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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Teufelsmeer, Birgit Gürtler
Birgit Gürtler

Teufelsmeer



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Teufelsmeer 1593 n. Chr. Das Meer glich einer gigantischen Felsplatte. Nichts bewegte sich auf der Oberfläche, bis auf die Fahrrinne des Schiffes, die sich in sanften Wellen über das Meer ausbreitete. Die Sonne brannte auf die Brustpanzer der Soldaten, spiegelte sich in den Helmen. Gehorsam verharrten die Männer auf ihren Posten und litten protestlos unter der Hitze und dem fehlenden Wind. Die Trommelschläge des Ruderführers klangen dumpf aus dem Unterdeck, verbündeten sich mit den ohnehin schon unmenschlichen Bedingungen zu einer vollends trostlosen Atmosphäre. Kaito saß zwischen schwitzenden Körpern eingepfercht auf einer Holzbank. Trotz der dicken Hornhaut, die sich nach einem Jahr als Ruderer gebildet hatte, wiesen seine Hände Blasen auf. Das Holz des Ruderriemens rieb und rieb bei jeder Bewegung, bis es sich heiß ins Fleisch brannte. Niemand sprach ein Wort. Jeder folgte wie in Trance dem Dröhnen der Trommelschläge. Mit jedem Schlag zogen fünf Männer pro Bank das Ruder durch. Stunde für Stunde, gefühlt wie ein ganzes Leben. Kaito war kein Mann der See. In seinem früheren Leben hatte er es geliebt, alles aufzuzeichnen, was um ihn herum geschah. Handgeschöpftes Papier mit aufwendigen Verzierungen zu versehen, um es der Nachwelt zu hinterlassen. In den Ruhepausen, die ihm zur Verfügung standen, hielt er auch in der jetzigen Lebenslage seine Eindrücke schriftlich fest, doch diese Berichte behandelten nur noch das entbehrungsreiche Leben von Sklaven und Soldaten. Kaito füllte seine Lunge mit einem tiefen Atemzug und zog am Ruder. »Ob die Dämonen dieses verfluchten Meeres dich freigeben werden, Kaito? Du solltest auf der Hut sein.« Ein Kichern drang von der hinteren Ruderbank. »Verschone uns mit deinen Schauermärchen. Das wird meine letzte Fahrt und dann geht es direkt an den Tisch meiner Mutter, wo ich mir die leckersten Speisen vorsetzen lasse.« »Anstatt von den Brüsten einer Frau zu träumen, stellt er sich vor, wie er Essen in sich reinschlingt«, tönte es von einer der hinteren Ruderbänke, worauf lautes Gegröle entstand. »Unterstütze unseren Geschichtenerzähler nicht auch noch«, erwiderte Kaito lachend. »Wir alle wissen doch, dass er uns so lange von seinen Meeresdämonen erzählt, bis wir schließlich daran glauben werden.« »Geschichtenerzähler! Dass ich nicht lache. Euch wird das Scherzen noch vergehen, wenn die Kappa erscheinen und euch in einem brodelnden Meeresschaum hinab zum Meeresgrund ziehen.« Das Lachen erstarb. Kaito hasste diesen kleinen Gauner. Er versuchte, den Männern Angst einzujagen, indem er von den zahlreichen verschwundenen Fischern und Booten erzählte. Angeblich war er selbst, als er noch ein Fischer war, den Kappa nur knapp entkommen. Gefürchtete Meeresdämonen. Jeder Einzelne der Ruderer, inklusive Kaito, hatte aufgrund der täglichen Schauergeschichten bereits eine genaue Vorstellung dieser Wesen. 7 Die Paukenschläge nahmen an Intensität zu. Masahiro stand breitbeinig an der Trommel. Das wenige ihm noch am Hinterkopf verbliebene Haar hing geflochten bis zur Taille. Der dünne Kinnbart war zu einem Strang geschnürt, der dem Gesicht eine listige Ausstrahlung verlieh. Die stämmigen Unterarme bewegten sich ohne Unterlass im Takt. Die Vibrationen ließen den massigen Körper erbeben. Der Mann zur Linken Kaitos schnaufte unter der körperlichen Anstrengung und der schwülen Hitze. »Elende Barbaren«, brummte er. »Haben mich vor der Dorfkneipe abgefangen, als sei ein kleiner Schwips ein Verbrechen.« Trübsinnig schüttelte er den Kopf und zog am Ruder. »Dieses Schicksal teilst du mit mindestens einem Drittel der Besatzung«, versuchte Kaito den hageren Mann zu trösten. »Auch mich hat man aufgrund von Trunkenheit zu einem Jahr Ruderdienst verpflichtet. Nicht, dass ich ein Säufer gewesen wäre. Nur ab und zu einen Becher zu viel gehabt, wenn Atmosphäre und Freunde dazu verführten. Ich bin davon überzeugt, dass Soldaten der japanischen Streitkräfte gezielt vor den Kneipen lauern, um vom Alkohol berauschte Einfaltspinsel abzufangen. Können sie sich dann nicht freikaufen, geht es auf direktem Weg auf eines der Kampf- oder Transportschiffe.« Kaito lachte bitter. »Zunächst erleichtert, nur auf einem Transportschiff gelandet zu sein, musste ich allerdings feststellen, dass sich dies keineswegs als gefahrloser erwies.« Kaito dachte an zahlreiche Überfälle von Piraten, die sich von den beiden Sekibunen, die ihnen Geleit 8 gaben, nicht abschrecken ließen. Mittelgroße Kampfschiffe, auf denen 30 Kämpfer und 20 Gewehrschützen ihren Dienst taten. »Und du bist wirklich frei nach dieser Fahrt?«, unterbrach ihn der Mann teilnahmslos, ohne seinen Blick von der Ruderstange zu lösen. »Ja, so ist es. Ein volles Jahr habe ich hier geschuftet. Ich freue mich auf mein altes Leben.« »Was tust du in deinem alten Leben?« Jetzt sah der Mann doch auf und ein freudiger Glanz lag in seinen Augen. »Ich bin Bauer und züchte Hühner, die ich verkaufe.« Der Mann nickte und wendete seinen Blick ab. Der Glanz war erneut seiner Traurigkeit gewichen. »Hast du auch das Getue um die Fracht bemerkt?«, fragte Kaito, um seinen Nachbarn von seinen düsteren Gedanken abzulenken. »Es ist ja erst meine dritte Fahrt, aber auch mir erschien der Aufwand ungewöhnlich. Stimmt es, dass der große Fürst Toyotomi Hideyoshi persönlich vor Ort war?«, fragte der Mann ehrfürchtig. »Ja, ich habe ihm direkt ins Angesicht geblickt. Seine jadegrünen Augen funkelten wie die eines Dämons, seine Haut spannte sich ledrig über das Gesicht und ließ jeden Knochen erahnen. Eines Feldherrn und Herrschers würdig stieg er aus einer reich verzierten Kutsche, richtete den schwarzen Kimono und das Schwert, um darauf zwei Vasallen herbeizubefehlen. Sie verneigten sich ehrfürchtig und blickten zu Boden, bis er ihnen ihren Auftrag erteilte.« 9 »Und wir haben tatsächlich Fracht an Bord, die dem Kaiser gehört?«, erkundigte sich der Mann besorgt. Kaito nickte düster. »Wertvolle Fracht bedeutet Ärger.« Die Bilder vom Treiben im Hafen kamen Kaito wieder in den Sinn. Penibel wurden die Siegel der Holzkisten untersucht, die zum Verladen bereitlagen. Einer der Vasallen entdeckte eine ungenügend verschlossene Kiste, worauf er einen Hafenarbeiter hinter die Absperrungen befehligte. Dieser schlug hektisch einige Nägel in das Behältnis aus Holzlatten und verbeugte sich unterwürfig, während er rückwärts hinter die Absperrungen schritt. Vier Admiräle beratschlagten sich währenddessen mit dem Kapitän des Transportschiffes und gestikulierten dabei unbeherrscht mit den Händen. Es musste sich um eine außerordentlich wertvolle Fracht handeln, denn von vier Kriegsschiffen war das Schiff während seiner unzähligen Überfahrten auf See noch nie begleitet worden. Und noch weniger von einer Atakebune. Ein Kampfschiff der größten Bauart, die Kaito je zu Gesicht bekommen hatte. Der Stolz der japanischen Meeresflotte. Protzig schaukelte es im Hafen, wie eine von Riesen erbaute Schachtel. Die Wände waren mit einer Extraschicht Planken versehen, zum Schutz der Besatzung vor Gewehrkugeln. Kleine Luken dienten als Schießscharten für Bogen und Feuerwaffen. Das Deck war im Unterschied zu normalen Schiffen mit Planken verschlossen. In den wuchtigen Bauch des Ungetüms führte lediglich eine Treppe, die in einem Aufbau des Schiffs verborgen lag. Der Antrieb des Schiffs bestand aus 80 Ruderern. Ein einziger Mast, an dem ein gewaltiges Segel hing, unterstützte bei günstigen Winden die Fahrt. 10 Kaito hoffte, dass er diese letzte Reise unbeschadet überstehen würde. * Kaito hatte von Masahiro, dem Trommelführer, erfahren, dass eine Ladung Jade von unschätzbarem Wert auf dem Schiff verstaut worden war, die Beute eines Überfalls in einer der Provinzen Chinas. Kaito ahnte, dass dies längst kein Geheimnis mehr war. Um die Ladung auf eine der südwestlichen Inseln zu verfrachten, führte sie die Route zwangsläufig mehrere Seemeilen durch das Teufelsmeer. Kaito hatte lange mit Masahiro darüber diskutiert, warum eine Ladung, die unter dem persönlichen Schutz des Kaisers stand, an solch einen Ort gebracht werden sollte; doch keiner von ihnen konnte sich das erklären. Sicher war nur, dass sie nicht weit an Taiwan vorbeifuhren und dabei hofften, dass die Chinesen sie dort nicht abfingen. Oder noch schlimmer, ihnen die Koreaner in die Quere kämen. Kaito spürte am Schwinden seiner Kräfte, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis der Gong zur Pause schlagen würde. Er seufzte, ruderte, wartete. Dann kam er endlich. Ein Soldat stieg die Treppen zu ihnen herab. Mit einem Stab schlug er kräftig gegen einen bronzenen Klangteller. Hiermit signalisierte der Mann den Beginn der Pause für die Rudermannschaft. Kaito streckte die Arme über sich aus, hörte seine Knochen knacken, fühlte den Schmerz durch den Rücken jagen. Masahiro stellte das Trommeln ein und winkte ihm zu, gab Zeichen, doch zu ihm zu kommen. Masahiro war in dem Jahr, das Kaito hier Dienst tat, ein wahrer Freund geworden. Er lächelte gequält. »Trink einen kräftigen 11 Schluck Sake, mein Freund.« Er schüttete zwei Keramikbecher mit der weißtrüblichen Flüssigkeit voll und prostete ihm zu. »Danke, vielleicht vertreibt der Trank den Schmerz aus dem Rücken.« Masahiro wirkte verändert. »Was ist mit dir? Geht es dir heute nicht gut?« Mit zusammengekniffenen Augen musterte Kaito seinen Freund. »Ich habe böse Vorahnungen.« »Wegen der Fracht des Kaisers?« Masahiro nickte. »In die meisten Kisten konnte ich einen Blick hineinwerfen. Wir haben eine Ladung von unschätzbarem Wert an Bord. Kisten randvoll mit edelster Jade, die im Auftrag des Kaisers aus den Provinzen Chinas erbeutet wurde. Auch Totengewänder, aus den edelsten Jadeblättchen genäht, nicht nur für die Toten, auch als Schutz vor Dämonen.« Kaito seufzte. »Du magst recht haben mit deinen düsteren Vorahnungen, aber sollte die Atakebune, die uns Geleitschutz gibt, nicht jeden Halunken einschüchtern? Und Dämonen werden das Schiff bestimmt nicht entern.« »Wenn du nur recht behältst, mein Freund«, murmelte Masahiro und trank seinen Becher leer. * Gebrüllte Befehle klangen gedämpft zu ihnen nach unten. Masahiro warf Kaito einen unsicheren Blick zu. Jeder ahnte, dass etwas nicht stimmte. Kurz darauf kam ein Soldat zu ihnen gestürzt. »Rudert! Rudert schneller! Zwei Schildkrötenschiffe haben Kurs auf uns genommen. Sie sind in Begleitung weiterer Kriegsschiffe. Rudert!« 12 Die Koreaner! Kaitos Befürchtung, dass diese letzte Fahrt die schlimmste werden würde, schien sich zu bewahrheiten. Kaito biss die Zähne zusammen, spannte alle Muskeln und Sehnen, um mit Kraft am Ruder zu ziehen. Ein Schildkrötenschiff. Das Kriegsschiff der Koreaner. Es war erst seit einem Jahr auf den Meeren unterwegs und zog bereits die ganze Aufmerksamkeit des japanischen Kaisers auf sich. Wie bei der Atakebune handelte es sich um eine schwimmende Festung, doch ließ sich diese wendiger manövrieren. Der Bug wurde von einem geschnitzten Drachenkopf geschmückt, aus dem giftige Dämpfe und Rauch quollen. Das Deck versiegelt mit Platten aus Metall und dornenartigen Eisenspitzen. Ein Entern dieses Schiffes war unmöglich. Kaito hörte bereits die ersten dumpfen Kanonenschläge. Sein Herz begann wild zu hämmern. Würde es diesmal so glimpflich ablaufen wie bei den Piratenüberfällen? Das Schiff erzitterte, als das Kanonenfeuer erwidert wurde. Der Ruderstab schien zu glühen, doch Kaito ruderte ohne Unterlass. Der Takt der Trommelschläge donnerte, übertönte die Befehle und das Kampfgeschrei vom Oberdeck. Ein weiterer Donner und das Zischen des Wassers, als die Kanonenkugel knapp neben dem Schiff ins Meer rauschte, ließen das Schiff erzittern. Das Kanonenfeuer nahm an Intensität zu. Mit jedem Knall zuckte Kaito zusammen. Sie wurden anscheinend von beiden Seiten ins Visier genommen. Was war mit den Kampfschiffen? Wind hatte keiner geherrscht, sodass sie abgetrieben hätten werden können. Pistolenschüsse gesellten 13 sich zu dem Kanonenfeuer. Ein Soldat kam heruntergestürmt. »Stoppt das Rudern! Die ersten beiden Männer, die außen an der Bank sitzen, an die Waffen!« Mit weit aufgerissenen Augen brüllte er seinen Befehl. Die zwei Männer, die links neben Kaito ruderten, sprangen auf. Aschfahl im Gesicht hasteten sie zu dem Soldaten. Kaitos Herzschlag begann wie verrückt zu rasen. Er war kein Kämpfer, genauso wenig wie die Mehrzahl der anderen Ruderer. Er hielt sich bereit, um bei einem Wendemanöver alles zu geben. Die Kanonenkugeln schlugen wie ein Hagelschauer auf die Meeresoberfläche. Das Splittern von Holz und die Schreie der Kämpfenden tönten lauter und heftiger. Kaito hatte keine Möglichkeit, nach draußen zu blicken, doch er spürte, dass es ernst war. Seine letzte Fahrt, er musste sie überleben! Panisch klammerte er sich an die Ruderstange. Dann kam der Befehl. »Die linke Seite rudert! Hart Steuerbord!« Kaito warf sich förmlich in das Ruder. Er hörte den Kampf, der über ihm tobte, die Schreie der Verwundeten deuteten ein unbeschreibliches Gemetzel an. War dies das Ende? Obwohl die Mannschaft von den rechten Ruderbänken herübergerannt war und die auf der Backbordseite Rudernden unterstützte, schien sich das Schiff in die falsche Richtung zu bewegen. Irgendetwas stimmte nicht. Die Männer brüllten sich gegenseitig an, um einander anzufeuern, doch das Schiff bewegte sich dennoch merkwürdig fremdbestimmt, wie von Geisterhand gezogen. Panik gewann die Oberhand. 14 »Das Teufelsmeer verschlingt uns! Das Teufelsmeer!« Der Geschichtenerzähler war nicht mehr auf seinem Platz zu halten. Er sprang über die anderen hinweg und stürmte die Treppe hinauf. Masahiro unterbrach das Trommeln und blickte dem Ruderer hinterher, der einen herbeieilenden Soldaten einfach beiseiteschubste. »Alle an die Waffen!« Der Soldat blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf den Boden, die Drehung des Schiffes war deutlich spürbar. »Wir werden untergehen«, murmelte Kaitos Platznachbar. Kaito sprang auf und rannte nach vorn. Masahiro verharrte regungslos und beobachtete das Geschehen. Seine Hand schloss sich um Kaitos Schulter, bezwang die Hast und die Panik, die von ihm Besitz ergriffen hatten. »Sei kein Narr. Der Kampf dort oben ist hart. Wir beide wären gerade gut genug, um den Boden mit noch mehr Blut zu tränken. Komm mit.« Kaito wusste nicht, wo ihm der Kopf stand. Kämpfen, das war das Letzte, was er wollte, doch sich einfach verstecken? Zusehen, wie die anderen sich opferten? Noch ehe er protestieren konnte, zog ihn Masahiro die Treppe nach oben; schließlich, in einem günstigen Moment, sogar bis auf das Mitteldeck. Hinter einer Ladung von Kisten nahmen sie Deckung. Sonnenlicht strahlte einige Meter hinter ihnen durch ein klaffendes Loch der Bordwand. Eine Kanonenkugel hatte dort das Holz aufgerissen. Kaito stockte der Atem. Ohne ein Wort sah er zu seinem Freund und dann hinaus auf das schäumende Meer. Die glatte, spiegelähnliche Meeresoberfläche hatte sich in einen brodelnden Schlund verwandelt. Der 15 Gestank von Algen lag in der feuchten Luft. Die Kanonenschüsse verebbten. Anscheinend waren sämtliche Schiffe in einen Strudel unüberwindbaren Ausmaßes getrieben. Das Teufelsmeer! Erst trudelte ihr Schiff schwerfällig und träge, doch mit jeder Minute nahm die Drehbewegung an Geschwindigkeit zu. An Deck wurde trotz der Gefahr, die vom Meer ausging, weitergekämpft. Kaito blickte in das fahle Gesicht seines Freundes. »Hast du sie auch gesehen?« Masahiros gefasste Stimme passte nicht zu seinem erschrockenen Gesichtsausdruck. »Wen?« »Die Kappa! Wie sie unser verrückter Freund immer beschrieben hat.« Kaito spürte, wie sich Masahiros Finger an seinen Arm klammerten. Plötzlich sprang dieser auf, taumelte in der Drehung des Schiffes, bis er sich wieder fing und auf eine Gruppe Kisten zurannte. Kaito glaubte, sein Freund stünde im Begriff, den Verstand zu verlieren. Mit bloßen Händen riss er die Holzkisten auf, bis er seinen Freund hektisch zu sich winkte. Kaito schwankte zu ihm und schaute in die Kiste. Ein Totengewand aus Jade lag darin. Gearbeitet aus Hunderten feinen Jadeplättchen, die mit Goldfäden aneinandergenäht waren. »Was willst du damit?« »Du musst mir vertrauen.« Wahn und Ernst lagen in seinen Augen, die ihn fordernd anblickten. »Ich will, dass du diese Fahrt überlebst. Dass du von unseren Gesprächen in deinen Aufzeichnungen für die Nachwelt berichtest.« Die Traurigkeit hinter seinen Worten war 16 unüberhörbar. Kaito nickte. Warum auch nicht. Sie würden sowieso nicht mehr lange am Leben sein, denn das Meer schien sie nicht freigeben zu wollen. Masahiro nahm die fünf Teile des Gewands heraus und half Kaito, sie anzulegen. »Was soll das bringen? Es sind längst nicht mehr Koreaner oder Chinesen, die uns nach unserem Leben trachten. Das Meer hat seinen Schlund aufgerissen, um uns zu verschlingen.« »Vertrau mir, mein Freund«, wiederholte der treue Schiffskamerad. »Es ist jetzt nicht nur das Meer, das wir fürchten müssen.« Unnachgiebig zog er Kaito das fünfteilige Totengewand an. Hose, Schuhe, Kopfbedeckung, Handschuhe und Jacke. Behutsam legte sich Kaito so verhüllt in eine der Kisten. Er würde diesen letzten Wunsch seines Freundes erfüllen. Warum auch immer diesem das so wichtig erschien. Kaito selbst sah keinen Sinn darin. Sein Freund schloss die Kiste wieder. Mit der bloßen Hand hämmerte er auf die Holzumrandung ein. Um Kaito legte sich Dunkelheit. Die Luft war schwer zu atmen. Er spürte noch immer die Drehung des Schiffes, doch der Lärm der Schlacht war verklungen. Vereinzelt ertönten noch Schreie. Eine beängstigende Stille trat ein. Oder lag es an diesem Gewand? War er lebendig ins Totenreich übergegangen? Schipperte für ewig in einer Holzkiste auf den Meeren? Die Strafe für seine Feigheit? Kaito erschauerte, als er meinte, Masahiros Aufschrei vernommen zu haben. Dann war es wieder still. Oder doch nicht? Schlurfende Schritte, der Geruch von Algen drang in das Innere der Kiste. Jemand machte sich an den Latten zu schaffen, während sich die Drehung beruhigte. 17 Nach und nach drang Licht in das Innere seines Verstecks. War das Masahiro? Kaito spürte, wie die Furcht ihm den Atem raubte. Er presste die Lippen aufeinander, um nicht vor nackter Angst zu schreien. 18 19 1 Alex zog den Kragen ihrer Lederjacke enger, als sie aus dem Bus sprang und die Wilhelmstraße entlangblickte. Exakt seit diesem Tag lebte sie ein Jahr in Wiesbaden. Oft vermisste sie die Ruhe der Felder, die Verbundenheit der Leute in ihrem kleinen Dorf, in dem sie geboren und aufgewachsen war. Doch seitdem sie in einem Antiquitätenladen arbeitete, waren diese Erinnerungen seltener geworden. Hier fühlte sie sich wohl. Während der Arbeitsstunden umgab sie totale Ruhe und draußen pulsierte das Leben. Zumindest wenn das Wetter besser war als am heutigen Tag. Das Glöckchen hinter der Glastür klingelte schrill, als sie das Geschäft betrat. Alex nahm sich fest vor, heute strenger mit ihrem Chef zu sein und sich nicht vertrösten zu lassen. Sie musste schließlich ihre Rechnungen bezahlen. »Guten Morgen, Lucius«, rief sie nach hinten, während sie ihre Jacke auf einen Bügel hängte. Der Laden war vom Duft einer Aromakerze, die nach Bratapfel roch, erfüllt. Unzählige Kostbarkeiten aus vergangenen Zeiten lagerten hier. Sekretäre der Renaissance mit verspielten Schnitzereien, kleine Beistelltische, in die aufwendige Intarsien eingearbeitet waren, vornehm blickende Frauen, die vor 100 Jahren auf Leinwänden in Öl verewigt worden waren, eingefasst in schweren Goldrahmen. Kurz vor Lucius’ Schreibtisch passierte man unweigerlich seine Sammlung japanischer Kunstgegenstände. Handbemaltes Porzellan, Holzschnitte und Figuren aus Bronze. 20 Alex war längst aufgefallen, dass die Preise in dieser Ecke unverhältnismäßig hoch angesetzt waren. Sie schlussfolgerte, dass Lucius diese Stücke nicht wirklich verkaufen wollte. Er hütete alle Objekte, die er von seinen Asienreisen mitgebracht hatte, wie einen Schatz. Die Begeisterung für Japan war eine Leidenschaft, die sie beide zusammenschweißte. Als er am Tag ihrer Bewerbung von ihrem Studium der Japanologie erfahren hatte, war das erste Eis schon gebrochen. Wären da nicht Lucius’ europäische Gesichtszüge, graublaue Augen, grauer Vollbart und kurz geschorene Haare, würde man meinen, einen Sumo-Ringer vor sich zu haben. Seine Wurstfinger blätterten zittrig durch ein altes Schriftbündel. »Lucius, du hast mir noch immer nicht den Lohn überwiesen. Wenn das so weitergeht, muss ich mich mit einer Sammelbüchse vor den Laden stellen. Lucius!« Alex verdrehte genervt die Augen. Zögerlich löste sich sein Blick vom Papier, das steif und zerbrechlich wirkte. Japanische Schriftzeichen und Malereien zierten die Seiten. »Meine liebe Alex. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich entdeckt habe.« Seine Stimme bebte, die Augen waren gerötet. So wie er aussah, musste er die ganze Nacht hier gesessen haben. »Lucius, mein Lohn. Ich will dir ja nicht diesen Moment hier versauen, aber es sind bereits sechs Wochen vergangen, seitdem du mir etwas überwiesen hast.« Er nickte schuldbewusst und seufzte. »So lange ist das her? Ich habe so eine geduldige Arbeitskraft wie dich bei Gott nicht verdient. Und dann die zahlungswillige Kundschaft, die du anziehst. Sie kommen nur, um dein 21 engelsgleiches Haar zu sehen, deine süße Ausstrahlung zu erleben.« Er lächelte und blickte auf eine Haarsträhne, die sich über ihren türkisfarbenen Wollpullover schmiegte und im Licht bunter Glaselemente einer Tiffanylampe golden schimmerte. Alex lachte und hob drohend den Finger, doch er kam ihr zuvor. »Ich mache eine Onlineüberweisung, nachdem ich dir das hier gezeigt habe.« Sein Blick senkte sich auf das Schriftstück und er blätterte die Seiten zurück. Neugierig setzte sie sich zu ihm hinter einen wuchtigen Schreibtisch aus der Zeit des Barock. »Woher hast du dieses Schriftstück?« »Ich hab dir doch von meinem Neffen Eric erzählt.« »Er war einige Monate in Japan, um dort zu studieren?« »Genau. Fünf Monate. Als er mir dieses Bündel überreichte, gab er gleich zu bedenken, dass er nicht sicher sei, ob man ihn übers Ohr gehauen habe oder ob er tatsächlich antike japanische Aufzeichnungen in den Händen hielte. Er wollte mir so gerne etwas Besonderes mitbringen, nachdem ich ihn über Jahre des Studiums finanziell unterstützt habe.« Alex nahm eine Lupe und strich prüfend über das Papier. »Ich würde sagen, dein Neffe hat einen Volltreffer gelandet. Wo hat er das her? Im Antikhandel wäre es für ihn unbezahlbar gewesen.« »Der Junge hat mir eine ziemlich abstruse Geschichte erzählt. Auf der Straße bot ihm ein Kerl Drogen aller Art an. Eher zum Spaß hatte er geantwortet, dass er Interesse an nicht zu teuren antiken Gegenständen hätte. Zwei Tage später begegnete ihm dieser Kerl wieder und bot 22 ihm ein Bündel Papiere an. Da es einigermaßen erschwinglich war und Eric die Malereien gefielen, hat er es genommen.« »Das Gespür für japanische Kostbarkeiten scheint bei euch wohl in der Familie zu liegen. Übrigens, du hast Augen wie ein Zombie. Ich gehe davon aus, du hast den Text bereits genau studiert?« Lucius lachte kurzatmig und nickte. »Ich muss unbedingt nach Japan reisen.« Alex blickte irritiert. In seinen Augen spiegelte sich die Aufregung. Hektisch begann er, zu erzählen. »Diese Aufzeichnungen fangen ziemlich unspektakulär an. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum sich niemand länger damit beschäftigt hat. Nur so kann ich es mir erklären.« Lucius’ Blick verlor sich an den Schaufenstern, gegen die der Regen prasselte. »Was steht drin? Erzähl schon.« »Es beginnt mit der Beschreibung von Soldaten und Sklaven auf Kriegs- und Handelsschiffen des sechzehnten Jahrhunderts. Überfälle von Piraten. Berichte über die herrschenden Shogune und deren Verwaltungsbezirke. Mitten in diesen historischen Aufzeichnungen taucht plötzlich eine Schilderung von einem ganz persönlichen Erlebnis des Schreibers auf, inklusive der Lagebeschreibung von einem Ort, an dem Kunstgegenstände versteckt liegen. Die Beute eines Überfalls der Japaner auf chinesische Provinzen. Dabei handelt es sich laut Aufzeichnung um Jadeartefakte und ein Buch, das über eine geheime Stadt berichtet, die unter dem Meeresspiegel liegt.« 23 »Ein Atlantis im Chinesischen Meer? Was, wenn das alles nur Geschwätz ist? Unser lieber Schreiber nur ein begnadeter Autor von frühzeitlicher Science-Fiction war?« »Genau das muss ich herausfinden!« »Falls dort tatsächlich etwas Kostbares versteckt liegt, wie willst du allein eine Forschungsexpedition auf die Beine stellen? Wenn du dir Helfer holst, kann es schnell gefährlich werden. Du weißt doch, was Habgier aus den Menschen macht.« Lucius winkte ab. »Längst erledigt. Mir geht es schließlich nicht ums Geld. Von mir aus kann sich das japanische Museum alles behalten, deshalb habe ich mich mit dem Kurator des Museums in Tokio in Verbindung gesetzt. Die Telefonnummer des ominösen Verkäufers habe ich auch bei mir.« »Gerade diesem Typen würde ich keineswegs etwas erzählen.« Alex verzog das Gesicht. »Schon klar. Die habe ich nur für den Fall, dass sich die Aufzeichnungen als zuverlässig erweisen und sich weitere Fragen ergeben. Viel wichtiger ist für mich zurzeit dein Einverständnis, dich während meiner Abwesenheit um das Geschäft zu kümmern.« Flehend sah er sie mit dem Blick eines treuen Hundes an, dem man ein Leckerli kaum verwehren konnte. »Natürlich kümmere ich mich gern um alles. Das weißt du doch.« Freundschaftlich stupste sie ihn am Arm und kicherte. »Du musst mir aber versprechen, vorsichtig zu sein.« »Gut, dann werde ich dich morgen früh anrufen, wenn ich in Tokio gelandet bin.« Er lächelte. »Du siehst nicht 24 nur aus wie ein Engel, du bist auch einer.« Lucius grinste über sein pausbackiges Gesicht und sah wieder auf die antiken Papiere. 25 2 Lucius warf einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr, während er durch die Gänge des Nationalmuseums in Tokio hastete. Er wollte Sion Tanaka, den Kurator, auf keinen Fall warten lassen. Pünktlichkeit war in Japan mindestens so hoch einzustufen wie in Deutschland. Schon am Telefon war Lucius der skeptische Unterton aufgefallen. Erst nachdem er das Buch über die Kappa erwähnt hatte, zeigte der Kurator deutlich mehr Interesse und erklärte sich mit einem Treffen einverstanden. Vor dem Büro des Kurators hielt Lucius noch einmal inne, richtete sich den dunkelblauen Maßanzug und atmete tief durch, damit er nicht so abgehetzt wirkte. Auch wenn er von korpulenter Statur war, wusste er doch ganz genau, was Stil und gutes Auftreten bedeuteten. Stimmen drangen aus dem Büro. Lucius wollte gerade klopfen, als sich die Tür öffnete und ein hagerer Mann das Büro verließ. Mit zusammengekniffenen Augen nickte dieser zum Gruß und verschwand. Es sah ganz danach aus, als ob der Mann kein angenehmer Besuch gewesen wäre, da der Kurator verärgert auf die Papiere starrte, die auf dem alten Schreibtisch lagen. »Konnichi-wa, Tanaka-san?« Der Mann blickte hoch, worauf sich seine harte Miene aufhellte. »Youkoso«, bekam Lucius als Willkommensgruß zurück. »Es freut mich, Sie kennenzulernen. Hatten Sie einen angenehmen Flug, Böttcher-san?« 26 Der Kurator, ein drahtiger Mann Ende 50 stand auf, um Lucius die Hand zu reichen. »Nehmen Sie doch Platz.« Lucius Böttcher nickte. Nach dem ganzen Gerenne durch das Museum fühlte er sich noch außer Puste, oder lag es an der Aufregung, die ihn jetzt erfüllte? Er bemerkte den neugierigen Blick aus den eben noch so strengen und klaren Augen, als er den Koffer auf den benachbarten Stuhl legte, um ihn zu öffnen. »Am Telefon habe ich Ihnen ja bereits alle Einzelheiten vorgetragen und komme jetzt direkt zum Wesentlichen. Ich mag mich täuschen, doch ich schätze, Sie werden ebenso begeistert sein, was Papiersorte, Schrift und Stil angeht. Inwiefern sich das Geschriebene als zuverlässig erweist oder es sich gar nicht um das Werk eines Historikers, sondern um einen Geschichtenerfinder handelt, kann ich natürlich nicht beurteilen. Aber die Sache ist zu bedeutend, um sie gleich abzutun«, erklärte der Mann atemlos und fuhr fort: »Ich muss zugeben, dass mich die Fracht, die gestohlenen Jadeartefakte, sehr reizen. Eine ganze Kiste voller Ziergegenstände, gearbeitet in der damals vorherrschenden Art, sich stilistisch auszudrücken. Den tiefen Einblick, der uns darüber gewährt wird, wie sich die japanische Kunst entwickelt und verändert hat. Aber was mich viel mehr interessiert, ist dieses Kappa-Buch, wenn es denn existiert. Woher kommt der Glaube an eine Rasse, die im Wasser lebt? Was hat es damit auf sich, dass man ihnen nachsagt, Kinder zu stehlen? Nicht, dass ich an ihre Existenz glaube, aber wir könnten die Entwicklung dieses Aberglaubens bis heute, Hunderte Jahre später, 27 rekonstruieren. Andererseits ist es doch so, dass in allen mündlichen Überlieferungen ein wahrer Kern steckt. Gab es eine Nation, die aufgrund gestiegenen Meeresspiegels unterging?« Lucius Böttcher kniff die Augen zusammen und studierte die Reaktion seines Gegenübers, während er das Bündel antiker Schriften zu ihm hinüberschob. Tanaka nickte anerkennend. »Das scheint mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich aus der Zeit zu stammen, die der Schreiber angegeben hat. Hundertprozentige Sicherheit gibt aber erst eine Analyse des Papiers und der Farben.« Sion Tanaka blätterte bedächtig durch die filigranen Seiten. Bei der Durchsicht der Illustrationen presste er die Lippen aufeinander, als würden sie ihm etwas ganz Besonderes bedeuten. Wirkte er sogar nervös? Erkannte er etwas, das er, Lucius, übersah? »Wenn dieses Versteck tatsächlich existiert, wäre das eine Sensation.« Er blickte hoch und nahm die Brille ab. »Ich bin bereits seit vierzig Jahren hier im Museum tätig, doch von diesem Schreiber habe ich noch nie etwas gehört. Es ist also sehr wohl möglich, dass wir einer gut erzählten Geschichte auf den Leim gehen und Sie Ihr Geld aus dem Fenster werfen, um diese Exkursion zu finanzieren.« Lucius lächelte. »Ich sehe es als ein Abenteuer. Wenn wir nichts finden, dann war es doch von Anfang an eine aufregende Zeit.« »Nun gut. Das Ganze erfordert eine logistische Planung, die gut durchdacht sein muss. Es macht keinen Sinn, mit einem Schiff von hier aus zu starten. Wir 28 müssten mit einem Kleinflugzeug schon mal weiter westlich fliegen. Zu einem Ort, der Flughafen und größeren Schiffshafen vereint, um Zeit zu sparen. Dort können wir uns dann nach einem geeigneten Fischerboot umsehen und es anmieten.« »Ich habe bereits eine gecharterte Jacht im Fischereihafen von Nanfangao in Taiwan liegen. Sie verfügt über die beste Ausstattung.« Sion wirkte beeindruckt, aber noch nicht überzeugt. »Der Ausgangspunkt ist gut gewählt. Der Hafen liegt in der Lanyang-Ebene. Dort werden wir kaum auffallen, wenn wir unsere Expedition starten. Aber haben Sie denn auch schon das passende Personal für erforderliche Tauchgänge und wissenschaftliche Auswertungen an Bord, oder ist das ihr eigenes Fachgebiet?« »Ich kenne mich tatsächlich ein wenig aus, doch da ich kein Krake mit acht Armen bin, befindet sich bereits ein Freund an Bord, der sich um alles Erforderliche kümmern wird. Ich habe versucht, nicht allzu viel Aufhebens um die Sache zu machen, damit wir unbehelligt von Behörden, unerwünschten Neugierigen und zwielichtigen Gestalten bleiben. Wenn ich auch bereit bin, einen eventuellen Fund an das japanische Museum zu übergeben, möchte ich bei der Suche niemand Fremden dabei haben. Es gibt nichts Spannenderes, als auf Schatzsuche zu gehen, das kann ich Ihnen versichern. Wenn Sie also bereit sind, nach einer verschollenen Frachtkiste zu suchen und das Geheimnis eines Atlantis im Chinesischen Meer zu lüften, kann es von mir aus losgehen.« Lucius erhob sich und blickte Sion erwartungsvoll an, bis dieser nickte. 29 »Ich werde Sie in einer Stunde von Ihrem Hotel abholen. Um die Flüge kümmere ich mich.« Lucius hob dankend die Hand und verließ mit gemischten Gefühlen das Büro. Der Kurator war zwar interessiert, doch schien ihn die ganze Zeit über etwas abzulenken. Oder bildete er sich das nur ein? Lucius vertraute auf sein Bauchgefühl. Irgendwas beschäftigte ihn und der Grund waren ganz sicher die Schriften. 30 3 Lucius hatte bereits die Minibar des Hotelzimmers geleert. Drei Dosen Cola, zwei Tüten Chips, es waren mickrige kleine Tüten, beschwichtigte er sich selbst, zwei Schokoriegel und einen Likör. Schweiß stand ihm auf der Stirn und er war, obwohl er lediglich im Zimmer auf und ab ging, außer Atem. Ungeduldig blickte er auf seine Rolex, die er erst vor Kurzem hatte ersteigern können. Sion hätte längst da sein müssen. Für einen Japaner absolut unüblich, sein Verspäten nicht anzumelden, selbst wenn es sich nur um wenige Minuten handelte. Ob er doch noch den Schwanz einzog? Er vielleicht Repressalien befürchtete, da er an einer unangemeldeten Forschungsreise teilnahm, die antiken Artefakten nachging? Endlich klopfte es an der Tür. »Das wird aber auch Zeit«, murmelte Lucius, schnappte sich seine Reisetasche und den Aktenkoffer und riss die Tür auf. Enttäuscht sah er in das Gesicht des Mannes, dem er vor dem Büro Sion Tanakas begegnet war. Lucius empfand es mehr als unangemessen, jemand anderes zu schicken, ohne Bescheid zu geben. Der Mann blickte ernst, während er sich zum Gruß verneigte. Seine Haut wirkte grau und verlebt. Schmale Schlitze schienen den listigen Blick verbergen zu wollen. »Ich soll Sie abholen. Das Taxi wartet bereits vor dem Hotel.« Lucius nickte emotionslos. Er hatte von Tanaka mehr Enthusiasmus erwartet, mehr Leidenschaft, mehr 31 Energie. Es ging hier schließlich nicht um eine öde Dienstreise, sondern um eine mögliche Entdeckung, die eine vollständig neue Beurteilung der Weltgeschichte erfordern würde, sollten sich die Aufzeichnungen als wahr erweisen. Und dann schickte er ausgerechnet diesen Langweiler zu ihm! Lucius atmete tief durch, um seinen Frust zu verdrängen, und folgte der schlaksigen Figur in den Aufzug. Lucius wusste nicht, wie der Kerl hieß, doch was spielte das schon für eine Rolle. Es interessierte ihn auch nicht. Sion hatte ihm ganz klar die Stimmung versaut, oder war er jetzt kleinlich? Sogar kindisch? Der passionierte Schatzsucher wusste es nicht so genau, doch ihm ging die Frage durch den Kopf, ob er nicht doch lieber allein dieser Entdeckung nachgegangen wäre. Er säße längst auf der Jacht in Taiwan mit Kurs auf Yonaguni. Der Fahrstuhl glitt ohne Unterbrechung ins Erdgeschoss, wo sich die Türen surrend öffneten. Er trottete hinter dem Mann her, dessen Augen unaufhörlich umherwanderten und alles abscannten. Lucius wusste bereits jetzt, dass er den Typ nicht ausstehen konnte. Vor dem Eingang wartete bereits ein Taxi. Der Archivar ging zielstrebig darauf zu, wollte bereits nach dem Türgriff greifen, als sich eine knöcherne Hand auf seine Schulter legte. Irritiert schaute er zur Seite. »Tanaka-san wartet in diesem Auto dort.« Der Mann blickte zu einer schwarzen Limousine, die hinter dem Taxi parkte. Lucius nickte und ging auf den Wagen zu. Durch die getönten Scheiben war nichts zu erkennen. Es überkam ihn ein komisches Gefühl, eine Art von Beklemmung. 32 Noch ehe er darüber nachdenken konnte, sprang die Wagentür auf. Ein untersetzter Mann, ein Chinese war sich Lucius sicher, stieg aus und richtete einen Revolver auf ihn. »Einsteigen!«, befahl er und fuchtelte mit dem Lauf vor Lucius’ Bauch herum. Dem war nichts entgegenzusetzen. Niemand war da, der dem Zwischenfall Aufmerksamkeit schenkte. Der Verkehr floss unbeeindruckt an ihnen vorbei und die Fußgänger passierten hektisch, ohne Notiz von ihrer Umwelt zu nehmen. Der Antiquitätenhändler seufzte, als er neben Sion Tanaka auf der Rückbank Platz nahm und fassungslos zu ihm hinübersah. Dessen Gesichtszüge wirkten wie aus Stein gemeißelt. Man nahm sofort die Wut in seinen Augen wahr, die nach vorn auf den schlaksigen Kerl gerichtet waren, der auf dem Beifahrersitz saß. »Was ist hier los?« Sion presste die Lippen aufeinander und starrte zu Boden. »Ehrlose Menschen sehen in Ihrer Entdeckung eine Möglichkeit, sich an Kulturgütern zu bereichern und ihrer Gier und Habsucht zu frönen.« Der Mann auf dem Beifahrersitz grinste schäbig, als er sich nach hinten wandte. »Sie haben mir nie vertraut, oder?« »Keine Sekunde«, erwiderte Sion verbittert. »Ich hatte zwar keine Beweise, doch Natsuki Makoto ist der Name eines würdelosen Mannes, dessen war ich mir sicher.« Natsuki grinste noch immer, drehte sich weiter in seinem Sitz herum und streckte die Hand aus. »Den Koffer.« 33 Lucius gab ihn nur ungern kampflos preis, doch im Moment war er schon froh, wenn er unversehrt von diesen Gestalten wegkam. »Wie genau sah Ihr weiteres Vorgehen aus?«, fragte Natsuki, als sich seine knöchernen Finger um den Koffergriff legten und er sich wieder nach vorn drehte. Lucius öffnete bereits die Lippen, doch Sion kam ihm glücklicherweise zuvor. Was hätte er auch sagen sollen? Er fühlte sich völlig überfordert von der Situation. »Wir planten, im Hafen von Taipeh ein Fischerboot zu chartern«, log der Kurator, ohne eine Miene zu verziehen. Lucius war das nur recht. So blieb seinem Freund Thomas erspart, mit in diese Sache hineingezogen zu werden. Er wartete bereits auf der Jacht, die Lucius in Su’ao bereitliegen hatte. »Das ist alles? Ich hätte mehr Planung von Ihnen erwartet«, entgegnete Natsuki misstrauisch. »Wenn Sie mir etwas verschweigen, dann werden Sie mich von einer Seite kennenlernen, die Sie sich nicht wünschen«, drohte er. »Wenn es diese Frachtkiste überhaupt gibt, liegt sie bereits seit Hunderten Jahren dort. Wieso sollten wir etwas überstürzen?«, brummte Sion unbeeindruckt. Lucius spürte, wie die Hitze im Wagen zunahm, oder war es die Angst, die ihm den Schweiß auf die Stirn trieb? Er spannte seinen Körper an, versuchte, seine Leibesfülle auf kleinstmöglichen Raum einzudämmen. Der Chinese neben ihm schien kein Problem darin zu sehen, breitbeinig seinen Wanst auszubreiten. Mit jedem Atemzug bewegte sich dessen fleischiger Oberarm an seinem. Eine unangenehme Wärme strahlte der an ihn 34 gepresste Oberschenkel aus. Das wollte er dem links von ihm sitzenden Sion auf keinen Fall zumuten. Dieser wirkte wie ein drahtiger Athlet. Auf seinen Armen zeichneten sich zähe Muskeln ab. Eine verblichene Tätowierung lugte zur Hälfte aus dem Hemdsärmel heraus. Das war ungewöhnlich für Sions Alter. Diese Art von Körperbemalung wurde in Japan der Yakuza, dem organisierten Verbrechen, zugeordnet. War er doch nicht so unscheinbar, wie er vorgab? Graue Strähnen hingen ihm vor den konzentriert blickenden Augen. Die Haut war bis auf Mimikfalten eben und von vitaler Ausstrahlung. Lucius bekam einen kurzen Anflug von Gewissensbissen, seinen Körper so gemästet zu haben, doch was brachten ihm jetzt einige Kilo weniger, wenn dies heute sein letzter Tag sein würde? War er nicht immer glücklich gewesen? Er schaffte es, sich so anzuspannen, dass er den Kurator nicht berührte. Lucius beobachtete, wie Natsuki immer wieder auf sein Smartphone glotzte und auch der Fahrer, ein groß gewachsener und gut aussehender Japaner, angespannt zur Seite auf das Display sah. Lucius ging die beklemmende Frage durch den Kopf, was die Leute mit ihm und Sion vorhatten, sobald sie sicher sein konnten, die antiken Papiere in den Händen zu halten. Sein Geist arbeitete fieberhaft daran, mit welcher Information er sich einen Vorteil herausarbeiten könnte, um für seine Kidnapper weiterhin von Wert zu sein, aber er konnte einfach keinen brauchbaren Gedanken entwickeln. Der Wagen verlangsamte plötzlich, bog in eine Seitenstraße und danach in weitere kleinere Straßen, bis sie in eine Gegend gelangten, wo keine Hochhäuser in den Himmel ragten. Menschen saßen auf Holzschemeln vor 35 ihren windschiefen Häusern und ließen sich von der Mittagssonne wärmen. Sie fuhren in den Hof eines heruntergekommenen Hauses. Die Wände waren mit Bambusmatten geflickt und die Holzbalken wirkten morsch. Lucius beobachtete, wie zwei junge Kerle herbeieilten und das marode Holztor zuschoben. Mächtige Kiefern beschatteten das Grundstück. Weit ausladend breiteten die Bäume ihre Arme über einen von der Sonne ausgetrockneten Boden aus. Der Chinese mit dem dicken Wanst fuchtelte mit der Waffe, als er die Wagentür öffnete und ächzend ausstieg. Lucius folgte ihm und blickte sich um. Ein Mann in abgewetzter Kleidung, der gerade den Hofplatz überquerte, senkte den Blick und schien sich zu beeilen, das Weite zu suchen. Mit hektischen Schritten verschwand er in einem Schuppen. Lucius schlug ein Gemisch von muffiger Luft und dem Geruch nach altem Reis entgegen, als er das Haus betrat. Abgetretene Dielen bedeckten den Boden, in der Küche stand ein einfacher Holztisch mit sechs zusammengewürfelten Stühlen, auf die sie sich setzten. Lucius’ Blick haftete noch an einem verbeulten und verrußten Wok, als Natsuki den Aktenkoffer auf den Tisch platzierte. Mit einem siegessicheren Lächeln ließ er die Verschlüsse aufschnappen und blickte hinein. Seine Finger blätterten die handgenähten, mit zarten Illustrationen versehenen Seiten eine nach der anderen um. Lucius erkannte am stupiden Ausdruck seines Gegenübers, dass dieser nicht viel von den alten Schriftzeichen verstand, die der Schreiber in der in seiner Zeit noch üblichen Ausdrucksweise niedergeschrieben hatte. Viele dieser Schriftzeichen 36 wurden bereits seit Hunderten von Jahren nicht mehr benutzt. Ein Glück für ihn und Sion, so würden sie in den Augen ihrer Entführer noch eine Weile von Bedeutung sein. Natsuki drückte seinen fettigen Finger auf eine der Textpassagen und kniff die Augen nachdenklich zusammen, bis er missmutig zu Sion und Lucius aufblickte. »Was genau steht hier?« »Der Text ist nicht nur in einer sehr alten Schriftart verfasst worden, sondern auch in einer in unserer Zeit unüblichen Ausdrucksweise«, begann der Kurator autoritär und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was wird aus uns, wenn wir den Text übersetzt haben?« Natsuki grinste nickend. »Ich weiß aus Ihren Telefonaten, die ich abgehört habe, dass es in den Schriften um den Lageplatz einer verschollenen Seefracht aus dem sechszehnten Jahrhundert geht und diese Kiste wiederum Hinweise enthalten soll, die den Ort einer versunkenen Welt beschreiben. Sie beide werden bis zum Schluss die Möglichkeit haben, sich Ihre Freiheit zu verdienen, indem Sie helfen, die hier enthaltenen Schriften zu übersetzen und besagte Fracht aufzufinden. Wenn wir der Meinung sind, dass Sie kooperativ zum Gelingen der Mission beigetragen haben und sich das Unternehmen für uns finanziell gelohnt hat, dann können Sie gehen, wohin immer Sie wollen.« Sions ernste Miene verzog sich zu einer verächtlichen. »Was, wenn es keine Kiste gibt? Das alles nur ein erdachtes Märchen ist?« Natsukis Augen blickten zornig. »Das wäre ein großes Pech für Sie beide. Denn dann wäre ich weiterhin auf die 37 Einnahmen angewiesen, die ich mit den als gestohlen oder verschwunden gemeldeten Artefakten aus den Museumsausstellungen erwirtschafte.« Lucius registrierte, dass sich Sion im Stuhl gerade aufrichtete, sich jeder Muskel und jede Sehne anspannte und er kurz davorstand, die Beherrschung zu verlieren. Er beeilte sich, die Situation zu entschärfen. »Ich bin sicher«, begann er hastig, »dass wir etwas finden werden. Jedoch sind noch einige Vorbereitungen nötig. In meinem Koffer befindet sich ein Notizheft, darin habe ich alles notiert und lese es Ihnen gerne vor.« Auffordernd streckte Lucius Natsuki die geöffnete Hand entgegen und blickte in den Koffer. Der dicke Chinese warf einen Blick hinein und fischte einen kleinen Block heraus. Kurz blätterte er durch die Seiten, doch Lucius pflegte seine Notizen auf Deutsch aufzuschreiben, weshalb er ihm den Notizblock mit einem Nicken überreichte. Lucius wusste, er musste jetzt überzeugend wirken und durfte sich nicht verplappern. »Eigentlich wollte ich bereits in Deutschland alles regeln, doch schließlich haben Tanaka-san und ich es für besser empfunden, vor Ort die Organisation zu starten, um die Kosten so gering wie möglich zu halten. Was wir brauchen, ist ein Boot, auf dem man einige Tage unterwegs sein kann. Etwas mit Kombüse und Schlafmöglichkeit. Zudem halte ich ein ordentliches Sonar und Echolot für wichtig, Taucherausrüstungen, zumindest mal für meine Größe und einige kleinere Utensilien, die ich Ihnen aufschreiben kann.« Natsuki nickte und schob Lucius einen Stift zu. »Ich muss telefonieren. Baihu, du bringst die zwei nach 38 hinten.« Drohend warf Natsuki noch einen Blick zu Sion und ging nach draußen. Der dicke Chinese stand auf und zog seinen Revolver aus dem Jackett. Er fuchtelte damit herum und deutete in Richtung des hinteren Teils des Hauses. Er verengte drohend die Augen, die im Fett zu dünnen Strichen mutierten. Lucius folgte seufzend und legte Sion besänftigend die Hand auf die Schulter, denn dieser schien Anstalten zu machen, protestieren zu wollen. Baihu sperrte die beiden Experten der chinesischen Antike getrennt in zwei nebeneinanderliegende Räume ein. Lucius seufzte. Er stand in einem schäbigen Raum, dessen Wände von einem alten Feuerofen geschwärzt waren. Das Abzugsrohr hing schepp im gusseisernen Korpus und verlief quer durch das Zimmer, um in einer der Wände zu verschwinden. Hastig kramte er in seiner Brieftasche nach seinem Handy. Es war so klein, dass er es immer darin transportierte, und wurde deshalb bei der Durchsuchung seiner Taschen nicht entdeckt. Lucius überlegte nicht lange. Der Polizei würde er lange Erklärungen machen müssen, aber Alex, sie wusste um die Details und konnte dann Hilfe anfordern. Mit zittrigem Finger wählte er die Nummer vom Antiquitätenladen. Es klingelte. Der Anrufbeantworter startete. Klar, die Zeitverschiebung. Alex war noch nicht da. Das Handy gab einen akustischen Warnton. Das hatte ihm noch gefehlt, der Akku war leer. Er spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Hör doch endlich. Endlich! Die Aufzeichnung startete. Kaum hatte er auf zu plappern du Trottel, beschimpfte er seine Stimme, die seine momentane Nichterreichbarkeit langatmig erklärte 39 das Wort »Hilfe« ausgesprochen, schaltete sich das Handy aus. »So ein Mist«, fluchte Lucius und steckte das Mobiltelefon wieder ein. Der Akku hatte unnötigerweise seinen Geist um wenige Sekunden zu früh aufgegeben. * Es war acht Uhr, als der Wecker Alex aus einem traumlosen Schlaf riss. Sie drückte den Knopf, der den Wecker für weitere fünf Minuten ruhigstellte, und mummelte sich in ihr Bettzeug. Sie blickte durch das Fenster in einen noch düsteren und wolkenverhangenen Himmel. Verkehrsgeräusche drangen von der Straße in den zweiten Stock. Lucius würde sicher jeden Moment anrufen. Alex rechnete nach. Sein Flug war gestern Nachmittag um sechzehn Uhr gestartet. Die Flugzeit war mit elf Stunden angegeben, die Zeitverschiebung beträgt acht Stunden, da musste er bereits um elf Uhr früh Ortszeit gelandet sein und nun bei einem Nachmittagstee sitzen. Auf dieses Abenteuer hätte sie sich zu gern eingelassen. Wehmütig setzte sie sich auf und schaltete das zweite Klingeln des Weckers aus. Sie schlenderte durch ihre Zwei-Zimmer-Wohnung ins Bad. Alles war so, wie es ihr gefiel. Im Regal standen kitschige Porzellanfiguren, die Couch war mit einem romantischen Rosenmuster überzogen und die Wände der Küche hatte sie in einem pastellfarbenen Flieder gestrichen. Nach fünfjährigem Zusammenleben mit Eliot hatte sie sich von ihm getrennt und war in die Stadt gezogen. Oder besser gesagt, in die Stadt geflüchtet, geflüchtet vor den sogenannten gut gemeinten Ratschlägen von Familie und Freunden, so eine gute Partie doch nicht aufzugeben. 40 Alex konnte es einfach nicht mehr ertragen. Wenn sie heute darüber nachdachte, wusste sie nicht, was sie an ihm gefunden hatte. Er war ein Mamasöhnchen, protzte mit einem knallroten Ferrari, erzählte jedem von seinem Job bei der Bank, in der er bereits zum Filialleiter aufgestiegen war, und benahm sich in den eigenen vier Wänden wie ein Pascha. Seine Eltern ließen Alex immer wieder spüren, dass sie sich für ihr einziges Kind eine Frau aus besseren bzw. wohlhabenderen Kreisen gewünscht hätten. Nach der letzten Renovierung des gemeinsamen Apartments wurde sie wie so oft zuvor vor vollendete Tatsachen gestellt, besser gesagt vor weiße Hochglanzmöbel, die sie so schön fand wie ein Klo im Wohnzimmer. Sie packte daraufhin die Koffer und zog zu ihrer Mutter. Das stand natürlich von Anfang an unter keinem guten Stern, weshalb Alex die erstbeste Wohnung in Wiesbaden, die sie bezahlen konnte, anmietete. Bis heute hatte sie ihren Entschluss nicht bereut. Sie war frei wie ein Vogel und das sollte auch so bleiben. Mit Anfang 30 keine alltägliche Einstellung, doch sie liebte ihr neues Leben, in dem sie allein entschied und keine Rücksicht nehmen oder Zugeständnisse machen musste. Unruhig wippte sie mit den Füßen, während sie auf dem Sofa saß und das Telefon anstarrte. Lucius war niemand, der mit einem Telefonat aus Rücksichtnahme warten würde, selbst wenn es mitten in der Nacht wäre. Vielleicht gab es Probleme mit dem Gepäck oder dem Hotel? Sie trottete in die Küche und setzte einen Kaffee auf. Sie blickte aus dem Fenster die Straße entlang. Der Nieselregen ließ das Kopfsteinpflaster glänzen, die Bäume 41 streckten ihre blattlosen Äste von sich und trotzten dem Wetter. Alex hockte bis kurz vor zehn Uhr auf der Couch. Musste sie sich Sorgen machen? Lucius war einer der unzuverlässigsten Menschen, die sie kannte, doch wenn es um den Laden ging, machte er selbst ihrem Ex Eliot Konkurrenz. Sie prüfte ihre Telefonverbindung und die Akkuanzeige ihres Handys, doch da war alles in Ordnung. Ob Lucius vielleicht im Laden anrufen wollte? Das musste es sein! Sie schnappte sich die Jacke und hastete zur Haltestelle. Schwer atmend pustete sie eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht, als sie die Tür aufschloss. Sie war genau zehn Minuten zu spät. Sie hoffte, dass er sich noch nicht gemeldet hatte und seine Schätze jetzt nicht in den falschen Händen wähnte. Mit großen Schritten hastete Alex zum Telefon, an dem der Anrufbeantworter blinkte. Sie seufzte, als sie Lucius’ Nummer in der Anruferliste erkannte. Alex drückte die Abspieltaste. Sie vernahm ein merkwürdiges Knistern und dann ein hektisches Flüstern, worauf der Anruf abbrach. Alex drückte erneut die Nachricht an und hielt ihr Ohr, so nah es ging, an den Lautsprecher. Es knisterte unangenehm durch ihren Gehörgang, bis sie Lucius’ Stimme erkannte. Es war nur ein Wort. »Hilfe!« Dann nichts mehr. Alex’ Herz begann zu rasen. Was war passiert? Hatte er sich doch mit diesem ominösen Verkäufer getroffen und Schwierigkeiten bekommen? Was sollte sie tun? Wie ihm helfen? Sie hielt bereits den Telefonhörer in der Hand, um die Polizei anzurufen, als plötzlich die Tür zum Laden weit aufsprang und das Türglöckchen klingelnd abriss. 42 Drei japanisch aussehende Männer stürmten auf sie zu, einer von ihnen riss ihr grob den Telefonhörer aus der Hand. »Was soll denn das?«, brüllte Alex, doch die Männer beachteten sie nicht. Wie versteinert beobachtete sie das Durchwühlen des Ladens. Sie bekam Angst, noch einmal zu protestieren, denn die Typen sahen gefährlich aus. Sie sprachen Japanisch miteinander. Einer riss die Schreibtischschublade vor ihr auf. Dumpf klingend polterten Thomas’ Klangkugeln auf die Tischplatte, als alles brutal darauf ausgeschüttet wurde. »Kuso!«, fluchte der Mann, als er sich die Hand am Brieföffner stach. Wutentbrannt fegte er den Kram auf den Boden, wo die Kugeln über die Dielen rumpelten. Immer noch schimpfend widmete er sich dem Regal hinter ihr. Penibel blickten sie sich im Laden um. Einer der Männer gab den anderen Instruktionen. Es war ihr, als griffe eine unsichtbare Hand an ihre Kehle, als sie seine japanisch gesprochenen Worte vernahm. Alex’ Herz begann zu rasen, wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie musste hier raus! Der Mann hatte eben ihre Ermordung befohlen. Ihr Körper war zum Zerreißen angespannt, panisch beobachtete sie jeden Schritt des Typen, der noch im vorderen Teil des Ladens hantierte. Plötzlich wirkte der Japaner abgelenkt. Er betrachtete die Sammlung japanischer Figuren und fischte eine davon behutsam heraus. Alex schnellte hoch. Ihr Stuhl polterte hinter ihr zu Boden. Sie stürmte zur Ladentür, sah die Augen des Japaners, wie sie sich weiteten, wie er herumwirbelte und seine Arme nach ihr ausstreckte. Eine 43 kalte Hand packte ihr ans Genick, doch sie riss sich los. Alex zerrte die Ladentür auf, voller Wucht schlug sie gegen die Wand, prallte hinter ihr wieder ab und schlug krachend ins Schloss. Sie hastete auf die andere Straßenseite, wo ein Bus abfahrbereit stand, und sprang hinein. Die Türen schlossen sich hinter ihr und der Bus fuhr an. Fluchend erreichte der Mann die Tür, doch es war zu spät. Alex nahm verstohlene Blicke der Fahrgäste wahr. Schweißgebadet ließ sie sich in den erstbesten Sitz sinken und konnte nicht glauben, was eben passiert war. * Alex zitterten die Knie, als sie die Polizeistation betrat und von einem Beamten in ein kleines Büro geführt wurde. »Drei Japaner? Sind Sie sicher?« Alex nickte. »Die Männer haben Japanisch gesprochen. Sie haben alle Dokumente an sich gerissen, die die von ihnen gesuchten Informationen enthalten könnten. Es muss mit den antiken Schriften in Zusammenhang stehen, derentwegen Lucius Böttcher zurzeit in Tokio ist. Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn, nach seinem Hilferuf, der auf dem Anrufbeantworter zu hören war.« Alex seufzte. »Ich konnte genau verstehen, dass die Japaner vorhatten, mich im Hinterzimmer umzubringen.« Ihre Stimme bebte und Tränen stiegen ihr in die Augen. Ihre Hoffnung schwand, dass die deutsche Polizei viel ausrichten können würde, außer diesen Sachverhalt an die japanischen Behörden weiterzugeben. »Können Sie irgendwo unterkommen?« Alex verzog den Mund zu einem schmalen Strich und seufzte. 44 »Nein. Ich werde mir ein Hotel nehmen. Nur wie lange soll das gehen?«, schluchzte sie. Der Polizist, der mitfühlend blickte, zuckte mit den Schultern. »Wenn die Männer Sie tatsächlich umbringen wollen, sollten Sie sich erst mal bedeckt halten, bis wir Näheres herausfinden. Wir tun, was in unserer Macht steht, um Ihnen zu helfen.« Für Alex hörte sich das nicht überzeugend an. »Sollen zwei Beamte Sie in Ihre Wohnung begleiten, damit Sie sich ein paar Sachen holen können?« »Ja, das wäre nett. So kann ich mir ein paar wichtige Dinge dort abholen. Mir fällt gerade ein, dass mein Chef alle wichtigen Unterlagen auf einer Cloud im Internet gespeichert hat. Wenn Sie mir gestatten, würde ich mir das gerne auf meinen USB-Stick ziehen. Vielleicht ist etwas Wichtiges dabei, um seinen Aufenthaltsort herauszubekommen.« Alex zog ihren Hausschlüssel aus ihrer Hosentasche, an dem ein als kleine Figur gestalteter USB-Speicher hing. Der Polizist nickte. »Ich kann Sie nicht an den Rechner lassen, aber ich mache das gerne für Sie.« Auffordernd hielt er ihr die geöffnete Hand entgegen. Nachdem sie den Stick, der jetzt die gescannten Schriften, Telefonnummern und den Namen des Kurators enthielt, wiedererhalten hatte, notierte sie dem Beamten ihre Handynummer. In Begleitung zweier Polizisten fuhr sie zu ihrer Wohnung. Weder auf der Straße noch im Mietshaus waren verdächtige Leute zu sehen, trotzdem zitterte ihre Hand, als sie die Tür zu ihrer Wohnung aufschloss. Hastig packte sie sich ein paar Wäschestücke, Toilettenartikel und 45 ihren Reisepass ein. Zu guter Letzt fiel ihr der Laden wieder ein, dass dieser noch immer unverschlossen war. Sie wühlte in ihrer Schublade nach dem Ersatzschlüssel und händigte diesen den Polizisten aus. »Sie sind sicher, dass Sie zurechtkommen?« Die zwei Männer sahen sie besorgt an. Alex nickte und lächelte gequält. Bedrückt verließ sie das Polizeiauto im Zentrum der Stadt. Ihre Blicke wanderten panisch die Straße auf und ab, doch von den Japanern war nichts zu sehen. In einem Café, in dem sie sich in die hinterste Ecke setzte, machte sie sich Gedanken, wie sie Lucius helfen könne. Heiß rann der Kakao ihre Kehle hinab und stärkte sie wieder. Das alles erschien so unwahr. Hastig blinzelte sie die Tränen weg, die ihre Augen füllten. Sie sah nur eine Möglichkeit, um Lucius zu helfen. Sie musste nach Japan reisen. Dort der Polizei Druck machen. Vielleicht wusste der Kurator des Museums, wohin Lucius gewollt hatte.


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