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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Trugbild der Schatten, Helmut Aigner
Helmut Aigner

Trugbild der Schatten


Erster Teil der Aedon-Vohrn Trilogie

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Trugbild der Schatten


 


 1


Andauernd, jede Nacht, plagten sie düstere Albträume.


Es blieb falsch, egal wie oft sie es durchlebte. Unerklärliche Bilder verblassten nach dem Erwachen, mit rasendem Herzen suchte sie nach einer Erklärung.


 


Im Schlaf wurde Etaila zu jemand anderem, einer Frau, die in Furcht lebte vor ihren Verfolgern. Sie rannte durch einen dichten Wald, gehetzt von einem Jäger.


Oder glaubte es nur.


Wenn sie sich umdrehte, war da nichts, nichts außer der Kälte zwischen den Ästen, dünnem aufsteigendem Rauch und purer Einsamkeit. Sie landete an einem anderen Ort, herausgerissen aus der Vergangenheit. Grübelnd sah die Träumerin eine Siedlung, klein, friedlich und abgelegen in den Bergen, die sie nie bereist hatte. Sie erspähte eine alte Frau mit sorgenvollem Blick, die Sorgfalt galt allein dem Schicksal der Besucherin. Der Tod kam in die kleine Siedlung.


Die Vorsteherin wurde erstochen von einem Mann bewaffnet mit schlichtem Dolch. Er wechselte sein Angesicht, war erst jung, später alt und wieder umgekehrt. Doch das war nur der Beginn, die Eindrücke änderten sich rasch, sie konnte kaum folgen.


Sie sah ein Heer von Angreifern, keine Menschen, sie brachten das Leid in die entlegenen Täler des Grenzlandes der Thärden, den kriegerischen Clansleuten und verhassten Nachbarn der Elfen. „Es sind Orks, flieht, wenn Ihr sie bemerkt, sonst ist es um Euch geschehen″, flüsterte eine leise ängstliche Stimme ihr in den Nächten zu.


Diese Warnung flößte ihr Angst ein und machte sie panisch.


Wieder befand sie sich in dem lichtlosen Wald unter schiefen Baumreihen.


Sie zitterte vor Angst und Kälte, und als sich Etailas anderes Ich umwandte, stand jener, der seine Form wechselte, hinter ihr, mit gezogenen Dolchen und einem frostigen, mordgierigen Glitzern in den Augen. Die ängstliche Stimme in ihr begann zu sprechen.


Sie flüstere nur einen Namen. Es war derselbe, den die alte Frau kurz vor ihrem Tod gehaucht hatte.


Ein mächtiger Name, so althergebracht wie die Sagen ihres Volkes „Viondars″.


Dann wachte sie auf, den Klang ihres eigenen Schreies in den Ohren.


Der wirre Traum riss sie aus dem Schlaf. Sie setzte sich auf ihre einfache Schlafstätte, Säcke, gefüllt mit Stroh. Die Söldnerin benötigte eine Weile, um frei durchatmen zu können.


Es waren nur Spukbilder, sagte sie sich.


Und doch war sich die Frau unsicher. Sie hatte eine völlig andere Person gemimt, jemanden mit anderer Vergangenheit, mit sensiblem Charakter, das komplette Gegenteil ihrer selbst. Anfangs grübelte sie über den Irrsinn nach, den sie empfand, dann betrachtete sie die junge aufgehende Sonne durch die geöffnete Dachluke und der Traum der vergangenen Nacht verschwand im hintersten Winkel ihres Unterbewusstseins.


Es gab Wichtigeres zu tun. Sie sprang auf und kleidete sich an. Hose, Gürtel, Wams - einfache Kleidung zum Arbeiten, geeignet für viele Berufe in Courant, ihrer erwählten und ebenso schäbigen Heimatstadt. Berufe, bei denen das Schwert das wichtigste Werkzeug darstellte.


Sie wusch sich das Gesicht in einer hohen Schüssel gefüllt mit eiskaltem Wasser.


Zum Frühstück setzte sie sich an einen schiefen Tisch, der kaum sein eigenes Gewicht tragen konnte. Es gab Haferbrei zum Essen, schal wie üblich, zu mehr reichte das Geld kaum aus. Man konnte nicht behaupten, dass sie in Luxus schwelgte. Jetzt, so früh am Morgen, lag der kleine Raum fast in völliger Dunkelheit, ihr Ruhelager, ein schiefer Schrank und eine Truhe, alles war nur spärlich beleuchtet. Ein Kienspan spendete ein wenig Helligkeit, damit die junge Frau sich im Inneren zurechtfand. Sie bereitete sich auf ihren neuen Arbeitstag vor.


Die Eskorte von Händlern und anderen Kunden war im unruhigen Süden keine Seltenheit. Einige Abgesandte aus der örtlichen Händlergilde hatten sie angeworben, als Begleitung zum Schutz ihrer Leben und ihrer Waren. Ihr guter Ruf war ausschlaggebend gewesen.


Sie wurde als Söldnerin zu den wenigen gerechnet, die an untätigen Tagen nicht schon am frühen Mittag betrunken in ihrem eigenen Erbrochenem lagen. Sie nahm ihr Handwerk ernst.


Sie würde stundenlang neben einem Kutschbock sitzen und einige Dutzend Fässer bewachen; Abenteuer sahen anders aus. Dafür gab es dann am Ende des Tages einige Münzen Besser als mit knurrendem Magen schlafen zu gehen, dachte sie nüchtern.


Es gab in Courant als Frau nur zwei Möglichkeiten: entweder man wurde die Ehefrau eines Halsabschneiders, oder selber einer. Das hatte ihr Vater ihr einst als Rat mitgegeben. Sie machte es anders. Denn sie hatte schon viele Halsabschneider gesehen, die am Strick endeten. Sie ging einige Schritte, griff in die Dunkelheit hinein. Aus der Truhe nahm sie ihr Kopis heraus, einen Schildbrecher, der Rundschilde mit Wucht durchdrang und zu Kleinholz verarbeitete.


Eine gut geschmiedete Waffe, wenn man bedachte, dass ihr alter Herr, der Hufschmied eines Dorfes nah der Marschen, es damals aus Altmetall hergestellt hatte.


Fieber in Winter hatte ihr den Vormund geraubt, ihre Mutter kannte sie kaum, sie war noch während ihres Kindesalters fortgegangen. Nicht ungewöhnlich; das raue Land um Courant raffte jedes Jahr genug Menschen dahin. Das Schwert war das einzige Erinnerungsstück, das von ihrem Vater blieb, und es hatte ihr in ihrer Jugend genügend ausgehungerte Wölfe aus den Bergen vom Leib gehalten. Sie hatte es gestern Abend vorsorglich geschliffen.


Alles war vorbereitet. Die einfache Schutzkleidung, in der sie steckte, war vor einer Woche geflickt worden. Sie fuhr in einem Wagen heraus aus dieser großen Ansammlung von heruntergekommenen Hütten, die sich eine Stadt nannte. Vielleicht kam sie sogar für längere Zeit heraus. Sie machte sich Mut für die Zukunft, als sie ihr Häuschen verließ und in den grauen morgendlichen Himmel hinaus spähte. Die Sonne blieb eine kleine matte Scheibe am Horizont, die heute kaum Licht gab. Die Straßen sollten zu dieser Uhrzeit menschenleer sein, selten hatte einer der Bewohner einen Grund so früh seine Behausung zu verlassen.


Diesmal war es ähnlich. Nur Irna die alte Vettel, die auf der Veranda ihrem Haus gegenübersaß, war schon wach und reckte sich in einem Schaukelstuhl. Ihre Vermieterin, ein schrecklich geiziges Weib, das sie am ausgestreckten Arm verhungern ließe, nur um sich ein paar Geldstücke zu sparen. Sie grüßte das böse Weib und erntete aus der Entfernung ein herablassendes Grinsen, fehlte nur die Aufforderung, die Miete rechtzeitig zu begleichen. Aber sie suchte kein Ärger mit ihr, die Anwohnerin bezahlte bisher immer pünktlich und machte selten Schwierigkeiten. Die Söldnerin grinste zurück, fluchte in Gedanken laut auf und ging die matschige Straße entlang. Alte Schlampe, soll dich doch der Teufel holen. Ein bis zwei Wochen nicht hier zu sein, würden ihr gut tun. Etaila, die junge Frau mit dem hübschen Gesicht, dem blonden Haar und der frischen Erscheinung, ging an einem verschlammten Tümpel vorbei, passierte eine schmale Brücke, nur ein breites Brett über einen schlammigen Weiher. Die Wolkendecke am Firmament färbte sich weiter grau, ein leichter Schauer kündigte sich an. Kaum ungewöhnlich in dieser Ecke der Welt, die raue See der Frostbanninseln brachte reichlich schlechtes Wetter in den Süden.


Entfernt hörte sie Reiter, sie besaß kein Pferd und durfte nicht zu spät zur Handelsstation gelangen, man würde nicht wegen einer einzelnen Person die Karawane warten lassen. Zeit war Geld und sie nahm die Beine in die Hand. Sie rannte an weiteren, immer gleich aussehenden Rundhütten vorbei, jederzeit darauf bedacht, nicht im Schlamm oder Pferdemist auszurutschen oder stecken zu bleiben. Großartig, der Tag begann mit einem Sprint, hoffentlich war sie nicht überfällig, so einfache Arbeit gab es in den nächsten Tagen nicht erneut. Sie hörte das Gebrüll hinter sich, ein Bote spornte sein Ross zu mehr Geschwindigkeit an und nahm dabei keine Rücksicht auf Fußgänger. Die junge Frau wurde beinahe über den Haufen geritten, nur durch Haaresbreite entkam sie den ausscherenden Hufen, ein Sprung zum Wegrand in eine Pfütze rettete sie zumindest vor einer schmerzhaften Verletzung. Sie kroch ein Stück voran und wischte sich den Schlamm aus dem Gesicht. Sie hörte lautes Gelächter. Der Reiter hatte Freude an seinem Sprung gehabt. Wenig später erreichte sie den Handelsposten, zu früh.


Die Händler dachten gar nicht daran, überstürzt aufzubrechen, Etailas Hosen und Mantel waren von Matsch verkrustet und ihre Laune war, morgendlich, bereits verdorben. Ein alter Mann mit langem grauem Bart und einer erstaunlich intensiven Bierfahne empfing sie vor dem Kutschbock. „Ihr müsst Etaila sein.“ Ihm war dies klar, weil sie die einzige Frau auf der Reise sein sollte. „Wer sonst″, war ihre knappe Antwort. Man blieb trotzdem höflich zu ihr und übergab, wie vereinbart, drei Silbermünzen als Vorschuss. Wenigstens sind die Pfeffersäcke nicht knickrig. Sie haben wohl Muffensausen die große Fahrt mit zu Wenigen anzutreten. Dachte sie beim Aufsitzen auf einen Karren, der mit bauchigen Fässern beladen wurde.


Eine Gruppe weiterer Bewaffneter begrüßte sie wortkarg, sie brummte ein Hallo zurück. Das reichte, mehr Worte musste man innerhalb der Zunft nicht wechseln. Währenddessen verstaute man Bier, eine wichtige Handelsware für viele Dörfer im Umkreis von Meilen. Jemand reichte ihr einen Becher mit dunklem Gerstensaft. Sie nahm einen Zug. Nicht das schlechteste Zeug. Vielleicht wird der Tag ja, doch noch vernünftig, sie versuchte sich Mut zu machen.


 


2


Selbst als der Verfluchte sich auf den Boden warf, im Dreck und Sand vor der Schenke hin und her rollte, vermochte er nicht die Flammen um sich herum komplett zu löschen. Der Schmerz im Nacken und Hinterkopf stach unerbittlich durch das Fleisch seiner Kopfhaut. Tränen rannen ihn über das Gesicht und aus der Taverne heraus konnte er aufgeregte Rufe vernehmen. Sie wollten ihn schnappen, ihn gefangen nehmen.


Es stand nicht gut um ihn. Das Feuer hatte sein Haarschopf versenkt, sich bis zur Stirn gefressen und erlosch nun plötzlich, als hätte man ein Kübel Wasser auf ihn ausgeleert. Der Funke magischer Energie, war aufgebraucht. Eilig zog er sich hoch und rannte davon. Die neu errichtete Kathedrale zu seiner linken verfolgte ihn mit ihren scharfkantigen Schatten. Arbeiter türmten die letzten Blöcke unter Einsatz eines Gerüsts und mithilfe eines Krans zum nördlichen Spitzdach auf. Doch die nervösen Augen des Verwünschten richteten sich stur auf den Boden. Die Öffentlichkeit erkannte sofort, was mit ihm los war, sie sahen die Verbrennungen auf seinem Schädel rochen den Rauch des verbrannten Haarschopfs.


Ein Magusketzer, eine Gefahr für alle Menschen Mondaves war unter ihnen. Er hätte die Spuren der Zauberei kaum verbergen können.


Die Bewohner jedes Ortes erkannten die Anzeichen eines fehlgeleiteten Gebrauchs von Magie, Verbrennungen, Verstümmelungen, Fälle von Wahnsinn, seltsames Verhalten um die Schuld zu verbergen die auf einen Ketzer lastete.


Nur wenige konnte ihre verheerenden Kräfte steuern, sie nützen, er hatte bis vor kurzen zu dieser Minderheit gezählt. Er brachte weitere unliebsame Verfolger auf sich an. Mutige versuchten ihn zu stoppen und zu Fall zu bringen, doch der Verfluchte war verzweifelt schnell, er sprang hastig über aufgetürmte Holzstapel und brachte einige Fässer zum Stürzen und verschwand in einer Nebengasse. Stickige Luft und haufenweise Müll erwarteten ihn dort. Das Armenviertel, der Gesuchte blieb dort verborgen vor den Blicken seiner Verfolger.


Er wurde langsamer und suchte sich einen schattigen Weg durch den Abfall. Hier wohnten in den verschlungenen nischenreichen Gassen, die Alten und die Armen, in ihren kleinen Quartieren. Sie kamen in den unsicheren Zeiten, in dem die Silberne Garde die Führung übernommen hatte, kaum noch aus ihren Absteigen heraus.


Er musste kurz verschnaufen, sich in einer dunklen Nische verbergen. Bei allen Heiligen, was war mit ihm passiert? Sein Morgen hatte mit einer guten Menge Bier begonnen. Wie gewohnt. Heute war ein Feiertag, zu Ehren des Ordens. So konnte er sich an diesem Tag vor der Arbeit in den Pferdeställen drücken. Er hatte sich vorgenommen, den Tag in der Taverne zu bleiben, seine Saufkumpane, hatten ihn dazu angestiftet. Nach weiteren Bieren hatte sich ein Streit zugetragen, beim besten Willen konnte er sich nicht mehr an die Ursache erinnern.


Er hatte herumgeschrien, stand kurz vor einer Schlägerei und dann war das das Feuer ausgebrochen, ohne Vorwarnung, ohne Beherrschung, es hatte sich von einem Tisch, bis zu seinem Kopf gefressen. Er war sofort wieder nüchtern. Aber da war noch etwas, ein Fremder hatte ihn in Spelunke beobachtetet, ein alter Kerl mit weißsilbriger Mähne und einem narbigen Gesicht, er hatte ihn böse angegrinst, bevor diese ganze Sache begann und war dann plötzlich verschwunden. Was für ein wahnsinniger Tag, das kann nicht passiert sein!


Er glaubte aufgeregte Stimmen hinter seinen Rücken zu hören und drängte sich mehr in die dunklen Gassen hinein, über ihn entleerte jemand einen Kübel mit Schmutzwasser, ein Schwall der dunklen und stinkenden Flüssigkeit glitt seinem Rücken herunter, er musste sich zusammenreißen um nicht lautstark loszuschreien.


Je tiefer er sich in das Labyrinth der Gassen vorwagte, desto kühler und leiser wurde es. Er dachte wieder über seine Lage nach. Viele seiner Bekannten waren bereits vor ihm heraus gelaufen. Die Sache würde sich schneller verbreiten, als er in der Lage war, es aufzuhalten. Eindeutig Magie, ein Fall für die Silberne Garde, wenn man ihn schnappte.


Er war jetzt ein Ketzer, ein Feind des Ordens, man würde ihn unerbittlich jagen.


Das nach all den Mühen, seine Essenz, das Magicka zu verbergen.


Erneut packte ihn Grausen.


Die Garde hatte viel Übung entwickelt Magiewirker zu erkennen und zu töten, wenn es die Pflicht verlangte. Als Kind hatte er auf dem Marktplatz eines Dorfes, nicht weit von hier entfernt, beobachten können, wie ein Bannerträger eine alte Frau aus der Menge herausgepickt hatte. Unzählige hatten sich auf dem Richtplatz versammelt und der Ordensmann hatte nicht einen Atemzug lang gezögert.


Die Gesuchte hatte sich durch ihr Äußeres in keiner Weise von den anderen unterschieden, zielsicher war der Paladin auf sie zugegangen und nach einigen Fragen musste sie ihn begleiten. Das war alles so zügig passiert und eine Aura der Angst hatte sich über die Bewohner gelegt, denn wen die Garde jemanden holte, den sah man diesen niemals wieder. In Kolonnen brachte man die Gefangenen irgendwo ins abgeschottete Thetyr, der Ordensstadt im Land der Thärden, dort, wo niemand bei klarem Verstand enden wollte.


Er musste fliehen. Sollte er diesen Tag überleben, würde er das Saufen bis zum Lebensende sein lassen. Er preschte sich, wie ein Verrückter durch die Winkel der schmalen Gänge, erreichte den überfüllten Marktplatz stieß mit anderen zusammen, wurde angepöbelt. Noch hörte er nicht das Klimpern von metallischen Rüstungen um sich herum und das gab ihn Hoffnung.


So rasch konnten seine schlimmsten Feinde nicht handeln. Er lief eine Allee entlang, glaubte wie ein Wahnsinniger aussehen zu müssen und lag nicht falsch dabei. Verschwitzt und völlig außer Atem erreichte er seine Bleibe. Eine in den letzten Hinterhöfen der Arbeitergassen. Er schaute sich um, die Umgebung war Menschenleer. Die Arbeitergassen um ihn herum waren wenigstens sauber, weil die Bewohner ihre Unterkünfte meistens nur zum Ausruhen am späten Abend aufsuchten. Tagsüber war das Viertel verlassen wie eine Geisterstadt, denn entweder wartete die Arbeit oder man suchte zur Zerstreuung bessere Örtlichkeiten auf. Seine Lunge brannte, er war außer Atem und immer noch in wilder Panik. Sein Heim war bescheiden und so klein, das selbst eine Person nicht mit zu viel Freiraum angeben konnte. Und doch war es seit Jahren seine bescheidene Zuflucht, ein Ort, den er schon jetzt vermisste. Er stieß die Tür auf, sie war nicht abgeschlossen, wozu auch? Und ging hinein. Eilig lief er zur Truhe, holte einen Mantel mit Kapuze heraus und zog ihn gleich an. Die Brandspuren auf seinem Schädel würde die Kopfbedeckung verbergen, gut so, er brauchte jetzt alles was Hilfe leisten konnte. Venya, ich weiß, dass du mir das eingebrockt hast, ich verfluche dich, du alte Krähe. Er zitterte und flüchtete mit seinen düsteren Gedanken bereits zu der Brücke am Tor. Er kroch unters Bett, öffnete ein Geheimversteck unter dem morschen Holzdielen und holte einen Beutel mit Silber heraus. Das war übertrieben, vielleicht drei oder vier Münzen befanden sich darin, und die Hälfte davon war die Miete für den nächsten Monat, die er jetzt ohne Zweifel nicht mehr bezahlen musste. In kürzester Zeit bewegte er sich zur Tür und spähte durch den Spalt hinaus, keine besondere Regung draußen, eine Gelegenheit tief durchzuatmen und wenigstens etwas Mut zu fassen.


Er stieg hinab und ging den schnellsten Weg zum hintersten Stadttor. Er mied dabei offene Straßen und Alleen, kletterte über Mauervorsprünge in private Gärten und hörte nicht selten hinter sich wütendes Gebrüll wegen des unverschämten Eindringens.


Das war ihm allerdings lieber, als von einer Patrouille der Silbernen vor der Wegekreuzung angehalten zu werden, und unangenehme Fragen wegen seiner Brandwunden zu beantworten. Er kam zu einer Kreuzung, von hier aus führten mehrere Weg hinaus aus Mondave. Das gewaltige hintere Tor, erbaut im Altertum, blieb immer geöffnet. Der Weg vor ihm den der Fliehende nicht nahm, leitete Reisende ins Hochland; er würde jetzt nicht wie ein geschlagener Hund zu Venya eilen, nicht nur sein Stolz hinderte ihn daran. Er eilte am Hafen vorbei und nahm den anderen Pfad, durch heruntergekommene Teile der Stadt. Er hatte die Stadtgrenze unbeschadet erreicht. Endlich lag die Brücke vor ihm, der gepflasterte Weg dahinter führte der nach einer Gabelung zum östlichen Hain. Dieser war dicht und schattig und abgelegen genug für diejenigen, die unentdeckt bleiben wollten. Ein guter Unterschlupf. Aber selbst vor diesem eher unwichtigen Übergang tummelten sich die Städter, einige Händler verkauften gleich hinter den dicken Stadtmauern ihre Waren. Nur Schwachköpfe kauften außerhalb der Mauern ein. Billige Hehlerware war noch das Beste von den Angeboten. Handwerker und Holzfäller marschierten zusammen mit dem Magusketzer zu ihrer Arbeit und wurden unbehelligt gelassen. Doch verlangten sie wie immer vor Arbeitsantritt an denselben Ständen ihr Bier. Hier und da willigte auch einer der Waldarbeiter in ein Geschäft anderer Art ein und beanspruchte die Dienste einer Dirne, die meist aus den verarmten Gemeinden östlich des Brückenübergangs stammte. Genau die richtige Gegend für ihn, denn die Hüter des Ordens ließen sich hier im Brückenviertel eher selten blicken. Er stellte sich unauffällig neben einem Fischhändler, der dezente Gestank, den der Laden verbreitete, sorgte alleine dafür, dass er im verborgen blieb.


Er versuchte, die Gegend in Ruhe zu überschauen.


Ja, tatsächlich keine Spur von den Silbernen. Nicht ein Mann mehr Bewachung bei dem Wachposten als üblich, vielleicht hatte er Glück, die Gardisten des Provinznestes waren schon gar nicht für ihre Disziplin bekannt. Die meisten der Wachen, die er von dem Steg aus sah, wirkten nicht weniger abgefüllt, als noch vor einer guten Stunde in der Schenke.


Er wollte einfach nur heraus, notfalls mit Bestechung. Im Hain wuchsen wilde Obstbäume und zwei Tagesmärsche entfernt in Richtung Schwarzschilfsee gab es Gehöfte in der er mit einer passenden Geschichte, für einige Tage untertauchen könnte. Eine Scheune zum unterkriechen, ein paar Becher Bier, (zum Teufel mit seinen vorherigen Versprechen).


Ein gutes Programm für die nächsten Tage und wenn er es geschafft hatte, nahm er sich vor, nie wieder ein Wort mit der Hexe zu wechseln. Er würde ebenfalls alles, was mit der Gemeinschaft gewesen war, aus seinem Verstand verdrängen. Er konnte dann die letzten Jahre einfach aus seiner Vergangenheit auslöschen. Er versuchte, möglichst unbemerkt hinter eine Gruppe von Tagelöhnern zu gelangen. Sie liefen in Lumpen und stanken von den vielen Tagen harter Arbeit an denen kein Tropfen Wasser zum Waschen zur Verfügung stand und es auch sonst kein Bedarf dafür gab.


Das Untertauchen gestaltete sich nicht einfach, wenn man der einzige fast nüchterne in einer Truppe war, der verkrampft probierte, normal zu wirken. Aber er konnte darauf hoffen, dass man ihn in den Reihen der Tagelöhner in Ruhe passieren ließ. Der Verfluchte zog die Kapuze dicht auf seinen Kopf, bis über die Augenbrauen und blickte aufgeregt von rechts nach links. Jeder Schritt auf der verschmutzten Brücke Richtung Tor verursachte Anstrengung.


Hin und wieder schaute er hinter seine Schulter, für ihn interessierte sich kein Mensch.


Die Posten stützten sich auf ihre Lanzen und dösten im hellen Sonnenschein, uninteressiert wie immer an solchen behäbigen Tagen. Mondave kannte keine Feinde, seit langem keinen Krieg.


Für alle Vorübergehende um ihn herum war es ein üblicher Tag, nur er wirkte aufgeregt und konnte seinen Zustand kaum verbergen.


Ungewollt schreckte er zurück, als man ihn höflich ansprach. Erst dachte er hätte eine falsche Person auf sich aufmerksam gemacht, bis er einen Bekannten neben sich fand, der gegenüber von ihm auf der anderen Straßenseite wohnte und ihn auf ein Getränk einlud.


Der Kerl war in fröhlicher Stimmung und in Ausgeberlaune. „Kommt mit es ist schöner Tag lasst uns einen heben, schulde Euch sowieso ein paar Kupfer.“ Der Gesuchte machte ein paar Schritte zurück und setzte eine übel gelaunte Miene auf. Eine verflucht unpassende Situation für ihn. Er lehnte barsch ab und sorgte dabei für ein nachdenkliches Stirnrunzeln, solches Betragen kannte man von ihm nicht. „Dann lass uns später treffen, stellst dich sonst doch nicht so an.“ Er bekam keine Antwort. Der Nachbar sah nur den Rücken und den sonst so trinkfreudigen Bekannten weg eilen.


Der Mann benahm sich äußerst seltsam heute. Der Ketzer ging vorwärts, hastiger, noch nervöser. Er hatte die Brücke fast überquert und sah eine Anzahl von Tannen knapp hinter einem Pfad sich vergrößern. „Endlich geschafft“, so dachte er, als plötzlich hinter der Ecke eines Verschlags der Brückenwacht eine Gestalt auftauchte und sich ihm blitzschnell in den Weg stellte, viel zu flink, um auch nur im Ansatz reagieren zu können.


Der Entfliehende schaute nur dumm aus der Wäsche. Der Mann hatte sich beim Verstecken nicht mal besondere Mühe gegeben, sondern hatte nur die Rückwand der Kate aufgesucht und geduldig gewartet, auf sein Glück gehofft - mit gutem Ergebnis. Einen verzweifelten Versuch war die Sache noch wert. Der Gesuchte versuchte die Person zu ignorieren und weiter zu gehen, sich entweder mach links oder rechts vorbeizudrängen.


Er wurde wuchtig von dem Bannerträger zurückgestoßen und mit seinem Namen angesprochen; und ab da wusste der Verfolgte, dass es für ihn keine Flucht mehr gab. „Nach Eurem Vergehen werdet ihr hier nicht einfach unbemerkt hinausspazieren, ihr glaubtet doch nicht wirklich an das Gelingen?“, fragte ihn die energische Stimme von Mestio, dem Bannerträger dieser Provinz. Dass die Silbernen um einiges geübter waren im Aufspüren als er im Fliehen, konnte keine Schande für ihn bedeuten. So war es bereits vielen vor ihm ergangen. Er schaute auf das Gesicht des Paladin, dieser sah nicht erst recht nicht jung aus aber seine harten Züge und eine Spur Traurigkeit machten ihn noch älter als die verstrichenen Jahre vorherbestimmten. Er blickte den Bannerträger an und erkannte erneut, dass der Begriff Silberne Garde keine Übertreibung war. Die Gestalt steckte in einer silbern glänzenden Plattenrüstung, selbst das mächtige Zweihänderschwert war ganz bis auf die Schneide aus Stahl mit einer Silberlegierung überzogen. Zum Trotz dagegen zog der Offizier darüber eine Schwarze staubige Kutte, die von viel Bewegung und Reisen zeugte. Der Mut des Verfluchten, schon vorhin im Keller, veranlasste ihn total ergeben seine Kapuze vom Kopf zu streichen und hervor zu treten.


Finstere harte Augen schauten ihn an, doch die Stimme des Silbernen klang jetzt gütig, ja, fast eine Spur freundlich. „Mestio, Bannerträger″, stellte er sich vor. „Hättet ihr nicht augenblicklich die Flucht ergriffen, würde Euer Urteil milder ausfallen, aber so habt ihr Euch als unmittelbare Gefahr bewiesen, ein Magusketzer mit Fluchtgedanken, den ich innerhalb der Mauern nicht dulden kann.“ Oder sonst wo. Dachte der bereits Verurteilte traurig weiter. Alles ist vorbei. Die Menge um den armen Teufel stockte bei dem Wort Ketzer und betrachtete die Bestie wie etwas, das aus einem Käfig entlaufen war. Ein missgestalteter, der Schaden über jede Gemeinschaft brachte. Eine mildere Strafe, er konnte sich vorstellen, was der Bastard vor ihm damit meinte lebenslange Gefangenschaft in einem Turm in Thetyr oder Verbannung auf eine Insel hinter dem Faulschlangenmeer, was auf dasselbe hinauslief. Der Bannerträger war nicht allein erschienen, fast unbemerkt schloss sich ein Kreis um den Verfluchten. Gestalten der Kirche, ebenfalls gekleidet in ihrem Silber wenn auch nicht so prächtig wie ihr Anführer, fassten den Ketzer zogen ihm Ketten über Arme und Beine und schleiften ihn emotionslos hinter sich her. Wo hatten sie sich nur versteckt, er war nicht so dumm oder unaufmerksam wie die meisten seiner Bekannten. Wie konnten nur Ordensleute in silbernen Rüstungen sich so gut verborgen halten? Gleichgültig erduldete er seine Gefangennahme, sein Widerstand war gebrochen.


Der Bannerträger führte ihn mit Abstand zum Marktplatz zurück, dort wo am Wochenende die beliebten Hinrichtungen stattfanden. Der Anführer wirkte übermäßig ausgezehrt, fast gebeugt bewegte er sich fort, der Gefangene hatte das Gefühl einen Greis zu beobachten, der von Minute zu Minute weiter alterte. Ja, ein schwächliches Alterchen hatte ihn geschnappt, purer Wahnsinn. Und Mestio war nur einer von vielen, der nur seine Pflicht erfüllte und nicht besonders aus seinem Amt hervortrat. Bei Magusketzern machte man eine Ausnahme und wartete nicht bis zum Wochenende. Am Mittag hängten sie den Ketzer in Beisein von Zeugen der Kirche vor der Kathedrale zur heiligen Erlösung. Vom Gefangenen kam eine Gemütsregung mehr, er hatte sich vollkommen aufgegeben. Der Bannerträger von Mondave schien durch sein bloßes Auftreten den zu Tode Verurteilten den Rest seines Lebensmuts zu rauben. Er blieb über den Zeitraum der Vollstreckung anwesend, auf einer zu diesem Anlass aufgebauten Tribüne betrachtete er ungerührt das Schauspiel. Ein ganzer Haufen anderer Bürger, versammelte sich in Windeseile für die Hinrichtung. Wenn ein Magusketzer verurteilt wurde, wollte sich keiner deren Bestrafung entgehen lassen. Es sollte ein Spaß werden für die Zuschauer, aber der Mann blieb stumm gestand nicht, flehte nicht, die Leute schauten gebannt mit offenen Mündern zu, als sich der Strick um den Hals legte. Eine zierliche Gestalt mischte sich unbeobachtet unter die Menge, sie war dünn leichtfüßig und trug unter einem abgetragenen Reisemantel, eine graue Lederrüstung elfischen Ursprungs, die spitzzulaufenden Ohren verbarg die Elfin unter einer Kappe. Teline schaute aufmerksam zu, als ein Hebel sich löste und sich unter den Füßen des Ketzers eine Klappe öffnete, er den Halt verlor und sich im Sturz das Genick brach. Der Tod trat gnädig und schnell ein.


„Der hat ja, am Strick nicht mal gezuckt, wie öde!“ beschwerte sich einer. „Ja, der davor hat ‚ne bessere Vorstellung gebracht, Eintritt solltet ihr für den Mist nicht verlangen.“ gab ihn ein anderer Zuschauer recht. Weitere pfiffen den Henker aus, der nur mit den Achseln zuckte. Die Spionin wunderte sich nicht mehr über die Verrohung der Städter, nur aus Spaß schnitt sie ihnen die Geldbeutel vom Gürtel ab, stahl ihnen so einige Münzen und warf sie später als Denkzettel in die Kloake. Es war eine Leichtigkeit tumbe Menschen zu bestehlen.


Die Menge buhte weiter als sie sich unbemerkt davon schlich. Ein verstecktes Pferd wartete auf einer Anhöhe nahe der Stadtgrenze auf sie und die Spionin wollte keine Zeit vergeuden.


Die Unzufriedenheit breitete sich mehr unter ihnen aus, als man die Leiche beseitigte, die Hinrichtung war keine große Sache gewesen. „Schweigt alle, die Hinrichtung dient nicht eurer Belustigung.“ Rief Mestio laut von der Tribüne der Menge zu. Wenig später löste sich auch die Zuschauermenge murrend auf, keiner wagte es mehr zu protestieren. Diesmal mit freundlicher Stimme gab Mestio Anweisung, den Toten rasch zu verbrennen und seine Asche abseits von den Stadtmauern auf einer Lichtung zu vergraben. Es sollte kein Risiko eingegangen werden. Magiewirker konnten, wenn ihre Leiche intakt blieb, in seltenen Fällen zurückkehren, so verbreitete es der Orden immerzu. Jeder der Magicka in sich trug musste nach seinem Tod zu Asche verbrannt werden, das war eine der wichtigsten Regeln, man brach sie nie, sofern man dem Orden diente. Mestio rief nach einem Diener, der sputete herbei, als würde sein Leben davon abhängen.


Der Beauftragte war ein Jüngling, dem man erst vor kurzem den Rang eines Adepten zugewiesen hatte, die Anstellung bereitete ihn keine Freude. Der Junge hielt immer die Luft an, wenn er mit diesem seltsamen freudlosen Herrn zu tun hatte, und war umso mehr erleichtert, sofern er für lange Zeit nicht von ihm hören oder Befehle empfangen musste. „Schafft ihn weg, ihr wisst, wie ihr mit den Überresten umzugehen habt.“


Er nickte beharrlich und suchte mit den Zügeln eines Pferdekarrens in der Hand und den Überresten des armen Teufels darauf das Weite. Außerhalb der Mauern gab es extra für spezielle Fälle das Krematorium. Der Bannerträger überschritt den nun leeren Marktplatz, nahm im bedächtigen Schritt die Holztreppe, die ihn bis vor das Portal des größten Gebäudes der Stadt führte, der gewaltigen Kirche. Im Vorraum des Kirchenschiffs hatte er eine nachzudenken, die Fälle von magischen, Ereignissen häuften sich in letzter Zeit für sein Empfinden zu oft. ‚Oft‘ bedeutete in Wahrheit nur ein paar Mal im Jahr - es gab kleinere Angelegenheiten dieser Art wie in jeder anderen größeren Stadt auch. Die Dreistigkeit der Flucht des letzten Ketzers, hatte ihn verunsichert. Mestio stieß eine robuste Holztür auf, im Halbdunkel des Inneren hörte man umso deutlicher das Säuseln von Fürbitten der Gläubigen.


Weiter vorne war Licht entzündet aus einem Halbkreis von Kerzen, die einen grellen Widerschein zur Nordwand warfen. Ringsherum standen aufgereiht die Büsten der größten Paladine, die in den letzten Jahrhunderten zügig den Glauben in die Provinz gebracht hatten. Mestio blickte in ihre beharrlichen steinernen Gesichter, der Ort erfüllte ihn mit Stolz und Andacht.


Der Bannerträger verschwand zum Gebet, in eine hintere Ecke, setzte sich auf eine grobe Holzbank. Er blieb abgeschieden. Eine Menge Leute, die sich zuvor noch in seiner Gegenwart befunden hatten, atmeten erleichtert auf.


 


3


Das Wetter wurde am jungen Abend schlecht. Eine graue Wolkendecke fegte über die Ebene und brachte reichlich Wind und diesige Luft mit sich.


Mondaves Straßen leerten sich, weil sich ein Gewitter näherte und die einzige Wache, die man entbehren konnte und einsam auf dem Friedhof das frische Grab bewachte, fühlte sich unwohl in ihrer Haut. Die Bewachung, einer eingebuddelte Urne war blamabel, geradezu überflüssig. Er war ein Pechvogel, hatte das falsche Zündholz beim Ziehen erwischt. Man sagte ihm, dass ein Magusketzer in der Grube beigesetzt war.


Der Soldat, der Stadtwache, der sonst pflichtbewusst Wache schob, hielt sich selbst für verrückt, weil er an diesem Tag nicht blaumachte. Er tröstete sich mit dem Gedanken, diese Standardprozedur nur bis zum frühen Morgen ertragen zu müssen. Das sind nun mal die Regeln, wurde einer von ihnen erwischt und bei außerordentlichen Fällen gerichtet, so musste man wenigstens einen Tag und eine Nacht auf die Gebeine aufpassen. Mochte sich ein Geist aus dem Grab erheben, so musste man sofort Bericht erstatten.


Der Wächter war ein wenig verwirrt über diese Anweisungen, schließlich wusste keiner, wie man die zornige Erscheinung eines hingerichteten Ketzers bannen sollte.


Aber er glaubte noch nie von einem Beigesetzten gehört zu haben, der sich jemals in seinem Grab regte.


Der Orden würde solche Dinge bestimmt ohne Umstände verbreiten. Er hielt es also für die oberste Pflicht, eine lästige überflüssig aufgebrummte Pflicht. Nach drei Stunden taten ihm die Beine weh, und da kein Zeuge ihn verpfeifen konnte, setzte er sich auf einen Grabstein, der bequem genug aussah. Und stützte sich gegen seinen Speer, die Rüstung saß unbequem und rieb die Schultern und andere Körperstellen wund. Er fragte sich, warum zur Hölle er nicht einfach verschwinden sollte. Und doch blieb er.


Er zog an den Ledergurten und löste seinen Brustharnisch, daraufhin kratzte sich die Stadtwache ausführlich den juckenden Oberkörper, wenigstens gab es keine Zuschauer zu dieser Uhrzeit. Nach weiteren Stunden interessierte es ihn ein Dreck, ob der Leichnam sich unter der Erde regen würde.


Hauptsache die Nacht war für ihn schnell überstanden, ohne dass ihm die Augen zu fielen. Nachdem sich wieder Zweifel bei ihm meldeten, begann, wie auf Befehl, ein prasselnder Regenschauer den Boden zwischen den Grabdenkmälern aufzuweichen. Tropfen prasselten gleichmäßig auf seinen Helm, er seufzte und zog seinen Mantel um den Oberkörper.


Er fluchte knurrend über sein Pech, dann kam der nächste Nieser. Als sich das Wetter ein bisschen besserte, lähmte ihn die Müdigkeit und seine Augen fielen zu, ohne dass er in der Lage war, sich dagegen zu wehren. „Aufwachen, Tölpel!″ Spät in der Finsternis weckte ihn eine kehlige unfreundliche Stimme. Der Mann war schlagartig wach und versuchte festzustellen, woher der Klang herkam, der ihn wachgerüttelt hatte.


Diese Stimme des Fremden raunte durch seinen Schädel, wie die Drohung eines Dämons aus der Unterwelt.


Es jagte ihn Angst ein und das nicht wegen der nackten Dunkelheit, die ihm dicht umgab.


Er drehte und wendete sich, aber da gab es keine Gestalt, er war völlig allein. „Ihr werdet hier nicht mehr benötigt, verschwindet!“ Plötzlich meldete sich mit wütender Sprechweise ein großgewachsener Greis aus nächster Nähe. Der Bewaffnete antwortete mit einem lang gezogenen Ausruf des Schreckens. Er verspürte Beklemmung, doch der Tonfall kam nicht aus dem Grab, wie ihn sein schlaftrunkener Verstand einreden wollte, sondern von einer verhüllten Erscheinung direkt vor ihm. Der Mann musste sich angeschlichen haben, lautlos wie ein Schatten. Dem Soldaten war es nicht möglich das Gesicht unter der Kopfbedeckung zu sehen, nur dunkle aufgeweckte Augen, die ihn gezielt anfunkelten, Pflichtgefühl meldete sich zurück und ausgerechnet jetzt als er das am wenigsten gebrauchen konnte.


Er sprang auf und ging den Störenfried zwei Schritte entgegen, „Gebt Euch zu erkennen, sofort, ihr stört eine Wache Mondaves beim Dienst!“ Seine eigenen Worte kamen ihn dumm vor. „Schweigt!“ raunte es der Wache entgegen. Der Unbekannte wollte nicht gehen und schüttelte den Kopf. Er zog seine Kapuze zurück, silbrig weißes Haar wie das kranke Gefieder eines Raben, kam zum Vorschein, er hatte eine kalte ausgeblichene Miene vom Alter stark gebeutelt. Vor allem die linke Hälfte seines Gesichtes war von Narben übersät, dazu kamen noch schlecht verheilte Brandwunden hinzu, die den Kerl auch nicht schöner machten. Überbleibsel von unzähligen Auseinandersetzungen, einige davon mit großen Opfern gewonnen. Der Mann wirkte vom Aussehen sehr vergreist.


Doch die Bewegungen, die von ihm ausgingen, waren die eines impulsiven Raubtiers. Er hob die Hand scheinbar zum Gruß gerichtet, aber der Ausdruck, der in seinem Gesicht lag, war hassgetränkt. So viel Hass, wie man unmöglich, in einem einzigen vollständigen Leben zu erlangen konnte. „Es ist mir egal, welche Pflicht ihr zu haben glaubt oder wen ich störe, ich muss einen Bekannten besuchen und ihr seid mir dabei im Weg.“ Zu spät erkannte der Soldat, dass Magie im Spiel war. Ein Spruch wurde gewirkt. Der Weißhaarige Übermittelte ihm einige düstere Bilder, sie geisterten nur verkürzt durch den Kopf der Wache, genügten aber um ihn komplett auszuschalten. Es war der pure Schrecken, den der Alte für diesen Fall ausgesucht hatte, zu viel, für eine einzige jämmerliche Gestalt, um bei Bewusstsein zu bleiben. Nur eine dürftige Demonstration der Kräfte des Magiers, eine dunkle Gabe, die sein Wissen verbreitete, kaum eine Mühe für ihn, Unbesonnene Menschen kostete es dagegen fast den Verstand. Der Gardist brach auf der Stelle zusammen, Sein Lanzenschaft mit dem schweren bleiernen Endstück sauste knapp nach seinem Fall auf den eigenen Schädel zu und schlug mit Wucht auf. Er würde viel später mit einer ordentlichen Beule auf den Kopf erwachen, mit schlechter Laune und, zum Glück für ihn ohne Erinnerung an die Begegnung.


Der Magier berührte ihn kurz am Hals, fühlte nach dem Puls und stellte fest dass er sich ebenfalls bei diesen nicht geirrt hatte. Das Blut zirkulierte nach wie vor, die Atmung blieb flach, viel Sorge um das Leben eines Einzelnen hatte er jedoch nicht. Er näherte sich dem gesuchten Grab, einer einfachen Aufschüttung ohne Erkennungszeichen, der Besucher wusste allerdings genau, wer dort einen guten Meter unter der Oberfläche lag. „Armes Schwein, reicht wohl nicht mehr dazu aus ein Held zu werden.“ Er machte eine kurze Pause und spie auf den Erdhügel, Respekt für den Kerl konnte der Magier nicht empfinden. Eine magische Geste folgte, die verhüllte Gestalt umschloss beide Hände und zog sie dann ruckartig auseinander. Der Hügel vor ihm riss sogleich entzwei und zeigte seinen Inhalt. Die Urne, die darin lag, wurde nun nass von Nieselregen. Er hatte Glück, die Seele war noch vorhanden, er wusste, dass dies oft er Falle war, wenn Menschen abrupt aus den Leben gerissen wurden. Dann trennten sich Körper und Geist nur mühsam voneinander.


Für das Ritual benötigte man nicht viel Zeit und es beanspruchte keine Mühe. Er berührte den halb verrosteten Behälter und verschloss das Grab auf gleiche Weise. Um ein Leben zu stehlen, brauchte der Magier kaum etwas Verbliebenes von der Person. Nachdem er fertig war, entfernte er sich vom Friedhof, bemerkte die Änderung an sich und war zufrieden.


Er zog sich die Kapuze übers Gesicht und verschwand in der Dunkelheit mit der äußerlichen Veränderung, die gewaltig war.


Nun brauchte er nur noch neue Kleidung.


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