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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Abflug oder Tod, Jürgen Ehlers
Jürgen Ehlers

Abflug oder Tod



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Das Mädchen


 


24. April 2014


Takuá erwachte davon, dass jemand ihr über das Haar strich. Erschrocken fuhr sie hoch. Ihre Mutter sagte: „Komm, zieh dich an!“ Es war soweit. Niemand hatte darüber geredet, aber sie hatte gewusst, dass es kommen würde, irgendwann, seit ihre ältere Schwester vor einem Jahr verschwunden war. Dass es in der Nacht sein würde, hatte sie nicht gewusst. Nachts lauerten Werwölfe auf junge Mädchen, hatte ihre Großmutter erzählt. Sie war kein Kind mehr, sie glaubte nicht an Werwölfe. Aber sie wusste, dass die Nacht gefährlich war. Männer waren gefährlicher als Werwölfe.


Sie war es gewohnt, sich im Dunkeln anzuziehen. Strom gab es nicht in diesem entlegenen Teil von Caaguazú, und Wasser – jetzt war keine Zeit mehr, sich zu waschen. Sie lief noch einmal zurück. Da war das Messer. Ihre Mutter würde es vermissen, aber das war nicht zu ändern.


„Wo bleibst du denn, Takuá?“ Das war ihr Vater. Er wirkte ruhig und besonnen wie immer. Sollte sie mit ihm diskutieren, versuchen, ihn umzustimmen? Nein, das verbot ihr der Stolz. Es wäre ohnehin sinnlos.


Irgendjemand würde sie einsammeln an der Landstraße nach Ciudad del Este. Wenn er schlimm war, würde sie ihm die Augen auskratzen. Nein, das würde sie nicht tun. Mit ihren kurz gekauten Fingernägeln war das nicht möglich. Und vielleicht war er ja gar nicht schlimm. Ihre Schwester hatte eine Postkarte aus Buenos Aires geschickt, es ginge ihr gut.


Sie fuhren auf dem Motorrad bis an die Hauptstraße. Einen Moment lang erwog sie abzuspringen und davonzulaufen. Aber sie tat es nicht, sie klammerte sich stattdessen eng an ihren Vater. An dem kleinen Café neben der Gomeria machten sie Halt. Selbst jetzt in der Nacht stank es nach Autoreifen.


Sie warteten. Der Besitzer des Cafés gähnte. Er rührte lustlos in seinem Kaffee. Der Anruf kam nach einer halben Stunde: der Termin sei verschoben. Auf dem Rückweg schien es ihr, als ob ihr Vater erleichtert sei.


 


 


San Bernardino


 


„Das hier, das ist das Hotel Azul, das Blaue Hotel“, sagte Heriberto. „Es ist 1888 gebaut worden, sieben Jahre nach der Gründung des Ortes. Heute ist es gleichzeitig Hotel und Museum.“


Das Hotel Azul machte einen noblen Eindruck.


Einer der Kellner eilte herbei, als sie die Empfangshalle betraten. Er schien Heriberto zu kennen. Die beiden sprachen miteinander. Asmussen spitzte die Ohren. Der Mann redete sehr schnell und sehr leise; der Journalist konnte nicht verstehen, worum es ging.


„Wir können das Hotel besichtigen“, sagte Heriberto schließlich. „Im Augenblick ist ja nicht viel los.“


Mark sah Heriberto an. Was auch immer er mit dem Kellner besprochen haben mochte – es war nicht um die Besichtigung des Hauses gegangen.


Sie sahen sich gemeinsam den Teil des Hotels an, der als Museum eingerichtet war, und Heriberto ließ es sich nicht nehmen, Mark das Turmzimmer zu zeigen.


„Hier pflegte Hilda Ingenohl zu nächtigen“, sagte er. „Sie war vor dem Krieg eine Berühmtheit. La Tigresa wurde sie genannt, die Tigerin. Sie war eine Fliegerin, Großwildjägerin und glühende Verehrerin des Führers.“


Das Zimmer war schön, der Ausblick aber inzwischen durch die zu groß gewordenen Bäume stark eingeschränkt. Mark Asmussen interessierte sich nicht für das Turmzimmer.


„Der Keller“, sagte er.


„Komm mit!“ Heriberto führte Mark nicht in den Keller, sondern in den Garten. Sie stiegen die Freitreppe hinter dem Haus hinunter. Heriberto wies auf die Kellertür: „Hier drin“, sagte er.


„Der Führer?“


„Der Führer.“


„Können wir hineingehen?“, fragte Mark.


Heriberto schüttelte den Kopf.


„Und von deinen Schlüsseln passt keiner?“


Nein, die Schlüssel, die Heriberto bekommen hatte, waren normale Zimmerschlüssel. Der Eingang zum Keller war durch eine moderne eiserne Gittertür mit Vorhängeschloss gesichert. Routinemäßig rüttelte Asmussen daran, aber das Tor war tatsächlich verschlossen. Hinter der Gittertür gab es eine zweite, viel weniger solide aussehende Holztür. Asmussen griff durch das Gitter. Auch die Holztür war verschlossen.


Mark Asmussen ging zur Mitte des Rasens und sah sich um. Die Jahre, die seit der letzten Renovierung des Hotels ins Land gegangen waren, hatten ihre Spuren hinterlassen. Der Anstrich auf der Rückseite begann abzublättern, der Pool war leer und der vernachlässigte Park war zum Teil von Unkraut überwuchert. Im abgelegensten Teil des Gartens gab es einen kleinen, blau gestrichenen Schuppen. Dieser Schuppen, der offensichtlich leer stand, war ebenfalls durch eine eiserne Gittertür gesichert. Asmussen fragte sich, wozu dieses solide gemauerte Gebäude gedient haben mochte. Hatte La Tigresa hierin eine ihrer Raubkatzen gehalten?


Die Attraktion des Parks bestand aus einem Klettergarten, in dem man über verschiedene Hängebrücken in Höhe der Baumwipfel durch den Park laufen konnte – wenn man sich denn traute. Auch diese Anlage wirkte ungepflegt. Mark Asmussen war froh, dass er dort nicht hinauf musste.


„Gut“, sagte er schließlich. „Du hast mir einiges gezeigt, aber du weißt, dass es mich nicht überzeugt hat.“


„Weiß ich das?“


„Ja, du weißt es, Heriberto. Dies ist eine hübsche kleine Legende. Im Detail leider nicht besonders gut mit dem Buch des Argentiniers abgestimmt. Das Hotel ist nicht in Asunción, es ist auch nicht besonders modern, wie es im Buch heißt, und es ist auch nicht im Februar geschlossen.“


„Das sind doch nur unwichtige Kleinigkeiten“, sagte Heriberto.


Mark Asmussen sah seinen Begleiter an. Heriberto mochte zwar ein Sonderling sein, aber er war kein Idiot. Der Journalist war sich ziemlich sicher, dass der Mann keine Sekunde lang an diese moderne Sage geglaubt hatte. „Der Führer ist nicht in Paraguay gestorben“, sagte er. „Und er liegt schon gar nicht im Keller dieses Hotels begraben. Ich weiß es, und du weißt es auch. Warum erzählst du mir diese Geschichte?“


Heriberto überlegte einen Augenblick. Offenbar war er sich nicht sicher, was er dem Journalisten anvertrauen sollte. „Irgendetwas ist in diesem Keller versteckt“, sagte er schließlich. „Wenn nicht das Grab des Führers, dann irgendetwas anderes Wichtiges. Sonst würden sie nicht so viel Aufhebens darum machen.“


„Vermutlich ist Bier in dem Keller“, sagte Mark Asmussen. „Deshalb ist er verschlossen.“


„Natürlich ist auch Bier im Keller, und Wein, das versteht sich, aber darum geht es nicht. Da ist noch etwas anderes.“


„Warum glaubst du das?“


„Weil ich nicht in den Keller hineinkomme.“


„Heriberto, das ist doch ganz natürlich. In meinen Keller in Hamburg würdest du auch nicht hineinkommen. Dort lasse ich niemand rein, weil er nicht aufgeräumt ist.“


„Du verstehst das nicht, Mark. Das hier ist nicht Hamburg, das ist Paraguay. Und wenn ich in Paraguay ein bisschen Geld in die Hand nehme, dann lassen Sie mich in jeden Keller gucken. Nicht die Besitzer vielleicht, aber irgendwelche Angestellten. Die Putzfrau zum Beispiel. Oder in diesem Fall einer der Kellner. Die Löhne sind niedrig, und Geld kann jeder gebrauchen.“


„Verstehe ich das richtig“, sagte Asmussen, „du hast versucht, einen der Kellner zu bestechen, dass er dich in den Keller lässt?“


„Bestechen – was für ein großes Wort. Ich habe ihm einfach von der Legende erzählt. Natürlich hat er mich ausgelacht. Und dann habe ich ihn gefragt, ob er mich vielleicht in den Keller gucken lässt. Das hat er abgelehnt.“


Mark Asmussen schwieg. Dass der Kellner keine Fremden in den Keller lassen wollte, das war doch ganz natürlich.


Heriberto tat geheimnisvoll. „Dann habe ich noch einen Schein draufgelegt“, sagte er.


„Und?“


„Er hat mich trotzdem nicht in den Keller gelassen, der Kellner. Aber er hat gesagt, wenn ich noch einen dritten Schein drauflege, dann geht er für mich runter und besorgt mir etwas von dem, was da liegt.“


„Und was ist das?“


„Das weiß ich nicht.“


„Hat er es besorgt?“


„Bis jetzt nicht.“


 


* * *


 


(Hier habe ich ein Stück ausgelassen.)


 


* * *


 


Als Mark und Heriberto sich schließlich auf den Weg machten, musste der Journalist den Rentner stützen. Es war nicht bei dem einen Whisky geblieben. Der General hatte immer wieder nachgeschenkt, und Asmussen war froh, dass er selbst nur Cola getrunken hatte. Es regnete heftig. Heriberto merkte nichts davon.


„Das war aber ein schöner Ausflug“, lallte er.


„Ja, das war es.“ Mark öffnete die Wagentür.


„Ich muss fahren“, sagte Heriberto. „Auf dem Hinweg bist du gefahren, und jetzt fahre ich …“


„Unsinn! Du bist betrunken.“


„Ich? Betrunken?“


„Du fährst das nächste Mal!“ Asmussen bugsierte seinem Begleiter auf den Beifahrersitz.


„Aber nicht vergessen!“


„Nein, das vergessen wir nicht.“


Um diese Zeit war nur noch wenig Verkehr. Sie gelangten ohne Zwischenfälle bis nach Luque. Heriberto war eingeschlafen. Er wachte erst wieder auf, als der Wagen vor seinem Grundstück hielt.


„Keine Kontrolle“, murmelte Heriberto. „Wir sind durchgekommen ohne Polizeikontrolle. Da hättest du mich doch fahren lassen können.“


Gut, dass er das nicht gemacht hatte! Asmussen begleitete Heriberto zu seinem Haus. Er half ihm, die Tür aufzuschließen.


„Ah, da ist Post. Guck mal, da ist Post gekommen!“


Ja, irgendetwas steckte im Briefkasten. Heriberto fischte es mit Mühe heraus. Es war kein Brief, sondern nur ein großer Zettel. Reklame, dachte Mark. Aber es war keine Reklame, sondern ein liniertes Blatt Papier, wahrscheinlich aus irgendeinem Schreibheft herausgerissen.


Heriberto starrte auf den Zettel. „Was soll denn das bedeuten?“ Er schien auf einen Schlag wieder nüchtern. „So ein Unfug!“


Auf dem Zettel standen nur ein paar Zahlen: 15 3 3.


 


* * *


 


Raúl, der Kellner, entschloss sich, den gefährlichen Auftrag jetzt gleich zu erledigen. Er hatte lange darüber nachgedacht, wann der beste Zeitpunkt war, in den Keller zu gehen. Wenn er nachts ging, war die Wahrscheinlichkeit am geringsten, dass er einen seiner Kollegen traf. Aber wenn er nun doch jemand traf, dann konnte er nicht erklären, warum er in den Keller gegangen war. Bei Tag war das dagegen kein Problem. ‚Ich wollte eine Flasche Wein holen‘, würde er sagen. Und zum Beweis würde er einen der deutschen Weine mit nach oben bringen, eine der teureren Flaschen, von denen er wusste, dass sie im Restaurant nicht vorrätig waren.


Am sichersten wäre es natürlich gewesen, gar nicht zu gehen. Aber da war das Geld, das dieser Deutsche ihm geboten hatte. Er brauchte das Geld.


Raúl machte sich auf den Weg. Er nahm die Schlüssel vom Haken. Der Portier sah ihn forschend an.


„Der Wein ist alle“, sagte Raúl.


„Geh außen rum; das Licht auf der Kellertreppe geht nicht“, sagte der Portier.


Der Kellner ging die große Freitreppe hinunter. Im Garten war niemand. Er schloss das Vorhängeschloss auf, öffnete die Gittertür, schoss die Holztür auf. Gleich rechts neben der Tür war der Lichtschalter. Die Neonröhren zuckten auf und verbreiteten ihr grelles Licht. Da vorn stand das Regal mit den Weinflaschen. Raúl sah sich noch einmal um, ob ihm niemand gefolgt war. Nein, er war allein. Er ging an den Weinflaschen vorbei in die hintere Ecke des Kellers. Hier standen zwei solide Holzschränke. Raúl tastete nach den Schlüsseln. Sie lagen oben hinter der Zierleiste. Er schloss den rechten Schrank auf.


War das ein Geräusch hinter ihm? Nein, hinter ihm war niemand. Der Schrank enthielt lauter Akten. Raúl zog die rechten beiden Ordner auf dem mittleren Bort heraus. Da war, was er suchte. Und was der Deutsche haben wollte, das war in der vierten Dose von rechts. Es gab auch andere Dosen ähnlichen Inhalts, aber an die vierte Dose erinnerte er sich. Er öffnete sie, schnitt das Ende des Streifens ab, prüfte noch einmal im Licht der Deckenlampe, ob er alles richtig gemacht hatte, dann steckte er den Streifen in einen Briefumschlag, den er in der Brusttasche verstaute. Dose und Ordner kamen zurück in den Schrank. Dann schloss er den Schrank ab, legte den Schlüssel zurück ins Versteck und ging zum Ausgang.


Erst auf der Freitreppe fiel ihm ein, dass er ja Wein holen wollte. Er kehrte noch einmal um, schloss den Keller wieder auf, griff sich eine der Flaschen und machte sich auf den Rückweg.


„Du hast ja lange gebraucht“, bemerkte der Portier.


„Ja. – Dieser Rüdesheimer …“, er warf einen Blick auf das Etikett, „dieser Rüdesheimer Galgenberg, der war gar nicht so leicht zu finden. Aber ich wusste, dass wir noch eine Flasche haben …“


„Ja, schon gut, hier ist ja sowieso nichts los.“


Nein, im Restaurant war zur Zeit kein Betrieb. Zum Nachmittagskaffee war es zu spät und zum Abendessen noch zu früh.


„Ich müsste noch mal zur Post“, sagte Raúl.


Natürlich hätte er damit bis zum Feierabend warten können, aber der Umschlag mit dem, belastenden Material brannte geradezu in seiner Jackentasche. Wenn ihn jemand damit erwischte, war er verloren. Andererseits – die neue Post lag am anderen Ende des Ortes, in der Nähe des Hotels Los Alpes. Mehrere Kilometer waren das; er musste das Auto nehmen.


Raúl war in Schweiß gebadet, als er bei der Post ankam. Oficina de Correo Paraguayo en SanBer. Der Brief musste gewogen werden. Das fehlte jetzt noch, dass er wegen Übergewicht nicht zugestellt und ans Hotel zurückgeschickt würde! Vielleicht war es doch nicht gut gewesen, seinen Absender anzugeben? Ach, egal! Marke drauf, in den Briefkasten und fertig. Und nun nichts wie zurück zum Hotel.


Zu spät. Natürlich saß schon jemand im Restaurant. Raúl griff sich zwei Speisekarten, eilte zu dem Tisch am Fenster, wo die beiden Herren saßen.


Raúl erschrak. Die beiden Herren waren keine Unbekannten. „Hier ist unsere Speisekarte“, sagte er. „Der Fisch … heute kann ich Ihnen besonders den Fisch …“


Der größere der beiden Männer schüttelte den Kopf. „Wir wollen nur etwas trinken“, sagte er. „Ich denke, wir nehmen zunächst einmal eine Flasche Rüdesheimer Galgenberg. Den haben Sie doch da, oder?“


Raúl nickte. Kein Zweifel, er war aufgefallen. Gut, dass er wenigstens den Umschlag nicht mehr bei sich hatte. Rasch holte er Flasche und Gläser.


„Wir brauchen drei Gläser“, rief der Große.


„Drei Gläser?“


„Wir möchten Sie bitten, uns Gesellschaft zu leisten.“


Der Kellner wurde blass. „Ich … ich trinke keinen Alkohol.“


„Nicht doch, mein Lieber! Heute werden Sie eine Ausnahme machen.“


Raúl schüttelte stumm den Kopf.


Der Große strahlte ihn an: „Für uns, ja? – Doch, heute machen Sie eine Ausnahme!“


 


* * *


 


15 3 3 – was sollte das heißen? Heriberto hatte so getan, als könne es sich bei der rätselhaften Botschaft in seinem Briefkasten nur um einen Scherz handeln, aber Mark Asmussen war sich sicher, es war kein Scherz. Und Heriberto wusste, dass es kein Scherz war. Er war zutiefst erschrocken, als er die Zahlen gesehen hatte.


Der Journalist hatte das Interview in sein Notebook eingegeben und versuchte jetzt, die rätselhafte Botschaft zu entschlüsseln.


Google führte ihn zunächst zu verschiedenen Computerbauteilen, dann zu einem Zitat aus dem ersten Korintherbrief, aber da fehlte die zweite Drei. Außerdem ergab der biblische Satz für sich allein genommen keinen Sinn. Und eine Drohung enthielt er auch nicht.


Vielleicht lag der Fehler darin, dass er Google.com verwendet hatte? Mark Asmussen schaltete auf Google .com.py um. Noch mehr Bibelzitate. Zu dem Korintherbrief in dreifacher Ausfertigung hatte sich jetzt auch der Evangelist Lukas gesellt. Und auf der nächsten Seite kam dann auch noch der Römerbrief. Nein, das konnte alles nicht richtig sein.


War es vielleicht eine Jahreszahl? 1533? Im Jahre 1533 war nichts Außergewöhnliches passiert. Lucas Cranach der Ältere hatte Adam und Eva gemalt. Eine sehr hübsche Eva, fand Asmussen. Außerdem hatten die Spanier Peru erobert und Atahualpa umgebracht. Friede seiner Asche.


Was war noch passiert? In England wurde die Homosexualität per Gesetz verboten. Und Heinrich VIII heiratete die bereits schwangere Anne Boleyn. Nichts davon schien in irgendeiner Weise für das heutige Paraguay relevant zu sein. Er hätte Heriberto direkt fragen sollen. Ja, natürlich, Heriberto war betrunken gewesen, aber er hätte ihn trotzdem fragen sollen.


 


* * *


 


Takuá wartete, bis alle schliefen. Es hatte lange gedauert, bis ihre Geschwister eingeschlafen waren, aber nun war es soweit. Takuá stand auf und zog sich an.


Es war kalt draußen, kälter, als sie gedacht hatte. Takuá fror. Sie war es nicht gewohnt, nachts draußen herumzulaufen, und die vertraute Umgebung außerhalb ihres Hauses kam ihr fremd und bedrohlich vor. Sie hatte sich genau überlegt, was sie tun wollte. Sie würde bis an die große Straße laufen, und sie würde ein Auto anhalten. Links ging es nach Ciudad del Este und nach Brasilien, rechts ging es nach Asunción. Takuá wollte nicht nach Brasilien, auf keinen Fall. Irgendjemand würde sie nach Asunción mitnehmen. Dort würde sie sich eine Arbeit suchen, und irgendwann, wenn sie Arbeit gefunden hatte, würde sie sich zu Hause melden und ihrer Familie Geld schicken. Irgendwann.


Ihren Namen würde sie ändern müssen. Takuá war ein Indianername. Alle Mädchen, die sie kannte, hatten europäische Namen. Als Takuá würde man keine gute Arbeit bekommen. Von jetzt ab hieß sie – Sofía. Ja, das war ein guter Name. Hieß nicht eine Königin so? Der Name würde ihr Glück bringen.


Aber zunächst einmal musste sie sehen, dass sie nach Asunción kam. Der Weg zur Straße schien ihr länger als sonst. Mehrmals stolperte sie über die Schlaglöcher und über die Rinnen, die der heftige Regen am Nachmittag hinterlassen hatte. Sie hatte geglaubt, sie würde in einer Stunde an der großen Straße sein, aber jetzt lief sie schon so lange, und von der Straße war noch nichts zu sehen oder zu hören.


Ausgerechnet heute war der Himmel bedeckt, und es war so dunkel wie ganz selten. Schließlich hörte Takuá in der Ferne ein leises Geräusch. Das war die Straße, oder? – Nein, es war nicht die Straße. Das Geräusch kam aus der Gegenrichtung. Es war das Schnurren eines einzelnen leichten Motorrades, das langsam näher kam. Takuá erschrak. Es hätte irgendein Motorrad sein können, die meisten kleinen Bauern hier draußen hatten Motorräder, aber Takuá war sich sicher, das war das Motorrad ihres Vaters.


Einen Augenblick lang lief sie weiter in Richtung Straße, als ob das noch eine Möglichkeit wäre zu entkommen, aber schließlich drehte sie sich um und ging dem Motorrad entgegen, dessen Licht sie jetzt in der Ferne sehen konnte.


Es dauerte keine Minute, bis ihr Vater neben ihr hielt. Takuá ließ sich widerstandslos einfangen. Ihr Vater verprügelte sie halbherzig. Sie wusste, dass er ihr nicht wirklich böse war. Trotzdem tat es ihr weh.


„Wir brauchen doch das Geld“, sagte er. Dass auch Geld im Spiel war, hörte sie jetzt zum ersten Mal. Viel konnte es nicht sein, was jemand bereit war für ein ungebildetes Bauernmädchen aus Caaguazú zu zahlen. Aber ganz gleich, was gezahlt wurde – wenn Takuá ging, hieß das für die Familie: ein Esser weniger.


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