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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Der Pakt, Daniel Daub
Daniel Daub

Der Pakt



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2013
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1


Joshua Purwell wickelte den kleinen Leichnam in ein Leintuch und trug ihn unter einem eiskalten Novemberregen hindurch, der ihm bis auf die Knochen schlug, zu dem Loch in der Erde. Die Leichenstarre war noch nicht eingetreten, deshalb lag der kleine Körper ohne jegliche Spannung in seinen Armen. Mit den andächtigen Schritten eines Mönches, der eine geheiligte Reliquie in den Schrein zurückträgt, ging er auf das Erdloch zu, welches er kurz zuvor mit einer Schaufel ausgehoben hatte.


Seine Schuhe erzeugten schmatzende Geräusche auf dem durchnässten Rasen, während die kalte Wasserwand unentwegt auf ihn eindrosch. Der Regen fiel mittlerweile in rauschenden Güssen, und die ausgewachsenen Zypressen, die das Grundstück säumten und ihn vor neugierigen Blicken schützten, vermählten sich mit dem pfeifenden Wind zu einem Klagelied.


Joshua erwog einen Moment, ob er das Loch nicht noch etwas tiefer ausheben sollte, entschied sich aber dagegen, da auf seinem Grund sich bereits Wasser sammelte. Danach ließ er sich auf die Knie sinken, und im selben Moment als diese den Boden berührten, drang eisiges Regenwasser in seine Jeans. Joshua schauderte und ließ das Bündel langsam in das feuchte Grab hinab.


Nachdem er sich mehrmals von der zufriedenstellenden Lage des Leichnams überzeugt hatte, begann er mit den Händen Erde über ihn zu häufen. Dabei ging er mit scheuer Behutsamkeit zu Werke, obwohl sein Verstand ihm sagte, dass es dem toten Körper einerlei war. Nachdem die elende Verrichtung beendet war, erhob er sich und fuhr sich mit dem Ärmel seines Pullovers über das regennasse Gesicht. Er widerstand dem Impuls, ins Haus zurückzulaufen und sich einen Regenmantel überzuziehen, stattdessen blieb er eine Weile trotzig vor dem provisorischen Grab stehen.


„Mach's gut, Einstein", sagte er schließlich, bevor seine Stimme brach.


Einstein war ein guter Kater gewesen und - Nomen est omen - auch ein verdammt kluger. Einsteins Verhalten hatte Joshua eher an das eines gut dressierten Hundes erinnert. Immer wenn Joshua das Grundstück durch das Gartentor hinter dem Haus verließ und auf den weiten, welligen Feldern Oxfordshires ausgedehnte Spaziergänge unternahm, war Einstein ihm bei Fuß gefolgt, oft kilometerlang. Für Katerverhältnisse war Einstein nie selbstsüchtig oder treulos gewesen - immer ein Freund, der zu einem hielt.


Einstein hatte gerade sein elftes Lebensjahr vollendet, als Joshua auffiel, dass er Probleme mit dem Wasserlassen hatte. Ebenso verweigerte er seit Tagen jegliche Nahrung. Der Tierarzt untersuchte den Harnweg und die Blase mit einem Endoskop: alles voller Tumore. Joshua musste seinen kleinen Freund einschläfern lassen, um ihm weitere Qualen zu ersparen. Es war ein Moment von beißendem Schmerz, als der Arzt die Todesspritze setzte und binnen weniger Sekunden trübte sich der Blick der ansonsten klaren bernsteinfarbenen Augen, die im scharfen Kontrast zu dem überwiegend schwarzen Fell standen.


Der Regen peitschte ihm nun stoßweise ins Gesicht und rann Tränenbächen gleich an ihm hinunter. Aber er selbst konnte nicht weinen - noch nicht. Mittlerweile war er so durchnässt, dass es keinen Unterschied mehr machte, ob er sofort ins Haus ging oder noch eine Weile stehen blieb.


Er stand am Rand des Grabes, starrte auf die dunkle Erde und dachte eine Weile über die Vergänglichkeit allen Lebens nach und die schiere Sinnlosigkeit deprimierte und ärgerte ihn abwechselnd. Auf Menschen ohne Haustiere mag dies lächerlich gewirkt haben, aber nicht zum ersten Mal in seinem Leben kam er sich vor wie der einzige Überlebende nach einer Sintflut - wie Noah, doch der hatte wenigstens seine Familie gehabt.


Seit dem Tag als Joshua Purwell in dieser Welt erwachte, waren siebenundzwanzig Jahre vergangen, in diesem Zeitraum finden sich gleich mehrere traumatische Brüche, die sich in einem melancholischen Zug im Gesicht des jungen Mannes deutlich manifestiert hatten.


Im Alter von fünf Jahren verlor er bereits seinen Vater, welcher als Produktionsingenieur in einer Fabrik arbeitete, die Gartengeräte herstellte. Manche Erinnerungen an seinen Vater waren heute noch recht deutlich, andere dagegen nur vage und verschwommen, dennoch erinnerte er sich an ihn als einen gutmütigen, stets gut gelaunten Mann mit dichtem Backenbart und sanft in den Nacken fallende Haare. Bei Wartungsarbeiten in der Fabrik bekam er den Kopf von einer Industriepresse zerquetscht.


Nicht einmal zur Hälfte erwachsen, und wenige Monate bevor Joshua sein Informatikstudium in Oxford antreten wollte, fiel seine Mutter erschreckend plötzlich tot um. Der zweite Schlag auf den er gewartet hatte.


Sie litt ohnehin seit dem Tod ihres Mannes unter starken Depressionen, hatte aber dennoch ihren Sohn mit einer Reihe schlecht bezahlter Jobs durchgebracht. Es erübrigt sich zu sagen, dass es für Joshua nun eine Weile alles andere als gut lief. Geschwister hatte er keine, ebenso waren seine Mutter und sein Vater Einzelkinder gewesen, demnach besaß er genauso wenig Onkel und Tanten, wie Cousinen und Vetter. Obendrein waren die Großeltern bereits alle gestorben. Er stand allein im Leben. Joshua sah in diesen Schicksalsschlägen - das war zumindest seine Theorie - sein Einzelgängertum begründet.


Das Studium finanzierte er sich von der Lebensversicherung seiner Mutter. Nachdem er seinen Master am Lincoln-College an der University of Oxford eher planlos absolviert hatte und sich absolut keine Lust auf so etwas wie eine Karriere in der IT-Branche einstellen wollte, bewarb er sich bei der Stadtverwaltung seiner Heimatstadt Carbury als Systemverwalter und wurde genommen.


Der Regen wurde immer stärker. Dabei konnte ein Gefühl wie Andacht nicht aufkommen. Er riss sich von den deprimierenden Gedanken und dem Erdhaufen vor sich los und trottete zurück ins Haus. Ein ums andere Mal blieb er stehen und drehte sich zum Grab seines toten Freundes um. „Machs gut, Einstein", murmelte er ein letztes Mal vor sich hin. „Machs gut ..."


 


2


Sally Johnson war am Ende. Fühlte man sich so, wenn man unter einem Burnout-Syndrom litt? Überraschen würde es sie nicht. Mit wunden, übernächtigten Augen beobachtete sie ihre beiden Kinder, die auf dem regennassen Klettergerüst des Spielplatzes riskante Kunststücke vollführten. Sie beneidete die Beiden für ihre Energie und Sorglosigkeit, mit denen sie ihr täglich das Gehirn aus dem Kopf rissen und darauf herumtrampelten.


Sally war eine junge, moderne Frau Anfang dreißig, die Beruf und Privatleben miteinander vereinte. Sie stand Tag für Tag auf, weckte die beiden Kinder, welche die Bevölkerungsstatistiker des Familienministeriums ihr zurechneten und machte sie für Kindergarten und Schule fertig, damit sie kurz nach acht Uhr ihre Arbeit in der Anwaltskanzlei Simon & Simon aufnehmen konnte, um sie nach sechzehn Uhr wieder abzuholen und ihren pädagogischen Verpflichtungen als Mutter nachzukommen. Meistens kümmerte sie sich um die Schularbeiten des Älteren oder tröstete die Kleine über ein ihr widerfahrenes Unrecht im Kindergarten. Sally bemühte sich stets Liebe, Fürsorge und Geduld zu schenken, bevor sie sich mit großer Lust dem Einkaufen, Bügeln, Wäschen waschen und Kochen widmete. Die nötige Muße und Entspannung im Alltag zu finden war unmöglich, ihre einzige Waffe war, sich ein dickes Fell und eine gutes Maß an Lethargie zuzulegen, wenn mal wieder alles drunter und drüber ging.


Im Laufe des Abends kam ihr Mann Jack nachhause, und kurz darauf gingen die Kinder zu Bett. Meistens büffelte Sally noch für ihren Fernkurs, bevor sie sich am späten Abend noch ihrem Mann zuwandte. Todmüde lag sie dann im Bett und versuchte einzuschlafen, was ihr in letzter Zeit immer schwerer fiel. Wie konnte man ständig müde sein und trotzdem unter Schlafstörungen leiden?


Manchmal dachte sie, ob es damals doch nicht besser gewesen wäre, wenn sie den Beruf Gestalterin für visuelles Marketing (Schaufensterdekorateurin) erlernt hätte, denn die Arbeit in dem engen Büro war ihr manchmal zuwider, aber ihr Vater hatte sie damals in diese Richtung gedrängt.


Ihr Mann Jack verdiente als Versicherungskaufmann nicht schlecht, aber die Hypothek für das Haus war schrecklich hoch. Es war ein schönes, neues Haus mit Swimming Pool und einer von Jack pedantisch gepflegten Rasenfläche. Es hatte eben alles seinen Preis.


Sie fragte sich, wie lange sie mit dem Stress noch zurecht käme. Letztens hatte sie erwogen, eine Hausaufgabenbetreuung für ihren Sohn zu suchen und eine Putzfrau zu engagieren, die wenigstens zweimal die Woche käme und das Gröbste erledigte. Aber verdammt noch mal, dafür ging sie ja arbeiten, um Geld zu verdienen und nicht um anderer Leute Tätigkeiten zu bezahlen, die sie selbst übernehmen konnte!


Der Große warf der Kleinen eine Handvoll Sand ins Gesicht, welche daraufhin brüllend zu Sally eilte. „Marc-Tjorben, wenn ich das noch einmal erlebe, setzt es was! Verstanden?!", sagte sie mit erhobenem und ausgestrecktem Zeigefinger, aber ohne wirkliche Autorität in der Stimme.


Sally kontrollierte die Augen der Kleinen und reinigte den Bindehautsack mit der Spitze eines Taschentuchs, bevor Sarah-Jane wieder zurück auf den Spielplatz lief.


Manchmal fühlte Sally, wie der Druck und Stress sie veränderten. Ein andermal dachte sie, sie sei eine schlechte Mutter, weil sie sich so wenig ihren Kindern widmen konnte. Dabei kam Sally der Gedanke an irgendeinen Artikel aus einer Illustrierten, wo es um den schicksalsbestimmenden Einfluss auf Kinder während der ersten fünf Lebensjahre ging. Sie versuchte immer ihr Bestes zu geben, und doch überkam sie manchmal das Gefühl, dass sie nicht an ihre Kinder heran kam. Sie hatte beide im Alter von nur wenigen Monaten in eine Ganztagsbetreuung geben müssen, da sie Geld verdienen musste, um den hohen finanziellen Belastungen gerecht zu werden. Manchmal marterten sie deshalb Schuldgefühle, als habe sie ihre Kinder bereits wenige Zeit nach der Geburt veräußert.


In Augenblicken wie diesem bekam sie vor sich selbst Angst, da sie ständig zwischen Erschöpfung, Aggression und dem Distanzbedürfnis zu den Kindern schwankte. Vielleicht sollte sie mal zu einem Therapeuten gehen - am besten gleich die ganze Familie. Aber gab es etwas lehrbuchmäßig Festgeschriebenes, was man ihr verordnen konnte, das sofort half?


Es vergingen nicht einmal fünf Minuten, bis Marc-Tjorben seine kleine Schwester in den Sand stieß, was Sally trotz ihrer Versunkenheit nicht entging, denn ihre mütterlichen Sinne waren stets geschärft.


„Ich hab gesagt, du sollst sie in Ruhe lassen!", fauchte sie. Dauernd musste er sie malträtieren! Flammenwütender Zorn stieg in ihr auf, dass sie für einen Augenblick zu verstehen glaubte, warum manche Eltern sich gewalttätig an ihren eigenen Kindern vergingen. War es das, was sie sich vom Leben immer erhofft hatte? Sie sprang auf und eilte mit raumgreifenden Schritten über den Spielplatz auf ihn zu.


Gerade wollte sie sich ihren Filius zu Brust nehmen, als eine hohe Gestalt aus dem Schatten der Platanen trat, welche den Spielplatz umsäumten. Der Mann trug einen langen, schwarzen Mantel und steuerte schnurstracks auf Sarah-Jane zu, die sich gerade vom Boden aufrappelte, ging vor dem weinenden Mädchen in die Hocke, dem dicke Tränen die Wangen hinab kullerten und legte ihr die Hand auf ihren Scheitel.


Sally beschleunigte ihre Schritte, sie mochte es nicht, wenn ein Fremder ihr Kind anfasste. Vielleicht war es einer dieser Perversen, die kleine Mädchen entführen und schänden. Zu Sallys Verblüffung hörte Sarah-Jane jedoch schlagartig auf zu heulen und starrte den fremden Mann über sich mit großen Kinderaugen an. Der Mann blickte in Sallys Richtung, und sie dachte flüchtig bei sich, wenn er denn ein Perverser wäre, dann aber ein sehr gut aussehender.


Er konnte kaum älter als Dreißig sein. Er war etwas mehr als mittelgroß und besaß ein kluges, scharf geschnittenes Gesicht, das von schulterlangen braunen Haaren eingerahmt war. Die Haarpracht besaß eine Fülle und einen Glanz, wofür so manche Frau einen Mord begangen hätte, um sie zu besitzen. Seine Kleidung war schlicht aber erlesen und wirkte an ihm trotz ihrer Einfachheit elegant. So sah kein Perverser aus.


Sally spannte sich innerlich und setzte ihre artig-freundliche Miene auf, die sie auch täglich in der Anwaltskanzlei benutzte. „Guten Tag", sagte sie.


„Hallo", entgegnete der Fremde mit sanftem Bariton.


Sally vergaß völlig, dass sie Marc-Tjorben maßregeln wollte. Stattdessen blickte sie von dem fremden Mann zu Sarah-Jane. „Geht es wieder?"


Ihre Tochter antwortete mit einem Nicken.


„Ich mag es nicht, wenn Kinder weinen", sagte der Fremde unvermittelt.


„Ich auch nicht, vor allem, wenn es die eigenen sind", entgegnete sie und versuchte zu lächeln.


Ein verhaltenes Grinsen umspielte die Lippen des Mannes. „Nun, Mutter zu sein ist ein harter, aber auch schöner Job. Es ist eine hohe Aufgabe sich seinen Kindern zu widmen und sie stark fürs Leben zu machen, ihnen Liebe und Fürsorge zu schenken. Doch schwierig wird es, wenn Frauen heutzutage arbeiten und dann nach Feierabend noch Energie für die Familien aufbringen müssen."


Sally kam sich vor, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Ja, das kann manchmal schwer sein", entgegnete sie knapp. Was hatte er für schöne bergseefarbene Augen.


„Sie vereinen wohl auch Beruf und Kindererziehung miteinander?"


„Ja, sieht man mir das an?", fragte sie und lachte künstlich.


Der Mann legte den Kopf schief. „Ich meine nur, wie muss es so mancher Frau gehen. Sie muss am Arbeitsplatz konzentriert und produktiv sein, anpassungsbereit bis zum Äußersten, sich zusammen nehmen, gleichzeitig sorglos und unbekümmert wirken. Nach Feierabend kommt sie heim und muss immer noch funktionieren, bis spät abends, wenn sie ins Bett geht. Ist es da nicht normal, wenn sich mit der Zeit die Runen der Erschöpfung in ihr Gesicht eingraben? Überforderung und Dauerstress nehmen ihr alles, was sie als liebenswert an sich erachtet."


Er hatte recht. Verdammt! In letzter Zeit stand sie oft vor dem Spiegel und meditierte ihre verblassende Schönheit, ihr erschöpftes, maskenhaftes Aussehen, die Ränder, die ihre Augen zeichneten, die glanzlosen Haare und den spröden stets mürrisch blickenden Mund. „Aber was soll diese Frau machen? Sie ist gefangen zwischen einer ausbeuterischen Tätigkeit, genannt Beruf, und ihrer Berufung als Mutter. Sie hat gefälligst zu funktionieren", sprach Sally bewusst verschleiernd von sich in der dritten Person.


„Womöglich hat sie gar nicht den Wunsch glücklicher oder freier zu leben, sie möchte nur besser in ihrer Pflichterfüllung sein?"


Darauf wollte ihr nichts einfallen. Sally fühlte sich beklommen. Er hatte mit seiner Aussage den Nagel auf den Kopf getroffen. Ihr war, als würde er aus ihrer Seele lesen. Er verstand sie, oder besser gesagt, dieser Mann würde sie verstehen. Jack verstand sie nie so recht, er wollte alles immer nur herunterspielen. Meistens kam er mit dem Realitätsprinzip daher: Das ist eben so, andere schaffen das auch, daran kann man nichts ändern, andere Leute müssen da ebenso durch ...


„So, ich mache mich dann mal wieder auf den Weg", sagte der Mann und bedachte sie mit einem hinreißenden Lächeln, woraufhin er Sally die Hand hinstreckte, welche sie mechanisch ergriff. Der Händedruck dauerte für Sallys Geschmack einen Augenblick zu lange, doch bevor sie sich dazu durchringen konnte, sich ihm zu entziehen, ließ er los.


„Lass den Kopf nicht hängen, Sally. Alles wir gut." Dann drehte er sich um, überquerte den Spielplatz und ging mit federnden Schritten die Straße hinunter.


Sally war seltsam irritiert. Woher wusste er ihren Namen? Sie hatten einander nicht vorgestellt. Ein Schauder von Unwirklichkeit befiel sie, doch bevor sie sich umdrehen konnte, um ihn womöglich zur Rede zu stellen, spürte sie von ihrer Hand ausgehend ein Kribbeln wie leichte Stromstöße, das sich schnell über den Arm auf den ganzen Körper auszubreiten begann. Es war ein unglaublich intensives Gefühl.


Was geschieht mit mir?, dachte sie panisch. Man muss es ihr angesehen haben, denn Sarah-Jane neben ihr fragte: „Was hast du, Mum?"


„Nichts, Süße!", versuchte Sally die Sache herunterzuspielen, doch sie konnte das Hysterische in ihrer Stimme nicht unterdrücken.


Sie fühlte sich, als jagten Stromstöße durch ihren Körper, vor allem im Bereich des Brustkorbs leckten sie gleich Flammenzungen an ihren Rippenbögen. War es ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall? Das sollte es ja schon in ihrem Alter geben. Das wäre genau das, was ihr jetzt noch fehlte.


Dann ebbte der Schmerz ab, zurück blieb ein Gefühl der Wohligkeit. Sie fühlte mit einem Mal eine Frische und Vitalität wie schon lange nicht, ebenso bemächtigte sich ihrer ein Gefühl verhaltener Heiterkeit. Sie kostete die Empfindungen einen Moment bis zur Neige aus. Dann wirbelte sie herum und suchte den Fremden. Er musste die Ursache sein. Sie rannte das Stück zur Straße.


„Mum, was hast du?", hörte sie Sarah-Jane in ihrem Rücken.


„Alles in Ordnung, Liebes!", rief sie zurück.


Sally schaute die Straße hinunter. Er war weg, wie vom Erdboden verschluckt, nur ein Lastwagen fuhr an ihr vorbei, ansonsten waren keine Passanten unterwegs. Sie atmete tief durch und fühlte eine seltsame Spannkraft in sich, über die sie sich keine Rechenschaft ablegen konnte. 


Egal. Nun würde sie wieder funktionieren.


 


3


Joshua ging die Brewers Lane hinauf. Es war bereits nach Mitternacht. Der Mond jagte hinter den Wolkenfetzen her, während der Wind in Böen an seinem Mantel riss.


Eine düstere Seelenstimmung herrschte in ihm vor, Einsteins Tod hatte ihn mehr verstört, als er sich eingestand. Er würde heute Nacht keine Ruhe finden. Deshalb hatte er sich angezogen, um durch die nächtlichen Straßen Carburys zu streifen, was ihm letztlich auch keine Erleichterung verschaffte. Seine Gedanken waren ein Strudel fiebriger und nutzloser mentaler Aktivität. Weit und breit war kein Auto unterwegs, deshalb bewegte er sich auf dem Mittelstreifen voran. Sein Weg führte ihn zur Kirche von St. Andrew, eine kleine anglikanische Kirche am Stadtrand.


Langsam und nachdenklich trieben Nebelschwaden zwischen den Häuserreihen, während totes Laub vom Wind über die Straße getrieben wurde. Joshuas Schatten zeichnete sich im Schein der Straßenlaternen nur schwach auf dem Asphalt ab und schien weder Form noch Substanz zu besitzen. Sein ungekämmtes Haar war feucht vom Nebel, der die Konturen der Gebäude verwischte und die Straßenlaternen mit einem Heiligenschein umgab.


Joshua überquerte den Parkplatz vor der Kirche. Die drei hohen Kiefern im Kirchenhof wirkten wie in Stein gehauene heidnische Priester in schwarzen Gewändern. Sie schienen trotzig über das Kirchengebäude zu wachen. Durch den Nebel, der wie Watte um sie trieb, schien man fast zu erwarten, eine elfenhafte Märchengestalt um die Baumgruppe herumhuschen zu sehen. Die Bäume waren alt und entsprechend hoch, und ihre Wurzeln hatten vermutlich bereits den Weg in die zerfallenen Särge tief unter der Erde auf dem Friedhof gefunden, der sich hinter dem Kirchengebäude erstreckte.


Die regennassen Stufen zum Kirchenportal hinauf waren schlüpfrig, und Joshua gab acht nicht hinzufallen. Er drückte den schweren hölzernen Türflügel nach innen und betrat das Gebäude. Im Inneren war es noch kälter als draußen, vorne im Chorraum züngelten eine geringe Anzahl funkelnder Kerzen, die ein diffuses Licht ins Kirchenschiff warfen und mit unruhigen Schatten überzitterten.


Mit jener Scheu, die solche Orte um diese Uhrzeit bei ihren Besuchern hervorrufen, setzte er sich in eine der hinteren Bänke. Die Heilige Jungfrau Maria hielt ihre Hände zum Gebet und starrte ihn traurig an. Er kam in letzter Zeit oft hier her, weniger um zu beten, als Nachzudenken. Im Grunde seines Herzens versuchte er eine Antwort auf sein absurdes Schicksal zu finden, jenes Mühlrad, das fortwährend das Mehl der Trübsal mahlte. Seine Fragen verhallten jedoch jedes Mal lautlos, doch irgendwie schien ihm dieser Ort angemessen, sich mit derlei Dingen zu beschäftigen, denn wenigstens einen Teil seines Glaubens hatte er sich bewahrt. Obwohl er nie zum Gottesdienst ging, war er wie die meisten christlich sozialisiert worden, und es gelang ihm nie seine Prägung vollständig abschütteln.


Dennoch suchte Joshua unentwegt nach Antworten. In seiner Freizeit las er die Bibel, den Koran, das Toa Te King, den Talmud, die Bhagavad Gita, daneben Philosophen wie Kant, Kierkegard oder Hegel, ebenso Unmengen an Sachbüchern über Chaos-Theorie bis zu Quantenphysik, jedoch fündig wurde er nicht wirklich, obwohl er oft den Eindruck hatte, dass etwas zwischen den Zeilen stand, was ihm entging.


Manchmal, wenn er so wie jetzt zur dunkelsten Stunde der Nacht in der kleinen Kirche saß - was in letzter Zeit immer häufiger vorkam - verfiel er in seltsame, meditative Zustände, eine Art Halbbewusstsein. Dann hörte alles um ihn herum auf zu existieren. Er war dann eine Weile nicht mehr zerrüttet, sondern eins mit sich und fühlte weder die drückenden Schatten der Vergangenheit noch die Ungewissheit der Zukunft. Diese Art der Versenkung war beinahe suchterzeugend, wie bei einem Säufer, der seine Sinne betäubt, um den Schmerz, den das Leben ihm bereitet, nicht zu spüren. Doch genau dies war der Unterschied: Wo Alkohol lediglich die Sinne benebelt, waren jene Momente für Joshua von höchster Klarheit, wo seine Sinne geschärft waren wie sonst nie. Heute jedoch erdrückte ihn die Stille des Gotteshauses, dennoch blieb er trotzig sitzen und lauschte dem Wind, der um den Giebel heulte. Er vergoss ein paar Tränen für seinen toten Kater, was auf einen Nicht-Tierfreund wahrscheinlich trivial gewirkt hätte, doch sie hatten nicht jene reinigende Wirkung auf sein Gemüt, die ein aufrichtiges Weinen bewirken kann.


Psychoanalytiker glauben, wenn Menschen ihren seelischen Zustand durchschauen würden, könnten sie ihre Probleme bewältigen. Joshua unterzog sich jedoch schon seit Jahren eingehender Analysen, und trotz dieser Erkenntnisse gelang es ihm nicht, sein Unglück zu kurieren. Was immer Sigmund Freud oder C.G. Jung behaupteten, auf ihn traf es nur bedingt zu.


Seine Gedanken rankten sich weiter um seine toten Eltern, um Einstein  ... und Nora, der dritte traumatische Bruch in seinem Leben.


Er hatte Nora gegen Ende seines Studiums am Lincoln-College kennen gelernt. Sie gingen ein paar Mal miteinander aus und verliebten sich schließlich ineinander. Alles ging so leicht vonstatten. Joshua spürte damals, dass ihre Beziehung etwas Besonders war, etwas das auf Gegenseitigkeit beruhte. Über ein Jahr lang waren sie ein Paar.


Eines Nachts jedoch in den Semesterferien befanden sie sich auf dem Rückweg von einem Rockkonzert in London. Nora saß am Steuer und Joshua auf dem Beifahrersitz. Es war eine unbeleuchtete lange Landstraße gewesen, die an Wald und Feldern vorbeiführte, man sah nur die Scheinwerfer des Wagens auf dem weißen Mittelstreifen, der Rest der Welt war in satte Finsternis gehüllt. Das Letzte an was Joshua sich erinnerte, waren die Rücklichter des LKW vor ihnen.


Als er wieder zu sich kam, lief Blut aus seiner Nase und von dort über Mund und Kinn, rundherum lagen Glassplitter von der geborstenen Frontscheibe. Der LKW vor ihnen hatte eine Ladung Baumstämme bei sich, von denen sich einer offensichtlich gelöst hatte. Das im Durchmesser etwa fünfzig Zentimeter dicke Holz hatte sich durch die Windschutzscheibe gebohrt und nahm nun den Platz ein, wo vorher Noras Oberkörper gewesen war. Der Rest des Körpers befand sich mehr oder weniger am seinem ursprünglichen Platz. An einem bestimmten Ort, zu einem bestimmten Zeitpunkt, in diesem elenden dreidimensionalen Raum hatte er sich gelöst, um Nora zu töten.


Joshua kam mit ein paar Kratzern davon, doch er stand danach unter Schock und konnte das launige Spiel des Schicksals nicht begreifen. Später kam der nimmersatte Schmerz und irgendwann die Fragen nach dem Warum, die ihn folterten und quälten. Tief in seinem Herzen wusste er jedoch, dass es keine Antworten gab. Noras Tod war für ihn der Inbegriff aller Sinnlosigkeit. Wo immer ein Sinn in diesem Leben lag, er konnte ihn nicht mehr sehen.


Obwohl er nie ganz in seinem Leben ohne Freunde und Bekannte war, begann er immer mehr seine eigene Gesellschaft vorzuziehen, da er manchmal glaubte ein Fluch liege auf seinem Leben, der alle die ihm Nahe kamen in den Abgrund zöge. Seit Noras plötzlichem Tod büßte er auch die Fähigkeit ein, intime Beziehungen mit Frauen einzugehen. Immerhin blickte er auf zwei enthaltsame Jahre zurück, obwohl es da eine Person gab, von der er wusste, dass sie etwas für ihn übrig hatte. Doch konnte er dieses Risiko eingehen, da das Schicksal einem immer das nahm, woran mein sein Herz hängte? Trotz seines Schicksals hatte er nie mit Gott gehadert, wenngleich er unmöglich die Doktrin seiner unendlichen Gnade mit den Grausamkeiten des Kosmos, den Er geschaffen hatte, in Einklang bringen konnte.


Joshua zuckte zusammen. Sein Handy läutete. Mit einer Penetranz, die ihn hochfahren ließ, durchschnitt das Geräusch jäh und heftig die drückende Stille des Gotteshauses.


„Hallo!"


„Hallo, Joshua! Hier ist Adrian! Ich hoffe, du warst noch nicht im Bett, aber da steht ein UFO über Carbury. Hast du es noch nicht gesehen?", kam es aufgeregt.


„Nein ... Bist du sicher? Nicht dass es wieder dieser überdimensionale Flag-Scheinwerfer von dieser Diskothek in Swindon ist, der die Wolken von unten beleuchtet."


„Ach, wo denkst du hin. Das hier ist was völlig anderes. Todsicher. Zieh dich schnell an, ich komme dich in fünf Minuten abholen."


„Ich bin in St. Andrew."


„Oh, ich hoffe, ich habe dich nicht in einer Andacht gestört."


Joshua hörte ihn förmlich Grinsen. „Nein, nein, ist schon in Ordnung."


„Kann ich mit dir rechnen? Du könntest ein paar Fotos schießen, während ich fahre."


Joshua schwante Unheil. „Soll nicht besser ich fahren, und du fotografierst?"


„Kommt nicht in Frage! Ich bin in präzise drei Minuten bei dir."


„Wo treibst du dich denn herum?"


„Im Moment Ecke Chapel Lane und High Street. Bis gleich."


Joshua hörte durchs Handy die Reifen auf dem Asphalt quietschen. „In Ordnung, bis gleich, Adrian."


Er hatte bereits aufgelegt. Joshua steckte das Handy zurück in den Mantel und verließ die Kirche.


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