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> Kinderbücher > Konrad. Die lange Flucht
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Kinderbücher
Buch Leseprobe Konrad. Die lange Flucht, Reinhard Bottländer
Reinhard Bottländer

Konrad. Die lange Flucht


Ein Jugendkrimi

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Eingesperrt Der letzte Dreck! Der letzte Dreck und immer wieder der letzte Dreck, habt ihr zu mir gesagt. Na gut, dann bin ich eben der letzte Dreck. Aber ihr Schufte seid auch nicht besser. Alle nicht! Immer wieder sagt ihr, ich sei der letzte Dreck! Na gut, Alter, na gut, Mam, okay, ihr lieben Leute in der Nachbarschaft, ihr Bullen und Erzieher! Okay, ich bin der letzte Dreck! Und was seid ihr, hm? Erzieher? Pah! Der letzte Dreck bin ich? Na wartet, euch werde ich es noch zeigen. Konrad, der seinen eigenen Namen hasst wie die Pest – wer will schon Konrad heißen? –, er ist der dritte in der Familie, der diesen Namen trägt, schon der Großvater mütterlicherseits hatte so geheißen; >Konrad der Dritte<, wie er sich selbst manchmal auf den Arm zu nehmen pflegt, dieser Konrad also, der sich selbst immer und überall als Konny vorstellt und diese Koseform auch nur als einzige Möglichkeit, ihn beim Namen zu nennen, akzeptiert, der ist stocksauer, wütend und gereizt wie ein wildes Tier. Kleinkriegen wollt ihr mich! Fertigmachen! Mich auf meine richtige Größe zurechtstutzen. Aber so einfach ist das nicht. Nicht mit mir! Ihr habt es ja schon oft genug versucht, nicht wahr, Alter, wenn du besoffen nach Hause kamst und meintest, mich wie einen Sklaven springen lassen zu können, oder du, Mam, mit deinem schrillen, hysterischen Gekreische, wenn ich mal mit schmutzigen Schuhen in die Wohnung kam und etwas Lehm auf dem Teppich zurückblieb, oder ihr, ihr Lehrer ... Konrad läuft wütend auf und ab. Beide Hände hat er in die Hosentaschen seiner Jeans gestemmt. Inzwischen spricht er leise, fast flüsternd. Der verbitterte Junge macht sich Luft. Konrad atmet tief und schwer. „Hartnäckig, stur und verbohrt ist dieses Früchtchen“, zischt er. „Aber den werden wir schon kleinkriegen. So klein mit Hut!“ hattet ihr gesagt. Habt dabei eure Daumen und Zeigefinger zusammengedrückt, ihr Schinder! Mich kleinmachen, hm? Das könnte euch so passen. Meinem Alten habt ihr das natürlich nicht gesagt. Aber wenn auch, der hätte bestimmt noch gesagt: „Machen Sie, was Sie für richtig halten. Hauen Sie ihn nur ordentlich durch. Schläge haben noch nie geschadet!“ Konrad bleibt abrupt stehen. „Haben sie nicht?“ murmelt er. „Vielleicht nicht! Um mich kleinzukriegen, reichen sie jedenfalls nicht aus. Ich schaffe euch alle Male – auch eure Schläge!“ Konrad geht weiter, fünf Schritte auf, fünf Schritte ab, mit niedergeschlagenem Kopf, wütend und verbittert. „Nein, euch, die ihr euch meine Eltern schimpft, euch haben sie den >Kleinen mit Hut< nicht gezeigt. Aber mir – mir! Und dann immer wieder dieser erbärmlich schmerzhafte Griff am Ohr. Menschenschinder! Aber ich bin ja kein Mensch, nicht wahr? Jugendhilfe – Heimerziehung. Heim für schwer erziehbare Jugendliche! Häuser mit Engelsnamen, in denen der Teufel steckt. Aber ein Teufel bin ich nicht allein. Nein, das seid ihr alle auch. Eltern – pah! Lehrer – pah! Erzieher – pah! Ihr wollt mich kaputtmachen! Ihr alle wollt mich zertreten. Aber ich lasse mich nicht zertreten, von nichts und niemandem – niemals!“ Seine Stimme ist zum Schluss immer lauter geworden. Fast schreit er. Konrad, der seinen eigenen Namen hasst wie die Pest, dieser Konrad wirbelt plötzlich einmal um sich selbst, dass er meint, die Gegenstände in dieser kleinen Zelle würden um ihn herum fliegen. Ein Eindruck genau wie auf der Kirmes, wie auf dem Kettenkarussell, das er so sehr mag, wo er die Menschen wie Schatten an sich vorbeihuschen und wiederkommen sieht. Konrad dieser verrückte Junge mit seinem „Wahnsinnsnerv“, tritt jetzt, als er aus der Drehung kommt, mit voller Wucht gegen den Holzstuhl, der hier außer einem alten Tisch und der schäbigen harten Pritsche im Raum steht und nun wie ein Geschoss durch das Zimmer fliegt und dann dicht neben dem Waschbecken an die Wand kracht. Mit einem Mal fühlt er sich frei, erleichtert, von jener inneren Spannung erlöst, die ihn in Wut und Hass gebracht hatte. Jetzt ist er ruhig. Der Krampf ist weg. Nur dumpfe Gedanken bleiben zurück und der Wille, abzuhauen. „Noch habt ihr mich“, keucht er leise. „Noch bin ich in diesem >Bunker< hier eingesperrt. Aber irgendwann müsst ihr mich ja wieder herauslassen. Irgendwann werde ich wieder auf mein Zimmer kommen. Und dann werde ich handeln. Ganz bestimmt. Dann bin ich weg!“ Sein Entschluss ist schon alt. Immer wieder hatte er ihn verschoben. Versuche es noch einmal, versuche es, hatte er sich selbst eingebläut. Du musst durchhalten. Einmal musst du doch vernünftig werden, hatte er sich gesagt. Aber alles hatte nichts genutzt. Ein paar Tage lang war alles gut gegangen. Doch dann bei irgendeiner Kleinigkeit, hatte er sich wieder mit einem Erzieher angelegt. Und dann wieder, wieder und immer wieder. Es war zum Kotzen! Dieser Nerv, dieser Widerstandsgeist in ihm war einfach nicht kaputt zu kriegen. Von ihm nicht, und von anderen schon gar nicht. Es klappte einfach nicht. „Ich werde kein Leisetreter, kein Duckmäuser, kein Drückeberger. So sehr ihr euch auch anstrengt, ihr schafft es nicht!“ Und so kam Konrad immer wieder in Schwierigkeiten, weil er sich nicht einordnete, weil er nicht tat, was er tun sollte, weil er sich wehrte, ob zu Recht oder zu Unrecht. Meist hatte ich wohl unrecht – oder doch nicht? Was ist überhaupt Recht? Mensch, halt doch die Schnauze, hattet ihr immer wieder gesagt. Pech für euch, was, dass ihr mit mir eine Bude teilen müsst. Gibt immer Ärger, hm? Ihr seid genau wie die anderen, wie die >Betreuer<. Halt deinen Mund! Mehr konnten die auch nicht sagen. Pah, ich pfeife was darauf. Ich hab` meinen Mund nicht gehalten – aber das war stets falsch. Ihr alle hattet ja den längeren Arm, habt ihn immer noch. Und ihr wollt mich nicht mehr, ihr alle nicht. Du machst uns zu viel Ärger. Die haben dich auf dem Zug. Da müssen wir alle drunter leiden. Keine Vergünstigungen, wie? Viele Kontrollen und Schikanen manchmal, hm. Das verdankt ihr mir, weil ich meine verdammte große Schnauze nicht halten kann. So ist es doch, oder? Ihr habt es oft genug gesagt, ihr >Kollegen<. Hau ab! Verschwinde! Wir wollen dich nicht mehr sehen, das habt ihr doch immer wieder gesagt. Und dann habt ihr den Herrn Wagner gerufen. „Herr Wagner, Herr Wagner“, äfft Konrad nach. „Wir wollen den nicht mehr hier haben. Der bringt nur alles durcheinander.“ Alles habt ihr versucht, um mich loszuwerden. Pech für euch, dass es nichts genutzt hat. Und ihr anderen, ihr Erzieher? Ihr wusstet auch nichts Besseres als: Du bringst hier alles durcheinander! Du bist ein hoffnungsloser Fall! Mit dir wird es noch einmal böse enden! Mehr als diesen Quatsch wusstet ihr nicht zu sagen. Ihr habt euch abgewandt, mich hängen lassen. Na gut, wie ihr wollt. Ihr müsst es wissen. Jedes Mal, wenn ich etwas sagen wollte, hieß es nur: Halt`s Maul! Sprich nur, wenn du gefragt wirst! Na gut, könnt ihr alles kriegen. Konny macht alles! Konrad knirscht wütend mit den Zähnen. Wieder spürt er, wie Wut und Hass in ihm aufsteigen: „So seid ihr alle, ihr, meine Alten, und ihr, die Bullen und Erzieher, und ihr, die Stubenkollegen. Aber ihr kennt Konny noch nicht.“ Er stakst mit großen Schritten auf und ab, bleibt stehen, vergräbt seine Hände noch tiefer in den Hosentaschen, schnauft aus, zuckt mit den Schultern und murmelt dann vor sich hin: „Vielleicht bin ich auch selbst schuld. Ich hab` ja wirklich nie hören wollen. Auch heute nicht, als Herr Wagner kam. Der mächtige Herr Wagner. Da habt ihr gestaunt, was? Mensch, mach jetzt bloß keinen Mist, hattet ihr alle gesagt. Mach das ja nicht noch schlimmer! Pah, ich fürchte auch einen Herrn Wagner nicht!“ Herr Wagner, die rechte Hand des Heimleiters, Herr Wagner, den man hinter der hohlen Hand >den Gefährlichen< nennt, gilt als ein Mann, der nicht die geringsten Verstöße duldet, ein Mann mit Prinzipien, der erbarmungslos jeden >Aufruhr< im Keim erstickt. Und genau das war es, was den Jungen gereizt hatte, es auch mit Herrn Wagner zu versuchen. Er hatte sich als Rebell gefühlt, und das verpflichtete. Vielleicht wäre doch noch alles einigermaßen glimpflich verlaufen, hätte der eine Erzieher nicht sein >Na, jetzt-hastdu- wohl-auch-Schiss< Lächeln aufgesetzt und wäre Konrads Wut nicht so groß gewesen. So aber war er in seinem Zorn nicht mehr zu bremsen, obwohl er seltsamerweise in diesem Zustand schärfer zu denken vermochte als sonst. Einerseits konnte er sich also selbst nicht beherrschen, andererseits aber durchschaute er seine Lage genau und vermochte sich auf die weiteren Folgen einzustellen, ja, sie sogar in ganz beschränktem Maße zu steuern. Er hatte eine Riesenwut. Das wusste er. Und er wusste auch, dass er in seiner Wut nicht zurück konnte, dass es ihn zum Angriff trieb, den er mit Heimtücke zu führen verstand, dass es gerade die stärksten Gegner waren, die ihn am meisten reizten, dass es nicht gut für ihn ausgehen konnte, und dass er es trotzdem tun musste. Verrückt! Ganz verrückt war das alles. Aber es war nicht zu ändern. Deshalb fürchtete und freute er sich gleichzeitig, als der von allen gefürchtete, allmächtige Herr Wagner ins Zimmer kam. Er hatte sich bereits auf einen Zusammenstoß mit Herrn Wagner vorbereitet. Auch der wird mich nicht fertigmachen – auch der nicht! hämmerte es immer wieder in seinem Kopf. Herr Wagner hatte leise hinter sich die Tür geschlossen – gefährlich leise. Auf einmal war alles still. Auch die beiden Erzieher im Zimmer schwiegen. Herr Wagner sah einmal in Deckenhöhe in die Runde und senkte dann gnädig seinen Blick auf die Köpfe der Anwesenden. Jetzt versucht er erst einmal die laue Tour, war es Konrad durch den Kopf geschossen. So ganz auf die väterliche. „Natürlich wieder der Konrad, der Unruhe schafft. Wer sollte es auch sonst sein?“ Konrad hatte eisern geschwiegen und Herrn Wagner gerade in die Augen gestarrt. Ob der wohl nervös wird? Die vier Jungen, die mit Konrad eine Wohneinheit teilen mussten, schwiegen ebenso wie die beiden Erzieher. Auch sie spürten die prickelnde Atmosphäre, die in der Luft lag. „Du hast also keine Lust hier zu arbeiten? Warum nicht?“ Konrad antwortete nicht, starrte nur den Mann vor sich an. Im Raum herrschte ein beklemmendes Schweigen. Herr Wagner war für einen Moment verdutzt, als keine Antwort kam, denn meist war die Reaktion genau anders, doch er hatte sich schnell wieder in der Gewalt – nur keine Blöße geben – und fuhr mit ruhiger Stimme fort: „Alle arbeiten hier und steuern etwas zu ihrem Lebensunterhalt bei. Nur du nicht! Meinst du, du wärest etwas Besseres?“ Schweigen. „Okay, okay, wenn du keine Lust hast, als Maler und Anstreicher zu arbeiten, werde ich dafür sorgen, dass du einen anderen Job bekommst. Einverstanden?“ Er sah Konrad auffordernd an, doch dieser schwieg eisern weiter. Der Gefährliche will mich nur einlullen. Aber das hat er sich nur gedacht. Ich falle nicht darauf herein. Einer der beiden Erzieher räusperte sich schließlich und sagte: „Der will überhaupt nicht arbeiten, weder als Maler und Anstreicher noch als Schlosser noch als Gärtner, der will gar nichts tun.“ Herr Wagner sah Konrad an, als ob er jeden Moment eine Erwiderung erwarte, doch der Junge schwieg immer noch beharrlich. Mensch hast du einen Eierkopf, überlegte Konrad, als er sich in aller Ruhe das ovale Gesicht mit den kleinen stechenden Augen ansah. Und als sein Blick zu den großen Ohren und dem Haarkranz um die blanke Glatze ging, konnte er sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. Herr Wagner ahnte seine Gedanken und wurde wütend. „Antworte, wenn wir mit dir sprechen!“ Ach nee, auf einmal? Jetzt soll ich wohl meinen Mund nicht halten? Aber ich halte ihn, bis ihr schwarz werdet. Konrads Gesichtszüge wurden wieder starr. Nur noch seine Augen schienen zu leben. Kein Laut kam über seine Lippen, doch dafür musterte er den Mann vor sich von oben bis unten. Herr Wagner sah in das verschlossene Gesicht. Er merkte, dass es kaum Sinn hatte, wenn er Konrad weiter drängte. Auf eine Antwort konnte er sicher lange warten. Doch die Gegenwart der anderen zwang ihn, sich weiter mit dem aufsässigen Zögling zu beschäftigen. Dabei wäre es das Beste gewesen, und das wusste Herr Wagner ganz genau, wenn er sich gar nicht mehr um ihn gekümmert hätte. Wahrscheinlich wäre er von allein wieder vernünftig geworden. Doch er konnte nicht anders. Niemals vor einem Zögling nachgeben, hatte er sich zum Prinzip gemacht. Und er saß ja auf jeden Fall am längeren Hebel. Das wusste er, das wussten die Zöglinge, also würden sie irgendwann nachgeben und spuren. So war es immer und bei allen, so würde es auch bei Konrad sein. Am Ball bleiben, nur nicht nachlassen. „Gut, wie du willst“, sagte Herr Wagner scheinbar gleichgültig. „Wenn du nicht willst, dann werde ich jetzt weiterreden, und merke dir gut, was ich jetzt erzähle, denn du siehst wirklich nicht danach aus, als ob man mit dir vernünftig sprechen könnte. Dass du aufsässig bist, wenig Einsicht zeigst und dich jeder erzieherischen Beeinflussung entziehst, ist uns allen bekannt, und auch, dass du dazu neigst, die Ordnung in der Gruppe zu stören. Aber glaube nicht, dass wir uns das alles so einfach gefallen lassen werden. Auch mit dir werden wir noch fertig.“ Dass Konrad Herrn Wagner nun unterbrach, kam für alle mehr als überraschend, glaubten sie doch, dass er sich weiterhin ganz ruhig verhalten werde. Es wäre sicher klüger gewesen zu schweigen, doch Konrad wollte nicht klug sein, nicht jetzt und auch nicht später. „Da bin ich aber mal gespannt, wie Sie das machen wollen!“ Das war eine offene Herausforderung, ein Schlag ins Gesicht, Aufruhr! Ich bin verrückt, einfach verrückt, schoss es durch Konrads Kopf. „Wa-as?!“ sagte Herr Wagner mit schneidender Stimme. Es war das einzige, was er im Moment auf diese anmaßende Äußerung zu sagen wusste. Er war zu überrascht. Das war ja unglaublich, einfach zu viel. Auf seiner Stirn zeigten sich Zornesfalten, und er nahm langsam eine drohende Haltung ein. „Was fällt dir eigentlich ein? Du kennst wohl deine Lage immer noch nicht richtig, was?“ Herr Wagner sah Konrad mit flammendem Blick an. Zornesröte stand in seinem Gesicht. Oh doch, dachte Konrad, ich kenne sie ganz genau. Er zitterte vor Angst, oder war es Wut? Zum ersten Mal sah er verlegen zur Seite. Und da erblickte er die Sprudelwasserflasche auf dem Tisch. Was nun geschah, geschah automatisch, ohne Überlegung, instinktiv. Ohne sich weiter um Herrn Wagner zu kümmern, machte er einen Schritt auf den Tisch zu, der in der Mitte des Zimmers stand. Wortlos öffnete er den Verschluss der Flasche, setzte sie an die Lippen, wirbelte plötzlich herum und prustete Herrn Wagner das Wasser ins Gesicht. Blitzschnell wich dieser mit dem Kopf zurück, so dass er kaum etwas abbekam. Dann glich das Zimmer einem Tollhaus. Herr Wagner und die beiden Erzieher sprangen hinzu. Konrad wehrte sich verbissen, doch sie ergriffen ihn und schleppten ihn aus dem Zimmer. „Du bist doch der letzte Dreck“, fauchte Herr Wagner, als sie ihn über den mit Kopfsteinpflaster gepflasterten Hof in jenen Trakt des Hauses brachten, wo für solche Fälle ein spezieller Raum eingerichtet war. „Der letzte Dreck bist du“, sagte er immer wieder, auch noch, als sie ihn in den vergitterten Raum brachten. „Du bist der letzte Dreck!“ hörte er noch einmal, bevor sich die Metalltür knallend hinter ihm schloss. „Ja, tatsächlich, ich bin der letzte Dreck! Der allerletzte!“` Konrad, dieser Junge, der mit seinen fünfzehn Lebensjahren mehr Heime als Kinos gesehen hatte, dieser Konrad, der schon durch seine Größe manche von Anfang an herausforderte, dieser hagere, blonde, braunäugige, lässige, oft schnodderig redende Junge, der seinen „Wahnsinnsnerv“, der ihn immer wieder zu Widersprüchen reizte, bekämpfte, verfluchte, zum Teufel wünschte und doch nicht dagegen ankam, dieser Konrad, fühlt wieder diese kalte Welle im Bauch, die er immer dann bemerkt, wenn er kurz vor einem Wutausbruch steht. Doch diese Wut, die ihn nun zu übermannen droht, gilt nicht Herrn Wagner, nicht den Eltern, nicht den Erziehern, nicht den Kollegen auf der Bude, nicht den Lehrern, nicht den Leuten vom Jugendamt, nicht den Polizisten, die ihn gefangen hatten, nicht dem Richter, der ihn in dieses Heim eingewiesen hatte, noch nicht einmal sich selbst, der er sich schuld an seiner eigenen misslichen Lage glaubt, nein diese Wut gilt einzig und allein diesem >Widerstandsnerv<, den er nicht packen kann, den er nicht unter Kontrolle bekommt, dem er schutzlos ausgeliefert ist. Doch weil dieser Nerv zu ihm gehört, wie die vier Zentimeter lange Narbe am linken Kiefer, die ihm ein anderer Heiminsasse bei einer Schlägerei beigebracht hat, richtet sich seine Wut nun doch gegen sich selbst. Nicht Herr Wagner, nicht die Erzieher, nicht die Eltern, niemand, nur er selbst war schuld, weil er >ihn< hat. Dieser verdammte Nerv hatte ihm schon zu oft Schwierigkeiten gemacht. Alles, was bisher gesehen war, ging einzig und allein auf sein Konto. Es ist mehr Verzweiflung als Wut, als Konrad vor sich hinmurmelt: „Der will überhaupt nicht arbeiten. Weder als Maler und Anstreicher noch als Schlosser noch als Gärtner, der will gar nichts tun! Stinkfaul ist der Bursche! Das hattet ihr gesagt. Keine Ahnung habt ihr.“ Natürlich will ich arbeiten, gern sogar. Aber nicht so, wie ihr es wollt. Malen macht Spaß! Ein paar Palmen, ein Kamel, Kokosnüsse mit ein paar leichten Strichen an die Wand skizziert und dann mit langem sauberen Pinselstrich Stück für Stück übermalt, so wie man von einem Brot Schnitte für Schnitte abschneidet. Und dann ist sie fertig, die Wand, glänzt, nichts ist verlaufen, eine saubere Pinselführung. Und ich bin zufrieden. Aber warum ist das alles falsch? Warum soll ich keine Bilder malen, nur Querstriche und Längsstriche, quer und längs, und quer und längs, immer gleich eintönig, steril, ideenlos. Keine Bilder! Das dauert zu lange! Male quer und längs! Wir sind nicht auf dem Spielplatz! Hier wird gearbeitet! Du wirst Maler und Anstreicher, kein Künstler! Warum nicht? Verdammt, warum müsst ihr mich immer antreiben? Warum lasst ihr mich nicht gewähren? Ich hätte die Wände schon fertig bekommen, alle, und bestimmt nicht schlecht. Warum antreiben? Warum musstet ihr wieder diesen verdammten Nerv herausfordern, ihn zum Widerstand reizen? Verdammt warum? Konrad lässt sich auf die Pritsche fallen, legt die Beine übereinander, verschränkt die Arme hinter dem Kopf, sieht hinauf zur weißen Decke. Ratlos. Hilflos. Hoffnungslos. So war es schon immer, von Anfang an. >Mit dir werde ich nicht fertig<, hast du gesagt, und er: >Wenn du so weiter machst, landest du im Heim. Wir lassen uns das nicht mehr länger bieten!< Ihr habt Wort gehalten! Ins Heim habt ihr mich gebracht. Konrad schnauft wütend, schluchzt. >Wir werden mit ihm nicht mehr fertig<, habt ihr gesagt. >Er hört nicht, treibt sich bis nachts in der Gegend herum, schwänzt die Schule, gibt Widerworte, stiehlt!< Von deinem Suff, Vater, davon, dass du uns mitten in der Nacht, wenn du voll wie ein Weinfass nach Hause kamst, aus dem Schlaf und aus dem Bett geholt hast, habt ihr nichts gesagt. Auch nichts von den trockenen Butterbroten, die du mir mit zur Schule gabst, Mutter, nicht ein Wort vom Frühstück. Auch von Klassenausflügen, Veranstaltungen und Feiern, an denen nur einer fehlte, ich, habt ihr nicht geredet, und auch nicht davon, warum das so war. >Für solche Kinkerlitzchen haben wir kein Geld!< Nein, dafür hattet ihr kein Geld, aber für Schnaps, Bier und Zigaretten. Von den Worten: >Außenseiter, armer Hund, Penner, seht mal, der hat immer noch die alten Klamotten an, das sind armer Leute Blagen<, habt ihr nichts gehört und auch nicht die mitleidigen oder verächtlichen Blicke gesehen. Davon wurde nie geredet. Kein Wort wurde darüber verloren, dass ich oft allein auf dem Schulhof stand, dass keiner drei Worte mit mir geredet hat und dass kein Lehrer von mir etwas Vernünftiges erwartete. Es fehlten die Worte von den ungezählten Schlägen und von dem Verlangen, auch ein Eis kaufen zu können, ins Kino zu gehen, Comics zu lesen. Gestohlen habe ich, na klar. Der Colt mit der Zwölfertrommel war zu verlockend. Zwölf Patrönchen gingen hinein. Zwölf, keine sechs. Mensch, ihn einmal in der Hand halten zu können, sich einmal wie ein richtiger Cowboy fühlen zu dürfen, einen besseren Colt zu haben als alle anderen Jungen, das war etwas. Könnt ihr das verstehen? Nimm ihn, nimm ihn, nimm ihn, hämmerte es in meinem Kopf. Könnt ihr das verstehen? Und dann nahm ich ihn. Er fühlte sich wunderbar griffig an in der Hand. Und ehe ich mich selbst richtig versah, verschwand er auch schon in meinem Hosenbund. Pullover drüber und durchatmen. Dann kam der Griff, jene starke Hand, die festhielt, die nicht mehr losließ, die kein Entkommen gestattete. Erwischt! Auf frischer Tat erwischt! Polizei, Jugendamt, Antrag auf freiwillige Erziehungshilfe, Heim! Ihr wart mich los!“ Konrads Gesicht nahm einen bitteren Ausdruck an. Was sollen all diese Gedanken, sie ändern nichts. Ich mache mich doch nur selbst verrückt. Konrad dreht sich zur Seite. Die Stellung ist bequemer, doch sie stört. Er will weiterdenken, oder nicht? Doch! Irgendwie tut es gut. Er nimmt die alte Haltung ein. Ganz los wart ihr mich ja noch nicht, nein! Nach einem Jahr war ich wieder da. Ihr dachtet, ihr hättet mich kleingekriegt. Pustekuchen! Mich kriegt man nicht so leicht klein, mich nicht! Der aus der >Besserungsanstalt< hatte sich nicht geändert. Der war geblieben, wie er war. Leider! Nein, glücklicherweise! Aber ihr hattet euch auch nicht geändert, weil ihr euch nie ändern werdet, weil ihr es nicht könnt. Ich möchte heute noch gern wissen, warum du damals geweint hast, Mutter, als du hörtest, dass man mich bei einem Einbruch ertappt hatte. War es wirklich meinetwegen oder wegen der Leute? Ich werd‘s wohl nie erfahren. Und du, Vater? Du ranntest herum. >Fünf Kinder habe ich. Alle sind anständig. Nur der eine macht uns laufend Theater. Aber was will man machen? Ein schwarzes Schaf gibt es ja in jeder Familie, nicht wahr?< Jedenfalls braucht ihr euch keine weiteren Vorwürfe zu machen. Ihr habt ja anscheinend Recht. Ich tauge nichts. Ich bin der letzte Dreck! Das haben ja auch andere festgestellt. Sonst wäre ich auch nicht hier. Schwer erziehbar - Heimerziehung - Verbrecher! Wahrscheinlich habt ihr Recht! Ihr alle!


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