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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Vampirblut, Savannah Davis
Savannah Davis

Vampirblut



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Prolog 


Die Erde vor 2,5 Milliarden Jahren.  


Gerade ging ein Krieg um die Vorherrschaft zu Ende. Der 


Sieger stand inmitten des Schlachtfeldes, das seine Krieger 


hinterlassen hatten. Ein grollendes Lachen entrann seiner 


Kehle.  


Nur ein einziger Blutstropfen quoll aus der Wunde über 


seinem Herzen. Noch bevor dieser auf die Erde traf, verwandelte er sich in einen rubinroten Stein. 


Ein Feind, der schwer verletzt zu Füßen des Siegers lag 


und das beobachtet hatte, nahm sich des Steines an; wohl 


wissend, dass dieser noch von Nutzen sein konnte. 5


1. Kapitel 


„Wie viele Freundinnen hattest du schon?“, fragte ich 


grinsend. Tucker stand im Wasser. Hinter ihm rauschte der 


kleine Wasserfall, den er uns hatte zeigen wollen. Auf Tuckers gebräunter Haut hatten sich Wassertropfen gesammelt. Wie tausend Diamanten funkelten sie in der Sonne. 


Dakota stand neben ihm. Ihre kastanienbraunen Locken 


waren von der Feuchtigkeit glänzend und glatt geworden. 


Sobald sie wieder trockneten, würden sie sich in wilde Korkenzieher verwandeln. 


Ich unterzog den Freund meiner besten Freundin Dakota 


gerade dem  Beste-Freundin-Test. Irgendwie fühlte ich mich 


dazu verpflichtet. Schließlich musste ich Dakota vor dem 


anderen Geschlecht schützen. Nicht ohne Grund hatte ich 


beschlossen, dass die Sache mit dem Freund nichts für mich 


war. Jahrelang hatte ich Väter kommen und gehen sehen 


und wusste genau, was eine kaputte Beziehung mit einem 


anrichten konnte.  


„Lass mich mal nachrechnen“, rief Tucker und versuchte, 


das rauschende Wasser hinter sich zu übertönen. Er zog eine 


Hand unter Dakotas Armen hervor und begann, an den 


Fingern abzuzählen. Mir klappte der Mund auf.  Nicht so 


viele!, dachte ich schockiert. 6


„Zwei“, kam es endlich. „Eigentlich nur eine, denn die 


andere war meine Cousine und es war auch nur ein Kuss.“ 


„Cousine? Kuss?“, schnappte ich und wollte ihn gerade 


über die Folgen von Inzest aufklären. 


„Ich konnte nicht widerstehen. Sie war einfach zu hübsch 


und diese Lippen, so schön glänzend und noch ganz verklebt von Eis und Schokolade.“ Tucker grinste und Dakota 


schüttelte sich aus vor Lachen. „Ich war fünf und sie drei, 


aber es war die schönste Beziehung, die ich je hatte.“ 


Dakota boxte ihm gegen die Schulter. „Das ist nicht 


wahr!“ 


Ich ließ mich zurück auf die kleine Picknickdecke fallen, 


die Tucker mitgebracht hatte, schnappte mir eins der Sandwiches, die er zubereitet hatte, und zog die Möhren, die er 


gestiftelt hatte, näher heran. Ich seufzte; dieser Junge war 


wirklich perfekt. Er hatte an alles gedacht, als er diesen 


Ausflug gestern geplant hatte. Und ich war dankbar, dass er 


auf diese Idee gekommen war, auch wenn ich der Natur 


nichts abgewinnen konnte. Ich war kein Mensch, der wandern ging, auf Berge kletterte und in Wäldern herumstolperte. Doch dieses Mal machte ich eine Ausnahme. Ich hätte 


alles über mich ergehen lassen, wenn es mich nur weit weg 


von meiner Mutter brachte.  7


Erst vorgestern hatte meine Mutter mich mit der Entscheidung überrascht, dass wir zu meinen Großeltern ziehen 


würden. Schon wenige Augenblicke später saßen wir im 


Auto, hinter uns der Anhänger mit unseren wenigen Habseligkeiten – meine Mutter achtete immer darauf, dass wir 


nicht zu viel anschafften, damit wir schnell packen und 


flüchten konnten – und die funkelnden Lichter von Los 


Angeles bei Nacht. Vor uns die stundenlange Fahrt nach 


Vallington, der Kleinstadt am Ende der Welt, aus der wir 


geflohen waren, als ich zwei war. 


Die ganze Fahrt über hatte ich kein Wort mit meiner Mutter gewechselt. Ich hatte es so satt, dass ihre kaputten Beziehungen uns immer wieder dazu zwangen umzuziehen, alles 


aufzugeben. Aber zumindest waren wir bis jetzt immer in 


Los Angeles geblieben. Und in den letzten Jahren konnte ich 


mich endlich soweit durchsetzen, dass ich auf der Glendale 


High bleiben durfte. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft 


ich schon die Schule wechseln musste, wie oft ich Freunde 


verloren hatte, wenn meine Mutter mal wieder eine Beziehung beendete. Gab es überhaupt einen Teil von Los Angeles, in dem wir noch nicht gewohnt hatten? 


Und jetzt, wo ich schon fast die Hoffnung gehabt hatte, 


dass es ihr endlich gelungen war, einen Mann zu finden, der 


sie liebte, der alles für sie tun würde, der noch dazu stink-8


reich war, da zerstörte sie wieder alles. Meine Mutter war 


einfach unfähig, feste Bindungen einzugehen, seit sie sich 


von meinem Vater hatte scheiden lassen und mit mir Hals 


über Kopf von Vallington nach Los Angeles geflohen war. 


Nun war ich wieder hier in Vallington. Fünfzehn Jahre 


später. Am Rande des Yosemite Nationalparks. Am Ende 


der Welt. Eingeschlossen von Natur. Unendlichen Weiten 


von Bäumen, Felsen, Gestrüpp und eben Natur. Nicht zu 


vergessen, die Blutsauger. Ich würde mein Lieblingsdeo 


gegen Mückenspray eintauschen müssen. Genauso wie ich 


meine geliebten Designer-Outlets gegen die winzige Mall 


außerhalb von Vallington eintauschen musste. 


Ich hatte die Großstadt geliebt, die Boutiquen von Los 


Angeles und das Cheerleading. All das musste ich jetzt 


aufgeben, für ein Leben in einer Kleinstadt, in der es außer 


einer Kirche, einem Diner und ein paar Andenkenläden für 


die Touristen nichts gab. Nicht einmal über ein Footballteam 


verfügte diese Stadt und damit auch keine Cheerleader. 


Bisher hatte ich nur die Sommerferien hier verbringen 


müssen. Wenige Wochen im Jahr Langeweile und Albträume. Das war auszuhalten. Doch jetzt würden sie wiederkommen: Die Monster, die mich, so lange ich denken konnte, im Schlaf verfolgten, wenn ich in Vallington war. 9


Auch in der vergangenen Nacht hatte mich einer dieser 


Albträume heimgesucht. Ich rannte durch das Grün des 


Yosemite Nationalparks. Vorbei an riesigen Bäumen, aus 


deren Schatten mich dämonisches Lachen verhöhnte. Vorbei 


an grausigen Fratzen, die weit ihre Mäuler aufgerissen 


hatten, als wollten sie mich verschlingen. Und doch war der 


Traum, den ich in der letzten Nacht erlebte, anders als all die 


Albträume, die ich von früher kannte. Dieses Mal war ich 


nicht allein im Wald. Ein Mann, dessen Gesicht ich nicht 


erkennen konnte, weil die Schatten der Baumkronen es 


verdeckten, lehnte an einem Baumstamm. In seiner Hand 


ein silbernes Kreuz, das er an einer Kette schaukelte. 


Dakota ließ sich neben mich auf die Decke fallen. Kühle 


Wassertropfen landeten auf meinem Körper, als sie ihre 


Haare ausschüttelte. „Du solltest auch ins Wasser gehen, 


Josie“, sagte sie und schlang ihre Haare in ein Handtuch. „Es 


ist herrlich kühl.“ 


„Ich bin abgekühlt“, sagte ich und wischte mir übertrieben ein paar Wassertropfen aus dem Gesicht. 


„Ach komm schon. Es ist doch nur Wasser“, säuselte sie 


an meinem Ohr. 10


Ich schloss die Augen und drehte mich auf den Bauch, 


damit auch meine Kehrseite ein paar Sonnenstrahlen abbekam. „Wasser und Algen und Fische und …“ 


„Fische? Du wirst doch wohl keine Angst vor Fischen haben?“ Tucker blieb zu meinen Füßen stehen und klaute mir 


meine Sonnenstrahlen. 


„Angst, nein. Ekel, ja.“ 


„Wir sollten uns langsam auf den Rückweg machen“, 


murmelte Tucker und sank neben Dakota auf die Decke. 


Ich warf ihm einen mürrischen Blick zu. „Hier im Wald 


wird es schnell dunkel.“ 


Wald, ach ja. Das war der Grund, warum ich die Augen 


die ganze Zeit geschlossen hielt. Weil sich überall um diese 


wundervolle kleine Lichtung herum wilde, unbändige Natur befand. Noch mehr Getier, kleine krabbelnde, hässliche 


Monster. 


„Lass ihr noch ein paar Minuten. Josie hat noch nicht genug Farbe auf dem Rücken abbekommen.“ Das war Dakota, 


meine Freundin. Die Einzige, die ich hier hatte. Ich kenne sie 


schon, solange ich denken kann. Sie war einfach schon immer da gewesen, wenn ich die Ferien hier verbrachte. Sie 


wohnte gleich neben meinen Großeltern. Ich glaube, wir 


hatten schon zusammen gespielt, bevor wir nach Los Ange-11


les gezogen waren. Ich war froh, dass ich wenigstens sie hier 


hatte. 


Wenn wir nicht stehen geblieben wären, um uns einen der 


Mammutbäume anzuschauen, wenn Tucker uns nicht nahe 


an seine Seite gezogen hätte, damit er uns die starken, knorrigen Äste eines dieser Riesen besser zeigen konnte, wäre 


vielleicht nur einer von uns in die Tiefe gestürzt. So gab der 


Boden unter uns Dreien nach. 


Ich erwachte durch den Strahl einer Taschenlampe, die 


auf mein Gesicht gerichtet war. Jemand tupfte mir die Stirn 


ab. Wie durch Wasser nahm ich Dakotas Stimme wahr. Mein 


Kopf dröhnte und ich musste gegen das Licht anblinzeln. 


Unter meinen Händen fühlte ich Erde und in meinem Rü-


cken kaltes Felsgestein. 


„Sie … Ich glaube, sie kommt zu sich.“ Dakota klang 


leicht hysterisch. Sie stand über mich gebeugt. Tucker beleuchtete mich etwas abseitsstehend mit der Taschenlampe. 


„Was ist passiert?“, murmelte ich. „Hat mich ein Auto angefahren?“ 


„Sie macht schon wieder Scherze. Ihr geht es gut.“ 


„Bist du dir sicher? Was ist, wenn sie das Gedächtnis verloren hat? Schließlich hat sie sich den Kopf gestoßen.“ 12


„Dakota, ich bin hier. Direkt neben dir. Klärt mich jetzt 


mal einer auf, was hier los ist?“ Mich plagten höllische 


Kopfschmerzen und mir war übel. Außerdem rauschte es in 


meinen Ohren, als wäre der Wasserfall noch irgendwo in 


der Nähe. 


„Wir sind in eine alte Goldgräbermine gestürzt. Die sind 


hier überall.“ Tucker richtete die Lampe auf ein Loch über 


unseren Köpfen. Es war nicht groß, aber groß genug, um 


uns drei zu verschlucken. Als ich mich etwas vorbeugte, 


konnte ich den Wipfel des Jahrhunderte alten Baumes sehen, 


der sich vor dem feuerfarbenen Himmel abzeichnete. Die 


Sonne ging unter. 


Langsam schob ich mich an der Felswand nach oben. Für 


einen Moment drehte es sich in meinem Kopf. Schwankend 


stellte ich mich direkt unter das Erdloch und streckte einen 


Arm nach oben, als könnte ich wie durch ein Wunder den 


Rand erreichen. Aber ich wusste schon, bevor ich mich 


aufgerichtet hatte, dass es zu hoch war. 


„Keine Chance“, sagte Tucker in meinem Rücken. „Wir 


müssen einen anderen Weg finden.“ 


Dakota schob eine Hand in meine. „Es tut mir leid.“ 


„Du kannst nichts dafür. Außerdem besser, als bei meiner 


Mutter zu sein.“ Ich gab mir Mühe, meine Stimme fest klingen zu lassen, was bei der Übelkeit, die sich in meinem 13


Magen nach oben zu kämpfen versuchte, nicht einfach war. 


Ich schluckte. „Also, wo ist der Ausgang?“ 


Tucker reichte Dakota die Taschenlampe und kramte in 


seinem Rucksack. Ich hoffte, er würde irgendein Zauberding 


herausziehen, wie Merlin aus seinem Hut, aber er beförderte 


nur eine Flasche Wasser zum Vorschein. Er reichte sie mir 


und ich nahm einen vorsichtigen Schluck. Das Wasser war 


kühl und es fühlte sich gut an, als es langsam meine Kehle 


hinunter rann und sich einen Weg durch die Speiseröhre 


bahnte. Ich nahm noch zwei Schlucke und reichte die Flasche an Dakota weiter.  


„Also, wir haben noch zwei Flaschen Wasser und ein paar 


Kekse.“ Tucker warf uns unter hochgezogenen Augenbrauen einen scharfen Blick zu. „Aber keine Sorge, soviel ich 


weiß, sind diese Minen hier nicht all zu groß. Wenn wir 


aufpassen, wie wir laufen, sollten wir schnell hier raus 


kommen.“ 


„Du meinst, das hier ist kein riesiges unterirdisches Labyrinth?“, sagte ich sarkastisch und nickte in Richtung der 


zwei Tunnel, die nur wenige Schritte vor uns abzweigten. 


„Tucker ist gerade schon mal dort lang gelaufen.“ Dakotas Stimme quietschte vor Nervosität. Sie zeigte auf den 


Tunnel hinter uns, tippelte von einem auf den anderen Fuß 14


und rieb sich über ihre Arme. „Dort hinten geht es nicht 


mehr viel weiter“, flüsterte sie. 


Ich drückte ihre Hand. „Wir schaffen das schon. Heh, L.A. 


ist ein Dschungel. Wenn uns einer hier raus bringt, dann 


ich.“  


Leider war ich mir kein bisschen sicherer als Dakota. Ich 


musste heftig gegen die Angst ankämpfen, die sich in mir 


nach oben fraß. Verdammte Wildnis! 


„Also, Dschungelführerin? Links oder rechts?“, wollte 


Tucker wissen. 


„Rechts“, sagte ich und nickte. Mit den Fingern tippte ich 


mir gegen die Stirn. Etwas Klebriges hatte sich dort gesammelt. Ich sog scharf die Luft ein, als ich die Wunde an meinem Haaransatz berührte. Tucker leuchtete mir ins Gesicht 


und zog die Stirn kraus. 


„Sieht nicht weiter schlimm aus. Es blutet schon gar nicht 


mehr.“ 


„Können wir nicht endlich losgehen? Je eher wir gehen, 


desto schneller kommen wir hier wieder raus“, sagte Dakota 


mit zittriger Stimme. Sie trat neben Tucker und schlang ihre 


Arme um seine Taille. Tucker küsste sie auf die Stirn und ich 


wünschte mir zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich 


auch jemanden hätte, der mich in dieser Situation tröstete. 15


Die Luft hier unten war stickig, irgendwie dick und 


feucht. Unsere Stimmen hallten von den steinernen Wänden 


wider. Ohne Tuckers Taschenlampe hätten wir keinen Fuß 


weit sehen können. Durch das Loch über unseren Köpfen 


drang inzwischen kaum noch Licht herein. Der Tag war fast 


vorbei. Nicht mehr lange und meine Mutter würde sich 


fragen, wo ich solange blieb. Meine Großmutter würde sich 


Sorgen machen, denn so gerne sie es sah, dass ich und die 


Natur uns näher kamen, so sehr hatte sie mich immer vor 


ihr bewahren wollen, wenn es draußen dunkel wurde. Nur 


langsam wurde mir die Tragweite der Situation bewusst. 


Die Chancen standen gut, dass wir hier nicht wieder raus 


finden würden. Dass wir hier unten sterben würden. 


„Also rechts“, sagte Tucker. Er nahm meine rechte Hand, 


Dakota meine Linke. So liefen wir hintereinander durch den 


Schacht. Der Boden war uneben und das Licht der Taschenlampe nicht ausreichend. Wir stolperten mehr als wir liefen. 


Unsere Schritte hallten von den Wänden wider. Die Luft 


war feucht und roch modrig. Auf beiden Seiten des Tunnels 


befanden sich in einigen Abständen kleine Nischen in den 


Felswänden. 


„Die sind zur Probe reingeschlagen worden. Wo nicht 


weiter gegraben wurde, war auch kein Gold zu finden“, 


erklärte Tucker und versuchte, sich unserem Tempo anzu-16


passen. Seine Hand fühlte sich heiß in meiner an. Ganz 


anders als meine. Sie war so kalt, ich hatte das Gefühl, meine 


Finger würden erfrieren. Ich schob es auf die Kälte, die uns 


hier unten umgab. Meine Beine zitterten ein wenig und hin 


und wieder knickten sie kurz ein, als wären sie aus Gummi. 


Dakotas Finger schlangen sich um meine Knöchel und 


drückten so stark zu, dass ich die Lippen fest zusammenpressen musste, um nicht zu wimmern. Aber ich ertrug es, 


denn ich wusste, sie hatte nur Angst, ich könnte sie aus 


Versehen loslassen und in der Dunkelheit verlieren. 


Plötzlich blieb Tucker stehen. Der relativ geräumige Tunnel, in dem wir uns befanden, spaltete sich vor uns in zwei 


Kleinere. Er ließ meine Hand los, ging ein Stück voraus und 


leuchtete in beide Gänge einmal kurz rein. „Nichts zu sehen. 


Welchen wollen wir nehmen?“, rief er uns über die Schulter 


zu. Er kam zu uns zurück und leuchtete mir ins Gesicht. Er 


wollte wohl schauen, ob die Wunde an meiner Stirn noch 


blutete. 


Ich wollte Dakota und Tucker die Entscheidung überlassen. Immerhin könnte sie über Leben und Tod entscheiden. 


Unser Leben. Unseren Tod. Hier ging es nicht nur um mich, 


sondern um uns. Eine Tatsache, die ich sonst in meinem 


Leben eher verdrängte. Meist konzentrierte ich mich ausschließlich auf mich. 17


Zu meiner Überraschung waren mir im Augenblick andere Menschen wichtiger als ich selbst. Allen voran Dakota 


und meine Großeltern ... und meine Mutter. Auch wenn ich 


ohne sie wohl überhaupt nicht in dieser Situation stecken 


würde. In Los Angeles würde ich jetzt wahrscheinlich auf 


dem Weg zu einem Konzert der Jonas Brothers sein. 


Im Moment wäre ich sogar froh gewesen, in der Küche 


meiner Großmutter sitzen zu können, an einem Tisch mit 


meiner Mutter. Vielleicht hätten wir über unsere Probleme 


gesprochen, ziemlich wahrscheinlich aber hätten wir uns 


gestritten. Immerhin hätten wir Großmutters Apfelkuchen 


in uns hineingestopft. Auf meinem Teller wäre ein riesiger 


Berg Sahne gewesen und meine Mutter hätte einige Tassen 


starken Kaffee getrunken. Meine Oma hätte zwischen uns 


gesessen, munter geplaudert und so getan, als würde sie die 


frostige Stimmung zwischen ihrer Tochter und der Enkelin 


nicht wahrnehmen. 


Wir entschieden uns für den linken Gang. Es war enger 


hier, die Decke niedriger, der Boden unebener, die Luft 


stickiger. Tief und lang atmete ich ein, um genügend Sauerstoff zu bekommen. Das Atmen fiel mir schwer und die 


Lunge schmerzte. 


 


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