Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Fantasy Bücher > Zenjanischer Lotus
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Zenjanischer Lotus, Raik Thorstad
Raik Thorstad

Zenjanischer Lotus



Bewertung:
(213)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
2098
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Incubus Verlag Shop, Amazon, gaybooks.de und bestellbar in allen Buchhandlunge
Drucken Empfehlen


Die weiße Stadt


 


Die Fassaden der Häuser waren glatt genug, um das Licht des Witwenmonds zu spiegeln. Weiß wie Neuschnee, kühl wie Quellwasser. Selbst zur spätesten Nachtstunde wirkten die Straßen von Telchis hell und einladend, obwohl nur in wenigen Fenstern Kerzenschein flackerte.


Sothorn wusste, dass die am Weststrom gelegene Stadt nicht weniger Elend und Schatten barg als andere Orte Sundas, aber sie schien ihm freundlich mit ihren schlanken Häuschen, die sich zu runden Grasdächern verdichteten.


Seit Stunden kauerte er unter dem Beiboot der Henkersbraut, das sie unterhalb des Ladehafens ans Ufer gezogen und umgeworfen hatten. Der felsige Untergrund bohrte sich durch seine Kleidung. Wenn der Fluss höhere Wellen warf, schwappten sie gegen seine Füße und durchtränkten das Leder der Stiefel. Seine Zehen waren mittlerweile klamm und kribbelten.


Angestrengt legte Sothorn die Stirn in Falten. Das Licht der bunten Lampions verfälschte die Bewegungen, die um das gut besuchte Hurenhaus herum stattfanden. Zurückhaltung war dem Volk von Telchis ebenso fremd wie den Reisenden, die hier einkehrten. Der nahe Ganija-Tempel mochte dafür verantwortlich sein, dass die Dirnen sich auf offener Straße den Freiern zeigten und mit weit aufgeschnürten Miedern um die Gunst ihrer Kunden buhlten.


Sothorn gab sich Mühe, die einladend offen stehende Tür des Bordells nicht aus den Augen zu verlieren. Doch allzu oft glitt sein Blick zu einer vollbusigen Schönheit glitt, die mit überschlagenen Beinen auf einer niedrigen Mauerkrone saß und einem Kapitän schöne Augen machte. Wenn sie lachte und sich nach hinten lehnte, drohte nicht nur ihre Brust aus dem Mieder zu rutschen, sondern es zeigten sich auch hohe Stiefelchen, die sich an ihre Waden schmiegten wie eine zweite Haut.


Mit ihrem runden Gesicht und der unbändigen Lockenpracht erinnerte sie Sothorn auf schmerzliche Weise an Danai.


„Reizt sie dich?“ Geryims Frage strich zusammen mit dessen Atem über Sothorns linke Gesichtshälfte. „Wenn ja, halte ich dich nicht zurück. Ich glaube nicht, dass uns unsere Beute heute noch ins Netz geht.“


Sie erwarteten den ansässigen Steinmetz, der dafür berühmt war, die Augen seiner Statuen mit Rubinen auszuschmücken. Solange er sich im Hurenhaus vergnügte, war seine Werkstatt leichte Beute und sollte ihr letzter Raubzug in Telchis sein. Auf der Henkersbraut lagerten bereits der Inhalt einer wohl gefüllten Schmuckschatulle und etliche Ballen feinsten Stoffes, den sie in der vorigen Nacht aus einem Lagerhaus geraubt hatten.


Im Schutz des Beibootes wandte Sothorn den Kopf und sah Geryim von der Seite an. Er wusste nicht, wie er dessen Angebot zu deuten hatte. Im Gesicht des Wargssolja war nichts zu lesen – oder es war zu dunkel, um die feinen Nuancen seines Mienenspiels zu erkennen.


Ein Teil von Sothorn wollte grantig zu seinem Gürtel greifen, in den von innen einige Silbermünzen eingenäht waren. Es geschähe Geryim recht, wenn er sich mit einer Dirne vergnügte. Während der bisherigen Reise hatte Geryim Sothorn seine Nähe strikt verweigert. Dabei waren sie fast zwei Wochen auf See gewesen, bevor sie in den Weststrom einfuhren und auf Telchis Kurs nahmen.


Die Nächte, in denen sie sich die Zeit mit schweißtreibenden Gelüsten vertreiben wollten, waren langweilig und einsam gewesen. Und damit war Sothorns zu neuem Leben erwachter Körper gar nicht einverstanden.


Mit verkniffenen Lippen beobachtete er die Hure, die auf grausam-sehnsüchtige Weise Danais Ebenbild war. Ihre Kurven waren beeindruckend und ihr hübscher Mund versprach lächelnd vielerlei Freuden. Allerdings sie konnte ihn ebenso wenig verlocken wie Ranaia, Aily oder Kara.


Geryims Anwesenheit hingegen warf Funken auf Sothorns Unterarme wie ein Wetzstein, der über die Klinge eines Schwertes fuhr.


Verfluchter Bastard. Erst schürte er seine Lust, indem er ihm die Verlockungen des geteilten Lagers versprach, und dann ließ er ihn schmoren. Dabei hatte Sothorn Körpernähe bitter nötig. Seit Enes hatte er sich nur selbst zur Verfügung gestanden, und das reichte ihm nicht mehr.


„Sie interessiert mich nicht. Sie erinnert mich nur an jemanden von früher“, erwiderte Sothorn die an ihn gerichtete Frage mit deutlicher Verspätung. Bissig fügte er hinzu: „Aber falls sie einen Bruder hat, würde ich ihn nicht abweisen.“


Geryim antwortete nicht, nickte lediglich zum Zeichen, dass er ihn gehört hatte.


Sothorn musste sich Mühe geben, nicht frustriert zu schnauben. Er hasste es, wenn der Wargssolja sich nicht provozieren ließ. Dabei liebte er es, mit Geryim zu streiten. Wenn zwischen ihnen spielerisch die Fetzen flogen, spürte er sein Inneres vibrieren und fühlte sich frei von seinen Fesseln; alten wie neuen.


Wann seine tiefe Abscheu gegen den anderen Assassinen sich gewandelt hatte, konnte Sothorn nicht benennen. Doch es war geschehen.


Aus anfänglichem Widerwillen und Wut war mit der Zeit Akzeptanz und Interesse bis hin zu einem Zustand körperliche Anziehung geworden. Mittlerweile schätzte er Geryim aufrichtig, auch wenn er ihn nicht verstand und sich nicht der Illusion hingab, dass er dessen launisches Wesen je erfassen würde.


Das war auch nicht nötig, um dankbar zu sein, dass er ihn vor dem Mordhandwerk bewahrt hatte. Und um ihn zu begehren, natürlich.


Die Hand, die sich in Sothorns Rücken schob, riss ihn aus seinen Gedanken. Sie bahnte sich kitzelnd ihren Weg über seine Wirbelsäule nach unten. Griff sacht zu und kniff ihn schließlich so heftig ins Gesäß, dass er auffuhr und mit dem Kopf gegen die Ruderbank des Bootes knallte.


Unterdrückt lachend versuchte Geryim von Sothorn abzurücken, bevor dieser ihm den Ellenbogen in die Seite rammen konnte. Es gelang ihm nicht.


Bevor sie sich versahen, drohten sie sich unter dem Boot zu prügeln. Sie kamen sich nah, als Sothorn sich gegen Geryims Seite warf, ihn halten wollte und feststellen musste, dass er schlüpfrig wie eine Forelle war. Ein Zopf peitschte ihm durchs Gesicht und traf ihn im Auge. Solcherlei Kleinigkeiten scherten ihn nicht, nur das Tränen des Auges konnte er nicht verhindern.


Seine verschwommene Sicht war der Grund, warum Geryim den leutselig pfeifenden Steinmetz zuerst bemerkte. Der bärige Mann schien geboren, um Hammer und Meißel zu schwingen. Unter seinem mit waldgrünen Fransen abgesetzten Hemd spannten sich die Muskeln eines Handwerkers.


Kein Gegner, der einem gut ausgebildeten Meuchelmörder gefährlich werden konnte. Dennoch hatte keiner von ihnen das Bedürfnis, im Zweikampf eine der Pranken des Steinmetzes in Bauch oder Gesicht zu bekommen.


Die spielerische Leichtigkeit, die prädestiniert schien, sich in einem Gewitter der sinnlichen Art zu entladen, wurde binnen eines Atemzugs zu Konzentration. Kaum, dass der Steinmetz im Hurenhaus verschwunden war – bereits das erste gurrende Mädchen im Arm -, schlängelten sich die Gefährten unter dem Boot hervor.


Geryim unterdrückte einen Fluch, als er sich das Knie an einem spitzen Felsvorsprung aufriss. Seiner Beweglichkeit tat der kurze Zusammenstoß keinen Abbruch.


Sothorn nutzte den Schatten eines nahen Gestells für Trockenfisch, um seine steifen Beine zu lockern. Zeitgleich huschte sein Blick über die Dächer der nahen Häuser auf der Suche nach Syv. Er sah ihn nicht, ging jedoch davon aus, dass Geryim wusste, wo sich sein treuer Freund befand.


Wortlos machten sie sich auf den Weg. Sie nutzten die runden Bäuche im Hafen liegender Schiffe, um sich in ihrem Schutz vorwärts zu bewegen. Niemand sollte sie bemerken; nicht einmal ein betrunkener Seemann, dessen größtes Bemühen es war, über die Planke auf sein Schiff zu torkeln.


Sothorns Stolz mochte sich nach einem katzenhaften Kampf, nach einer Vorstellung seiner Fähigkeiten sehnen, doch sie durften keine Legende schüren. Schade.


Er ging voran, und Geryim folgte ihm klaglos. Schon in der ersten Nacht, in der sie gemeinsam in ein Herrenhaus einbrachen, hatte sich gezeigt, dass es besser war, wenn Sothorn voranging. Er war leichtfüßiger und schneller, hatte das bessere Auge für Engpässe und das Spiel mit dem Dämmerlicht.


Geryim hielt ihm den Rücken frei und konzentrierte sich auf Syvs Sinne, der von oben das Heim des Steinmetzes bewachte.


Sie erreichten die in einem Seitenarm des Handwerkerviertels liegende Werkstatt ohne Zwischenfälle.


Eine gute Meile vom Fluss entfernt, schätzte Sothorn die Entfernung, die sie zurückgelegt hatten.


Die Nachtruhe lag als schützender Mantel über den Häusern, an deren Frontseiten fein gearbeitete Holzschilder von der Zunft ihrer Besitzer berichteten. Das Emblem des Steinmetzes schnarrte fast unhörbar im Wind über ihren Köpfen, als sie sich Rücken an Rücken in die Ausbuchtung der Tür drückten.


Geryims Blick war in Richtung Straße gerichtet, während Sothorn sich daran machte, das schlichte Schloss zu knacken. Ruhig führten seine Finger den Dietrich, bis er klickend einhakte.


Das war zu leicht, befand er, als die Zapfen im Inneren nachgaben und die Tür sich widerstandslos nach innen schieben ließ.


In Sothorns Nacken kitzelte die Aufregung. Ein Lächeln, dessen er sich nicht bewusst war, gab seinen Zügen etwas Verschmitztes, als er sorgfältig nach Fallen suchte. Dicht über der unteren Angel ertastete er die Umrisse einer in den Stein gemeißelten Dämonenfratze.


Beeindruckt murmelte er: „Schau an.“


„Was ist?“, zischte Geryim zurück und drängte sich zu fest gegen Sothorns Rücken, sodass der um ein Haar vornüber gefallen wäre.


„Pass doch auf, du Maultier. Hier ist ein szeneda versteckt.“


Geryim ignorierte die Beleidigung: „Verdammt!


„Bleib ruhig. Ich weiß, wie man ihn überlistet.“


Es war lange her, dass Sothorn mit einer der magischen Schutzvorrichtungen konfrontiert worden war. Ein szeneda – ein Geistbewahrer, wenn man die Sprache ihrer Schöpfer grob übersetzen wollte – war friedlich, solange sein Herr in der Nähe war. Doch wehe, wenn sich ein Unbefugter in dessen Abwesenheit Zutritt zu dessen Besitztümern verschaffte. Dann kreischte der seelenlose szeneda schrill, sodass Nachbarn und Stadtwachen zusammenliefen.


Sothorn wusste, was er zu tun hatte. Blind tastete er nach Geryims Hand und zog sie zu sich, kümmerte sich nicht um das überraschte Zischen, als er seinen Dolch in einen der Finger senkte. Das Blut sammelte er auf seinem eigenen Daumen, bevor er auch diesem einen Schnitt versetzte.


Hastig schmierte er ihr vermischtes Blut über das Antlitz des in Stein geschlagenen Dämons und grinste zufrieden, als er es aufschimmern sah.


Der Weg war frei. Der szeneda erkannte sie als etwas Vertrautes an.


Lautlos schlüpfte Sothorn ins Innere des Hauses. Geryim folgte ihm und schloss behutsam die Tür hinten ihnen. Kaum, dass das Schloss eingerastet war, atmete er aus und fragte: „Von dem Trick habe ich noch nie gehört.“


„Ich habe es durch einen Zufall herausgefunden“, gab Sothorn freimütig zu. „Ich bin vor langer Zeit auf eine dieses hinterhältigen Fratzen gestoßen, als ich stark blutete. Und siehe da, sie blieb still.“


„Verstehe“, nickte Geryim und sah sich prüfend um.


Sie befanden sich in einem Raum, der hoch genug war, um einen Riesen zu beherbergen. Eine halb fertiggestellte Statue erhob sich in der Mitte; einen Marmorarm majestätisch erhoben. Der Duft von trockenem Grasgeflecht legte sich als schwacher Hustenreiz auf ihre Lungen.


„Ich sehe mich hinten um“, flüsterte der Wargssolja und deutete auf eine Tür, die in den Wohnbereich führte.


Es war unnötig, leise zu sprechen, denn sie wussten, dass der Steinmetz allein lebte. Aber es schien der Situation angemessen, sich ruhig zu verhalten.


Sothorn nickte seine Zustimmung und strebte seinerseits auf den Tresen zu, an dem der Handwerker tagsüber mit seinen Kunden sprach und Aufträge entgegen nahm. Nach kurzem Suchen entdeckte er auf Bodenhöhe eine Klappe im Holz. Sie öffnete sich mit einem Knarren, das in der hohen Halle übermäßig laut klang.


Sothorn feixte, als seine Fingerspitzen Stofferhebungen ertasteten. Schutzlos und somit sein.


Eilig zerrte er die Geldbeutel hervor und verstaute sie an der Innenseite seines Wamses. Dem Gewicht nach zu schließen, hatte sich ihr Raubzug bereits gelohnt. Jeder der drei Beutel mochte genug Silber enthalten, um einem seiner Brüder eine Einheit Lotus zu sichern. Oder um eine vierköpfige Bauernfamilie, deren Ernte verdorben war, satt über den Winter zu bringen.


Von Geryim war nichts zu hören, als Sothorn sich aufrichtete und sich fragte, wo er anstelle des Steinmetzes die Rubine für die Statuen verstecken würde. Würde er sie mit einem szeneda an der Tür überhaupt verstecken?


Er strebte der Werkbank zu und tastete nach den geschliffenen Konturen eines Edelsteins, als ihn Geräusch aufhorchen ließ. Jemand schritt mit genagelten Sohlen draußen durch die Gasse.


Sothorn hielt in seinen Bemühungen inne. Er wollte verhindern, dass der Passant durch das Fenster seine Bewegungen bemerkte und misstrauisch wurde. Vor dem Steinmetz fühlt er sich sicher. Bis er den trunkenen Bariton des Handwerkers sich dem Haus nähern hörte, gefolgt vom klaren Lachen einer Frau.


Verflucht. Wo steckte Syv? War ihm eine dicke Ratte über den Weg gelaufen, der er nicht widerstehen konnte?


Sothorns Blut begann vor Aufregung zu kochen, bis er sich fiebrig fühlte. Der Weg durch die Haustür war ihnen versperrt. Das Haus hatte zu seinem Leidwesen nur einen Zugang.


Fenster. Hinten.


Sothorn nahm die Beine in die Hand und floh in den Wohnbereich. Drei Türen. Eine stand offen. Schlafzimmer. Nicht gut.


Geryim, der damit beschäftigt war, eine Kleidertruhe zu durchwühlen, blickte überrascht auf. Also hatte sein Blauschwanzadler ihn nicht gewarnt. Warum? Später.


Es brauchte keine Worte, um Geryim deutlich zu machen, dass sie in Schwierigkeiten steckten.


„Er kommt zurück“, zischte Sothorn dennoch nervöser als er sich eingestehen wollte. Stand ihnen ein Kampf bevor? Der Kampf, nach dem er sich vorhin heimlich gesehnt hatte und den er nun um jeden Preis vermeiden wollte? Ungesehen, ungehört. Soviel dazu.


Ungehalten knirschte Geryim mit den Zähnen, sah sich um und schlug verärgert mit der flachen Hand auf die Truhe, als sein Blick auf das Fenster fiel. Es war vergittert. Keine Chance, es lautlos aus der Fassung zu lösen und zu fliehen.


„Wir müssen in einen anderen Raum“, knurrte er im selben Moment, in dem sie die Haustür gehen hörten; gefolgt vom charmanten Gekicher der Frau.


Nie hatte der Steinmetz in den Tagen, in denen sie ihn beobachtet hatten, eine Dirne mit nach Hause genommen. Warum gerade heute?


Als die gurrenden Stimmen sich näherten, blieben den Einbrechern nur zwei Möglichkeiten: das Bett oder der Spalt hinter der Tür. Einvernehmlich wählten sie die Tür.


Unter einem Bett zu liegen, das von den Bemühungen eines Pärchens nach unten gedrückt wurde, war zu gefährlich. Und wenig erbaulich noch dazu.


Schulter an Schulter quetschten sie sich in den Hohlraum hinter der Tür. Sothorn betete, dass sie das Türblatt nichts ins Gesicht bekommen würden. Er hörte Geryim flach atmen und fragte sich, ob er wohl den Bauch einzog. Nicht, dass es nötig gewesen wäre.


Die Aufregung schärfte Sothorns Sinne. Er hörte das Klappern der Stiefel des Steinmetzes, dazu sein Schnaufen. Ein Schleifen, das von den leichten Sandalen der Hure stammen musste. Ihr Raunen. Roch die blumigen Öle, mit denen sie ihren Körper geschmückt hatte. Dazu mischten sich Geryims Essenz und der Geruch von Holz, das feucht geworden war. Teer vom Hafen. Ein sehr dezenter Fischgeruch.


Sothorn konnte die Neuankömmlinge nicht sehen, aber er hörte sie.


Das Bett knarrte, der Steinmetz hustete. Die Hure raunte verführerisch: „Ich mag Männer wie dich. So stark. Komm her zu mir.“


Sothorn verdrehte die Augen und glaubte Geryim leise aufstöhnen zu hören. Sicherheitshalber tastete er nach ihm und legte warnend die Hand auf dessen Unterarm. Auch er hatte keinerlei Bedürfnis, Ohrenzeuge des Liebesdienstes zu werden. Trotzdem mussten sie es über sich ergehen lassen. Es sei denn, sie wollten auf sich aufmerksam machen.


Vielleicht hatten sie eine Chance, aus dem Raum zu schleichen, wenn ...


„Gleich, Täubchen. Ich will nur ... Wo ist denn nur wieder der Zunder?“


… sich der Steinmetz nicht genügend Zeit ließ, um Licht zu machen.


Doch das Glück narrte sie ein weiteres Mal. Das Flackern einer Kerze warf tanzende Figuren auf Wände und Möbel.


Sie hätten sich Tücher vor das Gesicht binden sollen. Ein grober Fehler, wie Sothorn bewusst wurde. Das hatte man davon, wenn man plötzlich angehalten war, jeden Kontakt mit den Opfern zu vermeiden. Tote hielten meistens den Mund. Bestohlene nicht.


„Oh, lass mich doch mal schauen, was du da für mich hast. Darf ich damit spielen?“


Gequält presste Sothorn die Lippen aufeinander. Er kannte sich mit dem lustvollen Gewerbe nicht aus, aber er war sich recht sicher, dass die Dirne gnadenlos übertrieb. Das Schmatzen zu nasser Küsse drang an sein Ohr.


„So stattlich gewachsen. Da wird mir ja ganz schwindelig. Du wirst vorsichtig sein, nicht wahr? Nicht, dass du mich zerreißt.“


An seiner Seite gab Geryim einen Laut von sich, der an ein ertrinkendes Katzenkind erinnerte. Sothorns Mundwinkel zuckten. Gab es Männer, die es mochten, wenn man ihnen vorspielte, dass ihre Ausstattung beängstigend groß war?


Sothorn konnte sich nicht helfen. Zumal er vor seinem inneren Auge eine halb schlaffe, weißliche Männlichkeit sah, die nicht größer als sein Daumen war.


„Mein wilder Stier, nimm mich und ...“


Geryims Schnauben war unterdrückt – und doch zu laut. Eine Schrecksekunde verging, bis Bewegung auf dem Bett entstand und der Steinmetz brüllte: „Da soll mich doch ... Wer ist da?“


Sie stießen die Tür auf, drückten sich daran vorbei und flohen. Erneut brauchte es keine Absprache zwischen ihnen – es gab eh nur einen Weg.


Die Tatsache, dass die Hosen des Steinmetzes in eindeutiger Absicht um seine Knöchel lagen, verschafften ihnen etwas Zeit. Doch für einen so großen, gewichtigen Mann war er erstaunlich schnell.


Sobald sie das Haus verlassen hatten, begann sie zu rennen. Seite an Seite liefen sie den Weg entlang, den sie gekommen waren. Sothorns Körper, unerwartet aus der Ruhe gerissen, protestierte schon bald mit Seitenstechen, das sich über seine Brust zog und seine Atmung lähmen wollte. Auch Geryim keuchte, ließ es sich jedoch nicht nehmen, von Zeit zu Zeit derb zu fluchen.


Ihre Flucht – oder viel mehr das Gebrüll des Steinmetzes – rief die Stadtwache auf den Plan. Nicht lange, dann schrie jemand hinter ihnen her: „Halt! Im Namen des Magnaten. Stehen bleiben!“


Sothorn schnaubte kurzatmig. Man musste schon sehr dumm sein, um zu erwarten, dass sie diesem zahnlosen Gebell Folge leisteten. Das Gewicht der Geldbeutel drückte auf seine Brust. Bei jeder Bewegung hüpften sie klirrend auf und ab.


Als das Trommeln von Hufen links von ihnen erklang, wagte Sothorn einen Blick über die Schulter. Zwei Reiter hielten auf sie zu. Sie trugen Fackeln in den Händen, trieben ihre Pferde harsch an, die Schwierigkeiten hatten, auf dem Kopfsteinpflaster nicht ins Straucheln zu geraten. Auf dem freien Feld hätten sie sie längst eingeholt.


Nicht mehr weit bis zum Hafen.


Ein Raubvogel schrie über ihnen.


Plötzlich packte Geryim Sothorn am Arm und zerrte ihn in eine Seitengasse. Sothorn wollte protestieren, brachte allerdings nicht genug Luft zusammen. Geryim schlug Haken um zwei oder drei Häuserecken, riss ihn mit sich. Ob er einen Plan verfolgte, wusste Sothorn nicht. Aber da er sich nicht von ihm trennen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich Geryims Führung anzuvertrauen.


Die Gegend wurde elender. Mehr als einmal liefen sie in Gruppen Betrunkener hinein, die sich lallend und singend ihren Weg in den Stadtkern von Telchis bahnten. Jedes Hindernis, das sich zwischen sie und ihre Verfolger schob, war ihnen recht. Sie konnten die Wache hinter sich hören, sahen von Zeit zu Zeit das Licht der Fackeln über die Fassade eines Hauses huschen.


Wo waren sie? Sothorn wusste es nicht, aber er konnte den nahen Fluss riechen. Und dann spürte er ihn, als Geryim ihn ohne viel Federlesen ins Wasser stieß.


Der Schock trieb Sothorn die Luft aus den Lungen. Der Weststrom wurde von den Bächen des nahen Gebirges gespeist, war eiskalt und zerrte an seiner Kleidung. Sein Kopf geriet unter Wasser.


Kurzzeitig wusste er nicht, wo unten und oben war. Er tauchte durch die Dunkelheit, ging davon aus, dass dort, wo er nicht hingezogen wurde, die Wasseroberfläche sein musste.


Gierig nach Luft schnappend tauchte er auf, schüttelte sich und fragte sich, wann ihm zuletzt so kalt gewesen war.


Gequält hustete Sothorn. Strampelte, bevor seine Gliedmaßen sich daran erinnerten, wie man schwamm.


„Komm!“, schrie Geryim ihm zu, der ein gutes Stück von ihm entfernt wie ein Seehund aus dem Wasser schoss und in Richtung einiger dicht am Ufer stehenden Häuser deutete.


Die Strömung half Sothorn. Sie erfasste ihn, trieb ihn flussabwärts, aber konnte nicht verhindern, dass er etliche Male untertauchte, bevor er den Schutz der Häuser erreicht hatte.


Geryim, der sich an einem Mauervorsprung festklammerte, um nicht abgetrieben zu werden, streckte die freie Hand nach ihm aus.


„Kettenrüstungen. Die Wache trägt Kettenrüstungen“, hustete er und spuckte die mit Sand versetzte Brühe des Weststroms aus. „Sollen sie doch versuchen, uns ins Wasser zu folgen. Mal sehen, wie sie sich anstellen, wenn sie sich nicht mehr auf ihre Gäule verlassen können.“


Eine alberne Eingebung ließ Sothorn antworten: „Wer weiß? Vielleicht handelt es sich um Seepferdchen?“


Er hangelte sich an Geryim entlang, bis er seinerseits ein Stück Mauer zu fassen bekam. Seine Zähne klapperten. Trotzdem musste er lachen, als er einen Blick auf das überraschte Gesicht des Wargssolja erhaschte.


So eigenartig es sein mochte, Sothorn fühlte sich lebendig, während er seine Füße gegeneinander rieb, um die Stiefel loszuwerden. Seine Finger waren fast zu klamm, um sein Gewicht zu halten. Sie waren beide nass bis auf die Haut, wurden verfolgt und hatten mehr Aufruhr verursacht, als sie wollten. Aber er lachte. Geryim ging es nach einer Weile nicht anders.


Unterdrückt kichernd drückten sie sich gegen die Wand, um dem gierigen Griff des Flusses zu entkommen.


In einiger Entfernung konnten sie hören, dass nach ihnen gesucht wurde, aber sie waren unerreichbar. Es sei denn, jemand setzte über den Fluss und nahm sie von der anderen Seite des Ufers aus mit dem Langbogen unter Beschuss. Das setzte jedoch voraus, dass man sie im Dunklen sah, und daran war kaum zu denken.


Bis zum Kinn schlang der Weststrom seine eisige Hand um sie, ihre Köpfe waren in den Wellenbewegungen des Flusses verborgen.


Ein irritiert klingender Laut ließ Sothorn aufblicken. Syv kauerte über ihnen auf dem Vorsprung. Sein Kopf drehte sich in rascher Folge von links nach rechts, als sei er nicht sicher, ob er seinen Augen trauen konnte. Unsicher beobachtete er seinen im Wasser treibenden Herrn.


„Wo war er?“, schnatterte Sothorn, dem einfiel, dass der Adler sie nicht gewarnt hatte.


„Mein Fehler. Ich habe ihn zur Henkersbraut zurückgeschickt.“


Sothorn zog die Augenbrauen hoch: „Warum?“


„Weil ich nicht damit gerechnet habe, dass der Alte zurückkommt“, gab Geryim knurrend zu. „Und Syv brauchte Ruhe.“


„Du hast uns fast an den Galgen gebracht, weil dein Hühnchen ein Nickerchen halten sollte?“, gab Sothorn halb belustigt, halb konsterniert zurück. Manchmal ging Geryims Liebe zu seinem Adler eine Spur zu weit, wenn man ihn fragte.


„Du bist dafür kopflos zu mir ins Schlafzimmer gerannt, statt mich nach draußen zu rufen. In der Werkstatt hätten wir uns verstecken können, bis sie im Bett sind. Das war auch nicht viel klüger.“


„He, ich konnte nicht wissen, dass das Fenster vergittert ist.“


„Wozu haben wir denn tagelang alles ausgespäht? Ach, egal. Später. Wir können uns später damit auseinandersetzen. Wenn wir trocken sind.“


Widerwillig stimmte Sothorn zu. Es war zu kalt für Diskussionen, was sie beim nächsten Mal besser machen mussten.


Wieder kam ihm in den Sinn, dass ein brillanter Meuchelmörder nicht zwingend ein guter Dieb war.


Die Kälte kroch durch seine Beine und in seinen Rücken, während er sich fragte, wie lange sie ausharren mussten, bevor sie sich gefahrlos in Richtung Hafen treiben lassen konnten.


„Mist, was machen wir mit dem Beiboot?“, schlotterte Sothorn, als ihm einfiel, dass sie kaum unauffällig an Land gehen konnten, um es zu holen.


Geryims Stimme war nicht weniger vom Einfluss der Kälte betroffen, als er erwiderte: „Dalassen und irgendwo ein neues klauen. Wenn sie nicht ganz dumm sind, überwachen sie das Hafenbecken. Bei Gor, ist das kalt!“


„Ja. Allerdings.“


Ich habe uns nicht ins Wasser gestoßen, fügte Sothorn stumm hinzu. Nicht, dass er Sorge hatte, krank zu werden. Aber Frostbeulen konnten ihm durchaus etwas anhaben.


Es war Geryim, der sich zuerst an Sothorn drückte und nach seiner Wärme suchte. Er legte ihm den Arm um die Seite und zerrte an ihm, bis sie Bauch an Bauch im Wasser hingen. Das war besser, aber nicht gut genug.


„Wenn wir wieder auf dem Schiff und unterwegs zur Küste sind, verkrieche ich mich unter einem Berg aus Decken und komme für drei Tage nicht daraus hervor“, murmelte Geryim träge. „Und wir machen Wein heiß. Ich sterbe, wenn ich nichts Warmes in den Bauch bekomme. Und der ganze Aufwand für nichts.“


„Zumindest nur für ein bisschen Silber“, nickte Sothorn.


Er wollte den Kopf an Geryims Schultern lehnen. Nur für einen Moment. Er mochte es, ihm nah zu sein. Aber er verbot sich eine weitere Annäherung. Es wäre nicht weise, Geryim sein Körpergewicht aufzubürden.


„Besser als nichts“, zitterte der Wargssolja.


Seine Hand fasste fester zu, rieb über Sothorns Becken. Sein aus dem Wasser ragender Arm bebte unter der Anstrengung, sich festzuhalten. Nicht mehr lange, dann mussten sie die Hand wechseln oder loslassen. „Du bist übrigens eingeladen, dich mir anzuschließen.“


„In Sachen Wein oder unter deine Decken zu kommen?“


Sothorn ärgerte sich über die offenkundige Begierde in seiner Stimme. Sie schien ihm unangebracht. Ihre Lage lud nicht dazu ein, an körperliche Vergnügungen zu denken.


Geryim schmunzelte bibbernd: „Beides. Ich würde mir heute Nacht auch einen tashanso ins Bett holen, wenn er mich nur wärmt. Oder Szaprey.“


Sothorn konnte sich nicht helfen, aber nach aufrichtigem Interesse an seiner Person klangen Geryims Worte nicht. Er war nicht darauf angewiesen, aber es gab ihm einen unsinnigen Stich.


Ihm ging es nicht anders als seinem Gefährten. Er fror jämmerlich, und der Gedanke, sich in naher Zukunft frei von klebriger Kleidung aneinanderdrängen zu können, flößte ihm Kraft und Zuversicht ein.


„Kann es kaum erwarten“, grinste Sothorn und meinte es ehrlich. Dass es ihn in der Magengegend zwickte, schob er auf ihre Situation.


„Ich auch nicht“, entgegnete Geryim und küsste ihn flüchtig mit viel zu kalten Lippen.


Sothorn kam der Gedanke, dass der Wargssolja im Gegensatz zu ihm nicht mit einem Körper gesegnet war, der sich gegen jedwede Erkrankung zur Wehr setzen konnte. Es machte ihn unruhig, besorgt.


Lange gelang es ihnen nicht auszuharren. Bevor ihre Kräfte sie verließen, lösten sie sich von der Mauer. Sie mussten darum kämpfen, sich in der Strömung nicht zu verlieren. Syv kreiste über ihnen und kündigte sie der Bruderschaft an.


Mittlerweile waren ihre Arme und Beine steif vor Kälte und verweigerten ihnen den Dienst. An der Wasseroberfläche zu bleiben, war ein Kampf. Wieder galt es schlammige Brühe aus Mund und Nase zu husten, während sie dem Hafen entgegen trieben und von den Stromschnellen geschüttelt wurden.


Am Ende wurden sie fast an der wartenden Henkersbraut vorbeigetragen. Im letzten Augenblick erfasste Sothorn die Ankerkette, hielt sich daran fest und bot Geryim die Hand, um ihn abzufangen. Das Gewicht des treibenden Wargssolja kugelte ihm beinahe die Schulter aus.


Auf das Schiff gelangten sie dank ihrer Kameraden, die sie mit Hilfe von Strickleitern und Seilen über die Bordwand wuchteten.


Sothorn zitterte so sehr, dass die herzliche Begrüßung fast an ihm vorbeiging. Man umarmte sie und klopfte ihnen auf den Rücken. Ihr Unglück wurde freundlich belacht, während sie Segel setzten und Telchis hinter sich ließen.


Sothorn floh unter Deck. Angekommen in seiner Kajüte riss er sich die Kleidung vom Leib und warf sie weit von sich. Er raffte die Decke seiner Bettstatt um sich herum, fror erbärmlich.


Liliane ließ ihm warmen Kräutersud bringen, mit dem er seine Hände und Füße einrieb. Mit einem Krug heißem Wein in der Hand kroch er in die enge Koje und versuchte, sich aufwärmen.


Er war dankbar, als Geryim endlich anklopfte. Schweigend trat der Wargssolja in die enge Kajüte, zog sich aus und glitt zu Sothorn unter die Decke. Ihre Gliedmaßen wanden sich umeinander, verknoteten sich, suchten so viel Haut wie möglich.


Sothorn atmete erleichtert aus.


Für den Anfang reichte es ihnen, sich zitternd aneinander zu reiben, zusammen die Anspannung abzustreifen und sich zu küssen. Es war sanfte Küsse, erst kalt, später heiß und säuerlich vom Wein.


Im gleichen Maße, wie die Wärme in ihre Körper zurückkehrte, gewann ihre Leidenschaft an Tiefe. Sothorn genoss Geryims ruppige Berührungen, ging selbst nicht zärtlicher vor. Sie bissen sich in Hals und Brust, verschränkten ihre Hände, als sie ineinander verkeilt auf der Seite lagen und sich miteinander bewegten.


Dieses Mal gab es keine Auseinandersetzung über die Frage, wer in wen eindringen durfte. Sothorn verlor sich in dem Gefühl des fremden Körpers in seinem eigenen. Geryims Hände, die die Wärme in seinen Körper rieben, schienen tiefer in Sothorn hineinzugreifen, als die Haut zuließ.


Ihr Miteinander war kurz und schweißtreibend. Lange, bevor er es selbst erwartete, zuckte Sothorn in Geryims Umarmung zusammen und spritzte seinen Samen an die Schiffswand.


Das letzte, was er wahrnahm, bevor er erschöpft einschlief, waren Geryims sanfter Spott und dessen eigenes erfülltes Aufstöhnen.


Der einzige Wermutstropfen war, dass Sothorn am nächsten Tag allein erwachte. Eingeschlagen in eine Vielzahl Decken, umgeben von Geryims Geruch, beschmiert mit dessen Samen, aber allein.



Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2020 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs