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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Zeitverzerrt, Nane Neer
Nane Neer

Zeitverzerrt



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Kapitel 1:


 


Transzendenz


Ich wache auf und prompt ist das unendlich starke Gefühl, das mich fast zerreißt, wieder da. Es ist so intensiv: ein belebendes Kribbeln, wie Schmetterlinge im Bauch, eine aufregendes Gedankengefühlsschwirren, das im Glanz etlicher Sonnenaufgänge längst Gold geworden ist.


Die Stunden vergehen, ungenutzt. Das Kribbeln brennt, das Schwirren reizt. Der Tag neigt sich dem Ende zu, und es war alles da. Nur er nicht.


Kein Tag vergeht ohne einen Gedanken an ihn. Immer wieder sehe ich, wie er vor mir steht. Dann blicke ich ihm tief in seine traurigen Augen, höre seine kratzige Stimme und zerberste vor Sehnsucht. Und dem Wissen, dass alles nur eine schmerzhafte Illusion in Endlos-Schleife ist, die Hingabe an ewige visuell festgehaltene Erinnerung. Er selbst ist lange tot. Gestorben an einem Zuviel von sich selbst und einem Zuwenig von allem anderen. Beerdigt vor mehr als zwei Jahren.


Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt, ihn nie berührt. Er war Schauspieler, für alle zu sehen, für niemanden greifbar. Er ist die Liebe meines Lebens.


Er hieß Jacques. Jacques fiel mir zum ersten Mal auf, als er schon längst tot war. Während er lebte, erblickte ich ihn nur in einem einzigen Film, einem schwülstigen Drama, das ich kaum zu würdigen wusste. Damals fand ich ihn uninteressant, unpassend, unattraktiv, fast ein wenig hässlich. Das blasse Gesicht wirkte rundlich, die blonden Haare trug er meist lang und strähnig, die großen blauen Augen blickten flimmernd-glasig-sehnsuchtsvoll in die Weite des Nichts. Mittlerweile weiß man, dass dieser so spezielle und einnehmende Gesichtsausdruck die Folge seines jahrzehntelangen Alkoholexzesses gewesen sein könnte. Das radikale Trinken stand ihm ebenso ins Gesicht geschrieben wie die Freude an schmackhaften Speisen. In seinem letzten Lebensjahr schlug er dann einen anderen Weg ein und nahm etliche Kilos ab. Aufs Essen verzichtete er fast völlig, aufs Trinken nicht.


 


     Ob dick oder dünn, trunken oder trocken, tot oder lebendig – mein Denken, mein Herz und meine Seele sind stets bei ihm. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Es ist, als sei er in mich gefahren und ein Teil von mir geworden. Dieses Gefühl ist erfüllend. Und doch so unendlich schmerzhaft.


     Wie soll ich je akzeptieren, dass er nicht mehr da ist, dass er für mich nie ′greifbar′ sein wird? Herrgott, ich will ihn! Und zwar in echt. Als Person aus Fleisch und Blut! Nicht als Wunschvorstellung oder Erinnerung. Nicht als Kopfbild und auch nicht als wandelnde Abbildung im Fernseher. Ich will ihn anfassen, küssen, ihm eine knallen, ihn verwöhnen, halten und mit ihm streiten. Das ganze Programm.


Immerhin, trotz der Tatsache, dass er keine 40 geworden ist, hat sich genügend Material angesammelt. Jacques, dieser schüchterne Mensch, hat immer wieder harte Männer gespielt, solche die anderen Leuten Leid zufügen. Und abends, nach den Dreharbeiten, zog er sich scheu zurück und versuchte, die Einsamkeit fernab des Sets zu ertragen.


Ich könnte schreien, wenn ich daran denke, dass Jacques wahrscheinlich noch leben könnte, wenn manche Dinge anders gelaufen wären. Wenn er nichts mehr getrunken hätte. Wenn er nicht so viel abgenommen hätte. Wenn seine Seele ummantelt worden wäre.


Ich dusche, arbeite, esse und denke nur an ihn. Ich leide. Dann schlafe ich, meist traumlos. Falls sich Bilder in meinen Schlaf mischen, sind sie blass und unkenntlich. Morgens verfluche ich mein Unterbewusstsein, weil es mich so lang von ihm ferngehalten hat. Vergeudete Zeit.


 


Es ist März 2020, ein nass-kalter Mittwochabend und wieder kündigt sich so ein verhasster Traumlos-Schlaf an. Ich kämpfe dagegen an, will wach bleiben und sein Bild klar und deutlich vor meinem geistigen Auge halten. Wenn ich nur ausreichend lang an ihn denke, mich stark genug nach ihm sehne, dann muss er doch irgendwann in meinen Träumen erscheinen. Entkräftet gleite ich schließlich aus der bewussten Welt.


 


Um mich herum Ruinen. Restlos alles kaputt. Panik ergreift mich. Ich will erstarren. Der Fluchtinstinkt ist zu groß – ich renne los, rase atemlos durch staubigen Zerfall und spüre, dass da keine Decke ist. Keine Sonne über mir, nur der Schein eines Vollmonds skizziert, wohin ich trete. Ich habe Mühe, die Balance zu halten.


Es stinkt nach Siechtum. Eitriger Kleister hält die letzten Fetzen Fassade an der zerschossenen Farblosmauer. Nur eine Wand ist noch ganz. Ich kann sie sehen. Sie liegt direkt vor mir, keine zehn Schritte entfernt. Hoch und breit türmt sie sich mir entgegen und ist mit einem Tuch verhüllt. Vielleicht verbirgt sich dahinter der Ausgang aus diesem Wrack?


Ich reiße das Laken weg und erschrecke. Da steht jemand! Eine massige Gestalt, doppelt so breit wie ich. Ich weiche zurück – die Gestalt tut es mir gleich. Nervös fahre ich mit einer Hand durch mein Gesicht – wie ein Nachäffer verfährt der Mensch vor mir genauso, nur verkehrt herum. Mir schwant Schreckliches. Mein Herz rast. Ich kann den Anblick nicht mehr ertragen, drehe mich um und renne in eine stockfinstere Leere, renne und renne, habe plötzlich das Gefühl zu fallen ...


 


... und wache auf.


 


Durchgeschwitzt schrecke ich hoch und sehe vor lauter Dunkelheit die Hand vor Augen nicht. Ist es noch Nacht? Nach vielen Wochen des traumlosen Schlafens habe ich erstmals wieder geträumt. Ein einziger Albtraum. Was war das bloß? Habe ich mich im Traum selbst gesehen? Aber nicht so, wie ich jetzt aussehe, sondern so, wie ich vor drei Jahren aussah – fett und unförmig, mit 40 Kilo mehr.


     Nach diesem Schreckensschlaf drückt meine Blase. Während ich im Stockdunkeln aufzustehen versuche, fühle ich mich ungewohnt schwer, überlege, ob ich es gestern mit dem Sport übertrieben habe und taste nach dem Nachtlicht. Da das Suchen kein Ende nimmt, schätze ich ab, ob ich die paar Meter bis zur Toilette auch ohne Licht schaffen könnte. Es wäre vielleicht möglich – ach, wenn es doch nur ein wenig heller wäre ...


     Überhaupt wundere ich mich, dass der Raum dermaßen schwarz ist. Für gewöhnlich lasse ich die Rollläden doch immer ein Stück weit geöffnet, weil ich das gedimmte Licht der Straßenbeleuchtung mag und eine Orientierungshilfe in der Nacht habe. Nun aber scheint alles wie in Tinte getaucht. Wie kann das sein? Ist der Strom ausgefallen? Das erklärt aber nicht, warum ich nicht imstande bin, die Nachttischlampe zu ertasten.


     Verkehrslärm kann ich gedämpft hören. Sollte ich dann nicht auch ein paar Autoscheinwerfer an meinem Fenster vorbeiblitzen sehen? Ach, wahrscheinlich habe ich die Rollläden gestern ausnahmsweise doch komplett geschlossen. Es war recht windig und sicher wollte ich die undichten Fenster mit Hilfe der Rollläden verstärken. So langsam weiß ich kaum noch, was ich tue und was nicht. Verdammt, wo zum Teufel ist nur diese blöde Nachttischlampe?


     Ich fuchtle unbeholfen in die Finsternis hinein – und werde endlich fündig. Während ich das Etwas betaste, überlege ich, was genau das sein könnte. Meine Bettkonsole? Die Form fühlt sich so anders an, viel glatter und weniger kantig. Mein Herzschlag erhöht sich. Ich stecke doch wohl nicht schon im nächsten Albtraum fest?


     Dann auf einmal erreichen meine Hände eine Form ... so etwas wie eine Lampe ... ist das meine Lampe? Ich brauche noch einmal einen Moment, bis ich einen Knopf ertaste, durchdrücke und sich der Raum endlich mit schummerigem Licht füllt. Ich schaue mich um und bin anscheinend wirklich noch am Träumen. Denn ich liege in einem Zimmer, das mir völlig unbekannt ist: karge Bebilderung an cremefarbenen Wänden, pechschwarze Verdunklungsrollos mit Schienenführung vor winzigen Fenstern, in einer Ecke ein kleines Sitzmöbel, daneben ein ranziger Kleiderschrank. Unter mir ein schmales Bett, an das zu meiner Linken ein Tisch aus Plastik grenzt. Ich liege offensichtlich in einem billigen Hotel- oder Pensionszimmer.


     Seltsamer Traum. Noch immer drückt meine Blase, sogar richtig heftig. Kein Aufwachen in Sicht. Also schlage ich die Decke weg und stehe auf. Meine Beine wirken wie kurz vorm Platzen, so als hätte ich über Nacht Unmengen Wasser eingelagert. Überhaupt komme ich mir aufgedunsen vor. Sehr plastischer Traum, widerlich. Fast fühle ich mich so wie damals, in der fetten Zeit. Dementsprechend schwer fallen mir meine Schritte. Ätzend, und das im Traum. Die Sehnsucht nach Jacques bringt mich noch um meinen Verstand ...


     Während ich in Richtung jener Tür schlurfe, hinter der eigentlich nur das Bad sein kann, fühle ich mich wie ein Wrack. Immerhin, bei dem Raum handelt es sich tatsächlich um ein Badezimmer, zumindest so etwas in der Art, nicht einmal Uniklo-Niveau, aber was soll′s, es ist ja nur ein Traum. An diesem Gedanken muss ich unbedingt festhalten, denn ohne ihn bekämen mich wohl keine zehn Pferde auf das deckellose Klo rechts neben der schwärzlichen Dusche.


     Der Weg zur Erleichterung führt an einem Spiegel vorbei. Während ich an ihm vorbeigehe, spüre ich, dass etwas nicht stimmt. Ich bleibe stehen, blicke hinein und erkenne mich nicht. Wildes Gestikulieren macht es auch nicht besser. Ja ja, das bin ich. Aber nicht das Ich, für das ich in den letzten drei Jahren hart gekämpft und gehungert habe, sondern die verhasste Form, die jahrzehntelang mein Leben bestimmt hat. Aufgedunsene Wangen und ein Doppelkinn sind das, worauf mein Blick als erstes fällt. In tiefen Höhlen liegen glänzende Kugelaugen. Das Bild ist klar und deutlich. Während in diesem Albtraum-Bad ansonsten alles vermodert ist, hat irgendwer den Spiegel blitzblank gewienert. Ich sehe jede einzelne Pore. Und die Poren sind alles andere als rein. In mir schießt der Ekel hoch, ich muss mich übergeben.


     Während ich unter Spannung über der stinkenden Schüssel hänge, schmerzt mein Rücken wie von zig Nadeln zerstochen. Und in die sauren Brocken, die ich unter zerreißenden Gesichtskrämpfen hervorwürge, mischen sich heiße Tränen.


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