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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Armes reiches Mädchen, Dania Dicken
Dania Dicken

Armes reiches Mädchen


Profiler-Reihe 2

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29. August, 7.50 Uhr

 


Genervt, aber nichtsdestotrotz schwungvoll ließ Trisha sich auf die Rückbank fallen und warf ihren Rucksack neben sich. Der strafende Blick des Fahrers im Rückspiegel entging ihr nicht.


„Was denn?“ fragte sie, die Arme vor der Brust verschränkt.


„Sind wir heute Morgen etwa schlecht gelaunt?“


„Nur heute?“ Fragend runzelte Trisha die Stirn und setzte zu einer Ergänzung an, überlegte es sich dann jedoch anders und schwieg. Achselzuckend startete der Fahrer den Motor und lenkte die schwarze Mercedes-Limousine durch das elektrisch gesteuerte Tor vom Vorplatz der Villa. Trisha starrte betont trotzig aus dem Fenster.


„Deine Eltern meinen es doch nur gut.“


„Ach, Edmund.“ Sie seufzte, was halb gequält, halb mitleidig klang. „Meine Eltern verstehen überhaupt nichts.“


„Dasselbe dachte ich, als ich in deinem Alter war.“


„Das ist doch jetzt auch bloß so ein Spruch, oder?“


„Nein.“ Edmund blickte erneut in den Rückspiegel. „Im Übrigen bringe ich dich gern zur Schule.“


„Das ist dein Job!“ Trisha lachte unwillig.


„Wie lange arbeite ich nun schon für deine Familie? Zwölf Jahre? Ich mache es wirklich gern. Du mußt nicht mit der U-Bahn fahren.“


„Ich würde aber gern“, beharrte Trisha. „Außerdem geht es doch gar nicht darum.“


„Nein, ich weiß.“ Edmund beeilte sich, mit dem Wagen in eine Lücke zu huschen und fädelte sich in den Verkehr ein. „Sie machen sich in jeder Hinsicht nur Sorgen.“


„Ja, aber ich bin siebzehn! Du fährst mich immer noch zur Schule. Das ist eine Privatschule. Da sind nur ...“ Trisha verkniff es sich, laut von verwöhnten Gören zu sprechen. Schließlich war sie selbst eins. „Für mich ist das Wichtigste Andrew. Durch ihn habe ich gelernt, daß es noch etwas anderes gibt als all das hier!“


„Aber verstehst du nicht, daß deine Eltern sich deshalb Sorgen machen? Du vernachlässigst die Schule wegen dem Jungen, du bist spät noch allein mit ihm unterwegs ...“


„Nein, ehrlich gesagt verstehe ich das nicht“, sagte Trisha sofort. „Andrew führt ein normales Leben. Er wird nicht täglich daran erinnert, daß er doch bitte in Oxford zu studieren hat! Er kann tun und lassen, was er will.“


„Er ist auch schon volljährig“, hielt Edmund ihr vor Augen.


Das wäre Trisha auch gern gewesen. Volljährig und damit alt genug, selbst zu entscheiden. Aber so ... Sie wurde immer noch bemuttert. Wahrscheinlich hörte das nie auf.


Angesichts des grau verhangenen Himmels runzelte sie mißmutig die Stirn. Vorn trommelte Edmund mit den Fingern auf dem Lenkrad herum, denn wie üblich war die Hauptstraße zur morgendlichen Rush Hour hoffnungslos verstopft. Trisha konnte die roten Ampeln und die Blechlawine vor dem Mercedes sehen.


Mit der U-Bahn wäre sie schneller gewesen, denn eigentlich lag keine große Entfernung zwischen der Villa ihrer Eltern in Notting Hill und ihrer Schule in der City of Westminster. Aber ihr Vater verbot ihr, mit der U-Bahn zu fahren. Nicht aus Standesdünkel, sondern aus Angst.


Seufzend kratzte Trisha sich am Kopf. Wenigstens war er nicht so weltfremd wie ihre Mutter, die einem Tobsuchtsanfall nah gewesen war, als sie herausgefunden hatte, daß Trisha nun die Pille nahm. Wegen Andrew. Und wegen dem, was man mit Andrew machen konnte.


Aber ihre Mutter hatte keine Ahnung. Alles, was ihre Mutter kannte, waren schicke Kleider und Golfplätze.


Leise fluchend bugsierte Edmund die Limousine an der nächsten Kreuzung in eine Seitenstraße, ohne darauf zu achten, daß ihm ein dunkler Lieferwagen folgte.


Im Kopf ging Trisha noch einmal die Französischvokabeln durch. Tests in der ersten Stunde zu schreiben gehörte eindeutig verboten. Gähnend schloß sie die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren.


„Spinner!“ brüllte Edmund plötzlich. Trisha riß die Augen auf, als der Fahrer eine Vollbremsung hinlegte - doch zu spät. Er prallte in die Seite eines uralten Kleinwagens und schob ihn noch einen halben Meter weit über die Straße. Mit klopfendem Herzen schaute Trisha sich um. Sie standen mitten auf einer Kreuzung; es sah so aus, als habe der Kleinwagen Edmund die Vorfahrt genommen.


„Auch das noch“, brummte Edmund und stieg aus. Trisha verzog seufzend das Gesicht. Also doch kein Französischtest.


Neugierig beobachtete sie durch die Windschutzscheibe, wie Edmund zur Fahrerseite des anderen Wagens ging. Dort hatte sich noch niemand gerührt. Außen vor dem Wagen neben sich wurde Trisha eines Schattens gewahr. Als sie den Blick hob und aus dem Fenster schaute, stieß sie einen spitzen Schrei aus. Vor ihr stand ein schwarz gekleideter, maskierter Mann. In der Hand hielt er eine Schußwaffe. Er beugte sich hinunter und öffnete die Tür.


Schreiend krabbelte Trisha rückwärts über den Sitz zur anderen Seite, um dort aus dem Wagen zu flüchten. Bevor sie es schaffte, die Tür zu öffnen, erwartete sie auch dort ein schwarz gekleideter Mann mit einer Maske.


„Trisha!“ brüllte Edmund über die Straße. Er hatte ihren Angstschrei gehört und die Brisanz der Situation sofort erfaßt.


In heller Panik kämpfte Trisha sich zwischen den Vordersitzen auf den Beifahrersitz vor. Die Männer hatten inzwischen die beiden hinteren Türen geöffnet und versuchten, sie zu packen.


Sie mußte entkommen. Sie mußte einfach. Ihr war heiß vor Angst, ihr Körper fühlte sich an, als stünde er unter Strom. Einem plötzlichen Gedanken folgend, drückte sie an der Mittelkonsole den Einschaltknopf der sprachgesteuerten Freisprechanlage. Sie mußte die Polizei anrufen. Während der kleine Bildschirm das Startsymbol zeigte, blickte sie auf. Edmund sah sich einem weiteren Maskierten mit Waffe gegenüber und hatte beide Hände erhoben.


Als die Fahrertür geöffnet wurde, machte Trisha erschrocken einen Satz zurück, doch hinter ihr lauerte der andere Mann.


„Hilfe!“ schrie sie; so schrill, daß beinahe ihre Stimme brach. Ein kleiner Pfeifton signalisierte, daß das Autotelefon einsatzbereit war.


„Wen haben wir denn da?“ murmelte einer der Maskierten unter der Wolle seiner Maske.


„Wählen!“ schrie Trisha in Richtung des Telefons. „Pol-“


Bevor sie das Wort ausgesprochen hatte, legte der hinter ihr kauernde Mann die Hand über ihren Mund und riß sie nach hinten zurück. Kreischend schlug Trisha um sich, aber sie hatte keine Chance.  Beide Männer packten sie von hinten und drohten, sie zu überwältigen. Einer hielt sie mit beiden Armen wie in einer Schraubzwinge und schaffte es immer noch gleichzeitig, ihr den Mund zuzuhalten. In Todesangst wimmerte Trisha und versuchte, Edmunds Namen zu rufen. Doch Edmund konnte ihr nicht helfen.


Ein breites Stück Klebeband wurde ihr über die Lippen geklebt. Alles verschwamm hinter einem Vorhang aus Tränen. Im nächsten Moment schlossen sich mit einem klackenden Geräusch Handschellen um ihre Handgelenke. Jetzt war sie gefesselt. Das Herz in ihrer Brust drohte zu zerspringen.


Sie wurde aus dem Wagen gezerrt und mit ihr der Rucksack. Edmund stand rücklings vor dem dritten Maskierten, der ihm die Waffe an die Schläfe drückte. Trisha und Edmund tauschen einen verzweifelten Blick.


„Lassen Sie das Mädchen los!“ verlangte Edmund scharf.


Der Mann, der ihn bedrohte, lachte kurz. „Schnauze und nicht bewegen, sonst knallt‘s!“


Trisha wurde grob gepackt. Als sie den Kopf in den Nacken legte, sah sie die geöffneten Tür des kleinen Lieferwagens als klaffenden Schlund vor sich und stieß einen erstickten Schrei aus.


„Trisha!“ rief Edmund. Reflexhaft machte er einen Schritt nach vorn, dann knallte es.


Nur weil sie geknebelt war, schrie Trisha nicht gellend laut. Mit geweiteten Augen beobachtete sie, wie Edmund mit leblos starrenden Augen zu Boden ging, während das Blut dem Maskierten hinter ihm in die Augen spritzte. Der Mann fluchte leise.


Edmund! wollte Trisha schreien, als der tote Fahrer auf dem Boden aufschlug. Doch sie gab nur erstickte Laute von sich.


„Rein da!“ zischte einer der Männer hinter ihr. Plötzlich wurde alles dunkel, sie konnte Edmund nicht mehr sehen. Die Männer stießen sie in den Lieferwagen, Trisha schlug mit dem Kopf auf den Boden und spürte einen brennenden Schmerz. Die Schiebetür schnappte zu.


Ihr Gesicht war naß von Tränen, sie konnte kaum atmen. Seitlich lag sie neben den zwei Männern auf der Ladefläche des Wagens. Die Fahrertür wurde zugeschlagen, im Rückwärtsgang schnellte der Wagen über die Straße. Blut tropfte über Trishas Stirn.


Neben ihrem Kopf lag ihr Rucksack. Doch sie sah nicht ihn, sie sah nur Edmunds tote Augen.


 


 


 


29. August, 9.15 Uhr

 


In der Luft hing der Duft von Kaffee, Tee und Croissants. Sie hatten selten schöne Dinge zu bereden, deshalb wollten sie sich wenigstens die morgendliche Besprechung dieser Dinge so angenehm wie möglich gestalten. In den wenigen Wochen, die Andrea nun bereits zum Team der Profiler vom Londoner Birkbeck College gehörte, hatte sie gelernt, daß Profiler blitzschnell wechseln konnten. Für keinen der Anwesenden war es ein Problem, beim Betrachten von Tatortfotos ein duftendes Croissant zu essen. Das eine hatte mit dem anderen nämlich nichts zu tun.


Es waren bereits alle da: Mike und Patrick, Tina und der auf Traumatherapie spezialisierte Gordon. Fehlte nur noch Teamleiter Dr. Joshua Carter. Üblicherweise war er pünktlich.


Gordon, der Andreas fragenden Blick zur offenstehenden Tür bemerkte, lächelte ihr zu. „Dauert bestimmt nicht mehr lang.“


Andrea erwiderte sein Lächeln. „Bestimmt.“


Sie fand es nett, wie Gordon sich um sie bemühte. Er war derjenige aus dem Team, den sie damals als erstes kennengelernt hatte.


Auf dem Flur näherten sich hastige Schritte. Sekunden später erschien Joshua in der Tür. „Heute muß die Lagebesprechung ausfallen. Die Metropolitan Police braucht sofort Hilfe. Gordon, du kommst auf jeden Fall mit, sie brauchen vor Ort einen Seelsorger. Außerdem möchte ich Andrea mitnehmen.“


Erstaunt hob sie den Kopf. „Ich? Worum geht es denn?“


„Das weiß die Polizei auch noch nicht so genau, deshalb brauchen sie jetzt uns. Auf geht‘s!“


Er war schon wieder verschwunden, bevor Gordon und Andrea überhaupt aufgestanden waren. Aber Gordon beeilte sich auch nicht. Als Andrea sich auf dem Gang umdrehte, entdeckte sie ihn ein gutes Stück weiter hinten. Er sagte immer scherzhaft, daß er schließlich schon ein alter Mann sei. Dabei war er sechsundvierzig und weit davon entfernt, ein alter Mann zu sein. Allerdings war er die Ruhe selbst. Als Therapeut kam ihm diese innere Ruhe zugute.


„Auto oder U-Bahn?“ fragte er, als er die anderen eingeholt hatte.


„Wir werden abgeholt“, erwiderte Joshua knapp.


„Wir werden abgeholt?“ wiederholte Gordon erstaunt.  


„Ja. Scheint eilig zu sein. Es gibt einen toten Chauffeur und eine verschwundene Millionärstochter.“


„Oha“, machte Gordon.


„Sie haben nach einem Unterhändler und einem Seelsorger gefragt“, setzte Joshua seine Erklärung fort.


„Nun, was ich mache, ist klar“, sagte Gordon augenzwinkernd.


„Richtig. Ich versuche mich dann mal wieder als Unterhändler.“ Joshua sagte das sehr selbstironisch, was Andrea ein Grinsen entlockte. „Und für dich ist das sicher sehr lehrreich.“


Während sie stumm nickte, wuchs ihre Aufregung. Das war ihr erster richtiger Einsatz. Der Moment, den sie so lang herbeigesehnt hatte.


Auf dem Weg zum Ausgang kamen ihnen Grüppchen plaudernder Studenten entgegen, die sich nicht weiter um sie kümmerten. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte sie selbst dazugehört. Ihr Masterzeugnis und das Abschlußdiplom der Profilerausbildung waren noch ganz frisch, doch Joshua hatte sie sofort übernommen. Schon als Seminarleiter hatte er sie gefördert - und gefordert.


Auch über die Landesgrenzen hinaus war er als Profiler bekannt. Er hatte Fortbildungen in den USA absolviert, unter anderem bei der Behavioral Analysis Unit des FBI in Quantico, nach deren Vorbild er mit seinem Team am College in London arbeitete und immer wieder landesweit bei polizeilichen Ermittlungen half. Er war auch Paul Britton begegnet, dessen Vorgehensweise Andrea selbst ebenfalls studiert hatte. Joshua kannte jeden Profiler mit Rang und Namen und Andrea war glücklich, daß sie mit ihm arbeiten konnte. Er war nur etwa zehn Jahre älter als sie, durchschnittlich groß, hatte eine sportliche Figur und einen frechen dunklen Kurzhaarschnitt. Wenn man ihm auf der Straße begegnete, sah man ihm seinen Doktortitel nicht an.


Bei Gordon war das anders. In den Geheimratsecken war er bereits ergraut, trug immer Krawatte und Mantel und war eher der ruhige, gesetzte Typ. Anlaß genug für die beiden, sich ständig gegenseitig aufs Korn zu nehmen.


Joshua stieß die Tür auf und hielt sie für Gordon und Andrea offen. Die Sonne schien ihnen ins Gesicht, als sie das Collegegebäude verließen und quer über den Hof zur Straße gingen. Wenn die Polizei sie abholen wollte, mußte es definitiv eilig sein.


Andrea fand es überaus angenehm, am College zu arbeiten. Es war eine lockere, ungezwungene Atmosphäre, denn die Profiler hatten es nicht nötig, sich gegenseitig mit Kompetenzgerangel zu beeindrucken. Außerdem forschten sie neben ihrer Arbeit als polizeiliche Berater und beschäftigten sich immer wieder mit Fallstudien. Das hatte Joshua schon während des Seminars mit den Teilnehmern gemacht.


„Ich freue mich, daß ihr mich mitnehmt“, sagte Andrea ins allgemeine Schweigen hinein.


„Na sicher. Das ist doch eine großartige Möglichkeit für dich, praktische Erfahrungen zu sammeln!“ erwiderte Joshua.


„Ich hoffe, ich stehe euch nicht nur im Weg.“


Er schüttelte den Kopf. „Das wirst du schon nicht. Du wärst nicht hier, wenn ich das glauben würde. Und außerdem kommen Erfahrungen nicht aus dem Nichts.“


„Richtig“, stimmte Gordon zu. „Du kriegst das hin.“


Andrea wußte nicht, was sie erwidern sollte. Jetzt war der Moment gekommen, in dem sie sich praktisch beweisen mußte. Nun konnte sie zeigen, daß sie wirklich das Zeug zur Profilerin hatte und nicht nur über ein enormes Fachwissen verfügte. Angesehen hätte man es ihr nicht, sie war eine unauffällige junge Frau Mitte zwanzig in Jeans und Turnschuhen, die am liebsten einen Pferdeschwanz trug. Sie war durchschnittlich groß und durchschnittlich hübsch. Zumindest war sie dieser Ansicht.


Augenblicke später hielt ein Streifenwagen gleich vor ihnen am Straßenrand. Die Fensterscheibe auf der Beifahrerseite wurde heruntergelassen.


„Dr. Carter? Kommen Sie, steigen Sie ein!“ drang eine Stimme aus dem Inneren des Wagens. Sie kamen der Aufforderung gleich nach.


„Detective Inspector Barley“, stellte der Polizist auf dem Fahrersitz sich vor. Barley war ein stämmiger Mann etwa in Gordons Alter, trug einen Dreitagebart und ein verrutschtes Hemd. Er war in Eile.


„Angenehm“, sagte Joshua und schüttelte seine Hand, bevor er sich zum Rücksitz umdrehte. „Das sind meine Kollegen Gordon Weaver und Andrea Thornton.“


„Oh, gleich so viel Verstärkung! Aber je mehr Leute, desto besser!“ sagte der Inspector erfreut. „Da der Tatort sowieso auf dem Weg liegt, zeige ich Ihnen gleich alles.“


„Ihr Kollege hörte sich am Telefon etwas ... verwirrt an“, formulierte Joshua es vorsichtig. „Worum geht es?“


„Wenn wir das wüßten! Alles deutet auf eine Entführung hin. Es geht um die Tochter des Bankers Richard Michaels. Er ist Multimillionär, wohnt mit seiner Familie in einer großzügigen Villa in Notting Hill. Sein Fahrer, Edmund Keeley, wollte Trisha zur Schule bringen. Sie besucht eine der Privatschulen im Zentrum. Inzwischen wissen wir, daß Trisha nicht in der Schule angekommen ist. Wir haben dort nachgefragt, als bei uns ein Notruf einging. Ein Passant fand Keeley tot vor der Limousine der Michaels; Trisha war spurlos verschwunden. Bislang hat sich jedoch kein Entführer gemeldet.“


„Weshalb Sie nicht ausschließen, daß sie geflohen ist?“ fragte Gordon.


„Wir wissen im Moment nur, daß Keeley erschossen wurde“, sagte Barley. „Die Ironie ist, daß Trisha immer zur Schule gefahren wurde, um eine Entführung zu vermeiden. Zur Zeit installieren die Kollegen in der Michaels-Villa eine Fangschaltung. Wir haben Sie ins Boot geholt, weil wir hoffen, daß Sie etwas bemerken, was uns nicht aufgefallen ist. Wir müssen jetzt herausfinden, ob Trisha noch lebt und wo sie ist. Sollte sie entführt worden sein, brauchen wir einen Unterhändler. Vor allem benötigen die Eltern jetzt Hilfe von einem Psychologen.“


Gordon fühlte sich gleich angesprochen und nickte.


„Andrea, du hilfst mir dann dabei, die Fakten zu analysieren“, sagte Joshua zu ihr nach hinten.


„Klar, sofort.“ Ihre Gedanken liefen bereits auf Hochtouren. „Wann ist das alles passiert?“


„Der Notruf ging um kurz nach acht bei uns ein“, beantwortete Barley ihre Frage. „Wir sind noch dabei, herauszufinden, ob Anwohner etwas gesehen haben. Es wäre durchaus möglich, daß Trisha fliehen konnte und sich nun irgendwo verkrochen hat.“


„Genausogut könnte sie aber verschleppt worden oder tot sein“, sagte Joshua. „Das Ganze ist erst etwas über eine Stunde her. Die Rush Hour läßt auch keinen Entführer kalt. Vielleicht sind die einfach noch gar nicht in ihrem Versteck angekommen.“


„So ist es. Nun, sehen Sie selbst.“ Barley bog von der Hauptstraße ab und folgte einer kleinen schmalen Straße, bis weitere Streifenwagen der Polizei, Absperrband und ein Leichenwagen zum Vorschein kamen. Gleich neben einem anderen Streifenwagen parkte Barley und stieg aus. Die Profiler folgten ihm.


Das Stimmengemurmel anderer Polizisten hing in der Luft. Mitten auf der nahen Kreuzung standen eine schwarze Mercedes-Limousine und ein mitgenommener Kleinwagen. Neben der Limousine kniete der Leichenbeschauer. In einem schwarzen Leichensack vor ihm lag der tote Fahrer. Gleich dahinter erkannte Andrea Kreideumrisse auf der Straße. Zwei Polizisten standen fachsimpelnd daneben. Das Absperrband flatterte im Wind.


„Verstärkung?“ fragte ein Polizist angesichts der Tatsache, daß Barley nicht allein kam.


„Ja, wir haben die Profiler gerufen“, erwiderte der Inspector.


„Gute Idee. Brauchen wir bestimmt noch!“


Barley hielt das Absperrband hoch und winkte den Profilern. Sie duckten sich unter dem Absperrband hindurch, ließen alles auf sich wirken. Andrea hob den Blick und nahm die Fenster in den Apartment-Stadthäusern zu beiden Seiten in Augenschein. Von fern hörte sie Verkehrsrauschen, doch auf dieser Straße war, von den Polizisten abgesehen, alles still. Ein Windhauch durchmischte die schwüle Luft. Dafür, daß es dort eigentlich eine Menge zu sehen gab, waren auffällig wenige Schaulustige vorhanden. In den Fenstern sah sie nur vereinzelte Gesichter, auch auf der Straße waren keinerlei Passanten zu entdecken, die sich alles neugierig angeschaut hätten. Das war nicht weiter verwunderlich, denn in diesem Teil der Stadt befand sich um diese Tageszeit niemand. Hier wurde nicht gearbeitet, aber alle waren bei der Arbeit.


Auf Zeugen mußten sie also nicht bauen.


„Ein fingierter Unfall“, sagte Joshua ins allgemeine Schweigen hinein.


„Ja, soweit haben wir auch schon überlegt“, sagte Barley. „Es müssen mehrere Männer gewesen sein - mindestens zwei. Einer, der Keeley erschossen und einer, der sich Trisha gegriffen hat.“


„Und sie hatten zwei Autos“, sagte Joshua.


„Richtig. Das da vorn, das wir gleich noch auseinandernehmen, und ein weiteres, mit dem sie geflüchtet sind.“


„War aber bestimmt nicht leicht, es so zu deichseln, daß der Übergriff genau hier erfolgen konnte“, murmelte Gordon.


„Ein Wagen wird der Limousine gefolgt sein. Sie haben sich abgesprochen, dann ist das Auto da vorn im richtigen Moment auf die Kreuzung gefahren und - bumm“, sagte Joshua.


„Wahrscheinlich“, stimmte der Inspector zu.


„Aber warum ist der Fahrer tot?“ überlegte Andrea laut. „Er ist ja, wenn ich die Kreidezeichnung richtig deute, dort gestorben.“


Barley nickte. „Ein Schuß von hinten in den Kopf.“


„Keeley fährt auf den kleinen Wagen auf. Er steigt aus. In dem Moment kommt der Komplize - oder Komplizen - des anderen Fahrers von hinten zu Trisha. Hat Keeley versucht, sie zu beschützen? Sollte es keine Zeugen geben?“ murmelte Andrea.


„So wird es wohl gewesen sein.“


„Aber wenn das alles so präzise geplant und umgesetzt wurde, müssen sie dem Wagen schon eine ganze Weile gefolgt sein, um das hier auf den Punkt zu bringen. Da kann ich mir nicht vorstellen, daß Trisha es geschafft hätte, zu entkommen!“ sagte sie. Barley nickte nur.


„Ist die Spurensicherung mit dem Wagen durch?“ fragte Joshua.


„Noch nicht ganz. Aber reinschauen können Sie, wenn Sie vorsichtig sind.“


Dem Angebot kam Joshua gleich nach. Die Türen standen ohnehin noch offen, deshalb mußte er bloß den Kopf hineinstecken. Andrea tat es ihm gleich. Dabei versuchte sie, das Gefühl der Beklemmung in ihrer Brust zu ignorieren. Sie hatte ja gewußt, was sie in diesem Beruf erwarten würde. Er nahm keinerlei Rücksicht auf ihre persönlichen Erfahrungen.


Auf den hellen Ledersitzen waren gleich mehrere staubige, halb verwischte Fußabdrücke auszumachen. Es hatte ein Gerangel gegeben.


Andrea ging nach vorn und spähte durch die Beifahrertür in den Wagen. Nirgends war etwas zu sehen, das ihnen geholfen hätte - kein Blut, nichts.


„Wir haben ein paar Haare von Trisha gefunden“, sagte der Inspector, als hätte er ihre Gedanken erraten. „Lange, blonde Haare.“


„Haare von einem Täter wären besser“, sagte Joshua. Andrea ließ derweil alles weitere auf sich wirken. Auf der Mittelkonsole wurde sie auf einen kleinen Bildschirm aufmerksam. Dial number: stand darauf. Sonst nichts.


„Inspector?“ sagte sie.


„Was gibt es?“


„Was ist das hier in der Mitte?“


Er schaute von der Fahrerseite her in den Wagen. „Ein sprachgesteuertes Telefon.“


Damit bestätigte er Andreas Vermutung. „Sieht so aus, als hätte jemand versucht, zu telefonieren.“


„Ja, das dachten wir auch“, stimmte er zu.


„Trisha ist zumindest nicht tot“, sagte Joshua. „Wenn Keeley erschossen wurde und wir von ihr keine Spur haben, dann lebt sie noch. Ich wette mit Ihnen, sie wurde entführt.“


„Sagen Sie mir, von wem!“


Joshua seufzte gequält. Genau diesen Moment fürchteten Profiler - den Augenblick, in dem die Ermittler auf hellseherische Erkenntnisse hofften.


„Ich nehme an, die Eigentümerschaft des Wagens da vorn wird bereits geklärt“, erwiderte Joshua, woraufhin Barley nickte. „Ich glaube nicht, daß es da viel zu finden gibt. Aber der Grad an Organisiertheit, der Einsatz von Schußwaffen und der schnelle, unbemerkte Ablauf sprechen dafür, daß diese Leute wußten, was sie tun. Das bedeutet gewisse kriminelle Energien und Vorerfahrungen. Darüber hinaus müssen wir uns fragen, warum gerade Trisha Michaels das Opfer wurde. Nur, weil ihr Vater reich ist? Das könnte ein Grund sein, muß aber nicht. Vielleicht gibt es da noch mehr, wovon wir noch gar nicht wissen.“


„So schlau waren wir auch schon“, sagte Barley. Er versuchte, es nicht kritisch klingen zu lassen, doch Joshua hatte ihn durchschaut.


„Profiler sind keine Hellseher, Inspector. Wir arbeiten auch nur mit den Fakten, die uns vorliegen. Im Moment können wir Ihnen einfach noch nicht mehr sagen. Es muß mehr passieren, wir brauchen mehr Hintergrundwissen.“


„Gut, dann schlage ich vor, wir fahren zur Michaels-Villa.“


„Gute Idee“, fand Gordon. Nachdem sie eingestiegen waren, lenkte Barley sie rückwärts aus der Straße heraus und fädelte sich wieder in den Verkehr auf der Hauptstraße ein.


„Ich wollte Sie nicht kritisieren“, sagte er unverhofft. „Es ist nur - es gibt doch diese Statistiken, daß die Überlebenschance eines Entführungsopfer mit jeder Minute weiter sinkt. Ich hatte einfach gehofft, Sie sehen hier etwas, was wir nicht gesehen haben.“


„Schon gut“, sagte Joshua. „Wir stehen doch erst ganz am Anfang, Inspector.“


Das war aufmunternd gemeint und so faßte der Inspector es auch auf. Aber er stand unter Druck. Bei Entführungen mußte man schnell handeln, das wußte Andrea aus ihrer Ausbildung. Immerhin waren sie nun sicher, daß Trisha tatsächlich entführt worden war. Ein Trost war das nicht, aber ein Ansatzpunkt, mit dem sie arbeiten konnten.


Der Linksverkehr floß mehrspurig durch das Londoner Stadtzentrum. Der Anblick, der sich Andrea durchs Autofenster bot, hätte einen Reiseführer bebildern können. Rote Busse, schwarze Taxis, die typischen Telefonzellen. Sie hatte London immer gemocht, obwohl die Stadt laut und überbevölkert war. Aber sie hatte einen bestimmten Charme. Kleine Läden und Takeaways reihten sich aneinander, es war immer etwas los. Inzwischen hatte sich die Verkehrslage etwas beruhigt, so daß sie es in nicht allzu langer Zeit nach Notting Hill schafften. Der Stadtteil war von einer Künstlerdomäne zum begehrten Wohnviertel für die Reichen und Schönen avanciert. Einen wohl nicht ganz unwesentlichen Teil hatte auch die Liebeskomödie Notting Hill mit Hugh Grant und Julia Roberts dazu beigetragen - einer der wenigen Liebesfilme, denen Andrea etwas abgewinnen konnte.


Malerische Straßen säumten ihren Weg zum Anwesen der Familie Michaels. Zahlreiche Polizeiwagen parkten auf dem Vorplatz. Das Haus wirkte hochherrschaftlich, hatte hohe Fenster, war rundum eingezäunt. Auf dem Vorplatz mit den gepflegten Sträuchern waren links und rechts von einem kleinen Springbrunnen zwei sündhaft teure Wagen geparkt; einer davon ein Porsche.


Das elektrisch betriebene Tor wurde geöffnet, nachdem der Inspector sie durch eine Sprechanlage angekündigt hatte. Auf dem überfüllten Vorplatz mußte er seine Einparkkünste unter Beweis stellen, meisterte diese Aufgabe jedoch souverän.


„Da wären wir“, sagte er ins nachdenkliche Schweigen hinein. Nacheinander stiegen sie aus. Andrea atmete tief durch, hatte bereits jetzt das Gefühl, daß sie in wenigen Augenblicken eine Parallelwelt betreten würde. Eine Welt, die sie nicht kannte - und der sie sich nicht gewachsen fühlte.


Noch bevor sie die Haustür erreichten, öffnete eine Haushälterin mittleren Alters. Sie wirkte, als sei sie einem historischen Film entsprungen, denn sie trug Schürze und Haube. Andrea hatte nicht erwartet, daß es so etwas noch gab.


„Kommen Sie doch herein und folgen Sie mir bitte“, sagte die Frau freundlich und lief direkt voraus. Nacheinander betraten die Ermittler die Eingangshalle. Es war ein altes, prächtiges Haus mit glänzend polierten Marmorböden; beinahe ein kleiner Palast. Die Fenster waren von schweren Vorhängen eingerahmt.


Sie folgten der Haushälterin ein kurzes Stück durch einen Gang, bis die Frau eine zweiflügelige Tür öffnete. Ein großzügiges, teuer und geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer mit riesigen Teppichen und einer zentralen Sitzgruppe empfing sie, in dem die Polizei sich bereits häuslich eingerichtet hatte. Das umständlich verkabelte Telefon stand neben einem Laptop auf dem Tisch, es roch nach Kaffee, ein halbes Dutzend Polizisten war in dem Raum versammelt.


Zwei Beamte sprachen mit Trishas Eltern; der Vater im Anzug, die Mutter im Kostüm. Mrs. Michaels war Mitte vierzig, doch es war deutlich sichtbar, daß die blonde Frau daran arbeitete. Ihr Makeup verbarg ihre Sorge jedoch auch nicht. Bei ihrem Mann war diese Sorge ebenfalls unübersehbar. Seine Bewegungen wirkten fahrig.


In Sachen Attraktivität stand er seiner Frau in nichts nach. Seine Frisur war gepflegt, sein maßgeschneiderter Anzug saß perfekt. An manchen Stellen entdeckte Andrea graue Strähnen in seinem dunklen Haar. Seine eigentlich freundlichen Züge erschienen unerwartet hart.


„Irgendwelche Neuigkeiten hier?“ fragte Barley beim Betreten des Raumes.


Ein Kollege blickte auf. „Noch kein Anruf, wenn du das meinst.“


„Ja, das meine ich.“


„Und was gibt es bei dir? Wen hast du mitgebracht?“


„Die Profiler.“ Barley ging voran zu Trishas Eltern. Deren Gespräch mit den anderen Polizisten verstummte sofort.


„Ich möchte nicht stören“, sagte er gleich.


„Es war nicht wichtig“, winkte sein Kollege ab.


„Darf ich vorstellen - Richard und Ellen Michaels.“ Barley deutete auf das Ehepaar und wandte sich um. „Die Profiler vom College.“


Joshua verstand den Hinweis und stellte sich und seine Kollegen vor. Als er erwähnte, daß Gordon Therapeut war, reagierte Richard Michaels ungehalten. „Wir brauchen keinen Therapeuten, wir brauchen jemanden, der unsere Tochter findet!“


„Dann dürfte es Sie beruhigen, zu hören, daß wir uns dieser Aufgabe sogar zu zweit widmen“, erwiderte Joshua unbeeindruckt mit Blick auf Andrea.


„Ich habe den Tatort mit den Kollegen besucht“, schaltete Barley sich wieder ein. Für einen Moment zögerte er, aber es gab keine Möglichkeit, das möglichst schonend auszudrücken. „Wir gehen inzwischen mit ziemlicher Sicherheit davon aus, daß Trisha entführt wurde.“


Richard Michaels atmete tief durch. Ellen Michaels versuchte, nicht die Fassung zu verlieren. Ihre Lippen zitterten, eine Träne kullerte über ihre Wange.


„Davor hatten wir doch immer Angst“, sagte sie mit erstickter Stimme. „Wir hatten immer Angst, daß irgendwelche Kriminellen ein Auge auf unsere Tochter werfen könnten. Wir haben alles versucht, um sie zu beschützen!“


„Machen Sie sich keine Vorwürfe, das hätten Sie nicht verhindern können“, sagte Andrea, während die Männer diesem Gefühlsausbruch verwirrt gegenüberstanden. „Diese Männer haben ihren Überfall genau geplant. Sie wußten genau, was sie tun, sie sind sehr schnell und zielgerichtet vorgegangen.“


„Aber diese Menschen haben schon Edmund erschossen! Was bedeutet das für Trisha?“ fragte Ellen Michaels.


„Gar nichts“, sagte Joshua beschwichtigend. „Es sagt uns, daß sie eine gewisse Skrupellosigkeit an den Tag legen, ja. Aber Trisha war ihr Ziel. Sie werden sie gut behandeln.“


Das klang beruhigend und nett, aber Andrea wußte, daß Joshua das auch nur zu diesem Zweck sagte. Sie beobachtete ihre beiden Kollegen ganz genau. Gordon und Joshua wirkten völlig ruhig, ließen sich nichts anmerken. Andrea versuchte, ihnen nachzueifern. Professionelle Distanz war wichtig, das hatte Joshua im Seminar immer betont.


„Können Sie denn weiter gar nichts tun?“ drängte Richard Michaels. Schweißperlen standen auf seiner Stirn.


„Im Augenblick nicht“, sagte Joshua, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. „Aber ich hätte eine Frage an Sie. Auch wenn es als Motiv sehr nah liegt, können wir nicht zwingend davon ausgehen, daß Trisha aus finanziellen Motiven entführt wurde. Haben Sie Feinde? Wäre es denkbar für Sie, daß Trisha aus einem anderen Grund entführt wurde?“


„Jemand in meiner Position hat natürlich nicht nur Freunde. Aber ich kann mir nicht vorstellen ...“


„Ich mir schon“, unterbrach Joshua ihn. Die beiden musterten einander kritisch. Richard Michael hatte bislang versucht, den Raum mit seiner Präsenz zu dominieren. Das war er so gewöhnt. Aber Joshua ließ sich von diesem typischen Alphamännchen-Gehabe nicht einschüchtern. Andrea wußte noch nicht, was sie davon halten sollte. Vielleicht hatte Trishas Vater auch etwas zu verbergen.


„Gibt es irgendwo ein Foto von Trisha?“ fragte sie Detective Inspector Barley mit gesenkter Stimme.


„Ja, sicher. Warum interessiert Sie das?“


Fragend runzelte Andrea die Stirn. „Ich will nur wissen, wen wir hier eigentlich suchen!“


Barley reichte Andrea ein Foto vom Kaminsims an der gegenüberliegenden Wand. Das blonde Haar fiel Trisha auf der rechten Seite ins Gesicht, was ziemlich frech wirkte. Sie hatte klare, feine Züge, eine Stupsnase und einen hübschen Schmollmund. Trisha hatte sicherlich eine besondere Wirkung auf Männer, zumal sie etwas jünger aussah, als sie eigentlich war. Beinahe eine kleine Lolita.


Andrea versuchte, den reflexhaften Gedanken, daß vielleicht auch das ein Grund sein könnte, zurückzudrängen.


„Danke“, sagte sie zu Barley und betrachtete das Foto noch eine Weile. Als plötzlich Joshua hinter ihr auftauchte, erschrak sie.


„Du kannst dich doch nicht so hinterlistig anschleichen!“ sagte sie grinsend.


„Wollte ich nicht. Entschuldige. Woran denkst du?“


„Warum? Sollte ich etwas Bestimmtes denken?“


„Nun, weil du dir das Foto hast bringen lassen.“


„Wir müssen doch wissen, wer das Opfer ist, oder nicht?“ fragte Andrea verwirrt. „Oder ist es jetzt meiner Vorgeschichte zu verdanken, daß ich die einzige bin, die daran denkt?“


Für einen Moment sahen die beiden einander stumm an, bis Joshua den Kopf schüttelte. „Nein, natürlich nicht. Warum, hattest du den Eindruck?“


„Barley fand das vorhin seltsam.“


„Scheuklappen, weiter nichts“, sagte er achselzuckend.


„Wenn ich mir Trisha ansehe, denke ich fast, daß ihr Aussehen ein Grund sein könnte ... das ist doch verrückt.“ Kopfschüttelnd stellte Andrea das Foto wieder weg, nachdenklich beobachtet von Joshua.


„Ist es nicht“, sagte er. „Daß du alles in Betracht ziehst, spricht dafür, daß du keinen Tunnelblick hast.“


Andrea lächelte kurz. Sie hoffte so sehr, daß sie etwas zu den Ermittlungen beitragen konnte, denn sie wollte Joshua nicht enttäuschen.


Richard Michaels lief wie ein gefangenes Tier im Wohnzimmer herum. Gordon sprach leise mit Mrs. Michaels, die mehr als angespannt dasaß und bei jedem kleinen Geräusch zusammenzuckte.


Andrea versuchte, sich vorzustellen, was Trishas Entführung wohl für sie bedeutete. Ein wohlbehütetes Mädchen aus reichem Hause; das einzige Kind des Paares. Trishas Mutter wirkte sehr viel mitgenommener als ihr Mann, was unzählige verschiedene Gründe haben konnte. Noch kannte Andrea die Leute nicht gut genug, um sich eine Meinung bilden zu können. Vielleicht standen Mutter und Tochter sich näher. Vielleicht neigte die Mutter auch zu überbehütendem Verhalten. Möglicherweise war der Vater als erfahrener Geschäftsmann auch einfach geübter darin, seine Gefühle zu verbergen.


Sie warf einen Blick auf die Uhr. Inzwischen war es kurz nach halb elf. Bislang hatte niemand angerufen.


„Josh“, sagte sie.


„Hm?“ Er drehte sich zu ihr um.


„Vielleicht ist das eine dumme Frage, aber wie lang dauert es denn normalerweise, bis ein Entführer sich meldet? Gibt es da einen, sagen wir, statistischen Durchschnitt?“


„Bestimmt“, erwiderte er grinsend. „Wenn, dann kenne ich ihn nicht. Wir fragen uns das jetzt, weil wir diese Ungewißheit nur schlecht aushalten und gern wüßten, woran wir sind. Für die Täter stellt sich das wahrscheinlich anders dar. Sie müssen Trisha erst mal verstecken und haben es nicht zwangsläufig eilig, sich zu melden.“


Mr. Michaels ließ seine Gereiztheit an jedem aus, der sich gerade anbot. Er hielt die Untätigkeit nicht aus. Das konnte Andrea ihm nicht verdenken, denn das war nur schwer zu ertragen. Der Mann wollte alles wissen, über jede noch so kleine Entscheidung informiert werden. Mrs. Michaels hingegen hielt sich aus den meisten Diskussionen heraus. Sie vertraute der Polizei mehr und war froh darüber, daß sie sich an Gordon halten konnte.


Gern hätte Andrea mehr über das Ehepaar und auch über Trisha erfahren und überlegte, ob es der passende Zeitpunkt war, eine belanglose Plauderei zu beginnen. Schließlich entschied sie sich dafür, denn jede Ablenkung tat gut.


Sie setzte sich Gordon und Trishas Mutter gegenüber und wagte einen ersten Vorstoß. „Erzählen Sie uns doch von Trisha.“


Ein flüchtiges Lächeln huschte über Ellen Michaels‘ Lippen. „Was soll ich erzählen? Daß mein letztes Gespräch mit ihr ein Streitgespräch war?“


„Sie ist siebzehn“, sagte Gordon und wollte noch etwas hinzufügen, aber Mrs. Michaels nutzte die entstandene Pause.


„Ich weiß, das ist normal, aber sie versteht nicht, daß wir uns Sorgen machen!“


„Worum ging es denn?“ fragte Andrea.


„Um ihren Freund. Seit fünf Monaten trifft sie sich regelmäßig mit einem Jungen, Andrew. Er ist neunzehn. Wir wollen nicht, daß sie seinetwegen die Schule vernachlässigt.“


„Besteht denn Anlaß zur Sorge?“ fragte Gordon.


„Es sind die üblichen Probleme“, sagte Mrs. Michaels. „Trisha tut nichts für die Schule, kommt nicht pünktlich nach Hause und will bei ihm übernachten!“


„Ist er ihr erster Freund?“


„Nein, das nicht. Aber sie führt sich auf, als sei er es. Er ist Musiker. Spielt in einer Band. Lebt in den Tag hinein ... Sie hat ihn auf einem Konzert kennengelernt.“


Andrea verstand. Der Junge war nicht eben das, was die Eltern sich für ihre Tochter vorstellten. Vorzugsweise sagte sie nichts dazu, wurde aber in diesem Moment auf Joshua und Mr. Michaels aufmerksam. Sie erhoben die Stimmen.


„Es ist wichtig, daß Sie respektvoll bleiben, auch wenn Ihnen verständlicherweise nicht danach ist. Doch zuallererst müssen Sie darauf bestehen, daß wir ein Lebenszeichen von Trisha bekommen!“ sagte Joshua eindringlich. Er wollte dem Vater Tips für das Telefonat mit den Entführern geben. „Fragen Sie danach und erkundigen Sie sich nach den Forderungen.“


„Was soll das bringen? Denken Sie, ich weiß nicht selbst, wie man telefoniert?“ schnappte Richard Michaels zurück.


„Doch, das schon, aber im Gegensatz zu Ihnen habe ich schon solche Fälle betreut. Es gibt einiges, was man dabei beachten sollte!“


„Lassen Sie mich mit dem Unfug zufrieden!“


Joshua verzog die Lippen, bewahrte jedoch Ruhe. „Es geht mir nur darum, Ihre Tochter zurückzubringen!“


„Richard, sie wollen uns helfen!“ erinnerte seine Frau ihn ungehalten. „Vielleicht solltest du es dir anhören!“


„Ich kann einfach nicht glauben, was passiert ist! Trisha wurde entführt, Edmund ist tot - das ist doch verrückt!“


„Beruhigen Sie sich“, mahnte Joshua. Richard Michaels stapfte davon, Joshua gesellte sich kopfschüttelnd sich zu den anderen. Andrea konnte sich vorstellen, daß diese Situation Trishas Vater nicht sehr behagte. Diesmal hatte er nicht das Sagen. Diesmal kontrollierte er nichts.


Die Zeit verstrich unfaßbar langsam. Zwischendurch erfuhren sie, daß das kleine Auto, das in den Unfall verwickelt war, einige Tage zuvor gestohlen wurde. Die Spurensicherung war noch dabei, die Limousine zu untersuchen.


Genervt ging Joshua zwischendurch mehrmals rauchen. Sein einziges Laster, wie er immer wieder sagte. Davon konnte er einfach nicht lassen. Dabei lebte er ansonsten eher asketisch. Die Arbeit war sein Leben - er war Teamleiter, Ermittler, bildete selbst Profiler aus. Seine Woche hatte selten unter 60 Stunden. Nur eine Familie hatte er nicht. Nicht, weil er nicht wollte, doch dafür blieb bei seinem Pensum keine Zeit.


Einen letzten Versuch startete er noch, mit Richard Michaels zu reden - vergebens. Andrea kam sich in diesem Moment so nutzlos vor. Sie alle standen nur herum, die Polizisten eingeschlossen. Aber das war die Realität. Profiler betrachteten keinen Tatort und hatten eine Art Flashback, so wie das Kino es gern zeigte. Sie konnten auch keine Ereignisse vorhersagen. Das wollte Andrea aber auch gar nicht. Sie wollte helfen, die schlimmsten Verbrechen aufzuklären und die Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Das hatte sie schon seit langem interessiert. In ihrer Heimat Deutschland hätte sie jedoch längst nicht so leicht Profilerin werden können wie in England.


Die Haushälterin klopfte und betrat mit hastigen Schritten das Wohnzimmer. In der Hand hielt sie einen großen Pappumschlag von einem Kurierdienst. Inzwischen war es viertel vor eins.


„Mr. Michaels“, sagte sie und steuerte auf ihn zu. „Das wurde gerade für Sie abgegeben.“


Barley war sofort hellwach. „Wer hat das abgegeben? Ist derjenige noch hier?“


„Das war so ein Kurierfahrer, der ist schon wieder weg ...“


„Hinterher!“ rief Barley und scheuchte vier Beamte aus dem Wohnzimmer. „Los, los, los! Wir müssen mit dem Mann reden! Wo hat er das her?“


Atemlos drehte er sich zu der Haushälterin um und hielt sie davon ab, Richard Michaels den Umschlag zu geben. Barley zog sich Handschuhe an, bevor er den Umschlag nahm. Eine CD-Hülle lag darin.


„Mal was anderes“, murmelte Joshua.


„Wieso?“ fragte Andrea.


„Die Entführungen, mit denen ich bislang zu tun hatte, liefen fast alle über Telefonkontakt.“


Der Inspector legte die DVD aus der Hülle ins Laufwerk des Laptops, der vor dem Techniker stand, und überließ ihm den Rest. Die anderen scharten sich wartend hinter dem Techniker zusammen. Ellen Michaels zitterte; Gordon redete beruhigend auf sie ein.


Auf dem Bildschirm erschien ein schwarzes Videofenster. Als der Techniker auf Abspielen klickte, folgte ein farbiges Bild.


Trisha saß in einem dunklen Raum vornübergebeugt auf einem Stuhl, allem Anschein nach gefesselt. Ihre Arme waren nicht zu sehen, an ihrer Schläfe klebte Blut. Ihre Haare standen wirr ab, ihr Gesicht war verweint, ihr Blick wirkte gehetzt. Sie trug eine Schuluniform, war augenscheinlich wohlauf. Außer ihr war nichts zu sehen. Sie wurde von der Seite mit einer Lampe beleuchtet. Ein kalter Schauer überlief Andrea bei diesem Anblick. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und zog die Schultern hoch. Im Augenwinkel bemerkte sie Joshuas Blick auf sich, reagierte jedoch nicht.


„Hallo Mum, hallo Dad“, begann Trisha mit erstickter Stimme zu sprechen, von Schluchzern unterbrochen. „Wahrscheinlich wißt ihr schon, daß ich entführt worden bin ... Es geht mir gut. Damit das so bleibt, müßt ihr tun, was sie sagen ...“


Sie ließ den Kopf hängen und schniefte. Andrea war klar, daß die Entführer sie in Szene gesetzt hatten, doch Trishas Angst war definitiv echt. Die Härchen auf ihrem Arm stellten sich auf.


Trisha fuhr stockend fort. „Das Lösegeld beträgt sechs Millionen Pfund in unmarkierten Hundert-Pfund-Scheinen. Du mußt es bis morgen Mittag besorgen, Dad. Dann lassen sie mich wieder frei. Wenn du das tust, was sie sagen, dann passiert mir nichts ...“ Zitternd schaute sie auf und holte tief Luft. „Nicht wie Edmund ... Sie sagen, daß sie mir weh tun, wenn ihr ... wenn ihr nicht tut, was sie sagen. Ihr müßt alles befolgen, wenn ihr ...“ Das Mädchen sank wieder in sich zusammen. „Wenn ihr mich nicht in Stücken zurückhaben wollt ...“


Ausgerechnet an dieser Stelle endete die Aufnahme. Das entsetzte Schluchzen von Trishas Mutter erfüllte den ganzen Raum. Gordon führte sie zum Sofa und versuchte, sie zu beruhigen. Trishas Vater hatte den Kopf in die Hand gestützt und gab nicht zu erkennen, was er dachte. Andrea setzte eine ähnlich undeutbare Miene auf, obwohl sie zutiefst entsetzt war. Das sollte aber niemand merken. Solche Anblicke gehörten zu ihrem Beruf, waren fortan ihr täglich Brot. Und trotzdem war das für sie nicht einfach nur Routine. Das würde es auch niemals werden.


„Die wissen, daß wir hier sind“, stellte Barley nüchtern fest.


„Das ist auch nicht sonderlich schwer zu erraten, schließlich haben sie den Fahrer erschossen und uns damit alarmiert“, sagte Joshua.


„Die Aufnahme geht zur Forensik und wenn die Kollegen den Kurierfahrer finden, dann grillen wir den ein bißchen, bis wir wissen, wo die Aufnahme herkommt.“


„Sie glauben doch nicht im Ernst, daß die Entführer dem Kurier die Aufzeichnung persönlich in die Finger gedrückt haben, oder?“ Skeptisch runzelte Joshua die Stirn.


„Nein, das glaube ich nicht, aber wir müssen es überprüfen.“ Barley machte ein unschlüssiges Gesicht. „Was denken Sie, womit haben wir es zu tun?“


„Darf ich nochmal sehen?“ fragte Joshua.


„Sicher.“ Der Techniker startete die Aufnahme erneut. Joshua und Andrea stellten sich mit dem Inspector hinter den Mann und schauten zu. Diesmal fiel es Andrea ein wenig leichter, der Aufnahme mit dem vollkommen verängstigten Mädchen zuzusehen. Es gelang ihr diesmal besser, die Vorstellung dessen auszublenden, wie Trisha sich fühlte.


„Willst du?“ fragte Joshua sie, als die Aufnahme erneut zuende war.


Im ersten Moment war in Andreas Kopf unter dem Eindruck der verängstigten Trisha wie leer. Zwar hatte sie sich beim Ansehen Gedanken gemacht, aber bisher hatte Joshua das Wort geführt. Das war ihr auch recht gewesen, aber nun, da sie gefragt war, wollte sie auch eine sinnvolle Antwort geben.


„Das ist kein Dialog“ sagte sie, einem unbestimmten Gedanken folgend. „Du hast vorhin gesagt, das läuft normalerweise über Telefonkontakt. Das ist hier nicht so. Zwar kann das ganz profane Gründe haben, aber es sagt mir, daß die Entführer es gar nicht für nötig erachten, hier anzurufen und sozusagen um ein Lösegeld zu bitten. Nein, sie filmen Trisha und treten selbst gar nicht in Erscheinung. Das ist natürlich clever, weil wir so nichts über sie erfahren. Aber damit zeigen sie sich auch stark und dominant. Sie werfen uns die Tatsache vor die Füße und lassen uns damit allein.“


„Richtig. Die gehen gar nicht davon aus, daß Mr. Michaels das Geld nicht besorgt“, stimmte Joshua zu.


„Wie der Inspector vorhin sagte: Sie wissen, daß wir hier sind. Es ist ihnen auch egal. Allerdings verschleiern sie sich. Sie treten nicht in Erscheinung und sie haben Trisha auch nichts sagen lassen, was irgendwie auf sie hindeuten könnte. Sie hat zwar im Plural von ihnen gesprochen, aber das ist alles. Sie hat gesagt, was ihr eingetrichtert wurde. Die signalisieren uns mit allem: Wir haben das Sagen. Und trotzdem verzichten sie nicht auf einschüchternde Drohungen.“


„So ist es.“ Joshua nickte ihr zu, so daß ihr nervöses Herzklopfen allmählich nachließ. Sie war erleichtert, trotz ihrer Betroffenheit keinen Unsinn erzählt zu haben.


Barley musterte die Profiler interessiert. „Was sagt uns das?“


„Daß unsere Vermutungen stimmen“, sagte Joshua. „Es sind mehrere, und es sind Profis. Was die machen, ist rein zweckgebunden. Ich wette, die haben sich ein ausgeklügeltes Szenario für die Geldübergabe überlegt und wir tun gut daran, das Geld zu besorgen und es bereitzustellen. Ich würde vermuten, daß diese Männer sehr ungehalten reagieren, wenn wir etwas tun, was ihnen nicht gefällt oder wenn sie ihr Geld nicht bekommen.“


„Ich besorge das Geld“, sagte Richard Michaels von der Seite. „Das ist nicht das Problem. Wenn ich meine Tochter zurückbekomme, werde ich bezahlen. Ich will kein Risiko eingehen!“


„Das möchte niemand, Mr. Michaels. Aber wir müssen versuchen, diese Männer zu finden!“ sagte Barley.


„Damit sollten wir aufpassen. Wenn die merken, daß wir an ihnen dran sind ...“ Joshua brachte den Satz nicht zuende. Üblicherweise hatte die Polizei etwas dagegen, daß gezahlt wurde und untätig verhielt sie sich auch nicht gern. Aber mit diesen Entführern war nicht zu spaßen.


Barley erkundigte sich, ob die Profiler die Aufzeichnung noch behalten wollten, doch als sie verneinten, nahm er die DVD aus dem Laufwerk, packte sie ein und bat einen der übrigen Kollegen, sie zu den Technikern der Polizei zu bringen.


In diesem Augenblick kehrten die übrigen Männer zurück. Im Schlepptau hatten sie einen eingeschüchterten Mann in Radlerhose und Trainingshemd - der Kurier. Alle wirkten verschwitzt und gehetzt.


„Was ist hier überhaupt los?“ fragte der Kurierfahrer, als er die Szene im Wohnzimmer erblickte.


„Sie haben vorhin eine wichtige Nachricht überbracht.“ Barley suchte nach der Verpackung. „Dieses Paket. Wo haben Sie das in Empfang genommen?“


„Dieses Paket?“ Der Mann war erstaunt.


„Wo kam das Paket her?“ drängte Barley ungeduldig.


„Das? Das steckte zwischen einigen anderen, die ich vor etwa einer halben Stunde in der Bank of England entgegengenommen habe.“


„Das ist nicht ihr Ernst!“ rief Richard Michaels.


Erstaunt sah der Kurier ihn an. „Doch, warum fragen Sie?“


Die Antwort war klar, bevor Mr. Michaels sie aussprach. „Das ist mein verdammter Arbeitsplatz! Die haben das in die Hauspost gesteckt?“


Barley fuhr sich durchs Haar. „Entweder ein gerissener Trick ... oder die Entführer stammen aus Ihrem Umfeld.“ Er wandte sich an den Kurierfahrer. „Danke. Geben Sie einem meiner Kollegen noch Ihre Daten, dann können Sie gehen.“


Der Mann nickte ihnen zu und verschwand. Das Schweigen im Wohnzimmer war so eindringlich, daß Andrea sich unbehaglich fühlte.


„Jetzt fährt bitte jemand zur Bank und klärt, wie das passieren konnte.“ Barley seufzte. „Besteht die Chance, daß es Überwachungsaufnahmen gibt, die uns zeigen, wer das abgegeben hat?“


Richard Michaels zuckte mit den Schultern. „Nur der Bereich, den Kunden betreten, wird videoüberwacht ...“


Jeder im Raum konnte sich denken, daß keine Videoaufnahme etwas zeigen würde, was helfen konnte. Wer schon auf die Idee kam, das in die Hauspost zu geben, der ließ sich nicht filmen.


„Das ist die Nadel im Heuhaufen!“ klagte Barley.


Richard Michaels nickte. „Allerdings. Wenn man jetzt noch an alle ehemaligen Mitarbeiter denkt ... oder die Reinigungskräfte ...“


Die Polizisten warfen den Profilern erwartungsvolle Blicke zu, die Joshua zu ignorieren versuchte. Man erwartete von ihnen, daß sie die Verdächtigen eingrenzten.


„Entschuldigen Sie uns“, sagte Joshua und gab Andrea zu verstehen, daß sie ihm folgen sollte. Sie tat es kommentarlos und verließ mit ihm gemeinsam das Haus. Draußen auf der Treppe suchte Joshua in seinen Taschen nach seinen Zigaretten und steckte sich eine an.


„Ich muß hier allein mit dir überlegen. Die sind alle derart auf uns fixiert, daß sie sich auch auf jede noch so irrige Überlegung wie die Fliegen stürzen würden“, sagte er zwischen zwei Zügen.


„Wahrscheinlich“, stimmte Andrea zu.


„Ich habe keine Ahnung, wie wir es eingrenzen sollen. Wie paßt das zusammen, Menschen mit solch krimineller Energie, die aber anscheinend eine Verbindung zu Richard Michaels haben? Und wenn sie über fünf Ecken geht, aber es muß sie geben. Sie sind zumindest kreativ genug, sich zu überlegen, diese Nachricht in die Hauspost der Bank of England zu schmuggeln. Sie wissen, wo sich die Post befindet und wann sie abgeholt wird. Und sie tun sich das alles an, obwohl sie auch telefonieren könnten. Sie wollen uns mit diesem Video vermitteln, daß sie das Sagen haben und skrupellos sind.“ Joshua blies Rauch in die Luft. „Das ist nicht sonderlich ermutigend.“


„Es muß etwas Persönliches sein“, sagte Andrea. „Die Hauspost und die demonstrativ gezeigte Brutalität - die wollen ihn damit treffen.“


„So sieht es aus.“


„Wir müssen ihn fragen, ob er sich vorstellen kann, wer dahinterstecken könnte. Wie sollten wir das genauer eingrenzen?“


„Daß die Täter männlich sind, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen. Allein die Statistik spricht dafür, doch ihr Vorgehen untermauert es. Wahrscheinlich sind sie jung, unter vierzig.“


„Wie kommst du darauf?“ fragte Andrea.


„Ist so ein Gefühl. Dieser ganze aufwendige Plan ... es gehört viel Energie dazu, das umzusetzen und durchzuziehen. Es wirkt durchdacht, aber nichtsdestotrotz impulsiv.“


„Also suchen wir jemanden mit krimineller Vergangenheit, der irgendwie eine Verbindung zur Bank of England hat?“ folgerte Andrea. Das klang nicht sehr beeindruckend; darauf wären die Polizisten vermutlich noch allein gekommen.


„So ist es. Mehr können wir jetzt auch nicht tun oder dazu sagen. Verdächtige ausfindig zu machen, ist Aufgabe der Polizei. Wir grenzen das nur ein.“ Nachdenklich blickte Joshua auf seine Zigarette. „Nicht sehr spektakulär, ich weiß. Hätten die Entführer angerufen, wären wir jetzt schlauer.“


Frustriert steckte Andrea die Hände in die Hosentaschen und zog die Schultern hoch. Joshua trat den Zigarettenstummel aus und kehrte ins Haus zurück. Andrea folgte ihm unschlüssig und stand nur daneben, als er der Polizei ihre nicht besonders aufschlußreichen Schlußfolgerungen vorstellte. Barley war zwar enttäuscht, kommentierte es jedoch im Gegensatz zu Richard Michaels nicht weiter.


„Ihnen fällt nichts Besseres ein, als mit dem Finger auf mich zu zeigen? Bin ich es schuld, daß meine Tochter entführt wurde?“ schnaubte er.


„Nein“, entgegnete Joshua seelenruhig. „Ich gebe nur zu bedenken, daß eine Verbindung zu Ihnen bestehen könnte.“


„Wir kümmern uns drum“, sagte Barley. Eine Minute später hing er am Telefon und trug Sorge dafür, daß alle aktuellen und ehemaligen Angestellten der Bank genau durchleuchtet wurden - inklusive dessen, was man in der kurzen Zeit über ihre Angehörigen herausfinden konnte.


Dennoch machten sie sich keine allzu großen Hoffnungen, daß sie etwas fanden, was Trisha half. Was, wenn eine Sekretärin einen kriminellen Lebensgefährten hatte, von dem niemand wußte? Sie durften nicht darauf hoffen, daß sie die Verbindung so bald fanden - wenn überhaupt.


Der Blick auf die Uhr verriet Andrea, daß es inzwischen kurz vor drei war. Richard Michaels hatte irgendwann das Wohnzimmer verlassen, während Gordon Trishas Mutter in ein Gespräch über ihre Tochter verwickelte. Joshua wirkte beim Warten geduldiger, als er eigentlich war. Andrea hatte bereits herausgefunden, daß er sehr beherrscht war, nie seine Professionalität vergaß. Er war nicht nur ihr Mentor, sondern insgesamt ein Vorbild für sie.


Das untätige Herumstehen machte sie verrückt. Aber sie konnten überhaupt nichts tun. Wie mußten sich da die Eltern fühlen?


Plötzlich hatte Andrea eine Idee. „Kann ich ihr Zimmer sehen?“ fragte sie an Trishas Mutter gewandt. „Ich würde mir gern ein Bild davon machen, was für ein Mensch Trisha ist.“


„Natürlich“, sagte Mrs. Michaels und erhob sich. „Kommen Sie.“


Die beiden Frauen verließen das Wohnzimmer. Mrs. Michaels begleitete Andrea schweigend über Gänge und Treppen in Trishas Zimmer. Als sie die Zimmertür öffnete, offenbarte sich ein Mikrokosmos, der in diesem Elternhaus völlig deplatziert wirkte. Von außen schien die Tür unauffällig, aber innen klebte ein riesiges Poster von Marilyn Manson. Das hatte Andrea nicht erwartet. Über dem Bett hing ein Panoramaposter von einer Südseeinsel. An der gegenüberliegenden Wand entdeckte sie ein Poster von Green Day.


Es war ein Zimmer voller Gegensätze. Die schwarze Satinbettwäsche war verziert mit roten Rosen, neben dem Bett in einer Nische stand ein Frisiertisch, über dem ein großer Spiegel hing. Allerhand Kosmetikartikel lagen über den Tisch verstreut. Andrea drehte sich um und schaute wieder auf Marilyn Manson.


„Was sagt Ihnen das?“ fragte Mrs. Michaels.


„Es ist sehr ambivalent. Kitschige Rosen, Make-up und auf der anderen Seite Poster von Rockbands.“


„Die hängen nicht erst seit gestern hier. Andrew hat das jedoch verstärkt.“


Andrea ließ sich von Ellen Michaels‘ Anwesenheit nicht stören und ging hinüber zum Schreibtisch. Ein großer Flachbildschirm stand darauf, unter dem Tisch verbarg sich ein Apple-Computer. Das war ein Statussymbol. Neben dem Schreibtisch entdeckte sie Trishas CDs. Sie hörte hauptsächlich Rockmusik, besaß eine beachtliche Sammlung.


Auf dem Schreibtisch standen in mehreren Reihen Bilderrahmen. Andrea betrachtete jedes Foto genau. Trisha mit Freundinnen, Trisha im Urlaub, Trisha mit ihren Eltern, als sie noch jünger gewesen war. Damals hatte sie typische Mädchenkleidung getragen - bunt, viel Pink, Schmuck, aufwendige Frisuren. Auf den jüngeren Fotos offenbarte sich ein ganz anderes Bild. Auf einem stand sie vor einer Konzerthalle, die Eintrittskarten in der Hand, bekleidet mit einer Armeehose und einem knallengen, schwarzen Top.


Ganz vorn stand ein großes Foto, das sie mit einem jungen Mann zeigte. Sie hatte ihn von hinten umarmt und strahlte übers ganze Gesicht. Er hatte dunkle, halblange Haare und trug einen Kapuzenpullover. Andrea erschien er nicht besonders auffällig, aber für Trishas Eltern mußte er wie ein Vagabund aussehen.


Sie öffnete den Kleiderschrank. Alle Sachen lagen ordentlich darin, der Schrank wirkte voll. Wahrscheinlich fehlte wirklich nichts.


In einem kleinen Fach fiel Andreas Blick auf die Unterwäsche. Sie war normal, nicht weiter auffällig, aber was ihr zu denken gab, war der Umstand, daß sie nicht besonders viel Unterwäsche vorfand. Sie hatte einen Verdacht, dem sie jetzt allerdings nicht nachgehen wollte. Schweigend schaute sie in ein Regal neben dem Schreibtisch. Mehrere kleine Boxen standen darin, die ihre Neugier auf sich zogen. Unter den Argusaugen von Trishas Mutter holte sie die Kisten hervor und spähte hinein. Fotos, kleine Zettel, alte Konzert- und Kinokarten, nichts besonderes. In der zweiten Kiste fand sie ein Tagebuch. Es war unverschlossen.


„Ist es in Ordnung, wenn ich mir das ansehe?“ fragte Andrea.


Mrs. Michaels nickte. „Ich wußte gar nicht, daß sie Tagebuch schreibt.“


Andrea schlug es hinten auf und achtete auf das Datum des letzten Eintrags. Er war drei Tage zuvor verfaßt worden. Trisha schrieb über Ärger mit einem Lehrer, ihre Vorfreude auf ein Treffen mit Andrew und den Wunsch, am folgenden Wochenende ins Kino zu gehen.


Sie hatte Pläne gemacht. Normale Pläne. Und jetzt schwebte sie in Lebensgefahr.


Andrea überflog auch die anderen Einträge. Trisha schrieb über die verschiedensten Dinge - ein Gespräch mit einer Freundin, vor allem aber viel über Andrew und ihre Sorgen, weil ihre Eltern ihn nicht akzeptierten. Schließlich stieß sie auf einen Eintrag, der kitschig mit Herzen verziert war und mit dem Satz begann: Endlich ist es soweit! Ich bin keine Jungfrau mehr.


Andrea lächelte unwillkürlich. Trisha war ein völlig normaler Teenager. Sie beschrieb in blumigen Worten, wie sehr sie Andrew liebte und ihn vermißte.


Andrea klappte das Tagebuch zu und spähte noch in die anderen Schachteln. Mrs. Michaels starrte aus dem Fenster und rang um Fassung. Im nächsten Augenblick war Andrea froh darum, denn sie hatte etwas gefunden, das sie mindestens genauso intim fand wie Trishas Tagebuch. Es war die fehlende Unterwäsche, die ihren Verdacht bestätigte. Trisha bewahrte sie in einer Schachtel auf - teure Sets aus schwarzer Spitze; hübsche Dessous. Wenig verwunderlich, daß sie nicht im Schrank lagen, wo ihre Mutter sie finden konnte. Das war zu privat für ein junges Mädchen. Andrea schloß die Schachtel wieder und stellte sie weg.


„Was machen die mit meinem Kind?“ fragte Mrs. Michaels ins allgemeine Schweigen hinein.


Andrea drehte sich zu ihr um. „Wenn sie schlau sind, behandeln sie Trisha gut. Das Video sollte nur dramatisch aussehen, um Sie einzuschüchtern. Das ist ein Trick.“


„Wie können Sie sicher sein?“


„Ich habe solche Fälle studiert. Leider können mein Kollege und ich hier gerade nicht besonders viel ausrichten, weil wir kaum Fakten kennen. Aber das, was ich bislang gesehen habe, verrät mir, daß diese Männer zwar brutal und skrupellos, aber alles andere als dumm sind. Wenn sie bekommen, was sie wollen, lassen sie Trisha unversehrt frei.“


„Sie hat bestimmt solche Angst ...“ Ellen Michaels tupfte sich mit einem Taschentuch über die Augen. „Ich habe doch schon entsetzliche Angst um sie.“


„Das steckt Trisha bestimmt weg. Sie scheint eine stabile Persönlichkeit zu haben“, versuchte Andrea, die Mutter aufzumuntern.


„Ich fürchte die ganze Zeit, daß diese Männer ihr weh tun. Ich weiß, wie Männer sie ansehen. So, wie sie mich angesehen haben, als ich in ihrem Alter war. Und man hört doch so viel! Was, wenn das so ein verrückter Triebtäter ist?“ Wieder tupfte Ellen Michaels ihre Tränen ab und versuchte, nicht ihr Make-up zu ruinieren.


Andrea schüttelte den Kopf. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand sie da, zog die Schultern hoch und holte tief Luft. „Nein, solche Typen sind das nicht. Das paßt nicht.“


 


 


29. August, 8.45 Uhr

 


In Todesangst blickte sie auf. Der Mann hatte das letzte Paar Handschellen zuschnappen lassen und richtete sich nun vor dem Bett wieder auf. Er wirkte riesig. Einschüchternd. Im Zwielicht des Kellerraums erkannte Trisha fast nur seine Umrisse, und die auch nur durch einen Schleier aus Tränen. Wenigstens konnte sie jetzt wieder atmen.


Im Auto wäre sie fast erstickt. Unbeachtet von den Männern hatte sie Rotz und Wasser geheult, bis sie durch die Nase keine Luft mehr bekommen hatte. Erst durch ihr panisches Strampeln hatte der Mann neben ihr etwas bemerkt und ihr das Klebeband vom Mund gezogen. Allerdings nicht einfach so, sondern mit vorgehaltener Waffe. Er hatte ihr gedroht, sie zu erschießen, wenn sie auch nur einen Ton von sich gab.


Mit dem Bild des sterbenden Edmund vor Augen hatte Trisha keinen Laut von sich gegeben und einfach nur ruhig geatmet. Doch inzwischen hatten sie ihr den Mund wieder zugeklebt.


Sie hatten das alles gut durchdacht. An ihrem Ziel waren sie in eine Garage gefahren und hatten Trisha von dort aus in einen Keller geschleift. Einer der Männer hatte sie getragen, als habe sie kein Gewicht. Er hatte sie sich einfach über die Schulter geworfen wie einen Sack.


Niemand hatte gesehen, was mit ihr passiert war.


Und nun lag sie in diesem Kellerraum, mit allen Vieren an ein klappriges Bettgestell gefesselt, immer noch außer sich vor Angst. Das Wissen, sich nicht bewegen zu können, schnürte ihr die Kehle zu. In diesem Augenblick konzentrierte Trisha sich bloß aufs Atmen. Sie versuchte, nicht daran zu denken, daß da drei maskierte Männer mit ihr in einem Raum waren, denen sie vollkommen hilflos ausgeliefert war.


„War es eigentlich nötig, den Fahrer abzuknallen?“ fragte einer der beiden hinteren Männer scharf.


„Ich hatte ihn gewarnt. Er sollte sich nicht bewegen. Hat er aber doch gemacht“, erwiderte derjenige, der Trisha gefesselt hatte. Das war also Edmunds Mörder.


Trisha hatte Edmund immer gern gehabt. Er war so etwas wie ein Freund für sie gewesen. Und jetzt war er einfach tot. Brutal erschossen.


Unwillkürlich entrang sich ein leises Wimmern ihrer Kehle und sie schloß weinend die Augen. Sie hätte auch ohne den Mord an Edmund Angst vor den Männern gehabt, aber so war es um ein Vielfaches schlimmer.


„Du bist ein unfaßbarer Idiot! Das war einfach unnötig. Jetzt ist uns die Polizei viel früher auf den Fersen als geplant! Der Fahrer sollte in den Kofferraum und ...“ begann der hintere Mann, doch der andere schnitt ihm das Wort ab.


„Jetzt kann er wenigstens nichts ausplaudern! Meine Güte, daß das hier kein Spaziergang wird, war aber schon klar, oder?“


„Natürlich, aber es sollte niemand umgebracht werden!“


Derjenige, der Trisha gefesselt hatte, äffte seinen Kumpanen mit albernen Tönen nach, doch niemand reagierte darauf. Unruhig beobachtete Trisha die Männer. Daß sie einander nicht einig waren, machte ihr Angst.


Was, wenn einer der Männer durchdrehte?


Noch waren sie namenlose, dunkel gekleidete Gestalten für Trisha. Sie wollte auch gar nicht wissen, wer die Männer waren.


Jetzt wollte sie nach Hause.


„Kommt schon“, sagte der dritte, der bislang geschwiegen hatte. Gemeinsam verließen sie den Raum. Entsetzt blickte Trisha ihnen nach, plötzlich fürchtend, daß man sie allein zurückließ und vergaß. Sie stieß erstickte Laute aus und zappelte hilflos gefesselt, doch nur einer drehte sich kurz um, bevor er die Tür schloß.


Trisha wollte schreien und betteln, aber sie konnte nicht. Weil sie mit gespreizten Armen an das Bettgestell gefesselt war, hatte sie keine Chance, an das Klebeband auf ihrem Mund zu kommen. Das schaffte sie nicht.


Genau das hatte ihr Dad immer verhindern wollen - daß ihr etwas zustieß. Daß sie entführt wurde. Geholfen hatte es nicht.


Plötzlich war es totenstill in dem Kellerraum. Trisha hielt inne und als ihre erste kopflose Panik nachgelassen hatte, machte sie sich daran, den Raum in Augenschein zu nehmen.


Das Bettgestell befand sich an der Wand, die der Tür gegenüberlag. In Trishas Sichtfeld stand ein klappriger Stuhl, auf dem Boden vor dem Bett lag eine Lampe. Dorther kam das Licht.


Mehr gab es nicht zu sehen. Nichts außer kahlen, grob verputzten Wänden und der Tür. Ein Fenster gab es nicht.


Für einen Augenblick glaubte sie, Platzangst zu bekommen. Aber als sie sich wieder aufs Atmen konzentrierte, ließ der Druck auf ihrem Brustkorb nach.


Sie mußte die ganze Zeit an Edmund denken. Wie unbefangen sie mit ihm geplaudert, noch vor einer Stunde an so banalen Unsinn wie einen Französischtest gedacht hatte.


Dann der Knall. Edmund, der zu Boden ging. Der Ausdruck in seinen Augen ... Er war tot. Das war so sinnlos.


Sie drehte den Kopf zur Seite und blickte zur Tür. Die Männer würden doch irgendwann wiederkommen? Ihr etwas zu trinken und zu essen geben und sie losbinden, wenn sie pinkeln mußte?


Sie mußte pinkeln. Höllisch dringend. Fast hätte sie sich schon im Auto vor Angst in die Hose gemacht.


Ihr Kopf schmerzte. Die Haare klebten an der Stelle, wo sie mit dem Kopf aufgeschlagen war, an ihrer Haut. Da war Blut getrocknet.


Hoffentlich taten sie ihr nicht mehr weh.


Verzweifelt dachte sie an ihren Freund Andrew. Sie hatte ihn auf einem Konzert kennengelernt. Seine aufgeweckte, ungezwungene Art hatte ihr gefallen. Da sie in Armeehose und Kapuzenpulli vor ihm gestanden hatte, hatte er auch nicht gemerkt, wer sie war. Das hatte sie ihm erst erzählt, als er vorgeschlagen hatte, sich ihren Eltern vorzustellen. Das war ihm wichtig. Er hatte tolle Manieren und kannte sich in der normalen Welt aus. Mit Mutter und Stiefvater wohnte er in einem kleinen Reihenhaus und war Gitarrist einer kleinen Rockband, die auf den großen Durchbruch hoffte.


Von Anfang an hatte er Trisha so genommen, wie sie war. Ihr Hintergrund hatte ihn nicht abgeschreckt und interessierte ihn auch nicht. Er interessierte sich nur für sie persönlich und hatte ihr immer ein Gefühl von Liebe und Geborgenheit gegeben.


Beim Gedanken an Andrew kamen ihr erneut die Tränen. Sie haßte sich dafür, weil sie nicht ständig heulen wollte, aber sie hatte Angst. Ihr war kalt. An der Schulter juckte es ganz fürchterlich, aber gefesselt konnte sie sich nicht kratzen. Deprimiert starrte sie an die Decke und hoffte, daß diese Männer sie nicht töteten. Nicht wie Edmund ...


Was würde jetzt passieren? Hoffentlich ließen die Männer sie frei, wenn sie bekamen, was sie wollten.


Jede Minute zog sich endlos hin. Die Ungewißheit machte Trisha verrückt. Zwar wollte sie nicht, daß die Männer zurückkehrten, aber allein hatte sie auch Angst. Allein in einem düsteren Keller ...


Wenn sie ihr bloß nichts Schlimmes antaten. Und dabei dachte sie nicht nur daran, daß die Männer sie vielleicht töteten.


Sie schob den Gedanken beiseite und zerrte an den Handschellen. Allmählich wurden ihre Hände kalt und taub. Die ganze Zeit bewegungslos daliegen zu müssen, war quälend für sie. Und sie mußte doch unbedingt pinkeln.


Als die Tür geöffnet wurde, blickte sie hoffnungsvoll auf. Einer der Männer betrat mit einer Flasche Wasser, etwas Toilettenpapier und einem Eimer in der Hand den Raum und ließ die Tür offen. Er trug immer noch die Maske auf dem Kopf. So erkannte Trisha nicht viel von ihm, sah nur, daß er ein großer, muskulöser Mann war.


„Alles okay?“ fragte er. Trisha wußte nicht, was sie antworten sollte.


„Hier ist etwas Wasser für dich und du kannst pinkeln, wenn du mußt. Mußt du?“


Sie nickte hastig, so daß er alles abstellte und zu ihr kam. „Solltest du irgendeinen Unsinn machen, wirst du es bereuen. Ist das klar?“


Wiederum nickte sie. Sie hatte nicht vor, Ärger zu machen.


Nacheinander löste er die Handschellen und erlaubte ihr, das Klebeband abzunehmen. Trisha atmete befreit durch.


„Danke.“ Vorsichtig setzte sie sich auf und sah ihn zögerlich an.


„Hier.“ Er hielt ihr das Toilettenpapier hin.


„Kann ich alleine ... ich meine ...“ stammelte sie verlegen.


Bevor er antworten konnte, tauchte ein weiterer Mann auf. Anhand seiner Statur erkannte Trisha, daß er derjenige sein mußte, der sie gefesselt hatte.


„Wieso bist du schon allein hier und hast sie losgebunden? Bist du irre?“ pflaumte er seinen Kumpanen an.


„Mein Gott, jetzt stell dich nicht so an“, erwiderte der andere.


„Kein Risiko!“


„Sie ist kein Risiko ...“


„Weißt du das? Meine Güte!“ schnaubte der Mann und wandte sich zu Trisha. „Na los, worauf wartest du?“


Mit großen Augen erwiderte sie seinen Blick. „Ich kann doch nicht ...“


„Du pinkelst so oder gar nicht, ist das klar?“ schnitt er ihr das Wort ab.


Hilflos blickte Trisha zu den Männern, doch der Nette, der zuerst gekommen war, sagte nichts. Sie schluckte hart und schämte sich schon jetzt in Grund und Boden.


„Können Sie sich wenigstens umdrehen?“ fragte sie kaum hörbar. Vor lauter Angst wagte sie nicht, lauter zu sprechen.


„Na gut“, sagte der zweite Mann gönnerhaft. Nahe der Tür drehten sie sich um.


Trisha schluckte wieder, aber dann hockte sie sich über den Eimer, schloß die Augen und versuchte, an nichts zu denken. Nicht daran, daß sie entführt worden war und da zwei Männer vor ihr standen, während sie ...


„Wird‘s bald?“ schnauzte der Mann.


Mühsam kämpfte sie mit den Tränen. „Ich kann nicht! Moment ...“


„Liebe Güte“, stöhnte er, aber sie warteten ab. Wenigstens drehten sie ihr immer noch den Rücken zu.


Endlich konnte sie pinkeln. Hastig und zitternd tastete sie nach dem Toilettenpapier und zog sich so schnell sie konnte wieder an. „Fertig.“


„Na endlich. Dann komm her. Setz dich auf den Stuhl.“


Der nette Mann holte den Eimer und brachte ihn aus dem Zimmer, während der andere Trisha mit einem weiteren Paar Handschellen in der Hand erwartungsvoll ansah. Sie überlegte kurz, was wohl passierte, wenn sie nicht gehorchte. Aber dann ließ sie den Gedanken wieder fallen und setzte sich auf den Stuhl.


Der nette Mann war zurück, als der andere ihre Arme über die Stuhllehne auf ihren Rücken zog und fesselte. Er tat es so, daß sie an der Stuhllehne festgebunden war und vornübergebeugt dasaß. Keuchend blickte sie auf. Jetzt hatte der nette Mann eine Kamera in der Hand. Der andere kniete gleich vor ihr, packte sie an den Haaren und drückte ihren Kopf in den Nacken.


„Also, folgendes, Trisha: Wir werden deinem Vater ein Video von dir schicken, in dem du ihm erklärst, was wir von ihm verlangen. Hörst du auch gut zu?“


„Mhm“, machte sie ängstlich und nickte, als er sie losließ.


„Gut. Du sagst deinen Eltern, daß du entführt wurdest und es dir gut geht. Wenn sie wollen, daß das so bleibt, dann müssen sie für deine Freilassung sechs Millionen Pfund bezahlen. Das Geld muß morgen Mittag da sein. Wenn deine Eltern Ärger machen, das Geld nicht da ist oder sonstwas, werdet ihr es alle bereuen. Wir haben keine Skrupel, dir weh zu tun. Klar? Sie müssen spuren, wenn sie dich nicht in Stücken zurückhaben wollen! Verstanden?“  


Unter Tränen blickte Trisha zu ihm auf und schluckte. „Was?“


„Verdammt, bist du taub? Hast du alles verstanden?“


„Ich ... ich kann das nicht ...“ stammelte sie.


Er stöhnte laut. „Also nochmal. Du wurdest entführt, es geht dir gut, deine Freilassung kostet sechs Millionen Pfund. Du gehst drauf, wenn sie nicht tun, was wir sagen. Also?“


„Ich hab Angst ...“


„Verdammt!“ brüllte er ihr ins Gesicht. „Kriegst du das hin?“


„Jetzt hör doch mal auf, sie anzubrüllen, sonst wird das nie was“, sagte der andere von hinten.


„Und du halt dich da raus!“ schnappte sein Kumpan über die Schulter. Er legte einen Finger unter ihr Kinn, bevor er sie eindringlich mit seinen kalten blauen Augen ansah. „Versuchst du es?“


„Okay“, sagte Trisha und nickte hastig. Der Mann trat zurück, woraufhin der andere ihr ein Zeichen gab, daß sie anfangen konnte. An der Kamera leuchtete ein kleines Lämpchen.


Zitternd blickte Trisha auf und versuchte, sich an das zu erinnern, was sie sagen sollte. In einzelnen Satzfetzen gab sie wieder, was ihr noch einfiel.


„Es geht mir gut. Damit das so bleibt, müßt ihr tun, was sie sagen ...“


Sie schaffte es nicht, in die Kamera zu sehen, weil sie sich so elend fühlte. Zumindest in diesem Moment. Ihre Angst war so groß, daß sie von selbst Edmund erwähnte und irgendwann doch flehend in die Kamera blickte, damit ihr Vater verstand, daß er alles tun mußte, um ihr zu helfen.


Schließlich fiel ihr nichts mehr ein, der Mann beendete die Aufnahme.


„Sehr schön!“ lobte der andere zufrieden und strubbelte ihr wie einem kleinen Kind durchs Haar. Unwirsch blickte sie zu ihm auf, als er die Handschellen wieder löste.


„Du bist ja ein richtiges Naturtalent, Trisha. Aber trotzdem mußt du dich jetzt wieder hinlegen.“


„Nein, bitte nicht“, sagte sie flehentlich. „Bitte nicht wieder fesseln, ich mache auch keinen Ärger ...“


„Halt die Klappe und leg dich hin!“ brüllte er. Trisha zuckte zusammen und stolperte rücklings zum Bett.


„Aber ich habe Durst ...“ murmelte sie.


„Okay, dann trink was. Setz dich, die Beine da unten hin. Los!“ herrschte er sie an. Auf dem Bett sitzend sah sie ihm dabei zu, wie er ihre Füße mit Handschellen unten am Bett festband, während sie trank. Der nette Mann stand daneben und sah zu.


„Fertig?“ fragte der andere. Als sie nickte, nahm er ihr die Flasche wieder weg. „Hinlegen. Arme hoch.“


„Nein, bitte ...“


Feindselig starrte er sie an. „Wenn du das nicht sofort tust, wirst du es bereuen!“


„Okay ...“ Ängstlich legte sie sich hin und beobachtete ihn mit wachsender Panik dabei, wie er sie erneut fesselte. Dann drehte er sich zu dem anderen um. „Das Klebeband. Wo ist es?“


„Moment.“


Der Mann stöhnte. „Muß man denn hier alles allein machen?“


„Reg dich ab, verdammt“, kam es von draußen.


„Und du sei nicht so vorlaut!“


Der Nette kehrte mit der Rolle Klebeband zurück, die der andere ihm eilig abnahm, um ein großes Stück davon abzureißen.


„Nein“, flehte Trisha mit erstickter Stimme. „Ich schreie auch nicht, bitte ...“


 


„Ist mir scheißegal“, sagte er, packte sie an den Haaren und drückte ihr mit der anderen Hand das Klebeband auf den Mund. Eine Träne löste sich aus Trishas Auge, doch das kümmerte ihn nicht. 


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