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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe the other side, Isabel Rabanus
Isabel Rabanus

the other side


Teil 1

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Alles war schwarz und dunkel. Sie spürte den warmen Lufthauch, der ihr sanft über die Wangen strich, erst ganz weit weg, dann immer deutlicher, bis sie sogar den dazugehörigen Wind vernahm. Er fühlte sich fremd an. Alles fühlte sich fremd an. Der Wind, die Geräusche, die er machte, das Gras... Sie fühlte sich so erschöpft und kraftlos. Alles fühlte sich lasch an, die Lähmung ging ihr bis tief in die Knochen und verankerte sich in ihrem Herzen. Sie saugte die fremdartige Luft in tiefen Zügen in sich hinein und wagte es dann, die Augen einen Schlitz breit zu öffnen. Sofort kniff sie sie wieder zu. Das intensive Rot schmerzte in ihren müden Augen. Stattdessen drehte sie sich zur Seite und tastete durch das Gras. Es war eigenartig geschmeidig und die Halme lang und dick. Schließlich öffnete sie die Augen, erst zu Schlitzen, bis sie immer mehr Licht aufnehmen konnten. Nach einer Weile gewöhnte sie sich an die Helligkeit. Sie sah in den Himmel. Keine einzige Wolke lungerte dort oben, aber das Blau war recht dunkel und nach dem Rot der Sonne zu urteilen sah es eher aus, als würde die Sonne untergehen. Sie war sich dessen natürlich keineswegs sicher, doch sie rechnete damit. Das war schlecht. Sie musste wohl immer noch auf dieser Insel liegen, auf die ihr Paragleiter abgestürzt war. Jetzt habe ich auf jeden Fall genug Zeit, sie genauer in Augenschein zu nehmen, dachte sie sarkastisch. Als erstes würde sie wohl nach Handyempfang suchen, auch wenn es natürlich auf einer so kleinen Insel im Meer eigentlich keines geben durfte, aber sie wollte nicht sofort jegliche Hoffnungen zunichtemachen und es wenigstens versuchen. Aber auch wenn es keinen Empfang gab, war das nicht allzu schlimm, denn Diana würde sicherlich den Notdienst rufen, um sie von dieser verdammten Insel wieder runterzuholen. Obwohl sie wusste, dass der Notdienst in nicht absehbarer Zeit, aber in Kürze mit einem Flugzeug nach ihr suchen würde, hatte sie Angst. Trotzdem würde es hier bei Nacht sicherlich ungemütlich werden und in ihr breitete sich ein unangenehmes Ziehen im Bauch aus. Sie fühlte sich einsam und bei dem Gedanken, was wohl passieren würde, wenn niemand kam und sie nie mehr von hier weggehen könnte, geriet sie völlig in Panik. Sie war so töricht gewesen! So dumm! Was war denn bitte schön besonders an dieser Insel gewesen? Warum hatte sie nicht einfach einen klaren Kopf behalten können? Diana hatte vollkommen recht gehabt und sie dumme Gans hätte besser auf ihre Freundin hören sollen. Das hatte sie nun für ihre Dummheit, und das war wahrscheinlich auch ganz richtig so, dass sie jetzt darauf warten musste, bis jemand sie holen kam. Wäre sie doch bloß mit Diana zurückgeflogen... Diana, wie sehr sie sich jetzt wahrscheinlich um sie sorgte. Johanna blickte zur Seite, richtete sich auf und sah sich, auf die Ellenbogen gestützt, um. Sie war gar nicht mehr auf einer Insel. Auf der Insel waren es vom Mittelpunkt aus bestimmt weniger als zehn Meter bis zum Wasser gewesen. Und ihr fiel auch wieder ein, dass es da ja auch kein Gras gegeben hatte. Da war bloß Sand gewesen. Doch nun sah sie keinen Sand um sich herum. Sie saß inmitten einer Lichtung im Wald, dessen Bäume irgendwie anders aussahen als die, die Johanna kannte. Sie waren ein wenig größer, wenn auch nicht viel und sie schienen ein wenig zu funkeln, ganz anders als normale Bäume wie Tannenbäume und Fichten, die einfach nur unauffällig und dunkel vor sich hinlebten. Johanna überlegte, dass das Funkeln aber auch von dem Sonnenlicht kommen konnte. Dieses Sonnenlicht verbreitete irgendwie wärmere Farben und war rötlicher. So wie das Meer manchmal an besonders schönen Sonnenuntergängen rötlich oder manchmal sogar lila schimmerte, schien auch dieses Licht ganz anders zu sein. Ihr unscheinbarer Glanz faszinierte Johanna. Der Wald schien dadurch viel fröhlicher und warf Licht auf jede Bewegung, betonte sie wie ein Scheinwerfer. In diesem Licht faszinierte Johanna sogar das Gras, das sehr frisch und intensiv grün war, und länger und dicker, insgesamt viel kräftiger, als sie es kannte.


  Es ließ sich munter vom Wind bewegen und tanzte zwischen den Schatten der Bäume und der untergehenden Sonne. Der Wald war dicht und überall ragten die riesigen Wurzeln der Bäume aus der Erde, überwachsen von Moos. Auch viele der Steine und kleinen Felsen waren von Moos überzogen, weshalb der Wald einen sehr beeindruckenden, schönen und urigen Eindruck machte. Auf den bemoosten Felsen und im Gras wuchsen zudem große und kleine Pilze, mit oder ohne Punkte. Das grüne Laub der Bäume kleidete den Wald ein und füllte die Krone der prachtvollen Baumriesen. Auf den Blättern glitzerten Regenperlen und einige tropften gelegentlich von den Bäumen und zersprangen auf dem weichen Boden wie Glasperlen. Es erinnerte sie sehr an einen Märchenwald und sie konnte sich nicht sattsehen. Ein unglaublich befreiendes Gefühl umfing sie. Wärme und Freude breitete sich in ihr aus. Sie fühlte sich so geborgen hier wie nirgendwo sonst. Ein leises Trällern hallte durch den Wald, das eines Vogels und es kam direkt aus einem der Bäume um sie herum. Und weil man den Vogel nicht sah, der irgendwo in der großen Baumkrone nistete, hätte man auch meinen können, es wäre der Baum selbst, der so lieblich sang. Das Mädchen stand auf. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie immer noch ihre Ausrüstung anhatte. Ihr Paragleiter hing in einem Ast über ihr und sie selbst hatte sich in all den Fäden verheddert. Fluchend entknotete sie das Gewirr aus Fäden und befreite sich. Dann wandte sie sich ihrem Paragleitschirm zu, der wie eine kleine Wolke in dem höher gelegenen Ast schwang. Sie versuchte ihn über das Ende zu schieben, doch er verhakte sich in kleineren Ästen und blieb hartnäckig, vor allem, als sie es mit Gewalt probierte. Schließlich blieb ihr nichts anderes übrig, als aus ihrem Gurt zu steigen und das gute Stück hier zurückzulassen. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter, als sie sah, dass einige der Seile gerissen waren. Diese Seile rissen nicht so schnell und ihre Schuld konnte es ganz sicher nicht sein, doch wie auch immer es passiert war, das würde dem Verleiher ganz sicher nicht gefallen. Und ihrer Tante sicherlich auch nicht, wenn sie erst einmal auf die Reparaturkosten schauen würde. Doch dann festigte sich ihr Stand und sie sah sich genauestens um. Wälder waren groß. Sie wusste weder, wo sie war, noch, in welcher Richtung die kürzeste Strecke hinaus führte, ganz von der Frage abgesehen, wieso sie überhaupt hier war und nicht auf dieser kleinen Insel. Im Moment konnte sie sich vieles nicht zusammenreihen, vielleicht hatte es etwas mit diesem komischen Spiegel zu tun, den sie auf der Insel entdeckt hatte. Was für sie jedoch jetzt am Schlimmsten war, war, dass es in ein paar Minuten Nacht sein würde und außerdem so dunkel wie ein schwarzes Loch. Sie blickte in Richtung Sonne. Die Sonnenstrahlen fielen senkrecht durch die Bäume und man konnte die hellen Lichtstrahlen deutlich sehen. Es war jetzt gerade noch ein Fleck Sonne am Firmament zu


sehen. Sie machte sich auf, um so schnell wie möglich hier rauszufinden. Da sie gehört hatte, dass alle Menschen, wenn sie einfach nur geradeaus gingen, in Wahrheit im Kreis gingen, weil man ein dominantes Bein hat, das sich etwas stärker vom Boden abdrückt als das andere, ging sie extra etwas stärker entgegen ihres rechten Beines. Wenn man also zügig geht, wird


  die Fußspur des linken Beins zum Beispiel etwas mehr Entfernung zwischen den Fußabdrücken aufweisen als das rechte. Dann wäre das rechte Bein das dominante, so wie bei Johanna. Sie hatte es selbst einmal im Garten probiert, nachdem es geschneit hatte und die Abstände gemessen. Weil ihr Gang also ein wenig nach rechts neigte, trat sie extra ein wenig weiter mit dem rechten Bein aus und nutzte die Sonne als Anhaltspunkt, falls sich ihre Richtung doch ändern sollte. Doch voran kam sie nicht sehr schnell, so uneben war der Boden mit all den Wurzeln, Steinen und den eng nebeneinanderstehenden Bäumen. Über manche Wurzeln musste sie sogar wirklich hinüberklettern, weil sie so groß waren. Plötzlich hielt sie inne und staunte. An einem moosbewachsenen, dicken Baum waren lauter Pünktchen in der Baumrinde zu sehen, die sich als Lichter entpuppten, kleine, winzige Lichter im Stamm, über denen kleine Baumpilze wie Dächer wuchsen. Es waren Häuser, in dem Baum, keine Frage. Ein Haus war kleiner als eine Hand, ja gerademal so breit wie drei Finger. Fasziniert betrachtete Johanna die Häuser und konnte sich nicht vorstellen, jemals etwas schöneres als diesen Wald gesehen zu haben. Doch dann wurde ihre Aufmerksamkeit ruckartig auf etwas anderes gelenkt, dass sie von einem anderen Baum aus anstarrte. Es sah auf den ersten Blick so ähnlich aus wie ein Eichhörnchen, doch sein Fell war komplett cremefarben und es hatte auch ein etwas anderes Gesicht, die Ohren waren nach hinten gelegt und nicht aufrecht, wie es bei Eichhörnchen so war. Die gelben Augen sahen sie von dem dicken Ast aus an, auf dem es saß und es sah ganz so aus, als überlegte es noch, ob es


  davonlaufen sollte. Um das Wesen herum flogen Schmetterlinge, die der Art Graphium weiskei ähnelten und wunderschön anzusehen waren. Johanna wusste das, weil sie in ihrer Freizeit viel über Pflanzen las, manchmal aber auch über Tiere. Schließlich verschwand das eichhörnchenähnliche Wesen in den höheren Astverzweigungen und Johanna fiel auf, dass die Schmetterlinge ebenfalls wie vom Erdboden verschluckt waren. Insgesamt war es viel stiller im Wald und kein Vogel war mehr zu hören. Dann sah sie, wie der letzte Sonnenstrahl hinter dem Horizont verschwand und die Nacht endgültig hereinbrach. Es wurde noch ein wenig dunkler und auf einmal wandelte sich der komplette Wald. Winzige kleine Lichter krochen vorsichtig unter Steinen hervor, kamen aus Baumritzen oder unter dem Schutz der Pilzhüte hervor und stiegen empor. Sie wanderten durch den Wald, kleine und große Lichter, hellere und schwächere. Sie flogen an Johanna vorbei, ganz dicht und zogen umher. Manche setzten sich zwischendurch kurz auf Farnsträucher oder Äste, beleuchteten sie für eine kurze Zeit und schwebten dann weiter durch den Wald, alle in ihre eigene Richtung. Alle sanft im festgelegten Rhytmus des Waldes. Manche bildeten kleine Gruppen und zogen in Form von Lichtketten Kreise in der Luft. Zumindest um die Dunkelheit musste sich Johanna wohl keine Gedanken machen. Doch nun fragte sie sich nur noch mehr, wo zum Teufel sie eigentlich war und was dieser seltsame, aber wundervolle Ort war. Auf einmal hatte sie ein großes Verlangen, diesen Ort zu erkunden, zu schauen, wo er aufhörte und ob dort etwas Neues anfing. Sie wollte all ihre Fragen klären, die Größe des Waldes schätzen können und am besten jemanden nach all


  diesen Tieren und nach den Lichtern fragen. Sie fing an zu zittern, als ein Schauer sie plötzlich überfuhr. Das Zittern kam von der plötzlichen Kälte, die zusammen mit der Nacht so schnell gekommen war wie ein hereinbrechender Platzregen, aber sie zitterte auch aus Unbehaglichkeit, denn diese plötzliche Veränderung des Waldes hatte sie schutzlos und unwissend dastehen lassen und sie wieder daran erinnert, dass sie überhaupt nichts über ihre Situation wusste und zudem vollkommen allein war. Vorsichtig tappte sie durch das Dunkle und hielt sich dabei möglichst nah an größere Lichtgruppen. Ein Eulenruf erschall und sie konnte die dunklen Umrisse und die gelben Augen des Tieres irgendwo über ihr auf einem dicken Ast ausmachen. Erst jetzt, da es dunkel war, konnte sie mehrere Spinnennetze zwischen den einen oder anderen Ästen erkennen, wenn gerade ein kleines Lichtlein ganz nah an einem vorbeiflog. Während sie weiterging zuckte sie bei jedem Rascheln und jedem komisch klingenden Tierschrei sofort zusammen. Ihr stellten sich die Haare hoch. Jetzt empfand sie die komisch verzweigten Äste, die beim Wachsen ständig die Richtung geändert hatten, nicht mehr als märchenhaft und schön, sondern als gruselig. Eine unbeschreibliche Kälte war mit der Nacht gekommen. Sie hörte ganz in der Nähe ein Heulen. Angst kroch in ihr hoch. Ihre Nackenhaare stellten sich auf und ihre unerklärliche Angst brachte sie fast um den Verstand. Verschreckt und wie zu Stein erstarrt blieb sie stehen, als eine Fledermaus nur wenige Zentimeter über ihrem Kopf daherflog und sich auf eine Motte stürzte. Nun wollte sie nur noch so schnell wie eben möglich hier


  raus und in ihr sicheres Bett in der Ferienwohnung auf der Anhöhe von Südfrankreich. Schockiert zuckte sie zusammen und wich auf der Stelle zurück. Zwei gelbe große Augen wurden im Gebüsch rechts von ihrer Seite aus sichtbar und in ihnen stand die blanke Mordlust, so sah es zumindest aus ihren Augen aus. Die gelben Augen wurden plötzlich rot, wechselten einfach so ihre Farbe und nun kam sein Körper zur Erscheinung. Er sah aus wie ein großer Wolf, so dunkel wie die Nacht, sodass es Johanna


schwerfiel, ihn bei der Dunkelheit überhaupt zu sehen. Sie konnte es immer noch nicht fassen, was eben mit seinen Augen geschehen war. Es schien ganz so, als wäre er nur wegen diesen hellen, funkelnden Augen zu sehen. Johanna wich noch einen Schritt zurück und fühlte, wie sie gegen einen Baum prallte. Sie winselte und befürchtete schon, dass ihr Gegenüber das laute Pochen ihres schnell schlagenden Herzens hören konnte. Kurz geriet sie in Versuchung, einfach wegzulaufen, aber das Tier hätte sie bestimmt eingeholt, bevor sie überhaupt zehn Schritte hätte machen können. Solange sie still dastand, auch wenn es das Schlimmste von allem war, bestand die Möglichkeit, dass er das Interesse an ihr verlor und sie in Ruhe ließ. Es war vorbei. Angst spiegelte sich in ihren Augen. Dem Wolf entging diese Reaktion nicht und Überlegenheit pulsierte in seinem Körper. Er würde


sich Zeit lassen, sie ihre letzten, lebenden Momente durchleiden lassen und sie dann erledigen. Mit seiner Beute spielen, wie ein Jäger das so an sich hatte. Abermals kam Johanna die Frage in den Sinn, wie sie hier hergekommen war. Alles klar. Sie würde gleich sterben. Vielleicht war aber auch alles nur ein Traum, wie


  sonst hätte sie plötzlich hier sein können. Bestimmt würde sie gleich aufwachen, sobald das Tier sie in Stücke riss. Dieser Gedanke munterte sie zwar nicht direkt auf, gab ihr jedoch zumindest einen Funken Hoffnung, hier wegzukommen. Doch als der riesige Wolf laut knurrte, presste sie sich gegen den Baum und spürte die Rinde an ihrem Rücken, die ihr bewies, dass dies hier die harte Realität war. Kein Traum. Das schien sie schon vor dem Wolf zu zerfetzen und ihr Puls schlug so hoch, dass sie nach Atem ringen musste. Der Wolf fletschte die spitzen, messerscharfen Zähne und setzte zum Sprung an. „Wach endlich auf“, sagte sie sich immer wieder. „Worauf wartest du? Öffne die Augen, komm schon!“ Zuletzt schrie sie fast und klang völlig verzweifelt, während ihre Aufforderungen ihr schneller aus dem Mund prasselten als sie sie denken konnte. Wach auf! Doch Johanna wusste, dass dies kein Traum war, denn sie fühlte ihre Erschöpfung und die kalte Rinde, gegen die sie sich presste. Sie schloss die Augen. Der Wolf sprang. Sie spürte den Luftzug ganz deutlich und den Wolf ganz nah vor ihr. Sie wartete auf die Pranken, die sie verschlingen und zerfetzen würden wie ein Blatt Papier. Sie riss die Arme vor ihr Gesicht, bereit für das, was kommen möge. Dachte ein letztes Mal an ihre beste Freundin und wie traurig sie sein musste, weil sie sie nie wiedersehen würde. Weil sie einfach verschwunden war. Oder würde sie wütend auf sie sein, sie vielleicht einfach vergessen und so tun, als hätte sie sie nie gekannt? Ja, ihr fiel auf, dass sie keinen blassen Schimmer von dem hatte, was ihre beste Freundin tun würde, und das setzte ihr nochmal zu. Wenn sie jetzt starb,


  würde sie eine unruhige Seele sein, die nie Ruhe finden könnte, weil sie einfach aus ihrem Leben gerissen worden war, ohne irgendwelche Antworten auf ihre Fragen. WUUUUUUUMMMMMMS!! Johanna riss die Augen auf. Der Wolf lag am Boden. Die nun wieder gelben Augen starrten sie direkt an. Nein, sie starrten durch sie hindurch... Ins Leere. Das Maul stand weit aufgerissen. Er war tot, während sie noch am Leben war. Und neben dem Wolf stand eine junge Frau. Sie sah einem Geist sehr ähnlich. Also war sie vielleicht doch tot und dies die Welt der Toten, der Geister? War diese Frau das Empfangskomitee und der Wolf nur ihre Wunsch- oder Wahnvorstellung? Prüfend hielt sie ihre Hand an die Brust. Es schlug immer noch so schnell wie vorhin, als sie Todesängste ausgehalten hatte. Die schnellen und kräftigen Schläge ihres Herzens beruhigten sie ungemein und sie wollte ihre Hand gar nicht mehr wegnehmen, sondern nur noch ihr Leben pulsieren spüren. Es war beinahe so, als könnte sie ihr Leben spüren, kräftig und atemberaubend in ihr. Es war ihre eigene Energie, die


sie deutlicher wahrnahm als je zuvor, als wäre sie gerade geboren worden und lebte ihre ersten Atemzüge. Schließlich blickte Johanna die Frau an, die sich über den Wolf beugte. Sie hatte kurze schwarze Haare und ein bleiches Gesicht. Doch das war es nicht, was ihr den Atem raubte. Es war das, was jeweils an ihren Seiten hervorlugte. Flügel. Schimmernde, eindrucksvolle, kräftige Flügel, die denen von Adlern glichen, nur eben, dass sie viel größer waren. Sehr viel größer. In ihrer Hand hielt sie ein mit Blut bespritztes Schwert, das Johanna nicht lange ansehen konnte. „Gut gemacht!“, lobte ein aus dem Schatten kommender Junge sie, der nicht viel älter als sie wirkte. Seine Stimme klang spielerisch, als redeten sie vom Casino. Die Worte klangen komisch in seinem Mund, als benütze er einen ganz komischen Akzent, aber es war eindeutig ihre Sprache. Trotzdem verstand sie ihn nur mit Mühe. Er hatte blonde, kinnlange Haare, trug ein weißes Hemd mit einer hellbraunen Hose und braunen Lederstiefeln mit Riemen. An seiner Seite prangte ein Schwert an seinem Ledergürtel und insgesamt war er recht groß. Und dann fiel sein Blick auf das junge Mädchen und er sah die schwarzhaarige Frau überrascht und interessiert an, die fast genauso groß zu sein schien wie er. „Wer ist das?“ Er sah Johanna misstrauisch an, schien sie aber als keinerlei Gefahr anzusehen. Wie auch, wenn sie nicht einmal ein Schwert trug und fast von einem Wolf getötet worden wäre. Auch die Frau sah Johanna nun an und zuckte dann nur mit den Schultern, während ihre Augen sie durchbohrten: „Keine Ahnung, aber sie sieht irgendwie menschlich aus.″ Beide musterten sie noch eindringlicher und ihre Blicke blieben an ihrer für sie ungewöhnlichen Kleidung hängen. „Was trägt die denn da?“, fragte die Frau abschätzend und sah argwöhnisch auf Johannas Windjacke. Zu nah kommen wollte sie ihr aber offenbar nicht, wenn es nicht sein musste.


 


„Was für ein ungewöhnliches Material... Es sieht unpraktisch zum Jagen aus.“ Die Frau schnalzte abschätzend mit der Zunge. Der Junge neben ihr schüttelte den Kopf. „Sie sieht sowieso nicht so aus, als hätte sie viel Grips in ihrem Kopf, wenn sie sich hier bei Nacht alleine herumtreibt und nicht einmal an ein Schwert denkt.“ Es schien beinahe, als sei Johanna gar nicht da oder als stecke sie hinter einer schalldichten Glasscheibe. Johanna löste sich aus ihrer Starre und fragte leise stotternd: „W-wer seid ihr?“ Überrascht blickte der junge Mann in ihr Gesicht, als hätte er nicht gedacht, dass sie sprechen könnte: „Sie ist eindeutig ein Mensch! Vielleicht kommt sie aus Sepma?“ „Aber da tragen sie nicht solche Dinger!“, sagte die Frau unwirsch und deutete auf Johannas Jacke, Schuhe und Hose. Beide schwiegen kurz, um nachzudenken. Johanna fiel auf, dass sie beide zum Beispiel beim L immer kurz mit der Stimme hochgingen, oder dass sie das S immer langzogen. Ihr A klang ein wenig stumpf und ihr O manchmal eher wie ein Ö. Sie hatte außerdem den Verdacht, dass sie kein Z sprachen, sondern stattdessen ein S. „Ist ja auch egal. Komm, Faye, bringen wir sie ins Dorf“, sagte der junge Mann kopfschüttelnd. „Vielleicht ist sie eine Art Lauscherin, die uns ausspähen will! Wir sollten sie hierlassen und morgen gucken, was aus ihr geworden ist!“, beschloss die Frau und Johanna sah sie sofort als eine grausame Frau der schlimmsten Methoden an. „Nein!“, sagte der Junge nachdrücklich. Seine Augen blitzten kurz wütend auf und sagten, dass er keine solche Diskussion duldete. „Wir haben genaue Befehle bekommen! Wir werden sie ins Dorf bringen.“ „Vielleicht kommt sie aus einem anderen Universum“, überlegte die Frau und sah sie scharf an. Interesse lag in ihrem Blick. „Nein. Sieh doch nur, sie trägt Lylins Zeichen! Sie lebt hier. Außerdem, was meinst du eigentlich mit: Aus einem anderen Universum? Du glaubst doch nicht etwa an das, was Seiko erzählt, oder?“, fragte der Junge und bedachte die Frau mit einem forschenden, aber spöttischen Blick. Sofort schüttelte sie den Kopf. „Diese Dumpfbacke glaubt doch nicht einmal selbst an das, was sie da sagt.“ Dann schnaubte sie verächtlich, riss ein Büschel Moos vom Boden und säuberte damit ihr Schwert von dem dunkelroten Blut der Bestie. „Komm, am besten, wir nehmen sie sicherheitshalber mit, falls sie doch eine Späherin ist!“ Und ehe Johanna sich versah, sank sie unter einem heftigen Schlag zu Boden und rührte sich nicht mehr.


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