Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Krimi Thriller > Bangkok Oneway
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Bangkok Oneway, Andreas Tietjen
Andreas Tietjen

Bangkok Oneway



Bewertung:
(286)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
1702
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Überall im Buchhandel und online
Drucken Empfehlen

Eins


Die Abendsonne tauchte die weite Flussebene in goldgelbes Flimmerlicht. Die Tageshitze wich der umhüllenden Wärme der dunklen Hälfte des Tagesverlaufs. Geräusche und Gerüche nahmen an Intensität zu, Mensch und Tier bereiteten sich auf die erholsamen Nachtstunden vor, die kraftspendende Rast für alle tagaktiven Lebewesen.


Der kleine Thon, jüngster Sohn des armen Bauernpaares Aran und Sittichai aus dem Dorf Yang Than im Distrikt Krok Phra, machte sich, wie jeden Abend um diese Zeit, auf den Weg zum Flussufer. Er begleitete seinen Freund Tao zu seinem täglichen Bad im seichten Wasser der Sandbank, die sich in der Biegung des Chao Phraya Flusses gebildet hatte. Tao war ein Wasserbüffel. Er war nicht nur Thons Freund, sondern auch treuer Begleiter und eines der wichtigsten Mitglieder der Familie. Der zwölfjährige Junge war mit dem starken Arbeitstier aufgewachsen. So lange, bis er im Alter von fünf Jahren täglich zur Schule ging, hatte er die meiste Zeit des Tages in seiner Nähe verbracht. Die beiden ungleichen Freunde verstanden sich wortlos und einer konnte sich auf den anderen verlassen. Den kleinen Abhang der Uferböschung pflegte Tao im Laufschritt zu nehmen. Erstens freute er sich auf das erfrischende Wasser und zweitens zog ihn sein stattliches Gewicht voran. An diesem Tag jedoch stemmte sich Tao mit aller Kraft gegen den unter seinen Hufen rutschenden Sand. Unten am Ufer angekommen, suchte er nervös den Rückweg, der ihm jedoch von Thon abgeschnitten wurde. Der Junge war überrascht und verwundert über das Verhalten des Büffels.


   »Tao pai loei!«, rief er, »lauf schon, Tao!«


Doch das Tier reagierte ängstlich und unruhig, so als ob es eine Gefahr witterte.


   »Was ist los, mein Grauer?«, fragte der Junge. »Wovor hast du Angst? Da ist doch gar nichts!«


Suchend ließ er seinen Blick über den Fluss schweifen.


   »Siehst du? Gar nichts ist auf dem Wasser, nicht einmal eines dieser lärmenden Schnellboote.«


Tao drehte und wendete sich nervös, schließlich erklomm er die Uferböschung und lief fluchtartig in Richtung Zuhause.


   »Dieser Sturkopf, was hat er nur?«, schimpfte Thon und blickte dem Dickhäuter hinterher. Er warf noch einen prüfenden Blick über den Fluss, bevor er sich aufmachte, dem Büffel zu folgen. Er schüttelte den Kopf – doch da, was war das? Zwischen dem Treibholz, das am oberen Ende der Sandbank angeschwemmt worden war, tauchte ein heller Fleck auf und ab. Es war wie ein Zuwinken. Was immer es war, es war klein, aber es stach intensiv aus seiner Umgebung hervor. Der Junge fixierte es mit seinen Blicken und beobachtete es eine Weile. Er verfolgte sein periodisches Auf- und Abtauchen. Neugierig ging er hinunter zur Sandbank. Er durchwatete das seichte Wasser und stampfte durch den feuchten Sand. Je näher er dem unbekannten Etwas kam, desto weniger konnte er etwas mit den Konturen anfangen. War es ein Tongefäß? Eine Schachtel oder Dose? Nein, jetzt sah es aus wie ein Tier. Vielleicht ein Kanister? Thon erschrak. Einen Meter nur von ihm entfernt ragte ein Fuß aus dem lehmigen Wasser des großen Flusses. Durch die Wellen eines vorbeiziehenden Frachtschiffes aufgetrieben, folgte ein zweiter Fuß, dann die schwachen Konturen eines menschlichen Körpers. Auf und ab, da und wieder verborgen im dunklen Nass. Der Junge erschauderte. Er konnte sich kaum lösen von dem furchtbaren Anblick.


   »Paw, Mae! – Vater, Mutter!«, schrie er und rannte auf kürzestem Wege nach Hause.


   »Was ist los mit dir?«, rief eine Nachbarin. »Hast du den Verstand verloren?«


   »Im Fluss, bei der Sandbank, Füße ...«, stammelte Thon, als ihn seine Großmutter auffing.


   »Im Fluss liegt ein Toter, ein Farang.«


 


Es waren alle aus dem Dorf Yang Than zu der Sandbank gekommen. Man hatte um die Füße des Farang eine Schnur geknüpft und diese an einem angetriebenen Baumstamm befestigt. Nun wurde aufgeregt über die fremdartige Leiche diskutiert. Farang nannte man die hellhäutigen Ausländer und ebensolch ein Ausländer soll vor ein paar Tagen mit seinem Motorrad durch das Dorf gefahren sein.


   »Er war viel zu schnell unterwegs«, behauptete die alte Manau, »und er hätte fast die Motorrad-Suppenküche von Arnee gerammt.«


   »Nein, er war so langsam über die Dorfstraße getuckert, dass der Songthaeo mit den Schulkindern auf der Ladefläche stark abbremsen musste und sie alle durcheinandergepurzelt waren«, widersprach der Apotheker. »Außerdem hatte er irgendetwas im Dorf gesucht.«


Der Fischer Saeng hatte sogar gleich zwei Langnasen durch das Dorf fahren sehen und diese saßen in einem Auto mit Bangkoker Kennzeichen. Sicherlich würde der zweite Farang auch noch von den Fluten des Chao Phraya freigegeben werden, mutmaßte er. Die Gerüchte und Spekulationen entwickelten sich immer wilder und absurder. Die Polizei beendete die Gespräche, indem sie Fragen stellte, wer den Toten gefunden hatte und ob irgendwer aus dem Dorfe den Fremden schon einmal gesehen hätte. Nun konnte sich plötzlich niemand mehr erinnern und alle schwiegen verlegen. Thon schritt gemeinsam mit den Beamten erneut den Weg ab, den er gegangen war, nachdem er diesen unerklärlichen hellen Fleck erstmals gesehen hatte. Das ganze Dorf folgte ihnen. Dann kamen weitere Polizeiautos aus der Stadt Nakhon Sawan herangefahren und immer mehr Polizisten versackten mit ihren Lederstiefeln im feuchten Schlick der Sandbank. An einem Seil wurde die Leiche schließlich aus dem Wasser gezogen und ein entsetztes Raunen ging durch die Menge der Schaulustigen. Dem Toten war der linke Arm unterhalb der Schulter abgetrennt worden, ja man kann sagen, dass er regelrecht abgefetzt wurde. Nun lag ein dicker, aufgequollener weißer Körper bäuchlings im Schlick. Er war bekleidet mit einer schwarzen Badehose oder dergleichen. Keiner der Polizisten wollte der Erste sein, der diesen verwesenden Fleischberg umdrehen und ihm ins Antlitz schauen sollte. Es herrschte eine schaurig gespannte Stille. Die gesamte Dorfbevölkerung starrte den Toten an. Zwei Beamte fassten schließlich allen Mut und drehten die Leiche um. Ein Schrei ging durch die Menge. Der Tote war ein Mann, aber ihm fehlte das Gesicht. An dessen Stelle klaffte eine rote Wunde, aus der vereinzelt Zähne und Knochenteile herausragten.


 


Zwei


Es gibt Augenblicke, in denen man zu sehr mit Nebensächlichkeiten beschäftigt ist, als dass man ein Gespür für die Dramatik des Moments entwickeln könnte. Später, wenn man die Tragweite einer scheinbar belanglosen Szene unwiderruflich vor Augen hat, wird man sich immer und immer wieder fragen: »Warum habe ich nicht bemerkt, dass etwas Tragisches geschehen wird? Warum habe ich mich meiner Müdigkeit, meiner Erschöpfung, meiner Ungeduld hingegeben und nicht darüber nachgedacht, weshalb ich so ein mulmiges Gefühl hatte?«


Solch ein Schicksalsmoment ereignete sich auch in jenem Hotelzimmer, in dem das Ehepaar Schöller seine erste Nacht in einer fremden Stadt verbrachte.


 


Dagmar richtete sich im Bett auf und schob ihre Schlafbrille hoch. Sie schaltete die Leselampe an, nahm den Wecker in die Hand und erkannte mit kneisternden Augen, dass es eben erst elf Uhr war. Elf Uhr nachts, Bangkoker Zeit wohlgemerkt. Aus dem angrenzenden Bad drangen leise Geräusche.


   »Heinz?«, rief sie. »Ist alles in Ordnung mit dir?«


Heinz Schöller öffnete die Tür und trat in deren keilförmigen Lichtkegel.


   »Ich kann nicht schlafen«, sagte er mit resignierendem Unterton.


   »Ist ja auch kein Wunder. Du hast den ganzen elfstündigen Flug über geschlafen«, antwortete seine Frau nasal.


 »Deinem Geschnarche verdanken alle anderen Passagiere, dass wenigstens sie jetzt hundemüde sind.«


   »Die Tabletten!«, erwiderte Heinz entschuldigend. »Ich glaube, eine Schlaftablette hätte gereicht. Ich geh noch ein wenig an die Bar, vielleicht werde ich dann irgendwann schläfrig. Gibst du mir etwas thailändisches Geld?«


   »Wozu denn das? Du kannst doch alles auf die Zimmerrechnung setzen lassen.«


Dagmar war gereizt und übermüdet; sie wollte nun endlich zur Ruhe kommen.


 


Stunden später wurde Dagmar von dem nervtötenden Läuten eines Telefons aus ihrem tiefen, traumlosen Schlaf gerissen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie begriff, was der Mann am anderen Ende der Leitung mit den Worten »Good morning, Madame Sir, this is your wakeup call!« meinte.


   »Yes, äh, sänk you!«, stammelte sie und versuchte, sich in dem fremden Zimmer zu orientieren.


   »Heinz?«, rief sie in der Annahme, dass ihr Ehemann sich im Bad befand. Diese Szene war das Letzte, woran sie sich vom Vorabend erinnerte. Sie bekam keine Antwort. Dagmar erhob sich steif und ging zu der schmalen Teakholztür hinüber. Eine dunkle Vorahnung überkam sie, ohne dass sie hätte sagen können, warum. Sie war einfach da und sie fühlte sich mit jedem Schritt, den sie sich dem Badezimmer näherte, bedrohlicher an. Sie hatte ihren Gatten vor eineinhalb Jahren zusammengebrochen und nur noch schwach atmend hinter einer Badezimmertür, auf dem Boden liegend, vorgefunden. Ein Erlebnis, das sie seither nicht aus ihrer Erinnerung löschen konnte. Beherzt, doch mit aller gebotenen Vorsicht drückte sie die Tür auf. Das Bad war dunkel, nur der fahle Lichtschein, der von der Bettlampe herüberstrahlte, erhellte Fußboden und Waschtisch. Dagmar schaltete das Licht an, fand den Raum jedoch leer vor.


   »Wo steckt der Kerl denn nur wieder?«, murmelte sie leicht verärgert, aber dennoch beunruhigt. War Heinz überhaupt von seinem angekündigten Barbesuch zurückgekehrt? Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er zu ihr ins Bett gestiegen war. Alles lag noch so da, wie sie es vor dem Einschlafen zuletzt gesehen hatte.


Dagmar versuchte, sich rasch anzukleiden. Ihr waren die Anstrengungen der Reisevorbereitungen und des langen Fluges an den müden Augen anzusehen. Ihre Frisur sah fürchterlich aus und sie kämpfte damit, die schulterlangen, naturkrausen Haare mit einer Spange in Façon zu bringen. Sie zog sich einen schlichten Leinenanzug an und eilte nach unten ins Foyer. Hilflos sah sie sich um und suchte nach einem bekannten Gesicht – der Reiseleiterin oder wenigstens einem der Mitreisenden, so sie jemanden von denen wiedererkennen würde. Man hatte sich am Vorabend nach einer fast einstündigen Fahrt vom Flughafen in einem modernen Reisebus und nach einer anschließenden etwa zehnminütigen Einweisung in den Reiseverlauf schon wieder getrennt, um die verschiedenen Zimmer zu beziehen. Dagmar fing ein Paar am Fahrstuhl ab.


   »Entschuldigen Sie, haben Sie vielleicht ...«


Der Herr bedauerte höflich, nur Englisch und Spanisch zu sprechen.


Sie suchte weiter, lief schließlich zum Restaurant, in dem das Frühstücksbuffet angerichtet war. Viele Gäste saßen bereits an den Tischen und aßen oder standen in der schier endlosen Schlange an, die sich am Buffet entlangzog. Es gab nur Tischgruppen, an denen vier Personen Platz hatten, keine langen Tafeln für ganze Reisegruppen. Dagmar wandte sich wieder dem Eingang zu und endlich begegnete sie der Reiseleiterin, einer jungen Deutschen, die vielleicht Anfang dreißig war.


   »Ich vermisse meinen Mann!«, schmetterte sie ihr entgegen.


   »Ja, das ist jetzt aber ungünstig, denn wir wollen um neun Uhr pünktlich mit der Stadtbesichtigung beginnen. Dafür ist es wichtig, dass wir uns rechtzeitig am Bus treffen, so wie ich es gestern Abend allen Teilnehmern gesagt hatte.«


Die Reiseleiterin – ein blaues Plastikschildchen an ihrer Kostümjacke wies sie als Sandra Klöpper aus – schenkte Dagmar einen überheblichen Blick.


   »Nein, nein!«, erwiderte Dagmar. »Sie verstehen mich nicht. Er ist verschwunden! Seit gestern Abend. Er wollte nur kurz an die Hotelbar gehen und ist danach nicht mehr zurückgekehrt. Er war die ganze Nacht über fort.«


Fräulein Klöpper wirkte gereizt.


   »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen da helfen könnte. Das Tagesprogramm heute ist fakultativ. Wenn Sie nicht daran teilnehmen möchten, dann wird Ihnen auch nichts berechnet.«


   »Ich möchte ja, das ist es ja gar nicht«, brachte Dagmar fast flehend heraus. »Das ist ja nicht das Problem. Ich fürchte, dass meinem Mann etwas zugestoßen ist!«


   »In der Hotelbar?«


   »Nein, ich weiß es nicht! Es ist nur ungewöhnlich; mein Mann würde nie ... ich meine, er weiß doch, dass wir heute früh ...«


Dagmar wankte; ein aufmerksamer Kellner fing sie auf und half ihr zu einem Stuhl in einer der Sitzgruppen hinüber.


   »Warten Sie hier bitte einen Moment«, sagte Fräulein Klöpper und eilte in Richtung Lobby. Der Kellner brachte Dagmar ein Glas Orangensaft und fragte sie besorgt, ob alles okay wäre. Dagmar nickte und gleichzeitig lief ihr eine Träne die Wange herunter. Sie fühlte sich auf einmal so hilflos und alleine gelassen. Wo mochte Heinz nur stecken? Die Zeiten seiner Eskapaden lagen doch schon über zwanzig Jahre zurück. Er war alt geworden, auch wenn er gerne den unbesiegbaren Helden im besten Mannesalter vorgab. Er hatte jede Menge Zipperlein und seine vormals hemmungslosen Alkoholexzesse wurden mittlerweile bereits nach zwei, drei Gläsern Whisky mit einem wehleidigen Verweis auf seine Galle beendet. Hatte er gestern überhaupt seine Medikamente genommen? Na, heute Morgen ja wohl auf jeden Fall nicht.


Sandra Klöpper kam mit einem unverschämten Hüftschwung herangewackelt, ein Klemmbrett unterm Arm.


   »Sagen Sie mir bitte Ihren Namen«, kommandierte sie, während Dagmar sich langsam erhob.


   »Frau Dagmar Schöller und Herr Heinz Schöller«, las die Reiseleiterin von einer Liste ab. »Dann sind Sie für die große Thailand angemeldet, ja? Und für Bangkok Märkte und Sehenswürdigkeiten hatten Sie sich auch eingetragen. Frau Schöller, was ich im Moment für Sie tun kann, ist, dass ich Sie von unserem Tagesprogramm streiche – alle beide – und dass Sie in der Zwischenzeit versuchen, Ihren Mann zu finden. Ich habe eben in der Bar angerufen, aber dort ist er nicht. Vielleicht gehen Sie selber noch einmal hoch, aber das Personal konnte mir gegenüber keine Angaben über den Verbleib Ihres Gatten machen. Ich würde sagen, wir treffen uns heute Abend um siebzehn Uhr wieder dort drüben an der Lobby und Sie berichten mir, was Sie erreicht haben.«


Dagmar schluckte.


   »Aber Sie können mich doch nicht hier alleine lassen!«, empörte sie sich. »Ich spreche doch noch nicht einmal die Sprache und mein Englisch ist auch eher so lala. Irgendwer muss mir doch bei der Suche helfen!«



   »Frau Schöller, im Grunde genommen beginnt Ihre Reise erst morgen früh ...«


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2021 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs