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Die Märchenmühle


von Angelika Pauly

kinder
ISBN13-Nummer:
9783940951007
Ausstattung:
Softcover
Preis:
16,00 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Pia Bächtold
Leseprobe
Der kleine Büchergeist In einem sehr alten Märchenbuch lebte einmal ein kleiner Geist. Genau zwischen den Seiten 142 und 143 hatte er es sich gemütlich eingerichtet, links und rechts ein wenig von den Seiten geknabbert, damit er mehr Platz hatte, und verschlief fast den ganzen Tag. Die Größe von Geistern richtet sich nach dem Raum, in dem sie leben. So findet man im Meer wahre Ungeheuer von ihnen und in riesigen Höhlen ebenfalls riesige Exemplare, welche einen ausgewachsenen Menschen leicht auf ihre Schulter nehmen und bis ans Ende der Welt tragen können. Unser Geist aber lebte zwischen zwei Buchseiten und war daher sehr klein. Er reckte und streckte sich, versuchte die Blätter auseinander zu drücken, aber vergeblich, ihm fehlte die Kraft dazu. Zu gerne einmal hätte er frische Luft geschnuppert oder sich ein wenig die Beine vertreten, aber er kam aus dem alten Buch nicht heraus. Das Märchenbuch stand in einem Regal in einer Bibliothek. Neben ihm fand man neue und moderne Geschichtenbücher, die von Monstern und Außerirdischen erzählten, und so nahm es keines der Kinder, die Lesestoff suchten, in die Hand. An einem Tag geschah es, dass ein Mensch gegen das Regal stieß und das Buch mit dem kleinen Geist wackelte und auf den Boden fiel. „Nun werde ich befreit!“, jubelte er, doch der ordentliche Besucher der Bücherei hob den Märchenband auf und stellte ihn wieder zurück in die Reihe. Vor lauter Verlangen nach der Welt da draußen konnte der kleine Buchbewohner bald nachts nicht mehr schlafen. Ihm kam der Gedanke, ob er vielleicht nicht allein wäre und klopfte, wenn alle Besucher den Saal verlassen hatten und die Bibliothekare das große Deckenlicht gelöscht hatten, dreimal gegen die Papierwände seinen Zuhauses: Klopf, klopf, klopf ! Und noch einmal: Klopf, klopf, klopf ! Dann spitzte er die Ohren und lauschte, doch kein Zeichen kam zurück, er war wirklich allein. Traurig fiel er in einen traumlosen Schlaf. Am nächsten Morgen wurde er durch eine laute Stimme geweckt: „So geht das nicht, diese alten Bücher verunstalten ja den ganzen Saal“, hörte er den Leiter der Bibliothek rufen, „Herr Möbius, Sie bringen sie sofort in den Keller!“, und der Bibliothekar klopfte gegen die alten Schätze und auch gegen das Buch, in dem der kleine Geist hockte. Herr Möbius folgte sogleich und schaffte zusammen mit seinem Lehrling die altertümlichen und bald auseinanderfallenden Kinder- und Märchenbücher in das unterste Stockwerk. Unser kleiner Geist war hellwach, hielt sich bei dem Transport an den großen Buchstaben seiner Seiten fest und hoffte, ja betete, sein Buch würde aufgeschlagen werden. Doch die Angestellten stapelten und schichteten nur die Bücher aufeinander und dachten nicht daran, einmal hineinzusehen. Nun war er also im Keller gelandet. Hier war es kalt und muffig und ein undichtes Heizungsrohr ließ braunes Wasser auf den Pappumschlag seiner Heimat tropfen. Tropf, tropf, tropf ... So ging es tagelang, wochenlang, monatelang – bis der Deckel ganz durchweicht war. Er zerfiel, bot den Seiten keinen Schutz mehr, diese wellten sich unter der Feuchtigkeit und der kleine Geist sah das fahle Licht der alten Glühlampe, die an der Kellerdecke hing. Ein wenig noch musste er mit seinen eigenen Kräften nachhelfen, sich gegen die Seiten 142 und 143 stemmen und er war frei. „Juchhu!“, jubelte er, sprang aus dem Buch hinunter auf den Boden und lief aufgeregt zur Türe, die zum Glück weit offen stand. Die Treppe hinauf und raus aus dem Gebäude, endlich frische Luft, Sonnenlicht, Wind und ... ja, Regen, denn es regnete in Strömen. Der kleine Geist wurde sofort pitschepatschenass, nieste, schniefte und hustete schließlich, fror und jammerte. Nein, das war keine Welt für ihn, er sehnte sich nach der Geborgenheit seines Märchenbuches zurück. Als der Regen gar in Schnee überging und ihm eine große Schneeflocke mit einem „Plingpling“ direkt auf den Kopf fiel, machte er kehrt, lief zur Bibliothek zurück, kletterte kurzerhand durchs Kellerfenster und landete auch glücklich im Raum für alte und ausgemusterte Bücher und sah sich suchend um. „Komm hierher!“, rief da ein Stimmchen. Es gehörte einem Bücherwurm, der fröhlich aus einem Kinderbuch hervorschaute. Der kleine Geist folgte der freundlichen Einladung, schlüpfte durch das Loch, welches der Wurm gebohrt hatte, zog zwei Seiten wie eine Wolldecke über sich zusammen und schlief selig ein. Er träumte von einem kleinen Mädchen oder Jungen, welches das Buch entdecken und mit nach Hause nehmen würde, und davon, dass er fortan in einem hübschen Kinderzimmer wohnen dürfte. Ob sein Traum in Erfüllung gegangen ist? Was meint ihr?
Klappentext
Die Märchenmühle Viele kleine Märchenwesen tummeln sich in der Märchenmühle und warten darauf, von dir entdeckt zu werden: Wer kann den unsichtbaren Prinzen sehen? Was geschieht mit der Königskrone aus Regenwasser wenn die Sonne scheint? Woher kommt der Junge mit dem Sternenherzen? …und dann versteckt sich noch der kleine Büchergeist mitten im Buch… 33 Märchen wunderschön erzählt von Angelika Pauly für Kinder im Erstlesealter und natürlich für Erwachsene
Rezension
REZENSION Angelika Pauly Die Märchenmühle 33 Märchen Verlag Pia Bächtold Coverbild und Innenillustrationen: Gaby Hylla ISBN 978-3-940951-00-7 Irgendwann sprach jemand die Zauberworte aus „es war einmal“ und damit kam das Märchen auf die Welt und zog ein in die Kinderherzen und in die Herzen derer, die jung geblieben waren. Märchen sind uraltes Volksgut, das von Generation zu Generation weitergegeben und von Dichtern jeder Epoche zu einem unverzichtbaren Schatz erweitert wurde. Jede Zeit hat ihre eigene Märchenwelt und ihre eigenen Erzähler und zu ihnen gehört auch Angelika Pauly, die bekannte Autorin vieler Kinderbücher. Da aber allen Erzählern einmal der Stoff ausgehen kann, ließ sich Angelika Pauly diesmal etwas besonders einfallen. Ihr Erzähler, ein kleiner unbedeutender Mann, der gerne Geschichten erfand und sich damit bei den Leuten in der Stadt beliebt machte, wusste eines Tages nicht mehr weiter und kam auf die Idee, Buchstaben zusammeln und oben in eine Mühle zu werfen. Und was kam unten heraus?: fertige Märchen, Tag für Tag, und so konnte er bis an sein Lebensende die Leute mit seinen Märchen glücklich machen und damit auch die großen und kleinen Leser dieses Buches. Die 33 aus der Mühle purzelnden Geschichten sind zwar unterschiedlich, beginnen aber dort, wo schon die Märchen unserer Kindheit begonnen haben, in einem Königsschloss, irgendwo im Land der Phantasie. Aber auch ein prunkvolles Schloss ist nicht unbedingt Voraussetzung zum glücklich sein. Denn der König, der dort herrscht ist von Natur aus traurig und überlässt sein Schloss den Spinnweben, die es zerstören. Einem anderen wiederum trocknet sein Land aus, die Rosen verwelken, die Untertanen verlassen ihn. Ein dritter gar ist klein, unscheinbar und unbeachtet. Zum Glück findet sich aber meistens eine Lösung für alle Probleme und ein gutes Ende. Auch der Hofstaat ist etwas eigenartig, da wird ein Prinz geboren, der unsichtbar ist und nur mit dem Herzen gesehen werden kann, eine Prinzessin, die an ihrer Eitelkeit zerbricht. Die kleinen menschlichen Schwächen machen auch vor gekrönten Häuptern nicht Halt. Die Märchen wechseln dann wieder in eine ganz andere Welt, die uns vielleicht bekannter vorkommt, aber doch voller Geheimnisse steckt, denn wer weiß, dass Blumen sprechen oder sich Hummeln an Nektar überessen können. In diesem, für unser Auge unsichtbarem Reich regiert der Wurzelzwerg, ein guter Geist, der seinen kleinen Freunden mit Rat und Hilfe zur Seite steht. Ganz köstlich die Geschichte mit dem Tausendfüßler, der aus dem Fernseher schlüpft und für Chaos sorgt, gleichzeitig aber erinnert, in welcher Zeit wir leben.. Und beweist, dass auch diese, unsere Zeit, ihre Märchen braucht, auch wenn ihr die Technik dabei manchmal ein bisschen hilft. Und so mahlt die Mühle weiter und weiter, bis der kleine Büchergeist, der sich zwischen den Seiten versteckt hat, das Buch endgültig schließt. Und dieser kleine Büchergeist gehört auch zu den wunderschönen Illustrationen von Gaby Hilla, die den Märchenwesen und ihrer Zauberwelt Leben einhauchen. Angelika Paulys „Märchenmühle“ ist ein ganz besonders Buch, das nicht nur die Kinder begeistern wird, sondern auch alle Erwachsenen, die tief im Inneren Kinder geblieben sind. Christine Michelfeit