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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Deimos, Alexander Pentek
Alexander Pentek

Deimos


Revier-Krimi

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Kapitel 1



Die Nacht war sommerlich warm, schwül und schon für


gesunde, junge Menschen eine Strapaze, doch alten, kranken,


bettlägerigen Zeitgenossen geriet sie zur unerträglichen Qual.


Nicht wenige schlossen in diesen Stunden für immer ihre Augen.


Etliche erlitten Kreislaufzusammenbrüche, Herzstillstände


und bei anderen versagten die letzten schwachen Kräfte, die


sie noch im Leben hielten.


Darüber machte sich der alte Mann allerdings keine Gedanken.


Sein Leben war nur mehr ein immer gleiches, dunkles,


von keiner Aufhellung, keiner Abwechslung und keinem


schönen Gedanken mehr unterbrochenes Warten. Worauf,


wusste er selbst nicht zu sagen. Die Pflegerin, die nachts über


die Heimbewohner wachte, hatte ihm eine gute Nacht gewünscht,


nachdem sie sich vergewissert hatte, dass bei ihm


alles in bester Ordnung war und ihn dann, wie jeden Abend,


allein gelassen und sich jenen gewidmet, die ihrer Aufmerksamkeit


mehr bedurften, als der bescheidene, unauffällige und


scheinbar immer zufriedene alte Herr.


Seine vom Leben gegerbte und von tiefen Falten durchfurchte


Haut war bis in den letzten Winkel von fechtnassem,


klebrigem Schweiß überzogen. Das Atmen fiel ihm schwer


und er fühlte sich, als laste ein Sack Zement auf seiner Brust.


Wie bei diesen Temperaturen nicht anders zu erwarten, versank


er in einem halbwachen, halbwahnsinnigen Zustand,


in dem sich Halluzination und Realität zu einem schweren,


langatmigen Alptraum vermischen und in dem man die Sorge


bekommt, nie wieder klar und zurechnungsfähig zu werden.


Vor dem weit geöffneten Fenster, dass er nicht sehen, sondern


nur erahnen konnte, raschelte das Laub des Ahorns sachte


im kaum wahrnehmbaren Wind, der nicht bis ins Zimmer


reichte und die warme Luft draußen nur ein wenig verwirbelte,


statt für die ersehnte Abkühlung zu sorgen. Gelegentlich


knarrte der Rahmen, wenn er von einer der Brisen kaum hörbar


bewegt wurde.


Jeder Atemzug wurde zu einer Anstrengung, die er einzeln


und belastend auf sich nahm. Im Ohr begann er seinen Puls


schlagen und sein schlechtes, krankes Blut rauschen zu hören.


Immerhin, dachte er, war es trotz miserabler Werte, bei denen


andere schon gestorben wären, noch gut genug, um seinen


Körper und die zunehmend schwerfällig arbeitenden Organe


mehr schlecht als recht funktionieren zu lassen.


Schwülstig gefährliche, blutige, wirre Bilder zogen in einer


absonderlichen, peinigenden Diaschau vor seinem inneren


Auge vorbei. Seine Haut klebte am Bettzeug fest und der


Atemzug, dem seine volle Aufmerksamkeit galt, wurde noch


schwerer. Zusätzlicher Schweiß trat ihm auf die Stirn. Warum


musste das Alter untrennbar mit Leid, Niedergang und langsamem


Übergang in den Tod verbunden sein?


Heute Nacht konnte es zu Ende gehen. Wenn man dem


Ein- und Ausatmen, dem fast nie die Aufmerksamkeit des Bewusstseins


gilt, sondern das mechanisch vom Unterbewusstsein


als notwendige Selbstverständlichkeit zur Erhaltung des


Organismus koordiniert wird, den kümmerlichen Rest an klaren


Gedanken schenken muss, sollte man Angst bekommen.


Der alte Herr im Seniorenheim fürchtete sich nicht davor,


endgültig abberufen zu werden. Er war im Hier und Jetzt, im


verschwitzten Bett, im stickigen Zimmer, in seiner irrealen,


schrecklichen Dunkelheit gefangen. Sich zu bewegen, war


ihm zu anstrengend und nichts hätte ihn bei diesen Temperaturen


zu beruhigenden, vertrauten klaren Gedanken bringen


können. Sollen nicht schon normale, friedfertige Menschen in


ähnlichen Zuständen getötet haben, ohne sich im Nachhinein


daran zu erinnern? Stumme Schreie, Blut, Särge, ätzende


Wunden und alles, was ein gesunder Geist gern verdrängt,


peinigten den alten Mann, der auf die Gnade hoffte, einzuschlafen.


Obwohl er sich zusammenriss, war es ihm unmöglich,


die verrückten Gedanken, die grausigen Bilder, abzuschütteln


und er brachte es nicht einmal fertig, einen Finger zu


heben, geschweige denn, sich aufzusetzen. Das morbide Kino


nahm kein Ende. Sollte er die Belastung, Luft einzuziehen,


überhaupt noch weiterhin auf sich nehmen? In Momenten wie


diesen, ist es einfacher, sich dem Tod zu ergeben, als das Leben


zu verewigen. Seine Erschöpfung war vollkommen. Er dämmerte


dahin.


Ein gedämpftes Poltern drang an sein Ohr. Er vernahm


geisterhafte Schritte, die sich auf ihn zu bewegten. War er


noch allein in seiner Alptraumwelt? Hatte er soeben die Grenze


überschritten, hinter der Erscheinungen, imaginäre Freunde,


einflüsternde Stimmen, Dämonen und dauerhafte geistige


Umnachtungen lauerten? Nein, er war nicht mehr allein. Seine


Augenlider waren so unbeweglich, als hätte man sie in geschlossenem


Zustand mit zuverlässigem Sekundenkleber festgeklebt.


Er nahm sich zusammen, legte seinen ganzen Willen


hinein und nach einer kleinen Ewigkeit bekam er sie einen


winzigen Spalt weit geöffnet. Da das Augenlicht ihn fast zur


Gänze verlassen hatte, war das, was es ihm in der Dunkelheit


zeigte, genauso verschwommen, schwarz und unbestimmt wie


die Welt, aus der er in den letzten Stunden nicht hinausgekommen


war. Eine abkühlende Klimaanlage hätte ausgereicht, um


die Überhitzung seines Körpers und den temporären Wahnsinn


zu beenden, doch hier gab es sie nicht.


Stand dort ein unbeweglicher Schatten? Sah ihn jemand


an? Er glaubte, einen fremden Atem zu spüren, ein fremdes


Herz schlagen zu hören. Er wurde verrückt. Natürlich war


niemand außer ihm im Raum und ebenso selbstverständlich


hatte er keine Schritte gehört. Wie von selbst, schlossen sich


seine Augen wieder und er ergab sich der heißen, schauderhaften,


entsetzlichen Welt in seinem Inneren, seinem vernebelten


Gehirn, seinem versagendem Leib.


„Erinnern Sie sich an mich?", fragte eine ferne Stimme.


Der greise Herr antwortete nicht. Wenn man einmal anfängt,


mit nicht existierenden Stimmen zu sprechen, sagte er


sich, hörte man möglicherweise nie mehr damit auf.


„Ich werde Sie und Ihren Namen niemals vergessen." Die


Stimme schwieg nach diesen eindringlichen Worten. Nach einer


langen Pause sagte sie: „Ich bin hier, um Ihnen eine Frage


zu stellen."


Jetzt stellte ihm der herbeigeträumte Gesprächspartner, der


seiner Phantasie entsprang, also hartnäckige Fragen.


Die Stimme nannte einen Namen. Der Alte hoffte, dass sie


so schnell und plötzlich verschwand, wie sie gekommen war,


wenn er sie standhaft ignorierte. Mit Geistern redet man nicht.


Eine stahlharte, eiskalte Hand umklammerte sein abgemagertes,


knochiges, verschwitztes Handgelenk. Er fühlte


Schmerzen, die es nicht geben konnte, weil die Person, die sie


verursachte, nur in seinem Kopf existierte, ihm Gesellschaft


leistete und ihn mit ihrer Aufdringlichkeit belästigte.


Jetzt hauchte sie ihm etwas aus unmittelbarer Nähe ins


Ohr. Er roch den fremden Atem und fühlte ihn auf der Haut.


Die Faust, die sein Handgelenk zerquetschte, drückte fester


zu. Er war nicht im Stande, zu schreien. Die der Erschöpfung


geschuldete Lähmung war vollkommen.


„Sie erinnern sich genau.", sagte die Stimme mit hypnotisierender,


betonungsloser Gleichmäßigkeit. „Sie vergessen


meinen Namen so wenig, wie ich Ihren vergessen habe."


Der alte Herr gab auf. „Warum sind sie gekommen?"


„Sie wissen also, wer ich bin?" Die Stimme war so nah bei


ihm, wie seine eigene.


„Ja, Sie haben recht." Flüsternd zu hauchen, fiel leichter, als


gedacht. „Was wollen Sie von mir?"


Eine schier endlose Pause absoluter, vollkommener Stille


entstand. „Das können Sie sich wirklich nicht denken?" In der


Frage schwang kein ehrliches Erstaunen mit, sondern nur die


traurige Bestätigung einer bestimmten Erwartung.


„Nein.", rang der alte Herr sich ab. „Das kann ich nicht."


Erneut verfiel die schemenhafte Gestalt in abwartendes


Schweigen. Vor dem Fenster raschelten die Blätter wieder und


der bis zur Unerträglichkeit erschöpfte Mann wähnte sich endlich


allein. Der Geist hatte sein Handgelenk freigegeben und


auf das Bettlaken zurückfallen lassen. Jetzt, da der Wahnsinn


sich zu lichten begann, konnte er daran denken, zu schlafen.


„Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen, die den nicht


hoch genug einzuschätzenden Vorteil hat, wahr zu sein." Die


eingebildete Stimme war wieder nah bei ihm und malträtierte


ihn mit ihrem verstörenden Realismus. Er hätte schwören können,


dass sie tatsächlich existierte.


„Verschwinde...". Er setzte dazu an, seinem Gesprächspartner,


den es gar nicht geben durfte, die Tür zu weisen und ihn in die


dunkle Ecke seines Verstandes zurück zu schicken, aus der er


ohne Vorankündigung aufgetaucht war. Man konnte die Erde


Jahrzehnte bewohnt und alles gesehen haben - und dann reichte


eine heiße Sommernacht aus, um Unmögliches geschehen zu


lassen und ein Weltbild zu zertrümmern.


Die kalte Hand, die vor einer Minute, vielleicht auch einer


halben oder ganzen Stunde - die Zeit steht still in solchen Zuständen


- sein Handgelenk zerquetscht hatte, legte sich mit bestimmender,


kompromissloser Macht auf die zitternden Lippen


des alten Mannes. „Sparen Sie sich Ihre Kraft für die Antwort


auf die Frage, die Sie mir nicht beantworten wollten. Wenn Sie


sich meine Geschichte angehört haben, werden Sie mir den Namen,


den ich wissen möchte, verraten. Ich weiß, dass Sie ihn


kennen."


Der Geist begann mit einem Vortrag, der kein Ende nehmen


wollte. Die Bilder, die sich währenddessen im Kopf des alten


Mannes zusammensetzten, standen den alptraumhaften Halluzinationen,


die er vor seinem Auftauchen gehabt hatte, nicht


nach. Er driftete davon. Die Stimme entfernte sich immer weiter,


während der Greis in seinem Wahn versank und ihn der klebrige


Schweiß auf seiner Haut, der ausgetrocknete Mund und seine


grenzenslose Erschöpfung malträtierten.


Sprach der Geist noch mit ihm? Seine Stimmbänder bewegten


sich wie von selbst und sprachen einen Namen aus, der


aus den Tiefen seiner Erinnerung herangerauscht kam.


Hatte er jetzt endlich Ruhe? Er konnte nicht mehr.


Kalte, schweißnasse Hände legten sich um seinen Hals und


drückten zu. Er blieb passiv und hatte nichts mehr zu seiner


Verteidigung aufzubringen. Ein Ring aus Stahlbeton drückte


ihm die Luft ab. Wenige Sekunden später versank er in der


Schwärze. Noch einmal riss er mit letzter Kraft für einen Sekundenbruchteil


die Augen auf. Das Letzte, was er von dieser


Welt sah, war das zufriedene, gütige Gesicht des Mörders, der


sich über ihn beugte.




 


 


 



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