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Kinderbücher
Buch Leseprobe Phil und der Wächter der Zeit, Diana Raufelder
Diana Raufelder

Phil und der Wächter der Zeit



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Verwirrung


Phil liebte sein Zimmer, die Wilde Wüste. All die geheimen Verstecke, die nur er kannte. Dazu die Blaue Grotte, die er mit Anton und Mina unter seinem Hochbett gebaut hatte. Außen schützten dunkle Vorhänge vor erwachsenen, neugierigen Blicken. Allen voran die seiner Mutter. Und der Eingang war so schmal, dass nur Kinder dort hindurchschlüpfen konnten. 


In der Grotte lagen überall flauschige blaue Decken und kuschelige Kissen, wie es bequemer nicht sein könnte. Dort lag Phil am liebsten, wenn es draußen regnete und stürmte, dass die Fenster wackelten. Im Innern der Blauen Grotte gab es auch eine Vorratskammer. Manchmal, wenn Anton und Mina da waren, plünderten sie die Leckereien, lutschten Lollis, die die Zunge grün färbten, und warfen sich gegenseitig Gummibärchen in den Mund. Aber am allerliebsten aßen sie Joghurtschokolade. Die ließen sie ganz langsam auf ihren Zungen zergehen und genossen die wohlige Sü.e, die sich in ihnen ausbreitete. 


Seit ein paar Tagen allerdings geschahen merkwürdige Dinge in der Wilden Wüste. Dinge, die sich einfach nicht erklären lassen wollten. Phils Fotoalbum zum Beispiel hatte plötzlich aufgeschlagen mitten auf seinem Schreibtisch gelegen, als er von der Schule nach Hause kam, obwohl er es bestimmt seit Monaten nicht mehr angeschaut hatte. Zuerst dachte er natürlich, seine Mutter sei das gewesen. Und er ärgerte sich schon, dass sie einfach in die Wilde Wüste gegangen war und in seinen Sachen gestöbert hatte. 


Das Fotoalbum ruhte nämlich normalerweise irgendwo ganz tief in seinem Kleiderschrank. Begraben unter Kleiderbergen, alten Turnschuhen und Dingen, die er nicht wegschmeißen wollte, weil er ja nicht wusste, ob er sie irgendwann noch einmal brauchte. Manchmal hob er Gegenstände aber auch einfach nur so auf. Zum Beispiel alte Eintrittskarten, weil er sich gerne an den Film und die Nachmittage im Kino mit Anton und Mina erinnerte. Oder Sammelalben, die unvollständig waren, weil er immer die gleichen Sammelbilder zog. Manche Bilder hatte er sogar fünf Mal, andere dafür fehlten ihm bis heute. Kaum war seine Mutter also an jenem Abend mit schweren Einkaufstüten bepackt von der Arbeit nach Hause gekommen, stürmte er ihr schon entgegen. 


»Warst du in der Wilden Wüste, Mom? Du weißt doch, dass Erwachsene dort nicht rein dürfen! Und warum hast du das Fotoalbum rausgeholt?« 


»Aber Phil, ich gehe doch schon lange nicht mehr in dein Zimmer. Das weißt du doch. Mir ist es lieber, ich sehe das Chaos nicht. Ganz abgesehen davon wüsste ich auch gar nicht, wo ich dein Fotoalbum suchen, geschweige denn finden, sollte. Wahrscheinlich hast du es selbst rausgeholt und es einfach vergessen«, entgegnete seine Mutter wenig beeindruckt. Sie schleppte die Taschen in die Küche und ließ sie auf den Tisch fallen. 


»Nee, das wüsste ich doch«, gab Phil entnervt zurück. Er war seiner Mutter in die Küche gefolgt und schaute ihr dabei zu, wie sie die Inhalte der Tüten nach und nach in den kunterbunten Schränken verstaute. Seine Mutter mochte Farben. Die ganze Wohnung war voll davon. Lieber zu bunt als krankenhausweiß, erwiderte sie immer, wenn Phil sein Missfallen über den orangenen Sessel und das giftgrüne Sofa äußerte. Und erst der Teppich mit den gelben Punkten! Als hätte seine Mutter früher zu oft Pippi Langstrumpf gelesen und versuche nun, die Villa Kunterbunt nachzubauen. 


»Anstatt mir nur zuzuschauen, könntest du mir ausnahmsweise beim Einräumen behilflich sein, Phil!« 


Aber Phil hörte ihr gar nicht zu. Er grübelte und grübelte und fand einfach keine Erklärung für das aufgeschlagene Fotoalbum auf seinem Schreibtisch. 


»Phil! Phil, was träumst du denn nur wieder?« Seine Mutter schüttelte verständnislos ihren Kopf. Dabei fingen ihre dicken, schwarzen Haarlocken lustig zu tanzen an und Phil musste lachen. 


Wahrscheinlich hätte er den Vorfall einfach irgendwann vergessen. Die vielen Hausarbeiten und Klassenarbeiten so kurz vor den Sommerferien ließen nicht mal genug Zeit, um mit Anton und Mina ins Kino zu gehen. Sie waren alle am Stöhnen. Und das nur, weil in der vierten Klasse plötzlich jede Note wichtig war. Zumindest sagte das Frau Klarmann, ihre Lehrerin. Sie konnte gar nicht genug davon bekommen, es immer und immer wieder zu erwähnen. Manchmal ermahnte sie die Kinder in jeder Stunde. Selbst Mina, die sonst Einsen am laufenden Band schrieb wie andere nur Fünfen, beklagte sich über den ganzen Aufwand. 


Ein paar Tage nach dem immer noch ungeklärten Auftauchen des Fotoalbums wollte sich Phil auf die Kissen in der Blauen Grotte fallen lassen. Er war völlig kaputt. Am Morgen hatten sie eine schwere Mathearbeit geschrieben, die er wieder mal versiebt hatte. Nicht mal die Hälfte der Aufgaben hatte er geschafft. Selbst Mina schmerzten die Finger, weil sie so schnell schreiben musste, um alle Aufgaben lösen zu können. Danach war er mit Anton auf dem Bolzplatz am Hühnerberg gewesen. Ein bisschen kicken gegen die Jungs aus der Betonhölle. Wie sonst sollte man den Ärger in der Schule vergessen? 


An diesem Tag hatten sie auch noch verloren. Es war zum Verrücktwerden. Nur weil Mina nicht dabei war, dachte Phil. Sie gaben es nur ungern zu, aber ihr bester Spieler war ein Mädchen. Zum aus der Haut fahren! 


»Ohne euer Mädchen seid ihr wohl gar nix«, hatten die Jungs aus der Betonhölle ihnen nachgerufen. Wie peinlich! Aber Mina schoss Flanken millimetergenau angeschnitten. Und mit so einer Wucht wie eine Arschbombe vom Fünfmeterbrett. Phil seufzte und wollte sich also gerade völlig erschöpft vom Kicken auf die Kissen fallen lassen, da glänzte ihm etwas Goldenes auf dem blauen Samtkissen entgegen. 


»Verflixt, was ist das nun wieder?« 


Phil stutzte und kniete sich hin, um es besser anschauen zu können. Es sah aus wie eine dieser Taschenuhren, die Männer in alten, langweiligen Schwarzweißfilmen in ihren Westentaschen an einer Kette trugen. Phil hatte so was noch nie in Wirklichkeit gesehen. 


Neugierig nahm er sie in seine Hand. Auf dem Deckel war eine Sanduhr eingraviert. Ein bisschen zu altmodisch, fand er. Wie das Kaffeeservice von Oma Lotta. Mit dem Zeigefinger strich er die feinen, dünnen Linien nach. Den kleinen Knopf am Rand drückte er nur ganz leicht, als plötzlich der Deckel aufsprang und Phil ein wenig erschrak. Er schaute auf die beiden goldenen Zeiger. Sie waren sehr fein gearbeitet, verziert mit kleinen Blümchen. 


Mädchenkram! 


Ziffern gab es keine. Auch keine Minutenstriche. Alles war weiß. Und die Zeiger waren merkwürdigerweise gleich lang und wackelten unruhig hin und her. Als hätte jemand vergessen, sie festzuschrauben. Phil war ratlos. 


»Komische Uhr, auf der man nicht die Zeit ablesen kann.« 


Er drehte sich auf der Stelle, um besser nachdenken zu können. Da bewegten sich auch die Zeiger wild im Kreis. Das gefiel ihm. Vielleicht gehörte sie Anton oder Mina, überlegte er. Einer von ihnen musste die Uhr verloren haben, als sie gestern zum Mathelernen hier waren. Er musste sie fragen. 


Phil nahm den großen, orangenen Hörer in die Hand. Niemand, den er kannte, hatte noch ein Telefon mit Wählscheibe wie sie. Dazu noch in Orange! Aber seiner Mutter gefiel das natürlich. 


Das Telefon hatte nur zweimal geklingelt, da meldete sich schon Antons Mutter am anderen Ende. 


»Hallo Frau Cordes, hier ist Phil. Ist Anton zuhause?« Er mochte Antons Mutter. Sie war immer gut gelaunt, obwohl Tommi und Flo, die Zwillinge, ihre Geduld oft auf die Probe stellten. Frau Cordes konnte leckere Kuchen backen. Donauwellen und Marmorkuchen mit Schokoladenguss. Die ganze Wohnung roch danach. Warm und gemütlich. Auch die Möbel waren nicht alle selbst angemalt, wie bei ihnen zuhause. Vor allem nicht so bunt. 


»Hallo Phil, ich hol ihn ans Telefon. Einen Augenblick.« 


»Danke.« 


Er konnte Frau Cordes nach Anton rufen hören. Sie klang ein wenig in Eile, fand Phil. Wahrscheinlich machte sie gerade wieder einen ihrer Nudelaufläufe, stellte er sich vor. Schließlich ist bald Abendessenszeit. Schon der Gedanke daran machte ihn hungrig. Dumpfe Schritte näherten sich am anderen Ende der Leitung. 


»Hallo Phil, was gibtʼs?«, fragte Anton wenig begeistert. 


»Ich kann das jetzt nicht so genau erklären, Anton, aber bei mir im Zimmer passieren merkwürdige Dinge. Kannst du Mina vom Ballett abholen und dann kommt ihr beide bei mir vorbei?« Es war zwar eine Frage, die Phil da stellte, aber eine Absage hätte er nie akzeptiert. 


»Was denn für merkwürdige Dinge?«, wollte Anton nun doch etwas genauer wissen. 


»Das erzählʼ ich euch dann. Ich will nicht alles doppelt erklären müssen«, antwortete Phil ungeduldig. Er fand, Anton reagierte viel zu langsam. 


»Eigentlich wollte ich doch den Film schauen und Englisch muss ich auch noch machen. Aber wenn es so wichtig ist ...« 


»Ja, es ist wichtig!«, fiel Phil ihm ins Wort. »Englisch können wir ja zusammen machen und den Film kannst du auch hier schauen.« Phil wurde ein wenig genervt. 


»Na gut. Dann bis später.« 


Sie legten beide gleichzeitig auf.




 


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