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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Zwischenreich, Coco Sturmbrust
Coco Sturmbrust

Zwischenreich


Der Mond ist nah

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Shyla wusste, dass sie keine Chance hatte. Die Flucht zu ergreifen, wäre aussichtslos. Die Vampire waren schneller und stärker, sie waren zu zweit und sie hatten alles Recht der Welt auf ihrer Seite. Sie konnte ausharren und darauf warten, dass die Vampire sie schnappten und zu einem Zombie machten. Blutleer, leblos, langsam zerfallend, jahrzehntelang verwesend. Ein Körper, der seine eigene Kompostierung beobachten konnte. Oder sie konnte sich fallen lassen, mit der Hoffnung darauf, dass ein scharfkantiger, auf dem Boden liegender Stein ihren Schädel spalten würde. Oder sie konnte ihr Messer holen und es sich ins Herz stoßen oder an die eigene Kehle drücken, um langsam auszubluten, so dass den Vampiren nichts anderes übrig blieb, als ihr Blut aus der Rinde und dem Waldboden zu saugen. Sie wusste, dass Vampire nur an lebender Beute Gefallen fanden. Wenn sie schon genommen werden sollte, dann wollte sie kein leichtes Mahl sein.


So dicht wie möglich an den Baum gepresst, griff Shlya mit ihren kalten und zittrigen Fingern nach ihrem Messer. Als die Vampire auf dem Waldweg landeten, der vor der Mauer endete, zog Shyla die Klinge des Messers aus dem Griff. Zwischen ihr und den Vampiren lagen höchstens 20 Meter Luftlinie. Sie redete sich selber zu, nicht länger zu zögern, um ihnen zuvorzukommen. Sie hielt sich bereits die Klinge an den Hals, als sie bemerkte, dass sich ein neuer, anderer Ton unter die Geräuschkulisse mischte. Einer, der immer lauter, fordernder wurde. Es näherte sich etwas, von dort, von wo auch die Vampire kamen. Etwas Mechanisches, Menschengemachtes.


Mehrere Militärjeeps und Lastwagen fuhren den Waldweg entlang, sie hielten direkt auf die Vampire zu. Während der eine unbeeindruckt in die auf ihn zurasenden Lichter starrte, sprang der andere auf die Mauer und begann, die Zombies zu provozieren. Er hielt ihnen seinen nackten Arm hin, brüllte, warf ihnen Kusshändchen zu. Erst jetzt, da die Lichter der Fahrzeuge die Szenerie mit Licht fluteten, konnte Shyla erkennen, dass die Vampire Gasmasken trugen. Warum nur? Konnte sie sie deswegen vielleicht nicht riechen, ihre Spur aufnehmen? Waren sie gar nicht wegen ihr hier?


Sie nahm das Messer von ihrem Hals. Der vorderste Lastwagen stoppte eine Armlänge vor dem wartenden Vampir, die restlichen Fahrzeuge hielten mehrere Meter Abstand. Der Waldweg war breit genug, um dem nun stattfindenden, von dem Vampir angeleiteten Wendemanöver des Lastwagens Platz zu bieten. Während das geschah, brach sich der Vampir auf der Mauer einen großen, breiten Ast von einem Baum ab und begann, damit auf die Zombies einzuschlagen. Einer der Zombies hatte es geschafft, sich an den Ast zu klammern, und als der Vampir das sah, versuchte er ihn abschütteln. Es half nichts. Wenn ein Zombie erst einmal etwas gepackt hatte, dann ließ er es nicht mehr los. Man hätte ihm schon die Arme ausreißen müssen. Doch das konnte der Vampir nicht, denn dafür hätte er dem Zombie nahe kommen müssen. Und das wollte er nicht, weil ein Vampir sich vor allem ekelt, was mit einem Zombie verbunden ist. Dem Gestank, dem Anblick, der Berührung. Shyla wagte es nicht, auch nur einen zu tiefen, zu lauten Atemzug zu machen. Weil das Donnern ihres Herzschlages ihrem Empfinden nach zu kraftvoll in den Wald hinausschallte, versuchte sie es zu dämpfen, indem sie ihre Hand auf ihren Brustkorb drückte. Es half nichts.


 


Das Wendemanöver war abgeschlossen, der Lastwagen stand nun mit der Heckklappe zur Mauer. Der eine Vampir schüttelte immer noch seinen Ast samt Zombie, während der andere die Heckklappe öffnete und einen menschlichen Körper herauszog.


„Hör auf, mit diesen Viechern zu spielen!“, brüllte der Vampir am Boden.


„Ja, ja!“, gab der andere in gleicher Lautstärke zurück. Er betrachtete den Zombie, der sich langsam in seine Richtung vorwärtskämpfte. „Du willst mich wohl, du willst mich wohl beißen, mein vergammelter Freund. Du willst mein kräftiges, lebendiges Fleisch, du willst mich zerreißen. Doch was willst du mit meinem Fleisch, es wird deinen Hunger nicht stillen? Und es wird dich nicht lebendiger machen, du wirst so oder so bald Erde werden.“ Dann schleuderte er den Ast samt Zombie weit in die verödete Mitte des Reservats. Und sprang von der Mauer.


 


„Und, zappeln sie noch?“, fragte er.


Der Vampir, der den Menschenkörper am Nacken gepackt in die Höhe hielt, antwortete: „Ja, die meisten. Mindestens zwei jedoch sind auf dem Transport verendet. Eine unnötige Verschwendung. Nur frische, lebendige Köder locken die Viecher aus ihrer Verwesung hervor. Die Menschen werden es nie lernen, präzise zu arbeiten.“


„Wenn dich das so sehr stört, die zwei toten Köder, warum dosierst und spritzt du das Betäubungsmittel dann nicht selbst?“


„Ich erledige doch nicht die Arbeit von Handlangern“, sagte der andere Vampir und legte den an Beinen und Händen gefesselten, schwach atmenden Körper auf den Waldweg. „Zieh die zwei Toten raus und wirf sie auf den Müll. Ich werde solange die Mauer vorbereiten.“


Während der eine die zwei Leichen aus dem Lastwagen holte, beide hoch in die helle Vollmondnacht warf und dabei zusah, wie sie vor seinen Füßen wieder aufschlugen, verschob der andere die massiven Riegel des Mauertors.


Shyla war nicht der einzige lebendige und wache Mensch, der den Vorgang beobachten konnte. Zwei bewaffnete Männer hatten einen der Jeeps verlassen und sich zum Lastwagen gestellt. Es waren Mitglieder des Wächter-Ordens, unverkennbar, ihre Haltung und ihr Halsband zeichneten sie als solche aus. Sie warteten ganz offensichtlich auf Anweisungen.


Der Vampir, der die Mauer entriegelt hatte, wandte sich den beiden zu. „Ihr werdet euch jetzt in den Lastwagen begeben und tun, was man euch befohlen hat. Wenn ich das Tor öffne, werden die Zombies herausdrängen und auf euch zukommen. Ihr werdet ihnen die Köder präsentieren und ungefähr alle 200 Meter einen der Köder fallen lassen, um das tollwütige Verlangen der Zombies noch zu steigern. Die Stadt, euer Zielpunkt, ist genau zehn Kilometer und 563 Meter entfernt.“


Er zeigte in den Laderaum des Lastwagens. Die zwei Wächter taten, was von ihnen gefordert wurde: Sie stiegen ein und schoben einen der Köder an die Rampe.


„Gut. Julien! Es geht los!“


Die beiden Vampire sprangen auf die Mauer, hoben das Tor so weit an, dass ein Zombie aufrecht oder auch leicht gebeugt hindurch schlurfen konnte. Es ging los. Ein erster, leicht zerfledderter Zombie trat aus dem Dunkeln des Reservats in das Licht des Lastwagens. Vor ihm lag der Köder, ausgelegt, um ihn wild zu machen. Zögerlich, abwartend, doch neugierig trat der Zombie an den gefesselten Mann heran. Dieser versuchte sich zu drehen, vergeblich, seine Glieder waren betäubt. Das einzige, was ihm blieb, war, seine Augen zu schließen und sein Gesicht so weit es ging abzuwenden. Und zu hoffen, dass es schnell vorbei sein würde. Ein Kehlenbiss vielleicht. Der Zombie schnüffelte, gelblicher, eitriger Speichel tropfte aus seinem Mund, und als er das Knurren eines Artgenossen vernahm, der sich der von ihm als erstem ausgemachten Beute näherte, biss er zu. Zwei, vier, acht, es wurden immer mehr von ihnen. Der Lastwagen fuhr los, hinter sich zog er eine Spur aus Menschenfressern.


 


Und die zwei Herren dieses Spektakels? Die waren weg. Mit nur einem Sprung waren sie aus Shylas Sichtfeld verschwunden. Nun konnte sie wieder klarer denken.


Zehneinhalb Kilometer von hier? Das musste meine Stadt sein, das musste sie! Ich muss meine Eltern, ich muss sie alle warnen! Sie fiel auf den Waldboden, rappelte sich auf und rannte zu ihrem Fahrrad. Es stand noch dort, wo sie es verlassen hatte, an einen Baum gelehnt.  


Shyla setzte sich auf den Sitz, platzierte ihre Sohlen auf den Pedalen und – die Luft war raus. Noch bevor sie verstehen konnte, dass ihre beiden Reifen platt waren, wurde sie am Rucksack gepackt und vom Fahrrad gerissen. Zwei kräftige Arme fixierten sie, vor ihr trat ein Uniformierter hinter einem Baum hervor, aus den Augenwinkeln konnte sie erkennen, dass sich auch von rechts einer näherte. Sie war umzingelt, von Wächtern.


„Ja, wir haben den Fremdkörper entdeckt und eingefangen“, sprach der, der ihr gegenüberstand, in ein Funkgerät, „es ist ein Mädchen. Ich glaube nicht. Gut. Wir kümmern uns eigenständig darum.“ Das Funkgerät verschwand in seiner Innentasche.


„Jedes gute, brave Kind lernt, dass es an so einem Ort nicht sein darf, schon gar nicht zu dieser Uhrzeit. Aber du bist kein gutes, braves Kind, du bist ein lästiger Fremdkörper, um den wir uns kümmern müssen, obwohl nur ein paar Meter von uns entfernt die Zombies losgelassen wurden.“


Er griff hinter seinen Rücken, zog ein großes, gezacktes Jagdmesser hervor und drückte es ihr auf die Lippen.


„Shh. Wir werden dich nicht töten. Wir werden dich nur bewegungsunfähig schneiden und dann werden wir dabei zusehen, wie die Zombies dich ausweiden. Leg sie auf den Bauch und du, pack mit an.“


 


Sie spürte, dass ihr irgendwas in die Haare tropfte und dann den Nacken hinablief. Sie sah, wie der Wächter, der ihr sein Messer gezeigt hatte, mit schmerzverzerrtem Gesicht und gebrochenem Arm, aus dem der Knochen herausragte, nach hinten fiel. Sie fühlte, dass sich der Griff, mit dem sie festgehalten wurde, lockerte und leicht löste. Sie verstand nicht, weshalb der dritte Wächter sich mit angsterfülltem Blick rückwärts bewegte. Shyla hatte ihn nicht kommen sehen, nicht kommen hören. Keiner von ihnen hatte das.


 


Eine schwarz gekleidete, großgewachsene Gestalt erschien plötzlich vor ihren Augen. Shyla konnte deren Gesicht nicht erkennen, nicht sogleich, denn deren braune, halblange Haare nahmen ihr die Sicht darauf und außerdem waren die Bewegungen der Gestalt zu glatt, zu schnell, als dass Shyla sie im Detail erfassen konnte.


Die Gestalt ging auf den dritten Wächter zu, dieser stammelte: „Aber wir sind doch eure Diener – warum?“


Die Gestalt trat dem Wächter gegen das rechte Knie und noch bevor der überhaupt umknicken konnte, tat sie das gleiche mit dem linken. Der Wächter fiel, ohne einen Schuss abgegeben zu haben. Die Gestalt widmete sich wieder dem mit dem Messer, der nun keines mehr in seiner Hand hielt, drehte ihn auf den Bauch und zertrümmert mit einem Faustschlag dessen Rückgrat. Dann packte sie die beiden Gehunfähigen und schleifte sie in den Wald. Das Letzte, was Shyla von den beiden hörte, war: „Nicht zu den Zombies, bitte, nein…“


Während das alles geschah, ließ der Körper hinter Shyla endgültig von ihr ab und kippte zur Seite weg. Nun stand sie alleine da. In ihr regte sich kein Fluchtreflex. Sie ahnte, dass sie nicht weit kommen würde. Sie betrachtete den am Boden liegenden Wächter. Das Messer seines Kameraden steckte in seinem Hals, oberhalb des Halsbandes. Sie zählte zwei Kerben. Was das wohl für ein Dienstgrad war?


 


Noch bevor Shyla sich daran erinnern konnte, was sie in der Schule über die Dienstgrade der Wächter gelernt hatte, spürte sie die Anwesenheit und den Blick der Gestalt. Der Mond schien hell und kraftvoll auf die kleine Waldlichtung, auf der Shyla sich befand, und die Gestalt schritt langsam in ihre Richtung. Als ob sie vermeiden wollte, Shyla durch allzu hastige und ruckartige Bewegungen zu erschrecken. Jetzt konnte sie auch das Gesicht erkennen. Es war das eines Vampires, unverkennbar. Rein, ebenmäßig, schön. Die kalten, absolut ruhigen Augen des Vampirs waren direkt auf sie gerichtet.


Was willst du von mir? Bin ich deine nächste Mahlzeit? Mein Blut, du willst sicherlich mein Blut saufen! Und warum hast du deine eigenen Diener gemetzelt? Vielleicht um Fressfeinde zu beseitigen? Vielleicht auch einfach nur weil du es kannst, weil du Spaß daran hast? Du willst auch mich, ich spüre das. Und du bist eines von diesen Wesen, die das können, die das dürfen, sich nehmen, was sie wollen. Bis auf den letzten Tropfen.


Shyla hielt immer noch ihr Messer fest umschlossen. Sie hatte es schon in der Hand gehabt, als der Wächter ihr mit seinem über das Gesicht strich. Kurz bevor sie es ihm in den Leib stoßen konnte, geschah es, erschien er. Wer bist du? Bist du der edle Ritter, mich zu retten, oder das eifersüchtige Raubtier, das mich ganz allein für sich haben will? Komm nur näher, ich will es herausfinden. Ich habe davon gehört, es soll schon passiert sein, schon öfter, als ihr es uns wissen lassen wollt, ein Mensch, mehrere Menschen sollen einen Vampir, mehrere Vampire getötet haben, mit einem kräftigen Schlag oder Stich mitten ins Herz, mitten in euer mit fremdem Blut vollgesaugtes Herz, es soll möglich sein, ich will es wissen, komm nur näher, lass es mich wissen.


Als der Vampir, dessen schönes, kaltes Gesicht keinerlei Regung zeigte, vor ihr stand, führte ihr Arm aus, was sie sich seit Jahren so sehr wünschte, so sehr.


 


Es tat gar nicht weh. So sanft und leicht fühlte sich seine Hand auf der ihren an. Er hatte sie gestoppt, bevor ihre Klinge sein Fleisch berühren konnte. Er war schneller als sie, stärker, älter – und unsterblicher. Er war näher an der Perfektion, als sie es je sein würde.


„Ist es das, was du willst?“, fragte er Shyla, wobei er ihre Hand in die Richtung seiner Brust führte. „Willst du mich töten, hier und jetzt?“ Er ließ ihre Hand los. „Dann tu es, doch hole noch einmal richtig Schwung, meine Haut ist nämlich dick und zäh.“


Shyla sah ihn an. All die Wut, der Schmerz, der Hass dieser vielen Jahre – nun war es an der Zeit, so eine Gelegenheit würde sie nie wieder bekommen. Sie holte aus und stieß zu. Ihre Klinge hatte es durch den Stoff seiner Kleidung geschafft, doch nur einen Millimeter in sein Fleisch hinein. Die Rinde und das Holz eines Baumes waren nachgiebiger als die Brust dieses Vampirs.


„Es ist schwer für euch Menschen, einen Vampir zu töten. Ihr müsst gleichzeitig unglaublich kraftvoll und höchst präzise vorgehen. Ihr müsst uns genau hier treffen.“


Er umschloss erneut ihre Hand und führte sie. Mit seiner Hilfe drang die Klinge tiefer und immer tiefer, bis nur noch der Messergriff zu sehen war.


Sein Gesicht, obwohl ein Messer in seiner Brust steckte, war das gleiche geblieben. Kalt und unbeeindruckt. Vielleicht sogar ein bisschen spöttisch und amüsiert.


„Na ja, ihr müsst schon ein kleinwenig genauer sein. Du hast dich um einige Zentimeter verschätzt. Wenn du das Herz eines Vampirs nicht zentral erwischt, kitzelt ihn das höchstens, und er bringt dich dafür um.“


Er zog das Messer wieder aus seiner Brust heraus. Es war kein Blut daran, es trat auch keines aus der Wunde aus. Aus der Wunde, die in Sekundenschnelle wieder verheilte und nicht einmal eine Narbe zurückließ.


 


„Willst du mich immer noch töten? Oder gibt es vielleicht etwas Wichtigeres, das du tun solltest? Zum Beispiel deine Eltern warnen, vor den Zombies, die da kommen?“


Shyla achtete nicht auf ihn und seine Worte, auf ihn und seine tiefe, warme Stimme, die so überheblich in ihren Ohren klang. Sie betrachtete die Waffe in ihrer Hand, die sich als so wert- und nutzlos erwiesen hatte. Ihre Waffe, ihre Hand.


 


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