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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Zwiggel Schrabb, Frank Lehmann
Frank Lehmann

Zwiggel Schrabb



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Obwohl es ein sonniger Tag ist, dringt kaum Tageslicht durch die dichten Baumkronen des Waldes. Mit kurzen Schritten läuft Schrabb so schnell er nur kann den Waldweg entlang. Immer wieder schaut er sich ängstlich um. Eingehüllt in einen Umhang, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, schauen lediglich noch die weit aufgerissenen grünen Augen sowie seine große fleischige Nase hervor. Es kommt ihm so vor, als schauen ihn aus den Schatten, die sich im Halbdunkel des Waldes abzeichnen, tausend Augenpaare an. »Diesen Teil des Weges mag ich überhaupt nicht«, murmelt er. Angetrieben von seiner Angst tragen ihn seine Füße immer schneller voran. Dann wird es lichter und das einfallende Sonnenlicht treibt die Schatten scheinbar tief in den Wald zurück. Ein letztes Mal dreht er sich zurück, um mit Erleichterung festzustellen, dass er es wieder einmal geschafft hat. »Ich habe keine Angst, vor nichts und niemanden«, ruft er zurück. Vor ihm öffnet sich der Wald und gibt den Blick frei auf das Tal, seine Heimat. Unten im Tal liegt Groda, eine Ansiedlung von kleinen Hütten, umringt von Wiesen und Äckern, auf denen einige der Dorfbewohner ihrer Feldarbeit nachgehen. Hinter dem Dorf strecken sich die Ausläufer des Eisgebirges gen Himmel. Auf dessen höchsten 5 Erhebungen glitzert der niemals abschmelzende Schnee in der Sonne. Schrabb lächelt bei diesem Anblick. Obwohl er von der Rennerei völlig aus der Puste ist, schlendert er nun fröhlich pfeifend den Weg zum Dorf hinunter. Auf der Brücke, die über den kleinen Bach in der Nähe des Dorfes führt, bleibt er stehen. Lässig lehnt er sich über das schon etwas morsche Geländer und schaut hinunter in das seichte Wasser, welches sich gemächlich zwischen den Steinen hindurch schlängelt. Er beobachtet zwei kleine Fische, die krampfhaft versuchen, zwischen den Steinen hindurch, gegen die Strömung anzuschwimmen. Schrabb greift sich einen Stein vom Boden und wirft ihn geschickt hinter den beiden Fischen ins Wasser. Aufgeschreckt und mit neuer Kraft schwimmen sie zwischen den Steinen hindurch und verschwinden im Dickicht der Pflanzen. »Geht doch«, stellt er mit einem Lachen fest und setzt seinen Weg ins Dorf fort. Als er die ersten Hütten erreicht, blickt Schrabb sich um. Niemand ist zu sehen. Ein Blick auf den Stand der Sonne bestätigt seine Befürchtung. »Oh man, ich bin schon wieder zu spät«, murmelt er und schlängelt sich schnellen Schrittes zwischen den Hütten hindurch. Er läuft auf eine etwas abseits gelegene Hütte zu, reißt die Tür auf und stürmt hinein. Erschrocken durch Schrabbs lautstarkes Eintreten dreht sich seine Mutter, die gerade mit einer großen Holzkelle eine Schale mit Suppe füllt, um. Fast hätte Sie die gefüllte Schale fallen lassen. 6 7 »Schrabb«, ruft sie, »ich habe dir schon tausende Male gesagt, dass du mich nicht so erschrecken sollst.« Sie wendet sich wieder dem Kessel zu, der über dem offenen Feuer an einer Kette hängt und hängt die Holzkelle über dem Kessel an eines der Kettenglieder. Schrabb schließt vorsichtig die Tür und lächelt verlegen. »Entschuldigung Mama«, sagt er. Während er sich seines Umhangs entledigt und an einen der Holzhaken neben der Tür hängt, stellt seine Mutter die Schale mit herrlich duftender Suppe auf den Holztisch. »Und zu spät bist du auch mal wieder«, sagt sie und fügt dann noch mit fragendem Blick hinzu. »Du weißt doch, was heute für ein Tag ist?« Mit gesenktem Kopf setzt sich Schrabb an den Tisch und murmelt. »Die Anhörung, ich hab es nicht vergessen.« Die Mutter nickt zustimmend, greift in die Tasche ihrer Schürze und zieht einen kleinen Holzlöffel heraus. Sie wischt ihn noch schnell an der Schürze ab und reicht ihn dann Schrabb. »Mein Kleiner«, sagt sie, «jetzt wird aber erst einmal gegessen. Alles andere kann warten.« Sie streicht ihm mit der Hand über sein krauses Haar und blickt nachdenklich aus dem kleinen Fenster neben der Tür. »Nur gut, dass dein Vater heute zur Jagd ist«, sagt sie ruhig, »die Anhörung wäre sicher eine Schmach für ihn.« 8 Schrabb löffelt still seine Suppe und wagt es gar nicht erst, zu seiner Mutter aufzuschauen. »Wo warst du eigentlich den ganzen Vormittag?«, fragt sie verwundert. Schrabb zuckt ein wenig zusammen. Diese Frage musste ja kommen. Sein Blick fällt auf die Mutter, die sich gerade daran macht, einige Holzschalen in einem Eimer voll Wasser zu reinigen. »Bei Xsantus«, murmelt Schrabb verlegen. Mit strengem Blick wendet sich ihm die Mutter zu. »Du weißt doch genau, dass dein Vater und ich es nicht möchten, dass du zum Zauberer gehst«, sagt sie. »Der Weg in die Berge ist gefährlich und die Dinge, die du bei Xsantus lernst, bringen dir nur noch mehr Ärger ein.« Schrabb senkt den Kopf und rührt verlegen in dem Rest seiner Suppe herum. »Aber er ist doch mein Freund und hat doch sonst niemanden«, murmelt er vor sich hin. Seine Mutter geht kopfschüttelnd zurück zur Feuerstelle und schwenkt den Kessel vom Feuer. »Du solltest lieber mit den anderen Kindern spielen, das würde uns einige Sorgen ersparen.« So köstlich die Suppe auch sein mag, das Gespräch mit seiner Mutter sowie der Gedanke an die Anhörung, lassen jeglichen Appetit vergehen. Schrabb steht auf, bringt schweigend die Schale hinüber zur Mutter und geht zu seinem Bett, das sich, abgetrennt durch ein Leinentuch, in der hinteren Ecke der Hütte befindet. Die Mutter blickt ihm etwas besorgt hinterher. Ihr ist klar, dass die Anhörung für ihren kleinen Schrabb ein schwerer Weg sein wird. 9 »Ziehe die Sachen auf deiner Liege an«, bittet sie ihn, »du sollst doch nachher einen vernünftigen Eindruck machen.« Schrabb wechselt Hemd und Hose, legt sich auf die Liege und blickt nachdenklich zur Decke hinauf. »Schon erledigt«, ruft er ihr zu. Mutter hat sich ihr lockiges Haar mit einer Schleife zusammengebunden und ihren besten Umhang übergestreift. »Wir müssen gehen«, ruft sie durch den Raum, »fehlt gerade noch, dass wir zu spät kommen. Wie würde das aussehen.« Während sie die Tür öffnet, fällt ihr Blick auf Schrabb, der sich gerade den Umhang zuknöpft. Die Angst vor der Anhörung steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. »Hab keine Angst«, beruhigt sie ihn, »es wird dir niemand den Kopf abreißen.« Sie zieht ihn zu sich heran und nimmt ihn fest in die Arme. »Du wirst sehen, alles wird gut.« Gemeinsam verlassen sie die Hütte und machen sich auf den Weg zum Gemeinschaftshaus, dem Versammlungsort des Dorfes. Auf dem Weg treffen sie auf einige ihrer Nachbarn. Auch wenn Schrabb seinen Blick ganz tief zu Boden senkt und lieber die Steine auf dem Weg zählt, die stechenden Blicke der Dorfbewohner bleiben ihm nicht verborgen. Ganz fest drückt er die Hand seiner Mutter. 10 Vor dem großen Tor, dem Eingang zum Versammlungsort, bleibt Schrabb stehen. Ängstlich schaut er in den Saal, der überraschend gut mit Dorfbewohnern gefüllt ist. Schrabb zieht seine Mutter zurück. »Ich habe Angst«, flüstert er ihr leise zu. Sie beugt sich zu ihm herunter und legt beruhigend die Hand auf seine Schulter. »Ich bin doch bei dir«, sagt sie, »hab keine Angst.« »Denk immer daran«, fügt sie mit einem Lächeln auf den Lippen hinzu »dein Vater und ich werden immer für dich da sein. Wir lieben dich.« Sie steht auf und durchschreitet gemeinsam mit Schrabb das Tor. Als sie den Saal betreten, wird es ruhig. Alle Augen sind auf Schrabb und seine Mutter gerichtet. Einige Dorfbewohner stecken die Köpfe zusammen und tuscheln, andere blicken wohlwollend auf Schrabb und nicken ihm zu. Schrabb wird von seiner Mutter in die Mitte des Saals geführt, wo ein kleines Podest steht. Dort angekommen, umarmt sie Schrabb, drückt ihn noch einmal ganz fest und lässt ihn dann stehen, um sich auf einen Platz, einige Meter von ihm entfernt, zu setzen. Schrabb blickt nach vorn auf die große Tafel, an der mittlerweile die Dorfältesten ihren Platz eingenommen haben. Da er die Blicke nicht ertragen kann, senkt er den Kopf. Im Wirrwarr der Wortschwalle, die zu ihm durchdringen, kann er zwar nichts verstehen, aber er weiß natürlich sehr gut, worüber alle reden. 11 Der Vorsitzende des Ältestenrates erhebt sich von seinem Platz und mahnt mit einer Glocke zur Ruhe. »Ruhe bitte«, ruft er den Dorfbewohnern zu. Es wird still im Saal, lediglich das Gelächter einiger Kinder ist noch zu hören. Der Vorsitzende schaut in die Runde, setzt sich wieder auf seinen Platz und nimmt einen Stapel Blätter in die Hand. Er wirft kurz einen Blick darauf und richtet dann das Wort an die versammelte Dorfgemeinschaft. »Wir haben uns heute und hier versammelt«, beginnt er, »um über das Fehlverhalten unseres Mitbewohners Schrabb zu verhandeln und abschließend ein Urteil zu fällen.« Bei diesen Worten zeigt er mit ausgestrecktem Finger auf Schrabb, der eingeschüchtert mit gesenktem Kopf und zittrigen Knien hinter dem Podest steht. Ein Raunen geht durch den Raum und lässt Schrabb ängstlich zu seiner Mutter blicken. Die nickt ihm mit einem Lächeln aufmunternd zu. Mit einem Blick zur Seite ergreift der Vorsitzende erneut das Wort. »Bruder Urando«, sagt er, »verlese nun bitte die Anklageschrift!« Urando, ein alter knöcherner Greis zur Linken des Vorsitzenden erhebt sich sichtlich mühsam, und entrollt ein Blatt Papier. »Schrabb«, beginnt er mit kaum hörbarer Stimme zu lesen, »Sohn des Ilis und der Dimona, geboren im Jahre des Drachen steht hier und heute vor dem Rat, um sich für die Verfehlungen am 9. Tag der 12 13 letzten Dekade zu verantworten. Durch sein unbedachtes Handeln in Verbindung mit unerlaubtem Zauber wurde unserem ehrenwerten Bewohner und Viehzüchter Dramol erheblicher Schaden zugefügt.« Erneut geht ein Raunen durch den Saal und bringt Urando völlig aus dem Konzept. Sogleich ertönt die Glocke des Vorsitzenden. »Ruhe bitte!«, ruft der Vorsitzende und blickt streng in die Runde. »Bruder Urando, bitte setze deine Ausführungen fort.« Nachdem er sich wieder gesammelt hat, setzt Urando das Verlesen der Anklageschrift fort. »...Schaden zugefügt, ach ja«, stammelt er und versucht den Faden wieder aufzunehmen. »Es ist durch den Rat festzustellen, wie der angerichtete Schaden durch den Angeklagten wieder gutzumachen ist und eine angemessene Strafe festzusetzen.« Sichtlich erleichtert setzt sich Urando wieder auf seinen Platz und übergibt das Wort mit einem Wink zurück an den Vorsitzenden. Der erhebt sich und richtet sich mit strengem Blick an Schrabb. »Schrabb«, sagt er. »Gibt es etwas, dass du zu deiner Verteidigung sagen möchtest?« Schrabb blickt beschämt zum Vorsitzenden auf. »Ich habe das nicht gewollt, das müsst ihr mir glauben.« Einige Tränen kullern seine dicken Wangen hinunter und tropfen auf seinen Umhang. Der Vorsitzende blickt in die Runde, sein Blick bleibt bei Schrabbs Mutter hängen. Ihr trauriges Gesicht 14 veranlasst ihn, seine Ausführungen etwas milder fortzusetzen. »Selbstverständlich gehen wir davon aus, dass dieser Vorfall nicht mit Absicht begangen wurde. Allerdings ändert das nichts an der Tatsache, dass dem ehrenwerten Bruder Dramol 25 seiner Zuchthasen abhanden gekommen sind, was einen beträchtlichen Schaden ausmacht.« Mit einem Nicken richtet er seinen Blick auf Dramol, der etwas verstört in der ersten Reihe sitzt. Dann schaut er wieder auf Schrabb. »Aber nun möchten wir von dir hören«, sagt er, «was an diesem Tag genau geschehen ist.«


Während der Vorsitzende sich setzt, schaut Schrabb ängstlich durch den Saal und beginnt mit zittriger Stimme zu erzählen. »Ich hatte nur vor, für ein kleines Kunststück zu üben, welches ich auf dem kommenden Rübenfest zur Unterhaltung aller Dorfbewohner aufführen wollte«, beginnt er zu erzählen. »Daher ging ich am besagten Tag zu Dramols Weide...« Schrabb öffnet das Gatter zur Weide, auf der die Hasen friedlich grasen. Einige Kinder aus dem Dorf haben ihn begleitet und machen es sich auf dem Zaun bequem. Sie beobachten gespannt, wie Schrabb das Gatter schließt und sich mitten in die Hasenherde stellt. Die lassen sich beim Fressen nicht weiter stören und blicken den kleinen Schrabb erst verstört an, als dieser seine Arme gen Himmel streckt und mit ehrfurchtsvoller Stimme einen Zauber ausspricht, den er bei Xsantus gelernt hat. 15 »Radusa hebitualis entro! Miregerius alefriso tendro!« Sogleich hören alle Hasen mit dem Fressen auf und blicken auf Schrabb, der aus seinem Umhang eine Flöte zieht. Er beginnt zu spielen und wie von Geisterhand formieren sich die Hasen zu einem Zug. Die Kinder auf dem Zaun staunen und blicken gebannt, wie Schrabb Flöte spielend losmarschiert, gefolgt von den Hasen. »Das gibt’s doch gar nicht!«, Ein Junge stupst seinen Nachbarn mit dem Ellenbogen in die Seite. Ohne den Blick von dem Schauspiel zu wenden erwidert der sogleich. »Schrabb ist schon einer...« Der marschiert, stolz auf das geglückte Kunststück, die Weide auf und ab. Dann beschließt er übermütig, den Marsch außerhalb der Weide fortzuführen und öffnet das Gatter. Gefolgt von den Hasen geht es weiter in Richtung Dorf. Die Kinder sind vom Zaun gesprungen und laufen lachend und staunend zugleich neben dem stolzen Schrabb her. Mit Entsetzen sehen sie dabei zu, wie Schrabb über einen Stein auf dem Weg ins Stolpern gerät. Selbst das »Schrabb pass auf!«, das ihm noch eines der Kinder zuruft, kommt zu spät. Schrabb fällt und verliert dabei seine Flöte. Sogleich verliert der Zauber seine Wirkung. Mit Entsetzen muss Schrabb, der noch immer am Boden liegt, zusehen, wie die Hasen in alle Himmelsrichtungen davonlaufen. 16 17 »Oh nein, wie konnte das nur passieren?« Er springt auf und versucht verzweifelt, gemeinsam mit den Kindern, die Hasen durch das Gatter zurück auf die Weide zu treiben. Derweil läuft eines der Kinder ins Dorf und schlägt an der Feuerglocke Alarm. Die Dorfbewohner, unter ihnen der völlig verzweifelte Dramol, kommen gelaufen und fangen einen Hasen nach dem anderen. Als Dramol das Ausmaß dieser Katastrophe bewusst wird, fällt er auf die Knie und schüttelt fassungslos den Kopf. »Was hast du getan?«, er blickt auf Schrabb, der weinend am Gatter steht. »Meine schönen Tiere!« Schrabb blickt die Reihe der Ältesten entlang. »Ich wollte wirklich nicht, dass so etwas passiert, das müsst ihr mir glauben.« Er kann die Tränen nicht länger verbergen und fängt ganz bitterlich an zu weinen. Der Vorsitzende blickt hinüber zu Schrabbs Mutter, die ganz ungeduldig auf ihrer Bank hin und her rutscht, und nickt ihr zu. Sogleich steht sie auf und eilt zu ihrem Sohn. Sie nimmt den weinenden Schrabb in den Arm und tröstet ihn. »Du musst nicht weinen«, sagt sie mitfühlend, »wir wissen doch alle, dass das nicht deine Absicht war.« Ihr Blick wandert durch den Saal und bleibt beim Ältestenrat hängen. »Werte Älteste«, fleht sie, »auch wenn er eine Strafe verdient hat, so bitte ich euch, seid nicht zu streng mit meinem kleinen Schrabb.« 18 Ein mitfühlendes Raunen geht durch den Raum, selbst in Dramols Gesicht ist nichts mehr von der ursprünglichen Verbitterung zu sehen. Während der Rat sich flüsternd berät, schaut Schrabb traurig zu seiner Mutter hoch. Er wischt sich mit dem Ärmel seines Umhangs die Tränen aus dem Gesicht und lächelt. Seine Mutter nickt und begibt sich dann zurück auf ihren Platz. Nachdem sich die Ältesten geeinigt haben, erhebt sich der Vorsitzende und richtet das Wort an Schrabb. »Angesichts des Schadens, den Bruder Dramol davongetragen hat, sowie des Umstands, dass ein Großteil der Dorfbewohner Stunden damit beschäftigt waren, die Hasen einzufangen, ist der Rat zu folgendem Urteil gekommen.« Sein Blick streift einmal durch den Raum und dann zurück zu Schrabb, der in Erwartung der Strafe sichtlich angespannt ist. »Du wirst den Schaden, der dem ehrenwerten Bruder Dramol entstanden ist, bei ihm abarbeiten. Des Weiteren hat der Rat beschlossen, dich von den Feierlichkeiten des anstehenden Rübenfestes auszuschließen.« Wieder geht ein Raunen durch den Saal. Eine Mischung aus Zustimmung und Mitgefühl dringt zu dem sichtlich erleichterten Schrabb, der mit gesenktem Kopf das Urteil aufnimmt. »Wir sind der Meinung«, führt der Vorsitzende seine Ausführungen fort, »dass diese Strafe ihre Wirkung nicht verfehlen wird und sich unser ungestümer Schrabb in Zukunft ein wenig besonnener in die Gemeinschaft des Dorfes einfügen wird.« 19 Mit einem Augenzwinkern setzt er sich. Nachdem jedem klar ist, dass mit diesen Worten die Anhörung ein Ende gefunden hat, leert sich der Saal. Schrabb umarmt seine Mutter, die sich, glücklich über das Ende der Anhörung, sogleich zu ihm begeben hat. »Tut mir Leid, ich wollte dir keinen Ärger machen«, flüstert er ihr leise ins Ohr. Lächelnd streicht sie ihm sanft über die Wange. »Ich weiß, ist schon gut.« Sie nimmt ihn bei der Hand und gemeinsam verlassen nun auch sie den Saal. Auf dem Weg treffen sie auf ihre Nachbarn, die dem kleinen Schrabb aufmunternd auf die Schulter klopfen und verständnisvoll der Mutter zunicken. »Gleich morgen früh«, sagt sie mit erhobenen Finger, »gehst du zu Bruder Dramol und wirst ihn fragen, wie du ihm helfen kannst.« »Ja Mutter«, murmelt Schrabb. »Heute Abend«, sagt sie etwas nachdenklich, »wenn dein Vater von der Jagt kommt, werde ich ihm berichten müssen, was der Rat beschlossen hat. Er wird sicherlich noch einige Dinge dazu zu sagen haben.« Schrabb blickt ängstlich zu ihr hoch. »Hab keine Angst«, beruhigt sie ihn, »allerdings kannst du auch nicht erwarten, dass er über dein Verhalten glücklich ist. Das verstehst du doch, oder?« Schrabb nickt. Sie erreichen ihre Hütte und gehen hinein. 20 Es ist Abend und der Vater ist von der Jagd nach Hause gekommen. Während die Mutter mit dem Zerlegen der Jagdbeute, einem fetten Hasen, beschäftigt ist, sitzen sich Vater und Sohn am Tisch gegenüber. »Deine Mutter hat mir berichtet, was der hohe Rat beschlossen hat«, sagt er mit ernster Miene. Er blickt auf Schrabb, der den Kopf demütig gen Tischplatte neigt. »Es liegt mir fern«, fährt er fort, »dich darüber hinaus zu bestrafen, allerdings möchten deine Mutter und ich nicht noch einmal so etwas erleben.« Schrabb blickt ein wenig erleichtert zu seinem Vater auf. »Ich verspreche«, murmelt er, »das wird niemals wieder vorkommen.« Der Vater blickt kurz zur Mutter hinüber. »Das möchten wir dir schon glauben«, entgegnet sein Vater, »aber damit es auch wirklich nicht wieder geschieht, verbieten wir dir, den Zauberer auf seiner Burg aufzusuchen.« Schrabb wendet sich entsetzt seiner Mutter zu und blickt sie mit trauriger Miene an. »Aber das könnt ihr doch nicht von mir verlangen«, sagt er verbittert, »er ist doch mein Freund.« Der Vater erhebt sich von seinem Hocker und blickt streng auf Schrabb herab. »Ich hoffe doch«, mahnt er, »du kannst dich noch an die Katastrophe im letzten Sommer erinnern, als dein Freund Xsantus aus dem Dorf verbannt wurde.« 21 Schrabb nickt ihm zu, natürlich kann er sich noch gut an die Geschehnisse in dieser Nacht erinnern. Die Nacht liegt über Groda, lediglich aus einem Fenster dringt noch ein Lichtschein. Es ist die Hütte des Zauberers, der wie immer bis spät in die Nacht an seinen Experimenten arbeitet. Xsantus steht vor einem Kessel, welcher mitten im Raum über einem Feuer hängt und wirft abwechselnd verschiedene Pulver und Kräuter in den Kessel. Dabei rührt er kräftig mit einem großem Holzlöffel im Kessel und springt aufgeregt zwischen Kessel und Stehpult, auf dem ein aufgeschlagenes Buch liegt, hin und her. Sein Kater Bo liegt derweil auf seinem Lieblingsplatz, dem Bücherregal, und beobachtet gelangweilt das Treiben in der Hütte. Eine Maus huscht durch den Raum, zielstrebig auf einen Krumen Brot zu, welcher unter dem Tisch auf dem Boden liegt. Natürlich entgeht Bo nicht, das dort sein Nachtmahl läuft und so springt er vom Regal herunter und jagt der Maus hinterher. Die, panisch vor Angst, rennt zu Xsantus und kriecht ihm unter den Umhang. Bo jagt hinterher und springt Xsantus an, der vor lauter Schreck eine Flasche Spinnenbeinessenz in den Kessel fallen lässt. »Bo«, ruft er, »du verrückter Kater, was hast du getan?« Erschrocken sieht er es im Kessel brodeln und plötzlich schlagen Flammen und Blitze bis an die Decke. Xsantus greift sich den Kater, einige Bücher und flüchtet zur Tür. 22 23 »Raus hier!« Hinter ihnen greifen die Flammen auf Tisch, Bett und Bücherregal über. Als Xsantus ins Freie gelangt und zurückblickt, sieht er mit Bestürzung, dass die Flammen aus dem Dach schlagen. Ab und an steigen Explosionen, gleich Feuerwerkskörpern, in den Nachthimmel empor. Aufgeschreckt strömen Dorfbewohner aus ihren Hütten und fangen sofort an, mit Eimern, Schüsseln und allem, was gerade zur Hand ist, aus dem Brunnen Wasser zu schöpfen und die Hütte zu löschen. Mit dem Kater auf dem Arm sieht Xsantus fassungslos zu, wie die Reste der Hütte in sich zusammenfallen. »Was habe ich da nur angerichtet?« »Mit der Verbannung des Zauberers aus unserem Dorf«, sagt sein Vater, »hatte der hohe Rat beabsichtigt, dass nie wieder so eine Katastrophe durch Zauber jeglicher Art passiert.« Schrabb steht mit gesenktem Kopf vor seinem Vater und nickt. »Aber...«, versucht Schrabb einzuwerfen, aber sogleich fällt ihn sein Vater ins Wort. »Nichts aber«, sagt er streng, »ich möchte keine Diskussion darüber führen. Du wirst nie wieder zu Xsantus gehen!« Bei den letzten Worten erhebt Vater den Zeigefinger um dem Verbot Nachdruck zu verleihen. 24 »Und nun leg dich hin und schlafe, es ist schon spät.« Traurig zieht sich Schrabb zu seinem Bett hinter dem Vorhang zurück, zieht sich die Kleider aus und legt sich hin. Sein Vater setzt sich derweil an die Feuerstelle zu seiner Mutter und während er ein paar Holzscheite in die Glut wirft, bespricht er mit ihr die Auswirkungen des Verbots. Schrabb liegt auf seinem Bett, ein paar Tränen kullern ihm von der Wange. Traurig blickt er zur Decke und denkt zurück an die Zeit bei Xsantus. Der Raum im Inneren der verfallenen Burg lässt vermuten, dass hier schon lange keine Feste mehr gefeiert wurden. Der Putz ist längst von der Wand gefallen und die meisten Fenster sind mit Brettern zugenagelt. Einzig der große Kamin, in dem ein Kessel über dem knisternden Feuer hängt, scheint noch zu funktionieren. Schrabb steht mit Xsantus vor einem Pult, auf dem ein großes Buch liegt. Schrabb hält einen Stein in der Hand und während er diesen mit ausgestrecktem Arm in die Luft hebt, spricht er einen Zauberspruch. »Hidaro Experioso Riundo!« Mit diesen Worten wirft er den Stein auf den Boden, doch nichts passiert. Xsantus lächelt ihn an und klopft ihm aufmunternd auf die Schulter. »Mein kleiner Freund«, sagt er, »so kann es nicht funktionieren. Schau mir zu und lerne.« 25 Xsantus nimmt einen Stein vom Boden, dort liegen ja genug herum, und hebt seinen Arm in die Luft. »Hidarius Experiosus Riundos!« Als der Stein auf den Boden auftrifft, gibt es eine kleine Explosion. Mit weit aufgerissenen Augen sieht Schrabb, dass sich der Stein in einen Apfel verwandelt hat. Xsantus hebt den Apfel auf und beißt genüsslich in ihn hinein. »Einfach lecker«, sagt er, »das solltest du dir nicht entgehen lassen.« Er lacht und fügt dann noch hinzu. »Na dann übe mal schön weiter, vielleicht möchte ich nachher ja noch einen Apfel essen.« Laut lachend verlässt er den Raum. Schrabb sammelt einen Stein nach dem anderen auf und übt fleißig den Zauberspruch. »Hidarius Experiosu Riundos!« Die Erinnerung an die Zeit bei Xsantus lässt ihn das Verbot seiner Eltern für einige Minuten vergessen, lächelnd liegt er auf seinem Bett. Doch die Gewissheit, seinen Freund nie wieder aufsuchen zu dürfen, macht in traurig und zornig zugleich. »Ich muss ihm wenigstens sagen, warum ich nicht mehr zu ihm kommen darf«, murmelt er, »gleich morgen Früh gehe ich zu ihm.« Mit diesem Vorsatz dreht er sich zur Seite, und angesichts der anstrengenden Ereignisse an diesem Tag fällt es ihm nicht schwer, einzuschlafen. Es ist ein herrlicher Morgen, die Sonne scheint und längst hat Schrabb die Ereignisse vom gestrigen Tage weit von sich weg geschoben. Er läuft aus 26 dem Haus, wirft noch hastig seinen Umhang über und dreht sich noch kurz zu seiner Mutter um, die mit fragendem Blick in der Tür steht. »Ich muss nur noch ein paar Sachen besorgen«, ruft er ihr zu, »dann gehe ich zu Dramol, versprochen.« Er läuft schnell weiter und hört noch die mahnenden Worte seiner Mutter. »Vergiss es bloß nicht und komme nicht wieder zu spät zum Essen!« Er schlängelt sich zwischen den Hütten hindurch und schlägt dann einen Haken in Richtung Wald. Zum Glück ist der Weg von ihrer Hütte nicht einsehbar, so dass er keine Angst haben muss, dass seine Mutter ihn sieht und ahnen könnte, was er vor hat. Er rennt schnell über die Holzbrücke und dann den Weg zum Wald entlang. Am Wald angekommen, schaut er etwas besorgt in das Dickicht der Bäume. »Ich hasse es, immer wieder durch den Wald gehen zu müssen«, murmelt er. Er sucht sich einen dicken Ast und macht sich auf den Weg. Drohend hebt er den Ast in die Höhe. »Wer es wagt mich anzugreifen«, ruft er in den Wald, »der bekommt es hiermit zu tun!« Um seine Angst zu überspielen, beginnt er lautstark zu pfeifen. Das hilft immer. Der Wald lichtet sich und die Ruine der Burg reckt sich vor ihm gen Himmel. Erleichtert wirft Schrabb den Ast beiseite und läuft mit einem Lächeln auf dem Gesicht den Weg zur Burg herauf. Am zerfallenen Burgtor wartet schon sein Freund Xsantus. 27 »Hallo mein Freund«, begrüßt ihn Xsantus, »ich habe schon gehört, dass du kommst. So falsch kann doch nur einer pfeifen.« Beide müssen lachen, auch wenn Schrabb heute so gar nicht zum Lachen zumute ist. Mit einer Umarmung begrüßt er Xsantus herzlich und drückt ihn dabei so sehr, dass der alte Zauberer ganz verlegen wird. »Xsantus«, sagt er glücklich, »du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich freue, dich zu sehen. Ich muss dir unbedingt erzählen, was gestern passiert ist.« Doch bevor er ihm von der Anhörung berichten kann, wird er jäh von Xsantus unterbrochen. »Später, später, mein kleiner Freund«, sagt er. »Ich war gerade auf dem Weg in den Wald. Ich brauche unbedingt einen Klobenpilz für meinen neuen Sud.« Xsantus legt seine großen Hände beruhigend auf Schrabbs Schultern und lacht. »Deine Nachrichten, ob gut oder schlecht, können ruhig noch ein paar Minuten warten«, sagt er. »Gehe in die Burg und warte dort auf mich.« Er greift sich seinen Stab, begibt sich mit schnellen Schritte in Richtung Wald und lässt den verdutzt dreinblickenden Schrabb einfach stehen. Der schaut ihm nach und als Xsantus zwischen den Bäumen verschwindet, geht er hinein in die Burg. Schrabb liebt es, in der verfallenen Burg herum zu toben. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Er streift durch die Räume und schaut sich neugierig um. Sobald etwas Interessantes 28 auszumachen ist, beginnt er sofort damit, es zu untersuchen. Dann kommt er in Xsantus Raum. Der Kamin brennt und es ist angenehm warm. Kater Bo liegt, wie immer, auf dem Kaminsims und schläft. Schrabb bemerkt sofort, dass Xsantus vergessen hat, das große Zauberbuch zurück in die Truhe zu legen. Mit großen Augen schleicht er um das Pult herum. »Er hat es streng verboten«, murmelt er. »Ich lege lieber ein paar Holzscheite nach, da wird Xsantus sich freuen.« Er geht zum Kamin hinüber, lässt das Buch aber nicht aus den Augen. »Was könnte passieren?«, grübelt er. »Eigentlich nichts.« Schrabb wirft einige Holzscheite ins Feuer und geht dann hinüber zum Pult. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt reckt er sich empor und schaut in das Buch. Während sein Blick zur Tür fällt, blättert er vorsichtig eine Seite um und verschränkt dann schnell wieder die Hände hinter dem Rücken. »Hmm..«, murmelt er, »den Zauberspruch kenne ich schon.« Wieder schaut er zur Tür und blättert weiter. Derweil streicht Xsantus um die Bäume herum und sucht den Waldboden ab. Ab und an greift er nach einem Pilz, beäugt ihn und steckt ihn mit einem Nicken in einen Stoffbeutel, der an einer langen Schnur über seiner Schulter hängt. 29 Plötzlich hält er inne, streicht sich über seinen langen Bart und schaut nachdenklich zurück in Richtung Burg. »Irgend etwas habe ich vergessen«, murmelt er. Kopfschüttelnd setzt er seine Suche fort, doch dann dreht er sich erschrocken um. »Das Buch!«, ruft er entsetzt aus. Er geht einen Schritt, dann hält er wieder inne. »Er wird doch nicht, oder?«, murmelt er. »Schrabb ist viel zu neugierig«, stellt er fest und macht sich panisch auf den Rückweg zur Burg. Schrabb hat sich eine Holzkiste ans Pult gestellt, um sich nicht so sehr strecken zu müssen, und blättert aufgeregt im Zauberbuch herum. Längst sind bei ihm alle Gedanken um das Verbot, im Zauberbuch zu lesen, verflogen. »Den kenne ich«, murmelt er, »den auch.« Er schlägt die nächste Seite auf und bekommt große Augen. »Was ist das?« Auf der Seite ist ein großer Drachen abgebildet. Daneben steht ein kurzer Zauberspruch. »Der ist schön kurz«, stellt er fest, »da kann sicher nicht viel passieren.« Mit dem Finger streicht er vorsichtig über die Zeilen und ließt die Worte. »Coliratus Eratiobus Orus Fareos Libus Xserus Rex!« Eine unsichtbare Kraft schleudert ihn, weg vom Pult auf den Boden. Alles um ihn herum fängt an zu zerfließen. 30 31 Schrabb liegt da, mit weit aufgerissenen Augen und hält schützend die Hände vors Gesicht. »Oh nein!«, ruft er, »was passiert mit mir?« Schrabb muss bestürzt zuschauen, wie er sich langsam auflöst und in einen Strudel, gleich dem Trichter eines Wirbelsturms, gezogen wird. »Neeiinn!« Xsantus, gerade den Wald verlassend, läuft den Weg zur Burg hoch und muss mit Entsetzen feststellen, dass etwas nicht stimmen kann. Über der Burg hängt eine schwarze Wolke, aus der ein Trichter bis in die Burg hinein reicht. Donner und Blitze schießen aus der Wolke. Er streckt seine Arme in den Himmel und sinkt auf die Knie. »Oh Schrabb! Was habe ich getan?« Es gibt eine Explosion und dann wird es dunkel.


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