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Kinderbücher
Buch Leseprobe Lotte und Marie, Dörte Müller
Dörte Müller

Lotte und Marie


Ein total verrückter Sommer

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Ein Ausflug zum Schwimmbad und seine Folgen


 


 


 Die achtjährige Marie und ihre ein Jahr jüngere Freundin Lotte saßen an einem heißen Sommertag auf dem Bürgersteig vor Lottes Haus und hielten ihr Eisgeld fest umklammert. Es waren heiße Tage im Juni und die Kinder warteten sehnsüchtig auf den Eismann.


Viele Autos fuhren nicht in der Siedlung - eigentlich waren es nur die Anwohner und die waren auch selten mit dem Auto unterwegs. Daher war es immer sehr ruhig auf den Straßen und man konnte bedenkenlos mit den Rollschuhen oder mit dem Schlitten den großen Berg, den Kreumen, heruntersausen und musste nur aufpassen, dass man rechtzeitig in die Kurve zum Dammweg einlenkte. Ansonsten fuhr man in den Zaun von Malermeister Möller und einige Kinder hatten das unfreiwillig getestet.


„Wann kommt der Eismann denn bloß!", jammerte Lotte und schüttelte ihre dicken blonden Zöpfe missmutig hin und her. Ihre Jeanslatzhose mit den aufgenähten Flicken auf den Knien war für den heutigen Tag eigentlich viel zu dick, aber alle ihre Kleider waren mal wieder in der Wäsche. „Vielleicht kommt er heute nicht mehr und er hat sein ganzes Eis schon verkauft!", sagte Marie weinerlich.


Marie hatte kürzere Haare als Lotte. Sie reichten ihr bis zum Kinn und waren hellbraun. „Ich sehe aus wie dein Dackel!", jammerte Marie oft, wenn sie mit Lotte vor dem Spiegel stand. „Ich habe Dackelhaare!" Aber Maries Haare hatten auch Vorteile: Sie waren auch ohne Kamm frisiert und sahen immer gleich aus. Die Haare schienen auch gar nicht zu wachsen und blieben auf rätselhafte Weise gleich lang. Marie beneidete Lotte insgeheim um die dicken, blonden, langen Haare, auch wenn Lotte sie jeden Morgen unter Tränen heftig kämmen musste und der Kamm dabei regelmäßig einige Zacken verlor.


  


Die Kinder waren verrückt nach dem klapprigen Eiswagen, der im Sommer regelmäßig seine Runde im Dorf drehte und sein Ankommen durch ein lautes, schrilles Klingeln ankündigte.


Plötzlich sahen Lotte und Marie den Nachbarsjungen Paulchen Kaiser die Straße hinaufkommen. Er war nach seinem Vater benannt, der genau wie er Paul hieß, und damit es nicht zu Verwechslungen kam, wurde er überall im Dorf liebevoll Paulchen genannt. Paulchen sah ungefähr so aus wie Pippi Langstrumpf als Junge: Er hatte rote Haare und überall Sommersprossen. Leider war er nicht so stark und konnte kein Pferd hoch heben. Noch nicht einmal seinen Schäferhund Rex. Paulchen war sehr nett und hilfsbereit, jeder mochte ihn gern. Seine Eltern hatten eine Hühnerzucht im Garten, die seine spanische Mutter liebevoll betreute. Einige Hähne hatten sogar schon Auszeichnungen gewonnen, weil sie so glänzende Federn hatten und gut gewachsen waren.


Paulchens fünf Jahre älterer Bruder hatte den spanischen Namen Jorge und weil niemand im Dorf den Namen richtig mit dem gerollten R aussprechen konnte, nannte man ihn einfach Jo.  Paulchen und Jo zeigten wenig Interesse an dem Federvieh und waren verärgert, weil sie im Garten durch die vielen Gehege und Hühnerställe nicht mehr so viel Platz zum Spielen hatten.


 


„Hallo ihr beiden. Warum sitzt ihr hier so traurig?", fragte Paulchen die Mädchen neugierig. Er spielte oft und gern mit Marie und Lotte, auch wenn sein Bruder ihn häufig damit aufzog und ihn „Barbiepuppen Paulchen" nannte.


„Wir warten auf den Eismann!", sagte Marie muffelig und starrte weiterhin vor sich auf den Bürgersteig. „Ich glaube, er kommt gleich! Ich habe ihn unten im Dorf schon gesehen!", versuchte Paulchen die Mädchen aufzumuntern. Da hörten sie auch schon das herbeigesehnte Klingeln und erhoben sich wie vom Blitz getroffen. Jetzt kam Leben in die bislang menschenleere Straße: Mona und Pia Stahl, die Geschwisterkinder aus dem Haus nebenan, kamen ebenfalls wie wild angelaufen und Biggy Mettmann, das stärkste Mädchen aus dem ganzen Dorf, war natürlich die Erste, die ihr Eis bekam. Antonia Wolkenburg, das zurückhaltende Einzelkind, das unterhalb der Straße in einem schönen Bungalow wohnte, strahlte über das ganze Gesicht, als es endlich seine Kugel Himbeereis genießen konnte.


Der Eismann hatte innerhalb von wenigen Minuten viele Kinder glücklich gemacht und knatterte wieder davon.


Marie und Lotte saßen mit den anderen Kindern auf dem Zaun, leckten das Eis und genossen die Sonnenstrahlen des heißen Sommers.


„Wer hat Lust, gleich mit ins Schwimmbad nach Kirchhausen zu fahren?", fragte Paulchen in die Runde.


Der Nachbarort lag nur zwei Kilometer entfernt und war im Sommer durch das kleine Schwimmbad oft besucht.  


„Au ja!", riefen Marie und Lotte und rannten schon zu ihren Fahrrädern. „Meine Brüder sind bestimmt auch da, das wird lustig!"


Marie hatte insgesamt sieben Geschwister, die alle ca. zwei Jahre auseinander waren. Sie war das Nesthäkchen der Familie, was manchmal ganz praktisch war - oft aber auch nur nervig, besonders wenn sie die ganzen Sachen auftragen musste. Wenn die älteste Schwester Caroline einen neuen Rock bekam, konnte Marie sicher sein, dass sie diesen Rock in vier Jahren auch bekommen würde. Meistens waren aber die Farben dann nicht mehr so gut oder es waren Flecken darin, die bei der Wäsche nicht mehr heraus gingen. Bei Marie waren die Kleidungsstücke längst nicht mehr second hand, sondern mindestens schon fourth hand. Und irgendwann nervte es sie einfach nur noch.


Ihre Lieblingsbrüder waren Tobias, genannt Tobi, und Robert. Denn auch wenn sie ihr schon so manchen bösen Streich gespielt hatten, hielten sie im Ernstfall immer zu der kleinen Schwester und beschützen sie vor den bösen Jungen im Dorf.


 


Tobi und Rollemann waren tatsächlich in dem kleinen Schwimmbad des Nachbarortes anzutreffen. Sie machten bereits wieder allerhand Blödsinn und hatten gerade Heidi Pechstein die Badekappe geklaut.


Lotte hatte die große Picknickdecke ausgebreitet, so dass alle Kinder darauf ein Plätzchen hatten. Mona und Pia waren kurzerhand auch mitgekommen und auch Biggy Mettmann hatte ihren Drahtesel gesattelt. Nur die kleine Antonia Wolkenburg durfte nicht mit zum Schwimmen, da sie noch zum Ballettunterricht gefahren werden musste.


 


Antonia war  die Einzige, deren Freizeit verplant war. Alle anderen hatten viel Zeit zum Spielen und meistens nur einen Termin -  die Jungs gingen gewöhnlich zum Fußballtraining und die Mädchen hatten Akkordeonunterricht bei Frau Dittmeyer, der netten Kirchenorganistin, die stets mit viel Ruhe und Geduld neben ihren Schülerinnen saß und sich nicht die Ohren zu hielt, wenn die Akkorde der Petersburger Schlittenfahrt  falsch gegriffen wurden.


Sie hatte es sogar geschafft, ein kleines Akkordeonorchester aufzubauen, das regelmäßig bei den Adventsfeiern der alten Leute oder bei sonstigen Anlässen in den beiden Dorfgaststätten Zur Linde oder Zur Traube auftrat.


 


 


Die Kinder lagen auf der Decke und hüpften ab und zu ins Wasser, um sich abzukühlen.


„Mensch, Paulchen, cremst du dich gar nicht ein?", fragte Marie, die gerade ihren linken Arm sorgfältig mit Sonnencreme, Lichtschutzfaktor 20, eincremte. „Nö!", sagte Paulchen. „Ich will dieses Jahr endlich mal ganz braun werden, dann sieht man meine Sommersprossen nicht mehr so doll!"


„Das ist ganz schön leichtsinnig!", bemerkte Lotte. „Letztes Jahr, im Urlaub in Scharbeutz, da habe ich mich einmal nur kurz nicht eingecremt und hatte dann am Abend schon einen ganz roten Rücken. Das hat furchtbar wehgetan!"


„Das wird mir nicht passieren!", sagte Paulchen überzeugt. „Ich bin nämlich schon vorgebräunt!"


Paulchen wollte gerade weiter von seiner Bräunungstheorie und seiner Haut berichten, da wurde er von der blechernen Durchsage des Bademeisters unterbrochen.


„Achtung, Achtung! Die beiden Jungen am Beckenrand mit den blau gestreiften Badehosen werden gebeten, das Schwimmbad sofort zu verlassen!"


„Das sind meine Brüder!", rief Marie aufgeregt und ließ vor Schreck ihre Sonnenmilch fallen.


„Die haben bestimmt wieder etwas angestellt!", bemerkte Mona eher gelangweilt und blätterte weiter in ihrer Bravo. Mona war immerhin schon 14 Jahre alt und eigentlich an dem ganzen Kinderkram nicht mehr interessiert. Sie las sich immer sorgfältig die Stylingtipps durch, die sie mit ihren kurzen braunen Haaren sowieso nicht umsetzen konnte. Sie und ihre Schwester Pia hatten immer einen praktischen Kurzhaarschnitt, auf dem ihre strengen Eltern eisern bestanden. Alles Quengeln und Zetern hatte nichts gebracht - die Eltern schickten die Kinder einmal im Monat zum Dorffriseur Bertram, ob sie wollten oder nicht.


 


Tobi und Rollemann mussten tatsächlich das Schwimmbad verlassen. Sie hatten die anderen Kinder zu sehr geärgert, und als sie die kleine Christel Knoblich  noch vom Beckenrand ins Tiefe geschubst hatten und diese beinahe ertrunken wäre, war es mit der Geduld des Bademeisters endgültig zu Ende. „Ihr habt den ganzen Sommer Schwimmbadverbot!", schnauzte der tief gebräunte große Mann in weißen Klamotten die Jungen an. Tobias und Rollemann packten missmutig ihre Badesachen zusammen und machten sich niedergeschlagen auf den Weg zum Ausgang des Schwimmbades.


 


„Aber, Herr Bademeister, wo sollen wir denn dann schwimmen?", fragte Tobias verzweifelt. Doch der Bademeister kannte keine Gnade. „Dann schwimmt doch im Klo!", rief er wütend und stemmte seine brauen Arme in die Hüften, so dass er noch gewaltiger und mächtiger aussah. 


„Bitte geben Sie uns noch eine Chance, wir räumen auch den Müll weg und machen die Klos sauber!", versuchte Rollemann die Lage noch zu retten. Doch der lederhäutige Bademeister blieb hart und schrie: „Ich will euch diesen Sommer hier nie wieder sehen, ist das klar?"


Sogar die anderen Kinder zuckten bei diesen rauen Worten zusammen und wichen erschrocken ein Stückchen zurück. Lotte klopfte das Herz bis zum Hals und schreckliche Erinnerungen an ihren Schwimmkurs vor zwei Jahren stiegen wieder in ihr auf.   


 


Inzwischen hatte sich eine Menschentraube gebildet und alle Kinder verfolgten aufmerksam die Szene. Christel Knoblich  heulte noch leise vor sich hin und wickelte ihr Badehandtuch fest um ihren zitternden Körper.


Der freche Christoph Iwen, ein dicklicher Junge mit fettigen Haaren und unzähligen Pickeln, lachte hämisch und fing an zu singen: „Ihr dürft nicht mehr ins Schwimmbad, ihr dürft nicht mehr ins Schwimmbad!"


„Und du fliegst auch raus!", schrie der Bademeister den schadenfrohen Jungen an.


Christoph verstummte augenblicklich und traute sich nicht zu widersprechen. Dann packte seine Sachen und verließ unter Gelächter ebenfalls das Schwimmbad. Sein treuer Freund, Martin Jäger, packte ebenfalls sein Badezeug zusammen und folgte ihm. Ohne Christoph war es im Schwimmbad nur halb so schön. 


Marie und Lotte atmeten auf. Christoph und Martin ärgerten die beiden nämlich sooft sie nur konnten: Ständig spritzten sie sie mit ihren Wasserpistolen nass oder warfen sie mit Wasserbomben ab.


„Wenigstens haben wir dann im Schwimmbad vor ihnen Ruhe!", sagte Marie erleichtert und suchte den Deckel von ihrer Sonnenmilch. „Endlich hat der Bademeister einmal etwas Gutes getan!", freute sich Lotte, die plötzlich eine Gänsehaut bekam. Durch die ganze Aufregung hatten die Kinder gar nicht bemerkt, dass dicke Wolken aufgezogen waren.  


„Wir sollten jetzt  nach Hause fahren, denn wir brauchen bestimmt eine halbe Stunde!", gab Mona zu bedenken und die Kinder packten schnell ihre Sachen ein. Dann machten sie sich auf den Weg zu ihren Fahrrädern.


Kaum hatten sie den kleinen Fahrradweg erreicht, da zuckten schon die ersten Blitze am Himmel. Plötzlich schrie Paulchen auf. „Au!"  -  „Was ist los?", fragte Marie erschrocken. „Hat dich der Blitz getroffen?" „Nein, mein Rücken tut so weh, meine Schultern und mein Bauch!", antwortete Paulchen. „Oh, je, Paulchen, wie siehst du denn aus?", rief Pia plötzlich, die zur Seite geblickt hatte. Paulchen hatte ein knallrotes Gesicht und sah aus wie eine Tomate auf einem Fahrrad. „Siehst du!", sagte Lotte aufgeregt, „ das ist der Sonnenbrand, ich habe es dir doch gesagt!"   „Aber ich war doch schon vorgebräunt!", jammerte Paulchen. Es blieb nicht viel Zeit zum Jammern, denn die ersten Tropfen fielen und das Gewitter war beängstigend nahe gerückt. „Ich will nach Hause!", schrie Marie gegen den aufbrausenden Wind an. „Wenn mich jetzt der Blitz trifft, dann sterbe ich!"


„Schneller, tretet in die Pedale!", kommandierte Mona, die sich für die jüngeren Kinder irgendwie verantwortlich fühlte. „Nein, wir stellen uns da hinten unter den Baum!", rief Lotte aufgelöst. „Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du meiden, oder so ähnlich!" Versuchte sie sich an eine alte Volksweisheit zu erinnern. Ihre Zöpfe klatschten ihr nass ins Gesicht, der Regen hatte erbarmungslos eingesetzt und duschte die Kinder regelrecht ab.


„Man darf nicht unter Bäume bei Gewitter, man muss sich in einen Graben hocken!", wusste Biggy Mettmann, die einen kühlen Kopf behielt. „Dann kommen wir ja nie zu Hause an!", heulte Pia, die unbedingt noch Heidi im Fernsehen gucken wollte und sich den ganzen Tag schon darauf gefreut hatte.


Während die Kinder also im Graben hockten und ihre Räder beiseite geschmissen hatten, hatte Paulchen wenigstens seinen plagenden Sonnenbrand für einen Moment vergessen.


„Antonia Wolkenburg hat es gut, die ist beim Ballettunterricht und muss jetzt nicht um ihr Leben fürchten!", flüsterte Lotte und stellte sich Antonia in einem rosa Kleid vor einem schönen Spiegel vor, in einem warmen, trockenen Raum ohne Blitze und Donner.


Marie betete: „Lieber Gott, bitte hilf uns und lass das Gewitter wieder abziehen. Ich werde auch immer lieb zu meinen Geschwistern sein und nie mehr Carolines Schminksachen benutzen ... und immer ihre Röcke auftragen und mich nicht mehr beschweren!"


Plötzlich wurde der Donner schwächer und die Blitze folgten nicht mehr so schnell aufeinander.


„Er hat mich gehört!", rief Marie freudig und sprang auf. „Ich glaube, wir können weiterfahren!", stellte Biggy Mettmann sachlich fest und die Kinder setzen sich auf die nassen Fahrräder.


Zu Hause angekommen, gab es erst mal ein heißes Bad. Pia konnte sogar noch Heidi gucken und Frau Kaiser cremte ihren Sohn mit einer dicken Schicht Penatencreme ein. „Hijo mio, hijo mio!", jammerte sie in einem klagenden Flamenco Ton.


Lotte und Marie saßen gemütlich an der kleinen Heizung in Lottes Zimmer und tranken heißen Kakao.


„Weißt du noch, als wir heute auf den Eismann gewartet hatten?", fragte Lotte und musste lächeln bei dem Gedanken, wie viel in der Zwischenzeit passiert war.


„Ja", sagte Marie und hielt ihren Becher Kakao fest umklammert. „Morgen warten wir wieder und dann erleben wir das nächste Abenteuer."


„Wenn ich später groß bin, möchte ich Eismann werden!", träumte Lotte. „Dann kann ich in dem lustigen Auto fahren und ganz viel Eis essen."


„Das musst du doch verkaufen. Sonst verdienst du kein Geld!", bemerkte Marie ,  „Oder hast du schon mal einen Eismann ein Eis essen sehen?"


„Dann werde ich doch nicht Eismann", sagte Lotte. „Ich bin froh, dass wir noch nicht groß sind, oder, Marie, was meinst du?"


Marie nickte nur und dachte an den Schminkkoffer ihrer großen Schwester Caroline.


 


 


Das Mädchen aus Paris


 


 


Endlich war er da: Der letzte Schultag vor den großen Ferien. Lotte wachte am Morgen fröhlich auf und sprang eilig aus dem Bett. Schnell kämmte sie ihre langen Haare glatt, während ihre Mutter schon mit dem Frühstück auf sie wartete. „He, Lotte bist du aber schnell fertig!", freute  sich die Mutter und drückte Lotte ihre Frühstücksbrote in die Hand.


Schnell lief Lotte zum morgendlichen Treffpunkt an der Brücke und war sogar noch vor Marie da, die mal wieder ihre Sandalen suchen musste, die Tobias diesmal in der Besenkammer versteckt hatte.


„Wo sind meine roten Sandalen?", rief sie wütend durchs Haus und stieß dabei mit ihrem rothaarigen Onkel Kurt zusammen, der ein Zimmer im Haus der Familie Maibohm bewohnte. „Hoppla, nicht so schnell, junges Fräulein!", entgegnete  der gutmütige Onkel schmunzelnd. Er liebte den Trubel in dieser Großfamilie und wusste schon gar nicht mehr, wie es war, als er noch alleine in einer einsamen Stadtwohnung gehaust hatte.


„Dieser blöde Tobias - ich hasse große Brüder!", schnaubte Marie mit rotem Kopf und machte sich schließlich in Halbschuhen auf den Weg, nicht aber ohne vorher Honig auf Tobias und Rollemanns Türklinke zu verschmieren.


 


„Wo bleibst du denn?", fragte Lotte aufgeregt. „Es ist schon 10 nach sieben und heute gibt es Zeugnisse! Außerdem ist es der letzte Tag in der zweiten Klasse!" - „Ja, ja, ich weiß, aber meine doofen Brüder haben meine Sandalen versteckt!", sagte Marie missmutig und endlich gingen die beiden weiter zum Bus. Sie mussten nur zwei Kilometer in den Nachbarort fahren. Darüber waren sie froh, denn der Bus war immer rappelvoll und man musste meistens stehen. Heute waren alle Kinder gut gelaunt und sogar der übellaunige Busfahrer, der häufig mit den Kindern durch das Mikrofon schimpfte, wenn sie ihre Köpfe  an die Scheiben lehnten, spielte einen UrlaubshitAuch er hatte heute die beste Laune und machte hin und wieder einen Scherz. Er drehte die Musik leiser. „Heute gibt es die Giftzettel!", sagte er durch sein Mikrofon. „Wer sitzen bleibt muss zur Strafe nachher mit mir den Bus waschen, hahaha!" Die meisten Kinder fanden diese Durchsage überhaupt nicht witzig, denn einige fürchteten sich wirklich vor dem Sitzenbleiben.


Trotzdem lag überall ein Kribbeln in der Luft. In der Schule wurden die Poster von den Wänden gerissen, Fächer wurden ausgeräumt, die Blumen wurden in den Bioraum getragen, damit Frau Rösler, eine einsame alte Lehrerin, die sowieso nicht in den Urlaub fuhr, sie während der Sommerferien regelmäßig gießen konnte. Es fand kein richtiger Unterricht mehr statt, viele Lehrer zeigten Filme oder kamen zwanzig Minuten zu spät. Dann setzten sie sich locker auf den Lehrertisch und fragten die Klasse: „Na, wo fahrt ihr denn morgen hin?" Viele fuhren gar nicht weg, aber Lotte konnte mit glänzenden Augen von dem bevorstehenden Ostseeurlaub berichten.


„Wir fahren in drei Tagen an die Ostsee. Wir fahren schon seit acht Jahren immer nach Scharbeutz!", erzählte sie stolz. „Immer nach Scharbeutz?", fragte der Musiklehrer entsetzt. „Ist das nicht auf die Dauer sehr langweilig?" „Nein, überhaupt nicht. Wir kennen dort alles sehr gut und freuen uns dann auf das Meerwasserwellenbad, die Kurpromenade und das Ponyreiten. Außerdem wohnt dort die Tante meiner Mutter, da kriegen wir immer Gummibären...!" „Na, dann....!", sagte der Musiklehrer und lächelte. Diese Lotte Lohmeier war wirklich sehr witzig! Er schaute auf die Uhr und freute sich, dass es nur noch zwei Minuten bis zum Schluss der Stunde waren.


Endlich erlöste das Klingeln die Kinder und den Lehrer und alle strömten aus der Klassentür auf den sonnigen Schulhof. Die Kinder strahlten.    


Am meisten aber strahlte Mona, die an diesem letzten Schultag im Mittelpunkt stand.


„Heute kommt meine Französin. Sie heißt Francoise und wohnt in Paris. Sie wird für drei Wochen bei uns wohnen, damit ich gut Französisch sprechen kann", prahlte sie in der Pause und viele Kinder hörten gespannt zu. „Oh, dann werden wir sie ja auch kennen lernen!", freute sich Lotte, die sich auf dem Schulhof in die Gruppe der Zuhörer gestellt hatte.


„Wann kommt sie denn?", wollte Marie wissen, die wie alle anderen noch nie jemanden aus Paris getroffen hatte und inzwischen auch schon ganz gespannt war.


„Wir holen sie um drei Uhr vom Flughafen in Hannover ab!", freute sich Mona und sagte immer wieder „Bonjour Francoise!", um sich schon mal einzustimmen.


 


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