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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe The Witches, Amanda Frost
Amanda Frost

The Witches


Forbidden Love (Teil 2)

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Kapitel 1


 


11 Jahre zuvor


 


Anastasia


 


„Achilles, wo steckst du nur?“ Meine verzweifelten Worte durchdringen die Stille, die über dem Garten unseres Hauses liegt.


Als keine Reaktion erfolgt, bahne ich mir meinen Weg durch das knöchelhohe Gras und steuere den maroden Bretterzaun an, der das Grundstück umgibt. Dort spähe ich hinter die dichten Büsche und Sträucher, zwischen denen sich mein Liebling hin und wieder versteckt.


Leider ist das heute nicht der Fall.


„Achilles, bitte, mach mir keine Angst!“


Von Sorge getrieben flitzt mein Blick hektisch umher. Wäre das Anwesen gepflegter, hätte ich mein Hündchen mit Sicherheit längst entdeckt. Da Penelope und ich jedoch kaum imstande sind, unser Leben in den Griff zu bekommen, bleibt die Gartenarbeit eben auf der Strecke.


In diesem Moment vernehme ich ein leises Jaulen. Ich fahre herum und laufe in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Hinter einem Baum entdecke ich ein braunes Fellknäuel, das seitlich zusammengerollt im Gras liegt. Pfoten und Schwanz hat der Kleine nahe an den Körper herangezogen, wodurch er winzig und verletzlich wirkt.


„Achilles, da bist du ja!“, stoße ich erleichtert aus. „Du hast mir einen gehörigen Schrecken eingejagt. Tu das bitte nie wieder!“


Doch mein Liebling reagiert nicht wie gewohnt. Weder kläfft er mich freudig an, noch erhebt er sich, um an mir emporzuspringen. In dieser Sekunde weiß ich, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung ist.


Hastig sinke ich neben ihm auf die Knie und streiche mit der rechten Hand über sein weiches Fell. „Was ist denn, mein Kleiner?“


Er blinzelt und blickt mich aus treuen braunen Augen an, hebt aber noch nicht einmal das Köpfchen. Die Zunge hängt ihm seitlich aus dem Maul, während er hechelt, als würde ihm die Atmung immense Schwierigkeiten bereiten.


Mein Herz setzt mehrere Schläge lang aus.


Nein, das darf nicht sein!


Achilles ist - neben meiner älteren Schwester Penelope - alles, was mir auf dieser Welt geblieben ist. Ich kann ihn nicht auch noch verlieren, das würde mir einmal mehr das Herz brechen.


Mit Tränen in den Augen begutachte ich den kleinen Leib, durch den jetzt ein deutlich erkennbares Zittern läuft, bevor ich ihn vorsichtig mit den Fingern abtaste. Eine Verletzung kann ich nicht entdecken. Vielleicht hat Achilles ja lediglich etwas Schwerverdauliches gefressen. Obwohl ich sehr auf seine Ernährung achte, benimmt er sich von Zeit zu Zeit wie ein wandelnder Müllschlucker.


Behutsam hebe ich ihn auf meine Arme und trage ihn ins Haus. Er schmiegt sich an mich, wirkt jedoch geschwächt und steif. Die Leichtigkeit und Lebendigkeit, die ihn normalerweise prägen, sind verschwunden.


In der Küche riecht es köstlich, da meine Schwester gerade damit beschäftigt ist, einen Schokoladenkuchen zu backen. Für gewöhnlich vergöttere ich Penelopes Leckereien, doch im Moment kann noch nicht einmal das meine Laune heben.


Seit Mom sich vor zwei Jahren von einer Brücke gestürzt und unser Dad daraufhin in seine ursprüngliche Heimat Griechenland zurückgekehrt ist, betätigt Penelope sich quasi als Haushaltsvorstand.


Sicher nicht ihr Wunschtraum.


Allerdings hatte sie keine Wahl. Sie musste diese Verantwortung übernehmen, um uns zu schützen. Sonst wären meine jüngere Schwester Daphne und ich im Heim oder bei Pflegeeltern gelandet.


Leider hat Daphne uns einige Zeit später dennoch verlassen. Sie kam mit der Situation nicht zurecht und lief davon. Seit Monaten haben wir nichts von ihr gehört, und die Vorstellung, dass sie vielleicht längst nicht mehr am Leben sein könnte, ist kaum zu ertragen.


„Was stimmt mit Achilles nicht?“, erkundigt Penelope sich, als sie den Hund in meinen Armen entdeckt.


„Ich habe keine Ahnung. Er lag wimmernd im Garten. Ich muss ihn dringend zu der Ärztin bringen.“


„Ach, herrje! Warte, ich fahre dich! Der Kuchen ist ohnehin fertig.“ Sie schaltet den Ofen aus, zieht das Blech heraus und stellt es beiseite. Danach schlüpft sie in ihre Sneakers, schnappt sich den Autoschlüssel und wir eilen nach draußen.


Achilles halte ich die ganze Fahrt über wie einen wertvollen Schatz in meinen Armen. „Er darf nicht sterben“, flüstere ich, kurz bevor wir die kleine Tierarztpraxis in einem Vorort Bostons erreichen.


Penelope legt mir beschwichtigend eine Hand auf den Arm. „Das wird er nicht, Ana. Mach dir keine Sorgen. Es ist sicher nur eine Kleinigkeit. Du weißt doch, dass er immer wieder die unmöglichsten Dinge verschluckt.“


Ich nicke, aber insgeheim ist uns beiden bewusst, dass das zitternde Bündel in meinen Armen unsagbar zu leiden scheint. Achilles so zu sehen, zerreißt mir das Herz.


In der Praxis sind wir leider gezwungen, einige Minuten zu warten, da zuerst weitere kleine Patienten versorgt werden müssen. Das Wartezimmer erscheint mir mit den sterilen hellen Wänden, den winzigen Fenstern und den harten Stühlen heute extrem ungemütlich. Zudem liegt der penetrante Geruch von Reinigungsmitteln in der Luft, was meine Stimmung weiter trübt.


Von Sekunde zu Sekunde werde ich nervöser. Wenn ich nicht bald erfahre, was meinen Liebling quält, drehe ich durch.


Als wir endlich an der Reihe sind, kann ich kaum mehr ruhig sitzen und bestehe nur noch aus einem Bündel brachliegender Nervenenden.


Da die etwas betagte dunkelhaarige Ärztin, die wir vor einiger Zeit schon einmal aufgesucht haben, nicht auf Anhieb herausfinden kann, was Achilles fehlt, führt sie ein Ultraschall durch.


„Das sieht gar nicht gut aus“, äußert sie schließlich mit traurigem Unterton. „Ein Tumor. Ich befürchte, er ist bereits zu weit fortgeschritten, als dass man ihn noch operieren könnte.“


Bei ihren Worten setzt mein Herzschlag kurzzeitig aus. „Nein!“, schreie ich. „Das darf nicht sein. Sie müssen sich irren!“


Penelope zieht mich in ihre Arme und streicht mir sanft übers Haar. „Bitte, Ana. Beruhige dich! Vielleicht kann man ja doch noch etwas tun.“


Die Ärztin schüttelt mitleidig den Kopf. „Ich befürchte nicht.“


Tränen rinnen mir jetzt über die Wangen und bringen mich zum Schluchzen. „Ich möchte eine zweite Meinung!“, presse ich atemlos hervor. „Achilles darf nicht sterben.“


„Das steht Ihnen selbstverständlich zu“, zeigt die Ärztin für meinen Wunsch Verständnis.


Zum Glück stimmt Penelope ebenfalls prompt zu.


 


Als wir ein paar Stunden später wieder zu Hause eintreffen, bin ich nur noch ein Schatten meiner selbst. Der zweite Veterinärmediziner hat auch bestätigt, dass es für Achilles keine Rettung geben kann. Der junge Arzt wollte ihn umgehend einschläfern, um dem Tier zusätzliches Leid zu ersparen, doch ich ließ mich nicht dazu überreden.


So trage ich das Hündchen in mein Zimmer und sinke mit ihm im Arm auf das Bett. Eine einzige Nacht möchte ich meinen Fellkameraden noch festhalten. Ich will ein letztes Mal seine tröstliche Wärme spüren, seinen vertrauten Geruch einatmen und seine Nähe genießen. Sollte es ihm morgen nicht besser gehen, werde ich mich den Empfehlungen der Ärzte wohl oder übel beugen müssen.


Stundenlang liege ich da, umklammere Achilles und starre aus leeren Augen die Zimmerdecke an. Ich streichle den Kleinen unentwegt, in der Hoffnung, meine Liebe möge ihn heilen. Pausenlos kullern mir dabei dicke Tränen über die Wangen.


Seit fast zwei Jahren sind Achilles und ich unzertrennlich. Er ist außer Penelope die einzige Konstante in meinem Leben.


Soll das jetzt wirklich vorüber sein?


Habe ich denn noch nicht genug Leid ertragen müssen? Was will man mir denn noch antun?


Schluchzend vergrabe ich das Gesicht in dem braunen Fell meines Lieblings, einem süßen Mischling. Achilles ähnelt einem englischen Cocker Spaniel und eroberte bereits auf den ersten Blick mein Herz. Aufgrund der weißen Narbe an seiner rechten Ferse nannte ich ihn Achilles. Irgendein Widerling hatte den Welpen neben dem nahegelegenen Highway ausgesetzt. Zum Glück habe ich das bibbernde Hündchen gefunden, sonst wäre es elendig verhungert oder erfroren.


Da ich zu dieser Zeit noch sehr unter dem Verlust meiner Eltern litt, behielt ich den Kleinen – ungeachtet der Tatsache, dass Penelope anfänglich nicht davon begeistert war, da sie das Tier als zusätzliche Belastung ansah.


Letztendlich habe ich meinen Willen durchgesetzt. Achilles gab mir Kraft und vermittelte mir das Gefühl, nicht mehr vollkommen allein zu sein. Folglich kann ich ihn nicht verlieren, das würde mich emotional um Jahre zurückwerfen.


 


Penelope steckt im Laufe des Abends mehrmals den Kopf zur Tür herein, bringt mir Kuchen, Schokolade und Tee. Doch nichts dringt zu mir durch. Ich kann mir ein Leben ohne Achilles einfach nicht vorstellen.


Irgendwann fange ich in meiner Verzweiflung an, meine Hände über den Körper des Tieres gleiten zu lassen. Immer wieder massiere ich vorsichtig die Stelle, an der dieser schreckliche Tumor sitzt.


„Du musst gesund werden. Du musst gesund werden …“, murmle ich unterdessen wie ein Mantra vor mich hin, in der Hoffnung, ein winziges Fragment der Magie meiner Mutter geerbt zu haben. Einer mächtigen Hexe, die durch Kraft ihres Geistes Gegenstände bewegen und schweben lassen konnte. Darüber hinaus sah sie Ereignisse voraus und hatte die Gabe, Personen zu manipulieren. Doch es gab auch eine dunkle Seite: Mom konnte mithilfe ihrer Magie nicht nur Verletzungen heilen, sondern obendrein töten. Leider hatte sie ihre Fähigkeiten irgendwann nicht mehr im Griff. Sie ermordete unzählige Menschen, ehe sie wahnsinnig wurde und sich letztendlich von einer Brücke stürzte.


Erst vor Kurzem wurde Penelope darauf aufmerksam, dass sie ebenfalls über paranormale Kräfte verfügt. Meine Schwester ist in der Lage, Schicksalsschläge und Bedrohungen vorauszusehen. Eine Tatsache, die uns gleichermaßen fasziniert wie auch schockiert, denn Mom hat uns nie darüber in Kenntnis gesetzt, dass ihre Gaben sich auf nachfolgende Generationen übertragen können.


Penelope ist nicht sonderlich angetan von ihrer Magie, ich hingegen wünsche mir im Augenblick nichts sehnlicher, als einen Hauch dieser Zauberkräfte zu besitzen. Mit ein wenig Glück wäre ich dann womöglich in der Lage, Achilles zu retten. Daher werde ich mich jetzt auf seine Heilung konzentrieren und erst aufgeben, sobald es meinem Liebling besser geht.


Stunde um Stunde wandern meine Hände über sein weiches Fell und versuchen eine Magie, von der ich nicht weiß, ob ich sie in mir trage, in seinen Körper fließen zu lassen. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.


Irgendwann wird die Anstrengung zu groß. In meinem Kopf setzen unerträgliche Schmerzen ein und Müdigkeit überwältigt mich, sodass ich in einen tiefen Schlaf falle.


 


Ein Bellen weckt mich.


Ich schlage die Augen auf und kann im ersten Moment nicht nachvollziehen, was geschehen ist. Etwas Warmes streicht mir über die Wange. Dummerweise ist mein Blick verschleiert, da meine Lider von den Tränen geschwollen sind. Verschwommen erkenne ich nach mehrmaligem Blinzeln Achilles, der sich mit den Pfoten auf meiner Schulter abstützt, während er mir mit seiner rosigen Zunge über das Gesicht leckt.


In diesem Moment kehrt die Erinnerung zurück. „Achilles, geht es dir gut?“, erkundige ich mich ungläubig.


Er bellt zufrieden und schmiegt sich an mich.


Ich setze mich auf, was mir ein schmerzhaftes Keuchen entlockt, da jede Faser meines Körpers sich anfühlt, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Offensichtlich haben die Angst und die Trauer mich meiner Kräfte beraubt.


Achilles hingegen scheint genesen zu sein. Er klettert kläffend auf meinen Schoß und tapst dort hektisch umher. Ein Zeichen dafür, dass ich schnellstmöglich mit ihm Gassi gehen sollte.


In diesem Moment fliegt die Tür auf und Penelope stürmt herein. Ungläubig nimmt sie den aufgedrehten Hund in Augenschein. „Es geht ihm besser?“


„Scheint so.“


Fassungslos schüttelt sie den Kopf. „Das glaube ich jetzt nicht! Ein Glück, dass du ihn nicht hast einschläfern lassen. Wir sollten nachher noch einmal zu der Ärztin fahren, vielleicht ist Achilles ja doch noch zu retten.“


Ich nicke, während sich ein breites Grinsen auf mein Gesicht stiehlt.


Als hätte ich es geahnt!


Er wird nicht sterben.


Achilles wird mich nicht auch noch verlassen.


Wir beide gehören zusammen.


Ich schnappe das unruhige Fellbündel, hebe es aus dem Bett und stelle es auf dem Boden ab. Ruhelos tänzelt Achilles im Kreis umher.


Stöhnend erhebe ich mich. Meine Glieder scheinen bleischwer zu sein. Fast, als wäre ich über Nacht um Jahre gealtert.


Penelope mustert mich mit einem besorgten Blick aus ihren großen dunklen Augen, die meinen ähneln. „Geht es dir nicht gut?“


Ich winke ab. „Halb so wild, vermutlich habe ich mich lediglich verkrampft. Jetzt gehe ich erst einmal mit Achilles nach draußen, bevor er mir noch das Zimmer unter Wasser setzt.“


„Einverstanden. Sag Bescheid, falls du Hilfe benötigst.“ Zögerlich verlässt sie den Raum.


Wenngleich ich über Nacht jeglicher Energie und Kraft beraubt worden bin, unternehme ich einen langen Spaziergang mit meinem Liebling. Er wirkt nicht ganz so lebhaft wie sonst, scheint darüber hinaus aber keine Schmerzen mehr zu verspüren, was mich ungemein erleichtert.


Als wir einige Zeit später abermals die Tierärztin aufsuchen, ist diese mit ihrem Latein am Ende.


Ungläubig schüttelt sie immer wieder den Kopf. „Ich kann es kaum glauben! Der Tumor ist nahezu verschwunden. Womöglich war es lediglich eine Zyste. Ich hätte darauf wetten können, dass Achilles nicht mehr zu retten ist.“


„Anastasia hielt ihn die ganze Nacht über im Arm“, bringt sich Penelope ein. „Vermutlich hat ihre Liebe und Zuneigung das Hündchen gerettet.“


Die Ärztin lächelt ein wenig gezwungen. „Ja, so wird es wohl gewesen sein. Manchmal geschehen doch noch Zeichen und Wunder.“ Sie wendet sich mir zu. „Ab sofort werde ich all meine kleinen Patienten, denen ich nicht mehr helfen kann, zu Ihnen schicken“, scherzt sie. Mit der Hand deutet sie auf Achilles, der an einer Ecke der Behandlungsliege nagt. „Anders kann ich mir das hier nämlich nicht erklären. Sie müssen Zauberkräfte besitzen.“


Kapitel 2


 


Heute


 


Anastasia


 


„Nein, Jeff, lass das! Mir wurde soeben ein Notfall auf Station drei gemeldet.“ Ich lege das Telefon beiseite und schiebe die Hand des attraktiven blonden Mannes weg, der versucht, mich auf das schmale Bett zurückzuziehen, in dem wir uns zuvor vergnügt haben. Rasch greife ich nach meinen blauen Klinikklamotten und schlüpfe hinein. Nachdem ich noch meinen Pferdeschwanz gerichtet habe, laufe ich mit großen Schritten auf die Tür des Ruheraums zu, vor der ich innehalte und mich meinem Lover noch einmal zuwende. „Um zehn habe ich Feierabend. Lass uns dort weitermachen, wo wir gerade aufgehört haben, einverstanden?“


Lässig schiebt er sich einen Arm unter den Kopf und zwinkert mir zu. „Wann immer du willst, Süße.“


Begehrlich wandert mein Blick über den nackten Oberkörper meines Kollegen hinweg. Für den Bruchteil einer Sekunde gerate ich ins Zögern, doch die Pflicht ruft. So halte ich die Handfläche an den Mund und werfe ihm einen Luftkuss zu. „Perfekt. Ich kann es kaum erwarten!“


Dr. Jeff Cardigan ist der fleischgewordene Traum einer jeden Frau. Intelligent, attraktiv, ledig. Zudem kommt er aus reichem Haus und ist völlig verrückt nach mir. Momentan befinden wir uns in der Facharztausbildung, die wir in zwei Jahren abschließen werden. Vor etwa sechs Monaten lernten wir uns auf einer Party näher kennen und haben seitdem zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit phänomenalen Sex.


Leider gibt es einen Wermutstropfen, der mein Vergnügen trübt. Jeff lässt in letzter Zeit immer häufiger durchblicken, dass er an einer festen Beziehung interessiert wäre. Ich hingegen habe mir geschworen, mich niemals an einen Mann zu binden.


Was meine Eltern durchgemacht haben, war zu schmerzhaft. Mein Vater litt viele Jahre unter der finsteren Magie meiner Mutter. Nicht zuletzt, da ihr das Töten immer größere Freude bereitete und wir alle um unser Leben bangen mussten. Im Endeffekt war ihr Tod – so schrecklich er auch war – eine Erlösung für die ganze Familie.


Zwar habe ich meine übersinnlichen Kräfte, durch die ich Menschen und Tiere heilen kann, recht gut im Griff, doch ich kann nicht einschätzen, ob sich meine Fähigkeiten irgendwann verändern werden. Dummerweise scheinen meine Schwestern und ich nämlich die eine oder andere dunkle Macht von unserer Mom geerbt zu haben. Und da diese Kräfte urplötzlich zum Ausbruch kommen könnten, vergnüge ich mich gerne mit einem attraktiven Mann, werde aber niemals eine feste Bindung eingehen.


Ich verdränge die frustrierenden Gedanken, verlasse den Ruheraum und eile den Flur des General Hospitals in Boston entlang. Der Klang meiner Schritte hallt gespenstig wider. Da es mitten in der Nacht ist, liegt Ruhe über der für gewöhnlich belebten Station. Aus Erfahrung weiß ich jedoch, dass bereits in den frühen Morgenstunden die Hektik zurückkehren wird.


Minuten später betrete ich eine durch Vorhänge abgetrennte Kabine der Intensivstation. Eine asiatisch aussehende Frau mittleren Alters liegt auf einem Krankenhausbett und krümmt sich vor Schmerzen. Sie trägt einen hellblauen Pyjama und ist barfuß. Offensichtlich war sie nicht einmal imstande sich anzukleiden, was mir die Dringlichkeit der Situation signalisiert.


Zwei jüngere Assistenzärzte stehen verzweifelt daneben.


„Anastasia, du musst uns helfen!“, fällt einer der beiden sofort über mich her. „Wir finden einfach nicht heraus, was der Frau fehlt. Sie spricht unsere Sprache nicht, scheint aber unter fürchterlichen Abdominalschmerzen zu leiden. Die Entzündungswerte sind erhöht, das Ultraschall gibt aber keinerlei Auskunft darüber, wo sich der Entzündungsherd befinden könnte.“


Ich nicke, gehe auf die Frau zu und suche nach ihrem Blick. „Ich würde gerne Ihren Bauch abtasten“, sage ich mit ruhiger Stimme.


Mit schmerzverzerrtem Gesicht und Fragezeichen in den mandelförmigen dunklen Augen starrt sie mich an.


Ich strecke meine Hände aus und halte sie über ihrem Unterleib in die Luft. „Keine Angst, ich tue Ihnen nicht weh“, versuche ich, sie zu beruhigen. „Darf ich?“ Auffordernd blicke ich sie an, bis sie leicht nickt.


Vorsichtig schiebe ich ihr Pyjamaoberteil empor und berühre mit den Fingerspitzen ihre Haut. Als sie zusammenzuckt, lasse ich sofort von ihr ab, taste aber nach kurzer Zeit erneut über ihren Leib.


Er ist bretthart. Hier ist auf jeden Fall Eile geboten.


Daher konzentriere ich mich und bündle meine Magie. Schon bald beginnen meine Hände zu kribbeln, ehe Wärme meine Arme emporsteigt und über die Wirbelsäule meinen Kopf erreicht. Ein Bild taucht vor meinem geistigen Auge auf. Gerötete Stellen haben sich im Bauchraum der Patientin ausgebreitet.


„Bauchfellentzündung“, verkünde ich. „Im fortgeschrittenen Stadium.“


„Wie kommst du denn jetzt darauf?“, erkundigt sich einer meiner beiden Kollegen neugierig. Ein blonder hochmotivierter Assistenzarzt namens Stan, der vor noch nicht allzu langer Zeit zu uns gestoßen ist.


„Es fühlt sich so an“, improvisiere ich. „Schnell, wir benötigen einen OP!“


„Es ist gerade weder ein OP noch ein Oberarzt verfügbar“, brummt Stan. „Sonst hätten wir schon alles organisiert.“


„Verdammt!“, fluche ich.


Falls wir nicht auf der Stelle reagieren, wird diese Frau sterben. Vermutlich liegt bereits eine Blutvergiftung vor. Eine Not-OP würde die Patientin höchstwahrscheinlich retten. Natürlich könnte ich meine Magie einsetzen, aber ich darf sie nicht zu häufig und auch nicht zu offensichtlich verwenden. Vor Kurzem fand meine Schwester Penelope nämlich heraus, dass wir von einem Wesen aus der Hölle beschattet werden, das über unser konstantes Eingreifen in das Leben der Menschen nicht sonderlich erfreut ist.


So behalte ich mir meine Fähigkeiten für absolute Härtefälle vor. Im Grunde genommen war mir schon lange klar, dass wir uns mit unseren außergewöhnlichen Gaben zurückhalten müssen, seit ich jedoch über unseren Beobachter im Bilde bin, überlege ich mir immer häufiger, ob ich Schicksal spiele oder nicht.


Darüber hinaus werde ich von einigen Kollegen und Fachärzten bereits kritisch beäugt, denn ich diagnostiziere Krankheiten nun einmal schneller als jedes moderne Röntgen- oder Laborgerät. Zudem unterscheiden sich meine Heilungs- und Behandlungsansätze massiv von den Vorgehensweisen anderer Ärzte. Was mich nicht belastet, da meine Methoden für gewöhnlich erfolgversprechend sind. Freunde mache ich mir durch diese Besserwisserei natürlich keine. Doch ich habe über die Jahre hinweg gelernt, damit zu leben.


Aufgrund unserer außergewöhnlichen Herkunft waren meine Schwestern und ich ohnehin nie die geselligsten Personen. Vielmehr hielt unsere Mom uns stets von anderen Kindern und Jugendlichen fern. Nur selten durften wir jemanden zu uns nach Hause einladen, was uns nicht gerade zu Everybody`s Darling machte.


Damals begriffen wir nicht, warum unsere Mutter uns derart abschottete. Heute wissen wir, die Gefahr, dass Mom versehentlich eine unserer Freundinnen oder deren Eltern getötet hätte, war einfach zu groß.


„Ich beruhige die Frau“, wende ich mich wieder meinen beiden Kollegen zu. „Versucht ihr inzwischen, einen Oberarzt zu finden!“


Aufgrund meines medizinischen Know-hows könnte ich den Eingriff auch selbst durchführen, doch leider ist mir das ohne die Anwesenheit eines Facharztes nicht erlaubt.


Die beiden zögern einen Augenblick, dann laufen sie wie aufgescheuchte Hühner davon.


Ich wende mich wieder der Patientin zu und lasse meine Hände erneut vorsichtig über ihren Bauchraum gleiten. Sie stößt ein herzzerreißendes Wimmern aus, während ihr Leib unter meinen Fingern zuckt und vibriert. Es tut mir unsagbar leid, dass sie diese fürchterliche Tortur ertragen muss.


Selbst wenn ich es wollte, könnte ich sie jetzt nicht heilen, das würde viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen und womöglich meinen Kollegen nicht verborgen bleiben, aber ich kann ihr auf andere Art Erleichterung verschaffen: Ich werde sie von ihren Schmerzen erlösen. So richte ich meine Aufmerksamkeit auf ihr Gehirn und versetze sie mit Gedankenkraft in einen Tiefschlaf.


Sofort fallen ihre Lider zu, der Kopf kippt zur Seite und ihr Körper entspannt sich merklich.


Des Weiteren werde ich dafür sorgen, dass die Entzündung nicht voranschreitet, das erhöht die Überlebenschance der Frau.


Ich schließe die Augen, kanalisiere erneut meine Magie und lasse die Finger weiterhin sanft über den Leib der Patientin gleiten. Zeit und Raum verschmelzen, ich nehme nichts mehr wahr außer der heimtückischen Krankheit unter meinen Händen, die ich fürs Erste einmal daran hindere, sich auszubreiten.


Unsanft werde ich aus meiner Trance gerissen, als mich jemand beiseite stößt. „Gehen Sie weg! Ich übernehme“, befiehlt eine dunkle Stimme.


Ich stolpere über meine eigenen Füße und kann mich gerade noch am Bettrahmen abfangen, ehe ich zu Boden gehe. Verärgert starre ich in das Gesicht eines Oberarztes.


Nur mit Müh und Not kann ich verhindern, dass mein Temperament mit mir durchgeht und ich diesen Idioten wissen lasse, was ich von seiner ungehobelten Art halte. Der rothaarige Mediziner ist nicht gerade eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Zudem ist er nicht bloß ein Rüpel, sondern obendrein arrogant und eigensinnig. Bedauerlicherweise steht er in der Befehlskette über mir.


Ich atme tief durch und unternehme den Versuch, meine Wut zu zügeln. „Ich tippe auf fortgeschrittene Bauchfellentzündung“, informiere ich ihn, wohl wissend, dass er meine Diagnose anzweifeln wird. „Wir müssen schnell reagieren, ehe sich die Entzündung ausbreitet. Ich gehe davon aus, dass sie bereits zu einer Sepsis und Darmlähmung geführt hat.“


Wie erwartet verdreht er die Augen. „Sie immer mit Ihren wagemutigen Einschätzungen. Wie wäre es mit Appendizitis, Gastritis oder stinknormalen Steinen. Ich bringe die Frau jetzt in den OP und dann werde ich recht schnell in Erfahrung bringen, was der Patientin wirklich fehlt.“ Sein Blick wandert über die schlafende Asiatin hinweg. „Wurde sie sediert?“


Ich schüttle den Kopf. „Es ist wohl eher so, dass sie die Schmerzen nicht länger ertragen konnte. Vertrauen Sie mir, es ist eine Bauchfellentzündung im fortgeschrittenen Stadium“, appelliere ich einmal mehr an seine Vernunft.


Er wirft mir einen abschätzigen Blick aus seinen kalten blauen Augen zu. „Wann ist es eigentlich zur Mode geworden, dass Assistenzärzte denken, den Oberärzten überlegen zu sein?“


Schwungvoll tritt er die festgestellten Räder des Bettes los und fordert Stan mit einer Handbewegung auf, die Patientin den Gang entlangzuschieben.


Ich öffne den Mund, schließe ihn jedoch wieder. Ich habe schon zu oft interveniert. Eine erneute Diskussion mit diesem Kerl wird mir nichts als zusätzlichen Ärger einbringen.


„Darf ich Ihnen zumindest assistieren?“, starte ich einen letzten Versuch, das Unheil abzuwenden, wenngleich ich die Antwort bereits kenne.


„Kommt nicht infrage!“, zischt er. „Sie betreten meinen OP so schnell nicht wieder.“ Entschieden wendet er sich ab und stolziert großspurig von dannen, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.


Mit hängendem Kopf schlurfe ich aus der Intensivstation. Ich kann es nicht ändern, aber ich vermute, dass die letzte Stunde dieser armen Frau recht bald geschlagen hat.


 


Ein paar Tage später verharre ich vor einer massiven Holztür im oberen Stockwerk der Klinik und atme mehrmals tief durch, ehe ich zaghaft anklopfe. Für gewöhnlich bin ich nicht leicht einzuschüchtern, aber der Termin bei meinem höchsten Vorgesetzten, der mir wie aus heiterem Himmel übermittelt worden ist, tritt ein nervöses Kribbeln in meiner Magengegend los.


Unablässig durchforste ich mein Gehirn und frage mich, wann ich einmal wieder übers Ziel hinausgeschossen bin.


Habe ich meine Gabe allzu öffentlich eingesetzt?


Oder abermals einen der Fachärzte wirken lassen wie einen Idioten?


Was zugegebenermaßen manchmal nicht schwierig ist.


Beim besten Willen fällt mir jedoch kein Fauxpas ein, der einen solchen Termin rechtfertigen würde. Nicht zuletzt, da ich mich momentan sehr zusammenreiße, sonst darf ich irgendwann gar keinen OP mehr betreten. Aber es widerstrebt mir nun einmal, den Mund zu halten, wenn ich eine Krankheitsursache kenne, der Facharzt hingegen ratlos wie ein Kleinkind danebensteht.


Dass man meine Diagnosen und Behandlungsvorschläge häufig ignoriert, mussten leider schon einige Patienten mit ihrem Leben bezahlen, wie die Asiatin mit der Bauchfellentzündung zum Beispiel. Ich hätte ihr so gerne geholfen, doch unter diesen Umständen waren mir die Hände gebunden.


Dessen ungeachtet liebe ich meinen Job und könnte mir keine andere Beschäftigung vorstellen. Die Arbeit in der Klinik ist alles, was ich habe. Außerdem hat es sicher einen guten Grund, dass mir diese außergewöhnliche Gabe in die Wiege gelegt worden ist. Menschen zu heilen scheint meine Berufung zu sein. Und kein arroganter Oberarzt oder Professor dieser Welt, wird mich daran hindern, eine noch bessere Ärztin zu werden, als ich es ohnehin schon bin.


Da fürchte ich doch eher den schattenartigen Mann aus der Hölle, der mich gelegentlich beobachtet. Da ich die Anwesenheit und Aura anderer Personen spüre, selbst wenn ich sie nicht sehe, fühle ich es, sobald er zugegen ist. Mehrfach habe ich versucht, den Kontakt zu ihm aufzunehmen, doch er ging nicht darauf ein. Meistens verschwand er umgehend, nachdem ich ihn angesprochen hatte.


Was ein gutes Zeichen sein könnte.


Offensichtlich kommuniziert er nur dann mit Menschen, wenn er an ihrem Handeln Anstoß nimmt. Und obwohl dieses Wesen von einer finsteren Ausstrahlung umgeben ist, weiß ich von Penelope, dass unsere Mutter den Schatten dazu gebracht hat, seine schützende Hand über uns zu halten, was in manchen Situationen sicher nicht das Schlechteste ist.


Ich schiebe diese Gedanken beiseite, straffe die Schultern und öffne die Tür. Vor Kurzem hat ein neuer Direktor die Klinikleitung übernommen. Keiner der Assistenzärzte hat ihn je zu Gesicht bekommen. Es ist lediglich bekannt, dass er Unmengen von Innovationen umsetzen will. Genaueres ist leider noch nicht bis zu uns durchgedrungen. Da unser neuer Boss aber offensichtlich Beziehungen in die höchsten Regierungskreise besitzt, sehen wir seinen Plänen mit großem Interesse entgegen.


Eigentlich wollte ich Dr. Sutton Riggs vor unserem ersten Zusammentreffen googeln, doch aufgrund eines Notfalls kam ich nicht mehr dazu. So werde ich mir eben vor Ort ein Bild von ihm machen müssen. Ich tippe auf grauhaarig, Geheimratsecken, Brille, arrogant und rechthaberisch – ähnlich seinem Vorgänger.


Umso verwunderter bin ich, als ich den Mann hinter dem protzigen dunklen Holzschreibtisch entdecke.


Gentlemanlike erhebt er sich, schließt einen Knopf seiner eleganten schwarzen Anzugjacke und schreitet auf mich zu, nachdem er seinen Schreibtisch umrundet hat.


Mein Blick schweift über seine groß gewachsene Statur hinweg. Sein dunkles Haar ist kurz und akkurat geschnitten, wirkt fast, als käme er direkt von der Army. Wodurch seine hellblauen Augen prächtig zur Geltung kommen. Und wäre da nicht diese blasse, leicht durchscheinende Haut, würde er wirken wie ein Hollywoodschauspieler.


„Dr. Brewster“, reißt er mich aus meinen Gedanken. „Schön, Sie kennenzulernen.“ Er reicht mir die Hand und begutachtet mich unterdessen ebenfalls unverblümt.


Davon abgesehen, dass dieser Mann über eine geradlinige und ehrliche Aura verfügt, bemerkt mein sechster Sinn sofort, dass mit seinem Blut etwas nicht in Ordnung ist. Ungesunde Schwingungen erreichen mich und bringen die Magie in meinem Inneren zum Prickeln. Ich kann es nicht ändern, aber wenn ich mit einer unbekannten Krankheit konfrontiert werde, reagiere ich wie ein Schatzsucher auf Gold.


Interessiert mustere ich Dr. Riggs genauer, während ich seine Hand fest umschlossen halte. Die Impulse, die ich erhalte, steigen meinen Arm empor und setzen sich in meinem Kopf zu einem Krankheitsbild zusammen.


Ein Anflug von Fassungslosigkeit und Mitleid breitet sich in mir aus, als ich begreife, worunter mein neuer Boss leidet: Er hat definitiv eine Blutkrankheit. Womöglich Anämie, was auch die blasse Haut erklären würde. Schlimmstenfalls Leukämie.


 


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