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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Das Reich der Siqqusim, Brian Keene
Brian Keene

Das Reich der Siqqusim



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Das Reich der Siqqusim 


von 


Brian Keene 


Aus dem Englischen von 


Michael Krug Auferstehung 2 


KAPITEL ZWEI 


… 


Baker rieb sich die Augen. Auf dem Tisch vor ihm lag ein Tonbandgerät. Er seufzte, drückte die Aufnahmetaste und schaltete die Gegensprechanlage ein. 


»Powell«, begann er ängstlich. »K-kannst du mich hören?« 


Powells Leichnam lag zusammengesunken in der Ecke des Raums. Er hob den Kopf und schaute feindselig zum Glas. Baker erkannte Intelligenz in dem starren Blick. Eine schreckliche Intelligenz - und etwas anderes. 


»Hallo, Bill«, schnarrte das Ding und leckte sich mit einer geschwollenen, gräulich weißen Zunge über gesprungene Lippen. »Wie geht's, wie steht's?« 


Baker kritzelte auf seinen Notizblock. Die Kreatur in Beobachtungsraum Sechs war nicht Timothy Powell. Das wusste er. Und dennoch hatte sie ihn erkannt. Baker schwieg. Neben ihm surrte das Tonbandgerät. 


»Hat 'ne Katze deine Zunge gefressen, Billy-Boy?« 


»Wie fühlst du dich, Timothy?« 


»Um ganz ehrlich zu sein, Bill, ich falle auseinander. Ob du mir wohl was zu essen besor-gen könntest?« 


»Du bist hungrig? Was hältst du von Suppe? Es war gerade Blaukrabbensai-son, bevor - na ja, bevor all das angefangen hat. In der Küche ist noch Krabben-suppe übrig. Ich habe sie eingefroren, um -« 


»Ich will keine Suppe. Wie wär's stattdessen mit deinem Arm? Oder ein paar Ellen dei-ner Eingeweide?« 


»Du kannst keine Nahrung zu dir nehmen?« 


»Du bist Nahrung! Warum kommst du nicht einfach herein zu mir?« 


Entsetzt und zugleich fasziniert beobachtete Baker, wie der Zombie zum Fenster herüberschlurfte und sich ihm gegenüber wie ein Gefängnisinsasse hin-setzte. Das Ding presste das verfaulende Gesicht gegen das Glas und lächelte. Kein Atem beschlug die Scheibe. Mit leiser Stimme leierte es etwas in einer Spra-che, die Baker nicht erkannte. Er bezweifelte, dass Powell sie einzuordnen ver-mocht hätte. 


»Wer bist du?« 


»Du weißt, wer ich bin. Ich bin Timothy Powell, stellvertretender Leiter des RHIC-Programms der Havenbrook Laboratories. Ich bin dein Kumpel, Amigo. Komm schon, Billy-Boy! Sag bloß, du leidest an stressbedingtem Gedächtnisschwund!« 


»Doktor Powell würde mich nie mit ›Billy-Boy‹ anreden«, erklärte Baker sach-lich. »Du bist nicht Timothy Powell.« 


Das Ding zupfte sich ein loses Stück Haut vom Oberschenkel. Kurz betrach-tete es den Fetzen, dann steckte es ihn mitsamt der Made darin in den Mund. Verfaulte Zähne mahlten genüsslich. Baker wandte sich ab. 


»Du glaubst mir nicht? Erinnerst du dich noch, als du, ich und Weston uns eine Woche frei genommen und nach Colorado geflogen sind? Wir haben in Doktor Scalises Hütte gewohnt und geangelt. Weston hat diesen verflucht großen Glasaugenbarsch gefangen, und du hast dir eine Erkältung geholt.« 


Grinsend presste der Leichnam eine aufgedunsene Hand gegen die Scheibe. Baker konzentrierte sich auf Powells Ehering. Der goldene Reif war tief in die wurstartig angeschwollenen Finger eingesunken. Dann entfernte der Zombie die Hand und hinterließ einen schmierigen Fleck auf dem Glas. 


»Wer bist du«, fragte Baker erneut und hatte Mühe, ein Zittern aus seiner Stimme zu verbannen. »Bist du Timothy Powell?« 


»Ob«, gab das Ding aus Powells Mund zurück. 


»Ist das dein Name oder das, was du bist?« 


»Ob«, wiederholt es. »Und du bist Bill.« 


»Woher kennst du meinen Namen?« 


»Derjenige, den du Tim nennst, hat es hier drin zurückgelassen. Er hat viele Dinge hinter-lassen. Heikle Dinge. Wusstest du, dass er regelmäßig zu Prostituierten ging? Seine Frau offenbar nicht.« 


»Ich wüsste nicht, was das ...« 


»Er hat sie dafür bezahlt, dass sie es ihm mit einem Dildo anal besorgt haben.« 


Der Leichnam kicherte, dann hustete er und besprühte dabei die Scheibe mit Teilen seiner selbst. 


»Wirklich?« Baker knirschte mit den Zähnen. »Und wie genau hast du dieses Wissen erlangt?« 


»Es ist hier bei mir. Alles ist hier, ich kann es nach Belieben durchstöbern. Aber das meiste ist nutzlos. Genau wie all das kollektive Wissen. Die Menschheit hat so wenig erreicht. Er muss mächtig enttäuscht von seiner Schöpfung sein.« 


»Wer?« 


»Er. Der Grausame. Er, der ... aber egal. Sprechen wir nicht davon. Er kommt schon noch dran. Das habe ich mir ausgiebig ausgemalt, während wir dort geschmachtet haben.« 


»Und wo genau war das?« 


Das Ding antwortete nicht. Stattdessen begann es, den roten Fleck vom Glas zu lecken. 


»Ich hungere«, stöhnte es und begann wieder zu grinsen. 


* * * 


»Hungrig«, meinte Baker zu den kalten, grauen Wänden. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich so hungrig war.« 


Er hatte die Büchse mit gebackenen Bohnen eher instinktiv als aus Verlangen geöffnet, doch nach dem ersten Bissen verschlang er sie kalt. Er sehnte sich nach einem Hamburger dazu, aber der riesige, begehbare Tiefkühlschrank war besetzt, und Baker hatte nicht vor, ihn zu betreten. Harding lag mit einem sauberen, Auferstehung 4 


notgedrungen entstandenen Loch im Kopf darin. Einen Tag nach Powells Selbstmord und der darauf folgenden Einkerkerung seines wieder belebten Leichnams hatte er einen Herzinfarkt erlitten. Hardings Leiche hatte Baker mit einem Eispickel bearbeitet und sich während des gesamten grausigen Vorgangs inbrünstig eine Pistole gewünscht. Aber die Feuerwaffen waren zusammen mit den Soldaten verschwunden, die von ihren Posten desertiert waren. 


Die Stille in der leeren Cafeteria war beunruhigend. Er sehnte sich nach je-mand anderem als dem Ding, das sich Ob nannte, mit dem er reden konnte. 


Als er den Gang hinab zurück zu seinem Büro lief, hallten seine Schritte auf den grünen Fliesen wider. Er war froh über das Geräusch. Die Lichter flacker-ten, wurden düsterer und dann wieder heller. Stromschwankungen. Er war nicht sicher, ob die Einrichtung noch vom öffentlichen Netz oder bereits vom eigenen Notsystem versorgt wurde. Wie würde der Flur sich wohl in völliger Finsternis anhören? 


Hier unten, alleine mit jenem Ding ... 


An seinem Schreibtisch sackte er auf den Stuhl, der unter dem Gewicht wi-derstrebend ächzte. Zu Bakers Überraschung hatte er während der Krise tatsäch-lich ein paar Pfund zugelegt. Wahrscheinlich mangels Ertüchtigung. Seine Tage bestanden aus langwierigem, endlosen Forschen und noch mehr Forschen. Seine Nächte (sofern es denn Nächte waren, der Unterschied ließ sich unter der Erde nicht feststellen), verbrachte er mit ständigem Erwachen auf der Flucht vor Albträumen. 


Er lehnte sich zurück, legte die Füße auf den Tisch und schaltete das Ton-bandgerät ein. 


»Ich bin zwar kein Biologe oder Pathologe, trotzdem konnte ich eine bemer-kenswerte Verwandlung des Forschungsobjekts beobachten.« 


Als die Lichter abermals flackerten, setzte er ab, dann fuhr er fort. 


»Das Forschungsobjekt ist nicht bloß ein wieder belebter Leichnam. In vie-lerlei Hinsicht funktioniert es wie ein lebendes Wesen. Es strebt nach Nahrung, insbesondere in Form von menschlichem - Fleisch. Ich kann mir nicht sicher sein, aber es hat den Anschein, dass dies im Wesentlichen dem Überleben dient. Das Studium des Videomaterials von der Katastrophenschutzbehörde FEMA scheint das zu bestätigen. Natürlich dürfte es lange dauern, bis die FEMA ein neues Band schickt.« 


Sein nervöses Kichern artete in einen Hustenanfall aus. Danach sprach er weiter. 


»Die Muskulatur des Objekts passt sich dem neuen Zustand offenbar an. Verfall ist zwar gegeben, scheint sich jedoch nicht nachteilig auszuwirken, son-dern als natürlicher Prozess zu vollziehen. Haare, Haut und sogar lebenswichtige Organe sind irrelevant für die Funktion des Forschungsobjekts. Das Fleisch, das es isst, gelangt nicht durch den Verdauungsapparat. Es wird durch einen bislang unbekannten Vorgang aufgenommen und umgewandelt, in -«  


Die Lichter erloschen. Baker saß mit angehaltenem Atem in pechschwarzer Dunkelheit. Das Surren des Tonbandgeräts war das einzige Geräusch. Sein Herz schlug einmal, zweimal. 


Die Lichter gingen wieder an, und Baker stellte überrascht fest, dass er geweint hatte. 


* * * 


»Wenn ihr esst«, fragte Baker über die Gegensprechanlage, »warum nicht den ganzen Körper? Warum lasst ihr so viel übrig?« 


»Weil so viele unserer Brüder darauf warten, herüberzukommen«, antwortete Ob. Im schnarrenden Tonfall schwang Verärgerung mit, als regte es ihn auf, dass der Wissenschafter etwas so Offensichtliches fragte. »Sie hätten keine Freude damit, nach Äonen des Wartens in einem Gefäß zu landen, das bewegungsunfähig ist. Ein Rumpf ohne Arme oder Beine, ein bloßer Klumpen Menschenfleisch, der nur herumliegt? Das käme einer Flucht von einem Gefängnis in ein anderes gleich.« 


»Erzähl mir mehr über diesen Ort, von dem ihr kommt. Du hast ihn die Lee-re genannt.« 


»Genug davon«, entgegnete Ob zornig. »Ich muss meine Brüder rufen. Ich hungere. Lass mich frei, und dir soll nichts geschehen.« 


Baker achtete darauf, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu verleihen. »Beantworte meine Frage, und ich gebe dir etwas zu essen.« 


»Du spielst ein gefährliches Spiel, weiser Mann. Glaub nicht, dass ich zögere, diese Hülle zu beschädigen, um die Freiheit zu erlangen. Ich kann mir einen andere beschaffen.« 


»Das Glas ist kugelsicher. Die Wände sind mit Stahl und Beton verstärkt. Dir muss klar sein, dass ich hier das Sagen habe.« 


»Deine Rasse hat bei nichts mehr das Sagen. Wir können wieder ungehindert über diese Erde wandeln, wie wir es vor lange Zeit schon einmal taten.« 


»Erzähl mir von der Leere«, beharrte Baker. 


»Na schön«, seufzte das Ding und blies stinkende Luft aus nutzlosen, verwe-senden Lungen aus. »Aber sei gewarnt, Professor. Euer Zeitalter ist zu Ende. Wir sind eure Erben.« 


»Die Leere«, bohrte Baker nach. 


»IN DER LEERE IST ES KALT!«, brüllte Ob und stürmte unvermittelt auf das Trennfenster zu. Er schlug mit Powells Faust gegen die Scheibe. Baker rutschte zurück. 


»Es ist kalt in der Leere, weil ER grausam ist! Ich habe dort Äonen geweilt, gefangen mit meinen Brüdern, den Elilum und den Teraphim. ER hat uns dort hingeschickt, uns in die Öde verbannt. Wir haben beobachtet, wie ihr Ameisen gleich umhergewuselt seid, euch vermehrt und vervielfacht, euch in seiner frostigen Liebe geaalt habt. Wir haben gewartet, denn wir sind geduldig. Allzeit aufmerksam haben wir an der Schwelle gelauert. Und du, weiser Mann, du und deine Gefährten, ihr habt uns das Mittel zu unserer Erlösung beschert. So wie eure Körper uns unsere Tempel liefern, hast du uns unsere Tür geliefert!«


Abermals hämmerte die Kreatur gegen die Scheibe. Baker zuckte zusammen. Ein winziger Riss kroch durch das Glas. 


»Glaubst du etwa, wenn ihr sterbt, fahrt ihr in den Himmel auf?«, lachte das Ding höhnisch. »Das tut ihr nicht. Ihr gelangt an einen Ort, den ER für euch vorgesehen hat! Eure Körper gehören UNS! Wir sind eure Herren. Dämonen nennt uns deine Art. Dschinns. Monster. Wir sind der Ursprung eurer Legenden - der Grund, weshalb ihr die Dunkelheit immer noch fürchtet. Wir kontrollieren euer Fleisch. Wir haben lange darauf gewartet, euch zu beseelen!« 


Wieder drosch er gegen die Scheibe. Der Riss weitete sich aus. Spinnwebarti-ge Ranken überzogen die Oberfläche. Die Hand, die einst Dr. Timothy Powell gehört, Martinigläser gehalten, Golfschläge geschwungen und geschickt die Steuerung des RHIC bedient hatte, war nun eine Dampframme verrottenden Fleisches. Baker krümmte sich, als die Finger aufbrachen und schartige, gesplit-terte Knochen zum Vorschein kamen, die weiter über das innere Glas kratzten. 


Baker flüchtete aus dem Raum. Obs Gebrüll verfolgte ihn den Gang hinab. 


»Wir sind die Siqqusim! Wir haben abseits ausgeharrt und darauf gewartet, die Macht zu übernehmen. Ihr gehört uns. Yidde-oni! Engastrimathos du aba paren tares. Wir sind Ob und Ab und Api und Apu. Unsere Zahl ist größer als die der Sterne! Wir sind mehr als die Unendlichkeit!« 


Das Glas barst. Kurz darauf erloschen die Lichter. Dunkelheit verschlang die Einrichtung. 


Baker kauerte in der Halle und lauschte voll Grauen, wie der Zombie hinter ihm herstolperte. 


Die Lichter gingen nicht wieder an. 


KAPITEL SECHS 


Der alte Mann nippte in der Dunkelheit Wein und schaute hinaus auf seine Stadt. Sie schwärte unter ihm wie eine offene Wunde - entzündet und angeschwollen, voller Eiterbeulen und Krebszellen, die sich ins Unendliche vermehrten. Seine Stadt, New York City, war tot und doch lebendig. Lebendig nicht durch die vor sich hinschlurfenden, fauligen Kreaturen tief unter ihm, sondern durch die Men-schen, die er gerettet hatte und die sich nun hier im Turm verschanzten. 


In seinem Turm. 


Seine Herde. 


Ein stiller Luftzug hinter ihm brachte die Flamme der Kerze zum Tänzeln und deutete darauf hin, dass jemand den Raum betreten hatte. Da er wusste, wie imposant er aussehen musste, während er dastand und sein Umriss sich vor der Skyline der verfallenden Stadt abzeichnete, drehte er sich nicht um. Der äußere Anschein war wichtig. Er vermittelte eine Illusion, und jegliche Macht basierte auf Illusionen. 


In der Tür hinter ihm räusperte sich Bates. Lächelnd betrachtete der alte Mann im Fenster das Spiegelbild seines Vertrauten. Bates hatte ihm gut gedient, schon bevor ... all dem. Und er würde es weiterhin tun - solange der alte Mann die Illusion aufrechterhielt, alles unter Kontrolle zu haben. 


»Mr. Ramsey? Sir?« 


Mit geheuchelter Überraschung drehte Ramsey sich um. 


»Ah, Bates. Kommen Sie rein. Ich habe gar nicht bemerkt, dass Sie dort ste-hen.« 


»Ja, Sir, Sie schienen mir in Gedanken verloren.« 


»Hmmm, ja. Stimmt. Das war ich wohl. Ich habe über diese Kreaturen nach-gedacht. Ich vermute, Sie wissen, dass wir festgestellt haben, dass eine andere Wesenheit den Körper nach dessen Tod übernimmt und so wiederbelebt?« 


Bates nickte. »Ja, Sir. Dr. Maynard hat es recht verständlich erklärt. Trotzdem scheint es unmöglich, nicht wahr?« 


»In der Tat. Mir kommt es wie etwas aus einem alten Schundroman vor. Aber genau das geschieht. Der einzige Beweis, den man braucht, ist ein Spazier-gang vor dem Turm.« 


»Ich denke, darauf verzichte ich, Sir.« 


»Ach, hören Sie auf«, zog Ramsey ihn auf. »Ein Mann Ihrer Fähigkeiten scheut sich aus Angst vor Straßenräubern, durch die Stadt zu gehen?« 


»Es sind nicht die Straßenräuber, die wir fürchten müssen, Sir. Vielmehr das, was aus ihnen geworden ist.« 


Ramsey kicherte und trank einen weiteren Schluck Wein. Dann bot er Bates ein Glas an, der jedoch ablehnte. 


»Besser nicht, Sir. Wir haben noch eine lange Nacht vor uns.« 


»Ich bestehe darauf. Genießen Sie ihn, solange es noch möglich ist. Es dürfte eine ganze Weile dauern, bis wir wieder Importe aus Frankreich erhalten.« 


Sein leises Lachen hallte über die gedämpften Töne von Vivaldis »Vier Jah-reszeiten«. Er schenkte ein zweites Glas ein und reichte es seinem Leibwächter. Bates nahm es entgegen und nippte pflichtbewusst daran. 


»Danke, Sir. Ein hervorragender Wein.« 


»Und ob.« 


Ramsey musterte den Leibwächter. Selbst nach all den Jahren war ihm der elegant gekleidete Bates mit dem schwarzen, zu einem Zopf gebundenen Haar, das ihm auf den Rücken hinabhing, immer noch ein Rätsel. Zwei Dienstzeiten bei der 24. Marine-Spezialeinheit, gefolgt von einer weiteren bei den Navy Seals. Nach der Rückkehr in die zivile Welt hatte Bates sein eigenes privates Sicher-heitsunternehmen gegründet, das Dutzende der reichsten und populärsten Rock-stars, Sportler und Schauspieler zu seiner Kundschaft zählte. Dann hatte Ramsey ihn exklusiv angeheuert. Fast zwölf Jahre hatte er für Ramsey gearbeitet. Nun brachte er als sein Sicherheitsleiter Investmentbanker, Fastfoodköche und Kanz-leimitarbeiter in Form, um die Lücken in den Rängen des Sicherheitspersonals zu schließen. Bates war loyal, und Ramsey vertraute ihm blind jedes Detail seines Imperiums an. Schließlich lag sein Leben in Bates Händen. Doch so zuvorkom-mend und höflich Bates auch war, es gab Gelegenheiten, bei denen Ramsey den ausgeprägten Eindruck hatte, in die Augen einer Schlange statt in die eines Men-schen zu blicken. Auch jetzt, als Bates an dem ihm angebotenen Wein nippte und in den nächtlichen Himmel hinausstarrte, vermittelte er diesen Eindruck. 


»Eine Zigarre?« 


»Nein danke, Sir.« 


»Na gut. Wie Sie wollen. Aber ich glaube, wir werden auch keinen weiteren Nachschub aus Kuba bekommen.« 


Ramsey zündete sich eine Zigarre an, paffte daran, bis das Ende in der Düs-ternis glühte und blies eine dichte Wolke duftenden Rauchs aus. 


»Wir wissen also«, fuhr er fort, »dass die Körper der Toten übernommen werden, aber wir können nicht feststellen, weshalb ein Schädeltrauma die einzige Möglichkeit zu sein scheint, sie zu zerstören. Warum keine anderen Verletzungen oder gar Weihwasser und Kruzifixe?« 


»Darüber haben Sie nachgedacht, Sir?« 


»Ja. Wissen Sie etwas über die Kultur der Indianer, Bates?« 


»Nicht viel, Sir. Nur mit ihren Taktiken der Kriegsführung bin ich einigerma-ßen vertraut.« 


»Demnach wissen Sie, dass viele Stämme ihre Feinde skalpierten, ja?« 


Bates nickte. 


»Wissen Sie auch warum?« 


»Als Trophäen?« 


»Teilweise. Aber auch deshalb, weil sie glaubten, der Geist eines Menschen sitze in dessen Gehirn. Sie haben sich nicht nur die Haare genommen, wie es in Filmen oft dargestellt wird. Sie haben sich die Schädeldecke genommen. Sie dachten, die Seele hause im Kopf.« 


Die scheinbar lidlosen Augen starrten ihn an, bis Ramsey sich unbehaglich fühlte. Es war abermals jener Schlangenblick. Einen Lidschlag lang erwartete er tatsächlich, zwischen Bates Lippen eine gespaltene Zunge hervorhuschen zu sehen. 


»Der Kopf, Bates. Verstehen Sie denn nicht? Vielleicht nisten diese Kreatu-ren sich direkt im Kopf ein. Oder, um genauer zu sein, im Gehirn.« 


»Das ergäbe durchaus Sinn, Sir.« Bates zuckte mit den Schultern. »Jedenfalls setzt ein Kopfschuss sie dauerhaft außer Gefecht. Das würde auch erklären, weshalb das U.V.A.G. bei den Vögeln so gut funktioniert.« 


Ramsey nickte, da er Bates Einschätzung des Ultraschall-Vogelabwehrgeräts zustimmte, das sie bei einer Erkundungsmission in einem aufgegebenen Luftwaf-fenstützpunkt erlangt hatten. »Das denke ich auch. Vögel sind schallempfindlich, deshalb fügt ihnen das Gerät körperlichen Schaden zu. Dass es uns in die Hände gefallen ist, war ein echter Glücksfall. Anscheinend hat sich Dr. Sterns Hypothe-se als zutreffend erwiesen. Säßen ihre Ohren an den Flügeln, wäre das Gerät für sie wohl genauso wenig tödlich wie ein Rockkonzert.« 


Damit leerte er das Glas und füllte es nach. 


»Sind Sie mit Akupunktur vertraut, Bates?« 


»Ja, Sir. Akupunktur war sehr beliebt, als ich in Hollywood gearbeitet habe.« 


»Das kann ich mir gut vorstellen. Die Ärzte des Orients fanden heraus, dass bestimmte Funktionen des Körpers beeinflusst werden können, indem man auf spezielle Stellen der Körperoberfläche drückt.« 


Bates stellte sein Glas auf dem Schreibtisch ab. »Sie reden von Meridianen, richtig? Ich habe sie während meiner Nahkampfausbildung studiert.« 


»Korrekt. Jeder Meridian ist ein Pfad für bestimmte Energieströme - einer davon betrifft den Kopf und das Gehirn.« 


Bates nickte. »Ein Energiepfad. Ich verstehe.« 


»Tun Sie das? Es läuft immer wieder auf das Cranium hinaus - den Schädel.« Ramsey zog den dick gepolsterten Lederstuhl hinter seinem Schreibtisch hervor und nahm Platz. Mit einer Hand bedeutete er Bates, sich ebenfalls zu setzen. »Also, wie sieht unser Status aus?« 


Bates nahm sich einen Stuhl vor ihm und sah auf seinem Klemmbrett nach. 


»Wir haben soeben die Bestandsaufnahme unseres Waffenarsenals abge-schlossen. Ich glaube, wir brauchen doch keinen Beutezug in die Lager der Na-tionalgarde oder des Polizeihauptquartiers zu riskieren. Die Beschaffungsmission zur bundesstaatlichen Waffenkammer hat uns etwas über hundert Sturmgewehre des Typs M-16 sowie je rund tausend Stück Munition plus Magazine einge-bracht.« 


»Ich dachte, Sie mögen das M-16 nicht?« 


Bates nickte. »So ist es. Ich persönlich bevorzuge das M-1 Garand, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Die Waffen wurden sauber gehalten und gewartet, daher sollten sie gut funktionieren. Es spielt keine Rolle, womit wir uns verteidigen, solange wir nur dazu in der Lage sind.« 


»Ich verstehe. Fahren Sie fort.« 


»Wir haben mehrere Tec-9 und andere Sturmwaffen erbeutet, außerdem ver-schiedene Schrotflinten und Handfeuerwaffen, darunter eine besonders hübsche Kimber 1911, die ich mir selbst behalten habe. Wir haben Maschinengewehre des Typs M-60, über die Forrest hocherfreut ist, komplett mit Munition für jedes. Ferner haben wir zwölf Granatwerfer des Typs M-203 gefunden, die sich auf die M-16 aufsetzen lassen. Wir haben fünf Flammenwerfer und einige Kisten mit Granaten gezählt. Dazu kommen allerlei Waffen, die jedes Mitglied unserer Gemeinde bei dessen Ankunft mitgebracht hat, und jene, die wir in den Woh-nungen des Gebäudes aufgestöbert haben: weitere Handfeuerwaffen und Ge-wehre, Messer, Brecheisen und dergleichen, ebenso Behelfswaffen wie Baseball-schläger und Besenstiele -« 


»Besenstiele?« 


»Daraus können wir Speere und Piken anfertigen, Sir.« 


»Aha.« 


»Kurzum, wir sollten monatelang in der Lage sein, jedem Angriff standzuhalten.« 


Ramsey lächelte. »Wir können es, und dieses Gebäude kann es erst recht.« 


Er rieb die ledrigen Knöchel am Schreibtisch. 


»Immerhin habe ich es gebaut.« 


Ramsey stand auf und ging zurück zum Fenster. 


»Nach den mehrfachen Terrorangriffen, die diese Stadt regelrecht verkrüp-pelt haben, errichtete ich ein Monument für New York - eigentlich ein Monu-ment für ganz Amerika. Über siebenhunderttausend Quadratmeter Büros, Ge-schäfte, Forschungseinrichtungen und Wohnraum, die sich tief unter die Erde erstrecken und auf einem soliden Fundament errichtet sind. Siebenundneunzig Stockwerke Bewehrungsstahl und splitterfreie Fenster. Hohle Stützpfeiler, gefüllt mit Wasser, um sie bei einem Feuer zu kühlen, dazu Brandschutzdämmung zwischen den Böden und Überdrucktreppenhäuser, in die Frischluft gepumpt wird. Wir haben eine eigene Luft- und Wasserfilteranlage und unseren eigenen Generator. Der Ramsey Tower ist eine uneinnehmbare Festung - genau, wie ich ihn entworfen habe. Er übersteht ein Erdbeben, einen Tornado, einen Hurrican, einen Angriff mit biologischen oder chemischen Waffen und laut den Techni-kern sogar den direkten Einschlag eines Flugzeugs.« 


Ramsey starrte aus dem Fenster. Weit unter ihm blitzten in der Dunkelheit immer wieder nadelkopfgroße Lichter auf. 


»Sehen Sie sich die Kreaturen an. Sie belagern uns, umkreisen das Gebäude Tag und Nacht, dennoch kommen sie nicht an uns heran. Sie schießen auf die Fenster in den unteren Stockwerken und schicken ihre Vögel, um uns anzugrei-fen. Erinnern Sie sich noch an ihren Versuch mit dem Granatwerfer?«


Wenngleich Bates nichts erwiderte, wusste Ramsey, dass er sich nur allzu gut daran erinnerte. Bates hatte bei dem Angriff vier gute Männer verloren. 


»Ein Fehlschlag. So wie alles andere, womit sie es probiert haben. Ratten aus der Kanalisation. Rammen gegen die Türen. Leitern. Konzentriertes Dauerfeuer auf einen Bereich. Es ist alles nutzlos. Sie können nicht herein, und wir müssen nicht hinaus.« 


Bates leerte sein Weinglas. 


»Was ist mit einer Atomexplosion, Sir?«


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