass sich die damaligen Ostberliner Verkehrsbetriebe bei der Aufspaltung der Berliner Verkehrsgemeinschaft in zwei getrennte Betriebe diese Dokumente unter den Nagel gerissen hatten, später waren sie verschollen. Als die Polizei den Tunnel trotz dessen weiterhin zum Gegenstand der Untersuchungen machte, wurde der zuständige Staatsanwalt abgezogen. Der neue leitende Staatsanwalt machte schnell klar, dass er Nachforschungen in andere Richtungen wünschte. Einige Polizisten ermittelten jedoch weiter und verfolgten unter anderem die Geldströme der Mittel zur Sicherung und Instandhaltung des Tunnels. Tatsächlich waren diese Mittel bei einer Tiefbaufirma gelandet, merkwürdigerweise bei einer senatseigenen. Diese Firma hatte jedoch nie, so die Ermittlungen, auch nur einen Bagger, einen Rüttler oder einen Radlader besessen, geschweige einen Mitarbeiter beschäftigt. Sie existierte nur auf dem Papier. Als Geschäftsführer war seit den Fünfzigerjahren ein und derselbe Mann eingetragen, der inzwischen ein stolzes Alter erreicht haben müsste. Auffindbar war dieser Mann nicht. Wenn man die Personalakten des Senats nach dem Namen untersuchte, stieß man nur auf einen Mann, der Staatssekretär in den Fünfzigern in der Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen war, jedoch 1959 verstarb. Eine weitere Ungereimtheit war, dass man den Tunnel in den aktuellen Tunnelkarten der Berliner Verkehrsbetriebe nicht mehr eingezeichnet fand, auch nicht als inaktiv. Dies war insofern ungewöhnlich, da auch alle nicht betriebenen Tunnel dort eingezeichnet wurden, um sie im Falle eines Netzausbaus zu berücksichtigen. Gerade diese Ost-West-Tangente hätte nach der Überwindung der Teilung der Stadt wieder sehr interessant sein können. Hätte die BVG jedoch diesen Tunnel als interessant für eine neue U-Bahnlinie empfunden, wäre durch einen eventuellen Ausbau jährlich der hohe Millionenbetrag, der für die Instandhaltung des Tunnels eingeplant war, für die illegalen Nutznießer verloren gegangen, so sah es jedenfalls der Polizist im Blog. Er selbst wurde von dem Fall abgezogen, da er einer der Kollegen war, die entgegen der Anordnung weiter ermittelten. Er wurde anschließend in eine andere Abteilung versetzt und durfte sich mit Drogensüchtigen, kleinen Dealern und Beschaffungskriminalität auseinandersetzen. Der Stapel der zu bearbeitenden Akten wurde immer höher, da jeder Fall auf seinem Schreibtisch landete, bei dem einer mit einer Menge Gras erwischt hatte, die einen Mikrogramm über dem Selbstbedarf lag. Man hatte ihn bestraft für seinen Mut, gegen eine Clique aus korrupten Entscheidungsträgern zu ermitteln. Friedrich stieß den Spaten in die Erde und brach damit ein Stück aus der schwarzen Wand. Er tat es mit halber Kraft. So wie fast alle in ihrem kleinen Kollektiv. Die letzten Monate hatten Kraft geraubt. Und Hoffnung. In diesem Strom negativer Energien reihten sich nun auch andere Dinge ein. Neid, Missgunst, Egoismus. Jeder wollte nun am meisten getan haben, jeder seine Arbeit am höchsten geschätzt wissen. Jeder wollte am meisten strahlen, sollte ihr Unternehmen zum Erfolg geführt werden. »Du kannst ruhig ein wenig stärker mit dem Spaten zustechen«, wandte sich Egon an Friedrich, »vielleicht werden wir dann noch vor der Jahrtausendwende fertig. Und du weißt ja, die ist schon in fünfunddreißig Jahren!« Egon hatte sich inzwischen zum Hauptmeckerer aufgeschwungen. Bei jeder Gelegenheit ließ er etwas Negatives vom Stapel und trug so in hohem Maße zum schlechten Klima unter den ›Steigern‹ bei. Während ihres Projektes hatte ihn seine Frau verlassen, daher seine ständige Unzufriedenheit. Seine Frau war mit dem gemeinsamen Kind zu einem neuen Mann nach Thüringen gezogen. Dieser war von den Altenburger Straßenbahnen für ein halbes Jahr als Fahrer nach Berlin ausgeliehen worden, dort hatte er Egons Frau kennengelernt, die in einer Kantine der Berliner Verkehrsbetriebe arbeitete. Nun war er wieder in sein thüringisches Provinzkaff abgehauen und hatte kurzerhand Egons Frau und Egons Kind mitgenommen. Der hatte davon durch einen Zettel auf dem Küchentisch erfahren und war seitdem zu keinem positiven Gedanken mehr fähig. Es sei denn, er frönte seinen Rachegedanken. Dann war er optimistisch. Ansonsten kannten seine Wut und sein Hass keine Grenzen mehr. »Mit einem Straßenbahnfahrer!«, pflegte er zu brüllen, als machte das die Sache noch schlimmer, als sie eh schon war, »stellt euch das mal vor!« Er selbst war sehr stolz auf seine Arbeit als Maurer. Und er war stolz darauf, dass seine Brigade zu den Arbeitern der Stalinallee gehört hatte und bei den Vorfällen dabei war, die die einen als Streik, andere als Volksaufstand und wieder andere als Versuch einer Konterrevolution oder faschistischen Putsch bezeichneten. Wann immer Egon von der Geschichte seiner Frau und dem thüringischen Tramfahrer, der zu blöde war, vernünftiges Deutsch zu sprechen, berichtete, schlug er stets mit seiner rechten Faust auf seine linke Handfläche. Wie konnte man ihm das antun? Dabei hatte Egon selbst (und seine Frau) mit dem Mann in seiner Datsche gesessen und den einen oder anderen Braunen mit ihm geleert. So ein Verrat! Dabei war ihm seine Frau völlig egal, es ging ihm nur um das kleine Mädchen. Natürlich! Friedrich, der sich zu Unrecht gescholten fühlte, drehte sich um und hob drohend den Spaten. Dann winkte er ab und stieß das Grabwerkzeug wieder in die schwarze, nichtendenwollende Masse. Walter, der den Ausbruch Egons kopfschüttelnd wahrgenommen hatte, war verzweifelt. Würde diese Truppe bis zum Ende durchhalten? Oder würden sie auseinanderbrechen, bevor sie ihr Ziel erreicht hatten? »Vielleicht sollten wir mal eine Woche Pause machen.« Sein Vorschlag löste Protest aus. »Dann brauchen wir ja noch länger!« »Brauchen wir gar nicht erst weitermachen!« »Wegen Egon? Der muss sich halt ein wenig zusammenreißen. Können wir doch nichts für, dass seine Alte mit nem anderen Mann abgehauen ist!« »Mit nem Straßenbahnfahrer!« Die letzte Bemerkung sollte Egon imitieren und löste allgemeine Belustigung aus. Außer bei Egon. Der wollte gerade aufbegehren. Doch plötzlich hörten sie Geklapper aus dem Gang. Unwillkürlich zuckten sie zusammen. Konnte das etwa …? Doch dann vernahmen sie erleichtert von weitem Erichs Stimme. »Ich hab hier was für euch!« Er kam mit zwei übergroßen Zinkeimern angelaufen. »Zinkeimer, stark!«, bemerkte Egon sarkastisch, doch Erich beachtete ihn nicht weiter. »Schaut mal hier!« Er zeigte den Anderen, dass eine Seite des Eimers zu einer spitzen Fläche geschliffen worden war. Keiner konnte etwas damit anfangen. Erich führte vor, was er damit vorhatte. Er trieb den Eimer mit der geschliffenen Seite flach in die Erdwand. Eine große Menge Sand fiel in den Eimer und konnte in einem Arbeitsgang in die bereitstehende Schubkarre befördert werden. Wie die kleinste Förderbrücke er Welt. So konnte das Tempo ihres Vorhabens eventuell gesteigert werden. Alle waren begeistert. Selbst Egon brummte anerkennend.


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