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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Am Abgrund seiner Seele, Dania Dicken
Dania Dicken

Am Abgrund seiner Seele


Profiler-Reihe 1

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Prolog

 


 


Auf der Wasseroberfläche spiegelten sich die Wolken, die auf den blauen Himmel getupft waren. Der Wind riß eines der letzten Blätter von den Zweigen eines Baumes und übergab es den Fluten des Yare. Das Blatt wirbelte flußabwärts auf der Wasseroberfläche, bis es sich plötzlich in den langen Fäden aschblonden Haares verfing. Sie wogten in der Strömung hin und her. Die junge Frau, zu der sie gehörten, starrte reglos in den Himmel. Ihre Augen schimmerten rot, waren blutunterlaufen durch die vielen geplatzten Adern. Ihr Gesicht war wächsern, aschfahl. Auch die Blutergüsse und Druckspuren an ihrem Hals ließen die Ursache ihres Todes erahnen.


Sie trug keinen Fetzen Kleidung mehr am Leib. Ihr nackter Körper lag achtlos dahingeworfen im Wasser, hatte sich in den Wurzeln eines Baumes gleich am Ufer verfangen. Auch an den Beinen waren zahlreiche Blutergüsse sichtbar.


Sie war hübsch gewesen, mit einer ansehnlichen Figur, gleichmäßigen Proportionen. Aber diese Schönheit war verloren, entstellt durch den Tod und die Schrecken, die er mit sich gebracht hatte. Das Entsetzen spiegelte sich in ihren kalten, toten Augen wider, weit aufgerissen und in schierer Panik starrend. Sie hätte sicher geschrien, hätte sie gekonnt. Ihr Mörder hatte das Klebeband von ihrem Mund nicht entfernt - das genausowenig wie die Fesseln, die ihr auf dem Rücken die Hände banden.


Mit der nächsten Welle löste sich das Blatt aus ihrem Haar. Das tote Mädchen jedoch lag immer noch da. Jenna war ihr Name gewesen.


Jenna war die erste.


 


 


 


 


September

 


Es hatte gegen Ende des vorangegangenen Semesters begonnen. Bei der ersten Vergewaltigung, die der Polizei gemeldet worden war, hatte sich noch niemand etwas gedacht. Erst, als es eine zweite Studentin am Campus getroffen hatte, war die Polizei hellhörig geworden. Die junge Frau hatte sich auf dem Heimweg zum Wohnheim mit dem illustren Namen Colman House befunden. In diesem Moment wurde Andrea und ihrer Freundin Sarah bewußt, wie nah er ihnen bereits gekommen war, denn auch sie lebten in diesem Wohnheim.


Der Rapist schlug nachts an einsamen Orten zu, kurz darauf erstmals im nahen Eaton Park. Inzwischen stand fest, daß Norwich einen Serienvergewaltiger hatte, denn um Spuren machte er sich keinerlei Gedanken und die Analyse der gefundenen DNA hatte ergeben, daß es sich in allen bisherigen vier Fällen um denselben Täter handelte. Abgleich mit der Datenbank erfolglos, natürlich.


Die Studentinnen waren gewarnt. Gemeinsam schlenderten Andrea, Sarah und ihre Freundin Angela zum Zentrum des Campus. Die Studentenparties der University of East Anglia waren berühmt für Musik und billige Getränke und berüchtigt für Abstürze und unverhohlenes Anbaggern. Andrea konnte Sarahs Vorfreude auf die Party nicht teilen, begleitete sie und Angela eher unmotiviert.


In der Dämmerung kamen ihnen einige Grüppchen angeheiterter Studenten entgegen, die das Partygeschehen temporär unter den freien Himmel verlagerten. Die Musik war bereits deutlich zu hören, vor allem die tiefen Bässe und die Tonhöhen.


Die Freundinnen betraten das Union House und schlängelten sich an mitunter recht schrill gekleideten Partygästen mit biergefüllten Plastikbechern in den Händen vorbei in den Keller unter der Mensa. Die Musik der Chemical Brothers brüllte ihnen entgegen. Im großen Partykeller war es bis auf zuckende bunte Lichter finster. Die Sinneseindrücke beschränkten sich hauptsächlich auf den Bass, der im Magen für ein merkwürdiges Resonanzgefühl sorgte. Das Kratzen des Zigarettenqualms in ihrem Hals erinnerte Andrea daran, warum sie stickige Kellerparties eigentlich haßte.


Sie nahm Kurs auf die Bar. Sarah erschien neben ihr und verlangte nach einem Bier, ehe Andrea überhaupt den Mund geöffnet hatte. Ihre anschließende Bestellung einer Cola brachte ihr einen entgeisterten Blick von Sarah ein.


„Willst du wieder nüchtern feiern?“ schrie sie Andrea ins Ohr.


„Im Augenblick ja“, erwiderte Andrea unbeeindruckt. Sarah kommentierte es nicht, das hatte sie längst aufgegeben. An ihrem Bier nippend, lehnte sie sich neben Andrea an die Bar und ließ ihre Blicke über die Anwesenden männlichen Geschlechts schweifen. Angela war längst auf der Tanzfläche verschwunden.


„Wonach soll ich für dich Ausschau halten?“ fragte Sarah.


„Nach gar nichts“, erwiderte Andrea völlig ohne jede Spur von Interesse.


„Ach, komm schon! Hast du noch niemanden gesehen, der dir gefällt?“


Andrea schüttelte verneinend den Kopf. Sie funktionierte nicht wie Sarah, die jederzeit einen jungen Mann an den Abschlepphaken nehmen konnte, wenn er ihr gefiel.


Im Handumdrehen war ihr Bier verschwunden und Sarahs feuerroter Schopf tat selbiges auf der Tanzfläche. Andrea, immer noch die Cola in der Hand, versuchte weiterhin, sich von der Partystimmung anstecken zu lassen. Ein schlankes blondes Mädchen in zu kurzem T-Shirt tanzte ausgelassen und zog die Blicke einiger umstehender Männer auf sich.


Zwei junge Männer steuerten auf die beiden leeren Barhocker neben Andrea zu. Die Blicke beider streiften sie kurz. Neben ihr hatte der größere der beiden Platz genommen, ein junger Mann mit krausem dunklem Haar und kleinem Kinnbart. Das Grübchen an seinem Kinn, die markanten Züge und seine athletische Statur gefielen ihr. Vor allem jedoch konnte sie sich nicht des Eindrucks erwehren, daß er sich auf der Party genausowenig zu Hause fühlte wie sie.


Sein Begleiter, dem die Party offensichtlich deutlich besser gefiel, orderte im Handumdrehen zwei Bier. Andreas Blicke streiften sein dunkelblondes, pingelig frisiertes Haar. Für die Frauen herausgeputzt, dachte sie kurz. Er war groß, wirkte jedoch verglichen mit seinem Begleiter schmächtig.


Er beugte sich zu Andreas Sitznachbarn hinüber. Aufgrund der Lautstärke der Musik sprach er so laut zu ihm, daß selbst Andrea es noch verstehen konnte. Ein Umstand, der sie nicht weiter interessiert hätte, hätte er nicht plötzlich Deutsch gesprochen.


„Also, du kannst sagen, was du willst, aber das ist ein prächtiger Hintern“, urteilte er mit ungeniertem Blick auf die blonde Tänzerin.


„Die ist aber eher was für dich“, erwiderte Andreas Sitznachbar ohne jeden Enthusiasmus.


„Stimmt. Aber im Gegensatz zu dir interessiert mich so etwas wenigstens.“


Andrea versuchte, beide nicht anzustarren, während sie unwillkürlich ihrem Gespräch lauschte. So sehr es sie erstaunte, dort jemanden Deutsch sprechen zu hören, konnte sie nicht anders.


„Halt die Klappe.“ Ihr Sitznachbar war genervt.


„Verdammt, Greg, so funktioniert das nicht. Du bist mitgekommen, weil ich dich auf andere Gedanken bringen sollte! Ich meine, es ist doch perfekt – es gibt Bier, Musik und schöne Frauen!“


„Du hast Glück, daß ich überhaupt mitgekommen bin“, sagte Greg trocken.


„Du nimmst das mit den Frauen zu ernst. Jetzt trink dein Bier, hab ein bißchen Spaß und nimm eine hübsche Frau mit nach Hause! Eine schnelle Nummer täte dir vielleicht auch ganz gut ...“


Greg starrte seinen Begleiter frustriert an. „Du gehst mir auf die Nerven, Jack. Du weißt, daß ich nicht der Typ dafür bin.“


„Ja, leider! Sex macht auch ohne Liebe Spaß, glaub es mir! Ich meine, diese blonde Schönheit da vorn – da stimmt doch alles! Großartiges Fahrgestell ...“


Andrea lachte unwillkürlich über diese Äußerung. Die irritierten Blicke der beiden auf sich spürend, wäre sie am liebsten im Boden versunken.


„Ich wollte euch nicht belauschen“, sagte sie, ebenfalls auf Deutsch. Jack verdrehte die Augen und schlug sich vor die Stirn.


Greg hingegen grinste breit und gab seinem Begleiter einen Stoß. „Das mußte eines Tages passieren.“


„Ja, aber doch nicht hier und jetzt!“ klagte Jack schrill.


„Wie es scheint, doch.“ Greg neigte höflich den Kopf vor Andrea und musterte sie interessiert. Sie war etwas mehr als einen halben Kopf kleiner als er, trug ihre schulterlangen braunen Haare zu einem Zopf gebunden und hatte einen kleinen Pony. Ihre Gesichtszüge waren weich, ihre braunen Augen wirkten ganz sanft. Hübsch, dachte er interessiert.


„Also noch mal von vorn“, sagte er. „Ich bin Gregory und das ist mein Bruder Jack.“


„Freut mich. Ich heiße Andrea“, stellte sie sich vor.


„So, wie du deinen Namen betonst, könnte man glauben, du kommst aus Deutschland.“


Ihr Nicken bestätigte das. „Aus Dortmund.“


„Unsere Mum kommt aus Bielefeld. Irgendwann hat sie festgestellt, wie toll wir englischen Kerle eigentlich sind und ist mit unserem Dad hiergeblieben!“ tat Jack selbstzufrieden und angeheitert kund.


„Also seid ihr zweisprachig aufgewachsen?“ fragte sie.


Gregory nickte. „Unsere Mum hat immer Deutsch mit uns gesprochen. Bis vorhin ließ sich das hervorragend als Geheimsprache verwenden ...“


Andrea errötete lachend. „Tut mir leid. Ich wollte wirklich nicht lauschen.“


„Nein, schon gut. Es ist unsere eigene Schuld“, wiegelte Gregory ab.


„Eigenartig, wieder Deutsch zu sprechen“, sagte sie. „Das habe ich so lang nicht gemacht.“


„Wie lang bist du schon hier?“


„Ein Jahr.“


Dabei hatte diese Zeitspanne nicht zum Vergessen beigetragen. Es gab noch immer diese Momente, in denen Andrea sich sah, wie sie nachts um zwei zu Hause wartend vor dem Fernseher saß. Auf das Klingeln an der Haustür hin war sie aufgestanden und hatte zwei Polizisten geöffnet.


„Wir haben leider eine traurige Nachricht für Sie.“


So nannte die Polizei es, wenn sie jemandem mitteilte, daß seine ganze Familie tot war. Als Andrea am nächsten Tag vor den Scherben der Autoscheiben gestanden hatte, hatte sie auch auf die Scherben ihres ganzen bisherigen Lebens geblickt.


Sie schluckte hart und schob den Gedanken an ihre Familie gewaltsam beiseite. Trotzdem reagierte sie nicht gleich auf Gregorys Frage.


„Und was studierst du?“


Andrea atmete tief durch. „Psychologie. Siebtes Semester.“


„Interessant“, urteilte Gregory. Weil Jack ihm einen Stoß zwischen die Rippen gab, wandte er sich mit einem strengen, beinahe mitleidigen Blick seinem Bruder zu. „Was?“


„Sie ist hübsch ...“ raunte Jack ihm vielsagend zu, während er Andrea mit Unschuldsmiene angrinste.


„Ja, das sehe ich auch. Und?“ Gregory hob gespielt fragend eine Augenbraue.


„Das ist die Chance!“


„Oh dear, du bist anstrengend.“ Diesen Hinweis seines Bruders hätte er nicht gebraucht. Daß er es nicht nur mit einer hübschen, sondern auch mit einer klugen jungen Frau zu tun hatte, war ihm auch aufgefallen.


Sein Blick wanderte wieder zu Andrea. „Wollen wir uns irgendwo unterhalten, wo wir nicht diese Pest am Hals haben?“


„Danke!“ sagte Jack schnippisch.


„Von mir aus“, antwortete Andrea. Sie stand gemeinsam mit Gregory auf und wandte sich zum Ausgang. Erst da wurde ihr bewußt, was sie gerade tat. Sie verschwand mit jemandem, den sie gar nicht kannte. Allerdings hatte sie auch nicht vor, ihn unter Generalverdacht zu stellen. Für sie sah er nicht aus wie jemand, der im Gebüsch auf Studentinnen lauerte.


„Geht doch!“ stichelte Jack. Gregory tat erst so, als habe er es überhört, aber als er fast außer Reichweite war, gab er seinem Bruder eine Kopfnuß und ergriff amüsiert die Flucht.


„Ihr liebt euch wohl heiß und innig!“ stellte Andrea fest.


„Ach, Jack ist schon in Ordnung. Er kann nur ein unglaublicher Idiot sein, wenn er es darauf anlegt.“ Gregory hielt Andrea die Tür auf und überließ ihr den Vortritt. Frische, etwas kalte Luft schlug ihnen entgegen.


Gregory setzte einen Fuß auf den kleinen Weg und machte eine Handbewegung. „Sollen wir uns dort auf die Bank setzen?“


Andrea war einverstanden und nahm als Erste Platz. Nicht wissend, was sie sagen sollte, studierte sie die kleinen Kiesel vor ihrem Füßen. Als sie den Kopf wieder hob, entging ihr nicht das Lächeln auf Gregorys Lippen.


„Wie alt bist du?“ nahm er das Gespräch wieder auf. Andrea lauschte amüsiert auf seinen englischen Akzent.


„Dreiundzwanzig, und du?“ sagte sie.


„Neunundzwanzig“, erwiderte er verlegen.


Das erstaunte sie nun doch. Zwar hatte sie ihn älter geschätzt, jedoch nicht so viel. „Aber du studierst hier?“


„Ja. Ich bin jetzt im vierten Semester. Interior Design ... was heißt das auf Deutsch?“ Er war zu nervös, um sofort jedes deutsche Wort parat zu haben.


„Innenarchitektur.“ Sie grinste.


„Ah, richtig. Ist eine lange Geschichte. Ich war früher ein Jahr bei der Army und habe anschließend einige Zeit in einer Bank gearbeitet. Irgendwann wurde mir klar, daß das nicht mein Fall ist – und jetzt bin ich hier!“


„Also hast du jetzt etwas gefunden, woran du Freude hast.“


„Ja. Und du? Psychologie ist bestimmt auch spannend.“


Andrea nickte zustimmend. „Verhaltensanalyse interessiert mich am meisten. Es gibt viele spannende Themenbereiche in der Psychologie. Nach meinem Abschluß würde ich gern nach London gehen und eine Weiterbildung in der operativen Fallanalyse machen. Du weißt schon – Profiling.“


„Nicht schlecht. Verbrecherjagd also.“


„Ich finde das faszinierend.“


„Ist es bestimmt auch. Übrigens gefällt es mir, mit dir Deutsch zu sprechen!“


„Wir können auch Englisch sprechen“, bot Andrea an.


„Nein, ach was. Ich kann ja beides.“


„Ich auch.“ Lachend warf sie ihm einen schiefen Blick zu.


„Oh, natürlich. So war das nicht gemeint.“ Gregory ließ die Schultern sinken und hätte sich ohrfeigen mögen. Zu spät war ihm klar geworden, wie angeberisch das klang.


„Schon gut“, sagte sie zu seiner Erleichterung.


Schweigend sahen die beiden einander an. Andrea gestand sich mit einem Kribbeln im Bauch ein, daß er gut aussah. Unter seinem T-Shirt zeichneten sich breite Schultern und muskulöse Arme ab. Beides gefiel ihr. Er hatte ein offenes Gesicht mit freundlichen braunen Augen.


Sie stützte sich mit den Händen an der Bank ab. Seine Hand lag gleich neben ihrer. Nicht nah genug, wie sie fand – nicht ahnend, daß er ähnliche Gedanken hegte.


„Jetzt habe ich es versaut“, sagte Gregory plötzlich ins Schweigen hinein.


„Versaut? Was meinst du?“ fragte sie arglos.


„Was ich vorhin gesagt habe. Das war blöd.“ Und es wurmte ihn immer noch.


„Unsinn“, widersprach Andrea.


Gregory atmete tief durch. „Ich fände es toll, dich näher kennenzulernen.“


Andrea wurde heiß vor Aufregung. „Gern. Sollen wir etwas zusammen unternehmen?“


„Hast du Montag zur Mittagszeit Vorlesungen?“


Nach kurzem Überlegen nickte sie.


„Sollen wir uns zum Mittagessen treffen?“


Andrea war einverstanden. Diese Chance wollte sie sich nicht entgehen lassen.  


Ein kalter Windstoß brachte sie zum Frösteln. Ihr Schaudern entging Gregory nicht.


„Komm, wir gehen zurück“, schlug er vor.


Widerstrebend folgte Andrea ihm zurück zum Gebäude. Die Musik wurde lauter, je näher die beiden kamen. Im Gebäude dröhnte sie ihnen schließlich ohrenbetäubend entgegen. Sie entdeckten zuerst Jack, der mit einem blonden Mädchen tanzte. Gregory kommentierte es nicht.


Andrea fand ihre Freundinnen an der Bar, wo sie alle einander vorstellte. Sarah gaffte Gregory unverhohlen an. Schließlich zog sie Andrea unauffällig zur Seite, um das dringende Bedürfnis zu befriedigen, über ihn zu reden.


„Das fasse ich nicht, kaum passe ich nicht auf, angelst du dir einen attraktiven Kerl! Und was ist mit mir?“


„Sein Bruder ist noch frei“, sagte Andrea mit dem erfolglosen Versuch, dabei ernst zu bleiben. Sarahs entsetzter Blick sorgte dafür, daß sie losprustete.


„Was, der Aufschneider? Ich leide doch nicht an Geschmacksverkalkung! Aber was mache ich jetzt? Der Hauptpreis ist ja schon vergeben!“


Andrea wußte nicht, was sie darauf erwidern sollte und schwieg. Ein Blick zu Gregory verriet ihr, daß er gerade damit beschäftigt war, seinen mehr als angeheiterten Bruder zu beobachten. Er bemerkte ihren Blick und erwiderte ihn lächelnd. Das Kribbeln in ihrem Bauch wurde stärker.


Jack war später so betrunken, daß Gregory arge Probleme hatte, ihn zum Gehen zu bewegen. Sarah, Angela und Andrea begleiteten die beiden zum Abschied nach draußen. Zuvor tauschten Gregory und Andrea ihre Handynummern aus.


„Also dann bis Montag.“ Andrea lächelte.


„Ich warte an der Cafeteria auf dich“, versprach er.


„Wie, du willst sie nicht jetzt flachlegen?“ lallte Jack auf Deutsch. Andrea grinste bloß.


Gregory bedachte seinen Bruder mit einem mitleidigen Blick. „Hast du etwa keine abgekriegt?“


„Ach, halt bloß die Klappe!“


Lachend folgte Andrea Sarah, die schon zwei Schritte in Richtung Wohnheim gemacht hatte. Als Andrea sich noch einmal umdrehte, wurde sie Zeugin, wie Gregory seinen Bruder auf dem Weg zum Parkplatz stützte. Immerhin konnte er noch fahren.


Augenblicke später platzte Sarah heraus: „Du hast ein Date! Ich fasse es nicht.“


„Und einen guten Fang hast du gleich auch noch gemacht“, fand Angela, während sie Ausschau nach ihrem Freund hielt. Andrea fröstelte im Wind, als sie sich umschaute und die Büsche noch viel finsterer fand als sonst.


 


 


Eaton Park

 


Zitternd und mit Herzrasen schaute sie sich um; fragte sich, ob er noch in der Nähe war. Würde er zurückkommen? Sie hoffte - nein, sie betete, daß er es nicht tat. Inzwischen war es dunkel. Der Wind raschelte in den Bäumen des Parks, in der Nähe erhellte eine Laterne den Weg.


Schluchzend machte sie einen Schritt vorwärts. Es tat weh. Aber das war nicht das Schlimmste. Viel schlimmer war das Gefühl von Ekel, das an ihr klebte. Es war unaussprechlich für sie, die Vorstellung kaum erträglich. Sie sah ihn immer noch vor sich, spürte seinen Atem, seine Körperwärme, immer wieder aufs Neue den Schmerz. Ihrer Kehle entrang sich ein Wimmern, wenn sie an seine Stimme dachte. Sie hatte gar nicht böse geklungen.


Die Hose klebte jetzt an ihren Beinen. Es war ein widerwärtiges Gefühl, aber immer noch besser, als nackt durch den Park zu laufen. Sie verstand nicht, daß sie ihn gar nicht bemerkt hatte. Auf einmal war er dort gewesen und hatte sie mit dem Messer bedroht. Vor lauter Schreck hatte sie gar nicht schreien können. Als er sie hinter ein Gebüsch gezerrt hatte, hatte sie gewußt, was geschehen würde. Trotzdem hatte sie sich kaum gewehrt, nur geweint. Ihre Tränen hatten ihn nicht beeindruckt - im Gegenteil. Sie hatten ihn angespornt. Es hatte ihm gefallen, daß sie geweint hatte.


Susan hatte die Arme um den Leib geschlungen und verließ den Park. Nur weg. Aber wohin? Sollte sie zur Polizei gehen?


Sie wußte nicht, was sie tun sollte. Tränen nahmen ihr die Sicht, als sie orientierungslos auf die Straße stolperte. Wie sollte sie das überhaupt ihrem Freund erklären? Wie würde er reagieren, wenn er herausfand, daß sie vergewaltigt worden war?


Das Auto bemerkte sie erst, als sie die Bremsen knirschen hörte. Reglos starrte sie ins Scheinwerferlicht. Als ein junger Mann auf der Fahrerseite ausstieg, wich sie zurück.


Alles in Ordnung?“ fragte er. Unverständig starrte sie ihn an.


Die Beifahrertür wurde geöffnet. Eine junge Frau musterte Susan besorgt.


Können wir dir helfen?“ fragte sie.


Susan starrte nur. Das Pärchen tauschte ratlose Blicke aus. Die Frau ging auf Susan zu, legte ihr eine Hand auf die Schulter.


Wir bringen dich ins Krankenhaus“, sagte sie. „Komm. Es passiert dir nichts.“


 


Jetzt nicht mehr, dachte Susan, als sie ihr folgte und wie ferngesteuert ins Auto stieg.


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