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Kinderbücher
Buch Leseprobe Betula Krummnagel, Birgit Bestvater
Birgit Bestvater

Betula Krummnagel


Der Fluch des fröhlichen Sargtischlers

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Erstes Kapitel - In dem Betula eine geheimnisvolle Postkarte entgegennimmt


„Jetzt schreiben schon die Toten Karten! Da fresse ich doch einen Besen!“, rief die Postfrau aufgeregt, als sie den Hausflur betrat und Betula mit dieser Ungeheuerlichkeit überraschte. Sie machte kein Geheimnis daraus, dass sie offenbar einen zu langen Blick auf die Karte geworfen hatte. Auch gegenüber dem Mädchen nicht, das unter dem Briefkasten hockte und sich einen Holzsplitter aus ihrem Daumen zog. 


„An den Sargtischler Ferdinand Krummnagel“, las sie mit gespielt wichtiger Stimme. 


„Das dürfen Sie nicht!“ Betula sprang erschrocken auf und riss ihr die Karte aus der Hand. 


„Na und“, erwiderte die Postfrau schnippisch und eilte zur nächsten Tür, hinter der Frau Zwirnfitz wohnte. Frau Zwirnfitz, die Nachbarin von Ferdinand Krummnagel, war eine kleine, mollige, alte Dame, die in einem fort häkelte. So auch in dem Moment, als sie auf das Klopfen der Postfrau hin die Tür öffnete. Sie trug eine groß geblümte Kittelschürze, deren Taschen mit bunten Garnknäueln vollgestopft waren. 


„Frau Zwirnfitz“, begann die Postfrau aufgeregt, „der Herr Krummnagel bekommt demnächst Besuch. Von der toten Martha! Stellen Sie sich das mal vor! Dann kommt die sicher auch zu Ihnen, wo Sie doch in ihrer Wohnung wohnen ...“ 


„Was reden Sie denn für einen Unsinn?“, erwiderte Frau Zwirnfitz gereizt und zupfte unruhig an dem Häkelgarn. 


Betula winkte mit der Postkarte. „Sie hat einfach Großvaters Post gelesen!“ 


Frau Zwirnfitz zischte die Postfrau vorwurfsvoll an: „Schlimm genug, dass Sie so schrecklich neugierig sind. Aber dass Sie auch noch so dumm sind und glauben, dass Tote ...“ 


„Dumm?“, fuhr die Postfrau wütend dazwischen. „Natürlich weiß ich, dass Tote keine Karten schreiben. Ich sage Ihnen mal was. Die Göre hat die Karte selbst geschrieben.“ 


„Das ist nicht wahr!“, rief Betula empört. 


Die Postfrau kümmerte das nicht. „Die Göre lungert doch dauernd im Hausflur herum und brütet irgendwelche Ideen aus. Als ich so alt war wie die, habe ich meine Ferien auf dem Kartoffelacker verbracht. Und ich sage Ihnen noch etwas. Geschadet hat es mir nicht.“ 


Frau Zwirnfitz unterbrach das Häkeln, was nur äußerst selten vorkam. „Nun ja, das sehe ich etwas anders. Außerdem lungert Betula nicht im Flur herum, sondern kühlt sich hier ab. Schließlich hat sie zwei Stunden in der glühenden Hitze auf dem Hof die dämlichen Würmer aus dem Bauholz gepult.“ 


Die Postfrau kniff die Augen zusammen. „Ich werde die Karte zur Polizei bringen!“, rief sie.


Betula sah mit Schrecken, wie sie schnaufend immer näher kam. Doch ehe die alte Frau ihr Ziel erreicht hatte, war Betula mit der Karte in Großvaters Wohnung verschwunden. Das war knapp! Sie ließ sich in den alten Fernsehsessel fallen. Ihr weiter Rock blähte sich für einen Moment zu einem fröhlichen, blauen Ballon und brachte Betula zum Lachen. Sie betrachtete die Karte. Es handelte sich um eine ganz gewöhnliche Ansichtskarte der Stadt B., in der ihr Großvater seit nunmehr über siebzig Jahren lebte. Betula las die mit zittriger Hand geschriebenen Zeilen.


Ferdinand, Du kannst mich nicht länger von dem Haus unserer Eltern fernhalten. Ich bin es leid, Dein Schicksal zu leben. Bis bald. Deine Schwester Martha 


Betula lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Sie hatte ihren Großvater nur ein Mal von seiner Schwester Martha reden hören. Nicht viel. Eigentlich nur einen einzigen Satz: „Die hat der Teufel geholt!“ Deshalb hatte sie geglaubt, Martha sei tot. Betula las die Zeilen auf der Karte noch einmal und noch einmal. 


Da fiel ihr das Foto an der Wohnzimmerwand ein, von dem es hieß, dies sei Martha. Betula hatte sich nie dafür interessiert, aber nun musste sie es aufmerksamer untersuchen. Auf dem Foto war ein Mädchen zu sehen, das ungefähr so alt war wie sie selbst. Also zehn. Und wie erschreckend ähnlich es Betula sah! Es hatte ziemlich dünne Arme und eine genauso lange, spitze Krummnagelnase. Es hatte schulterlanges, glattes Haar. Ob es auch kastanienbraun war, konnte sie auf der Schwarz-Weiß-Fotografie nicht erkennen. Das Mädchen hielt stolz und voller Freude eine Holzpuppe in ihren Händen, als hätte sie diese soeben geschenkt bekommen. 


Betula wollte das Bild von der Wand nehmen, doch noch ehe sie es berührt hatte, fiel es herunter. Erschrocken schaute sie auf den Boden. Der Holzrahmen war wie poröses Papier in sich zusammengefallen und feines braunes Mehl bedeckte die zersprungene Glasplatte. Vorsichtig fischte Betula mit den Fingerspitzen die Fotografie zwischen den Scherben hervor, pustete den Staub weg und entdeckte, dass auf dem Bauch der Puppe etwas geschrieben stand. Die Fotografie war sehr verblasst und die Buchstaben winzig klein. Mit dem bloßen Auge konnte sie das Geschriebene nicht erkennen. Flink holte sie die Leselupe ihres Großvaters aus der Kommode und hielt sie über das Bild. Und da las sie – „Betula“. Für einen Moment blieb ihr das Herz stehen. „Das … das ist mein Name!“, entfuhr es ihr. Hastig drehte sie die Fotografie um. 


In Erinnerung an meine liebe Schwester Martha. Weihnachten 1921 


Betula war schaurig und freudig zugleich zumute. Ihr Blick sprang zwischen der Fotografie und der Postkarte hin und her. Plötzlich packte sie ein schlechtes Gewissen. Du hättest die Karte nicht lesen dürfen, dachte sie. Aber wie konnte sie denn ahnen, dass …? Ja, was denn eigentlich? Hatte ihr Großvater ein Geheimnis? 


Plötzlich knarrten die Holzdielen im Flur. Betula erschrak gewaltig, denn sie hörte die kräftigen Schritte ihres Großvaters. Dann stand er auch schon im Türrahmen. Ein paar Holzlocken klebten an seiner verschwitzen Glatze und sein Gesicht war mit Sägemehl bestäubt, als wäre er durch einen Schneesturm gewandert. 


Steif vor Schreck hielt Betula ihm die Karte hin. Marthas Foto verbarg sie hinter ihrem Rücken. „Du hast Post“, schoss es aus ihr heraus. 


Der Großvater brummte etwas wie „ ... wollte nur meine Zigarren holen“ und griff mit seinen leimverklebten Händen nach der Karte. Er hatte keine Eile zu erfahren, wer ihm da schrieb. Stattdessen betrachtete er die Kirche mit einem ernsten, versunkenen Blick. „In dieser Kirche haben Elsa und ich vor dreiunddreißig Jahren geheiratet. Sie war eine gute Frau und eine hervorragende Köchin.“ Er hielt inne und blickte Betula in einer Art an, wie er es nur selten tat. Betula spürte ein warmes Kribbeln im Bauch. „Die schönen braunen Augen, die hast du von ihr“, sagte er und schaute wieder auf die Karte. 


Großmutter Elsa war gestorben, als Betula noch ganz klein war. Der Großvater drehte die Postkarte endlich herum und begann zu lesen. Betula war eine aufmerksame Beobachterin und daher entging ihr die Veränderung im Gesicht ihres Großvaters nicht. Seine Stirn legte sich langsam in Falten und die steingrauen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. 


„Von wem ist denn die Karte?“, piepste Betula. 


Der Großvater warf einen schiefen Seitenblick auf Betula. „Himmel, Arsch und Wolkenbruch!“, rief er. „Ich kenne diese Person nicht.“ Er öffnete den Wohnzimmerschrank und warf die Karte in eine blaue Metall­kassette. Wütend griff er nach seinen Zigarren, die auf dem Beistelltischchen neben seinem Fernsehsessel lagen. Doch ehe er sich eine anzündete, fiel sein Blick auf den zerbrochenen Bilderrahmen. 


 „Wo ist das Bild?“, fragte er in scharfem Ton. 


Betula legte das Foto auf den Tisch. „Es ist von der Wand gefallen. Von ganz allein. Plötzlich lag es auf der Erde“, beteuerte sie und knackste mit den Fingernägeln. Knacks, knacks machte es, weil sie den Nagel des Mittelfingers über den Nagel des Daumens rutschen ließ. Das tat Betula immer, wenn sie sehr aufgeregt war. 


Der Großvater zuckte bei dem Geräusch zusammen. „Lass das! Ich mag es nicht, wenn du so mit deinen Fingernägeln knackst. Das klingt wie das verfluchte Nagen eines verfluchten Holzwurmes.“ 


Betula hörte mit dem Knacksen auf. „Vielleicht war ja in dem Bilderrahmen so ein verfluchter Holzwurm“, sagte sie. 


Der Großvater schaute mit ziemlich finsterer Miene auf das Bild, bevor er abermals zum Schrank ging und es zu der Postkarte in die Metallkassette steckte. „Diese widerlichen kleinen Würmer. Sie fressen alles kaputt“, zischte er dabei. 


Betula tänzelte aufgeregt hinter ihm her. „Das Mädchen auf dem Bild ... das war doch deine Schwester, nicht wahr?“ 


Er nickte. 


„Und die Holzpuppe? Sie hält doch eine Holzpuppe in den Händen. Und auf ihrem Bauch … da steht ‚Betula‘.“ 


Der Großvater tat, als würde er sie nicht hören und schnüffelte abwesend an einem alten Stück Apfelseife, das seine Frau Elsa einst zwischen die Handtücher gelegt hatte. 


„Betula“, wiederholte Betula ungeduldig. „Das ist zufällig auch mein Name, Großvater.“ 


Der alte Mann sah seine aufgebrachte Enkelin verwundert an. Er hob seine buschigen Augenbrauen und erklärte ihr ruhig: „Betula ist der lateinische Name des Holzes, aus dem die Puppe gebaut wurde und bedeutet nichts anderes als Birke.“ 


„Du meinst, sie hieß Betula, weil sie aus Birkenholz war?“ 


„Genau das meine ich“, entgegnete der Großvater. 


„Und wenn die Puppe aus Eiche gewesen wäre?“, fragte Betula verdattert. 


„Dann hätte man sie vielleicht Quercus genannt.“ 


„Was? Quercus?“, erwiderte das Mädchen ungläubig. 


Jetzt wurde der alte Mann ungeduldig. „Ja! Oder Fraxinus oder Pinus. Und nun hör auf mich zu löchern. Ich muss an die Arbeit. Zuvor zünde ich mir aber endlich meine Zigarre an.“ 


„Quercus, Fraxinus, Pinus! Ich glaube dir nicht!“, rief Betula und stemmte ihre Hände in die Hüften. „Ich bin doch wohl nicht aus Birkenholz.“ 


Der Großvater aber schmunzelte nur, zog dabei an seiner Zigarre und stieß eine dicke Rauchwolke in die Luft. „Ich sag dir mal was. Birken wachsen überall. Sogar auf Grönland, wo es wegen der eisigen Kälte kaum andere Bäume gibt. Das liegt an ihrem zähen, harten Holz und an dem weichen Kern. Das sind gute Eigenschaften. Nicht nur für einen Baum. Als alter Tischler sage ich dir, im Leben kommt es vor allem darauf an …“ 


„Ja, ja, ich weiß. Aus welchem Holz man ist. Das ist doch nur so ein doofes Sprichwort“, rief Betula wütend dazwischen. 


Daraufhin verließ der Großvater lachend das Zimmer. Betula schaute ihm wütend nach. Irgendetwas stimmte nicht. Und sie war fest entschlossen herauszufinden, was es war.


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