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Kinderbücher
Buch Leseprobe Wir Reiter vom Felderbrockhof, Martina Sein
Martina Sein

Wir Reiter vom Felderbrockhof


Svea

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Ich war zwölf Jahre alt, als diese Geschichte begann. Damals wohnte ich mit meinen Eltern und meiner elf Monate jüngeren Schwester Finja in der Nähe von Flensburg. Als wäre es erst gestern gewesen, kann ich mich daran erinnern, wie meine Mutter sich beim Abendessen räusperte. „Habe ich euch schon einmal von meiner Freundin Maren erzählt?“ Mein Vater nickte. „Das ist doch deine Schulfreundin. Sie hat uns einmal besucht, bevor Svea geboren wurde.“ Daraufhin stimmte Mutti zu. „Genau die. Als wir in der achten Klasse waren, ist ihre Familie nach Ostfriesland in ein ganz kleines Dorf gezogen. Das besteht bloß aus vier oder fünf Häusern, wenn ich mich richtig erinnere, was sie erzählt hat. Später hat sie den Hof übernommen.“ An dieser Stelle machte sie eine Pause. „Wisst ihr, die Sache ist die, dass Maren mich so oft eingeladen hat, sie und ihren Mann zu besuchen.“ „Nachtigall, ich hör dich trapsen“, entgegnete Papa. Davon ließ Mutti sich nicht beirren. Sie fuhr fort: „Wir wissen doch eh nicht, was wir dieses Jahr im Urlaub machen sollen. Was haltet ihr davon, wenn wir dieses Angebot endlich einmal annehmen? Ich würde Maren so gerne wiedersehen und mich einmal dort umschauen wollen. Wir schreiben uns nach wie vor regelmäßig und telefonieren manchmal miteinander.“ Damals war das schrecklich teuer. Es gab keine Flatrates, sondern wurde nach Einheiten abgerechnet, die zu den unterschiedlichen Tageszeiten verschieden lang waren. So konnte man nach achtzehn Uhr deutlich länger für denselben Preis telefonieren als tagsüber. Nachts war es noch günstiger. Handys hatten wir eh keine. Die mussten erst erfunden werden. Reiche Leute mit einem großen Wagen besaßen bestenfalls ein Autotelefon. Das war für uns Kinder alle ein Traum. Vorsichtig fragte ich: „Was können wir da denn machen? Ich meine bei Maren auf dem Hof?“ „Es gibt viele andere Kinder“, antwortete Mutti mir. „Ich bin sicher, dass ihr schnell Anschluss finden würdet. Die anderen zeigen euch dann schon, was man dort so unternimmt. Übrigens liegt Felderbrockhof in der Nähe vom Meer. Maren hat mir Fotos von einem Leuchtturm geschickt.“ „Ein echter Leuchtturm?“, hakte Finja nach. „Den will ich sehen. Papa, da müssen wir einfach hinfahren!“ „Lasst mich bitte wenigstens eine Nacht darüber schlafen, ob ich meinen Jahresurlaub dort in der Einöde verbringen will.“ Auch mir gefiel die Aussicht, einmal einen Leuchtturm von Nahem zu sehen. Daher argumentierte ich: „Nach Italien können wir nächstes Jahr wieder fahren. Da sind wir immer.“ Trotzdem beharrte unser Vater: „Das entscheiden wir die Tage.“ Gerade eben war es noch morgen gewesen. Finja und ich gingen auf den Dachboden. Da wir nur recht kleine Zimmer hatten, durften wir uns dort oben mit unseren Sachen ausbreiten. Wir hatten eine alte Couch, die bereits total durchgesessen war. Mit Decken und unseren Kuscheltieren mummelten wir uns dort ein. „Hoffentlich klappt das“, platzte ich heraus. „Mit Muttis Freundin Maren?“, hakte Finja nach. Ich nickte. „Ja, das klingt doch klasse, oder nicht?“ „Keine Ahnung. Den Leuchtturm will ich auf jeden Fall einmal sehen, aber drei Wochen irgendwo in einer fremden Pampa sitzen … ich weiß nicht“, gab Finja zurück. Eine halbe Stunde später hörten wir Schritte auf der Treppe. Kurz darauf tauchte der Kopf unserer Mutter auf. „Dachte ich es mir, dass ihr hier seid. Habt ihr für mich ein Plätzchen frei?“ „Klar.“ Ich rutschte zur Seite, sodass sie zwischen uns sitzen konnte. „Erzählst du uns was von deiner Freundin?“ „Wenn ihr mögt.“ Wir nickten beide. „Also, wie ich schon gesagt habe, lebt Maren auf einem Hof. Dort haben sie eine Menge Schafe. Sie hat mir so oft beschrieben, wie es in Felderbrockhof aussieht. Alle sind eine dicke Gemeinschaft. Man trifft sich regelmäßig zu Dorffesten und solche Sachen. Wenn einer schlachtet, werden alle anderen mit dem Fleisch versorgt. Im Herbst ist es mit der Ernte ähnlich. Ihr müsst wissen, die betreiben dort alle Landwirtschaft. Eine Freundin von Maren lebt sogar in einer echten alten Windmühle. Die wird nicht mehr benutzt und ist zu einem Wohnhaus umgebaut worden.“ „Cool!“, entfuhr es mir. Mutti redete munter weiter: „Die anderen haben Kühe, Schweine, Geflügel und Pferde.“ „Pferde?“ Bei diesem Wort war Finja sofort hellhörig. Seit Jahren nervte sie unsere Eltern, dass sie Reiten lernen wollte. Das wäre ein zu teures Hobby, hatte Papa bis dahin stets abgewehrt. Das hielt meine Schwester nicht davon ab, ihre Wände mit Pferdepostern zu tapezieren. Man konnte kaum noch erkennen, dass sie eigentlich hellgelb gestrichen waren. Sie schlief ausschließlich in Bettwäsche, die ein Pferdemotiv hatte, und zog sich jeden Film über Pferde im Fernsehen rein, der gesendet wurde. „Ja, Pferde“, bestätigte Mutti. „Hauptsächlich wohl Ponys, aber Maren hat mir geschrieben, dass die ein paar Kaltblüter haben, mit denen sie Gästen Kutschfahrten durch die Gegend anbieten.“ „Also keine Dressur- oder Springpferde?“ „Zumindest weiß ich nichts davon. Sollten wir Papa überreden können, dass wir hinfahren, wirst du es sehen.“ „Das müssen wir schaffen“, stellte Finja voller Inbrunst fest. Mit Pferden konnte man sie vermutlich überallhin locken. Vergessen war die fremde Pampa. Vor meinem geistigen Auge entstand eine Straße, bei der auf jeder Seite Weiden waren, auf denen die verschiedenen Tiere standen. Ich war zwar nicht so pferdeverrückt wie meine Schwester, aber dennoch sehr tierlieb. Dazu war ich eine Leseratte. Eine meiner Lieblingsgeschichten handelte von Kindern, die Abenteuer zwischen Dünen und einem Leuchtturm erlebten. Zu gern wollte ich so etwas einmal mit eigenen Augen sehen. „Was denkst du, Svea?“, wollte Finja von mir wissen. „Ach“, winkte ich ab. „Ich stelle mir bloß vor, wie es in der Gegend von Muttis Freundin aussehen könnte.“ „Das habe ich auch“, entgegnete Finja. „Bestimmt viel Sand. Außerdem geht da immer ein Wind.“ „Wie kommst du darauf?“, erkundigte ich mich. Finja machte ein Gesicht, als müsste sie mir erklären, dass Schnee weiß ist. „In der Nähe vom Meer weht ständig der Wind.“ „Du wirst es kaum glauben, aber das weiß ich.“ Da am nächsten Tag Schule war, kam Mutti bald noch einmal zu uns nach oben, um uns ins Bett zu schicken. „Für heute war es das, meine Süßen.“ „Im Ernst?“, fragte ich ein bisschen genervt. „Im Ernst“, wiederholte unsere Mutter. Zähneknirschend gingen Finja und ich ins Badezimmer und machten uns fertig. Anschließend las Mutti uns eine Geschichte vor. Eigentlich war ich mit meinen zwölf Jahren dafür ein bisschen alt, aber Finja mochte es. So kuschelten wir uns jeden Abend alle drei bei ihr ins Bett. Bevor endgültig Ruhe sein musste, schaute Papa bei uns herein. Ich war mir sicher, dass Finja ihn ein letztes Mal löcherte, wir müssten unbedingt unseren Urlaub bei Muttis Freundin verbringen. Am nächsten Morgen hatte ich beinahe vergessen, worum sich am Abend zuvor das Thema gedreht hatte. Irgendwie war alles total hektisch. Ich kam überhaupt nicht in die Gänge und fand mein Outfit unmöglich. „So kann ich doch nicht in die Schule gehen“, maulte ich, als ich sowieso zu spät in die Küche kam. „Iss erst einmal dein Frühstück!“, forderte meine Mutter mich auf. Ich winkte ab: „Keine Zeit. Ich bin eh schon spät dran.“ „Dann packe ich es dir ein. Vor Unterrichtsbeginn hast du schließlich Zeit“, entgegnete Mutti. „Dass euer Bus aber so früh fahren muss!“ Ja, das war ein Problem. Ich saß täglich eine geschlagene halbe Stunde herum, bevor es losging. Wenigstens konnte ich mich in dieser Zeit mit meinen Freundinnen austauschen. Finja warf ein: „Ich finde, du siehst hübsch aus.“ Dafür liebte ich meine kleine Schwester. Der Altersabstand zwischen uns war so gering, dass wir beinahe wie Zwillinge aufwuchsen. Die wenigsten unserer Freundinnen hatten zu ihren Geschwistern ein so enges Verhältnis wie wir beide. Rasch schnappte ich mir meine Wasserflasche. In der Zeit zog Finja sich an und wartete ungeduldig darauf, dass ich fertig wurde. Sie wäre am liebsten ewig zu früh an der Bushaltestelle gewesen; keine Ahnung, was sie davon hatte. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg. Es war ein lauer Morgen. Die Sonne schien vom Himmel und versprach, dass es recht warm werden würde. „Ich will heute Nachmittag ins Freibad“, verkündete Finja unterwegs. „Ob Mutti dafür Zeit hat?“, gab ich zu bedenken. Da grinste Finja. „Ich habe vorgefühlt. Sie hat eh Bock darauf, mit den anderen Müttern zu ratschen.“ „Also sollte dem nichts im Weg stehen.“ Die Aussicht auf einen Besuch in unserem Naturfreibad hob meine Laune beträchtlich. Im Bus saßen wir immer mit unseren beiden besten Freundinnen zusammen. Überhaupt unternahmen wir viel zu viert. Natürlich wollten wir von ihnen wissen, ob sie mit zum Baden kommen wollten. Für gewöhnlich hatte keine unserer Mütter ein Problem damit, die anderen mitzunehmen, wenn nicht alle selber hinwollten. „Wir fahren in den Sommerferien nach Ostfriesland“, platzte Finja plötzlich heraus. „Das ist doch gar nicht sicher“, gab ich zu bedenken. Finja grinste. „Vertrau mir! Mutti will unbedingt. Und ich auch. Wenn du ein bisschen mithilfst, kann Papi nicht anders als Ja sagen.“ Sie wandte sich an ihre beste Freundin. „Weißt du, dort gibt es Ponys und Pferde.“ „Und einen Leuchtturm“, fügte ich hinzu. „Das ist viel aufregender, als in Italien am Strand zu liegen und zu schwitzen, weil die Sonne so vom Himmel sticht“, ergänzte Finja. Da warf meine Freundin ein: „Wir fahren nie nach Italien, sondern jedes Jahr in den Odenwald zum Wandern. Das ist öde, aber wenigstens hat Papi da richtig Zeit für mich. Den sehe ich sonst fast nie.“ Sie war ein Einzelkind, und ihr Vater musste unter der Woche für seine Arbeit ständig irgendwohin fahren, das zu weit war, als dass er abends nach Hause kommen konnte. An den Wochenenden war er mit allem beschäftigt, was andere Väter abends erledigten. Wir schwiegen eine Weile. Dabei schaute ich aus dem Fenster und hing meinen Gedanken nach. Irgendwie ließen mich die Bilder nicht mehr los, die sich in meinen Kopf gedrängt hatten, seit Mutti mit dem Urlaub angefangen hatte. Sogar in der Schule sah ich ständig einen Leuchtturm vor mir. Irgendwann begann mein Stift wie von alleine, einen auf das Blatt zu zeichnen, auf das ich eigentlich einen Aufsatz in Deutsch schreiben sollte. Das kam bei meiner Lehrerin nicht so gut an. „Was soll dieser Unsinn, Svea?“, schimpfte sie. „Wie kann man nur so unaufmerksam sein? Du schreibst zu Hause zusätzlich eine Seite mit dem Satz Ich soll im Unterricht nicht an andere Dinge denken.“ Sie konnte so unfair sein, aber dafür war sie an der ganzen Schule bekannt. Ich gehörte zu den wenigen Schülern, die sich bei ihr noch nie etwas hatten zuschulden kommen lassen. Und gleich beim ersten Mal brummte sie mir so eine Arbeit auf! An anderen Tagen sah sie über alles hinweg, und dann gab es welche, da brachte einem zu lautes Atmen, weil man einen Schnupfen hatte, eine Strafe ein. Auf dem Heimweg erzählte ich den anderen von dem Vorfall und schimpfte wie ein Rohrspatz. So war es kein Wunder, dass ich deutlich länger an den Hausaufgaben saß als meine jüngere Schwester. Die hörte ich draußen fröhlich auf unserer Schaukel, als ich diesen dummen Satz ein ums andere Mal kritzelte. Mit jeder Wiederholung wurde meine Schrift unleserlicher. Das war mir egal, denn ich wollte so schnell wie möglich ins Freibad. An diesem Abend kam unser Vater früher nach Hause. Das machte er sonst fast nie. Viel eher schob er Überstunden, sodass wir auf ihn warten mussten. Beim Essen schaute er in die Runde und wandte sich an Mutti: „Bist du immer noch so fest entschlossen, im Urlaub zu deiner Freundin Maren zu fahren?“ „Natürlich“, gab Mutti zurück. „Und ich glaube, die Kinder würden sich genauso wie ich über eine Abwechslung bei unseren Urlaubsplänen freuen.“ Langsam nickte Papa. „Dann wird Italien wohl dieses Jahr ohne uns auskommen müssen. Ist vielleicht ganz gut so.“ Finja und ich brachen in Jubel aus und fielen unseren Eltern um den Hals. Wir freuten uns riesig.


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