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> Krimi Thriller > ″10 Tage Angst″
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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe ″10 Tage Angst″, Angela Zimmermann
Angela Zimmermann

″10 Tage Angst″



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Ella


 


Ella ist noch nicht richtig wach und bekommt das Klingeln an der Tür nur wie durch einen Schleier mit. Sie zieht sich die Decke über den Kopf, aber es nützt nichts. Es hört nicht auf und so kommt sie nicht drum herum aufzustehen. Wer ist denn heute früh so zeitig an ihrer Tür? Ein Blick auf den Wecker zeigt ihr jedoch, dass es schon nach zehn Uhr ist. So spät ist sie schon lange nicht mehr aufgestanden. Wäre ihr Schlafzimmerfenster zur anderen Seite des Hauses hinaus, hätte sie wohl die Sonne schon wachgekitzelt.


Langsam schiebt sie die Beine aus dem Bett und steht auf. Sie zieht sich den Morgenmantel über und fährt in ihre Hausschuhe. In den viel zu großen Schuhen, die sie aber unbedingt haben wollte, auch wenn es sie nicht in ihrer Größe gab, schlürft sie durch das Wohnzimmer in den Flur. Immer noch vollkommen verschlafen zieht sie ihre Beine regelrecht über das Laminat.


Ein kurzer Blick durch dem Spion in der Tür und sie öffnet diese. Mit gesenktem Kopf und ohne etwas zu sagen, geht sie einfach in die Küche.


Hinter ihr betritt Sten die Wohnung und er ist es gewöhnt nicht gleich begrüßt zu werden. Er folgt Ella und beobachtet sie, an dem Türrahmen gelehnt, wie sie die Kaffeemaschine mit Pulver und Wasser befüllt macht.


„Bekomme ich auch einen?“, fragt er und erhascht nun doch ein zartes Lächeln von Ella.


„Na klar, hast ja auch Brötchen mitgebracht“, antwortet Ella, nachdem sie den frischen Bäckerduft wahr genommen hat.


„Du siehst aber noch ganz schön müde aus“, foppt Sten Ella, der sich mittlerweile an den Tisch gesetzt hat.


„Du musst ja auch nicht so zeitig zu mir kommen“, kontert Ella und stellt zwei Teller, Tassen, Sahne und Zucker auf den Tisch.


„Aber hallo, es ist schon nach zehn“, sagt Sten und fährt mit seiner Hand über Ellas kurzen blonden Haarschopf. Sie stehen in alle Richtungen von Kopf ab und Sten muss sich das Lachen verkneifen.


„Weg“, zischt Ella und schlägt gegen seine Hand. Sie mag es nicht, wenn er das macht, aber er tut es immer wieder sowie er die Gelegenheit dazu bekommt.


„Es ist wohl gestern spät geworden?“, lenkt Sten wieder um.


„Nein, eigentlich nicht“, kommt von Ella, die den Kaffee in die Tassen gießt und sich jetzt mit an den Tisch setzt. „Ich war um 22 Uhr zu Hause. Wir sind diesmal eher weg, denn Sunny hat heute doch Frühschicht“, legt sie noch nach.


„Da hast du zwölf Stunden geschlafen“, sagt Sten und kann offensichtlich nicht verstehen, wie man so lange schlafen kann und dann immer noch todmüde ist, zumindest so aussieht.


„Ich bin erst gegen zwei ins Bett. Ich hatte noch ein paar Ideen und die musste ich noch zu Papier bringen“, verteidigt sich Ella und Sten nickt ihr nur still zu.


Ella ist Designerin für Damenmode und arbeitet zu Hause. So kann sie sich die Zeit einteilen wie sie möchte. Und wenn dann eine Idee kommt, ist es egal wie spät es ist. Sie entwirft Kleider, Anzüge und Blusen für die gehobene Preisklasse und sehr anspruchsvollen Frauen.


Sie arbeitet mit einer Agentur zusammen, die Ellas Entwürfe in echte Kleider aus Stoff und Tüll verwandelt und sie in einem Onlinegeschäft vermarktet. Bis jetzt ist es sehr gut gelaufen und mit der Beteiligung am Verkauf kann Ella gut leben. Es gab sogar schon Zeiten, wo Ella der Nachfrage nach neuen Modellen gar nicht hinterher kam. Aber es macht ihr Spaß und so kommt es dann auch mal vor, dass sie sich die ganze Nacht um die Ohren schlägt, nur um die Ideen auf Papier festzuhalten.


„Und was willst du eigentlich so zeitig bei mir?“, fragt Ella nach ein paar Minuten, in denen sie das frische Brötchen mit Honig gegessen hat.


„Du wolltest doch mit mir heute einkaufen gehen“, kommt verständnislos von Sten, nachdem er den letzten Bissen von seinem Marmeladenbrötchen hinuntergeschluckt hat.


„Wollte ich das wirklich?“, Ella grinst Sten an, hat aber wahrscheinlich doch vergessen, dass sie ihm das versprochen hat.


„Ich brauche eine neue Couch und du wolltest mit mir in ein Möbelgeschäft. Ich vertraue deinem guten Geschmack“, schmeichelt Sten Ella und sie schenkt ihm dafür ein verschmitztes Lächeln.


„Schon gut, ich muss mich nur etwas zurecht machen.“


„OK, ich lese inzwischen in der Zeitung“, erwidert Sten und greift nach der Tageszeitung, die er vorhin mit nach oben gebracht hat. Er weiß, dass es sich nur noch um Stunden handeln kann.


„Ich beeile mich, versprochen“, sagt Ella, denn sie hat die versteckte Botschaft schon verstanden. „Räumst du bitte den Tisch ab?“, fragt sie noch und ist gleichzeitig schon auf den Weg ins Bad. Dort schaut sie erst einmal in den Spiegel und in ihre immer noch verschlafenen Augen. Sie wäscht ihr Gesicht mit kaltem Wasser und rubbelt es sich ab. Dann noch etwas Schminke, um die Augenringe zu über tuschen. Ihre kurzen blonden Haare sind schnell gekämmt und sie schaut sich zufrieden im Spiegel an. Aber sie schüttelt den Kopf, denn nicht nur, dass sie es vergessen, auch ihre Lust über diesen Einkaufsbummel lässt zu wünschen übrig. Sie hat es jedoch versprochen und daran hält sie sich.


Nach fünfzehn Minuten ist Ella fertig und Sten fast die Zeitung durch. Gemeinsam machen sie sich endlich auf den Weg.


 


Es hat schon eine Weile gedauert, bis sie etwas passendes gefunden haben. Ella macht mehrere Bilder und schickt sie dann Sunny. Sie möchte auch ihre Meinung haben, denn sie will nicht allein entscheiden. Sten kann das natürlich überhaupt nicht und hätte wohl die erste Couch genommen, an der sie vorbei gekommen sind. Ungeduldig wartet Ella auf eine Antwort, aber Sunny meldet sich nicht. Ella versucht sie anzurufen, aber sie nimmt den Anruf ebenfalls nicht entgegen.


„Wo ist sie denn“, entfährt es Ella entnervt und wählt nochmals die Nummer von Sunny.


„Vielleicht ist sie noch einkaufen“, redet Sten beruhigend auf Ella ein.


„Ja, könnte sein. Aber sie kann mir doch wenigstens kurz schreiben“, entgegnet Ella und ruft nun schon zum vierten Mal an.


„Wir schaffen das doch auch ohne sie“, lächelt Sten und setzt sich auf die Couch, die ihm am besten gefällt.


„Die?“, fragt Ella entsetzt, denn das ist ganz und gar nicht ihr Geschmack und von ihr hat sie auch kein Foto gemacht.


„Die finde ich echt toll“, antwortet Sten und lässt sich nochmals darauf fallen, um wahrscheinlich die Federung zu prüfen. Sein Grinsen zeigt, dass er zufrieden ist.


„Die ist aber wesentlich teurer, als die anderen“, flüstert Ella, als sie sich neben ihn setzt.


„Ella, du weißt, dass ich gut verdiene. Die kann ich mir echt leisten“, lacht Sten und zieht Ella in seine Arme.


Das macht er immer wieder mal, obwohl er weiß, dass es Ella nicht so gefällt und so in der Öffentlichkeit gleich gar nicht. Er versucht ständig in ihrer Nähe zu sein und das er heute allein mit ihr hier ist, freut ihn am meisten. Er hat das absichtlich auf den Tag gelegt, weil er wusste, dass Sunny arbeiten ist. Er mag Sunny auch, und die beiden sind ja auch fast immer zusammen anzutreffen, aber Ella hat es ihm angetan. Er versucht schon lange ihr Herz zu gewinnen, jedoch weist ihn Ella immer wieder ab. Aber er gibt nicht auf. Irgendwann wird sie einsehen, dass er der Richtige ist und dann wird er wohl der glücklichste Mann auf der Welt sein.


„Gut, dann lass uns eine Verkäuferin holen“, sagt Ella und windet sich aus den Armen von Sten.


Sie schaut sich um und keine Minute später sitzen sie schon an einen Verkaufstisch. Die Verkäuferin macht die Papiere fertig und Sten muss nur noch eine kleine Anzahlung machen. Die Couch kommt in einer Woche, was erstaunlich schnell geht und so hat er gerade noch Zeit, die alte aus seinen Wohnzimmer zu räumen.


Ella schaut währenddessen wieder auf das Handy, aber Sunny hat sich noch immer nicht gemeldet.


„In einer Stunde kommt sie doch zu dir. Mach dir keine Sorgen. Wer weiß wo sie ist“, lächelt Sten Ella an, aber er erreicht sie nicht damit. Ella ist wirklich besorgt, denn so hat sich Sunny noch nie verhalten. Sie schreibt sonst immer eine kurze Nachricht oder ruft zurück. Heute bleibt aber beides aus und sie kann nur hoffen, dass sie wie abgemacht um 16.00 Uhr zu ihr kommt.


Sten kann alles versuchen, um Ella abzulenken, aber es funktioniert nichts. Sie will einfach nur noch nach Hause und sehen, ob Sunny vielleicht schon da ist. So bringt er die fast schon abwesende und in ihren Gedanken gefangene Ella nach Hause.


 


Es ist fast 17.00 Uhr und Ella kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sunny ist immer noch nicht da und auf ihre unzähligen Nachrichten, die sie ihr geschrieben hat, kam nicht eine Antwort. Auch die fast zwanzig Anrufe gingen ins Leere. Wo ist sie nur? Ist ihr etwas passiert? Vielleicht ist ihr etwas dazwischen gekommen? Nein! Da hätte sie sich auf alle Fälle gemeldet.


Verzweifelt ruft sie Sten an, denn er behält meist den Überblick oder findet sogar eine Lösung. Auch nur seine beruhigenden Worte, die er immer findet, würden ihr jetzt gut tun.


Keine fünf Minuten später klingelt es an der Tür und Ella fährt erschrocken zusammen. Gerade hatte sie wieder den Telefonhörer am Ohr und hört Sunnys Mailbox ihr Sprüchlein aufsagen. Genervt drückt sie es aus und öffnet Sten die Tür. Ohne Vorwarnung fällt Ella Sten um den Hals und dann laufen auch schon die Tränen über ihr Gesicht. Sten bleibt still und stützt Ella, die in ihrer Verzweiflung gefangen ist.


„Schon gut“, beginnt er und führt Ella ins Wohnzimmer. Zusammen setzen sie sich auf die Couch und dann wischt Sten ihr die Tränen von den Wangen. „Ella, ihr ist schon nichts passiert“, sagt er um sie zu beruhigen, aber auch er weiß, dass da etwas nicht stimmt, denn die beiden wissen immer, ja immer, wo die andere ist oder was sie gerade macht. Sie sind praktisch wie Zwillinge, die alles gemeinsam machen und teilen. Da passt manchmal sogar er selbst nicht dazwischen.


„Wo kann sie nur sein?“, schluchzt Ella leise vor sich hin.


„Hast du eigentlich schon im Krankenhaus angerufen? Vielleicht haben sie einen Notfall und Sunny muss ein paar Stunden länger arbeiten“, platzt Sten heraus und Ellas Augen füllen sich voller Hoffnung. Sie hätte sich aber auch da bei ihr gemeldet, den Gedanken schaltet Ella jedoch aus und greift wieder nach ihrem Handy.


„Hallo, hier ist Ella. Kann ich Sunny sprechen?“, meldet sie sich schnell und übergeht die Frage, ob Sunny überhaupt noch da ist.


„Hallo Ella, hier ist Sabine. Ist Sunny nicht bei dir?“, wird die Gegenfrage gestellt und Ella würde wohl umkippen, wenn sie nicht schon sitzt.


„Wieso bei mir?“, kommt leise und nachdenklich von Ella.


„Sunny war heute gar nicht arbeiten. Ich habe versucht sie zu erreichen, aber sie ist nicht an ihr Handy gegangen. Eigentlich meldet sie sich, wenn sie nicht arbeiten kommen kann. Leider hatte ich deine Nummer nicht. Weißt du wo sie ist?“, erklärt Sabine und löst so ein riesiges Gefühlschaos in Ella aus.


„Ich kann sie auch nicht erreichen“, japst Ella nach Luft. Irgendetwas schnürt ihr die Kehle zu. Es ist wahrscheinlich die Angst, die in ihr hoch kriecht. Angst um Sunny. Angst um ihre beste Freundin. Angst um....!


„Wenn du etwas erfährst, dann gebe uns bitte Bescheid“, sagt Sabine und weil sie keine weitere Antwort bekommt, legt sie wieder auf.


Ella kann nicht mehr antworten. Sie zittert am ganzen Körper, die Stimme ist weg und die Tränen laufen, wie ein Wasserfall über ihr Gesicht.


„Sie wissen auch nicht wo Sunny ist“, stellt Sten fest und Ella kann nur kurz nicken.


Er nimmt sie in den Arm und beginnt zu überlegen.


Es ist nicht das Ding von Sunny, ohne ein Wort zu verschwinden. Das sagt er jedoch nicht Ella, damit sie sich nicht noch mehr aufgeregt und außerdem weiß sie das ja selbst. Aber was ist, wenn ihr zu Hause was passiert ist? Wenn das Handy nicht in Reichweite liegt und sie sich deshalb nicht melden kann. Oder hatte sie einen Unfall?


„Vielleicht hatte Sunny einen Unfall und kann sich deshalb nicht melden“, spricht er sehr vorsichtig, denn er kann die Reaktion von Ella nicht einschätzen. So eine Ausnahmesituation hat es noch nie gegeben.


„Dann wäre sie doch im Krankenhaus und Sabine hätte das dann auch gewusst“, entgegnet Ella überzeugt und Sten kann nur mit den Schultern zucken.


„Was ist wenn ihr etwas in ihrer Wohnung passiert ist?“, wagt er die nächste Frage und Ella steht mit einem Ruck auf ihren Beinen.


„Dann sollten wir mal nachschauen“, platzt sie heraus und sucht im selben Moment nach ihrer Tasche. Sten kann nur zusehen, wie sie ihr Handy in die Tasche wirft, sich einen Pullover über den Kopf streift und im gleichem Atemzug auch schon die Schuhe anzieht.


„Kommst du?“, fragt Ella nur einen Augenschlag später an der Tür wartend.


„Ja, ja“, entfährt Sten, der wieder einmal die Frauen nicht versteht. So schnell kann man doch gar nicht umschalten.


„Was brauchst du denn so lange“, kommt aufgeregt von Ella, zieht Sten nach draußen und schließt die Tür ab.


Sten kann nur noch mit dem Kopf schütteln und läuft Ella hinterher, die anscheinend einen Sprint eingelegt hat. Er hat eine Hoffnung in ihr geweckt, die ihr anscheinend Flügel verleiht.


Sunny wohnt gerade mal fünf Minuten zu Fuß von Ella entfernt, aber Sten kommt es vor, gerade mal eine Minute gebraucht zu haben.


Völlig außer Puste und nach Luft schnappend nimmt Sten die letzten zwei Stufen und steht nun hinter Ella, die gerade die Wohnungstür von Sunny aufschließt. Fast ungebremst, wie auf den gesamten Weg bis hier her, stürmt sie in die Wohnung. Er schließt die Tür hinter sich und hört Ella lautstark nach Sunny rufen. Ein kurzer Blick in die kleine Küche und schon steht sie mitten im Wohnzimmer. Hektisch schaut sie sich um, aber es ist alles wie immer. Ordentlich und aufgeräumt, wie man es von Sunny kennt.


„Schaust du mal ins Schlafzimmer?“, fragt Sten mit pfeifender Stimme von der Anstrengung.


„Mach du mal“, sagt Ella und lässt sich nun auch entkräftet in einen Sessel fallen.


„Aber wenn sie da nackt....“, stottert Sten und fängt ein verschmitztes, aber leicht erzwungenes Lächeln von Ella ein.


„Sag bloß du hast noch keine nackte Frau gesehen?“, hänselt sie ihn, aber erhebt sich nun doch, um selbst nachzuschauen. Sten kann ihr nur mit einen leicht erröteten Kopf hinterherschauen, denn irgendwie hat sie schon den Nagel auf den Kopf getroffen. Ella ist die Erste und die Einzige Frau in die er sich verguckt hat. Also null Erfahrung. Aber das muss sie nicht wissen.


Ella betritt das Zimmer, was jedoch genauso ordentlich ist, wie alle anderen. Zum Schluss hält sie den Kopf noch kurz in das Bad, Sunny könnte ja auch in der Dusche ausgerutscht sein. Aber die Wohnung ist leer. Langsam geht Ella alles noch einmal ab und stellt fest, dass die Handtasche von Sunny nicht da ist. Wieso sollte sie denn auch ohne sie die Wohnung verlassen? Dann kommt Ella noch ein Gedanke und sie läuft abermals ins Bad. Ein Blick in die Wäschetruhe zeigt ihr, dass sie anscheinend nach gestern Abend nicht zu Hause gewesen ist. Sie zieht jeden Tag neue Sachen an und außerdem würde sie niemals so ein gutes Oberteil auf Arbeit tragen. Also wo ist es? In der Truhe jedenfalls nicht. Wieder im Schrank? Niemals, sie hat eindeutig geschwitzt und würde es deshalb kein zweites Mal anziehen. Trotzdem läuft sie hinüber in das Schlafzimmer und durchsucht den Schrank. Sten folgt ihr und beobachtet sie mit weit aufgerissenen Augen.


„Was suchst du denn?“, fragt er nun doch, denn er kann nicht nachvollziehen, was Ella da tut.


„Sie war gar nicht zu Hause“, flüstert Ella, als könnte sie jemand belauschen.


„Wie kommst du denn darauf?“, will Sten etwas unverständlich wissen.


„Ihre Sachen von gestern Abend sind nicht da.“


„Was willst du damit sagen?“


„Sie zieht nichts zwei Mal an, ohne es zu waschen“, schüttelt Ella den Kopf und stellt wieder einmal fest, dass Sten die Frauen einfach nicht kennt.


„Wenn du das sagst. Und was machen wir jetzt?“, fragt Sten und kann Ella immer noch nicht richtig folgen.


„Sie war nach gestern Abend gar nicht hier und ist einfach verschwunden“, schluchzt Ella, denn schon wieder machen sich Tränen auf den Weg in ihre Augen.


„Komm wir gehen wieder zu dir“, murmelt Sten in die Haare von Ella, denn ihr Kopf liegt auf seiner Brust. Er hält sie fest und wartet auf eine Reaktion. Hier können sie nichts mehr tun, das ist beiden klar.


Nach ein paar Minuten löst sich Ella aus den Armen von Sten, wischt sich das Gesicht trocken und dann verlassen sie wieder die Wohnung. Diesmal laufen sie langsam und ziemlich nachdenklich zurück. Sie reden kein Wort und jeder ist in seinen Gedanken gefangen. Aber beide stellen sich eine Frage, wo ist Sunny?


Sie finden keine Antwort darauf und sind am überlegen, wer ihnen jetzt helfen kann.


Bei Ella angekommen, packt sie plötzlich die Angst. Sie kann sich kaum wieder beruhigen und auch der Tee, den Sten ihr gemacht hat, hilft nicht.


„Wir sollten zur Polizei gehen“, sagt sie mit zitternder Stimme.


„Wie kommst du denn jetzt darauf?“, Sten schaut sie fassungslos an, denn für ihn ist es noch nicht so ernst, um die Polizei einzuschalten.


„Was, wenn sie entführt wurde?“, platzt Ella das heraus, was sich Sten noch nicht einmal vorstellen wollte.


„Und wenn sie zu ihren Eltern aufs Land ist. Vielleicht brauchen sie Hilfe“, hält Sten dagegen und versucht Ella auf andere Gedanken, als eine Entführung zu bringen.


„Dann hätte sie mir Bescheid gesagt. Und dann hätte sie sich auf Arbeit gemeldet“, entgegnet Ella und Sten muss sich eingestehen, dass Ella wieder einmal recht hat.


„Lass uns bis morgen warten“, widerspricht er ihr trotzdem.


„Sie könnten aber die ganze Nacht schon nach ihr suchen“, bettelt Ella fast.


„Sie werden es nicht. Bei Erwachsenen ist das nicht so einfach eine Vermisstenanzeige zu machen und damit sofort eine Suche auszulösen“, sagt Sten ziemlich leise, um Ella nicht noch mehr aufzuregen.


„Wieso denn?“, bekommt sie nur heraus.


„Sie ist volljährig und kann hingehen wo sie will. Wenn die Polizei keine Hinweise auf eine Straftat hat, werden sie nur nach dem Aufenthaltsort suchen. Und das werden sie bei Sunny nicht gleich tun.“


„Und wenn sie in Gefahr ist?“


„Wir können das aber nicht von uns aus sagen, weil wir es doch nicht wissen“, versucht Sten Ella zu erklären.


„Dann kann uns die Polizei gar nicht helfen?“, schluchzt Ella


„Weißt du was?“, kommt von Sten und er greift nach ihren Händen. „Ich bleibe heute Nacht bei dir und morgen früh, wenn wir immer noch nichts von Sunny gehört haben, gehen wir zusammen zur Polizei.“


„Ich rufe nur noch mal schnell Sunnys Mutter an“, erwidert Ella und atmet mehrmals tief durch.


„Es wäre vielleicht besser, sie nicht anzurufen“, widerspricht Sten, denn langsam ist auch er sich sicher, dass Sunny nicht einfach irgendwo hin gegangen ist, ohne Bescheid zu sagen.


„Warum nicht?“


„Sunny ist garantiert nicht dort und du würdest ihre Mutter in Angst und Schrecken versetzen. Es würde bestimmt keine zwei Stunden dauern und sie wäre hier. Du kannst sie anrufen, wenn wir morgen bei der Polizei waren, oder die machen das.“


„OK, dann warten wir bis morgen“, sagt Ella und schluckt ihren Schmerz hinunter. Zumindest versucht sie es.


Wie soll sie nur die Nacht überstehen? Wie wird wohl Sunny die Nacht überstehen und vor allem wo?


Die Fragen tanzen in ihrem Kopf herum und verursachen jetzt auch noch Kopfschmerzen. Nachdem sie eine Tablette genommen hat, holt sie Bettzeug für Sten, der es sich auf der Couch gemütlich macht und legt sich dann selbst ins Bett, aber an schlafen ist gar nicht zu denken.


Alles Mögliche geht Ella durch den Kopf, aber eines ist absolut sicher, Sunny würde nicht einfach gehen, ohne ihr etwas zu sagen. Ella ist es unbegreiflich, wie sie verschwinden konnte. Wo ist sie nur? Sie zerbricht fast an dem Gedanken, Sunny vielleicht nie wieder zu sehen.


 


Sie kennen sich seit der Schulzeit und sind schon gemeinsam durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Sie fühlten sich nicht nur als Freundinnen, nein, sie waren wie Schwestern. Durch die Berufslehren wurden sie eine Zeit lang getrennt, aber das Band war nie zertrennt. Nun sind sie seit zwei Jahren wieder zusammen und das mehr als je zuvor. Als Sunny wieder zurück kam entdeckten sie, dass da mehr ist, als nur die Freundschaft. Jede hat für sich Erfahrungen mit Männern gehabt, aber es war für beide nicht befriedigend. Sunny lebte sogar mit einem Mann zusammen, aber Ella konnte nie eine Verbindung aufbauen. Beiden fehlte etwas, um von Liebe zu reden, oder sich überhaupt komplett auf einen Mann einzulassen, wie Ella. Jetzt ist es jedoch anders. Sie sahen sich wieder und lernten sich auf einer ganz anderen Ebene neu kennen. Sie verliebten sich und fanden endlich das, was sie jahrelang gesucht haben. Ja, sie sind zusammen und das nennt man wohl lesbisch. Bis heute haben sie es verschwiegen. Gegenüber ihren Eltern, wie auch keine seiner Freunde wissen darüber Bescheid. Auch Sten weiß nichts davon und so muss es auch bleiben. Sie wollen es so lange wie es geht geheim halten, dass haben sie sich geschworen. Sie haben keine Lust auf Anfeindungen und Unverständnis. Sie wollen einfach ihre Liebe genießen und leben. Aber das alles hat nichts mit der momentanen Situation zu tun. Nein? Ella überlegt, ob irgend jemand etwas von ihrer Beziehung wissen könnte. Sie kommt zu dem Schluss, dass das nicht sein kann. Sie sind doch extra nicht zusammengezogen und jede hat ihre eigene Wohnung. Es kann keiner wissen! Daran klammert sich Ella und kann sich einfach nicht vorstellen, dass Sunny entführt wurde, zumindest nicht wegen ihrer Beziehung.


Leise weint sie sich über all den Fragen und Ängsten dann doch in einen unruhigen Schlaf. Nach ein paar Stunden weckt sie wieder auf und ist erstaunt, dass sie nicht einmal von Sunny geträumt hat. Ist das ein gutes oder schlechtes Zeichen? Ella sitzt im Bett und findet wieder keine Antworten. Automatisch greift sie zum Handy und ruft die ihr zu bekannte und vertraute Nummer an. Es klingelt, aber es nimmt niemand ab. Hört es Sunny nicht? Schläft sie vielleicht noch? Es ist noch dunkel draußen und der Wecker zeigt Ella, dass es gerade mal 5.00 Uhr morgens ist. Oder kann sie nicht ran gehen? Aber warum denn nicht? Ist sie irgendwo gefangen? Aber ein Entführer hätte ihr doch das Handy weggenommen.


Wie auf Kommando ruft Ella noch einmal an und jetzt ist es plötzlich ausgeschalten. Was soll das denn jetzt? Hat Sunny es aus gemacht? Will sie nicht mit ihr reden? Oder hat es jemand anders? Jetzt steigt wieder Panik in Ella hoch und sie springt aus dem Bett.


„Ich kann Sunny nicht mehr anrufen“, schreit sie fast und rüttelt Sten an den Schultern.


„Was?“, fährt Sten erschrocken hoch und weiß im Moment gar nicht wo er ist.


„Das Handy von Sunny ist aus“, jammert Ella und setzt sich fast auf die Beine von Sten, die er gerade noch wegziehen kann.


„Ella, beruhige dich“, fordert Sten und setzt sich nun ganz auf. „Wir machen uns erst mal einen Kaffee und dabei können wir überlegen, was wir als nächstes tun“, redet er weiter und nickt Ella aufmunternd zu.


Sie steht auf und geht in die Küche. Wie in Trance und immer einen Blick auf ihr Handy, es könnte ja auch Sunny anrufen, macht sie die Kaffeemaschine fertig und legt ein paar Aufbackbrötchen in den Ofen. Sie hat zwar keinen Hunger, der ist ihr schon lange vergangen, aber sie ist ja nicht allein und Sten will bestimmt etwas essen.


Er hat sich inzwischen an den kleinen Tisch in der Küche gesetzt und Ella sieht ihm an, wie er angestrengt überlegt. Seine Stirn liegt in Falten und er schüttelt immer wieder mit dem Kopf.


„Was überlegst du?“, fragt Ella und setzt sich zu ihm.


„Was habt ihr Freitag Abend genau gemacht? War Sunny noch mit hier?“, formuliert er vorsichtig seine Fragen.


„Wir waren wie immer Freitags in der Bar, vorne an der Ecke“, antwortet Ella und ihre Gedanken drehen sich plötzlich darum, ob er von ihrer Beziehung etwas mitbekommen hat. Egal, das würde jetzt auch nichts ändern, oder? Sten wäre bestimmt beleidigt, weil sie ihm es verheimlicht haben und außerdem steht er auf sie und das weiß sie ganz genau.


„Wann seit ihr gegangen?“, will Sten weiter wissen.


„Wir haben eine Runde Billard gespielt und ein Glas Wein getrunken. Gegen zehn sind wir los, weil Sunny Frühschicht hatte“, sagt Ella und überlegt, ob da nicht doch etwas gewesen ist. Aber alles war wie immer, wie jeden Freitag.


„Also war sie gar nicht mit hier?“, hakt Sten nach und Ella schüttelt nur mit dem Kopf. „Hast du sie später noch mal angerufen?“, Sten lässt nicht locker, er will alles wissen.


„Nein, sie wollte doch gleich ins Bett. Und ich habe noch gearbeitet. Außerdem rufe ich sie nie noch mal an, warum denn auch.“


„Vielleicht ist sie gar nicht zu Hause angekommen“, denkt Sten laut.


„Denkst du jetzt auch, dass sie entführt wurde?“


„Aber warum?“, kommt die Gegenfrage von Sten.


„Das kann ich dir auch nicht sagen, aber deswegen war in ihrer Wohnung alles noch in Ordnung. Und ihre Tasche war ja auch nicht da“, schlussfolgert Ella und sieht die aufgeräumte und unberührte Wohnung praktisch vor ihren Augen.


„Eben“, kommt nur kurz von Sten, der versucht seine Gedanken zu sortieren.


„Und was jetzt?“


„Jetzt frühstücken wir und dann gehen wir noch mal in Sunnys Wohnung.“


„Was soll das denn bringen?“


„Vielleicht ist sie wieder da.“


„Glaubst du das wirklich“, sagt Ella und muss schlucken, denn plötzlich machen sich wieder Tränen auf den Weg. Wie schön wäre es, wenn sie da wäre. Aber dann hätte sie sich schon gemeldet. Sie ist weg und sie müssen sie finden, ansonsten geht Ella an dem Verlust zu Grunde.


„Nein, eigentlich nicht“, gibt Sten ehrlich zu und steht auf. Er drückt Ella einen Kuss auf die Stirn, in der Absicht, dass sie sich wieder fängt und dann gießt er den Kaffee in die Tassen.


Sie frühstücken in absoluter Stille und die bringt beide dazu, sich immer wieder Fragen zu stellen und es werden stetig mehr. Keiner von beiden will wahrscheinlich das Wort Entführung noch einmal in den Mund nehmen, obwohl die Tatsache, dass es so ist, nicht mehr abzuwenden scheint.


 


 


 


 


 


Sunny


 


Langsam kommt Sunny zu sich und ihre Augen schauen sich hektisch um. Sie kann sich nicht bewegen und versucht an sich hinunter zuschauen. Aber auch das gelingt ihr nicht ganz, nur so viel nimmt sie wahr, sie ist stehend an irgendetwas mit Händen und Füßen gefesselt. Sogar ihr Hals ist festgebunden. Und dann macht ihr etwas noch mehr Angst, sie hat Wäsche an, die ganz sicher nicht ihr gehören. Es ist ein BH und ein knappes Höschen, beides aus feinster schwarzer Spitze.


Wieso hat sie Dessous an? Und wer hat sie ihr angezogen? Die Frage erledigt sich in dem Moment, wo die Tür aufgeht und ein großer kräftiger Mann herein tritt. Sie trifft ein flüchtiger Blick von ihm und der sagt ihr sofort, dass sie in Schwierigkeiten steckt.


Weil sie jedoch in ihrer momentanen Lage nicht viel unternehmen kann, lässt sie ihre Augen nun erst einmal etwas ruhiger, aber immer noch mit Angst erfüllt, durch den Raum schweifen. Sie muss in einem Keller sein, denn es gibt keine Fenster und die Wände sind nicht verputzt.


Rechts von ihr erkennt sie mehrere Computer. Warum braucht man denn gleich so viele und auch noch dazu im Keller? Sie denkt nicht länger darüber nach und schaut weiter. Links ist eine Tür und daneben geht es eine Treppe hinauf. Dort ist wohl der Weg in die Freiheit, der für sie jedoch unerreichbar ist, zumindest im jetzigen Moment. Nun geht ihr Blick aber gerade aus und da ist eine Werkbank, an der gesamten Wandfläche. Auf ihr sind unzählige Geräte und Werkzeuge verteilt. An dieser ist der Kerl gelehnt und beobachtet sie mit einen hämischen Gesichtsausdruck. Sunny wird es heiß und kalt zugleich. Irgendwie sieht er sehr gut aus und seine stahlblauen Augen würden wohl so mancher Frau den Kopf verdrehen. Aber nicht Sunny. Sie hat sich der Männerwelt abgewandt. Und dann beginnt sie zu zittern, denn ihr wird klar, dass wenn er sich nicht hinter einer Maske versteckt, heißt das für sie, dass sie hier wahrscheinlich nicht lebend mehr heraus kommt.


Welcher Entführer würde sein Opfer gehen lassen und dann nur noch darauf warten, dass sie ihn fest nehmen, weil sie der Polizei ein hundertprozentiges Phantombild gegeben hat. Und das wäre es, denn das Gesicht würde sie niemals mehr vergessen, es hat sich längst in ihr Gehirn gebrannt.


Sunny versucht ruhig zu atmen und das nur durch die Nase, denn in ihrem Mund hat sie irgendeinen Ball, wodurch sie auch keinen Ton von sich geben kann. Ängstlich sind ihre Augen auf ihn gerichtet und beobachtet ihn genaustens. Trotz der Angst brennt sich weiterhin jede Einzelheit, jede Bewegung von ihm sowie die schnell wechselnde Mimik, was anscheinend ein Spiel von ihm ist, augenblicklich in ihr Hirn. Wer weiß wofür sie es einmal gebrauchen kann. Er dagegen verschränkt seine starken Arme vor seiner nackten braungebrannten Brust und scheint den Anblick von Sunny einfach nur zu genießen.


 


Schon beim fesseln, was ihn keinerlei Schwierigkeiten bereitete obwohl Sunny ohne Bewusstsein war, hat er sich außerordentlich Mühe gegeben. Kabelbinder kamen für ihn nicht in Frage, dass war ihm viel zu einfach. Ob das natürlich seinem Opfer imponierte, sei dahin gestellt.


Weiche Lederriemen legte er Sunny an. Sie soll sie als Geschenk sehen, aber das tut sie natürlich nicht. Undankbares Ding! Bei dem Gedanken muss er lächeln und um so verdutzter schaut ihn Sunny an. Keiner weiß, was gerade der andere denkt und genau das macht ihn Spaß, aber Sunny immer mehr Angst, die versucht sich das nicht anmerken zu lassen.


Sein Blick fällt wieder auf die Riemchen. Schmuck sehen sie aus, mit den vielen Strasssteinchen. Nicht zu eng, aber so, dass sie sie nicht abstreifen kann. Die Arme sind waagerecht abgespreizt und die Handgelenke sind an den Querbalken befestigt. Dann noch ein schmaler Lederriemen um den Hals, der sieht jedoch eher nach einem Hundehalsband aus, mit den silbernen Metallspitzen. Der ist an der Säule hinter ihr festgemacht. Natürlich zieren auch ihre Füße solch zarten Riemchen. Im ganzen ist Sunny an einem Kreuz gefangen, deren Herstellung für ihn das Einfachste war und da ist sie ihrem Peiniger ausgeliefert.


Seine Augen bleiben an ihrem Gesicht hängen. Da ist dieser Knebel, den er erst vor einigen Tagen gekauft hat. Nicht weil er das Schreien der Frauen nicht erhören könnte, ganz im Gegenteil, dass wird seine größte Befriedigung sein, nein, irgendwie hat er ihn gereizt. Er ist etwas ganz besonderes. Ein Ball aus weichem Leder, der genau in ihren Mund passt. Es sieht gut aus, wie sich die vollen roten Lippen darum schmiegen. Irgendwie hat es schon etwas sexuelles, aber das ist nicht seine Absicht, zumindest nicht die Erste. Er hat etwas ganz anderes im Sinn, obwohl er bei Sunny schon auch auf andere Gedanken kommen könnte und bestimmt auch kommen wird, aber hat sich vorgenommen, solange wie möglich dagegen zu halten. Er liebt dunkelhaarige Frauen und Sunny ist eine Schönheit. Vielleicht tut er sich nicht gerade einen Gefallen mit den Ketten, den Lerderriemchen und den Dessous, die er ihr natürlich angezogen hat, aber er hat einen Plan und an den wird er sich halten. Alles zu seiner Zeit.


Er dreht Sunny den Rücken zu und greift nach einem großen Messer. Genüsslich und langsam fährt er mit dem Zeigefinger die scharfe Klinge entlang. Sie blitzt in dem grellen Neonlicht der Deckenlampe, dem einzigen Licht in diesem kleinen Keller.


Hinter ihm beginnt Sunny zu wimmern. Ihre Laute waren vor Stunden noch kräftig, woran sich Sunny aber nicht erinnern kann, weil sie immer wieder weg gedämmert ist. Sie ist sich nicht sicher, aber weil sie überhaupt nicht weiß, wie sie hier her gekommen ist, wird er ihr wohl etwas gegeben haben. Sie vermutet irgendeine Droge, das ist jedoch nicht mehr wichtig, denn jetzt verlassen sie langsam ihre Kräfte.


Er muss sich beeilen, denn er will nicht, dass sie schon aufgibt. Sie soll doch alles mitbekommen, ansonsten macht es doch keinen Spaß.


Zu viele hat er schon verloren, bevor er fertig war. Womit? Das weiß nur er.


Diesmal aber hat er sich die Richtige ausgesucht. Er weiß es genau! Sie hat mehr Kraft und auch mehr Willen. Lange hat er sie beobachtet. Fast jede Minute und alle Einzelheiten der letzten Wochen hat er ausspioniert. Er war ihr immer ganz nahe, zeitweise unerreichbar, aber jetzt gehört sie ihm.


Wenn er jedoch wüsste wie viel Willen Sunny wirklich hat. Sie wird kämpfen und es ihm schwer machen, auch wenn sie schon ahnt, dass sie eigentlich gegen ihn keine Chance hat.


Ganz langsam dreht er sich zu Sunny um und augenblicklich schweigt sie. Seine Augen fixieren sie und ihr kommt es vor, als würde er seine Vorgehensweise im Kopf ablaufen lassen.


Nur Sekunden später geht er einen Schritt auf sie zu, das Messer in der linken Hand, wo man ja Linkshänder für sehr intelligent hält, aber ob es auf ihn zutrifft ist zu bezweifeln. Genüsslich lässt er das Messer drehen, mit dem Zeigefinger der rechten Hand an der Messerspitze und nimmt die immer größer werdende Angst von Sunny in sich auf, wie ein ausgehungerter wilder Wolf.


„Du hast einen ganzen Tag verpasst. Den wirst du heute nachholen müssen“, raunt er Sunny zu, aber sie kann damit nichts anfangen. Das scheinen ihm ihre Augen zu sagen, denn er spricht weiter. „Heute ist schon Sonntag, mein Schatz. Ich habe dich wohl mit einer zu hohen Dosis betäubt. Das tut mir echt leid, aber jetzt bist du ja endlich munter. Ach, und weil du so lange geschlafen hast, musste ich dich anziehen. Aber ich denke doch, dass sich das in den nächsten Tagen ändern wird.“


Sunny dreht sich fast der Magen um. Er hat sie wirklich angefasst. Und nicht nur das. Er hat sie ausgezogen und ihr diese Dessous übergestreift. Einen ganzen Tag war sie ihm ausgeliefert und sie hat nichts mitbekommen. Was hat er noch alles mir ihr angestellt? Sie will sich das gar nicht vorstellen. Allein bei dem Gedanken, wie seine Hände ihre zarte Haut berühren, bekommt sie Brechreiz. Diesen muss sie unterdrücken, denn sie weiß genau, wie schnell man an Erbrochenen ersticken kann, vor allem mit diesem Ball im Mund.


Er muss sie auf dem Weg nach Hause überfallen haben, aber sie kann sich an nichts mehr erinnern. Sie kann nur hoffen, dass das Betäubungsmittel keine weiteren Nachfolgen hat. Obwohl, wenn sie noch einmal abdriftet, muss sie das hier nicht bei vollem Bewusstsein erleben. Aber wie lange wird das alles dauern? Was hat er vor. Umbringen anscheinend nicht, nachdem was er gerade gesagt hat.


Ihre Gedanken werden abrupt unterbrochen, denn die blitzende Klinge des Messer ist ganz nah vor ihren Augen. Der Ekel, der in ihr hoch gekrochen ist, schlägt in panische Angst um.


Sie zerrt an den Lederbändern und sie reißen nun doch ihre zarte Haut an den Handgelenken und dem Hals auf. Vor Schmerz hält sie inne und scheint sich ihrem Schicksal zu ergeben, aber so ist es nicht. Sie will sich nur nicht selbst verletzen, denn das er es tun wird ist ihr klar. Jede weitere Wunde kann ihr Kräfte kosten, die sie für das Überleben braucht. Wird sie das? Überleben? Sie will es zumindest versuchen, egal was es sie für einen Preis kosten könnte. Sie will leben, sie will hier raus und das hier soll nicht ihre letzte Station sein.


Sie wird aus ihren Gedanken gerissen, als er das Messer an ihrem Hals entlanggleiten lässt, aber ohne ihr weh zu tun. Er beobachtet sie ganz genau, als die Klinge über ihr Gesicht streift. Instinktiv hält Sunny die Luft an, um den Schmerz zu verarbeiten, jedoch ist auch diesmal nicht der kleinste Ritz zu sehen. Nun zieht er einen Hocker heran und stellt ihn genau unter Sunnys ausgestreckten rechten Arm. Darauf steht eine kleine Schüssel und jetzt ist das Messer direkt darüber. Sunny sieht alles im Augenwinkel und kann sich nicht vorstellen, was er damit bezweckt. Aber sie soll es gleich erfahren, denn er setzt das Messer an und schneidet in Sunnys Fleisch. Nicht zu tief, aber genau so, dass aus der Wunde Blut tropft. Die Schüssel fängt jeden Einzelnen auf, aber Sunny kann mit dem Anblick gut umgehen, jedoch nicht mit dem plötzlichen Schmerz.


Ein Schrei bleibt ihr im Hals stecken, der Lederball verhindert, dass er herauskommt. Ihr wird schwarz vor Augen, die sie jedoch nicht schließen kann. Erst jetzt bemerkt sie, weil sie die ganze Zeit mit weit aufgerissenen Augen alles in sich aufgesaugt hat, dass er ihre Lider an den Augenbrauen festgeklebt hat. Sie soll alles sehen, aber ihr Unterbewusstsein verhindert es. Ganz sacht fällt sie in die Dunkelheit der Ohnmacht. Es ist wohl das Beste, was ihr in diesem Augenblick passieren kann, denn sie ist sich nicht sicher, dass es das Einzige ist, was er mit ihr anstellen wird.


In dem Moment wo ihr Kopf nach vorne fällt, dreht er sich wütend um und wirft das Messer gegen die Wand. Hat er wieder eine schwache Frau erwischt? Sollen nicht Frauen Schmerzen besser ertragen können als Männer? Oder ist sie noch von dem Betäubungsmittel zu schwach? Egal, es ist nicht so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hat und das ärgert ihn.


Laut knurrend und mit wutverzerrten Gesicht geht er die Treppe hinauf und verlässt den Keller. Er lässt Sunny allein, was sie aber nicht mitbekommt, denn sie ist immer noch in ihrer Ohnmacht gefangen. Und das Blut tropft stetig in die kleine Schüssel!


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