Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Fantasy Bücher > Your Sweet Blood
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Your Sweet Blood, Christine Millman
Christine Millman

Your Sweet Blood



Bewertung:
(270)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
1642
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Amazon
Drucken Empfehlen

"Im Grunde haben die Menschen nur zwei Wünsche: Alt zu werden und dabei jung zu bleiben."


 


 


Teil I




1


 


Eine Nacht wie diese hält nichts Gutes bereit, pflegte ihr Großvater immer zu sagen, wenn nicht das kleinste Lüftchen wehte und selbst die Dunkelheit keine Erleichterung vor der drückenden Hitze des Tages brachte. Kristina seufzte. Ihr Großvater hatte recht. In einer Nacht wie dieser war es besser, mit einem spannenden Buch in der Hand vor dem Ventilator zu liegen, und sich so wenig wie möglich zu bewegen. Leider hatte ihre Freundin Pia es sich in den Kopf gesetzt auszugehen, schließlich wollte sie ihr neues Outfit präsentieren, das nicht nur ihre Kreditkarte, sondern auch ihr Gewissen strapaziert hatte, wie sie betonte. Seufzend fischte Kristina die Mascara aus dem Schminktäschchen und begann, ihre Wimpern zu tuschen. Selbst dabei brach ihr der Schweiß aus allen Poren. Nie wieder ziehe ich in eine Dachwohnung. Trotz beidseitig geöffneter Fenster waren es in ihrer Wohnung gefühlte 40 Grad. Die rotbraune Mähne auf ihrem Kopf machte die Sache nicht angenehmer. Vielleicht wäre eine Hochsteckfrisur besser? Kristina fasste ihre Haare zusammen und hielt sie hoch, betrachtete sich prüfend im Spiegel. Naja. Pia würde die Augen verdrehen und ihr ins Gewissen reden. Bequemlichkeit vor Aussehen ging ihrer Ansicht nach gar nicht. »Wer schön sein will, muss leiden«, war ihr Lieblingsspruch. Die Klingel schlug an. Kristina öffnete rasch und huschte dann ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. »Komm rein. Die Tür steht offen«, rief sie, als sie das Klackern von Pias Absätzen hörte. Pia trat ein und stieß geräuschvoll den Atem aus. »Puh. Musst du unbedingt im fünften Stock wohnen? Das ist abartig.« Sie stellte sich in den Türrahmen und musterte Kristina mit gerunzelter Stirn. »Das willst du anziehen?« Kristina zog die Jeans über die Hüfte und schlüpfte in die weißen Ballerinas. Sie mochte keine hochhackigen Schuhe. »Ja, wieso?« »Wir gehen in einen Nachtclub. Da könntest du ausnahmsweise Mal auf deine Jeanshosen verzichten«, entgegnete Pia in vorwurfsvollem Ton. Kristina zupfte die transparente, schwarze Bluse zurecht. »Dafür trage ich doch die hier.« »Ist ja toll, aber was um Himmels willen trägst du darunter? Ist das ein Sport-BH?« Missbilligend verschränkte sie die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. »Unglaublich. Was wenn du heute den Mann deines Lebens kennenlernst?« Kristina schnaubte abfällig. »Ich bitte dich. Als würde man in einem Nachtclub einem guten Kerl über den Weg laufen. Wenn er sich daran stört, dass ich einen Sport-BH trage, dann kann er mir sowieso gestohlen bleiben.« »Du bist unverbesserlich.« Pia seufzte theatralisch, trat vor den Kleiderschrank und begann ungeduldig, die Bügel herumzuschieben. Schließlich zog sie einen schwarzen Spitzen-BH hervor. »Hier. Zieh den an.« Murrend nahm Kristina den BH entgegen. Sie mochte es nicht, wenn Pia sie bevormundete, aber im Grunde hatte ihre Freundin recht. Der neu eröffnete Nachtclub galt als exklusiv, da sollte sie in der Kleiderwahl etwas mehr Sorgfalt walten lassen. Pia war wie immer perfekt. Das neue Kleid schmiegte sich an ihren zierlichen Körper, die Farbe betonte die hellblonden Haare, das Make-up sah aus, als hätte sie sich von einer Visagistin schminken lassen. Die hochhackigen Schuhe ließen ihre Beine noch schlanker wirken. Neben ihrer Freundin kam Kristina sich vor wie eine Vogelscheuche. Alle Männer würden nur das elfenhafte Wesen an ihrer Seite ansehen. Egal. Sie hatte sowieso keine Lust auf belanglose Flirts. Unter Pias strengem Blick vollendete Kristina ihr Outfit und folgte ihrer Freundin zum hauseigenen Parkplatz, wo sie ihren nagelneuen, kirschroten Ford Fiesta präsentierte. »Gestern geliefert worden. Der Knaller was?« Pias Gesicht glühte vor Stolz. »Neunzig PS, Zentralverriegelung, Servolenkung, automatische Fensterheber und Klimaanlage. Mein neuer Job macht sich echt bezahlt.« Schwungvoll öffnete sie die Beifahrertür. »Steig ein. Ich will dir zeigen, wie der Flitzer über die Straßen braust.« Widerwillig stieg Kristina ein. Sie kannte Pias Hang zum schnellen Fahren und befürchtete das Schlimmste. Und sie behielt recht. Als sie dreißig Minuten später vor dem Nachtclub hielten, stürzte sie aus dem Wagen und atmete erleichtert auf. »Du fährst wie eine Verrückte«, zischte sie ihrer Freundin zu. Schwer atmend versuchte sie, ihren aufgeregten Herzschlag zu beruhigen. Pia lachte. »Stell dich nicht so an. Nur weil du durch die Gegend schleichst wie eine Oma, muss ich nicht genauso fahren.« Sie hakte sich bei Kristina unter und zog sie Richtung Eingang. »Mach dich locker. Wir sind jung und sollten das Leben genießen.« Auch wenn der Club als eine neuartige Mischung aus Cocktailbar und Diskothek angepriesen wurde, sah der Innenraum aus wie viele andere, fand Kristina. Eine in Neonlicht getauchte Bar, hinter der zwei mit Tanktops und Shorts bekleidete Schönlinge Cocktails mixten, eine Tanzfläche, laute Musik und zu wenig Sitzplätze. Die mannshohen Kunstpalmen sollten karibische Atmosphäre schaffen, doch in der schummrigen Beleuchtung erinnerten sie Kristina eher an die Inneneinrichtung eines Bordells. Wenigstens funktionierte die Klimaanlage. Pia musterte die Barkeeper und grinste. »Such du uns einen Platz und ich besorge die Dinks, okay?« Kristina nickte und machte sich auf die Suche. In Nähe der Tanzfläche wurde sie fündig. Erleichtert sank sie auf den Korbstuhl. Die Musik dröhnte in ihren Ohren und sie verstand nun, warum der Tisch als Einziger noch frei gewesen war. Er befand sich in unmittelbarer Nähe der Lautsprecher. Sie seufzte. Warum war sie nicht zuhause geblieben? Sie musste unbedingt lernen, nein zu sagen, vor allem zu Pia. Nachdem sie ihre Handtasche auf dem Stuhl neben sich abgestellt hatte, lehnte sie sich zurück und beobachtete die Tanzenden. In ihrem Nacken kribbelte es unangenehm. Wurde sie angestarrt? Nervös schaute sie sich um, konnte aber niemanden entdecken, der auch nur in ihre Richtung sah. Pia lehnte an der Bar, in ein Gespräch mit dem Barkeeper vertieft. Vor ihr standen die bestellten Getränke. Long Island Icetea. Na toll. Kaum fünf Minuten im Club und schon hatte Pia einen Kerl aufgerissen und ließ Kristina auf dem Trocknen sitzen. Genervt schnappte sie ihre Tasche und schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch zur Bar. Pia bemerkte sie nicht, so hingerissen war sie von den blauen Augen des Barkeepers. Als sie Kristina sah, machte sie eine schuldbewusste Miene. »Ich komme gleich«, versprach sie. »Paul gibt mir nur ein paar Tipps für gute Restaurants in der Gegend.« Paul. So hieß der Kerl also. Kristina kannte Pia. Wenn ihre Freundin schon seinen Namen wusste, konnte sich das Gespräch noch eine Weile hinziehen. Wortlos schnappte sie ihr Glas und balancierte es zu ihrem Tisch zurück. Hoffentlich hatte sie genug Geld für ein Taxi dabei. Vielleicht könnte sie auch Frank anrufen und ihn bitten, sie abzuholen. Allerdings musste sie in dem Fall mit eventuellen Annäherungsversuchen seinerseits rechnen. Darauf hatte sie keine Lust. Missmutig nahm sie einen großen Schluck und schob dann mit dem Strohhalm die Eiswürfel in ihrem Glas herum. Erneut zog dieses unangenehme Kribbeln ihren Nacken hinauf und ein kühler Hauch streifte ihre Haut. Entweder wurde sie beobachtet oder die Klimaanlage war schuld. Sie sah sich um. Da war niemand. Also die Klimaanlage. Eine Stimme erklang direkt neben ihrem Ohr. Kristina fuhr zusammen. Wegen der Lautstärke konnte sie nichts verstehen außer die Klangfarbe. Tief und weich mit einem leichten Akzent. Erschrocken schaute sie auf. Ein Mann. Er hatte braune Augen, die in dem Dämmerlicht fast schwarz wirkten, und schwarzes, schulterlanges Haar, das ihm wirr ins Gesicht fiel. Schmale Lippen, deren strenge Kontur von einem einnehmenden Lächeln abgemildert wurde. Zwei Grübchen auf den Wangen komplettierten das Bild. Kein Schönling, aber auf eine dunkle Weise attraktiv. Kristinas Herz schlug augenblicklich schneller. Da sie ihn nicht verstanden hatte, schüttelte sie vorsichtshalber den Kopf. Er nickte, deutete eine Verbeugung an und wandte sich zum Gehen. Was für ein seltsamer Kerl. Kristina blickte ihm nach. Sein Gang war geschmeidig und sexy, es war der Gang eines Mannes, der wusste, was er wollte und wie er es bekam. Er durchquerte den Raum, ohne irgendwo anzustoßen oder irgendwem ausweichen zu müssen und verschwand im Schatten einer Kunstpalme. Angestrengt starrte Kristina auf den dunklen Schemen neben dem Plastikgrün, bis ihr bewusst wurde, dass er sie wahrscheinlich besser sehen konnte als sie ihn. Wie peinlich. Schnell sah sie weg und fingerte an ihrer Handtasche herum, als wäre ihr plötzlich etwas Wichtiges eingefallen. Sie sollte auf die Toilette gehen und einen klaren Kopf bekommen. Fluchtartig stürmte sie Richtung Keller, wo sich die Sanitäranlage befand. Vor der Damentoilette hatte sich eine lange Schlange gebildet. Auch das noch. Kristina rollte mit den Augen. Frauenclos waren die Pest. Während sie auf eine freie Kabine wartete, grübelte sie über Pias Qualitäten als Freundin nach. Normalerweise war sie zuverlässig und hilfsbereit, doch wenn es um Männer ging, wurde Pia unberechenbar. Das nervte. Hoffentlich würde der sexy Kerl sie wenigstens nochmal ansprechen. Er war interessant. Nein, mehr als das. Sein Blick hatte Kristina elektrisiert. Etwas Düsteres ging von ihm aus. Sie mochte das. Als sie nach oben zurückkehrte, schlenderte sie absichtlich nahe an der Kunstpalme vorbei, konnte den Fremden aber nirgendwo entdecken. Wahrscheinlich hatte er sich der nächsten Frau zugewandt. Enttäuscht fiel Kristina in den Korbstuhl. Was bildete sie sich ein? Männer fixierten sich nicht auf missmutige Brünette, die gelangweilt neben der Tanzfläche hockten. Wo blieb Pia? Langsam verlor Kristina die Geduld. An der Bar stand sie nicht mehr und auch dieser Paul war verschwunden. Kein gutes Zeichen. An einem der Lautsprecher lehnte ein muskulöser Mann, der sie ungeniert musterte. Die Ärmel seines T-Shirts spannten über seinen Oberarmen, die so dick waren wie ihre Schenkel. Als er sah, dass sie ihn bemerkt hatte, grinste er breit, hob sein Bierglas und prostete ihr zu. Oh nein. Auch das noch. Kristina lächelte gequält. Hoffentlich würde der Kerl sie jetzt nicht ansprechen. Hilfesuchend blickte sie sich nach Pia um und verfluchte sie innerlich für ihr Verschwinden. Zuhause würde sie ein ernstes Wörtchen mit ihrer Freundin reden müssen. »Darf ich dich um diesen Tanz bitten?« Die tiefe Stimme vibrierte durch ihr Inneres, sie fühlte die Worte mehr als das sie sie hörte. Verwirrt sah Kristina auf. Wie hatte der Mann es schon wieder geschafft, sich an sie ranzuschleichen? Eigentlich sollte sie ablehnen, denn es wurde ein langsamer Song gespielt und dazu tanzte sie nicht mit Fremden, aber dann würde der Muskeltyp kommen und das wollte Kristina unter allen Umständen vermeiden. Er lächelte, als wüsste er, was sie ihm antworten würde. Kristina schluckte nervös, in ihrem Bauch flatterten Schmetterlinge. Was hatte dieser Mann nur an sich, dass sie so auf ihn reagierte? Den kurzen Weg auf die Tanzfläche nutzte sie für eine Musterung. Er trug Jeans wie sie, dazu ein anthrazitfarbenes Hemd und schwarze Lederschuhe, die teuer aussahen. Unter seinem karamellfarbenen Teint wirkte er blass, als hätte er eine schwere Krankheit überstanden und wäre noch immer angeschlagen. Er hielt inne, wandte sich ihr zu und umfasste ihre Taille. Deutlich konnte Kristina seine Hände spüren, als wäre kein Stoff zwischen seiner und ihrer Haut. Er war nur wenige Zentimeter größer als sie und Kristina dankte im Stillen dem Umstand, dass sie flache Schuhe angezogen hatte. Zögerlich legte sie ihre Arme um seinen Nacken. »Wie heißt du?«, fragte er. »Kristina, und du?« Wie er sie ansah, mit einer Intensität, als könnte er bis auf den Grund ihrer Seele blicken. Ein Schauer rieselte über Kristinas Haut. Seine Augen hatten eine hypnotische Kraft, der sie sich nur zu gerne hingeben wollte. »Mein Name ist Marcus.« Deutlich bemerkte sie den leichten Akzent, mit dem er sprach. Eine Mischung aus Englisch und etwas, was sie nicht zu bestimmen vermochte. Spanisch vielleicht. »Woher kommst du?«, wollte sie wissen. »Geboren bin ich in Kuba, später lebte ich in den USA. Und jetzt lebe ich hier.« Lächelnd zog er sie näher. Es fiel Kristina schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. »Bist du aus beruflichen Gründen in Deutschland?«, fragte sie und schlug absichtlich ein trockenes Thema an, um sich vor der berauschenden Wirkung zu schützen, die seine Nähe auf sie hatte. »Ja. Ich arbeite im IT-Bereich für einen Energietechnik-Konzern.« IT und Energietechnik. Das klang sehr trocken. Gut. Er legte seine Hand auf ihren Rücken in Höhe ihrer Taille und presste sie an seinen Körper. Mittlerweile tanzten sie so eng, als wären sie an der Hüfte zusammengewachsen. Kristinas Haut kribbelte. »Mit was verbringst du deine Zeit?«, wollte er wissen. »Ich äh ... ich bin Logopädin.« Meine Güte, jetzt stotterte sie auch noch. Sie benahm sich wie ein verunsicherter Teenager und nicht wie eine dreiundzwanzigjährige Frau. Wie albern war das denn? »Macht dich meine Nähe nervös?«, fragte Marcus. »Das liegt nicht in meiner Absicht. Im Gegenteil, eigentlich bin ich derjenige, der nervös sein sollte.« Kristina bedachte ihn mit einem abfälligen Blick. Machte er sich über sie lustig? Es sah nicht danach aus. Vielleicht konnte er auch einfach nur gut schauspielern. Auf jeden Fall versuchte dieser Kerl, sie zu verführen, das war völlig klar, und scheinbar gelang ihm das. Sie war Wachs in seinen Händen. Mit den Fingerspitzen tastete er über ihren Rücken, sein Kopf rückte vor, so dass sie nun Wange an Wange tanzten. Kristina versteifte sich. »Lass dich fallen, Kristina«, wisperte er in ihr Ohr. »Genieß das, was zwischen uns passiert.« Hatte er einen Knall? Was redete er da? Entschlossen rückte sie von ihm ab. »Zwischen uns passiert rein gar nichts.« Wäre ja noch schöner. Er sah sie an, ein Schmunzeln auf den Lippen. Dunkel waren seine Augen mit einer rötlich schimmernden Pupille. Wie ein Tunnel, an dessen Ende ein fernes Feuer glimmte. »Oh doch«, stellte er fest. »Du fühlst es, das sehe ich.« Wie konnte jemand nur so überzeugt von sich sein? Die Tatsache, dass er recht hatte, machte seine Selbstgefälligkeit sogar noch schlimmer. Ja, sie fühlte es. Und wie sie es fühlte. Zweifellos wirkte er auf Frauen, aber deshalb hatte er noch lange nicht gewonnen. Sie würde sich ganz bestimmt nicht rumkriegen lassen. Zumindest nicht in dieser Nacht. Die Zeit schien langsamer zu werden, wie ein verzögertes Abbild der Wirklichkeit, während sich Kristina seiner betörenden Gegenwart überließ. Ihre Fingerspitzen tasteten unter sein Haar, berührten die nackte Haut in seinem Nacken. Er war kühl und glatt wie eine Marmorstatue. Wie sich wohl seine Lippen anfühlten? Als das Lied irgendwann verklang - vielleicht waren es auch mehrere Lieder gewesen - Kristina konnte es nicht mit Sicherheit sagen, standen sie noch eine Weile engumschlungen beieinander. In Kristinas Kopf summte es wie in einem Bienenstock und sie fühlte sich seltsam entrückt, wie aus einem langen Traum erwacht. Tief sog sie den Atem ein. Dieser Mann musste sie hypnotisiert haben, anders waren ihre Gefühle nicht zu erklären. Der Gedanke brachte sie halbwegs wieder zur Vernunft. Abrupt löste sie sich von ihm und hastete zu ihrem Tisch zurück, der noch immer verwaist am Rande der Tanzfläche stand. Sie musste sich nicht umsehen, um sich zu vergewissern, ob Marcus ihr folgte. Sie spürte es. Er deutete auf einen Stuhl. »Darf ich dir Gesellschaft leisten?« Nein, lass mich in Ruhe. Du bist nicht gut für mich. »Ja, natürlich.« Sie schnappte ihr Glas und leerte es in einem Zug. Hoffentlich würde sie sich durch den Alkohol selbstbewusster und entspannter fühlen. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er die Lippen bewegte. Er redete mit ihr. Leider wummerte der Bass neben ihrem Ohr so laut, dass sie rein gar nichts verstand. »Wie bitte?« Er wiederholte seine Worte. Irgendwas mit Frankfurt und wohnen. Scheinbar erzählte er ihr, wo er wohnte. »Seit wann bist du in Deutschland?«, fragte sie. Wieder verstand sie die Antwort nicht. Diese blöden Lautsprecher. Im Gegensatz zu ihr schien er jedes Wort zu verstehen, zumindest antwortete er ihr, ohne zu zögern. Nach einigen erfolglosen Versuchen, ein Gespräch in Gang zu bringen, bat Kristina ihn um einen Tanz. Das war immer noch besser als ihre peinliche Schwerhörigkeit. Anschließend startete Marcus einen weiteren Versuch, doch auch dieser misslang kläglich. Entweder mussten sie es aufgeben oder sich draußen unterhalten. Ein letztes Mal suchte Kristina nach Pia. Wenn sie den Club verlassen würde, wollte sie ihrer Freundin sicherheitshalber Bescheid geben. Vergeblich. Pia blieb verschwunden. »Wollen wir gehen?«, fragte Kristina. Marcus seufzte erleichtert, sagte irgendwas von wegen froh und sofort und Freundin. Den Rest konnte sich Kristina zusammenreimen. »Wo möchtest du hin?«, fragte Marcus vor der Tür. »Am liebsten nachhause.« Kristina biss sich auf die Lippen. Hitze schoss in ihre Wangen. Das klang nach einer Einladung oder als suchte sie eine Heimfahrt. »Ich nehme ein Taxi.« »Das musst du nicht. Ich bringe dich gerne nachhause.« »Bist du sicher?« Er nickte. »Ich werde dich nicht in meine Wohnung bitten«, stellte Kristina klar. Er schmunzelte, als glaubte er ihr nicht oder als wüsste er es besser. »Das habe ich auch nicht erwartet.«


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2020 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs