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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Weltbürger, Claudia Fell
Claudia Fell

Weltbürger


Ein philosophischer Fantasy-Abenteuer-Roman

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Sapere aude!


Wage zu wissen


 


Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht Mangel des Verstandes, sondern der Erschließung und des Mutes liegt, sich ohne Leitung eines Anderen zu bedienen.


 


Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein großer Teil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleiben...


 


... und warum es Anderen so leicht gemacht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.


Es ist so bequem unmündig zu sein...


 


Immanuel Kant


 


 


 


 


 


Kapitel 1


 


 


Maria... Maria packt fester zu, rutscht ab, greift mit der anderen Hand nach, ein Ruck noch und sie steht drinnen. Die nächste Welle kommt und hebt das Schlauchboot bedenklich nah an die Bordwand. Gummi rutscht auf Eisen runter. Maria kann Wasser nicht ausstehen und Lampedusa, dieser Kalkfleck im Mittelmeer, liegt für ihren Geschmack viel zu weit von sämtlichen Küsten weg. Breitbeinig arbeitet sie sich vorwärts und kämpft gegen ungewohnte Kräfte an. Von den fünf Männern an Bord streckt ihr natürlich keiner eine hilfreiche Hand hin. Im Gegenteil, der Außenbordmotor wird gestartet und fügt den Gewalten unter ihr eine weitere hinzu. Kurz darauf landet Maria bäuchlings über dem Seitenwulst mit dem Ge-sicht bedenklich nah an der Wasseroberfläche. Stocksteif verharrt sie in dieser Position und hadert mit ihrem Schicksal. Als Tom ihr von den neu-en Offshore-Schlauchbooten vorschwärmte, hatte sie sich etwas völlig anderes vorgestellt, irgendwie gemütlicher und langsamer. Aber dieses Höllengefährt schwimmt nicht, wie das Schlauchboote ihrer Meinung nach machen sollten, sondern hebt wahrscheinlich demnächst ganz vom Wasser ab. Eine Hand schließt sich um ihren Ellenbogen. „Kann ich behilflich sein?“ Maria dreht den Kopf und schaut hoch. Der Höflichkeit halber setzt sie ein Lächeln auf. „Danke, eigentlich würde ich gerne vorne sitzen, hier ist es mir ehrlich gesagt zu nah am Wasser.“ Der Neuankömmling hilft Maria hoch und führt sie an den aufgetürmten Rettungsringen vorbei zu den Sitzbänken. Maria klammert sich an seinem Arm fest und dankt Gott für die Erfindung von Schwimmwesten. Nur Toms Blick und der Gedanke an das Gelächter der Crew hat sie davon abgehalten, gleich Zwei anzuziehen. Erleichtert fällt sie auf den Sitz, packt den seitlichen Haltegriff und atmet tief durch. Soweit, so gut. Lächelnd dreht sie sich zu ihrem Retter um, bedankt sich und will noch etwas Nettes sagen, doch der Motor heult auf und schiebt das Schlauchboot unnachgiebig auf das offene Meer. Die Schubkraft drückt Maria nach hinten. Mutter Gottes, was hat sie sich bloß dabei gedacht? Es ist nicht einmal zwei Stunden her, die Besprechung war zu Ende und Maria gerade am Gehen, da stürmt Tom in das Büro von Watch People und spielt seinen Kollegen Mitschnitte von brisanten Notrufen vor. Zuerst rauschte und knackte es in der Leitung, dann hört man eine Männerstim-me. Sie klingt verzweifelt. „Bitte helft uns. Wir ertrinken... Wir sind alles Syrer, viele von uns sind Ärzte. Wir sind seit gestern auf der Flucht. Die lybische Miliz hat auf uns geschossen. Wasser dringt durch die defekte Bootswand ein. Das Boot... es sinkt.“ Eine nasale Frauenstimme beruhigt ihn, fragt nach den Koordinaten und verspricht Hilfe. Tom stoppt die Aufnahme. „Das war vor zwei Stunden, aber hört Euch das jetzt mal an.“ Es ist eindeutig der gleiche Mann, auch wenn seine Stimme eine Oktave höher ist und drängender als zuvor. Wieder fleht er um Hilfe, sagt, dass kein Rettungsboot in Sichtweite sei und gibt noch einmal die GPS Daten durch. Die Frau von der Leitstelle antwortet kurz, knapp und teilnahmslos. “Wir verstehen ihr Problem, aber sie rufen die falsche Nummer an. Wir sind weder für ihren Bereich, noch für die 480 Flüchtlinge auf ihrem Boot zuständig. Wenn sie sich gedulden wollen, leite ich ihren Notruf an die zuständigen Stellen nach Malta weiter...“ Nicht nur Maria war geschockt, auch bei den Mitarbeitern von Watch People brach Panik aus. Malta ist viel zu weit weg und eine Seenotrettung somit aussichtslos. So etwas erlebten sie nicht zum ersten Mal, die Länder und Behörden redeten sich mit immer abstruseren Ausreden heraus. Nie-mand will die vielen Flüchtlinge aufnehmen, die über das Mittelmeer in Massen nach Europa strömen. Deshalb beschließt Watch People eine ei-gene Rettungsmission. Tom ist der Übeltäter, der sie dazu eingeladen hat und ablehnen kam für Maria nicht in Frage, denn der Verein gehört zu den wenigen Mandanten, die ihre Rechnungen auch bezahlten. Mittlerweile bereut sie ihren sponta-nen Entschluß. Sie hat Interesse, sonst würde sie nicht als Anwältin für Menschenrechte arbeiten, aber hundert Mal lieber setzt sie ihre Lebens-energie beim Aktenwälzen und vor Gericht ein, statt hier auf hoher See. Marias Problem sind nicht die Flüchtlinge. Sie weiß nur zu gut, dass die bis zum Erbrechen benutzten Wörter, wie Gefahr, Schmerz, Panik, Hoff-nung, Enttäuschungen und Angst leider die Realität für Flüchtlinge bedeu-ten, ohne Notausgang. Marias Problem ist das Schlauchboot auf dem Mit-telmeer, Angst vor Wasser und ja, langsam aber sicher wird ihr schlecht. Der Wind legt sich, die Wellen scheinen beruhigter. Insgesamt sind fünf Boote gestartet und ihres ist das Einzige mit Gästen, die anderen sind voll beladen mit Rettungsringen und faltbaren Inseln. Gischt sprüht. Maria wischt mit der freien Hand das Salzwasser aus den Augen und stößt dabei ihren Nachbarn an. Lächelnd dreht sie den Kopf, eine Entschuldigung auf den Lippen. Vorhin hat sie Klopp kurz begrüßt, er ist nicht alleine hier und normalerweise in Kriegsgebieten unterwegs... Der Druck in ihrem Magen steigt. Klopp hebt den Kopf, grinst zurück und beugt sich wieder über seine No-tizen. Das Funkgerät hält er fest an das Ohr gepresst, sein Kameramann sitzt griffbereit daneben. Klopp recherchiert mit Sicherheit für die heutigen Abendnachrichten. Marias Blick sucht Halt und landet auf Gerald und Hans, von Watch Peo-ple. Der Eine ist hochgeschossen und mager, der Andere klein mit mäch-tig struppigen Haaren. Hans steht am Bug und hält den Feldstecher fest an die Augen gepresst, aus dem Mund ragt sein pflichtbewusster Zahnsto-cher. Sein Vorrat an den Dingern scheint unerschöpflich. Ein Schatten schiebt sich über das Boot und lenkt sie ab, so wie es aussieht, passieren sie die Wassergrenze. Strategisch und im Abstand von mehreren Kilome-tern riegeln Kriegsschiffe hier, die Küsten Europas ab. Das muss also die europäische Maginot-Linie sein, von der Tom immer erzählt. Er hat ihr den Spitznamen gegeben, weil diese Form der Abwehr ihn stark an die berühmte Verteidigunslinie Frankreichs erinnert. Maria legt den Kopf weit nach hinten und lässt das italienische Kriegs-schiff auf sich wirken. Das Monster ist grau gestrichen und nichts an ihm lenkt von seinem effizienten und düsteren Kriegsversprechen ab. Selbst bei Maria kommt die Botschaft deutlich an. In ihrem Büro stapeln sich die Dokumentationen über sämtliche Migrationskontroll-Maßnahmen und vor ihr schwimmt der Beweis. Europa läßt sich den eigenen Schutz einiges Kosten und greift hier tief in die leeren Taschen. Gerald steht immer noch breitbeinig da und tippt emsig Daten in sein IPad, anscheinend hat er die Flüchtlinge noch nicht geortet. Watch People ist eine straff organisierte Hilfsorganisation und nicht wirklich Teil der Küstenwache, sie überwachen heimlich den Funkverkehr, um bei Fällen wie diesem schnell einzugreifen. „Wir retten Menschenleben und Europa lieber Banken.“, steht mit fetten Buchstaben unter ihrem Logo geschrie-ben. Zugegeben, der Unterton ist spöttisch, wenn nicht sogar aggressiv, aber Tausende von Flüchtlingen verdankten dieser Organisation ihr Leben. Die Zeiten, als man noch bequem über die Landesgrenzen nach Europa flüch-ten konnte, sind schon lange vorbei. Heute riegeln kilomterlange Panzer-gräben und drei Meter hohe Stahlgitter die Landesgrenzen ab. Das Militär und die Küstenwache arbeiten eng mit der 60.000 Mann starken Grenz-schutzagentur Frontex zusammen und setzen dabei alle technischen Raffi-nessen ein. Für viele Flüchtlinge bleibt nur der Weg über das offene Meer... Mit ihrem Boot lassen sie das Kriegsschiff hinter sich. Die Sonne wagt sich zwischen den Wolkenfetzen hervor und wärmt die Luft angenehm auf. Es gibt so gut wie kein Wellengang mehr. Maria fühlt sich zuneh-mend wohler, salzige Meerluft weht ihr um die Nase. Geblendet blinzelt sie. Eigentlich hätte sie vorhin ruhig höflicher und netter sein können, das ist sonst gar nicht ihre Art. Sie dreht sich um und mustert ihren Retter genau-er, lächelt und streckt ihm die Hand hin. „Hallo, ich bin Maria. Danke nochmal für eben.“ Der Mann lächelt zurück, zumindest verzieht er den Mund, ob das Lä-cheln seine Augen erreicht, kann Maria nicht erkennen, sein Gesicht wird zur Hälfte von der Sonnenbrille verdeckt. Er nimmt ihre Hand und drückt sie leicht. „Keine Ursache, sagen Sie bitte Jeshua zu mir. Geht es wie-der?“ Maria nickt. Da sie nicht weiß, was sie sagen soll, weicht sie mit Floskeln aus und deutet nach oben. „Es wird besser. Das Wetter, meine ich.“ Jeshua schweigt lange, bevor er den Kopf neigt und sie über den Brillen-rand hinweg anschaut. „Ja, ich fürchte allerdings, das wird nicht so blei-ben.“ Maria erhascht einen Blick in seine Augen. Ernst wirkt er und traurig... Warum hält er immer noch ihre Hand? „Sind Sie zum ersten Mal auf einem Boot?“ Lachend steht sie auf. „Erwischt. Hat man mir das so deutlich angemerkt? Und was machen Sie hier? Bei Watch People arbeiten Sie nicht, das weiß ich.“ Jeshuas Miene verändert sich kaum. „Ich bin wegen einer ganz bestimm-ten Person hier.“ Maria fragt sich, wer das sein soll. „Das tut mir leid.“ Jeshua blinzelt. „Was tut Ihnen leid?“ „Na, dass Sie versetzt wurden, natürlich.“ Hans ruft nach ihr, Jeshuas Antwort bekommt sie nur noch am Rande mit und den nachdenklichen Blick in ihrem Rücken spürt sie eher, als dass sie ihn sieht. Maria lächelt, stellt sich neben Hans und berührt seinen Ellenbogen. Er hält ihr sein Fernglas hin. „Schau Dir das an.“ Sekundenlang verkrampfen sich die Finger. Hat er das Flüchtlingsboot entdeckt? Hans schmunzelt und zeigt auf eine Stelle im offenen Meer. Zuerst sieht Maria nichts, dann springt ein Körper aus dem Wasser, gleitet knapp über der Oberfläche dahin und verschwindet elegant im Meer. „Das sind Delphine“, lachend drückt sie den Feldstecher an die Augen, keine Sekunde will sie von dem Schauspiel verpassen. Der ganze Schwarm hebt ab und bildet eine Linie fliegender Körper, ganz deutlich kann Maria die ölig schimmernde Haut und die schwarzen Knopfaugen erkennen. Unglaublich, mit was für einer Leichtigkeit sie sich im Wasser bewegen. Die Lebensfreude dieser einzigartigen Tiere ist reine Lust am Leben, findet Maria. Die Delphine springen hoch, starten gewagte Überholmanöver, vollführen kunstvolle Sprünge und überschlagen sich förmlich. Ob sie wissen, dass sie Zuschauer haben? Maria gibt das Fernglas an Hans zurück, sie könnte den Delphinen noch stundenlang zusehen, doch die Suche nach den Flüchtlingen geht vor. Sekunden später meldet Hans die erste Sichtung. Den Koordinaten nach könnte die Lage stimmen, den Abtrieb mit einberechnet. Fünf Minuten später ist er sich sicher. Das ist das Flüchtlingsboot und es ist nicht gesun-ken. Klopp beansprucht sofort das halbe Deck für sich, sein Kameramann fängt mit dem Filmen an und Gerald gibt über Funk den anderen Booten Bescheid. Die Hektik um sie herum macht Maria nervös. Sie weiß weder, wie sie sich verhalten soll, noch wohin mit ihren Händen. Ihr Brustkorb zieht sich zusammen, gleichzeitig steigt der Druck in ihrem Magen, doch die Neu-gier siegt, Maria dreht sich um, kniet auf die Bank und stützt beide Hände auf dem Bootsrand ab. Hinter ihnen verdunkelt sich der Himmel. Wind zieht auf und spielt mit ihren Locken, achtlos wischt sie die Haare weg und sucht das Meer ab, mit der Hand schützt sie die Augen. Tom erhöht das Tempo und schießt mit Vollgas durch die Wellen, Wasserfontainen spritzen meterhoch. Klopps Kameramann entdeckt es zuerst. „Leute kommt her. Da schwimmt was auf dem Wasser.“ Maria sichtet auch etwas. Nein, es ist nicht das Flüchtlingsboot, von hier sieht es viel kleiner aus. Fest kneift sie die Augen zu, doch außer mehrere dunkle Flecken kann sie nichts erkennen. Was könnte das sein? Die Sonne verabschiedet sich endgültig und verschwindet unter der Wol-kendecke. Die Sicht wird schlechter und erste Regentropfen fallen. Es könnten Koffer sein, meint Klopp und kurz darauf bestätigt Hans seine Vermutung und schreit Richtung Heck: „Tom! Bring uns mal näher.“ Tom drosselt die Geschwindigkeit, ändert den Kurs und fährt darauf zu. Die anderen Boote kommen in Sichtweite, auch sie haben die Koffer ent-deckt. Vor Maria schwimmt ein dichter Teppich mit Kleidern, Koffern und Pla-stiktüten auf dem Wasser. Die Armen, jetzt nimmt ihnen das Meer auch noch das letzte bisschen Hab und Gut. Für Maria ist diese Vorstellung schrecklich. Fröstelnd zieht sie die Schul-tern hoch, kalt ist es geworden. Maria wendet sich an Gerald. „Sollen wir die Sachen nicht für später bergen?“ Gerald zuckt mit den Schultern. „Wenn Du willst, gebe ich Dir eine Har-pune, damit kannst Du die Kleider aus dem Wasser fischen. Aber beeile Dich, wir können hier nicht stoppen, die Zeit drängt.“ Alle vorherigen Strapazen sind vergessen, ab sofort ist sie kein Zaungast mehr, sondern aktiv an der Rettung beteiligt. Fest greift sie nach dem Holzstab und untersucht ihn. Am Ende der Speerspitze ist eine Art Haken angebracht, dadurch eignet er sich hervorragend für ihre Zwecke. Hans verteilt unterdessen Regencapes. „Los Leute, die Regenwand ist in spätestens fünf Minuten über uns.“ Tom drosselt die Geschwindigkeit und schrittweise nähern sie sich dem Treibgut. Das müsste reichen, sie sind nah genug. Maria streckt sich über den Bootsrand und angelt mit der Harpune nach dem ersten Kleidungs-stück. Die Sache gestaltet sich schwieriger als gedacht. Klopp beugt sich neben ihr nach vorne. „Wenn Du weiter so schnell arbei-test, hängen wir morgen noch hier.“ „Ich hab sie gleich.“ Die Windstärke hat sich in der kurzen Zeit nahezu verdoppelt und das Meer reagiert unruhig, mit tiefem Wellengang. Maria zieht die Jacke ganz nah an das Boot. Plötzlich bricht der Wind ab. Maria deutet nach oben. „Ist das normal?“ Klopp zuckt mit den Schultern, er beobachtet die Wolkenwand. „Was weiß ich. Komm mach, das Wetter wird nicht besser.“ Maria beugt sich über den Bootsrand, holt mit der Harpune weit aus und schiebt ihren Fang näher heran. Das klappt ganz gut. Durch den Ruck dreht sich die schwarze Jacke auf den Rücken. Sie ist ganz auf den Vorgang fixiert und ihr Gehirn benötigt lange drei Sekunden, um zu begreifen, was da vor ihr im Wasser schwimmt. Es ist nicht nur irgendeine Jacke... aus dem Ärmel schiebt sich eine blasse, völlig entspannte Hand und bleibt friedlich auf Brusthöhe liegen. Maria blinzelt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Ihr Blick wandert weiter und bleibt am Gesicht des Toten hängen. Es ist erstarrt. Die Augen sind aufgerissen, die Pupillen mit einem weißen Film bedeckt, der Mund steht offen. Halb verfault sind die Zähne im blut-leeren Zahnfleisch. Ein Schneidezahn fehlt. Die aufgedunsene Zunge klebt am Gaumen. Der Mann bewegt mit den Wellen seinen Kopf. Also, lebt er noch. Maria lässt die Harpune fallen, beugt sich über die Reeling und greift nach ihm. Klopp reagiert sofort, umfasst ihre Hüfte und drückt zu. Maria spürt davon nichts, packt den Arm im Wasser, reißt daran, greift nach dem Kragen, stemmt sich mit beiden Füßen an der Bordwand ab und zerrt den Toten ins Boot. Seine Beine baumeln noch im Wasser. Kraftlos sinkt Maria auf die Knie. Sie kann nicht glauben, was offensichtlich ist. Der Kopf des Flüchtlings landet in ihrem Schoß. Kräftig schüttelt sie den Mann. Wieder und wieder und wieder. „Wach auf! Wach endlich auf!“ Der Kameramann keucht hörbar, filmt aber wie besessen weiter. An Bord ist es still, keiner regt sich, alle Augen sind auf den Menschen gerichtet, der alles auf sich genommen hat, um vor Granaten, Bomben, Hecken-schützen, Exekutionen und Minen zu flüchten. Was hat ihn angetrieben? Die Hoffnung auf christliche Nächstenliebe? Oder die Hilfe von Moslems im Namen Allahs? Maria weiß nicht, welche Seite schlimmer ist, die, vor der man flieht, oder die, wohin man flieht. Jeshua hat genug gesehen und steht auf. Gemeinsam mit Klopp löst er Marias verkrampfte Hände und redet mit ihr, doch sie hört nichts. Ihre Augen folgen dem toten Flüchtling, wie er zurückgleitet, im Meer ver-schwindet und dann wieder auftaucht, bevor er sich zu den Anderen ge-sellt. Sie sind zu spät gekommen. Entsetzen greift nach ihrem Magen und drückt zu. Maria stößt Jeshua beiseite, beugt sich über die Reeling und würgt. Würgt, bis nur noch gelbe Galle den Magen verlässt. Er stützt sie dabei und wartet. Nachdem es vorbei ist, führt Jeshua sie zurück zur Bank, nimmt ihre eiskalten Hände und reibt sie fest. Maria schaut nicht auf. Sie starrt ins Leere. Mittlerweile sind es zum Flüchtlingsboot nur noch wenige Meter. Hans hat sich getäuscht. Das Boot schwimmt zwar, doch das Deck liegt unter Wasser. Keiner hat überlebt. Tom wendet, seine Kollegen sind schon längst abgedreht. Hier gibt es für sie nichts mehr zu retten. Stumm steht Klopp, sein Kameramann und Gerald da und schauen auf die toten Körper, sie tanzen mit den Wellen. Hans schiebt mit der Harpune den Weg frei und Jeshua drückt seine Hand an Marias schweißnasse Stirn. Das ist das Letzte, was sie bewusst wahr-nimmt.


 



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