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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Vor allem verhängnisvoll Inc., Stephanie Linnhe
Stephanie Linnhe

Vor allem verhängnisvoll Inc.



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Routinebefragungen


 


Er sah so freundlich aus mit dem Runzelgesicht, dem Dauerlächeln und dem schütteren Haar. Trotzdem raunte ein Stimmchen in meinem Hinterkopf, dass er mir durchaus Ärger bereiten konnte. Ich gab mich unbeteiligt und betrachtete angestrengt meine Finger sowie die Straße. Wenn ich den alten Mann ignorierte, würde es ihm sicher zu langweilig und er ließ mich allein. Immerhin gab es momentan wirklich nichts zu sehen an der Kreuzung Williamsweg und Brattstraße. Diese Gegend hatte vor langer Zeit aufgegeben, Besuchern etwas bieten zu wollen. Wessen Herz nicht gerade für leere Geschäfte, rostige Werbeschilder und hier und dort eine Taube schlug, der machte sich schnellstens aus dem Staub. Ich natürlich nicht, aber ich wartete ja auch auf Desmond. „Schön schön“, murmelte es neben mir. Schritte schlurften näher, und ich biss mir beinahe auf die Zunge, während ich meine Hände drehte und Finger zählte. Ich war damit viel zu schnell fertig, deshalb zählte ich erneut. Nur nicht aufblicken. „Frollein?“ O nein! Ich konnte nicht mehr vorgeben, den Alten zu übersehen, denn er tippte mir auf die Schulter. Billiges Aftershave drang in meine Nase, und ich trat einen Schritt zur Seite. Ich war blond, nicht übermäßig groß und hatte blaue Augen, da war es durchaus legitim, zart und verschreckt zu wirken. Er nuschelte etwas und klang, als wollte er ein Pferd besänftigen. Ich blinzelte. „Wie bitte?“ „Ruhig. So ruhig is es hier, nich? Bin viel zu früh.“ Die Runzeln auf seiner Stirn führten einen lustigen Tanz auf, als er lächelte. Ich nickte, versuchte, abweisend und höflich zugleich zu wirken, und hielt dabei die Hausecke links von mir im Auge. Ich war so unruhig, dass ich den Drang verspürte, jeden Millimeter meines Körpers zu kratzen, um dieses Kribbeln unter der Haut zu vertreiben. Das Portal musste gleich erscheinen, und es war keine gute Idee, wenn ich dann mit meinem neuen Bekannten plauderte. Er war nicht mehr der Rüstigste, und ein violett schimmerndes Weltentor würde ihn womöglich ins Grab bringen. Zumindest würde es ihn auf den Asphalt befördern. Die Portale waren auf die persönlichen Signaturen derjenigen eingestellt, die sie offiziell benutzen durften. Alle anderen wurden ohnmächtig, sobald der Weg nach drüben sich öffnete – eine Vorsichtsmaßnahme, damit nicht plötzlich Scharen an Neugierigen in die Parallelwelt strömten, um zu glotzen. Oder um sie zu erobern. Ich war noch nicht dahinter gekommen, wie es genau funktionierte, aber meist war ich damit zufrieden, dass es tat, was es tun sollte: mich nach LaBrock bringen. Es war noch immer ein komisches Gefühl, eine Welt zu verlassen und eine andere zu betreten – mit nur einem Schritt. Hinter mir setzte ein Hustenanfall ein, der nach Seemann und Tabak klang. Ich geriet ins Schwitzen, als ich mir den weiteren Verlauf des Morgens vorstellte. Der Durchgang würde sich öffnen und der alte Mann röcheln, das Bewusstsein verlieren und böse auf dem Boden aufschlagen. Ich dagegen würde alles anwenden, das mir aus meinem Erste-Hilfe-Kurs einfiel, einen Krankenwagen rufen müssen und so lange warten, bis der eintraf. Was letztlich nichts anderes bedeutete als: Ich würde zu spät zur Arbeit kommen und mir eine Standpauke vom Prokuristen einfangen. Moment, was dachte ich da eigentlich? Hier ging es im Extremfall um ein Menschenleben, und ich machte mir Sorgen um die Reaktionen meines Vorgesetzten? Wahrscheinlich lag das daran, dass er ein halber Kobold war und mich schlicht eingeschüchtert hatte. Energisch riss ich mich zusammen und sah mich um. Der Alte tapperte in der Nähe die Straße entlang. „Geht es Ihnen gut?“, rief ich ihm zu. Er lächelte. Seine Zähne waren zu gerade und viereckig, um echt zu sein, hinter einem Ohr erkannte ich die Umrisse eines Hörgeräts. „Wunderbar.“ Er zog das U in die Länge. „Und Ihnen?“ Ich war mittlerweile zum Umfallen nervös, doch das musste ich ihm nicht auf die Nase binden. Er schien jemand zu sein, der sich an jedem noch so dünnen Gesprächsfaden festbiss. „Auch wunderbar“, sagte ich und zeigte in die Richtung, aus der ich vorhin gekommen war. Eventuell konnte ich ihn weglocken. „Ich gehe dann mal wieder. Dort hinten ist es wirklich nett.“ Ich betete, dass er mir folgen würde, und hatte Glück. Er setzte sich in Bewegung und stolperte beinahe über den Bordstein. Mit der Unbekümmertheit älterer Menschen, die sich selten nach dem Rest der Welt richteten, schlurfte er mitten auf der Straße in meine Richtung – und an mir vorbei. Ich ließ mich rasch zu Boden sinken und tat so, als müsste ich die Schnürsenkel neu binden. Dabei hoffte ich, dass er kurzsichtig genug war, um zu übersehen, dass meine Pumps keine besaßen. Er wurde langsamer, blieb stehen und wandte sich fragend zu mir um. Ich wedelte mit einer Hand und versperrte ihm mit der anderen die Sicht auf die Schuhe. „Gehen Sie nur vor“, brüllte ich. „Ich komme gleich nach.“ Er wackelte mit dem Kopf, dann lief er weiter. Mit angehaltenem Atem beobachtete ich ihn und schlug erschrocken eine Hand vor den Mund, als er ein wenig zur Seite schwankte. Er drehte sich nicht mehr um, wahrscheinlich hatte er mich längst vergessen. Als seine Silhouette mit dem Sonnenlicht verschmolz, das allmählich die Brattstraße eroberte, sprang ich auf und lief zurück zur Straßenecke. Keine Sekunde zu früh. Das violette Schimmern flutete über die Mauern und ein tiefes Brummen erklang. Ich fasste in die Handtasche, zog den kleinen Schirm hervor und spannte ihn auf. Seitdem der Springer bei meinem ersten Übergang nach LaBrock in meinem Auge gelandet war, ergriff ich notwendige Sicherheitsmaßnahmen. Zwar hatte ich mich an den Anblick des dicken Flugkäfers gewöhnt, aber auf Hautkontakt war ich nicht besonders scharf. Noch immer verstand ich nicht, warum ausgerechnet ein so ekelhaftes Insekt die Macht besaß, die Sprungtore zu öffnen, doch ich hatte mich damit arrangiert. Danach erkundigen wollte ich mich nicht, denn jede Sekunde, in der ich mich mit Käfern befasste, war verschwendet. Ich arbeitete mittlerweile seit drei Wochen für Adamant Bunch Marketing – kurz ABM - auf der anderen Seite des Sprungtores. In einer Welt, die mit gängigen Beförderungsmitteln von meiner Heimatstadt aus nicht zu erreichen war. Das Firmenkonzept unterschied sich allerdings nicht sehr von denen, die ich kannte: ABM erledigte den Werbevertrieb für Firmen, angefangen vom Materialversand bis hin zu Zufriedenheitsbefragungen. Dafür gab es den sogenannten Projektbereich, der lediglich aus zwei Mitarbeitern bestand. Diverse Beschwerdehotlines landeten ebenfalls in den heiligen Hallen, und zwar im Callcenter. Wer dort anrief, wähnte sich im Gespräch mit einem trainierten Möbelverkäufer oder einem alten Hasen aus dem Bereich Gesundheitsschuhe, sprach jedoch in Wahrheit mit einem hastig geschulten und meist unmotivierten Telefonisten. Viele bemerkten den Unterschied kaum, dafür sorgten die Gesprächsleitfäden, mit denen die Kollegen arbeiteten. Mit Untersektionen wie Anrufer fragt Unverständliches oder besitzt zu hohes Fachwissen? Wie man ihm suggerieren kann, er sei dumm oder Kunde lässt sich nicht für dumm verkaufen? Wie man eine technische Störung vorspielt waren sie beinahe wasserdicht. Abgesehen von den Anfangsschwierigkeiten – zu denen zählte, dass die Mutter des Prokuristen mich umbringen wollte und danach von ihrem Sohn Hausverbot bekam – hatte ich mich recht gut eingelebt. Zuerst hätte ich nicht geglaubt, dass der Job mich tatsächlich Vollzeit beschäftigen würde – ich prüfte, ob die Krankenscheine der Kollegen gerechtfertigt oder nur eine Ausrede für ein paar Tage Extraurlaub waren –, doch ich hatte mehr zu tun als erwartet. Das mochte an der stetig wachsenden Zahl der Telefonisten liegen, oder aber es war schlicht und einfach eine Reaktion auf den Führungsstil des Prokuristen. So kleinwüchsig er war, so herrisch gab er sich. Das war gut, um nach Feierabend darüber zu lachen, doch weniger spaßig, sobald er die Arbeitszeit in seine kleine, persönliche Hölle verwandelte. Wenn ich doch Leerlauf hatte oder mir langweilig wurde, suchte ich mir zusätzliche Aufgaben und hörte auf, mich darüber zu wundern, dass man meinen Job als Vollzeittätigkeit deklariert hatte. So waren nun mal die Regeln, und der Prokurist liebte alles, was nach Vorschrift klang. Daher war es pro forma vollkommen in Ordnung, wenn ich herumsaß und mich langweilte - obwohl er das ebenso kritisierte, doch mehr um des Kritisierens willen -, aber ganz und gar nicht, wenn ich nur eine Minute zu spät kam. Das violette Licht vor mir war intensiver geworden. Ich erkannte darin Schlieren aus Rot. Im nächsten Augenblick brummte der Springer an mir vorbei, flog eine Kurve und hielt wieder auf das Sprungtor zu. Ich sah dem plumpen, braunen Vieh kurz hinterher, schloss den Schirm, stopfte ihn zurück in die Tasche, zupfte meine Locken zurecht und zog den Bauch ein Stück ein. Obwohl wir inoffiziell, sagen wir, etwas miteinander hatten, war ich aufgeregt, wenn ich Des vor Arbeitsbeginn sah. Er war als Hausmeister bei ABM angestellt und verbrachte die Hälfte seiner Zeit in Papierlagern und Tiefgaragen. Ich fand das großartig, denn so bemerkten nicht viele Frauen, wie gut er aussah, und ich hatte ihn voll und ganz für mich. Auch jetzt strahlte seine Silhouette Kraft und Anmut aus, als er mitten aus dem Licht heraus auf mich zukam. Oder? Ich blinzelte. Na ja, er hatte heute wohl einen schlechten Tag, bewegte sich weniger elegant als sonst und … Moment mal, war er geschrumpft? Ich blieb stehen und sah zu, wie sich die Arme im Gleichtakt seiner Schritte vor- und zurückbewegten. Es sah aus, als liefe er über einen Exerzierplatz und nicht auf eine einsame Straßenecke zu. Als er nah genug herangekommen war, konnte ich sein Gesicht erkennen. Meine Mundwinkel sackten hinab. „Nala. Guten Morgen!“ Es klang fröhlich. Vor mir stand nicht Desmond, sondern Carsten Herms. Er arbeitete für die Behörde und kümmerte sich um die Überwachung der Sprungtore zwischen seiner und meiner Welt. Das beinhaltete, dass er Leute wie mich im Auge behielt, die besagte Tore regelmäßig nutzten. In meiner Vorstellung war er ein Agent oder zumindest Mitarbeiter einer Institution, die viele geheime und spannende Dinge wusste. Hier, inmitten der leer stehenden Häuser von Camlen, wirkte er daher seltsam fehl am Platz. „Hallo Carsten.“ Ich lächelte und streckte höflich eine Hand aus. Er schüttelte sie mit derselben Zackigkeit, mit der er sich bewegte, und strahlte mich an. Wir verstanden uns gut, seitdem ich seine Schwester Kirsten aufgespürt und zusammen mit Des und meiner Kollegin Stacey befreit hatte. Kirsten Herms war zwar von der Prokuristenmutter nicht wie ich bedroht, aber immerhin entführt worden. Da ich für ihre Rettung verantwortlich gewesen war, hatte sich Carsten als mein Leumund bei der Behörde eingetragen – was nichts anderes bedeutete, als dass er für mich log. Denn ich gehörte nicht zu den Eingeweihten, die das Wissen über die Welt von LaBrock und den Portalen von ihren Vorfahren erhalten hatten und somit hier sein durften. So lief das eben: Wer durch einen Verwandten von der Parallelwelt erfuhr und ihn nicht sofort in die Geschlossene einweisen ließ, sondern ihm glaubte, durfte früher oder später durch das Sprungportal treten. Die Behörde hielt Kontakt zu den Familien der Eingeweihten und erfuhr, wann das Wissen dort an wen weitergegeben wurde und wer somit einen Ausflug ins Koboldreich starten durfte. Ich war mehr durch Zufall in diese Sache hineingeschlittert und daher so etwas wie eine illegale Einwanderin. Man konnte auch sagen, dass ich durch eine miese Intrige in dieser Welt gelandet war. Anfangs hatte ich jedes Mal einen halben Herzinfarkt bekommen, wenn ich auf Schuppen, schwarze Augen oder grüne Haut getroffen war. Mittlerweile hatte ich mich arrangiert und schaffte es meistens, so zu tun, als sei LaBrock mir ebenso vertraut wie meine Handtasche. Fassade war eben alles. Ich lockerte die Finger, die in Carstens Griff ein wenig gelitten hatten. „Sind Sie hier, um jemanden abzuholen?“ Konnte ein Portal eigentlich eine unbegrenzte Anzahl an Personen zwischen den Welten hin- und hertransportieren? Oder gab es wie bei Fahrstühlen eine Gewichtsbeschränkung pro Sprung? Ich wollte Carsten soeben fragen, aber er kam mir zuvor. Und nickte. „Ja. Sie.“ Das war wirklich lieb von ihm. Umso schwerer fiel es mir, ihm sagen zu müssen, dass er sich vollkommen umsonst auf den Weg gemacht hatte. „Oh, damit habe ich nicht gerechnet. Es tut mir leid, aber Desmond …“ „Desmond Ayperos besitzt momentan keine Erlaubnis, um die Sprungportale ohne behördliche Begleitung zu nutzen.“ „Warum denn das? Hat er etwas getan?“ Carsten drückte die Schultern durch und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Ich kannte diese Position, sie bedeutete nichts Gutes. „Momentan kontrollieren wir jede Passage an den Übergängen. Ohne Begleitung von mir oder einem Kollegen darf niemand einen Springer nutzen.“ Ach ja, das Insekt. Es war längst unbeirrt an uns vorbeigeflogen, und ich fragte mich, wie lange das Portal stabil bleiben würde. Carsten schien dasselbe zu denken, denn er winkte mich mit einer Handbewegung zu sich. „Wir sollten nicht allzu lange warten. Ich werde Sie für eine kurze Befragung mit in die Behörde nehmen, ehe ich Sie zu Ihrer Firma bringe.“ „Ich … zur Befragung?“ Mir brach der kalte Schweiß aus. Waren sie nicht hinter Desmond, sondern hinter mir her? Hatte jemand gemerkt, dass ich so etwas wie ein blinder Passagier in LaBrock war? Carsten berührte mich an der Schulter und schob mich vorsichtig, aber bestimmt auf die rotvioletten Wirbel zu. „Keine Angst“, flüsterte er in mein Ohr. „Niemand hat Verdacht geschöpft. Es handelt sich um eine Routinekontrolle, nichts weiter.“ Ich gab mir Mühe, mich so gut es ging zu entspannen. In meinem Kopf wirbelten mögliche Verhörszenarien durcheinander, und ich versuchte, mir im Voraus Antworten zu überlegen. Es funktionierte nicht, denn die Fragen behielten die Überhand. Würde ich in einem dieser Räume sitzen, die einen Spiegel besaßen, von dessen Rückseite aus ich beobachtet werden konnte? Würde man Fingerabdrücke nehmen oder mich irgendwelchen Tests unterziehen? Musste ich mit vier anderen Frauen an einer Wand stehen, bis ein Arbeitskollege mich identifizierte? Vor lauter Schreck packte ich Carsten am Ärmel seines tadellosen Anzugs. „Muss ich an einen Lügendetektor?“ Ich strauchelte, fiel und riss ihn mit mir durch das Lichtoval des Portals. Die Vernehmungsabteilung der Behörde war nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte – und wir sahen nicht so aus, wie es sich Carsten wohl vorgestellt hatte. Sein Anzug hatte bei unserem Sturz Schaden genommen, die Naht zwischen Ärmel und Schulter hatte sich durch mein Zerren gelockert, zudem prangten dunkle Flecken auf den Hosenbeinen, weil er auf die Knie gestürzt war. Bei mir sah es ein wenig besser aus. Ich musste lediglich bei nächster Gelegenheit die Strumpfhose loswerden, auf der sich Laufmaschen und Löcher einen erbitterten Kampf lieferten. Zum Glück war es Frühling und warm genug und die Beine bereits leicht gebräunt, sodass ich mich nicht schämen musste, wenn ich sie zeigte. Ich bemühte mich trotz allem um ein würdevolles Auftreten, während ich Carsten durch einen langen, grau gefliesten Hauptgang folgte, in dem es überraschend nach Zitrusfrüchten und Kaffee duftete. Hin und wieder schritt ein Behördenmitarbeiter an uns vorbei, beachtete mich jedoch nicht. Durch große Oberlichter flutete Helligkeit. Ich war zuvor erst einmal auf dem Gelände gewesen, und zwar, als ich meine Zeugenaussage zu dem Vorfall um die Prokuristenmutter machen musste. Damals hatte man mich in einen netten, kleinen Raum geführt und mir sogar etwas zu trinken angeboten. Es war ruhig gewesen dort, und ich hatte mich halbwegs wohlgefühlt. Jetzt klopfte mein Herz ein wenig schneller. Ich dachte an Carstens Worte. „Es handelt sich um eine Routinekontrolle, nichts weiter.“ Mit jedem Schritt glaubte ich ihm weniger. Warum liefen wir durch den halben Komplex, wo wollte er mit mir hin? Es kam mir vor, als führte er mich tiefer und tiefer in die Behörde, quasi in ihr Herz. Dort, wo die schweren Fälle besprochen, die neueste Abhörtechnologie entwickelt oder auch mal ein Finger beim Folterverhör gebrochen wurde. Zu beiden Seiten des Gangs boten mir große Glasscheiben Einblicke in die Szenarien der Büros. Sie enttäuschten mich, denn ich hatte entweder jenen Einrichtungscharme erwartet, den man aus britischen Detektivserien kannte, oder etwas Modernes mit viel Chrom sowie schwarz-weißen Flächen. Stattdessen sah ich pro Raum vier oder sechs Schreibtische – Kiefernholz -, Whiteboards, Regale, Kunstdrucke und Grünpflanzen. Eigentlich erinnerte mich das alles an ABM. Selbst die Mitarbeiter trugen weder durchgängig schwarze Anzüge noch Uniform. Den geheimnisvollen und ernsten Ich-habe-eine-Mission-Ausdruck konnte ich auf keinem Gesicht entdecken. Im Gegenteil, manche der Anwesenden lachten oder gestikulierten, wenn sie sich unterhielten. Das verlieh mir Mut. Ich zupfte Carsten am intakten Ärmel, nachdem ich mir die passenden Worte zurechtgelegt hatte. „Kann ich mich vor der Vernehmung zur Wahrheits- oder Entscheidungsfindung irgendwo frisch machen?“ Ich deutete auf meine Beine. Carsten schmunzelte. „Natürlich. Es handelt sich aber wirklich nur um eine harmlose Befragung, ich …“ „Carsten Herms“, rief jemand, und etwas Rotes sauste auf uns zu. Ich starrte wie gebannt auf das exzentrische Kostüm – meine Mutter hätte seine Trägerin dafür geliebt -, bis mir einfiel, dass es höflich wäre, das Gesicht der Dame ebenfalls zu betrachten. Als ich den Kopf hob, blickte ich in zwei babyblaue Augen unter einem gerade geschnittenen dunkelbraunen Pony. Es hätte ein Puppengesicht sein können, wenn es mir nicht soeben vollkommene Ablehnung entgegengebracht hätte und zu einer Frau gehörte, die mindestens stattliche einsachtzig messen musste. „Hat sie dich attackiert?“ Die modische Behördenfrau deutete zunächst auf Carstens lädierten Anzug, dann auf mich. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schob sich zwischen Carsten und mich, wohl um ihn zu beschützen. Ich wollte mich rechtfertigen, doch als sie mit einer knappen Kopfbewegung kleine Blitze in meine Richtung schickte, überlegte ich es mir anders und schwieg. Carsten hob eine Hand, fast als wollte er verhindern, dass sie auf mich losging. „Das ist Nala di Lorenzo, eine Eingeweihte von drüben. Ich habe sie zur Standardbefragung abgeholt, dabei sind wir leider gestolpert.“ Er bemühte sich redlich, einen zerknirschten Eindruck zu machen. Ich schrieb ihm in Gedanken einen Pluspunkt auf, denn immerhin hatte er nicht mich als eine komplette Idiotin dargestellt, sondern gleich uns beide. Wachsamkeit und Angriffslust auf den Gesichtszügen der energischen Puppenfrau schmolzen und ließen Platz für Milde. „Isabelle Simmons. Besser einfach nur Isa“, sagte sie, nun plötzlich zuckersüß, und streckte mir eine Hand entgegen. Ich gönnte mir einige Sekunden, um ihren imposanten Strassring in Form einer pink-grünen Seerose zu bewundern. Kaum berührten meine Finger ihre, riss Isa mich zur Seite und zerrte mich energisch den Gang hinab, wobei ihre Absätze wie Gewehrfeuer klangen. Ich war so verschreckt, dass ich mich nicht wehrte. Das war es dann wohl. Sie hatte mich durchschaut und sofort gemerkt, dass Carsten und ich logen, was meine Identität betraf. Meine Gedanken ratterten auf Hochtouren. Ich kannte die Gepflogenheiten der Behörde gegenüber Straftätern wie mich nicht, aber ich hoffte, dass man mir einen Anruf zugestand. Des würde wissen, was zu tun war. Möglicherweise würde er mich in einer Nacht- und Nebelaktion befreien. Dramatische Musik setzte bei dieser Vorstellung in meinem Kopf ein. Während Isa mich um die nächste Ecke riss, schaffte ich es, Carsten einen Blick zuzuwerfen – er lächelte und winkte mir zu – sowie die Handtasche zu öffnen. Ich tastete und fand die Nagelfeile. Immerhin etwas. Ich klammerte mich an das kleine Ding und versuchte, Trost und Hoffnung zu finden. Mittlerweile hielten wir auf eine Tür zu, die ebenso weiß und steril war wie die eines Krankenhauses. Keine Gitterstäbe, keine Sichtfenster, die von der anderen Seite wie ein Spiegel aussahen. Also doch der Lügendetektor? Ich kramte ein letztes bisschen Energie hervor, begann, mich zu wehren, und stemmte die Füße fest auf den Boden. In diesem Moment stieß Isa die Tür auf und ich sah … eine Damentoilette. „Was?“ Perplex ließ ich zu, dass sie mich hineinzerrte und die Tür hinter uns schloss. Es roch nach Lufterfrischer und Deospray. Neben den Einzelkabinen und drei Waschbecken gab es die obligatorische Grünpflanze sowie ein hohes Schränkchen mit vielen Schubladen. Auf einer prangte Isas Name, und genau die zog sie auf. Es raschelte, etwas fiel zu Boden. Hilfsbereit, wie ich nun mal war – zudem wollte ich einen guten Eindruck machen, falls dies ein Test sein sollte – bückte ich mich danach und hielt Isa kurz darauf eine Tube Lipgloss hin. „Danke.“ Sie strahlte und drückte mir eine Strumpfhose in die Hand, eingeschweißt und in Einheitsgröße. „Der matte Goldton passt hervorragend zu deinen Haaren und deiner Haut“, sagte sie und klang, als wollte sie jeden Augenblick vor Begeisterung platzen. „Echte Sonne, nicht wahr? Das ist keine Studiobräune.“ Sie fasste mein Kinn und drehte meinen Kopf von einer Seite zur anderen. „Ich mag deine Gesichtsform. Dir würden ganz kurze Haare auch gut stehen.“ Ein wenig ängstlich fasste ich meine Strähnen im Nacken zusammen. „Äh … ja, vielleicht.“ Bisher hatte ich keine Ahnung, was die Behördenagentin bezweckte, aber in LaBrock war ich stets auf alles gefasst. Vielleicht hatte sie mir soeben ein Implantat unter die Haut geschoben! Ich blickte zur Seite und tastete möglichst unauffällig über die Stellen, an denen sie mich berührt hatte. Sie deutete auf die Strumpfhose. „Na los, zieh dich um und wirf dieses löchrige Ding weg! Ich bringe dich danach zurück zu Carsten.“ „Oh. Danke.“ Ich zögerte und huschte in eine der Kabinen, als Isa mit einer Hand in der Luft herumwedelte. Ich fühlte mich beobachtet, und selbst, als ich mich umzog, hörte ich Isa leise vor sich hinsummen. Möglicherweise eine Zermürbungstaktik. Ich schlüpfte wieder in die Schuhe, zupfte Rock und Haare zurecht und schlug dabei aus Versehen mit einem Arm gegen die Wand der Kabine. Das Summen verstummte. Da mir die Hitze ins Gesicht schoss, übte ich eine unschuldige Miene, ehe ich aus der Tür trat. „Alles bestens.“ Isas riesige Kulleraugen strahlten. Sie hatte die Lippen frisch mit Gloss betupft und betrachtete mich eingehend, als hätte ich Rauschgift in den Taschen. Mit einem Stirnrunzeln trat sie näher. Die Hitze meiner Wangen schwappte über, lief den Rücken hinab, und ich zwang mich, stehen zu bleiben. Was auch immer ich falsch gemacht hatte, nun war es zu spät. Isa beugte sich vor und zupfte am Saum meiner Bluse herum. „Da hat sich ein Faden gelöst.“ Ich atmete heftig aus, sodass ich husten musste, und betrachtete die Stelle. Tatsächlich. Isa musste über wahre Argusaugen verfügen. „Danke.“ Sie nickte, ganz Riesenaugen und Schmollmund. „Kein Problem. Kleinigkeiten bemerke ich immer, darauf bin ich geschult worden. Behörde und so.“ Sie breitete die Arme aus, was angesichts ihrer Größe bedrohlich aussah. „Dabei wäre ich lieber in die Modebranche gegangen“, sagte sie voller Sehnsucht, dass selbst mein Herz schwer wurde. Ich wehrte mich daher nicht, als sie mich im Eiltempo zurück zu Carsten schleppte. Sie hatte schließlich genug zu leiden. Carsten wirkte erleichtert, als wir auftauchten, und gab meinem Misstrauen neuen Auftrieb. Was hatte diese Naturgewalt von Lady in Red tatsächlich von mir gewollt? Ich beobachtete, wie Isa sich von ihm verabschiedete und betastete unauffällig die Bluse, fand allerdings keinen Mikrochip, den sie mir beim Zupfen am Saum an den Stoff geklebt hatte. Aber was wusste ich schon von moderner Spionagetechnologie! Möglicherweise verschmolz die mit Gewebe, sobald sie aktiviert wurde. Das war es mit der Bluse. Ich musste das gute Stück abschreiben und bei nächster Gelegenheit loswerden. „Hier entlang“, sagte Carsten, nachdem sich Isa verabschiedet hatte, und führte mich in einen Raum, der mich an das Wohnzimmer meines Bruders Robert erinnerte. Er war spärlich eingerichtet und die Luft roch ein wenig abgestanden. Ich hätte gern ein Fenster aufgerissen, es gab jedoch keines. Auch keinen Spiegel. Ich lief die Wände ab und tastete mit einer Hand nach Unregelmäßigkeiten. „Nala? Was machen Sie da?“ Ich wandte mich um und fühlte mich ertappt. „Die Übergangsstellen zwischen der Wand und dem Beobachtungsschirm suchen“, sagte ich folgsam. Carsten runzelte die Stirn, ein Mundwinkel zuckte. Dann zeigte er nach oben. In einer Ecke des Zimmers prangte eine fest installierte Kamera. Ich zuckte zusammen, setzte mich schnell auf einen der Plastikstühle und versuchte, so harmlos wie möglich zu wirken. Insgeheim war ich enttäuscht, dass die Behörde so althergebrachtes Equipment benutzte. Es musste doch etwas Moderneres geben! „Ich werde Sie kurz allein lassen“, sagte Carsten. „Entspannen Sie sich ein wenig.“ Natürlich, er musste sich mit denjenigen absprechen, die uns beobachteten. Ich wollte aufspringen, kaum dass er gegangen war, aber wegen der Kamera blieb ich auf dem Stuhl, die Hände sittsam auf den Knien platziert. Mein Lächeln fühlte sich unnatürlich an, während ich in Zeitlupe tiefer rutschte, um nochmals am Saum der Bluse nach Unebenheiten zu tasten, die zuvor nicht da gewesen waren. Wenn sie mich überwachten, dann wollte ich es ihnen so schwer wie möglich machen.


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