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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Vorsicht! Die Leiche grinst., Olivier Watroba
Olivier Watroba

Vorsicht! Die Leiche grinst.



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Ein kühler Luftzug strich durch die U-Bahn-Station „Werthplatz", an der 38. Straße, und wirbelte ein paar Zeitungen auf, die in den nur spärlich beleuchteten Gängen verstreut lagen; eine davon fand ihren Weg bis vor die Füße eines jungen Gitarrenspielers, der bereits den ganzen Vormittag lang auf seiner Gibson gespielt hatte, um ein wenig Geld für sein Germanistikstudium zu verdienen, und entgegen aller Erwartungen schienen ihm die normalerweise gnadenlose Gesetze der freien Marktwirtschaft an jenem Tage wohlgesinnt zu sein: Selbst nach Abzug der Spesenkosten (will heißen, ein Päckchen Zigaretten und 'ne Flasche Mineralwasser) blieben Rousseau, so der Name des hageren Burschen (zumindest pflegten seine Freunde ihn so zu nennen), immer noch ganze 22 Euro in seiner verwaschenen Jeansmütze, die als Kasse zweiter Klasse herhalten musste. Das mochte wohl daran liegen, dass er sich ohne sein Wissen den hektischsten U-Bahnhof der Stadt ausgesucht hatte, um seinem Hobby zu frönen.


 


            „O Wibbelstärt"[1], wie die Station liebevoll von den Eupenern genannt wurde, drohte mal wieder, aus allen Nähten zu platzen; wie emsige Ameisen hasteten Berufstätige, Schüler und alte Leute gleichermaßen durch die mit giftgrünem Linoleum verputzten Gänge, die sich, ebenso wie das restliche Tunnelsystem, einem Krebsgeschwür gleich unter der Stadt ausbreiteten. Anstatt sich jedoch von der ganzen Aufregung, die um ihn herum herrschte, anstecken zu lassen, beschloss Rousseau erst einmal, 'ne kleine Pause einzulegen; zu diesem Zweck lehnte er sein Instrument gegen die getäfelte Wand zu seiner Linken; band seine langen, schwarzen Haare kurzerhand zu einem Zopf und beugte sich zu dem Fetzen Papier hinunter, der seine abgetragenen Springerstiefel bedeckte, um einen Blick darauf zu werfen.


 


            >> Letzter Aufruf für die Passagiere der M.S.B. 6 Richtung Schönefeld - die M.S.B. Schönefeld legt in zwei Minuten ab! Ich wiederhole: Die M.S.B. 6 nach Schönefeld verlässt in zwei Minuten den U-Bahnhof!<<, ertönte plötzlich eine ungeheuer sexy klingende Stimme aus einem der rostzerfressenen Lautsprecher, die in regelmäßigen Abständen an der niedrigen Decke klebten, und riss Rousseau aus seiner Konzentration. „Putain, quelle garce! Elle est en trein de baiser, ou quoi?!?"[2] Hätte Rousseau auch nur geahnt, wem jene honigsüße Stimme tatsächlich gehörte, hätte sein Gehirn bestimmt nicht dermaßen viele Hormone in Richtung Hosenboden geschickt... Programm für Ansagen und Mitteilungen, von seinen Entwicklern kurz PAM genannt, war nichts weiter als ein kalter, emotionsloser Androide, dessen Aufgabenbereich sich ausschließlich auf die in seinem Namen erwähnten Funktionen erstreckte. Sein Vokabular umfasste zwar immerhin etwa dreihundert Wörter, doch ficken gehörte mit Sicherheit nicht dazu..!


 


            Jedenfalls, mit einiger Mühe gelang es Rousseau schließlich, seine Aufmerksamkeit wieder dem Stück Zeitung zuzuwenden, das er immer noch in seinen Händen hielt. Obschon eine große Ecke herausgerissen worden war, wahrscheinlich von einem der streunenden Hunde, die in jenen Tagen zu Dutzenden durch die Gegend streiften, konnte der junge Gitarrist noch die fettgedruckte Schlagzeile und den entsprechenden Artikel entziffern, die sich ihm auf der Titelseite des Eupener Abendblattes präsentierten:


 


Der verlorene Sohn kehrt zurück: Kongo Staat erneut Freihandelszone!


Die seit einigen Monaten in Eupen tagende Kongo-Konferenz, an der fünf europäische Mächte und die USA teilnehmen, endet mit der Verabschiedung der Kongo-Akte. Nach zähen Verhandlungen bestätigen die unterzeichnenden Nationen unserem großartigen König Philipp I nun doch den Besitz des Kongo-Staates in Afrika, die dem internationalen Handel die Grenzen öffnen und allen gleiche Marktchancen bieten soll.


Darüber hinaus sichert die Kongo-Akte den Signaturstaaten Belgien, Frankreich, Großbritannien, Spanien, den Niederlanden, Deutschland und den USA die Schifffahrt auf den Flüssen Niger und Kongo zu und erwirkt den gegenseitigen Verzicht der Mächte, farbige Truppen auf potenziellen europäischen Kriegsschauplätzen einzusetzen.


Die Einigung war notwendig geworden, nachdem die anhaltenden Konflikte zwischen den Neokolonialstaaten Belgien und Frankreich zu eskalieren drohten. Siehe Seite 23.


 


Seite 23 existierte allerdings nicht mehr. Doch Rousseau verspürte ohnehin nicht den Drang, weitere Einzelheiten über das leidige Thema zu erfahren. Im Grunde genommen kannte er den Rest ja bereits aus diversen Geschichtsbüchern; seitdem der Kolonialismus 2015 offiziell wieder eingeführt worden war, kam es dem Zweiundzwanzigjährigen so vor, als wiederholte sich eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte seines Landes, und zwar bis ins kleinste Detail.


 


Es gab Tage, da kotzte Rousseau das Dasein auf diesem Planeten einfach an, und der 29. Juni 2030 bildete da keine Ausnahme. Nicht nur, dass die Band, in der er mitwirkte, sich tags zuvor aufgelöst hatte, nein, zu allem Überfluss musste er jetzt auch noch feststellen, dass die Menschheit einfach nicht in der Lage war, aus der Vergangenheit zu lernen, um somit den Grundstein für eine bessere Zukunft zu legen. Resigniert ließ er sich auf den Boden sinken und starrte düster vor sich hin. Eine tiefe Depression legte sich wie ein Schatten über sein Gemüt, ergriff Besitz von jeder Faser seines Körpers. Der rosarote Schleier, der ihn eben noch eins mit seiner Umwelt werden ließ, fiel von seinen Augen und an dessen Stelle schob sich ein dunkler Vorhang, der ihn glauben machte, dass das Leben voller Leid und die Menschen in ihrem Inneren durch und durch verdorben waren.


Es war in diesem Moment absoluter Hoffnungslosigkeit, als Rousseau plötzlich eine sanfte Stimme aus weiter Ferne seinen Namen rufen hörte... Verwirrt hob der junge Frankophone seinen Kopf und schaute sich um, doch in dem dichten Menschenknäuel, das sich vor ihm durch die schmalen Gänge von „O Wibbelstärt" zwängte, machte niemand den Eindruck, als habe er oder sie sich soeben nach ihm erkundigt. Achselzuckend wandte er seinen Blick wieder ab und versank erneut in Melancholie...


 


Manchmal hatte er das Gefühl, als sei der Spezies Mensch das Böse von Anfang an mit in die Wiege gelegt worden. Er war fest davon überzeugt, dass das Böse, das Schlechte oder wie auch immer man es nennen mochte, im genetischen Code des Menschen verwurzelt war und niemals vollständig abgetötet werden konnte. Irgendwann, so glaubte er, hatte jeder einmal das krankhafte Verlangen, jemand anderem zu zeigen, dass man einfach besser war, in welcher Hinsicht auch immer. Dennoch - oder vielleicht gerade deshalb - bestand für Rousseau der Sinn des Lebens darin, jener dunklen Seite mit aller Kraft einen Riegel vorzuschieben, sie so selten wie möglich zum Vorschein kommen zu lassen, denn nur so... Aber was war das? Schon wieder diese Stimme, diesmal allerdings bedeutend näher!


           


'Putain, quelqu'un se foute de ma geule, ou quoi?'[3], dachte Rousseau genervt und sprang auf die Füße, um herauszufinden, wer die Unverschämtheit besaß, ihn aus seinem Selbstmitleidtrip zu reißen. Dem Klang der Stimme nach zu urteilen war es ein Mädchen, das ihn offenbar zu sprechen wünschte. Das war allerdings seltsam, denn nur seine besten Freunde pflegten ihn bei seinem Spitznamen zu rufen. Fest entschlossen, jene durchaus anziehende Stimme einer Person aus Fleisch und Blut zuzuordnen, packte Rousseau seine sieben Sachen und ...


 


[1] Eupener Dialekt für jemanden, der Hummeln im Hintern hat.


[2] Frz. für: „Alter Schwede, was für ein Luder! Bummst die gerade, oder was?"


[3] Frz. für: „Verdammt noch mal, macht sich hier jemand über mich lustig?"


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