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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Yasirahs Erbe, Bettina Lorenz
Bettina Lorenz

Yasirahs Erbe


Letzte Zuflucht

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Prolog


 


«Ich will aber nicht…»


Das kleine Elfenkind saß mürrisch vor dem großen Spiegel.


«Dein Vater hat das alles gut durchdacht. Ich darf nicht zu viel verraten, aber ich bin sicher, dass ihr euch ausgezeichnet verstehen werdet…», antwortete die gutmütige, alte Kinderfrau.


Für diesen Kommentar erntete sie zweifelnde, fragende Blicke aus einem Paar strahlend grüner Kinderaugen. Die Amme wusste nur zu gut, wie schnell man dem Zauber dieser Augen erliegen konnte und deshalb ging sie auch gar nicht weiter darauf ein. Auch die darauf folgenden, stillen Proteste ignorierte sie. Sie war eine der wenigen am Hofe, die dieses Kunststück überhaupt zustande brachte und da das kleine Mädchen dies wusste, fügte es sich brav. Es hörte auf zu zappeln und sie konnte ihr Werk endlich vollenden. Sie war gerade damit fertig geworden die langen, braunen Haare der Kleinen zu flechten und hochzustecken. Am Ende wurde die Frisur von einem zierlichen, kunstvoll gefertigten Diadem gekrönt. Wie immer sah die Prinzessin hinreißend aus!


Yasirah war gerade einmal zehn Jahre alt, aber man konnte schon jetzt sehen, dass sie die Schönheit ihrer verstorbenen Mutter geerbt hatte. Auch die Grimasse, mit der sie just in diesem Moment ihren Unmut zum Ausdruck bringen wollte, konnte darüber nicht im Geringsten hinwegtäuschen.


Zufrieden und mit fast mütterlichem Stolz betrachtete die Amme ihren Schützling.


Die Prinzessin war ein gutes Kind.


Sie wurde vom Volk geliebt und verehrt. Aber seit dem Tod ihrer geliebten Mutter hatte sie es wirklich nicht leicht gehabt. Sie zog sich immer mehr zurück und gab sich ihrer Traurigkeit hin. Als ihr Vater das bemerkte, fällte er eine Entscheidung, um sie vor dem Schlimmsten zu bewahren.


Einer seiner engsten ehemaligen Berater und Weggefährten Larkondir hatte ihn gebeten, seinen Sohn Ardonai an den Hof zu berufen, um ihn dort ausbilden zu lassen. Da sich der Junge genau in Yasirahs Alter befand und sie ein Schicksal teilten, kam der König nur zu gern der Bitte nach. Er hoffte, dass sie in ihm einen guten Spielgefährten finden und vielleicht eines Tages ihre Trauer überwinden könnte. Dies alles geschah gegen den Willen der Prinzessin, die darin absolut keine Notwendigkeit sah. Sie hatte nicht das Gefühl, dass ihr irgendetwas im Leben fehlte. Erst recht nicht einer dieser aufgeblasenen Knaben, die sich dank ihrer edlen Abstammung für die Hoffnung des gesamten Volks hielten und sich dementsprechend jederzeit bedienen und verhätscheln ließen. Wenn dies die Alternative zu ihrer selbstgewählten Einsamkeit darstellen sollte, müsste sie nicht lange überlegen, was sie wählen würde. Natürlich könnte sie dies dem König gegenüber niemals laut äußern.


Man widersprach ihm nie!


Auch nicht, wenn man seine Tochter war. Also würde sie sich letztendlich seinem Willen fügen. Stumm folgte sie der Amme in den Thronsaal.


Sobald sie den silbernen, leuchtenden Raum betrat, knicksten alle ergebenst vor der kleinen lieblichen Gestalt. Sie verblieben in dieser Position bis Yasirah ihnen deutete sich zu erheben. Dies alles geschah mit einer Anmut, die zwar dem königlichen Erbe der Prinzessin, aber nicht annähernd ihrem zarten Alter entsprach. Erst als der Letzte sich wieder erhoben hatte, ging sie zu ihrem Vater, der sie stolz in seine Arme schloss, bevor er sie auf ihren Platz zu seiner Linken geleitete.


Kaum hatte sie sich gesetzt, öffnete sich die große Flügeltür am Ende des Saals erneut und hinein trat ein kleiner Elfenjunge in den edelsten Gewändern. Ein Raunen ging durch den Saal. Obwohl er verloren aussah, marschierte der Neuankömmling ohne Zögern durch die Reihen und ging direkt vor dem Thron in die Knie. Er legte sich die kleine Hand zu einer Faust geballt auf die linke Brust und erst dann senkte er sein Haupt. So verharrte er, bis der König ihn mit einem Schmunzeln erlöste:


«Erhebe dich Ardonai, Sohn des Larkondir, und sei mir willkommen in meinem edlen Haus.» Der Knabe tat sofort wie ihm geheißen. Während der ganzen Zeit hatte Yasirah es vermieden, Ardonai anzusehen.


Doch jetzt war es an ihr, den Gast willkommen zu heißen. Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie das Wort an ihn richtete und ihn zum ersten Mal näher betrachtete.


Das Erste was ihr an ihm auffiel, war die weiße Rose, die er direkt über dem Herzen trug. Unbewusst griff sie nach ihrer eigenen und ihr stiegen Tränen in die Augen. Gemäß den Sitten ihres Volkes, war dieses reinste aller Symbole den trauernden Hinterbliebenen vorbehalten, um ihre Verstorbenen zu ehren. Als sie sich wieder gefasst hatte und in seine strahlend blauen Augen sah, erkannte Yasirah darin einen Schmerz, der ihr nur allzu gut bekannt war und obwohl sie sich zu Beginn vorgenommen hatte, ihm einen kühlen Empfang zu bereiten, konnte sie es jetzt nicht übers Herz bringen.


Deshalb sagte sie so sanft wie möglich:


«Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen.»


Als ihre Stimme wie ein Glockenspiel durch den Raum klang, lächelte er sie wissend an und antwortete erleichtert:


«Die Freude ist ganz meinerseits, edle Prinzessin.»


Innerhalb kürzester Zeit hatten die beiden Freundschaft geschlossen.


Sie schienen unzertrennlich - bis zu jenem unheilvollem Tag, der alles zu zerstören drohte.


 


Zurück zum Anfang


 


Celina saß allein auf ihrem Bett in dem kleinen Jagdhaus in Lawthornville.


Seit über einer Stunde starrte sie frustriert auf das Objekt, das in ihrer offenen Hand ruhte. In den letzten zwei Wochen schien dies langsam aber sicher ihr neues Lieblingshobby werden zu wollen.


Ist es wirklich schon so lange her?


Celina dachte noch einmal genauer darüber nach. Es kam ihr wie gestern vor, dass sie sich William im Kampf gestellt hatte, um in den Besitz des Amuletts zu gelangen. Aber tatsächlich waren genau zwölf Tage seitdem vergangen. Zwölf Tage, die sie eine Menge Nerven und Tränen gekostet hatten, weil schon nach kurzer Zeit feststand, dass das Amulett bei ihr anscheinend nicht funktionierte. Sie hatte dafür gekämpft, sich selbst und alles was sie liebte geopfert.


Und wofür das alles?


Beim bloßen Gedanken daran stiegen ihr sofort wieder die Tränen in die Augen.


 


Diesen Triumph werde ich dem Ding nicht schon wieder gönnen, dachte sie wütend und wischte sich fahrig übers Gesicht.


 


Dann konzentrierte sie sich erneut auf das, was sie mittlerweile am besten konnte – still sitzen, grübeln und starren.


 


Fast lautlos öffnete sich die Tür hinter ihr und schloss sich wieder. Celina musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer den Raum gerade betreten hatte. Wie immer konnte sie Aarons Anwesenheit überdeutlich spüren. Er bewegte sich nicht und sagte kein einziges Wort, als ob er erst abschätzen wollte, ob er sie stören dürfte. Celina seufzte. Es war in letzter Zeit wirklich nicht leicht mit ihr gewesen. Wieder einmal hatten sie keinen nennenswerten Fortschritt erzielt und so langsam begann sie, einfach alles in Frage zu stellen.


War sie wirklich die Richtige für diese Aufgabe?


Was machte sie falsch?


Würde der nächste Schritt sie endlich voranbringen oder würde er sie nur zum nächsten Rückschlag führen?



Die Ungewissheit hing wie ein Schatten über ihr und ließ sie erstarren, obwohl sie doch eigentlich nach vorn schauen und weitermachen sollte. Aber jedes Mal, wenn sie sich aufraffen wollte, kehrten die düsteren Gedanken zurück. Sie befand sich in einer Endlosschleife und seit sie endlich auch erkannt hatte, dass sie darin festhing, war es mit ihrer Laune stetig bergab gegangen. So langsam aber sicher schien jeder in ihrem Umfeld die Geduld mit ihr zu verlieren. Erst vor zwei Tagen war David wütend in ihr Zimmer gestürmt und hatte ihr vorgeworfen, dass sie den Glauben an sich verloren hätte und aufgeben würde. Wenn man es genau nahm, hatte er damit nicht ganz Unrecht, aber sie schaffte es einfach nicht, sich aus ihrer Starre zu lösen. Der Einzige, der ihr noch keine Vorhaltungen gemacht hatte, war Aaron. Statt David zu bestärken, zog er ihn unsanft aus dem Raum und schloss mit einem entschuldigenden Blick in ihre Richtung die Tür hinter sich. Dann ging er dazu über seinen Bruder anzuschreien, dass er Celina endlich in Ruhe lassen sollte und dass dies auch für jeden anderen in diesem Haus gelten würde, wenn ihnen ihr Leben lieb wäre.


Die Diskussion die daraufhin folgte, hätte Celina am liebsten nicht mitbekommen, aber es blieb ihr nicht erspart:


«Aber irgendjemand muss ihr doch sagen, dass es so nicht weitergeht. Sie kann sich nicht jedes Mal einigeln, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es plant», hatte David gebrüllt und damit Aarons Wut erst so richtig entfacht.


«Meinst du, dass sie das nicht weiß? Es ist ihr durchaus bewusst und sie leidet. Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Du kommst hierher und machst ihr Vorwürfe? Wie oft hast du dich in deinem Zimmer verkrochen und dich deiner Verzweiflung hingegeben. Niemand kam und hat dich deswegen angeschrien. Gerade du solltest ein bisschen mehr Verständnis aufbringen. Wag es nie wieder sie so anzuschreien. Das erlaube ich nicht!»


«Und was willst du dagegen tun? Ich bin nicht der Einzige, der so denkt. Warte erst bis Kara und Liza vor ihrer Tür stehen…»


Ein paar Minuten herrschte eisiges Schweigen zwischen den beiden, bevor Aaron zum Gegenschlag ausholte.


Seine Stimme klang dabei so ruhig und schneidend, dass es Celina das Blut in den Adern gefrieren ließ:


«Dann richte ihnen allen aus: Wenn es sich auch nur noch einer wagen sollte, Celina zu belästigen, werden wir gehen und nicht wieder zur Familie zurückkehren», und fügte, so laut dass alle es gehört haben müssten, hinzu: «Ich hoffe, dass das bei dir und allen anderen angekommen ist!»


Mit diesen Worten ließ er David stehen.


Dieser schien von der Drohung so schockiert zu sein, dass er kein einziges Wort mehr herausbrachte und einfach nur noch wütend davonstapfte. Seitdem hatte sich keiner mehr getraut in ihre Nähe zu kommen und Celina war wieder einmal bewusst geworden, dass es nichts gab, dass Aaron nicht für sie tun würde. Er würde sogar seine Familie verlassen, wenn er das Gefühl hätte, dass sie ihr irgendwie schaden könnte, auch wenn er eigentlich genau wusste, dass die Laurents Recht hatten. Und dass sie richtig lagen, war ihnen ja wohl beiden bewusst.


 


Dennoch lässt er mich gewähren und steht hundertprozentig hinter mir, dachte sie in einem Anflug von schlechten Gewissen.


 


Es gibt nichts, dass ich nicht für dich tun würde, sagte er kleinlaut von der Tür aus.


 


Seine Worte halfen ihr, sich aus ihrer Starre zu lösen und sie begann zu sprechen: «Das kann doch aber echt nicht wahr sein. Irgendetwas muss es damit doch auf sich haben. Aber warum funktioniert es nicht», schimpfte sie laut vor sich hin und warf dem Amulett noch einen bösen Blick zu, bevor sie es vorübergehend in die Schublade verbannte und sich zu Aaron umdrehte. Sie konnte seine Erleichterung deutlich spüren, als er hinter sie trat und ihr sanft die Hand auf die Schulter legte. Dann setzte er sich zu ihr aufs Bett und nahm sie tröstend in den Arm. «Vielleicht dauert es einfach noch oder Samuel hat vielleicht wirklich Recht und es hat nach all den Jahren seine Macht für immer verloren», sagte er ganz vorsichtig.


Diese Erklärung konnte und wollte Celina aber noch immer nicht akzeptieren. Energisch schüttelte sie den Kopf. Ihr war von Anfang an klar, dass sie mit dem nächsten Satz erneut auf die Diskussion zusteuern würden, die sie in den letzten Tagen schon unzählige Male geführt hatten.


Trotzdem konnte sie nicht anders und warf ein: «Aber bei William hat es doch auch funktioniert. Es hat ihn jahrelang davor bewahrt, sich zu verwandeln!»


Damit lag sie zwar nicht ganz falsch, aber leider ließ der Fakt, dass es seinen Zauber erst verloren hatte seit William nicht mehr da war, nur einen anderen möglichen Schluss zu:


Die Macht des Amuletts ließ sich einfach nicht auf ihren Teil der Familie übertragen!


Lag darin die Lösung des Rätsels?


Und wenn es so wäre, was würde das dann für ihre Mission gegen Ammon bedeuten?


Die Antwort war erschreckend klar und einfach:


Sie würden wieder ganz am Anfang stehen und alles was sie getan hätten, seit sie aus Fort Kain weggegangen waren, wäre umsonst gewesen.


Vielleicht nicht ganz umsonst, schließlich hatte sie William erlöst, aber ansonsten wäre es eine absolute Katastrophe! Ihnen lief die Zeit davon! Wie feiner Sand rieselte sie unaufhaltsam durch ihre Hände und mittlerweile blieben ihnen gerade einmal zwei Monate, bis Ammon sich erheben würde, um die Menschheit zu vernichten. Außerdem müsste Celina sich diesen erneuten Rückschlag selbst zuschreiben. Schließlich war sie es gewesen, die die Laurents auf die Fährte mit dem Amulett geführt hatte und somit war es auch ihr ganz persönliches Versagen, das sie um einen möglichen Sieg bringen könnte. Mit allem könnte Celina leben, aber zu wissen, dass sie schuld wäre, würde sie unweigerlich innerlich zerstören. Dieser Gedanke war für sie so schwer zu ertragen, dass sie ihn lieber ganz weit von sich schob. Es war wirklich an der Zeit nach vorne zu blicken und etwas zu unternehmen. Zumal sich erst gestern schon wieder neue Probleme angekündigt hatten.


 


Sie kamen in Form eines netten Anrufs von ihrer besten Freundin Anne! Wenn Celina nur daran zurückdachte, drehte sich ihr bereits der Magen um: Zuerst schien es einfach nur der ganz normale wöchentliche Hallo-da-bin-ich-und-wie-geht-es-dir-Anruf zu sein und wäre Celina nicht zu abgelenkt gewesen, hätte sie vielleicht die negative Grundstimmung herausgehört, die bereits von Anfang an mitschwang. Die am Ende folgende Information als eine unvorhergesehene Komplikation abzutun, wäre wahrscheinlich die Untertreibung des Jahrhunderts. Celina machte sich auch heute noch Vorwürfe, dass sie nicht schon viel früher die Schwachstelle in ihrem ganzen Plan erkannt oder zumindest besser zugehört hatte, damit ihr dieser Schock erspart geblieben wäre.


Aber wie hätte sie es vorausahnen sollen? Schließlich klang Anne am Anfang noch ganz normal. Celina sah die düsteren Wolken, die sich langsam über ihr zusammenbrauten und einen Sturm zu entfesseln drohten, erst als es bereits zu spät war. Aber der Reihe nach: Anfangs klang Anne noch ganz normal, wenn nicht sogar fröhlich:


«Hallo Maus, wie geht’s dir heute?»


«Eigentlich ganz gut und bei dir? Was gibt’s neues in der Heimat», antwortete Celina brav und stellte somit gleich ihre Gegenfragen.


Wie immer erzählte Anne ihr alles, was sich zugetragen hatte, seit sie das letzte Mal gesprochen hatten.


Es waren ganz normale Themen: der Alltag an der Uni, Annes Beziehung zu Daniel und der neuste Kleinstadttratsch. Manchmal schaffte ihre beste Freundin es sogar, Celina für kurze Zeit aus ihrem problembeladenen Hier und Jetzt zu reißen und dafür war sie ihr insgeheim unendlich dankbar. So waren alle Telefonate verlaufen, seit Celina Fort Kain verlassen hatte. Es war wie eine stille Abmachung, an die Anne sich immer strikt hielt: Celina hörte ihr zu und Anne bohrte dafür nie nach, wo sie war und wann sie endlich zurückkommen würde! Das hatte immer sehr gut funktioniert…


Bis jetzt:


«Ich weiß, dass du diese Frage sicher nicht hören möchtest, aber…», begann Anne und hielt zögernd wieder inne.


Bei Celina schrillten sofort die Alarmglocken und wäre sie nicht so überrumpelt gewesen, hätte sie sie bestimmt aufgehalten.


Aber sie saß einfach nur da, hielt die Luft an und ließ Anne weitersprechen:


«…weißt du eigentlich schon, wann du gedenkst zurückzukommen?»


Da war sie: die Frage, von der Celina gehofft hatte, dass Anne sie ihr niemals stellen müsste. Jetzt stand sie im Raum, raubte ihr den Atem und schien sich bis in die Unendlichkeit auszudehnen. Sicher wäre es das Beste gewesen, wenn Celina sich herausgeredet und Anne vertröstet hätte, aber die ganze Situation ging ihr so nah, dass sie es einfach nicht über sich brachte. Deshalb blieb sie, nachdem sie sich einigermaßen wieder gefangen hatte, einfach bei der Wahrheit.


Ihre Stimme war nur ein Flüstern:


«Wir hatten es eigentlich schon fast geschafft und ich dachte wirklich, dass ich schon längst wieder nach Haus fahren könnte, aber es gibt da leider noch ein kleines Problem und deshalb dauert es wohl noch ein bisschen. Wie lange genau, kann ich noch nicht sagen!»


Der letzte Satz brach ihr selbst fast das Herz und sie musste sich sehr zusammenreißen, damit sie nicht in Tränen ausbrach.


 


Es zu denken und es laut auszusprechen sind zwei komplett verschiedene Dinge, dachte sie traurig bei sich und wartete auf Annes Reaktion.


 


Aber es kam nichts!


Kurz dachte sie sogar, dass Anne einfach aufgelegt hatte.


«Hallo? Anne? Bist du noch dran?»


Nach wenigen Sekunden räusperte sich ihre Freundin und sprach dann ganz aufgeregt weiter:


«Das ist ganz übel. Ich glaub, wir stecken in ernsthaften Schwierigkeiten», war alles was sie herausbrachte, bevor es am anderen Ende der Leitung ganz still wurde.


Die Tatsache, dass Anne so herumdruckste, machte Celina fast wahnsinnig und sie hakte nach, um sie endlich zum Weiterreden zu bewegen:


«Hallo Anne? Was meinst du damit?»


Ihre Stimme klang jetzt nicht mehr so ruhig, sondern drängend und endlich ließ Anne die Bombe platzen:


«Du hast ja in drei Wochen Geburtstag. Marie und ich haben gestern mit der Planung einer Überraschungsparty begonnen», stotterte sie und man konnte ganz deutlich hören, wie groß ihr schlechtes Gewissen war.


Als Celina ihren Verstand zwang sich nicht mehr zu weigern, den Sinn von Annes Worten zu verstehen, wurde ihr sofort speiübel. Ihr einziges Glück war, dass sie schon saß, als sie die freudige Nachricht empfing. Schnell versuchte sie ihr Gedanken zu ordnen und sich der kompletten Tragweite bewusst zu werden, nur um dabei festzustellen, dass ihr das noch mehr Übelkeit bereitete. Sie versuchte, mit allen Mitteln dagegen anzukämpfen und sich zu konzentrieren.


Dann machte sie eine kleine Bestandaufnahme: Die wichtigsten Fragen zuerst und dann würden sie vielleicht schon eine Lösung finden!


 


Haha!


 


«Wo ist Marie jetzt? Ist sie schon wieder zurück», fragte sie ängstlich und rechnet bereits mit dem Schlimmsten.


«Nein, nein! Sie ist noch in Paris und sie kommt auch erst einen Tag vor deinem Geburtstag zurück. Wir beraten uns nur übers Telefon. Ich organisiere alles und soll sie dann vom Flughafen abholen», antwortete Anne in beruhigendem Ton, da sie genau spürte, dass ihre Freundin kurz vor einer Panikattacke stand.


Es wirkte tatsächlich.


Celina atmete erleichtert auf und fragte dann weiter:


«Hast du schon irgendeine Idee, wie wir sie aufhalten können?»


Die Antwort gefiel ihr gar nicht:


«Sorry, hab keinen Plan! Ich hab schon alles probiert. Ich hab ihr gesagt, dass das doch einfach nur teuer ist und du eigentlich eh nicht wirklich Zeit hast zu feiern, weil so viel in der Uni los ist, aber sie wollte sich einfach nicht abhalten lassen. Sie meinte, dass sie noch nie einen deiner Geburtstage verpasst hat und auch jetzt nicht damit anfangen würde. Dabei klang sie so resolut, dass ich nichts mehr erwidern konnte. Es tut mir wirklich leid, aber du solltest schleunigst zusehen, dass du hierherkommst.»


Das war wirklich nicht das, was sie von Anne hören wollte, aber sie wusste, wie ihre Tante sein konnte und dies konnte man ihr nicht einmal übel nehmen. Es wäre ja auch eigentlich kein Problem und unter anderen Umständen hatte Celina sich sicher gefreut, aber die Situation war nun mal so gegeben und Maries Überraschungsbesuch war momentan echt das Letzte, was sie gebrauchen konnte.


«Danke, dass du mich informiert hast. Ich wünsch dir noch einen schönen Tag. Ich melde mich, sobald ich was Genaueres weiß», sagte sie und legte einfach auf, ohne Annes Antwort abzuwarten.


Sie wusste, dass es Anne gegenüber nicht fair war, weil sie sie die ganze Zeit gedeckt hatte. Aber sie musste jetzt einfach allein sein.


 


Nur noch drei Wochen! Wir haben schon in den letzten zwei Wochen nichts erreicht, fluchte sie leise, ließ sich aufs Bett fallen und zog sich das Kissen über den Kopf.


 


So hatte Aaron sie dann auch zwei Stunden später gefunden. Er war erstaunlich ruhig geblieben, als Celina ihm alles erzählt hatte. Anscheinend konnte ihn nach so langer Zeit einfach nichts mehr überraschen und wenn sie ein bisschen ehrlicher zu sich selbst gewesen wäre, wäre ihr sicher bewusst gewesen, dass auch sie jederzeit damit hätte rechnen müssen.


 


Hab ich aber nicht und jetzt bekomm ich die Quittung dafür!


 


«Samuel möchte gern mit dir reden. Es geht um Annes Anruf», setzte Aaron jetzt an und riss sie so aus ihren Gedanken.


Mit hochgezogener Augenbraue sah sie ihn fragend an, aber er schüttelte nur den Kopf und murmelte:


«Er wollte mir auch nicht mehr sagen. Wir müssen wohl zusammen zu ihm gehen.»


Es war das erste Mal, dass das Thema wieder zur Sprache kam und sie konnte nur hoffen, dass Samuel vielleicht eine Lösung parat hatte. Ohne zu zögern stand sie auf und ging zur Tür.


 


Samuel saß im Wohnzimmer auf der Couch und starrte in das prasselnde Feuer, das irgendjemand im Kamin entzündet hatte. Vom Rest des Laurent-Clans war keine Spur zu sehen. Erst als sie sich neben ihn setzte, blickte er auf und seine Miene erhellte sich ein bisschen.


«Da bist du ja endlich wieder», sagte er und schien dabei sehr erfreut zu sein.


Anfangs wollte sie sich dafür entschuldigen, dass sie sich in den letzten Tagen so rar gemacht hatte und so unausstehlich gewesen war, aber als sie gerade ansetzte, unterbrach er sie:


«Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Wir hatten wahrscheinlich alle mehr erwartet und jeder musste sich erst einmal damit auseinandersetzen, wie es jetzt weitergehen soll.»


Sein Verständnis sorgte nur dafür, dass ihr schlechtes Gewissen noch mehr wuchs.


Schnell schob sie es beiseite und fragte kleinlaut:


«Weißt du denn schon, was wir jetzt machen?»


Vorsichtig begann er:


«Naja, wenn ich Aaron richtig verstanden habe, steht ja schon so halb fest, was wir als nächstes tun müssen…»


Er ließ den Satz im Raum stehen.


Celina zog scharf die Luft ein und erwiderte dann:


«Was meinst du damit? Nach Fort Kain zurückkehren? Das können wir nicht. Du weißt doch, was passiert ist, bevor wir abgereist sind.»


Er zuckte nur mit den Schultern:


«Natürlich weiß ich das. Aber wahrscheinlich wäre das sowieso der nächste Schritt gewesen, auch wenn deine Freundin hier nicht angerufen hätte. Wir haben unsere Angelegenheiten in Lawthornville erledigt und das Amulett haben wir auch bekommen, also spricht doch nichts dagegen.»


 


Wie kann er nur so ruhig bleiben, überlegte sie und warf dann wieder ein: «Das geht doch aber nicht. Wir können nicht zurückkehren.»


Was er als nächstes sagte, erschütterte sie zutiefst:


«Ganz ehrlich Celina. Es hat gar keinen Sinn sich zu verstecken. Es sind nur noch zwei Monate, bis Ammon seinen Plan in die Tat umsetzen wird. Sicher mussten wir Fort Kain verlassen, um das Amulett zu finden, aber mittlerweile haben wir das erreicht und du bist in Fort Kain genauso sicher, wie überall anders auf der Welt…»


 


…nämlich gar nicht, vollendete sie in Gedanken seinen Satz, als sie seinen traurigen Blick sah.


 


Aaron hatte sie gehört und mischte sich jetzt in das Gespräch ein:


«Und warum sagst du das erst jetzt? Was meint eigentlich Cyrus dazu? Das würde mich echt mal interessieren!»


«Zugegeben: anfangs war er auch nicht begeistert, aber im Endeffekt hat er mir dann doch zugestimmt. Die Anderen sind auch dafür und wenn du mal genauer darüber nachdenkst, wirst auch du erkennen, dass es so besser ist. Laurent Manor ist wahrscheinlich noch der sicherste Ort für Celina. Wir hatten auf dem Anwesen noch nie Probleme mit Werwölfen und wir können uns dort besser verteidigen, weil wir die örtlichen Begebenheiten kennen.»


Aaron wägte Samuels Worte ab und als ihm kein Gegenargument einfiel, nickte er stumm.


Jetzt sprach Samuel an Celina gewandt weiter:


«Das bedeutet allerdings auch, dass du wirklich dort bleiben musst und wir bei unserer Rückkehr so wenig Aufsehen wie möglich erregen dürfen. Du wirst Anne mitteilen, dass wir zurückkehren und du gern im kleinen Kreis bei uns auf dem Anwesen feiern möchtest. Sag ihr auch, dass du nicht willst, dass die ganze Stadt es mitbekommt. Kriegst du das hin, ohne zu viel zu verraten», fragte er mit Bedacht.


Im ersten Moment war Celinas Miene unergründlich, während sie darüber nachdachte. Anne hatte sie jetzt schon so lange gedeckt, dass es wohl darauf auch nicht mehr ankommen würde und sie würde lieber den Rest ihres Lebens in Laurent Manor verbringen, als ständig auf der Flucht zu sein. Der Gedanke, endlich nach Hause zurückkehren zu dürfen, war einfach zu verlockend, auch wenn sie natürlich nicht vergessen konnte, welche Szenen sich abgespielt hatten, bevor sie weggegangen waren. In Ermangelung von echten Alternativen willigte sie letztendlich ein.


«Dann ist es also beschlossen. Wir werden gleich morgen aufbrechen», schloss Samuel das Gespräch und ihm schien bei diesen Worten wirklich ein Stein vom Herzen zu fallen.


 


Ich geh dann mal Anne Bescheid sagen und packen, informierte sie Aaron mit einem Seufzer und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer.


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