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Kinderbücher
Buch Leseprobe Jamie Bright, Nicolas Adali
Nicolas Adali

Jamie Bright


und das Geheimnis des Poseidon

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Gerettet


Iroda - Feuerkönigreich


 


 


 


In Iroda war die Abenddämmerung schon vorüber, und der Himmel hatte die Farbe von schwarzblauem Velours angenommen. Die drei Monde waren hinter einer dicken Wolkendecke getreten, und die Sterne funkelten hinter ihr.


Aret wünschte sich dringlich, an einem anderen Ort zu sein, doch der kalte Meerwind, der ihm das nasse Haar peitschte, erinnerte ihn unbarmherzig an die Gefahr, in der er sich befand.


Der Regen prasselte vom Himmel und landete auf der welligen Oberfläche des Wassers, sodass es aussah, als würde es sprudeln. Aret war ein guter Schwimmer, doch die hohen Wellen und sein Alter erschwerten es ihm, sich über Wasser zu halten. Mit sechzig war er nicht mehr der Jüngste. Er musste mit einer Hand schwimmen, in der anderen hielt er die kleine Jammelia.


Aret spürte, wie das eisige Wasser seinen Körper langsam zum Erfrieren brachte. Die Wellen schlugen mit eiskalten Schlägen auf seinen Hinterkopf. Jammelia umklammerte Arets Hals. Sie hatte die Augen geschlossen und war still. Jammelia hatte Angst; das konnte Aret sehen und fühlen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und versuchte, auf die Insel zu schwimmen, die kilometerweit vor ihnen lag.


Nach einigen Metern entdeckte er in der Ferne den Umriss eines Schiffes, das immer wieder hinter den Wellen verschwand. Bei näherer Betrachtung begriff Aret, dass es ein Fischerboot war. Er winkte in seine Richtung, aber er konnte nicht ewig die Hand nach oben strecken, da Jammelia sonst ertrunken wäre.


Auf dem Boot bereitete ein Fischerjunge aus Atar gerade die Netze für den nächsten Wurf vor. Er entdeckte die zwei hilflosen Gestalten im Wasser und rief nach dem Kapitän. Als er herauskam, deutete er in die Richtung, wo Aret und Jammelia umhergetrieben wurden. Als der Kapitän die zwei sah, rannte er zurück ins Steuerhaus und änderte den Kurs. Er versuchte, in Arets Richtung zu steuern, doch die Wellen erschwerten es ihm.


Als das Fischerboot endlich nahe genug war, rief Aret nach Hilfe, doch er konnte nur zitternd nuscheln, da die Kälte ihn gelähmt hatte. Der Fischerjunge verstand nichts; der starke Wind verschluckte die Hilferufe. Aber er wusste, dass Aret und die kleine Jammelia, die immer noch hilflos in den Wellen schaukelten, dem Zorn des Meeres ausgesetzt waren, wenn sie ihnen nicht halfen. Er warf einen Rettungsring ins Wasser und versuchte die zwei, die sich daran festklammerten, ins Boot zu ziehen. Es ging recht schnell, da der kräftige Junge es gewohnt war, tonnenweise Fischfang an Bord zu ziehen.


Als Aret und Jammelia in der Kajüte saßen und Decken und eine warme Tasse Tee bekommen hatten, kamen sie langsam wieder zu sich. Aber das Adrenalin in Arets Adern ließ ihn immer noch zittern, sodass er kaum seine Tasse halten konnte. Er wusste, dass sie um ein Haar ertrunken wären, wenn die Fischer sie nicht entdeckt hätten. Er war glücklich, dass der kleinen Jammelia und ihm nichts passiert war.


Der Fischerjunge übernahm das Steuer, drehte und steuerte in Richtung Insel. Der Kapitän aus Iroda, der mit seinem Stoppelbart und den spitzen Ohren an einen Kobold erinnerte, setzte sich zu den beiden.


„Wie seid ihr denn so weit ins Meer getrieben worden", fragte er mit einer rauen, aber besorgten Stimme.


Aret wusste, dass er etwas sagen musste. Also nahm er einen warmen Schluck Tee und versuchte zu reden, obwohl seine Lippen zitterten.


„Wir machen Urlaub hier! Meine Enkelin und ich machten einen Spaziergang am Hafen. Sie rutschte aus und fiel ins Wasser. Ich sprang hinter ihr her, und die Strömung ..." Aret fiel es schwer, zu reden, da die Kälte sich in seinem Körper verteilt hatte.


Der Kapitän lächelte freundlich.


„Jetzt seid ihr ja in Sicherheit! Und nächstes Mal passt ihr besser auf, denn die Häfen Irodas können bei diesem Wetter gefährlich sein!" Er stand auf, um das Steuer zu übernehmen, da es schien, dass der Fischerjunge der Aufgabe in diesem Wetter nicht ganz gewachsen war.


„Iroda?", sagte sich Aret und blickte zu der kleinen Jammelia, die vor sich hinzitterte und fragend zu ihm hochblickte.


Als das Boot in einen kleinen Hafen lief und andockte, drehte Aret sich zu den Seeleuten und fragte, wo es eine Möglichkeit zum Telefonieren gab. Der Kapitän deutete auf eine Spelunke am Hafenende. Die Hütte sah auf den ersten Blick verlassen aus, doch als Aret Rauch entdeckte, der vom Schornstein aufstieg, bedankte er sich und ging mit Jammelia hinüber, um zu telefonieren.


Als Aret und Jammelia das Lokal betraten, drehten sich zwei recht widerwärtige Gäste mit spitzen Ohren (die übrigens auch die einzigen waren) zu ihnen und starrten sie unverhohlen an. Eine weibliche Bedienung, die gerade dabei war, den schmutzigen Holzboden zu fegen, beachtete sie ebensowenig wie der übergewichtige, kahlköpfige Wirt hinter der Theke.


Aret erkundigte sich, wo er telefonieren konnte.


Der Wirt blickte Aret nicht an, sondern wies auf eine dunkle Ecke, wo ein verstaubtes Telefon stand.


Aret ging zum Telefon, nahm den Hörer von der verrosteten Gabel und wählte eine lange Nummer. Dann wartete er.


„Hallo, Agani! Ich bin es, Aret! Ich bin gerade in Iroda! Ja, ich erkläre es dir, wenn ich zuhause bin. Du, wir kriegen Besuch: Klein-Jammelia! Ja, die kleine Jammelia! Kannst du bitte Jaromir anrufen? Er soll eine Reise für zwei Personen von Longgod nach Agwean Ellina organisieren. Ich dich auch. Tschüss!" Er legte auf.


Jammelia war inzwischen mit einer Pflanze beschäftigt, die verwelkt in einer dunklen Ecke in einem schmutzigen Topf stand. Sie steckte ihre kleinen Finger in die schmutzige Erde und bewegte sie. Plötzlich begann die Pflanze zu wachsen. Sie setzte Blätter an und blühte auf ...


Aret schaute sich um, um sich zu vergewissern, dass keiner den eigenartigen Vorfall bemerkt hatte. Er ging zu Jammelia und nahm sie auf den Arm, um zu gehen. Er bedankte sich bei dem Wirt für das Telefonat, doch dieser nickte nur und wandte den Blick nicht von der Zeitung. Aret und Jammelia verließen die Spelunke.


Die Bedienung wollte in die Küche gehen, um den Besen zu verstauen. Da entdeckte sie die prächtige Blume und ließ ihn zu Boden fallen. Sie fasste sich mit beiden Händen vor den Mund und zeigte dem dicken Wirt, der immer noch las, die Pflanze.


„Ein Wunder ist geschehen!"


Gerade wollte der Wirt einen Schluck Bier nehmen, als er den Ausruf hörte. Er drehte sich um und verschluckte sich fast beim Trinken, als er die Blume sah, die sich wie eine Fliege in der Milch vom schmutzigen Hintergrund des düsteren Raumes abhob.


 


Aret konnte nicht warten; er musste mit Jammelia nach hause, um mit Agani alles zu klären. Er wollte ihr erzählen, was passiert war. Er entdeckte einen kleinwüchsigen Lastwagenfahrer, der gerade eine Ladung Fische aufnahm. Aret näherte sich ihm und fragte ihn, ob er ihn und Jammelia nach Longgod mitnehmen könnte.


Der Fahrer sah die kleine Jammelia an, die traurig auf den feuchten Boden starrte. Er erklärte sich bereit, da das Mädchen ihm Leid tat. Das Gesicht des Fahrers wirkte nicht gerade einladend; sein dunkler Bart und die dicht gewachsenen Augenbrauen wirkten wie eine behaarte Gesichtsmaske, doch an seiner Art merkte Aret, dass er vor ihm keine Angst zu haben brauchte.


Aret versuchte sich vorsichtig auf den Beifahrersitz zu setzen, um ihn so wenig wie möglich nass zu machen. Seine Kleidung war immer noch feucht. Er beugte sich, um Jammelia auf den Schoss zu nehmen. Der Fahrer blickte die kleine Jammelia an und grinste. Dann wandte er den Blick nach vorn, um loszufahren. In dem Moment, wo der schwarze Laster sich in Bewegung setzte, griff Aret in seine rechte Hosentasche, schob die Hand hinein und holte einen weißen Edelstein hervor. Jammelia lachte, als sie das Funkeln des Steines sah. Dadurch wurde auch der Blick des Fahrers angezogen.


„Was ist das denn für ein Stein?"


„Nichts besonderes. Nur ein Geschenk von einer guten Freundin. Soll angeblich Glück bringen, dieses Stück Glas", antwortete Aret und grinste, als würde er an derartigen Aberglauben nicht glauben.


Die Fahrt war mühselig und lang. Nach einigen Stunden konnte Aret den Busbahnhof sehen, der sich mit zahlreichen Lichter von der Dunkelheit abhob. Als sie ankamen, drehte sich der Fahrer zu Aret, der gerade dabei war, der schlafenden Jammelia übers Haar zu streicheln.


„Da ist der Eingang!", meinte er und zeigte auf die große Schrifttafel Longgods Busbahnhof.


„Danke dir nochmals! Und tut mit Leid, dass du für uns einen Umweg machen musstest", sagte Aret, indem er langsam versuchte, vom Lastwagen zu steigen.


„Keine Ursache. Und passen sie gut auf ihre Enkelin auf!", rief der Lastwagenfahrer, während er losfuhr, um seine Ladung abzuliefern.


Es waren nicht viele Menschen zu sehen; sicher war es schon spät. Vor ein paar Stunden war es dunkel geworden. Das quietschende Geräusch der Eingangstür, das sie beim öffnen machte, weckte Jammelia, die mit dem Kopf an Arets Schulter gelehnt eingeschlafen war. Sie betraten die Halle. Arets Augen suchten die Schalter ab und bemerkten dabei eine blonde Frau, die kaugummikauend in einer Zeitschrift las. Als sie Aret mit Jammelia auf dem Arm bemerkte, legte sie die Lektüre weg, wandte ihren Blick zu den beiden und setzte ein Lächeln auf, das so falsch war wie ihre Haarfarbe.


„Herzlich willkommen in Longgods Busbahnhof! Wie kann ich ihnen behilflich sein?", fragte sie mit einer hohen, fast kindlichen Stimme.


„Es wurden zwei Bustickets auf den Namen Bright gebucht. Könnten sie bitte kurz nachschauen", fragte Aret, der damit beschäftigt war, Jammelia zu beruhigen, da sich die Kleine in Gegenwart der Frau offenbar nicht wohlfühlte. Die Frau kümmerte dies nicht. Sie blätterte in einem großen grauen Buch herum, um irgendetwas zu finden, das ihr weiterhalf. Ihr maskenartiges Lächeln hielt an, doch während ihre Augen wie hypnotisiert auf das Buch starrten, merkte Aret, dass sie auf einmal über etwas nachdachte.


„Würden sie mir kurz folgen, Herr Bright", bat sie und lief mit schwarzen Stöckelschuhen voran. Bei der Berührung mit dem grauen Fliesenboden machten die Schuhe ein klapperndes Geräusch.


Sie betraten ein fast leeres Zimmer, in dem zwei graue Holzstühle und ein grauer breiter Tisch mit schwarzem Telefon zu sehen war. Die Frau verabschiedete sich förmlich und schloss die Tür hinter ihnen.


Aret setzte sich und nahm Jammelia auf den Schoss. In diesem Moment läutete das Telefon. Aret erschrak, blickte um sich und wandte den Blick zu dem Apparat. Nachdem es nicht aufhörte zu klingeln, hob er den Hörer ab.


„Hallo?"


„Du musst echt einen Knall haben, Aret!"


„Hey, Jaromir! Wie geht es dir?"


„Das ist jetzt unwichtig. Agani hat mich angerufen. Sie meinte, dass du nicht allein bist."


„Ja, sie ist bei mir. Sie ist echt niedlich."


„Niedlich hin oder her, Aret. Du kennst ihre Bestimmung und unsere Aufgabe. Ich habe für die Kleine einen Ausweis machen lassen - auf den Namen Jamie Bright. Sie ist jetzt offiziell deine Enkelin, wenn man dich fragen sollte. Ich wünsche dir eine angenehme Reise. Achso, bevor ich es vergesse und damit wir keinen großen Papierkram veranstalten: Ihre Eltern sind bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen, vor drei Tagen vor der Küste von Longgod. Alles klar? Also mach´s gut. Wir sehen uns ja, wenn du dann ankommst."


„Klar, Jaromir, ich erzähle den Leuten, denen ich begegne, dann, dass sie meine Enkelin ist ...", sagte Aret und hörte abrupt auf zu reden, da er bemerkte, dass Jaromir aufgelegt hatte.


Aret war es egal, wie sie es machten. Er wollte nur, dass die kleine Jamie von Gefahren ferngehalten wurde, und da war ihm jede Methode recht. Er hob Jamie in die Luft.


„Hey, meine kleine Katharin! Bist du schon mal gereist?"


Jamie lachte. Ihr süßes, unbekümmertes Kinderlachen gab Aret Hoffnung.


Die Reise nach Agwean Ellina war lang, und sie mussten zweimal den Bus wechseln. Als sie endlich ankamen, stiegen die Fahrgäste, unter ihnen Aret und Jamie, langsam aus und bewegten sich zu dem großen Gebäude. Aret sah müde aus - er wollte nur noch nachhause und schlafen! Sein Gesichtsausdruck verriet einiges über die letzten Tage, und sein weißes Hemd ließ ihn fast noch erschöpfter wirken. Ein großer, dünner Mann im schwarzen Anzug und mit Sonnenbrille wartete am Ausgang auf die zwei Ankömmlinge. Obwohl er etwa Mitte vierzig war, hatte er bereits weiße, kurze Haare. Er ging zu Aret und Jamie, als sie das Gebäude verließen.


„Da sind ja unsere zwei Abenteurer! Hallo, Aret, hallo, Jamie! Kommt, ich fahre euch nachhause! Agani wartet schon auf euch! Ruhe dich erstmal aus, Aret, und morgen können wir dann in Ruhe über alles reden."


„Das hört sich gut an, Jaromir. Ja, bring uns erstmal nachhause", sagte Aret mit leiser Stimme.


Die Fahrt war kurz, da Aret nicht weit von Agwean entfernt wohnte.


In Qeramid angekommen, stand Agani in einer mit Herzen gemusterten Schürze vor der Tür und wartete auf ihre Gäste. Sie lächelte, und ihre feucht glänzenden Augen schienen Aret förmlich verschlingen zu wollen. Sie sah noch recht jung aus; trotz ihrer sechsundfünfzig Jahre hatte Agani kaum Falten. Doch ihre grauen, fast weißen Haare verrieten ihr wahres Alter. Sie rannte weinend zu Aret und sprang ihn förmlich an, um ihn zu umarmen. Sie sah ihm schweigend tief in die Augen. Aret deutete mit dem Blick nach unten auf die kleine Jamie. Agani wandte sich dem Mädchen und kniete sich vor ihr hin, um ihr kleines Gesicht zu sehen.


„Willkommen zuhause, mein Schatz!"


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


Sommerferien


Qeramid - Windkönigreich


Neun Jahre später


 


 


Am liebsten wäre Jamie heute zuhause geblieben. Gruno hatte sie nämlich mal wieder ins Visier genommen. In der achten Klasse lag Spannung in der Luft, denn die Kinder waren nur noch fünf Minuten von den Sommerferien entfernt - jeden Moment konnte die Schulklingel läuten! Jamie versuchte nach hinten zu sehen, ohne dass Gruno der Bär (so nannten die Kinder ihn) sie bemerkte. Es war zwecklos, denn der „Bär" starrte sie von hinten schon so böse an, so als würde er gleich auf sie losgehen wollen, um sie zu fressen - wie ein Bär bei der Fischjagd.


Jamie beobachtete die Schweißtropfen, die von ihrer Stirn fielen, nach und nach auf den grauen Tisch prallten und auf der glatten Oberfläche eine kleine Pfütze bildeten. Sie wischte sie weg und versuchte, dem Lehrer zuzuhören, um sich für die letzten vier Minuten abzulenken.


Doch alles hat ein Ende, und so läutete die Schulklingel endlich den Beginn der Sommerferien ein. Die Kinder sprangen auf und jubelten, als würden sie kostenlos Süßigkeiten bekommen. Sie rannten so schnell aus dem Klassenzimmer, dass der Lehrer gar nicht dazu kam, ihnen auf Wiedersehen zu sagen.


Jamie versuchte sich unbemerkt vom Klassenraum zu entfernen, da sie vorhatte, mit dem Lehrer nachhause zu gehen. Aber da dieser in eine andere Richtung fahren musste, weil er noch Dinge zu erledigen hatte, war es aus mit dieser Hoffnung für Jamie.


Als sie aus dem Schulgebäude trat, streifte sie sich ihr braunes Haar nach hinten, dann seufzte sie und zog den Kragen ihres roten Pullis nach unten. Nervosität drohte sie zu ersticken. Von weitem sah sie jetzt ihr schwarzes Fahrrad, das Oma Agani ihr letztes Jahr zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatte. Sie näherte sich und versuchte unauffällig um sich zu gucken, um sicherzustellen, dass Gruno sie nicht beobachtete.


Als sie sich gerade auf ihr Fahrrad setzen wollte, spürte sie einen Ruck von hinten. Sie versuchte, das Gleichgewicht zu halten, aber es gelang ihr nicht und sie stürzte mit dem Gesicht voran auf den Steinboden.


„Na, Jamie Brünett? Ich habe gehört, dass Oma wieder mal einen schönen Mylolkuchen für ihre kleine Jamie-Pupsi gebacken hat", krähte der dicke Gruno. Drei andere Jungen standen neben ihm und lachten Jamie aus.


Jamie, die gerade versuchte, vorsichtig aufzustehen, blickte von unten zu Gruno und setzte ein wütendes Gesicht auf. So sehnlich sie es auch wollte, sie konnte dem Bären nichts anhaben, denn Gruno war einen Kopf größer als sie und ein Junge. Gruno setzte ein spöttisch-heulendes Gesicht auf, bevor er sich mit den anderen Kinder lachend von Jamie entfernte.


Idioten, dachte Jamie. In dem Moment, wo sie hinter dem Gebüsch verschwanden, versuchte sie aufzustehen. Dabei bemerkte sie, dass mit dem Vorderrad ihres Fahrrads etwas nicht stimmte: Der Reifen war platt. Beim genauerem Hinsehen fiel ihr ein kleiner Schlitz auf - sicher ein Werk von Gruno und seiner Bande. Jamie sammelte zwei Schulbücher vom Boden auf, die beim Stürzen aus der Schultasche gefallen waren. Auf dem Nachhauseweg stellte sie fest, dass sich das Fahrrad nur schwer schieben ließ, da das Vorderrad keinerlei Luft mehr hatte.


Als sie zuhause ankam, blieb sie einen Moment vor der hölzernen Eingangstür des braun gestrichenen Hauses stehen. Sie überlegte, was für eine Ausrede sie erfinden konnte, um Oma Agani Kummer zu ersparen. Was sollte sie sagen? Sie hatte bei ihr schon alle ihr möglichen Ausreden eingesetzt. Klar wusste Oma Agani von ihren kleinen Lügen, aber was sollte sie tun? Sie erinnerte sich an ihre eigene Schulzeit und wusste, dass wenn sie sich beim Rektorat beschweren würde, die anderen Kinder Jamie um so mehr hänseln würden.


Als Oma Agani die Tür knallen hörte, bemerkte sie Jamies leises Fluchen.


„Vollidioten, die werden schon sehen", flüsterte Jamie vor sich hin und rannte nach oben, bevor Oma Agani sie abfangen konnte. Oma Agani ging aus der Küche, um Jamie zu grüßen, aber sie war schon oben im Bad, um die Wunden in ihrem Gesicht zu säubern.


Jamie hörte die knarzende Treppe. Oma kam sicher nach oben, um nach ihr zu schauen. Für einen Moment war es still, doch dann hörte sie ein vorsichtiges Klopfen.


„Was ist denn, Oma?"


„Wenn du fertig bist, mein Schatz, kommst du bitte dann in die Küche runter? Ich habe eine Überraschung für dich!"


„Oma, ich habe keine Lust jetzt."


Oma Agani zögerte ein wenig. Dann sagte sie mit strenger Stimme: „Jamie Bright! Wenn du fertig bist mit Waschen, dann kommst du bitte nach unten in die Küche!"


„Okay! Okay! Ich komm ja gleich, Oma!"


Jamie wusste, dass es sich nicht lohnen würde, sich mit Oma Agani anzulegen. Das war ja das Besondere an ihr, dass man sie einfach nicht aus der Fassung bringen konnte. Selbst beim Schimpfen setzte sie immer eine Bitte hinzu. Lieber hätte sie sich mit Gruno angelegt als mit Oma Agani, denn sie gewann immer. Jamie ahnte, welche Überraschung sie in der Küche vorbereitet hatte: ihren selbstgebackenen Mylolkuchen. Sie hatte das Gericht als Familientradition eingeführt, als sie Jamie mit vier Jahren bei sich und Opa Aret aufnahm. Einmal im Monat buk sie ihren Mylolkuchen nach eigenem Rezept. Opa Aret starb, als Jamie noch acht Jahre alt war, und das nahm sie sehr mit, denn Jamies eigene Eltern waren bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen. So hatte es ihr jedenfalls Opa Aret immer erzählt. Außerdem hatte er immer einen Zeitungsausschnitt von damals bei sich gehabt, der diese Geschichte bezeugte. Jamie hatte keinen außer ihrer Oma, die auf sie aufpasste und für sie sorgte, und das wollte sie nicht missen.


Oma Agani hörte Jamies Schritte auf der Treppe. Wie immer hielt sie an der letzten Stufe an, sich leicht vorbeugend, um zu sehen, ob Oma Agani sie bemerkte und ermahnte, dass sie ihre Schuhe auszog, die sie beim Hineinkommen vergessen hatte. Als sie endlich in die Küche trat, starrte Oma Agani sie fassungslos an.


„Oh, mein Schatz! Was haben die Banausen wieder mit dir angestellt?"


„Nichts, Oma. Bitte lass es gut sein. Mir ist ehrlich nicht danach zu reden", sagte Jamie und setzte sich auf einen der altmodischen hölzernen Stühle.


Oma Agani stellte einen Teller vor Jamies Nase. Ein warmes, schmackhaft duftendes Stück Mylolkuchen lag darauf. Jamie war es gewohnt, Omas Mylolkuchen zu essen, aber jedes Mal schmeckte er besser, dachte Jamie und verschlang eine große Portion.


„Langsam, mein Mädchen! Es ist genug für dich da!"


„Aha!", murmelte Jamie mit vollem Mund. Man konnte ja nicht wissen, wer noch zu Besuch kommen würde!


Oma Agani beobachtete Jamie und lächelte zufrieden. Dann aber wechselte ihr Gesichtsausdruck plötzlich; sie schien über etwas nachzudenken. Sie reichte Jamie ein zweites Stück Kuchen und ging nach oben in ihr Schlafzimmer. Jamie hörte mit dem Kauen auf, um lauschen zu können. Die Schranktür des antiken Schlafzimmerschranks, die beim Aufmachen ein knirschendes Geräusch von sich gab, war zu hören. Oma Agani wühlte offenbar in ihrem Schrank herum. Jetzt machte sie die Schranktür wieder zu, als hätte sie gefunden, wonach sie suchte. Sie summte das Lied vor sich hin, das sie Jamie früher immer vor dem Einschlafen vorgesungen hatte: Ein Fischerjunge ging einmal der Sonne hinterher ... Ihre Schritte waren laut und deutlich; die hölzerne Altbautreppe gab knarzende Laute von sich. Oma Agani betrat wieder die Küche. Sie trug ein kleines, staubiges Kästchen in den Händen wie einen Schatz. Mit vorsichtigen Schritten kam sie schmunzelnd auf Jamie zu und wandte ihren Blick nicht von ihr.


„So, ein kleiner Schatz für meinen kleinen Schatz!"


„Was ist das?"


„Das ist ein Geschenk von Opa Aret, Jamie! Als er von uns ging, genau heute vor fünf Jahren, sagte er mir, bevor er einschlief: ‘Gib Jamie dieses Kästchen nach genau fünf Jahren, erst dann ist sie bereit...' Ich weiß selbst nicht, was er darin aufbewahrt hat."


Oma Agani legte das braune Kästchen vor Jamie auf den Tisch und stellte sich hinter sie. Jamie stand langsam auf, beugte sich nach vorn und bestaunte es von der Seite, wo das Sonnenlicht darauf fiel. Das Kästchen war mit eingravierten mystischen Kreaturen geschmückt, und ein kleines Schlüsselloch ließ es recht geheimnisvoll wirken. Über die Jahre hin hatte sich Rost um seine Öffnung gesetzt.


 


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