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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Das letzte Werk, Stefan Läer
Stefan Läer

Das letzte Werk



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Der Gedanke an den Tod durchbrach die Idylle seines Seins. Die Symbolik, der er sich in diesen Momenten ausgesetzt fühlte, erschien einfach zu übermächtig, als dass er diesem Gedanken hätte widerstehen können: Alles Irdische war endlich. Das Tageslicht begann bereits so sehr zu schwinden, dass sich die Umrisse seiner Staffelei in nicht mehr als eine schwarze Silhouette vor dem dunkelnden Himmel verwandelten und die Leinwand leichenblass hervortrat. Aus den schwarzen Büschen ertönte nicht ein Vogellaut und auch Gesang und Harfenspiel, wie man sie auf den Höhen rund um Herchen je nach Laune des Windes an manchen Abenden hören konnte, drangen nicht bis an diesen abgelegenen Ort der Stille. Es lag schon eine Kühle in der Luft, die vom nahen Ende des Sommers kündete. Die schönen Tage in Herchen waren gezählt. Einige seiner Kollegen waren bereits abgereist und auch sein Aufenthalt in der Sommerfrische des Siegtals würde morgen endgültig der Vergangenheit angehören, wenn er heimkehren musste in seine Heimatstadt. Für den letzten Abend hatte er sich etwas ganz Besonderes vorgenommen. Schon große Künstler vor ihm hatten einen Mondaufgang gemalt, aber gewiss noch niemand an diesem ganz und gar einzigartigen Ort. Schon vor Tagen hatte er sich diesen Felsvorsprung über der Sieg ausgeguckt, von dem aus sich der herrlichste Blick über das Tal bis hin zu den gegenüberliegenden Bergkämmen bot, den er sich vorstellen konnte. Wenn der über die Kämme erhobene Blutmond sich im silbernen Wasser des Flusses spiegelte, war ihm sein Meisterwerk sicher. Ein Mondaufgang am Meer konnte nicht anmutsvoller sein. Sogar gegenüber dem großen Vater Rhein hatte der Siegfluss den Vorteil seiner engeren, wilderen Natur, die die Berge näher zusammenrücken ließ und dem Tal ein Gefühl beinah paradiesischer Geborgenheit verlieh. Nein, an diesem Abend wollte er nicht unten mit den anderen sein, sondern still für sich, umkränzt von dem edelsten aller Gedanken, dem sich ein irdisches Wesen wie der Mensch imstande war hinzugeben: der Freude über die Einheit der Natur.


 


Doch dieser schöne Gedanke hatte nicht lange gewährt. Mit dem Gefühl der Sehnsucht allein hatte er rechnen müssen, damit konnte er leben. Aber nachdem sich auch Schwermut und Traurigkeit eingeschlichen hatten, überfiel ihn nun ein Gedanke, den er am liebsten mit einigen Gläsern Wein in der Geselligkeit der Gaststube hinweggespült hätte. Waren Geschöpfe nicht wie Marionetten, die dem Spiel der Natur machtlos ausgeliefert waren? Der Tod bedrohte den Menschen überall, auch auf dem besten aller Erdflecken. Der Tod hatte ohne Zweifel etwas Einschneidendes, Unbarmherziges, das den Menschen von dieser Welt und den irdischen Verbindungen zu seinen Liebsten abschnitt. Aber musste das Leben nicht endlich sein, um den Menschen zu erlösen, nachdem sein Sommer, nachdem sein Tag vorüber war? Musste es nicht einen Schäfer geben, der schlussendlich seine Schäfchen nach Hause rief? Vor dem Tod selbst musste einem Menschenwesen nicht bange sein, einzig vor dem Weg dorthin. Er dachte an Menschen, die ihr Leben lang in Kerkern eingebuchtet waren, an verschiedenste Folter- und Hinrichtungsmethoden, mit denen der Mensch die Möglichkeit hatte, sein Dasein als eine grausame Qual zu spüren. In solchen Fällen kam es einem Segen gleich, wenn der Henker seine Arbeit vollzogen und die Pein ihr Ende gefunden hatte. Nein, diese Menschen konnten unmöglich Augen haben für die Schönheit dieser Schöpfung. Doch er, er wollte nicht sterben, solange er die Schönheit dieser Welt genießen konnte. Das konnte er, solange er ein freier Mann war. Er hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Er hoffte auf ein Zeichen, einen Hoffnungsschimmer am Horizont, der den Mondaufgang ankündigen würde. Sobald die ersten Strahlen des Mondes über den Horizont schienen, würde er die Laterne entzünden, um sich ein wenig Licht für sein Meisterwerk zu verschaffen. Das Licht würde seine gewiss unbegründeten trüben Gedanken vertreiben und ihm seine Fassung zurückbringen.


 


Doch es war zunächst ein Geräusch, das ihn seinen Gedanken entriss. Hinter ihm hatte etwas in den Büschen geraschelt. Erschreckt fuhr er herum, konnte jedoch im Zwielicht nichts erkennen. ‚Ich bin die Geräusche des Waldes als Stadtmensch noch immer nicht gewohnt‘, schalt er sich. Eigentlich hatte die ungewöhnliche Stille zuvor etwas Beunruhigendes gehabt. Schließlich war es doch sogar sehr wahrscheinlich, dass irgendwo ein Vogel oder eine Maus durch das Geäst huschte. Dennoch konnte er sich nicht helfen, dass ihn alles beunruhigte, was er nicht sehen konnte. Was, wenn doch keine Maus, sondern ein wildes Tier hinter ihm stand? Es hieß zwar, dass Wölfe und Bären vor Jahren schon vertrieben worden waren, doch selbst ein Wildschwein konnte einem Menschen gefährlich werden. Was, wenn sich eine Natter langsam zu ihm schlängelte? Hinzu kam, dass niemand wusste, wo genau er sich befand, und er verfluchte sich, diesen abgelegenen Ort ausgewählt zu haben.


Es raschelte wieder. Nervös huschten seine Augen zwischen dem weiten Blick über das Tal und dem nahen Gebüsch hinter seinem Rücken hin und her. Ich muss die Laterne endlich entzünden, schoss es ihm durch den Kopf, das Licht vertreibt das Tier mit Gewissheit. Doch dazu kam es nicht mehr. Aus dem Augenwinkel erkannte er eine Person hinter sich, die ihm im nächsten Moment an die Kehle griff.


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