Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Krimi Thriller > Blutsbande
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Blutsbande, Dania Dicken
Dania Dicken

Blutsbande


Profiler-Reihe 7

Bewertung:
(256)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
1292
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Drucken Empfehlen

Es gibt Dinge, die bleiben.


Fähigkeiten wie Schwimmen oder Fahrradfahren. Einmal erlernt, bleiben sie.


Aber auch Narben bleiben. Narben am Körper, auf der Haut. Und dasselbe gilt für Narben auf der Seele. Auch die bleiben.


Der Tag, an dem Andreas bisheriges Leben endete, war einer der ersten sonnigen Frühlingstage gewesen. Ein Tag, an dem sie die Kraft hatte, einem Mädchen zu helfen, dem man nicht nur die Kindheit, sondern das Recht auf ein eigenes Leben geraubt hatte. Jahrelang hatte sie die Kraft und den Mut besessen, dem Schrecken zu begegnen, den die menschliche Psyche hervorbringen konnte. So wie bei dem Mädchen, das noch als Kind von Männern als Sklavin gehalten worden war und in das tiefste, dunkelste Loch geblickt hatte, das man sich denken konnte. Nicht einmal das hatte sie abgeschreckt, obwohl sie diesem Schicksal selbst nur knapp entronnen war.


Doch seit Andrea Katies Entführern selbst begegnet war, hatte sie keine Kraft mehr, um in die Abgründe der menschlichen Seele zu blicken. Dieses eine Mal hatte sie kein Glück gehabt. Sie hatte ihren schlimmsten Alptraum durchlebt und obwohl sie aufgewacht war, war er nicht vergessen. Es hatte ihn gegeben. Er war real.


Das wußte sie auch anderthalb Jahre später noch. Denn sie spürte es an jedem Tag, an dem sie ihre Arbeit an der Universität verrichtete. Dort sprach sie über das Profiling, ohne es selbst noch durchzuführen. Es war nur noch Theorie. Passivität. Mit jedem Tag, den sie dort in ihrem Büro verbrachte, sehnte sie sich nach ihrem alten. Sehnte sich nach dem Beruf, der ihr alles bedeutet hatte. Aber sie hatte sich zu schwach gefühlt, um ihn noch auszuüben. Zu versehrt.


Sie zog die Schultern hoch und richtete ihre Gedanken wieder auf Julie, zumindest für einen Moment. Die kleine Hand fest um den Bleistift geschlossen, saß sie vornübergebeugt über ihrem Heft und grübelte über ihrer Rechenaufgabe. Sie hatte sich sehr verändert in der Zeit, in der sie zum Schulkind herangewachsen war. Inzwischen hatte sie keine kleinen krausen Locken mehr, sondern sanftere, weichere Locken - vermutlich weil ihr Haar inzwischen mehr als schulterlang war. Sie mochte es so. Für ihr Alter war sie verhältnismäßig klein und hatte den Babyspeck verloren, so daß sie inzwischen eher drahtig wirkte. Andreas aufgeweckte, hübsche Tochter. Sie war sehr stolz auf Julie.


Gregory hatte verstanden, daß Andrea keine weiteren Kinder mehr wollte. Sie fürchtete, dem nicht gerecht zu werden. Sie brauchte doch ihren Beruf, der sie daran erinnerte, daß sie manches sehr gut konnte.


Daneben hatte Julie all ihre Liebe. Wie sollte Andrea ihr noch gerecht werden, wenn sie diese Liebe mit einem weiteren Kind teilen mußte? Greg hatte ihr daran zwar klargemacht, daß sie zu sehr auf ihre Tochter fixiert war, aber das konnte und wollte Andrea nicht ändern. Noch nicht. Sie verlor Julie noch früh genug an die Welt - und würde fürchten müssen, daß sie das häßliche Gesicht dieser Welt kennenlernte, das Andrea bereits begegnet war. Vor sieben Jahren zum ersten Mal.


Aber vor sieben Jahren war ihr auch Gregory begegnet. Der Mensch, bei dem sie sich am sichersten und wohlsten fühlte. Er sah ihr alles nach, unterstützte sie, hatte meistens Verständnis und zeigte ihr immer seine Liebe. All das war ihm hoch anzurechnen, denn sie wußte, es war oft auch schwierig, mit ihr zusammen zu sein.


Besonders seit diesem einen Tag.


Andrea wußte nicht, was sie ohne Greg getan hätte. In ihr war das starke Gefühl, ohne ihn nicht leben zu können und vielleicht stimmte das sogar. Dieses Gefühl war so intensiv, daß er nicht befürchten mußte, ihre Liebe zu ihm hätte gelitten, seit sie ein Kind hatten. Ihre Liebe für Julie hatte die für Gregory nicht verdrängt. Nichts auf der Welt war Andrea so wichtig wie die beiden. Sie entschädigten sie.


Für vieles. Aber nicht für alles.


Mit einer Frage riß Julie sie aus ihren Gedanken. Während Andrea versuchte, sie ihr zu beantworten, dachte sie daran, wie stark Julies Akzent inzwischen war, wenn sie Deutsch sprach. Das war anders als bei ihrem Vater. Andrea genehmigte sich einen kurzen Blick auf die Uhr, um zu sehen, wann er nach Hause kam. Er fehlte ihr in jedem Augenblick, in dem sie getrennt waren. Seine Ruhe, die immer auf sie abfärbte; die Art und Weise, in der er sowohl Julie als auch ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Bei ihm fühlte man sich angenommen.


„Ich habe keine Lust mehr“, postulierte Julie knatschig und verzog die Lippen. „Kann ich nicht erst etwas spielen?“


„Wieviel hast du denn noch?“ fragte Andrea.


„Das da.“ Sie zeigte auf einen kleinen Aufgabenblock.


„Und für Englisch?“


„Ein Blatt.“


Noch rang Andrea mit sich. „Wenn wir uns darauf einigen können, daß alles bis zum Abendessen fertig ist, kannst du jetzt auch noch ein bißchen spielen.“


Julie strahlte und drückte ihrer Mutter einen Kuß auf die Wange. Lächelnd schaute Andrea ihr nach, als sie in den Garten lief. Draußen war so schönes Wetter, daß sie Julies Wunsch verstehen konnte, nicht den ganzen Nachmittag drinnen mit den Hausaufgaben zu verbringen. Sie hatten einen verregneten Sommer gehabt, aber dafür war der Herbst golden. So golden wie vor sieben Jahren, als sich alles für sie entscheidend verändert hatte.


Sie schob den Gedanken beiseite und ging in den Flur, um von der Kommode die Akte zu holen, die sie zuvor dort hingelegt hatte. Ein Detective Inspector aus Devon hatte ihr Kopien der Akte eines Mordfalls geschickt, an dem er gerade zu verzweifeln drohte. Auch wenn Andrea es offiziell nie zugegeben hätte, half sie immer noch manchmal mit einem Kurzprofil bei Ermittlungen, die ins Stocken geraten waren. Joshua leitete die Akten aus London an sie weiter, ohne je ein Wort darüber zu verlieren. Anfangs hatte Andrea geglaubt, er tat es, um sie für sein Team zurückzugewinnen. Aber dann war ihr klargeworden, daß er es ihr zum Gefallen tat.


Sie setzte sich mit der Akte aufs Sofa und schlug sie auf. Sexualmord an einer jungen Friseurin. Man hatte DNA-Spuren gefunden, wußte aber nicht, wie man zu einer sinnvollen Eingrenzung für einen Massengentest gelangen sollte. Der Freund des Opfers hatte freiwillig eine Speichelprobe abgegeben und war bereits entlastet worden. Weitere Verdächtige gab es nicht.


Das war ein Punkt, den Andrea von vornherein in Zweifel zog. Bei den meisten Sexualverbrechen kannten sich Täter und Opfer. Das glaubte sie auch hier, denn die junge Frau war in ihrer Wohnung vergewaltigt und getötet worden. Einbruchsspuren gab es nicht, man hatte die Leiche zugedeckt gefunden. Andrea war sicher, daß die junge Frau ihren Mörder gekannt hatte. Vielleicht eine Internetbekanntschaft?


Sie schrieb all ihre Gedanken auf, um nur ja nichts zu vergessen. Schließlich war sie so vertieft, daß sie fast überhört hätte, wie die Haustür ins Schloß fiel. Die Schlüssel klimperten am Schlüsselbrett, Stoff raschelte. Augenblicke später erschien Gregory im Wohnzimmer.


„Hey“, sagte sie lächelnd und legte die Akte auf den Tisch. „Da bist du ja schon.“


„Ja, ich war pünktlich an der Reihe“, erwiderte er, kam zu ihr und küßte sie zur Begrüßung. Irritiert blickte sie zu ihm auf, doch dann fiel es ihr wieder ein. Er hatte einen Arzttermin gehabt, im Kalender war er eingetragen. Nur hatten sie nicht mehr darüber gesprochen.


„Und, was meint er?“ fragte sie.


„Dasselbe wie du. Zuviel Streß.“ Achselzuckend wandte Greg sich ab und ging in die Küche.


„Was schlägt er vor?“


„Das Übliche. Weniger arbeiten, Urlaub nehmen, Ausgleich, mehr Schlaf. Als ich ihm sagte, daß da eins der Probleme liegt, hat er mir etwas gegen die Schlafstörungen aufgeschrieben“, kam es aus der Küche zurück. Andrea hörte, wie der Kühlschrank geöffnet wurde.


„Daddy?“ kam es von der Terrasse. Julie steckte ihren Lockenschopf durch die Tür und fegte Richtung Küche, als sie erst einmal festgestellt hatte, daß Greg tatsächlich da war.


„Sweetie!“ sagte er. Obwohl Andrea es nicht sehen konnte, wußte sie, daß er Julie zur Begrüßung umarmte. Die beiden hatten ein bestimmtes Ritual.


„Come play with me!“ forderte Julie wie üblich auf Englisch.


„Maybe later. I‘m tired“, erwiderte Greg. Julie brummte enttäuscht und trottete mit Schmollmund zurück in den Garten. Andrea grinste. Gregory erschien mit einem Glas Saft in der Hand in der Tür und lehnte sich an den Türrahmen. Er sah tatsächlich erschöpft aus. Schon seit einigen Wochen wirkte er immer wieder abgeschlagen, saß abends ohne Energie auf dem Sofa und schlief beim Fernsehen ein, lag aber nachts immer wieder wach. Als Andrea ihn darauf angesprochen hatte, hatte er es mit dem Streß auf der Arbeit begründet. Es waren Stellen abgebaut, die Arbeit auf die verbliebenen Mitarbeiter verteilt und Umstrukturierungen vorgenommen worden. Da Gregory allerdings nichts mehr haßte als Überstunden, arbeitete er wie besessen, um pünktlich fertig zu werden.


Die Folgen gefielen Andrea nicht. Über Psychosomatik mußte er ihr nichts erklären, damit kannte sie sich aus leidvoller Erfahrung hervorragend aus. Schwierig war nur, daß er gern seine Probleme mit sich selbst ausmachte - und außerdem war er sowieso nie krank, so wie die meisten Männer. Sie hatte ihn ziemlich lang überreden müssen, bis er sich endlich einen Arzttermin hatte geben lassen. Die Blutabnahme war jedoch ohne Ergebnis geblieben.


„Aber sonst ist alles in Ordnung?“ fragte Andrea. Ihre Blicke begegneten sich.


„Alles gut“, sagte er knapp und nahm noch einen Schluck.


„Du mußt nicht den Helden spielen, das weißt du.“


„Ich spiele nicht den Helden. Ich muß kürzer treten, das ist alles. Ich werde auch nochmal hingehen, wenn es dich beruhigt.“


Unverwandt sah sie ihn an und lächelte. Irgendwie mochte sie doch seinen fürchterlichen Sturkopf. Dennoch blickte sie forschend in seine braunen Augen und überlegte, ob er ihr etwas verheimlichte. Zwar kannte sie Greg schon so lang und sie waren schon ewig verheiratet, aber wenn er ihr etwas nicht sagen wollte, dann sagte er es nicht. Er konnte besser schweigen als ein Grab und ihr war nicht dieselbe Fähigkeit gegeben, wie sein Bruder Jack sie besaß, ihm alles zu entlocken. Und das, obwohl Jack ihn immer fürchterlich ärgerte und in Gregs dunklen lockigen Haaren gern nach ersten Anzeichen für graue Haare suchte. Andrea jedenfalls fand, man sah Gregory seine inzwischen siebenunddreißig Jahre nicht an. Er sagte immer, Julie hielt ihn jung. Dabei tollte er in letzter Zeit auch nicht mehr so ausgelassen mit ihr herum.


Vielleicht hatten die letzten Jahre nur genauso ihre Spuren an ihm hinterlassen wie an Andrea. Die Begegnung mit Amy Harrow hatte ihn verändert, und ihre Begegnung mit den Entführern von Katie und Tracy Archer hatte nicht nur Auswirkungen auf sie, sondern auf ihre gesamte Beziehung gehabt.


„Ich freue mich auf Samstag“, sagte Gregory in die Stille hinein.


„Ja. Kaum zu fassen, daß Emma schon ein Jahr alt ist“, sagte Andrea. Emma war die Tochter von Jack und Rachel und hatte einige Tage vor ihrem Vater Geburtstag, so daß die Gelegenheit günstig war, beide Feste auf einmal zu feiern. Jacks Geburtstag war am Sonntag, so daß sie hineinfeiern konnten. Auch Christopher und Sarah waren eingeladen, denn inzwischen gehörten sie so gut wie zur Familie. Detective Sergeant Christopher McKenzie war nicht nur Andreas Kollege gewesen, vor allem war er ein Freund - genau wie Sarah, ihre Freundin aus Studienzeiten.


Gregory gesellte sich nach draußen zu Julie und schaffte es irgendwie, sie kurz darauf dazu zu bewegen, doch die Hausaufgaben mit ihm zuende zu bringen. Eigentlich ging Julie gern zur Schule. Sie mochte ihre Lehrerin und ihre Mitschüler. Was sie jedoch nicht mochte, waren Hausaufgaben.


„Zwei plus vier“, sagte Gregory und deutete auf etwas in Julies Mathebuch. „Was ist dann vier plus zwei?“


Verlegen sah Julie ihn an. Greg griff zu einem zusätzlichen Blatt und malte in verschiedenen Farben kleine Punkte darauf.


„Das ist das Gleiche“, sagte Julie schließlich. „Das ist genauso viel.“


„Richtig. Und wieviel ist es?“


Sie zählte die Punkte einzeln ab. „Sechs.“


„Richtig. Gut gemacht.“ Gregory strich ihr übers Haar und Julie strahlte. Sie ging jetzt seit ein paar Wochen zur Schule, war im Mai fünf geworden. In England wurden Kinder schon in diesem Alter eingeschult, was Andrea zuerst skeptisch betrachtet hatte, doch dann hatte sie festgestellt, daß Julie gut damit zurechtkam. Und dadurch, daß die Schule nicht schon am Mittag endete, hatte Andrea mehr Zeit, um auch einer Arbeit nachzugehen. Für sie hatte sich nie die Frage gestellt, daß sie sich hauptsächlich um die Kleine kümmerte. Sie brauchte das. Doch Greg brachte sich ebenfalls stark ein und sie wußte, er war traurig, daß sie es bei einem Kind belassen wollte, aber sie konnte doch nicht anders ...


Bis zum Abendessen war Julie mit ihren Hausaufgaben fertig. Andrea fand es spannend, dabei zuzusehen, wie sie Lesen und Schreiben auf Englisch lernte und wie Greg ihr ganz vorsichtig die deutsche Bedeutung der Buchstaben zeigte, so wie Anna es früher bei ihm und Jack auch getan hatte. Glücklicherweise hatte sie keinerlei Schwierigkeiten damit.


Weil Greg sich schließlich darum kümmerte, sie ins Bett zu bringen, konnte Andrea noch einen Blick in die Fallakte aus Devon werfen. Sie wertete die Hinweise aus, die sich aus dem Tatort und der Auffindesituation der Leiche ergeben hatten und machte den Detective Inspector auf einige Schlüsse aufmerksam, die in ihren Augen falsch waren. Außerdem formulierte sie einige Kriterien, nach denen die Polizei eine Eingrenzung für den Massengentest vornehmen konnte. Sie sollten jeden jungen Mann mit einbeziehen, von dem es Nachrichten auf dem Computer oder im Handy der Toten gab, ganz egal wie verdächtig jemand nun wirklich aussah.


Schließlich sah Andrea nach Julie, um ihr einen Gutenachtkuß zu geben. Als sie schließlich friedlich in ihrem Bett lag, gingen Gregory und Andrea wieder nach unten und schauten sich die Nachrichten an. Ein Abend wie jeder andere in den letzten anderthalb Jahren. Andrea wußte, daß Gregory froh war, weil sie nicht mehr im Profiler-Team arbeitete - und auch nicht als Polizeipsychologin. Daß sie sich seitdem wieder Fallakten anschaute, war auch eine rein freiwillige Sache, kein Muß. Das ließ sie wehmütig an ihren alten Job zurückdenken und ihn als etwas verklären, das er nicht war. Man tauchte ein in die Gedankenwelt von psychisch kranken Mördern, von Vergewaltigern, menschenverachtenden Verbrechern. Sie hatte von einem Vierzehnjährigen die blutigen Ohren entgegengenommen, die er einem Säugling abgeschnitten hatte. Sie hatte wiederholt mit der Frau gesprochen, die ihr Buchstaben in den Bauch geritzt hatte. Sie hatte sich einem Sexualsadisten gegenübergesehen, einem Entführer, Kinderschändern ...


 


Warum fehlte ihr das immer noch? 


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2021 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs