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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Das Einstein Enigma, J.R. Dos Santos
J.R. Dos Santos

Das Einstein Enigma



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Prolog:


Der Mann mit der dunklen Brille riss das Streichholz an und hielt die bläuliche Flamme an seine Zigarette. Er tat einen tiefen Zug, und langsam stieg eine Wolke grauen, unwirklichen Rauchs vor seinem Gesicht auf. Dann ließ er seinen Blick über die Straße gleiten. Die Sonne schien, in den gepflegten Gärten standen anmutige Holzhäuser, die Blätter rauschten im leichten Morgenwind. Die milde Luft war erfüllt vom frischen Duft der Glyzinien, vom Konzert der Kolibris und der emsig zirpenden Grillen. Ein Kind hüpfte, sorglos lachend und einen bunten Drachen hinter sich herziehend, den Gehweg entlang. Frühling in Princeton. Ein Geräusch in der Ferne zog die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich. Von rechts tauchten drei Polizeimotorräder auf, die eine Wagenkolonne anführten. Der Motorenlärm schwoll rasch an und wurde schier unerträglich. Der Mann nahm die Zigarette aus dem Mund und drückte sie auf der Fensterbank aus.


„Sie kommen“, sagte er mit einem Blick über die Schulter. „Soll ich mit der Aufnahme beginnen?“, fragte der andere, mit dem Finger am Knopf des Tonbandgeräts.


„Ja, besser ist es.“


Die Wagenkolonne hielt direkt gegenüber, vor einem zweistöckigen, weißen Wohnhaus mit einer griechisch anmutenden überdachten Veranda. Polizisten in Uniform und in Zivil übernahmen die Kontrolle über das Gelände, und ein untersetzter Mann, offensichtlich ein Bodyguard, öffnete die Tür eines schwarzen Cadillacs. Ein Mann mit weißem, über die Ohren reichenden Seitenhaar und Kopfglatze stieg aus und ordnete seinen dunklen Anzug.


„Ich kann Ben Gurion schon sehen“, sagte der Beobachter mit der dunklen Brille.


„Und was ist mit unserem Freund? Ist er schon da?“, fragte der andere, frustriert, weil er nicht auch zum Fenster gehen und die Szene beobachten konnte. Sein Kollege blickte zum Haus. In der Tür erschien eine leicht gebeugte Gestalt mit weißen, zurückgekämmten Haaren und vollem grauen Schnurrbart, die lächelnd die Treppe hinunterging.


„Ja, er ist da.“


Kurz darauf konnten die beiden Beobachter über die Lautsprecher verfolgen, was draußen vor sich ging.


„Schalom, Herr Premierminister.“


„Schalom, Professor.“


„Seien Sie willkommen in meinem bescheidenen Haus. Es ist mir ein Vergnügen, den berühmten David Ben Gurion zu begrüßen.“


Der Premierminister lachte.


„Sie scherzen wohl, das Vergnügen ist ganz meinerseits. Man ist nicht alle Tage bei Albert Einstein zu Gast, nicht wahr?“


Der Mann mit der dunklen Brille blickte zu seinem Gefährten.


„Nimmst du auch auf?“


Der andere vergewisserte sich, dass die Anzeigenadeln der Geräte korrekt ausschlugen.


„Ja, mach dir keine Sorgen.“


Draußen posierten Einstein und Ben Gurion für die Reporter. Dann bedeutete Einstein seinem Gast, dass sie bei dem herrlichen Wetter draußen bleiben könnten und zeigte auf eine Gruppe Holzstühle auf dem feuchten Rasen. Die Fotografen und Kameramänner hielten den Moment fest, als Ben Gurion und Einstein dort Platz nahmen. Nach ein paar Minuten verscheuchte ein Leibwächter die Pressevertreter mit ausgebreiteten Armen und sorgte dafür, dass die beiden Männer sich ungestört unterhalten konnten. Im Haus zeichnete das Tonbandgerät ihre Stimmen nach wie vor auf.


„Sind Sie mit dem Verlauf Ihrer Reise zufrieden, Herr Premierminister?“


„Ja, Gott sei Dank habe ich einige Unterstützung und zahlreiche Spenden gewinnen können. Im Anschluss werde ich nach Philadelphia reisen, wo ich weiteres Geld zu erhalten hoffe. Aber genug ist es ja nie, nicht wahr? Unsere junge Nation ist von Feinden umzingelt und braucht alle Hilfe, die sie nur bekommen kann.“


„Israel ist erst drei Jahre alt, Herr Premierminister. Da ist es ganz natürlich, dass es Schwierigkeiten gibt.“


„Aber um sie zu überwinden, brauchen wir Geld, Professor. Guter Wille alleine genügt nicht.“


Drei Männer in dunklen Anzügen stürmten durch die Tür des gegenüberliegenden Hauses. Beidhändig richteten sie ihre Pistolen auf die zwei Verdächtigen, die das Gespräch belauschten.


„Keine Bewegung!“, brüllte einer der Bewaffneten. „FBI! Nehmen Sie die Hände hoch, aber schön langsam!“


Der Mann mit der Sonnenbrille und sein Kollege am Tonbandgerät hoben zwar die Hände, wirkten aber keineswegs beunruhigt. Die Waffen im Anschlag traten die FBI-Leute näher.


„Auf den Boden legen!“


„Das ist nicht nötig“, erwiderte der Mann mit der Sonnenbrille seelenruhig.


„Ich habe gesagt, auf den Boden legen!“, brüllte der FBI-Agent. „Nochmal wiederhole ich es nicht.“


„Immer mit der Ruhe, Jungs“, sagte der Mann mit der Sonnenbrille. „Wir sind von der CIA.“


Der FBI-Agent runzelte die Stirn.


„Können Sie das beweisen?“


„Ja, wenn Sie mich meinen Ausweis aus der Tasche holen lassen.“


„Dann los, aber langsam. Keine abrupten Bewegungen.“


Langsam griff der Mann mit der Sonnenbrille in seine Jackentasche und zog eine Karte heraus, die er dem FBI-Mann hinhielt. Die Karte mit dem runden Siegel der Central Intelligence Agency wies ihn als Geheimdienstagenten Frank Bellamy aus. Widerstrebend gab der FBI-Mann seinen Kollegen ein Zeichen, die Waffen zu senken und blickte sich prüfend im Raum um.


„Was hat die CIA hier zu suchen?“


„Das geht euch nichts an.“


Der FBI-Agent sah zu den Tonbandgeräten.


„Ihr nehmt das Gespräch auf?“


„Wie gesagt, das geht euch nichts an.“


„Dem Gesetz nach dürft ihr keine amerikanischen Staatsbürger ausspionieren, das wisst ihr doch wohl.“


„Der israelische Premierminister ist aber kein amerikanischer Staatsbürger.“


Der FBI-Mann überdachte die Antwort. Der Agent von der Konkurrenz hatte de facto ein gutes Argument.


„Wir bemühen uns seit Jahren darum, unseren Freund dort drüben abzuhören“, sagte er und sah aus dem Fenster zu Einstein hinüber. „Uns ist zu Ohren gekommen, dass er und seine zickige Sekretärin den Sowjets geheime Informationen zukommen lassen. Aber Hoover lässt uns keine Wanzen bei ihm installieren, aus Angst vor dem, was passieren könnte, falls der Bursche dahinterkommt.“ Er kratzte sich am Kopf. „Offensichtlich habt ihr dieses Problem umgehen können.“


Bellamy verzog seine schmalen Lippen zu einem Anflug von Lächeln.


„Pech für euch, dass ihr vom FBI seid.“ Er deutete mit einer Kopfbewegung zur Tür. „Und jetzt los, verschwindet. Lasst die Großen arbeiten.“


Der FBI-Mann machte ein abschätziges Gesicht.


„Immer noch die gleichen Arschlöcher, was?“, brummte er, ehe er sich zur Tür wandte. Dann winkte er seinen Begleitern. „Kommt, Jungs, wir gehen.“


Sobald die FBI-Leute das Haus verlassen hatten, trat Bellamy wieder zum Fenster und beobachtete die beiden Juden, die sich nach wie vor im Garten des gegenüberliegenden Hauses unterhielten.


„Bob, nimmst du immer noch auf?“


„Ja“, sagte der andere. „Das Gespräch ist gerade in eine entscheidende Phase getreten. Ich stelle lauter.“


Bob betätigte den Lautstärkeregler, und im Raum ertönten abermals die Stimmen Einsteins und Ben Gurions.


„… Verteidigung Israels“, beendete Ben Gurion gerade einen Satz.


„Ich weiß nicht, ob ich das machen kann“, erwiderte Einstein.


„Können Sie nicht oder wollen Sie nicht, Professor?“


Es entstand eine kurze Pause.


„Ich bin, wie Sie wissen, Pazifist“, nahm Einstein den Faden wieder auf.


„Ich finde, es gibt schon genug Unglück auf der Welt, und wir spielen hier mit dem Feuer. Dies ist eine Macht, vor der wir Respekt haben müssen, und ich weiß nicht, ob wir reif genug dafür sind, mit ihr umzugehen.“


„Und dennoch waren Sie es, der Roosevelt davon überzeugt hat, die Bombe zu entwickeln.“


„Das war etwas anderes.“


„In welcher Hinsicht?“


„Die Bombe sollte dazu dienen, Hitler zu bekämpfen. Aber wissen Sie, ich habe es schon bereut, den Präsidenten zu ihrem Bau überredet zu haben.“


„Ach ja? Und was, wenn die Nazis sie zuerst gebaut hätten? Was wäre dann passiert?“


„Sicher“, pflichtete Einstein ihm bei. „Das wäre eine Katastrophe gewesen. So schwer es mir fällt, das zu sagen, aber womöglich war der Bau der Bombe tatsächlich ein notwendiges Übel.“


„Dann geben Sie mir also Recht.“


„Tue ich das?“


„Ja, natürlich. Und worum ich Sie bitte, könnte erneut ein notwendiges Übel sein, um das Überleben unserer jungen Nation zu gewährleisten. Was ich damit sagen will: Sie haben Ihren Pazifismus bereits im Zweiten Weltkrieg hintangestellt und es erneut getan, um bei der Geburt Israels behilflich zu sein. Ich muss wissen, ob Sie es wieder tun werden.“


„Ich weiß nicht.“


Ben Gurion seufzte.


„Professor, unsere junge Nation ist in Todesgefahr. Sie wissen ebenso gut wie ich, dass Israel von Feinden umzingelt ist und etwas braucht, das diese Feinde abschreckt und zum Rückzug zwingt. Andernfalls wird das Land noch in den Kinderschuhen verschluckt werden. Deswegen bitte ich Sie und flehe Sie an, stellen Sie Ihren Pazifismus ein weiteres Mal hintan und helfen Sie uns in dieser schweren Stunde.“


„Das ist nicht das einzige Problem, Herr Premierminister.“


„Sondern?“


„Das Problem ist, dass ich zurzeit sehr beschäftigt bin. Ich bin dabei, eine einheitliche Feldtheorie zu entwickeln, die Gravitation und Elektromagnetismus einbezieht. Es ist eine sehr wichtige Arbeit, vielleicht die wichtigste …“


„Kommen Sie, Professor“, unterbrach ihn Ben Gurion. „Ich bin mir sicher, Sie erkennen, dass das, was ich Ihnen sage, Vorrang hat.“


„Zweifellos“, räumte der Wissenschaftler ein. „Bleibt die Frage, ob das, worum Sie mich bitten, auch umgesetzt werden kann.“


„Und, kann es das?“


Einstein zögerte.


„Vielleicht“, sagte er schließlich. „Ich weiß nicht, ich muss die Sache prüfen.“


„Tun Sie das, Professor. Tun Sie es für uns, tun Sie es für Israel.“


Frank Bellamy machte sich rasch ein paar Notizen und warf dann einen Blick auf die Anzeige. Die roten Nadeln bewegten sich im Rhythmus des Tons, es wurde also jedes Wort aufgezeichnet. Bob verfolgte das Gesagte und schüttelte dann den Kopf.


„Ich glaube, das Wesentliche haben wir“, brummte er. „Soll ich die Aufnahme beenden?“


„Nein“, sagte Bellamy. „Mach weiter.“


„Aber sie haben inzwischen das Thema gewechselt.“


„Das macht nichts. Vielleicht kommen sie ja nochmal darauf zurück. Nimm weiter auf.“


„… mehrmals, ich habe nicht die herkömmliche Vorstellung von Gott, aber es fällt mir schwer zu glauben, dass es über die Materie hinaus nichts weiter geben soll“, sagte Ben Gurion. „Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich mache.“


„Doch, vollkommen.“


„Sehen Sie“, fuhr der Premierminister fort. „Das Gehirn besteht aus Materie, genau wie der Tisch. Aber der Tisch kann nicht denken. Das Gehirn ist Teil eines lebendigen Organismus, so wie meine Nägel, nur dass meine Nägel nicht denken können. Und wenn mein Gehirn vom Körper getrennt wird, kann es ebenfalls nicht denken. Die Gesamtheit aus Körper und Kopf macht es möglich, dass man denkt, was mich zu der Annahme führt, dass das Universum als Ganzes möglicherweise ein denkender Körper ist. Meinen Sie nicht?“


„Möglich ist es.“


„Ich habe immer gehört, Sie seien Atheist, Professor, aber glauben Sie nicht…“


„Nein, ich bin kein Atheist.“


„Nicht? Dann sind Sie also ein religiöser Mensch?“ „Ja, das kann man so sagen.“


„Aber ich habe irgendwo gelesen, Sie seien der Meinung, dass die Bibel irrt …“


Einstein lachte.


„Und das tue ich auch.“


„Aber das bedeutet doch, dass Sie nicht an Gott glauben.“


„Das bedeutet, dass ich nicht an den Gott der Bibel glaube.“ „Worin besteht der Unterschied?“


Ein Seufzen war zu hören.


„Wissen Sie, als Kind war ich sehr religiös. Aber mit zwölf Jahren habe ich angefangen, diese populärwissenschaftlichen Bücher zu lesen, ich weiß nicht, ob Sie sie kennen …“


„Doch, doch.“


„… und bin zu dem Schluss gelangt, dass die meisten Geschichten in der Bibel nicht mehr sind als Mythen. Praktisch von einem Tag auf den anderen habe ich aufgehört zu glauben. Ich habe lange darüber nachgedacht und begriffen, dass die Vorstellung von einem Gott in Menschengestalt ein wenig naiv, geradezu kindlich, ist.“ „Warum?“


„Weil es eine anthropomorphe Vorstellung ist, erschaffen von der Fantasie des Menschen in dem Versuch, damit auf sein Schicksal einzuwirken und in schweren Stunden Trost zu finden. Da wir die Natur nicht beeinflussen können, haben wir diese Vorstellung von einem gütigen, väterlichen Gott geschaffen, der alles lenkt und der uns hört und leitet. Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke, meinen Sie nicht? Wir geben uns der Illusion hin, dass wir ihn mit vielen Gebeten dazu bewegen können, die Natur zu kontrollieren und unsere Wünsche zu erfüllen. Und wenn wir nicht verstehen, warum ein so gütiger Gott es zulässt, dass die Dinge schlecht laufen, vermuten wir dahinter irgendeine mysteriöse Absicht und fühlen uns ein wenig getröstet. Das ergibt doch keinen Sinn, oder?“


„Glauben Sie denn nicht, dass Gott sich um uns sorgt?“


„Sie müssen bedenken, Herr Premierminister, dass wir eine von Millionen Spezies sind, die den dritten Planeten eines peripheren Sterns einer mittelgroßen Galaxie mit mehreren Milliarden Sternen bewohnen, und dass diese Galaxie selbst nur eine von mehreren Milliarden Galaxien ist, die es im Universum gibt. Wie soll ich da bitteschön an einen Gott glauben, der sich die Arbeit macht, sich in der Unendlichkeit dieser unvorstellbaren Dimensionen um jeden Einzelnen von uns zu kümmern?“


„Nun, in der Bibel steht, dass Gott gut und allmächtig ist. Und wenn er allmächtig ist, dann ist er zu allem in der Lage, auch dazu, sich um das Universum und um jeden Einzelnen von uns zu kümmern.“


Einstein schlug sich mit der linken Hand aufs Knie.


„Gut und allmächtig soll er sein? Das ist doch absurd. Wenn er das tatsächlich wäre, so wie die Bibel behauptet, aus welchem Grund erlaubt er dann die Existenz des Bösen? Aus welchem Grund hat er zum Beispiel den Holocaust zugelassen? Wenn man es recht betrachtet, sind das doch zwei widersprüchliche Gedanken, oder nicht? Wenn Gott gut ist, kann er nicht allmächtig sein, da er nicht imstande ist, dem Bösen ein Ende zu setzen. Und wenn er allmächtig ist, dann kann er nicht gut sein, da er das Böse zulässt. Ein Denkmodell schließt das andere aus. Welches ist Ihnen lieber?“


„Nun, vielleicht das, demzufolge Gott gütig ist.“


„Aber ist Ihnen schon mal aufgefallen, mit wie vielen Problemen dieser Gedanke verbunden ist? Wenn Sie die Bibel aufmerksam lesen, werden Sie feststellen, dass sie nicht das Bild eines gütigen Gottes vermittelt, sondern eher das eines eifersüchtigen Gottes, der blinde Gefolgschaft verlangt und Furcht einflößt; eines Gottes, der straft und opfert und der imstande ist, Abraham zu befehlen, seinen Sohn zu töten, nur um die Gewissheit zu haben, dass er ihm treu ergeben ist. Wozu dient eine so grausame Prüfung, wenn er gütig ist? Er kann es also gar nicht sein.“


Ben Gurion lachte auf.


„Jetzt haben Sie mich erwischt, Professor“, gab er zu. „Also gut, Gott ist nicht unbedingt gütig. Aber wenn er der Schöpfer des Universums ist, dann ist er doch zumindest allmächtig, nicht wahr?“


„Tatsächlich? Wenn er das wäre, warum straft er dann seine Geschöpfe, wo doch alles von ihm erschaffen wurde? Straft er sie dann nicht für Dinge, für die allein er die Verantwortung trägt? Richtet er nicht über sich selbst, wenn er über sie richtet? Um ehrlich zu sein, kann meiner Meinung nach nur seine Nichtexistenz ihn entschuldigen.“ Er legte eine Pause ein. „Bei genauer Betrachtung kann es diese Allmacht übrigens gar nicht geben, auch dieser Gedanke steckt voller unlösbarer logischer Widersprüche.“


„Inwiefern?“


„Die Unmöglichkeit der Omnipotenz lässt sich leicht anhand des folgenden Paradoxons erklären: Wenn Gott allmächtig wäre, könnte er einen Stein erschaffen, der so schwer wäre, dass nicht einmal er selbst ihn heben könnte.“ Einstein hob die Augenbrauen. „Verstehen Sie? Wenn Gott den Stein nicht heben kann, ist er nicht allmächtig. Kann er ihn doch heben, ist er ebenfalls nicht allmächtig, weil er nicht imstande war, einen Stein zu erschaffen, den er nicht heben kann.“ Er grinste. „Die Schlussfolgerung lautet, es gibt keinen allmächtigen Gott, das ist eine Fantasievorstellung des Menschen, der Trost und zudem eine Erklärung für das sucht, was er nicht versteht.“


„Dann glauben Sie also nicht an Gott.“ „Nein, an den Gott in Menschengestalt aus der Bibel glaube ich nicht.“


„Meinen Sie denn, dass es nichts über die Materie hinaus gibt?“


„Doch, natürlich. Es muss etwas über die Energie und die Materie hinaus geben.“


„Was denn nun, Professor, glauben Sie oder glauben Sie nicht.“


„An den Gott der Bibel glaube ich nicht, das habe ich Ihnen ja bereits gesagt.“ „Woran glauben Sie dann?“


„Ich glaube an den Gott von Spinoza, der sich in der harmonischen Ordnung dessen offenbart, was ist. Ich bewundere die Schönheit und die einfache Logik des Universums, ich glaube an einen Gott, der sich im Universum offenbart, an einen Gott, der …“


Frank Bellamy rollte genervt die Augen und schüttelte den Kopf.


„Himmel aber auch!“, brummte er. „Was reden die denn da?“


Vor den Tonbandgeräten rutschte Bob auf seinem Stuhl hin und her.


„Sieh es doch mal positiv, Frank“, sagte er. „Wir hören hier gerade mit an, was das größte Genie in der Geschichte der Menschheit über Gott denkt. Was meinst du, wie viele Leute dafür bezahlen würden, an unserer Stelle zu sein?“


„Das ist hier keine Showveranstaltung, Bob. Es geht um die nationale Sicherheit, wir müssen noch mehr über das erfahren, was Ben Gurion von ihm will. Wenn Israel die Atombombe hat, was glaubst du, wie lange es dauert, bis alle anderen sie auch haben?“


„Du hast völlig Recht, entschuldige.“


„Es ist zwingend notwendig, weitere Einzelheiten zu erfahren.“


„Natürlich. Hören wir lieber wieder zu.“


„… von Spinoza.“


Es entstand eine lange Pause, bis Ben Gurion wieder sprach.


„Halten Sie es für möglich, die Existenz Gottes zu beweisen, Professor?“


„Nein, Herr Premierminister, das halte ich nicht für möglich. Die Existenz Gottes lässt sich nicht beweisen, ebenso wenig wie seine Nichtexistenz. Wir können lediglich das Geheimnis spüren und den großartigen Plan bewundern, der sich im Universum ausdrückt.“


Es entstand abermals eine Pause.


„Aber warum wollen Sie nicht zumindest versuchen, den Beweis für die Existenz oder Nichtexistenz Gottes zu führen?“


„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, ich glaube nicht, dass das möglich ist.“


„Und wenn es doch möglich wäre, welches wäre der Weg?“


Stille. Nun zögerte Einstein mit einer Antwort. Er wandte den Kopf und betrachtete das dichte Grün entlang der Mercer Street. Aus seinem Blick sprachen zugleich die Weisheit und die Jungenhaftigkeit eines Menschen, der über alle Zeit der Welt verfügt und der noch nicht die Fähigkeit verloren hat, das Wunder des üppig blühenden Frühlings zu bestaunen. Er atmete tief ein.


„Raffiniert ist der Herrgott, aber boshaft ist er nicht“, sagte er schließlich auf Deutsch.


Ben Gurion machte ein neugieriges Gesicht.


„Was wollen Sie damit sagen?“, fragte er ebenfalls auf Deutsch.


„Die Natur verbirgt ihr Geheimnis durch die Erhabenheit ihres Wesens, aber nicht durch List.“


Frank Bellamy schlug mit der Faust auf die Fensterbank.


„Verdammt!“, rief er aus. „Jetzt reden sie auch noch Deutsch.“


„Was sagen sie denn?“, fragte Bob.


„Was weiß ich, sehe ich vielleicht aus wie ein Kraut?“


Bob schien verwirrt.


„Was soll ich jetzt machen? Weiter aufnehmen?“


„Selbstverständlich. Wir nehmen das Band mit ins Büro und lassen es übersetzen.“ Er verzog verächtlich das Gesicht. „Bei all den Nazis, die wir jetzt da haben, dürfte das ja wohl nicht so schwierig sein.“


Der Agent drückte seine Nase gegen die Fensterscheibe, die von seinem Atem beschlug, und blickte zu den beiden Alten hinüber, die sich im Garten des Hauses Nummer 112 Mercer Street unterhielten und aussahen wie Brüder.


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