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Leseproben online - Schmökern in Büchern

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Vigor


von Angela Planert

fantasy
ISBN13-Nummer:
9783939465409
Ausstattung:
300 S., Softcover
Preis:
15.90 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Amicus-Verlag
Leseprobe

Betäubt lag Nurel auf dem Tisch, nicht fähig sich zu rühren oder sich zu wehren und doch nahm er alles wahr, was sich um ihn herum ereignete. Sein starrer Blick klebte an der Decke. Es war ihm es nicht möglich auch nur die Augenlider zu schließen. Durch den hellen Fackelschein konnte er ohnehin nur schemenhaft Umrisse erkennen. Jemand ergriff seine Hand, drückte den Daumen fest zusammen und schnitt die Fingerkuppe tief bis zum Fingernagel ein. Dieser Schnitt wurde an allen zehn Fingern durchgeführt, bis schließlich die Zehen auf die gleiche Weise entstellt wurden. Nurel empfand diese Folter ebenso schmerzhaft, als wäre er nicht durch diese Droge ruhig gestellt. Jedoch war er nicht in der Lage zu schreien oder sich anders zu äußern. Nur ein leises, stöhnendes Atemgeräusch drang bei jedem Schnitt aus seiner Kehle. Dann erschien ein dunkelblauer Schatten vor seinen bewegungslosen Augen. Vier Finger schoben derb seine obere Lippe weit nach oben bis zur Nasenspitze und verdeckten die Nasenlöcher. Plötzlich spürte einen furchtbaren Schmerz im Zahnfleisch. Die Klinge knirschte über den Knochen des Oberkiefers entlang. Ein zweiter Schnitt folgte. Der höllische Schmerz durchfuhr seinen ganzen Körper. Das Blut lief Nurel den Rachen hinunter. Verzweifelt kämpfte er gegen diese Betäubung an, die ihn hilflos diesen Barbaren auslieferte. Sein Atmen wurde kräftiger und schließlich konnte er seine blutenden Finger bewegen. Noch bevor er die Hand hob, prallte ein harter Gegenstand an seine rechte Schläfe und es wurde dunkel.

 

Weit entfernte Stimmen veranlassten Nurel seine schweren Augenlider zu öffnen. Zuerst erblickte er nur verzerrte Bilder von Gestalten, die wie breite kleine Monster wirkten.

„Bitte sag, dass dieser Vorfall nicht wahr ist!", hallte die Stimme von Nathan Kairoyan eigenartig in seinen Ohren.

„Diese Kreatur ist untragbar für Eure Sicherheit, Charis!", sagte Krylan.

„Nein! Ich kann das nicht glauben!", hörte Nurel Nathans Stimme.

„Seht doch selbst, Charis. Aus den Fingerkuppen wuchsen lange spitze Krallen und aus dem Mund ragten gefährliche Fangzähne heraus. Wie ein Raubtier ist er über Scysar hergefallen. Ich kann ihn unmöglich von seinen Ketten befreien. Er ist eine Gefahr für uns alle.", behauptete Krylan ernsthaft.

Nurel konnte sich nicht verteidigen. Seine Kehle, sein Mund waren vollkommen gefühllos. In seiner rechten Kopfhälfte pochte ein heftiger Schmerz. Sein rechtes Auge war zugeschwollen. Nur langsam erkannte er vor sich, hinter den Gitterstäben, Nathan Kairoyan, daneben standen Krylan und Dyonsar, zwei Mitglieder des Tribunals.

„Er wirkt benommen!" Kairoyan schaute Nurel angestrengt in die Augen, „Ihr habt ihm eine Arznei gegeben. Ihr habt ihn betäubt!"

„Aber nein, Charis. In meiner Angst schlug ich vielleicht etwas zu kräftig zu."

„Öffnet die Tür. Ich will zu ihm!"

„Das werde ich auf keinen Fall zulassen, Charis. Er ist unberechenbar!", widersprach Dyonsar eindringlich.

„Öffnet mir sofort die Tür!", drohend betonte Nathan jedes einzelne Wort.

„Er ist eine Bestie ...", versuchte Dyonsar abzuraten.

„Schweig!", schrie Nathan wütend. Er riss energisch den Schlüssel an sich: „Wartet oben vor der Tür! Alle! Ich dulde keinen Widerspruch!"

Zögernd folgten die zwei Männer dem Befehl von Nathan, fünf weitere Wächter folgten den Stufen zur hölzernen Verliestür hinauf. Kairoyan wartete, bis sie oben die Tür von außen verschlossen hatten, dann drehte er sich um und öffnete die Gefängniszelle. Erst jetzt bemerkte Nurel, dass er seitlich auf einem Haufen Stroh lag. Seine Handgelenke, seine Fußgelenke und sein Hals waren mit Metallschellen an schweren Eisenketten befestigt. Sogar um seine Taille hatte man drei Ketten gelegt. Als Nathan auf ihn zukam, wurden seine Augen schwer, mühevoll schlug er sie wieder auf. Kairoyan hockte sich vor sein Gesicht, schweigend sah er Nurel eine Weile in die blinzelnden Augen.

„Ich will diesen Vorfall einfach nicht wahrhaben. Nurel! Bitte sag etwas."

Die Müdigkeit wurde immer größer. Nurel versuchte all seine Kraft zu sammeln. Während seine Augenlider wieder zufielen, kam ein flüsternder Laut über seine Lippen: „Lüge!" Er konnte nochmals Luftholen: „Hilfe!" Schließlich nahm die Müdigkeit überhand.