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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Der Schatten des Pianisten, Lars Hannig
Lars Hannig

Der Schatten des Pianisten


Eine Steampunk-Detektivgeschichte

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Dienstag, der neunzehnte Februar des Jahres 1918. Das Abendrot sammelte sich wie schmelzendes Erz im Talkessel von Kupferhain. Der Wind strich durch die Gassen und an den Fachwerkhäusern des verschlafenen Ortes entlang. Robert Fuchs machte seinen Abendspaziergang. Zum ersten Mal seit Jahren hatte er sich Urlaub gegönnt. Es fiel ihm nicht leicht, den Kopf frei zu bekommen, über nichts nachzudenken, aber die reizarme Umgebung und die kühle Abendluft halfen ihm dabei. Bald würde er die Sterne sehen können. Es war ein herrlicher Anblick, den man als Städter gerne vergaß. Die Altstadt von Kupferhain hatte er hinter sich gelassen. Auf der anderen Seite eines Wäldchens befand sich das Villenviertel mit seinen schönen großen Gärten und prächtigen Häusern, auch wenn diese kaum sichtbar hinter Zäunen und Hecken verborgen lagen. Nicht weit davon entfernt begannen die Ausläufer der Ortschaft mit ihren einfachen Häusern, Feldern und Wiesen. Dort lag auch das Cottage, das Fuchs für sich und Emil gemietet hatte. Während er der Allee der Villenstraße folgte, bauschte ein belebender Windstoß seinen Mantel auf. Nicht unangenehm, aber er wollte sich auch nicht erkälten und schloss vorsichtshalber eine Knopfreihe. Von Brasston war er den Anblick großer Turmschlote gewohnt, deren Abgase rußbeladen in den Himmel emporstiegen. Ruß, der sich in den Fasern der Kleidung festsetzte, sich auf den Außenmauern der Gebäude ablagerte und als Smog die Fernsicht trübte. Hier auf dem Land dagegen konnte man tagsüber in einen blauen Frühlingshimmel aufblicken, an dem Singvögel ihre Bahnen zogen. An schönen Tagen lag der Duft von frischgemähtem Gras in der Luft. Sein Gang verlangsamte sich. Er rümpfte die Nase und blickte sich um. Etwas war anders in dieser Nacht. Täuschte der Gedanke an die Großstadt seine Sinne oder roch er tatsächlich Rauch? Verkohltes Holz. Noch bevor er den Geruch erkannte, war ihm, als würden glühende Zahnstocher direkt in sein Gehirn getrieben. Er verdrehte die Augen, griff sich an die Stirn und rieb sich die Schläfen. Er wusste nicht weshalb, doch manchmal löste dieser spezielle, intensive Geruch einen Migräneanfall bei ihm aus. Kein großes Problem in der Stadt, wo vor allem mit Kohle geheizt wurde. Auch nicht am Kaminfeuer, sondern kurioserweise nur unter freiem Himmel. Zumindest lag der größte Teil seines Spaziergangs bereits hinter ihm und er befand sich schon auf dem Rückweg. Er folgte der gepflasterten Straße einen kleinen Hügel hinauf und blieb vor dem Besitz des berühmten Pianisten Isaak Swan stehen. Die Villa Swan war ein viktorianischer Bau mit heller Holzvertäfelung, Kreuzdach und Turmzimmer. Unter der Fledermausgaube reflektierten die hohen Fenster intensiv das Abendrot, als blicke das Haus wutentbrannt auf Fuchs herab. Er war ein Fremdkörper, weder reich noch berühmt, der nicht hierher gehörte. Hinter dem obersten Fenster, direkt unter dem Dach, lief eilig jemand auf und ab. Die Fensteraugen glühten zornig. Es konnte nicht bloß der Abendhimmel sein, der sich darin spiegelte. Eine dichte Rauchsäule schraubte sich aus dem Schornstein in den Himmel empor. Das Geräusch von berstendem Holz riss Fuchs aus seinen Gedanken. »Feuer.« Die Straße war menschenleer, Stille erfüllte den Abend. Hinter dem Gaubenfenster der Villa Swan eilte die Gestalt weiter auf und ab. Fuchs’ Gedanken überschlugen sich. Er hustete und rief so laut er konnte: »Feuer!« Ohne weitere Zeit zu vergeuden, eilte er durch das offenstehende Tor die Stufen zur Veranda hinauf bis zur Haustür und trat das bunte Zierglas an der Seite ein. Er griff ins Innere, drehte den Türknauf und betrat die Eingangshalle. Rauch quoll ihm entgegen, doch er sah kein Feuer. Er presste den Ärmel seines Mantels auf Mund und Nase. Von der Eingangshalle fiel sein Blick in ein Esszimmer. Er probierte zwei weitere Türen aus, bis er die Küche entdeckte. Fuchs drehte den vergoldeten Wasserhahn über der Spüle auf, formte mit den Handflächen eine Schaufel und nahm ein paar tiefe Schlucke. Er benetzte seine Kleidung und ließ zuletzt Wasser über Kopf und Nacken hinabfließen. Das musste genügen. Er wischte sich die Nässe aus den Augen und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Zurück im Foyer eilte er die Treppe in den ersten Stock hinauf. Er nahm zwei Stufen auf einmal und schirmte sein Gesicht mit dem Mantel ab. Auf halbem Wege strahlte ihm bereits die furchtbare Hitze eines Schmelzofens entgegen. Rauchschwaden erfüllten auch den Flur, unter den Türspalten flackerte es bedrohlich. Überall knarzte und knackte Holz. Er sprintete den Flur entlang, bog um die Ecke und nahm die Treppe zum Dachgeschoss. Die Tür am Ende des Treppenaufgangs war von innen blockiert. Fuchs stutzte. Von der anderen Seite drangen Pianoklänge zu ihm. Er warf sich mit der Schulter gegen die Tür, doch das Holz hielt ihm stand. Mit einem gezielten Tritt gegen das Schließblech unter der Klinke flog die Tür auf und krachte gegen die Wand. Die Dachkammer war von beißendem Qualm erfüllt. Aus den Fußbodenritzen flimmerte es rötlich, heiße Schwaden stiegen empor. Noch hatten die Flammen das Dachgeschoss nicht erreicht, doch lange würde es nicht mehr dauern. Im ganzen Haus stank es nach verkohlender Einrichtung. Hier mischte sich der Gestank mit dem Geruch von angesengtem Haar zu einem Übelkeit erregenden Gemisch der Vernichtung. Fuchs zwang sich, flach durch den Mund zu atmen. Er musste husten. »Swan!«, rief er. »Sind Sie hier?!« Seine Augen tränten, er blinzelte. Der Dachboden war vollgestellt mit Holzkisten und Plunder. Laken bedeckten alte Möbel. Ein Teppich lehnte zusammengerollt und verschnürt an der Wand. In der Mitte der Kammer stand ein schwarzer Flügel. Der schwere Klang eines dramatischen Stücks schwoll an und ebbte ab zum Takt der Verwüstung, die bald durch den Fußboden emporbrechen würde. Swan musste vor dem Flügel zusammengesackt sein, er war nicht zu sehen, doch woher kam dann die Musik? Fuchs umrundete das Piano. Die Tasten bewegten sich wie von Geisterhand. Auf der Sitzbank saß niemand. Der Flügel musste über eine Spielautomatik verfügen. »Swan! Wo stecken Sie?!« Aus den Augenwinkeln heraus sah Fuchs einen Schatten die Wand entlanghuschen. Er fuhr herum: niemand. Fuchs’ Mantel lag heiß auf seiner Haut. Der feuchte Stoff dampfte und trocknete bereits. Er hustete, kniff die Augen zusammen. Die Migräne fraß sich tiefer in sein Bewusstsein. Sein Sichtfeld verengte sich und pulsierte im Takt seines rasenden Herzschlags. Das Piano spielte weiter, nur hin und wieder mischte sich ein dissonanter Klang dazwischen, als habe sich der unsichtbare Pianist im Eifer des Höllenszenarios vergriffen. Langsam drohte Fuchs die Orientierung zu verlieren. Alles drehte sich. Die Hitze war kaum noch zu ertragen. Wieder hörte er Holz bersten, spürte die Erschütterung unter seinen Füßen, als auf der anderen Seite des Zimmers der Fußboden wegbrach. Flammen leckten in den Dachstuhl empor. Da! Fuchs fuhr herum. »Verdammt nochmal, Swan!« Wieder war ein Schatten an der Wand entlang gehuscht. Das Prasseln und Fauchen der Flammen übertönte das Pianospiel. Seine Augen weiteten sich. »Was in Vernia!?«, keuchte er. Der Schatten hatte Feuer gefangen und rauschte lichterloh brennend am Gaubenfenster vorbei. Fuchs’ Beine gaben nach und er sank langsam an der Wand neben dem Fenster zu Boden. Er stützte sich auf die Dielen und verbrannte sich die Handflächen. Seine Finger tasteten blind umher, fanden und umklammerten ein Stück Kantholz. Er schleuderte es in Richtung Fenster, traf den flammenden Schatten und hörte Glas splittern. Ein Luftzug. Er hob den Kopf. Die brennende Silhouette des Pianisten rollte sich an den Kanten auf und bröselte auseinander. »Ein Schattenriss.« Eine Konstruktion über dem Fenster hatte ihn entlang einer Schiene an feinen Drähten geführt, die in den Flammen verglühten. Am Fenster nahm Fuchs einen tiefen Atemzug und stemmte sich wieder in die Höhe. Flammen fauchten auf der anderen Seite der Dachkammer empor und ebbten wieder ab. Auf wackeligen Beinen eilte er durch die Tür. Eine Flammensäule hatte die Tapete verkohlt und das letzte Stück der Treppe verschlungen. Er glitt mit den Händen am Geländer entlang, nutzte den Schwung der Abwärtsbewegung und sprang über die Kluft. Der Länge nach stürzte er auf den Boden des Flurs im ersten Stock. Die Hitze der Dielen ließ ihn hochschrecken. Auch hier war ein Teil des Bodens eingebrochen. Fuchs schob sich eng an der Wand entlang, bog um die Ecke. Die Fleur-de-lis-Tapete kräuselte und wellte sich, an den Schnittkanten glimmte sie bereits. Er machte einen Satz über herumliegende Trümmerteile und erreichte die Treppe ins Erdgeschoss. Das Foyer glich einem Flammentunnel. Nur noch wenige Meter. Fuchs warf sich gegen die Haustür, taumelte ins Freie und fiel vor der Veranda ins hohe Gras. Ein paar Hände richteten ihn wieder auf. Er hörte das Lärmen von Feuerwehrglocken. »Ist noch jemand da drin?«, rief ein Mann in schwerer Lederkluft mit Messinghelm und einer Axt in der Hand. Fuchs schüttelte den Kopf. Ihm war speiübel und die Welt hatte einen merkwürdig dumpfen Klang angenommen. Behutsam setzte er einen Fuß vor den anderen in Richtung des Kesselwagens der Feuerwehr. Hinter ihm begannen die Löscharbeiten. In Gedanken hörte er noch immer den Klang des verstimmten Pianos auf dem Dachboden inmitten des Infernos.


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