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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Waldwandler, Marie Mohn
Marie Mohn

Waldwandler



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Das Knacken eines Astes brach die Stille. Helea schrak hoch. Durch die Schneedecke gelang es kleinen Tieren keinesfalls, Äste zu zerbrechen – es musste ein Bär sein! Doch nicht: Bären tragen selten Lederbeutel bei sich. Sie kniff die Augen zusammen. War das …? Kopfschütteln vertrieb das Bild nicht.


Seit vielen Sommern kam sie hierher und nie war ihr einer begegnet. Dennoch stand vor ihr ein Waldwandler. Obwohl der Kerl vermutlich noch nie einen Kamm gesehen hatte, wirkte er bei Weitem nicht so abstoßend, wie es immer hieß. Unter seinem Fellmantel blitzte blanke Haut hervor. Trug er kein Hemd? Sie blinzelte. Wenigstens für eine Wildlederhose reichte sein Anstand. Aus nachtblauen Augen fixierte er sie und sie entdeckte violette Funken darin. Er zog die Brauen zusammen und sie setzte einige Atemzüge aus, nur um dann nach Luft zu schnappen. Warum wagte sie sich auch ständig an die sagenumwobenen Schattenwälder heran? Obwohl sie niemals einen Fuß hineinsetzte, war sie damit viel zu dicht an der Gefahr. Kurz war sie versucht, hinter ihren Felsen zurückzuweichen. Doch davon ließ sich ein Waldwandler bestimmt nicht abhalten. Sie zog ihren bodenlangen Mantel enger um sich und zwang sich zur Ruhe. Einatmen, ausatmen. Wölfe greifen an, sobald sie Schwäche spüren und das Opfer flüchtet. Galt das auch für andere Waldbewohner?


Er blieb am Waldrand stehen und lehnte, seine Arme lässig über der Brust gekreuzt, an einer Steineiche. Recht bedrohlich wirkte er nicht, auch seine Zähne waren entgegen den Gerüchten nicht schwarz. Abgesehen von seiner Größe, die ihre noch deutlich überschritt, und den wirr abstehenden dunklen Haaren, wirkte er menschlich. Unter seinen Lippen wuchs ein fingerbreiter Streifen eines ebenso dunklen Bartes, der wie bei einem Ziegenbock spitz zulief. Nun gab er seine Position auf und kam auf sie zu.


»Bleib mir vom Leib!«, stieß sie hervor.


Seine Miene verfinsterte sich. »Sonst?«


Helea presste die Lippen aufeinander und versteckte sich hinter ihrer dunkelbraunen Mähne. Sie konnte dem Wilden schlecht drohen, dazu war sie kaum einschüchternd genug.


»Seit wann wagt ihr Städter euch überhaupt zum Wald?«


Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe. »Seit wann«, konterte sie, »wagt ihr euch heraus?«


Sein Mundwinkel zuckte. »Dann fallen wir eben beide aus der Reihe. Ausgezeichnet: Ich hab mir stets einen Kuss von einer verlockenden Städterin gewünscht!«


Helea schnappte nach Luft. Hatte er das tatsächlich gesagt? Sie war fraglos feuerrot!


»Schenkst du mir einen?« Seine Stimme war rau und kehlig.


»Ganz gewiss nicht!«


»Du wirst mir ohnehin verfallen, Widerstand ist zwecklos.« Lachend hob er die Brauen.


»Dein Versuch mich zu umgarnen ebenso!« Sie funkelte den unverschämten Kerl an, aber dieser gab sein Grinsen nicht auf. Bei solch hinterwäldlerischem Verhalten wunderte sie der Ruf der Waldwandler nicht im Geringsten!


Kopfschüttelnd wandte sie sich um. Besser ihm die kalte Schulter zu zeigen und sich an einen sicheren Ort zurückzuziehen, als sich von ihm provozieren zu lassen! Es kam ihr vor, als bohrten sich seine Blicke in ihren Rücken, doch sie wollte nicht unzufrieden sein, solange es bei diesen blieb. Immerhin waren alle Waldwandler Jäger und es würde sie nicht wundern, wenn er einen Speer bei sich trüge. Beinahe war es zu einfach, ihm zu entkommen. Fast wünschte sie, er würde sie aufhalten. Oder zurückrufen. Er tat nichts dergleichen.


Schon nach wenigen Schritten verschluckte das Weiß ihre Umgebung. Die Schattenwälder, Donns Häuser, den Himmel. Ein Seufzer entrang sich Heleas Lippen. Wie gern sie das Rad der Zeit vorgerückt hätte! Orientierungslos kämpfte sie sich voran – hoffentlich stimmte die eingeschlagene Richtung. Der Schnee reichte bis über ihre Knie, zur Abwechslung war ihre Größe von Vorteil. Entschlossen riss sie eines ihrer schlanken Beine hinauf, sprang vor und landete elegant wie ein Ochse in der weißen Plage. Nässe durchzog ihre Röcke und ihre Stiefel drückten wegen der dicken Socken. Wenigstens ihr Mantel leistete seinen Dienst wie gewohnt und so kam sie nur teilgefroren nach Hause.


Helea lehnte sich gegen die Backsteinmauer, bis ihr Atem sich beruhigte. Dann erklomm sie die Außenstiege, fest ans Geländer geklammert, um auf den eisigen Stufen nicht auszurutschen. Oben hüpfte sie mehrmals, ehe sie das Haus betrat – Pfützen aufwischen zu müssen, fehlte ihr jetzt gerade noch. Sie huschte am Eingang zur Wohnstube und den streitenden Stimmen ihrer Eltern vorbei in ihre Kammer, wo sie die klamme Kleidung gegen trockene tauschte. Wortkarge Grüße mit ihrer Mutter Krewanda und ihrem Vater Hegor austauschend, holte sie Brot und Käse aus der Küche.


»Oben rumpelt es wieder, als wäre eine ganze Horde Marder unterwegs!« Krewanda warf ihre rote Lockenmähne zurück und funkelte ihren Mann an, als wäre er höchstpersönlich dafür verantwortlich.


Dieser zupfte seinen Vollbart zurecht und zuckte mit den Schultern. »Der Kammerjäger kommt, sobald er Zeit findet. Ich rühre den Dachstuhl nicht an.«


»Du könntest wirklich selbst-«


Helea schlug die Tür hinter sich zu und flüchtete die Stiege hinab zur Nähstube. Keinen Moment länger ertrug sie das Gezänk ihrer Eltern. Da zerstach sie sich lieber die Finger beim Versuch, die dicken Felle zu nähen. Bei diesem diffusen Licht kunstvolle Hemden zu fertigen, war eine Zumutung, aber wenn sie sich beeilte, konnte sie heute früher aufhören und den Abend bei ihrer besten Freundin Sanne in der Schenke verbringen. Helea entzündete zwei Kerzen – sie pfiff auf die Wettergötter! Ihre kleinen Sonnen umgaben sie und spendeten beinahe genug Licht, um ein Hemd zu nähen. Doch der Zwirn wehrte sich vehement, durchs Öhr zu schlüpfen. »Verflucht!«, zischte sie und schleuderte das Nähzeug auf den Boden. Was hatte sie nur geritten, die Lehre zur Schneiderin vorzuziehen, anstatt in die Fußstapfen ihrer Mutter als Hebamme oder ihres Vaters als Schuster zu steigen? Unruhig wippte sie vor und zurück, was beim Ziehen ordentlicher Nähte nicht gerade förderlich war. Sie war keine Frau für solch ruhige Tätigkeiten, stets glaubte sie, Wichtiges zu verpassen. Wäre es nicht furchtbar, wenn irgendwo etwas geschähe, dass ihr Leben grundlegend verändern könnte und sie merkte es gar nicht? Würde sie wie Sanne in einer der Schenken arbeiten, wäre sie ständig von Menschen umgeben und erführe direkt, was es Neues gab. Hier bekam sie nicht mit, was in der Welt vorging und wer sich wo herumtrieb. Ob der Waldwandler mit den blauvioletten Augen sich erneut so nah an die Stadt heranwagte? Verärgert wischte sie den Gedanken hinfort. Es gab Wichtigeres, worüber sie sich den Kopf zerbrechen konnte. Ihr einundzwanzigstes Lebensjahr würde in wenigen Monden vollendet sein und sie hatte noch nicht die geringste Ahnung, mit welchem Kerl sie ihre Zukunft teilen sollte. Ihre Galgenfrist lief aus. »Du willst doch keine alte Jungfer werden?«, hatte ihr Vater vor zwei Jahresläufen gefragt und dabei tadelnd den Kopf geschüttelt, »Spätestens mit einundzwanzig Sommern wirst du vermählt, Täubchen.« Ihre Unruhe war kein Wunder. Die Zeit lief ihr davon! Außer Sanne und ihr waren alle gleichaltrigen Frauen längst verheiratet und kamen brav ihren hausmütterlichen Pflichten nach. Noch durfte sie selbst wählen, bedingt natürlich, aber immerhin blieb ihr ein Mitspracherecht. Nur: Wie sollte sie jemanden kennenlernen, wenn sie hier in der Werkstatt festsaß?


 


Rauch erfüllte die Schenke noch dichter als die Gäste. Helea schob sich zwischen zwei älteren Männern durch und schlug dem rechten auf die Finger, als er seine Griffel ausstreckte, um sie zu betatschen. So weit würde es noch kommen! Der Linke zog heftig an seiner Pfeife und grinste sie dann mit seinen fauligen Zähnen an. Sie schüttelte sich und eilte weiter. Bei der Bar angekommen, glättete sie ihre Röcke und sank auf einen der Hocker. Sannes brünette Lockenmähne hüpfte zwischen zwei Fässern auf und ab. Dann sprang sie auf, wirbelte herum und knallte vier übervolle Becher kühlen Honigwein auf die Bar. Gierige Gäste stürzten sich darauf und Helea trat kopfschüttelnd näher.


Sanne lächelte. »Grüß dich!«


»Ganz schön voll heute«, entgegnete sie. »Hast du trotzdem einen Moment für mich?«


»Später«, schnaufte Sanne, während sie ihren molligen Körper gegen ein Fass stemmte, »Hilfst du mir, Kerom?«


Auf den jungen Bäcker war Verlass. Einen Augenblick später war er beim Fass, wo er mit Mo zusammenstieß, einem Maurer, der ebenfalls seine Ritterlichkeit unter Beweis stellen wollte. »He!«, beschwerte sich dieser und drängte Kerom beiseite. Obwohl der Bäcker groß war und etwa im gleichen Alter, wirkte er gegen den kräftigen Mo schmächtig. Wegen all der männlichen Aufmerksamkeit errötete Sanne und trat zurück. Helea lächelte ihr aufmunternd zu. Sanne atmete tief durch und forderte: »Los ihr beiden, auf drei hinauf damit.« Die Männer funkelten sich grimmig an, hievten das Fass jedoch gemeinsam auf den Tisch. Sanne schlenderte gemächlich darauf zu, füllte weitere Becher an und drückte den sprachlosen Kerlen je einen in die Hand, bevor sie Helea einen entgegen schob. Helea kniff die Augen zusammen, als sie schluckte. Das süße Gebräu würde nicht mehr zu ihrem Lieblingsgetränk werden. Sanne schwang ihre Hüften hoch motiviert durch den Gastraum, es würde noch dauern, bis eine Pause möglich war. Heleas Blick schweifte über die Masse an trinkfreudigen Besuchern. Kerom prostete ihr zu und sie seufzte, ehe sie die Geste erwiderte.


Als Sanne ihr endlich deutete hinauszugehen, brannten ihre Augen. Vielleicht war es doch gut, nicht in der Schenke zu arbeiten – auf Dauer war diese rauchige Umgebung kein Optimal-Zustand. Gierig sog sie die kühle Nachtluft ein und lehnte sich gegen die verputzte Mauer des Fachwerkhauses, die sich von all den Backsteinhäusern in der Stadt bleich abhob. Sie setzte gerade an, um von ihrer Begegnung mit dem Waldwandler zu erzählen, als es hinter ihnen zischte und flackerndes Licht den Hinterhof erhellte. Was zum Teufel …? Sie wirbelte herum. Flammen züngelten den Türstock hinauf und eine rothaarige Frau stand mit offenem Mund und geballten Händen davor.


Helea eilte zu ihr und zog sie vom knisternden Feuer fort. »Was ist geschehen?«


Die Rothaarige schüttelte den Kopf und starrte die beiden Freundinnen stumm an. Sie öffnete ihre Hände, wohl als Zeichen ihrer Unschuld und Ahnungslosigkeit. Doch …


Helea blinzelte. War es eine Sinnestäuschung? Verdammt! Es war keine. Funken kamen aus den Fingern dieser Frau und sprangen auf ihren Rock über. Sengende Hitze breitete sich aus. Schmerz überrollte sie und hielt Helea einen Wimpernschlag lang bewegungsunfähig gefangen. Nein! So würde sie nicht enden! Panisch schlug sie auf die Flammen ein.


»Feuer!«, brüllte Sanne, als wäre es ihr eben erst aufgefallen. »Runter Helea! Roll dich!«


Helea warf sich zu Boden und ächzte wegen des harten Aufpralls, ehe sie Sannes Vorschlag nachkam und sich über das Kopfsteinpflaster wälzte, bis die letzten Flammen verebbten. Ihr Kopf wirbelte wie ein wildgewordener Wetterhahn.


»Feuerwache!«, brüllte Sanne unaufhörlich, »Zur Hilfe!« Helea rappelte sich auf, hielt sich jedoch sicherheitshalber an der Hausmauer. Als die Drehung ihrer Welt auf eine erträgliche Geschwindigkeit sank, besah sie den Schaden. Bis auf ihr verkohltes Gewand und schmerzhaften roten Flecken war sie heil davongekommen. »Ich … Es tut mir leid!«, stammelte die Unbekannte und ballte ihre Hände erneut, wodurch die Funken erloschen. »Bitte verratet mich nicht.«


Fassungslos starrte Helea zu der Feuerhexe hinauf. In deren Augen, die so grün funkelten wie Sannes, standen Tränen. Waren ihre Sinne von Honigwein und Rauch vernebelt oder war das tatsächlich geschehen? Sannes Rufe zeigten endlich Erfolg. Die brennende Tür schwang auf und krachte auf das Pflaster. Mo stürmte heraus, dicht gefolgt von etlichen anderen Männern. Er schüttete einen Becher Honigwein Richtung Feuer, welches verächtlich zischte. Andere folgten seinem Beispiel. Kerom sprang hingegen beidbeinig auf die Tür und hüpfte darauf auf und ab, aber seine Hose fing Feuer und er zog sich fluchend zurück. Mit einem zynischen Grinsen riss Mo einem älteren Kerl seinen Becher aus der Hand und goss den Inhalt auf Keroms Hose, sodass die Flammen erstarben. Endlich kam jemand, der aussah, als wüsste er, was er tat. Mit zwei randvollen Wasserkübeln bewaffnet, rauschte ein stattlicher Kerl mit dunklen Löckchen an ihnen vorbei. Er schüttete beide auf den brennenden Türstock, hinter ihm kamen zwei weitere Männer der Feuerwache und wenig später war das Feuer Geschichte.


»Weshalb ist das Feuer ausgebrochen?«, erkundigte sich der Gelockte, als sich der Tumult legte.


Alle schwiegen. Sanne zuckte mit den Schultern.


»Du musst doch was gesehen haben!«, forderte Harl, der kahlköpfige Wirt, von Sanne. »Wenn du schon hinaus marschierst, anstatt zu arbeiten!«


»Eine Auszeit wird deinem besten Schankmädchen wohl vergönnt sein«, protestierte diese. »Ich habe nichts gesehen, plötzlich hat es gebrannt.«


Der Wirt schüttelte den Kopf. »Dummes Weibsvolk! Es brennt nicht ohne Grund. Jetzt zurück an die Arbeit, die Gäste verdursten!« Murrend kam Sanne der Aufforderung nach.


Ehe Helea sich versah, waren auch die anderen verschwunden.


Der erste Feuerwachmann blieb zurück, wischte seine Stirn trocken und verteilte dabei Asche auf seinen Löckchen. Mit besorgtem Blick kam er auf sie zu. »Bist du wohlauf?«


Verständnislos starrte sie den Mann an. Musste sie ihm ausgerechnet versengt und verdreckt begegnen? Verärgert presste sie ihre Lippen aufeinander. Sollte nicht ihre vernünftige Seite die Oberhand gewinnen und sie drängen, die Sicherheit der Menge zu suchen? Er war ein Einwohner Donns, sie hatte ihn mehrmals in der Stadt gesehen. Dennoch, sie kannte nicht einmal seinen Namen und es gehörte sich keinesfalls, allein mit ihm im finsteren Hinterhof zu stehen.


Er trat näher. »Ich meine … Du hast dich verbrannt, oder nicht?«


»Ähm.« Sie schluckte. »Ja.«


»Soll ich dich zum Heiler begleiten?«


»Es geht schon.«


Er zuckte mit den Schultern. »Ich bin übrigens Zato.«


Zögernd ergriff sie seine dargebotene Hand. »Helea.«


»Freut mich.« Sie nickte und fuhr mit den Fingern über ihre verkohlten Röcke.


»Dann … Bis bald, hoffe ich!« Ein schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht, ehe er in der Dunkelheit verschwand.


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