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Kinderbücher
Buch Leseprobe Bavaricus, Gabriela Patrizia Taschner
Gabriela Patrizia Taschner

Bavaricus


Medizin für den Drachen

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Ausschnitt aus dem Buch:

Bavaricus - der letzte Drache von München
„Es war vor vielen, vielen Jahren. Wenn ich recht überlege, es müssen mindestens 400 Jahre sein. Die Welt um uns sah noch ganz anders aus als heute. Es gab kein elektrisches Licht, keine gepflasterten Straßen, keine Autos und selbstverständlich keine Fernseher.

Die Menschen lebten in einem anderen Rhythmus und hatten andere Arbeiten. Es gab Schmiede, um die Kutschen zu reparieren und die Pferde mit Hufeisen zu beschlagen, es gab Bauern, die das Land bestellten, viel mehr als heute und die Arbeit war viel schwerer. Alles musste mit Pflügen, Ochsen und Pferden beackert werden. Ausgesät wurde von Hand und auch die Ernte war sehr, sehr harte Arbeit.

Die Menschen hatten ein schweres Leben, aber trotzdem waren sie meist zufrieden und das Leben war ruhiger als heute.

Ein großes Problem hatten sie allerdings. Es gab damals viel mehr wilde Tiere, als es heute gibt. Heute sieht man Wölfe, Bären und Luchse ja fast nur noch im Zoo, wie du weißt. Damals aber konntest du sie oft auf freier Wildbahn sehen. Sie waren zahlreich und liefen frei in den Wäldern herum.

Mit all den Tieren kamen die Menschen irgendwie klar. Sie konnten sich vor den Wölfen schützen, meist gelang es ihnen, ihr Vieh und sich selbst vor den Bären zu beschützen. Was sie aber sehr, sehr ängstigte, waren die Drachen, von denen es damals noch eine ganze Menge gab.

Nun waren die bayrischen Drachen aber nicht einmal so riesengroß und gefährlich wie die Drachen im Nordland. Die waren ja bis zu 7 oder gar 9 Meter hoch und enorm gefährlich. Aber die Drachen in Bayern waren ja „nur" (hier machte Mama eine ziemlich undeutliche Handbewegung) „so in etwa zwei Meter fünfzig."

Im Wohnzimmer hatte Claudios Vater sich offenbar verschluckt, denn er musste plötzlich ziemlich husten.

„Papi, alles in Ordnung?", rief Claudio besorgt.

„Ja, ja, war nur ein Krümel!", kam es noch immer etwas kieksend aus dem Wohnzimmer.

„Weiter!!" Claudio sah seine Mutter auffordernd an. Also fuhr diese mit ihrer Erzählung fort.

„Die Drachen haben bei uns auch nie Menschen angegriffen. Sie haben Kühe gerissen und teilweise Schweine. Oder eben Wildtiere wie Hirsche, Wildschweine oder Rehe. Aber die Menschen hatten eine Riesenangst vor den Drachen. Sie waren ihnen einfach zutiefst unheimlich. Wo immer sie einen Drachen ausmachen konnten, rotteten sie sich sofort zusammen und jagten den Drachen. Du weißt ja, Drachen sind meist Einzelgänger. So war es den Menschen hier ein Leichtes, die ja doch recht kleinen Drachen zu jagen und zu erlegen. Immer weniger wurden es. Dabei wollten die bayrischen Drachen doch nur eins: In Ruhe und Frieden leben. Aber sie hatten keine Chance!

Irgendwann versammelten sich dann alle verbliebenen Drachen auf dem Lusen. Das ist ein Berg im Bayrischen Wald. Dort konnten sie die ganze Gegend überblicken und mussten nicht wieder befürchten, hinterrücks angegriffen zu werden.

Es war ein gewaltiger Anblick. Über hundert Drachen kamen noch zusammen. Sie begrüßten einander mit feurigem Fauchen. Sah schlimm aus, war es aber nicht. Das war einfach ihre Art, einander zu begrüßen. So saßen sie dann um den Gipfel des Berges und der Größte und Kräftigste unter ihnen - ein herrlich kupfern glänzender Drache mit enormen Flügeln - ergriff das Wort:

Seit Tausenden von Jahren leben wir nun in diesen Wäldern und auf diesen Bergen. Doch die Menschen werden mehr und mehr. Unsere Jagdgründe werden immer kleiner und die Menschen jagen das Wild, das wir zum Leben brauchen. Jagen wir aber ihr Vieh, so jagen sie wieder uns. Wir wollen nicht im Krieg mit den Menschen leben. Doch hier sieht unsere Zukunft übel aus."

Die anderen Drachen nickten. Auch die letzten drei Münchner Drachen waren gekommen und auch sie nickten zustimmend. Nur Bavaricus, mit seinen damals 92 Jahren der Jüngste und doch Nachdenklichste unter ihnen, blickte stumm vor sich auf den Boden.

„Wir haben hier keine Aussicht, jemals wieder richtig in Ruhe leben und jagen zu können," fuhr der große Drache fort. „Lasst uns zu unseren Verwandten ins Nordland fliegen. Dort haben wir Platz und in den weiten Ebenen und den vielen Bergen können wir uns verbergen und unbehelligt leben. Was ist, werdet ihr mir folgen?", fragte der große Drache und blickte fragend und auffordernd in die Runde.

„Ja, das werden wir. Lasst uns von hier verschwinden. Sonst sind wir ausgestorben, ehe einer von uns seinen dreihundertsten Geburtstag feiern kann!", rief einer der Drachen laut und schickte zur Bestätigung einen Feuerschwall hinterher.

„Was heißt denn hier dreihundertsten, ich würde gerne meinen fünfhundertsten erleben!!", ertönte da eine dröhnende Stimme. Aus dem Dunkel am Rand des Berges, dort wo der Wald begann, kam ein silbern glänzender Drache. Seine schwarzen Augen funkelten und seine Schuppenhaut glitzerte im Mondlicht.

Nun, Neandolix, das wirst du auch, aber nur, wenn wir heute Nacht dieses Land verlassen. Komm, wir beide führen die Anderen in Sicherheit." Der große Drache sah Neandolix, den alten, weisen Drachen, der langsam und würdevoll auf ihn zukam, respektvoll an.

„So soll es sein. Wir verlassen dieses Land, in dem uns niemand haben will und in dem wir gejagt werden. Lasst uns fliegen, lasst uns in die Freiheit ziehen. Unter dem Schutz unserer Nordland-Verwandten werden wir ein ruhigeres Leben haben. Wollen wir fliegen? Gleich heute Nacht?" Neandolix blickte fragend in die Runde.

„Jawoll, wir fliegen."

„Lasst uns verschwinden!"

„Weg hier!"

„Nichts wie weg, sofort!"

Die Drachen riefen aufgeregt durcheinander. Feuerblitze stiegen in den Himmel auf und die Drachen machten sich einen Spaß daraus, ihr Drachenfeuer auf den Berggipfel zu schicken und das Gipfelkreuz in Flammen zu setzen.

Es muss für die Leute im Dorf ein furchtbar unheimlicher Abend und eine schlimme Nacht gewesen sein, denn damals war man noch abergläubischer, als heute. Wahrscheinlich dachten die Menschen, die Welt würde untergehen.

Die Drachen aber breiteten einer nach dem anderen ihre Schwingen aus und erhoben sich in die Lüfte. Allen voran der große Drache, der die Drachen führen würde. Es sah schon sehr eindrucksvoll aus, als über 100 Drachen abhoben und sich in die Luft schwangen.

Neandolix überwachte den Abflug mit Genugtuung. Endlich würden sie alle in Sicherheit sein.

Der Berg war jetzt fast leer und die letzten Drachen starteten in ein neues Leben. Schließlich war der Berggipfel leer und dunkel. Leer? Nun ja, fast leer. Als Neandolix nach unten schaute, saß da noch immer
nachdenklich und still: Bavaricus.
Seine goldgrün schimmernden
Haut­schuppen warfen das Mondlicht in
Glitzerlichtern zurück, die sich auf dem
Boden wiederspiegelten. Er sah den
anderen Drachen nach und schnaubte tief.

Neandolix traute seinen Augen nicht.
Er glitt zurück zur Erde und stoppte
direkt über Bavaricus.

„Hey, was ist los mit dir? Worauf wartest du?"

„Auf nichts!", antwortete Bavaricus ehrlich.

„Was heißt ‚auf nichts'? Willst du etwa als Einziger hier bleiben?"

„Genau! Weißt du, ich bin und bleibe einfach ein bayrischer Drache. Ich wurde in einer Höhle nahe Munichen geboren und ich fühle mich dort wohl. Ich will nicht ins Nordland. Dort ist es kalt und dunkel. Dort kenne ich niemanden und das Allerschlimmste, dort gibt es kein vernünftiges Bier!"

„Du willst wegen der Dunkelheit und dem Bier nicht ins Nordland??" Neandolix sah Bavaricus an, als ob er heftig an dessen Verstand zweifeln würde.

Der aber hob den Kopf und sah Neandolix geradewegs in die Augen.

„Stimmt genau! Ich bleibe. Ich fliege zurück nach Munichen. Ich komm schon durch. Und bei den vielen Brauereien, die es dort gibt und die immer wieder gebaut werden, fallen die paar Fässer, die ich stibitze, gar nicht auf. Wald gibt es für mich alleine auch genug. Oh nein, fliegt ihr mal nach Norden. Ich bin ein Drache des Südens - ich bleib hier!" Bavaricus dehnte seine Schwingen und gähnte kräftig, wobei ihm ein kleiner Feuerstrahl entwischte, der um ein Haar Neandolix getroffen hätte. Der duckte sich gerade noch rechtzeitig.

„Tu doch was du willst, aber glaub nicht, dass dir dann noch jemand hilft. Du wirst der letzte Drache hier sein. Ist dir das bewusst?", schimpfte Neandolix.

„Durchaus, durchaus. Aber meine Entscheidung steht fest. Ich werde einen menschlichen Wächter für mich suchen und finden. Ich bleibe in Munichen. Ich wünsch dir alles Gute."

Bavaricus blickte hoch zu Neandolix und lächelte ihm zu. So gut wie ein Drache eben lächeln kann. Da zuckte Neandolix resignierend die Schwingen und mit einigen mächtigen Schlägen seiner Flügel hob er sich hoch in die Luft und mit einem letzten Feuerstoß verabschiedete er sich von Bavaricus.

Dann war Bavaricus alleine. Ihm war klar: Jetzt war er der letzte Drache von München, ja sogar der letzte Drache in Bayern.

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