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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Tensistoria, Jessica Oldach
Jessica Oldach

Tensistoria


Zwei Leben

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Schweigend blickte ich aus dem Fenster zum Friedhof. Mein Herz fing wie wild an zu pochen, als würde jeden Augenblick etwas Schreckliches passieren. Urplötzlich sah ich es wieder, genau wie letztes Jahr. Gleich darauf erfolgte ein ohrenbetäubender Schrei, dann ein Lachen. Verstört blickte ich in die Partymenge. Keiner von ihnen zeigte irgend-eine Reaktion auf den Schrei. Es folgte erneut ein qualvolles Kreischen. Ohne zu zögern rannte ich, so schnell ich nur konnte, zum Friedhof. Die Leute schauten mir verständnislos hinterher. Ich hatte das Gefühl, in die Vergangenheit zu reisen. Es ereignete sich alles so wie beim letzten Mal. Vor dem schmiedeeisernen Tor des Friedhofes stoppte ich ab. Vor-sichtig öffnete ich es, während die Kirchturmuhr gerade Mitternacht läutete. Das Herz sackte mir in die Hose. Dann gibt es nun wohl doch einen Unterschied zum letzten Jahr, … die Uhrzeit. Ich bin gespannt, was mich noch erwarten wird, dachte ich zitternd. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie solche Angst gehabt wie an diesem Abend. Alles schien so friedlich und ruhig. Ich konnte nur meine Schritte auf dem hellen Schotter hören. Plötzlich erblickte ich vor mir zwei schwarze Schuhe. In diesem Moment wäre ich am Liebsten weg-gerannt, aber meine Furcht hielt mich davon ab. Meine Blicke wan-derten nach oben. Die Person trug einen langen, schwarzen Leder-mantel, der seinen gesamten Körper bedeckte. Leider schaffte ich es nicht das Antlitz der Person wahrzunehmen, denn ehe ich mich versah, wurde mir ein dermaßen fester Schlag ins Gesicht verpasst, dass ich auf den Schotter fiel. Ich wusste nicht, wie lange ich dort bewusstlos gelegen hatte, aber es musste schon eine ganze Weile gewesen sein, denn die Musik der Party war mittlerweile verstummt. Es waren Tropfschläge, die mich wieder zur Besinnung brachten. Ich fasste mir an meine Klamotten, um zu überprüfen, ob es vielleicht während meiner Bewusstlosigkeit geregnet hatte, doch ich war voll-kommen trocken. Neugierig näherte ich mich langsam und prüfend, um nicht noch einmal von jemandem niedergeschlagen zu werden, den Tropfschlägen. Schließlich kam ich vor dem Jesuskreuz zum Stehen. Wie aus dem Nichts entzündeten sich Kerzen, die sich sofort in ein loderndes Feuer verwandelten. Erst jetzt fielen mir die Füße am Kreuzende auf, die über der Jesus-Statue blutgetränkt durch die feste Verschnürung hingen. Ich betete zu Gott, nicht das zu erblicken, was ich jetzt ahnte. Ich hoffte in einem Albtraum gelandet zu sein, aber leider war das nicht so. In Gedanken versunken erschrak ich, als etwas Nasses, Kaltes auf meinen Kopf platschte. Zögernd betastete ich mein Haar. Ich fühlte eine schmierige, schleimige Substanz auf meinem Kopf. Angewidert ließ ich meinen Arm wieder nach unten gleiten. Im Licht des flackernden Kerzenscheines konnte ich die Farbe der Flüssigkeit erkennen. Rot. Jede Menge Blut, vermischt mit Speichel, klebte an meiner Hand. Zur Sicherheit trat ich einen Schritt zurück und schaute etwas unsicher nach oben. Ein lauter Schrei entfuhr mir. So etwas Schreckliches hatte ich nicht erwartet. Eine nackte Frau hing fest verschnürt am Kreuze Jesu. Die Schnur hatte sich regelrecht in das Fleisch hineingebohrt, dass ihr am gesamten Körper, aus jeder Pore, das Blut hinunter rann. Ihr Gesichtsausdruck wirkte, trotz ihrer, durch Draht festgehaltenen, hochgezogenen Mundwinkel, sehr gequält. Noch dazu besaß sie keinen Bauch mehr. Gerade nur noch die seitlichen Konturen eines Bauches. Ein massives Loch, in dem, bei genauerem Hinsehen, noch etwas befestigt war. Ein kleiner Embryo baumelte am Schnurfaden inmitten des hohlen Bauches hin und her. Ein Gefühl von Übelkeit stieg in mir auf und ich übergab mich auf dem Schotter. Die Feuerflammen umschlossen den Körper der Frau. Es sah aus, als würde die Frau einen Mantel aus Feuer tragen. Die Drähte an ihrem Mundwinkel rissen ab und der Kopf sackte nach vorne. Das Blut, das sich von den Drähten im Mund angesammelt hatte, suchte sich nun seinen Weg nach außen. Plötzlich geschah etwas Unglaubliches. Die Frau hob ihren Kopf und flüsterte mir zu: „Hilf mir.“ Schreie hallten in meinem Kopf wider. Es fühlte sich an, als würde er jeden Moment explodieren. Eines stand fest, ich musste hier unbedingt verschwinden, aber die Schreie in meinem Kopf gaben mir gar keine Möglichkeit mich fortzubewegen. Die Schmerzen waren einfach viel zu groß. Langsam begann ich Bilder in meinem Kopf zu sehen. Es waren die der Toten. Auf eine unmögliche Art und Weise setzten sich die Bil-der in meinem Kopf zusammen und ich konnte nun mit ansehen, wie eine Gestalt im schwarzen Ledermantel die Frau auf brutalste Weise misshandelte, vergewaltigte und schließlich an ihren erlittenen Wunden verbluten ließ. Tränen glitten meine Wangen hinab. Die Leiche der Frau war schon fast völlig verbrannt. Ich konnte nichts mehr sagen, geschweige denn mich bewegen, also schrie ich nur noch. Ich schrie aus Leibeskräften. Irgendwann versammelten sich die ersten Leute auf dem Friedhof. Kniend saß ich auf dem Schotter vor dem Kreuz. Ich nahm schon gar nicht mehr wahr, was hinter mir geschah. Ein Polizist war es, der mir wieder half, auf die Beine zu kommen. Ich musste mich sofort darauf nochmals übergeben. Er stellte mir Fragen, die ich nur halbwegs registrierte, und ebenso wenig in meiner jetzigen Lage beantworten konnte. Ich fühlte mich wie eine leere Hülle, aus der jegliches Leben herausgesaugt wurde. Dann sah ich Shay und mir wurde schwarz vor Augen.


 


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